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Full text of "Zeitschrift Für Sexualwissenschaft 7.1920 21"

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SAN FRANCISCO 


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^Zeit s ehr i ft 

für 

Sexualwissenschaft 


Begründet von 

Prof. Dr. A. Eulenburg und Dr. Iwan Bloch 

herausgegeben im Aufträge der 
Internationalen Gesellschaft für Sexualforschung. 

Redigiert von 

Dr. Max Marcuse, Berlin 


Band VII 

April 1920 bis März 1921 


. 0/0 



A. Marcus & E. Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn 

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Nachdruck verboten. 


Drack: Otto Wlfand'tclie Buchdruclcerol GUm.b.H., Loipciv 


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Inhaltsverzeichnis 


0 

* 




Anfe&tze. 

Seite 

Der Dimorphismus bei Mann und Frau. Von Prof. Dr. Augustin Krämer. 

(Mit 4 Abbildungen). 1 

Die Einrede der mehreren Beischläfer, die Exceptio plarium concumbentmm. Von 

Landgerichtsrat Dr. jur. et phil. Bovensiepen .10 

Die Menstruation, ihre Entstehung und Bedeutung. Von Adolf Gerson . 18, 63, 88 

Das Sexualproblem im Lichte eines Märchens. Von Dr. S. Galant .22 

Soziale Hygiene in den Vereinigten Staaten. Von PanlPopenoe . ' . . 24, 60 

Anonymität und Sexualität. Von Prof. J. Duck .49 

Das Eberecht im Lichte der Reichsgerichtsentscheidungen. Von Geh. Justizrat 

Dr. Horch . 73, 257 

Ein Falt sexueller Hörigkeit. Von Geh. Justizrat Dr. Horch .81 

Geschlechtsleben und Erziehung. Von Dr. Bruno Saaler .113, 150 

Sexualethik als Wissenschaft. Von Dr. H. E. Hey de.123 

Potenzstörungen und Rechtsprechung. Von Sanitätsrat Dr. Flatau .145 

Zur Entwicklung des menschlichen Genitalsystems. Von Otto Fenichel, cand. med. 163 
Moderne experimentelle Sexualforschung, besonders die letzten Arbeiten Steinachs 

(„Verjüngung 11 ). Von Dr. Knud Sand .177 

Zur Kenntnis der weiblichen Inversion. Von Dr. phil. et med. Erich Stern 197 

Nochmals psychosexueile Intuition. Von Dr. Max Rudolf Senf .209 

Über einen Fall von Durchbruch der Inzestschranke in der Pubertät. Von Wilhelm 

Reich, cand. med.220 

Die Frau in der islamischen Welt. Von Dr. H. Fehlin ge r.226 

Zur Psychologie des Exhibitionismus. Von Dr. Wilhelm St ekel .241 

Sprachdenkmale aus deutscher Vorzeit. Von AdolfGerson .273 

Die sexuellen Psychopathien. Von Dr. Julius K. Mayr .282 

Über einen Fall von Kleidungsstückfetischismus homosexueller Art. Von Privat¬ 
dozent Dr. M. Pappenheim .286 

Zur Phylogenese des Geschlechtes. Hypothesen von Obermedizinalrat Dr. GraßL 

(Mit 12 Abbildungen).305 

Vom Geschlechtsleben der Inder. Von Dr. H. Fehlinger .313 

Straflosigkeit der Abtreibung? Von Landgerichtsrat Dr. jur. et phil. Bovensiepen 337 
Der Knabenübersohuß bei den Juden. (Beitrag zur Frage der Geschlechtsbestimmung.) 

Von Dr. Jacob Levy .345 

Neue Wege der Familienforschung. Die Fließsche Periodizitätslehre. Von 

Dr. Bruno Saaler . 353, 369 

Die Sexualvergehen im neuen Strafgesetzentwurf. Von Staatsanwaltschaftsrat 

Dr. Fritz Dehnow.379 


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IV 


Inhaltsverzeichnis. 


Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


Aus dem kindlichen Sexualleben. Von Dr. Karl Weiß .32 

Onanie bei Hunden. Von Dr. S. Galant ..33 

Schwangerschaftsgelüste. Von Prof. Dr. Ratner .75 

Die reichsgerichtliche Rechtsprechung gegenüber Sexualdelikten. Von Geh. Justizrat 

Dr. Horch . 134 

Zur Frage der sexuellen Verwahrlosung im Kriege. Von Geh. Justizrat Dr. Horch 136 

Zur Geschichte der Kenntnis der Syphilis. Von Prof. J. Dück .137 

Über einige ungewöhnliche Fälle von Exhibitionismus. Von Geh. Medizinalrat 

Dr. A. Leppmann .171 

Der Familiengerichtshof. Von Dr. H. Fehlinger .202 

Geschlechtskrankheiten in Australien. -Von Dr. H. Fehlinger .202 

Ein Fall von Doppelbildung des männlichen Genitale. Von Dr. Albert Lahmann. 

(Mit 1 Abbildung).231 

„Doppelte Moral“? Von Dr. Eduard von Liszt .231 

Zur literarischen Kasuistik des „Versehens“. Von Dr. Hans Rubin . . . . 264 

Geschlechtsleben und Erziehung. Von HeinzBurkhardt .264 

Zur Frage der Homosexualität der Frau. Von Dr. Julie Bender .324 

Über den heutigen Stand der Rasse- und Krankheitsfrage der Juden. Von 

Dr. Max Marcuse ..326 

Psychosexuelle Intuition und Sexualbiologie. Von Dr. MaxRudolfSenf . . 361 

Sexualwissenschaftliche Rundschau. 35, 173, 203, 392 

Buchbesprechungen. 36, 76, 138, 173, 204, 235, 266, 295, 329, 365, 394 

Selbstanzeigen. 43, 104 

Referate.. 44, 105, 142, 175, 207, 235, 272, 295, 355, 400 

Varia. 47, 112 

Namenregister.401 

Sachregister.403 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 


VII. Band April 1920 


1. Heft 


Der Dimorphismus bei Mann und Frau 1 ). 

Von Prof. Dr. Augustin Krämer. 

(Mit 4 Abbildungen.) 

Zahlreiche Arbeiten haben sich in den letzten Jahren mit den 
Geschlechtsmerkmalen des Menschen beschäftigt, vor allen solche 
von Julius Tandler-Groß 2 ), Heinrich P o ll a ), L. Pick 4 ) usw. 
Die alte Einteilung in primäre und sekundäre (auch tertiäre Geschlechts¬ 
charaktere werden genannt), je nachdem sie mit der Zeugung oder 
nicht mit ihr Zusammenhängen, hat Poll folgendermaßen benannt: 

1. essentielle oder germinale, die auf der Verschieden¬ 
heit der Geschlechtszellen (der Gameten) beruhen, und 

2. somatische oder accidentelle. ' 

Letztere teilt Poll ein in: 

a) genital subsidiäre 

a) innere (Leitungswege und Drüsen) und 
ß) äußere (Kopulations- und Brutpflegeorgane) 

b) extragenitale 

a) innere (Kehlkopf, Becken, psychische Eigenschaften) und 
ß) äußere (Behaarung, Pigmentierung der Haut usw.). 

Pick nennt von extragenitalen nur die eben erwähnten Merk¬ 
male, ein Zeichen, daß für ihn die Frage des Knochenbaues nicht 
im Vordergrund steht. Die Abteilung 2b der extragenitalen 
Eigenschaften, der sekundären Geschlechtsmerkmale, 
sei hier in erster Linie berücksichtigt. 

Es ist eine bekannte Tatsache, daß im Tierreich, besonders bei 
den Vögeln, sehr große Unterschiede im Kleid der beiden Geschlechter 
Vorkommen, es sei nur an den Hahn, den Pfau, den Argusfasan, die 
Paradiesvögel usw. erinnert, die die sekundären Geschlechtsmerkmale 
(extragenitale äußere) besonders deutlich zur Schau tragen. 

Bei den Säugetieren sind diese Unterschiede schon seltener und 
nicht so stark hervortretend, wenn auch der Hirsch, die Antilopen 
und der Löwe noch recht deutlich gezeichnet sind. 


*) Nach einem Vortrag im Württ Anthropologischen Verein. 

*) Die biologischen Grundlagen der sekundären Geschlechtscharaktere. Berlin 1913. 
# ) Zur Lehre von den sekundären Geschlechtscharakteren. Sitzungsber. der naturf. 
Freunde .1909, Nr. 6. 

4 ) Über den wahren Hermaphroditisraus des Menschen und der Säugetiere. Berl. 
kün. Woch. 191G, Nr. 42 u. 43. 

Zeitschr. t Sexual Wissenschaft VII. 1. 1 


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2 


Augustin Krämer. 


Beim Manne nun kommen zwar die Hörner nur noch bildlich 
vor, aber die Mähne des Löwen hat ein Gegenstück — im Bart, 
der ja den bekleideten Mann äußerlich vom Weibe auf den erste» 
Blick scheidet. Es gibt ja allerdings auch bärtige Frauen, aber 
es ist nicht die Regel. Es ist nur eine Erinnerung daran, daß die 
Vorfahren des Menschen haarig — bärtig waren; man braucht nur 
einen Orang-Utan anzusehen, um zu erkennen, welcher Art diese 
Vorfahren waren. 

Es sei schon hier vorweggenommen, daß von den lebenden 
Primaten die Orang-Utan einen Lippenbart haben, die afrikanischen 
Arten aber — nach brieflicher Mitteilung von Prof. Matschie 1 ) 
als Ergänzung zu seiner Arbeit — nur Backenbärte, was schon an 
und für sich darauf hinweist, daß diese nicht unsere Vorväter ge¬ 
wesen sein können; im übrigen hat ja Klaatsch auf anderem 
Material gründend die Ansicht vertreten, daß die Menschen von 
einer an der Wurzel des Säugetierstammes stehenden Urform sich 
ableiten. 

Auch die Polymastie deutet auf ähnliche Wege hin, worüber 
noch zu sprechen ist. 

Das Haar spielt zweifellos eine große Rolle beim Menschen 
und wurde, wie bekannt, von Ha e ekel, Huxley usw. für so 
wichtig gehalten, daß es als Leitmittel für die Einteilung der 
Menschenrassen herangezogen wurde. Dies hat sich zwar längst 
als untunlich erwiesen, doch erkennen alle Anthropologen an, daß 
es bei einer Klassifikation nicht übersehen werden darf. Darf doch 
die dunkle Negerhaut und das krause verfilzte Wollhaar, die zweifellos 
einer starken Insolation in vegetationsarmen Gegenden ihr Dasein 
verdanken, helleren Rassen gegenüber erbgeschichtlich als domi¬ 
nant angesprochen werden. 

Was nun den Bart der Frauen betrifft, der zu den Alters¬ 
erscheinungen gehört (namentlich bei den Romanen tritt die stärkere 
Gesichtsbehaarung der Frau deutlich hervor), so teilt ihn Max 
Bartels folgendermaßen ein: 

1. ein etwas stärker entwickeltes Wollhaar (Lanugo) an Ober¬ 
lippe und über den Masseteren, 

2. einzelne hervorsprossende Haare am Kinn und Umgebung, 
besonders in höherem Alter, 

3. richtige Bärte. 

Die häufigere Verbreitung der ersten beiden Formen zeigt deut¬ 
lich, daß bei Mann und Weib eine gemeinsame Entwicklungsgrund¬ 
lage vorhanden ist. Beim Manne war der Bart ursprünglich sicher 
in erster Linie ein Schreckmittel im Kampfe ums Dasein und um 
den Besitz des Weibes, dann auch ein Schmuck, was heute noch 
sein Hauptzweck ist. 

Er ist ungleich auf die Menschenrassen verteilt, weshalb 
ein britischer Anthropologe C. Stanisland Wake eine Einteilung 
darauf gründen wollte. Sicher ist nur, daß die Arier und Semiten 


*) „Ergebnisse der Schinipansciiforsdiuiig 1 *. Zeitschi . dci Ethnologie 51. Jahrg. 
1919, S. 52. 


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Der Dimorphismus' bei Mann und Frau. 


(man denke an den Bart des Propheten) besonders reich behaart 
sind, während die Mongoloiden mehr straffe vereinzelte Haare auf¬ 
zuweisen haben. Die dunkelfarbigen Völker nehmen eine Mittel¬ 
stellung ein; eine scharfe Trennung gibt es aber nicht. 

Die Länge der Kopfhaare sind nicht nur dem Weibe 
zugehörig, denn auch die Männer bekommen lange Haare, wenn 
sie sie sich nur wachsen lassen. In Indien kann man sich davon 
allenthalben überzeugen, wenn schon die Länge ihres Haares meist 
nicht die der Weiber erreicht. 

Dagegen hat die Frau gegenüber dem Manne einen kleineren 
Kehlkopf und somit eine höhere Stimme, was sich ja be¬ 
sonders beim Singen zeigt. Es ist bekannt, daß der Mann nach 
der Kastration auch eine hohe Stimme bekommt; war es doch in 
dem 18. Jahrh. gang und gäbe, daß die italienischen Kastraten die 
Frauenpartien in der Oper sangen. Hier tritt also eine Verweib¬ 
lichung des männlichen Körpers ein, die sich auch in einem Rück¬ 
gang der Bartanlage ausspricht. 

Wie erklärt sich nun diese Verweiblichung? 

Die neuere Biologie und Entwicklungsgeschichte 
hat hierin viel Licht gebracht. 

Leopold v. Ubisch hat in der Zeitschrift „Die Naturwissen¬ 
schaften“, Heft 41, 1919 eine Arbeit „Über die Beziehungen der 
Keimdrüsen zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen^ veröffent¬ 
licht, aus der einiges wenige gebracht sei. 

Von den Versuchen und Beobachtungen sind besonders wichtig 
für den Menschen zunächst die an Krebsen Pal ämon undEupa- 
gurus. Es kommt hier eine parasitäre Kastration vor. „Die ge¬ 
nannten Krebse werden von andern parasitären Krebsen befallen, 
wobei die Keimdrüsen des Wirts völlig oder fast völlig zerstört 
werden.“ Die Scheren der Palämon-Männchen verkümmern darauf 
und nehmen weibliche Gestalt an. Sind die Hoden nur teilweise 
zerstört und regenerieren sich von den Resten aus, so können diese 
neuen Hoden sogar Eier hervorbringen. „Werden dagegen Weibchen 
infiziert, so werden diese nicht etwa männchenähnlich, sondern so¬ 
zusagen Überweibchen, was sich besonders in verfrühter Geschlechts¬ 
reife ausprägt. Die Erklärung dieser Erscheinung ist nach Biedl 
wahrscheinlich folgende: „Die Parasiten sind stets Weibchen. Während 
des Parasitismus wird die biochemische Differenz zwischen beiden 
Formen, die ja an sich nicht allzu groß ist, da es sich, wie gesagt, 
beim Wirt und Parasit um Krebse handelt, aufgehoben. Die Para¬ 
siten geben weibliche Substanzen an den Körper des Wirts ab, 
seinen Charakter dadurch beeinflussend.“ 

Die biochemische Einwirkung, durch die innere Sekretion hervor¬ 
gerufen, wird durch folgenden Versuch sichergestellt: Harms 1 ) 
transplantierte die Daumenschwiele, ein zyklisches sekundäres Merk¬ 
mal der männlichen Frösche, auf andere kastrierte Exemplare, 

*) Experimentelle Untersuchungen über die innere Sekretion der Keimdrüsen. 
Jena 1914. lra Kleinhirn der Frösche ist ein Hemmungszentrum für die Umklammerung 
der Frösche zur Brunstzeit vorhanden. Durch die innere Sekretion wird dieses auf¬ 
gehoben. Kastrierte Frösche klammern nicht. Injiziert man Gonadensubstanz, so klammert 
der Frosch wieder; ebenso bei Injektion von Hirnsubstanz brünstiger Frösche. 

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Augustin Krämer. 


4 


die von kastrierten Fröschen auf normale. Die Schwielen heilten 
zwar ein, verkümmerten aber dann. Dieser Vorgang konnte durch 
Blutinjektionen von dem normalen Tier, von dem die Schwiele 
stammt, aufgehalten werden. 

Bei den Regen würmern sind einige Segmente durch Drüsen¬ 
einlagerung zu demClitellum verdickt. Dieses schwillt zur Paarungs¬ 
zeit zur Erleichterung der Kopulation und zur Abscheidung von 
Sekreten an. Nimmt man nun die männlichen Gonaden aus dem 
Wurm, so schwillt das Klitellum nicht an; wohl aber, wenn man 
nur die Ovarien entfernt. (DerRegenwurm ist nämlich ein Zwitter.) 
Das Klitellum ist also ein männliches Kopulations¬ 
organ. 

Da wir gesehen haben, welch starken Einfluß die inneren 
Sekrete, die Hormone, auf die Geschlechtsmerkmale haben 1 ), wird 
es auch klar, wodurch die Hahnenfedrigkeit alter Hennen, der Bart¬ 
wuchs bei den Frauen usw. kommt: durch die Versiegung dieser 
Säfte im Alter, im Klimakterium. 

Andrerseits sind manchmal Geschlechtsmerkmale zu reinen 
Artmerkmalen geworden, wie z. B. bei gewissen Renntierarten 
Männchen und Weibchen gleich große Geweihe haben; von den 
Antilopen ist das Gnu zu nennen, und die Rinder sind unser 
tägliches Beispiel. Im Pliozän gab es noch weibliche. Rinder ohne 
Hörner. 

Die Hyänen werden von den Zulu ja für Hermaphroditen ge¬ 
halten, weil 3 und 9 sich so sehr ähnlich sind. 

Man muß also bei der Aufstellung von sekundären Merkmalen 
vorsichtig sein! 

Zu den zweifellos sekundären Geschlechtsmerkmalen gehören 
die Milchdrüsen, die beim Manne verkümmert und zu sekret¬ 
losen Papillen geworden sind. 

Stammesgeschichtlich wichtig ist das gelegentliche Vorkommen 
mehrerer rudimentärer Drüsen, vornehmlich an der Vorderseite des 
Rumpfes, an der Bauchseite. Hier befindet sich bei der Entwicklung 
des Fötus je eine Linie, die von der Achselhöhle beiderseits nach 
der Leistengegend zieht, und auf der eine Reihe von Epithelwuche¬ 
rungen erscheinen, von denen freilich in der Regel nur die 5. 
von oben zur eigentlichen Brust wird. Sitzt die Brust mehr nach 
oben und lateral, so ist die 4. oder 3. ausgebildet. Eine Buschmann¬ 
frau in Martins Lehrbuch S. 281 zeigt die Brust an der 1. oder 
2. Stelle. Sie hatte einen Säugling. Diese sogenannte Milch- 
leiste oder Milchlinie bei 9 und<$ weist ontogenetisch mit Sicher¬ 
heit auf eine hypermaste Urform (Cebus, Lemuren) zurück, die außer 
der Erörterung bleiben soll. 

Die Hypermastie (viele Drüsen) oder Hyperthelie (viele 
Warzen) tritt nun nicht allein bei der Frau, sondern auch beim Manne 


l ) Neben den Keimdrüsen gibt es bei den Wirbeltieren noch ein Interstitium, das 
aus platten Bindegewebszellen und aus rundlichen protoplasmareichen Zellen besteht, 
die mit Sekretgrannlis und Fettröpfchen beladen sind. Bei der Kröte kommt noch eine 
Nubendriise, das Biddersche Organ, vor. Beide wirken noch auf die sekundären Merk¬ 
male, wenn die primären zerstört sind, z. B. durch Röntgenstrahlen. So können die 
sekundären sich erhalten, wenn auch die Keimdrüsen nicht mehr bestehen. 


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Der Dimorphismus bei Mann und Frau. 


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auf, und zwar meist einseitig, links, gelegentlich auch in der Mittel¬ 
linie des Rumpfes. Die Gebilde sind nur warzenförmig, schwellen 
aber bei der Geburt (9) an und sondern Milch ab. F. L. v. Neu¬ 
gebauer berichtete von 10, der größten Zahl bei einem Individuum 
(Hermaphroditismus beim Menschen, 1905). Über sonstiges Vor¬ 
kommen siehe die Angaben bei Martin S. 287. 

Es sind aber beim Manne nicht allein Anlagen vorhanden, 
sondern gelegentlich scheiden richtige Drüsen auch Milch ab. 
Hansemann (1889) berichtet einen solchen Fall. 

Bekannt war seinerzeit der Heilbronner Milchmann, der täglich 
2 Unzen Milch von sich gab. 

Endlich sei noch auf die Erzählung von Humboldt und 
Bonpland verwiesen, die in Südamerika einen Indianer sein Kind 
säugend fanden, nachdem seine Frau, die Mutter des Kindes, ge¬ 
storben war 1 ). Merkwürdigerweise ist gerade bei den südamerika¬ 
nischen Indianern das Männerkindbett, die Couvade, Sitte, bei 
der der Mann verpflichtet ist, mit der Frau zusammen das Wochen¬ 
bett abzuhalten, sich niederzulegen, zu fasten usw. Karl von den 
Steinen erklärt es so, daß der Vater viel mehr der Schöpfer des 
Kindes sei, das der „kleine Vater“ genannt wird; das Neugeborene sei 
krank und der Vater müsse nun alle Kuren über sich ergehen lassen. 

Mir scheint aber zunächst, als ob hier kulturell ein ähnlich 
atavistischer Rückschlag oder ein Überbleibsel vorliege, wie bei den 
erwähnten sekundären Geschlechtsmerkmalen, eine Betätigung, die 
in hermaphroditischen Zwangsbildern begründet ist. Warum soll 
nur der Körper und nicht auch die Seele denselben Gesetzen unter¬ 
worfen sein können? Ist es doch Steinach gelungen, männliche 
Meerschweinchen durch Einpflanzung von Ovarien zu femininisieren, 
so daß sich Mammas bildeten, die säugen konnten-’). 

Dann ist zu bedenken, daß die Brutpflege der Männchen im 
Tierreich viel größer und verbreiteter ist, als man gemeinhin weiß 
und ahnt 8 ). Das Weibchen hat allenthalben nach der Niederkunft 
ein Schonungsbedürfnis, namentlich bei rasch aufeinanderfolgenden 
Schwangerschaften. Man lese z. B. die reizenden Schilderungen 
aus dem Leben der Singvögel von Job. Ulr. Ramseyer „Vom 
Leben, Lieben und Leiden unserer Tierwelt“, um dies ganz zu ver¬ 
stehen. Beim Menschen muß der Mann wirtschaftlich der Frau zu¬ 
kommende Lebensnotwendigkeiten mit übernehmen, und so lag es 
nahe, daß er auch soziologisch sich in ihren Zustand hineinfühlte, 
namentlich bei Vereinsamung eines Paares. Daß die zahlreichen 
Schimpansearten in den Urwäldern Afrikas sich streng voneinander 
abtrennen und, jede Art für sich bleibt, hat Mat sc hie jüngst dar¬ 
getan, und so muß man das gleiche auch von den hominoiden 
Gruppen annehmen. Die niederen Völker geben hierfür noch viele 
Beispiele. • 


*) S. R. Goldschmidt, Die biologischen Grundlagen der konträren Sexualität usw. 
Bd. 12. Arch. f. Rassen- u. Gesellschaftsbiologie 1918, S. 12. 

*) Zeitschrift für Ethnologie 1919, S. 62. 

*) 8. die zahlreichen Fälle in Brutpflege und Elternfürsorge von Dr. V. Rosen. 
Leipzig 1912. Thomas-Verlag. 


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Augustin Krämer. 


^i° n we ^ ere P Merkmalen beider Geschlechter an den äußeren 
Bedeckungen sei hier abgesehen 1 ). Sie stehen meist mit dem 
Knochengerüst in enger Beziehung, von dem noch die Rede 
sein soll. 

Hier machen sich die erwähnten Kampfnotwendigkeiten des 
Mannes besonders geltend. So sind seine Knochen größer, stärker 
und schwerer. Dies drückt sich im Körpergewicht aus, das bei den 
r rauen, bei gleicher Körpergröße und gleichem Ernährungszustand, 
geringer ist. 

Die ausgeprägtesten Unterschiede zeigen B e c ke n und Schädel. 
Uber das Becken kann ich mich kurz fassen, da es durch die 
praktische Geburtshilfe sehr genau bekannt ist. Neben vielen 

kleineren Verschiedenhei¬ 
ten sei nur an die größere 
weibliche Darmbeinschau¬ 
fel, an das geräumigere 
kleine Becken und an den 
angulus pubis erinnert. 
Immerhin ist der Becken¬ 
ausgang des Mannes für 
seine • Ausführungsgänge 
viel zu groß, und es zeigt 
sich hier wiederum, wie bei 
den Brustwarzen, ein deut¬ 
licher Feminismus. 

Mehr als Merkwürdig¬ 
keit sei erwähnt, daß bei 
den Hottentottenfrauen das 
Becken außergewöhnlich 
geneigt wird, wodurch der 
eigenartig gehobene Steiß, 
die Steatopygie, entsteht, 
während der Buschmann 
Abb. l. q Schwäbin. eine sehr geringe Becken¬ 

neigung hat 2 ). 

Endlich der Schädel. Schon A. Ecker und We Icker haben 
1866 über die „Geschlechtseigentümlichkeiten des Schädels“ ge¬ 
schrieben und Weisbach veröffentlichte 1868 9 ) eine Arbeit „Der 
deutsche Weiberschädel“. 1892 hat Rebentisch und 1897 
P. Bartels diesen Vorwurf für eine Dissertation gewählt. 

Es würde zu weit führen, die feineren Merkmale an den Schneide¬ 
zähnen, Unterkiefer, an den Schläfenbeinen, im Gesicht usw. hier 
zu erörtern, auch ist es nicht möglich, auf das Verhältnis des Median- 
sagittalbogens zur Basislänge näher einzugehen. 

Martin meint ja in seinem Lehrbuch der Anthropologie S. 636, 
daß darin ein Unterschied bei fast ausnahmslos allen Rassen ge- 

l ) Die Muskel- und Fettbildung erörtert H. Fehlinger („Zwiegestalt der Geschlechter 
beim Menschen“, Leipzig 1919) anschaulich, läßt aber die Knocheumerkmale, namentlich 
am Schädel, unberücksichtigt. 

*) S. A. Krämer, Arch. f. Anthrop. XIII, 1915, S. 368. 

*) S. Archiv, Bd. 1, 2 u. 3, auch Schaafhausen, 1880. 



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Der Dimorphismus bei Mann und Frau 


7 


geben sei; denn nicht allein sei die ganze Schädelbasis des Weibes 
überhaupt kleiner als die des Mannes, sondern der Mediansagittal- 
bogen sei im Verhältnis zur Schädelbasis beim Weibe immer größer 
als beim Manne. 

Dies letztere hängt mit der stärkeren Ausbildung der Stirn¬ 
schuppe (in fötaler Persistenz) beim Weibe im Gegensatz zum Manne 
zusammen. Die Franzosen Manouvrier und Pittard haben des¬ 
halb den weiblichen Schädel einen mehr frontalen, den männ¬ 
lichen einen mehr parietalen genannt, da dieser mehr nach der 
Seite ausladet. Die Aufbeulung der weiblichen Stirnschuppe, die 
nach Messungen verhältnismäßig mehr Rauminhalt aufweist als die 
männliche, ist für das Auge in ausgeprägten Fällen leicht von der 
Seite erkennbar, wie Abb. 1 
zeigt. 

Im Gegensatz hierzu 
zeigt Abb. 2 eines männ¬ 
lichen Schädels die be¬ 
kannte fliehende Stirn 
und darunter, durch eine 
Senkung getrennt, die 
hervorsteh enden Orbital¬ 
wülste, den Augenbrauen¬ 
bogen. 

Das Calvarium ist 
eben eine Ektoplastbil- 
. düng, ein Belegknochen, 

Es wurde oben beim 
Knochenbau schon er¬ 
wähnt, daß die männ¬ 
lichen Knochen schwerer 
sind als die weiblichen; 
und daß es mit der Kapa¬ 
zität ebenso stehe, gilt 
als Regel. Dies trifft nun 
bei den beiden abgebil¬ 
deten Schädeln nicht zu. Beide befinden sich in der Tübinger 
anatomischen Sammlung und ihre Maße sind in der Sammelschrift 
von Joh. Ranke „Die anthropologischen Sammlungen 
Deutschlands“, Abt. XVI, Tübingen, veröffentlicht. Der weib¬ 
liche (Abb. 1) Nr. 94 gehört einer 59 jährigen Tagelöhnerin von 
Besigheim an, der männliche (Abb. 2) Nr. 95 einem 43jährigen 
Drehorgelspieler von Herrenberg. Der erste 9 hat 1510 ccm 
Inhalt und wiegt 697 g (186 mm lang, 145 breit, 122 hoch), der 
letzte ^ hat 1267 ccm Inhalt und wiegt 685 g (177 mm lang, 
145 breit, 110 hoch). Der weibliche, der von oben gesehen eine 
geringe Sanduhrform zeigt, ist also bei gleicher Breite 11 mm 
länger und 12 mm höher und hat 249 ccm mehr Inhalt. Trotzdem 
wiegt er aber nur 12 g mehr. (Die Gewichte sind von mir ermittelt, 
aber als nur annähernd zu betrachten wegen Feder, Trepanloch usw.) 
Ein anderer weiblicher Schädel (Nr. 99) von 1252 ccm In¬ 
halt, dem Nr. 95 also annähernd gleich, wiegt aber nur 565 g, also 



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8 


Augustin Krämer, 


120 g weniger. Man muß also keine Riesin mit einem Zwerg hin¬ 
sichtlich der absoluten Maße vergleichen, denn sie war sicher groß, 
er klein. Der Dimorphismus ist aber deutlichst vor¬ 
handen. 

Dieser Dimorphismus ist nun durchaus nicht immer gleich 
deutlich zu sehen; oft ist er bei beiden Geschlechtern verwaschen: 
es gibt feminine Männerschädel und maskuline Weiberschädel. Die 
ersteren haben eine gewölbtere Stirn und die Brauenbögen treten 
wenig stark oder gar nicht hervor. Dies fällt vor allem z. B. bei 
den männlichen Chinesenschädeln auf, die ja eine durchschnittlich 
höhere Kapazität als die Europäer haben und als älteste Kultur¬ 
rasse angesprochen werden müssen. 

Die starke Brauen-Entwicklung deutet zweifellos noch 
auf die Anthropoiden hin — ob atavistisch oder konvergent sei 

hier unerörtert. Die Stutt¬ 
garter Naturaliensammlung 
hat einen Gorillaschädel, des¬ 
sen Orbitalbögen durch 
Gewalteinwirkungen zer¬ 
fetzt und zersägt sind. 
Wie sie die Augen gegen einen 
Schlag von oben schützen, 
so bewahren sie die Stirn¬ 
schale bei rückgelehntem Kopf 
vor Zertrümmerung bei Hie¬ 
ben, Steinwürfen oder Bissen. 
Dabei ist eine fliehende Stirn 
die Voraussetzung, während 
eine gerade aufsteigend ortho- 
metope, namentlich bei schwa¬ 
chen Arcus superciliares der 
Zerstörung preisgegeben wäre. Es ist kein Zweifel, wenn zwei 
Schädel aufeinander prallten, welche schlechter abschnitten, zwei 
weibliche oder zwei männliche!? Letztere sind also die Reste 
des einstigen Kampftieres und werden mit der verfeinerten Kultur, 
der Verweichlichung und Verweiblichung mählich verschwinden. 
Der Mann wird sich morphologisch der Frau nähern, 
nicht umgekehrt! 

Bekannt ist nun, daß männliche Gorillaschädel zur Insertion 
der den Unterkiefer versorgenden Kaumuskeln eine hohe Krista be¬ 
sitzen, während sie beim 9 fehlt, denn das Gebiß ist eine der 
schrecklichsten Waffen des Gorilla; auch der Scheitel beim Menschen 
bleibt in ausgesprochen virilen Fällen bogenförmig, oft sogar in 
der Mitte etwas erhöht kahnförmig, während der weibliche Schädel 
hier häufig eine Senkung zeigt. Diesen Unterschied zeigen sehr 
deutlich zwei Schädel von den Admiralitätsinseln, die auch die 
ausgeprägte Stirnlinie aufweisen (Abb. 3 u. 4). 

Es ist oft geringschätzig gesagt worden, daß die Frau ein 
durchschnittlich um 150 g kleineres Hirngewicht habe und deshalb 
geistig minderwertig sei. Nimmt man das männliche Hirngewicht 
zu durchschnittlich 1450 g, das weibliche zu 1300 g, so stehen die 



Abb. 3. Q Moanns. 


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Der Dimorphismus bei Mann und Frau. 


Zahlen wie 29 : 26. Die Gesamtkörpergewichte sind <5 130 Pfd. und 
9 104 Pfd., stehen also wie 26: 21. Hat also die Frau 9 /io des 
männlichen Hirngewichtes, so hat sie nur 8 /io des Körpergewichtes. 
Folglich hat sie also etwa VlO Hirn mehr als der Mann, und es 
ist sicher, daß sie diese Mehrheit für ihre besondere Stellung in 
der Natur ausnutzt. Ihr Hirn ist mehr fötal und ihre Entwicklung 
überholt in den Wachstumsjahren körperlich und geistig zeitweise 
die des Mannes. Daß durch die steilere voluminösere Stirne 
mehr Hirnraum gewonnen wird, ist durch Messungen nach¬ 
gewiesen worden. Es ist ja freilich richtig, daß hervorragenden 
Männern mit 1600 g Hirngewicht solche mit 1200 gegenüberstehen 
und daß die graue Substanz und der Reichtum an Rindenzellen 
bei der Bedeutung stark mitsprechen, aber wo die Natur die Hirn¬ 
schale und das Hinterhaupt für einen besonderen Zweck modelt, 
da ist die stete größere Menge 
des Inhalts nicht gleichgültig. 

In der Tat dehnt sich das 
Gehirn der Frau mehr nach 
hinten und vorn aus; ihre 
geistigen Funktionen quellen 
über im Streben nach Erhal¬ 
tung und Versorgung der Fa¬ 
milie, in der Liebe, die kein 
Opfer scheut, in Gemüt, Sehn¬ 
sucht, Religiosität, denen sich 
Eigensinn und Rachsucht bei¬ 
mischen; der männliche Schä¬ 
del ladet nach oben und nach 
den Seiten aus, wo die mo¬ 
torischen Funktionen, die im Abb 4 ^ Moamis 

Kampf so benötigt werden, 

verwurzelt sind, ferner der Sprachsinn und die Denkarbeit, die für 
die Erhaltung der Art und zur Gestaltung und Förderung des 
äußeren Lebens unumgänglich nötig erscheinen. Es liegt also nahe 
anzunehmen, daß mit der Ausschaltung der Zweckgründe eine 
morphologische Annäherung des Mannes an das Weib stattfindet. 

Der Dimorphismus zeigt die Verschiedenheit, aber auch die 
Einheitlichkeit der menschlichen Geschlechter. Trotz wider¬ 
sprechender Stimmen scheint es mir nach all den neu gewonnenen 
Einsichten mehr und mehr wahrscheinlich, daß am Anfang das 
Muttertier war, der Zwitter, und daß unter Festhalten an diesem 
Entwicklungsprinzip es erst allmählich zur Abspaltung der männ¬ 
lichen Gameten und Gonaden kam. Danach wäre das Weib wirklich 
die Krone der Schöpfung und der Mann der zur Vermeidung 
dauernder Erbfehleranhäufungen selbständig gemachte Befruchtungs¬ 
teil, der zugleich die Rolle des Arbeits- und Schutztieres übernommen 
hat. Die Erhebungen Picks über das häufige Vorkommen des Herm¬ 
aphroditismus verus (Zwitterdrüse bei den Schweinen und bei 
Menschen) und andere Forschungen scheinen diese Stellung des 
Mannes zu begründen. 



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Bovensiepen. 


Die Einrede der mehreren Beischläfer, 
die Exceptio plurium concumbentium. 

Von Landgerichtsrat Dr. jur. et phil. Bovensiepen. 

Seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden ist es eine der leb¬ 
haftest bestrittenen Fragen bei der Regelung des Rechts der unehe¬ 
lichen Kinder, ihrer Unterhaltsansprüche gegenüber dem unehe¬ 
lichen Erzeuger, oh dann, wenn in der Empfängniszeit mehrere 
Männer der Mutter geschlechtlich beigewohnt haben, jedweder 
Unterhaltsanspruch des Kindes entfällt, oder ob die mehreren Bei¬ 
schläfer entweder ratierlich oder gar solidarisch, also als Gesamt¬ 
schuldner für den vollen Unterhalt haften und die Geschwängerte 
ein beliebiges Auswahls- und Zugriffsrecht gegen jeden der Schwan¬ 
gerer besitzt. Die Gesetzgebung der verschiedenen Länder und 
Völker schwankt ungemein, von dem starren Verbot der Vater¬ 
schaftsklage „la recherche de la patemite est interdite“ des code 
civile vom Jahre 1804, wie es bis zur Loi Beranger vom 26. No¬ 
vember 1912 in Frankreich ununterbrochen in Kraft stand, bis zum 
völligen Ausschluß der exceptio, wie es in Österreich bis zum heu¬ 
tigen Tage, auch noch nach der ersten Teilnovelle zum österreichi¬ 
schen Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch vom 12. Oktober 1914 
rechtens ist, finden sich die verschiedenartigsten Modifikationen ver¬ 
treten. In Übereinstimmung mit dem römischen Rechte und der 
ständigen Praxis der meisten Obergerichte in den früheren gemein¬ 
rechtlichen Gebieten Deutschlands mit Ausnahme allerdings der 
hinsichtlich ihrer Rechtsprechung allgemein auf einer besonders 
hohen Stufe der Trefflichkeit stehenden früheren Oberappellations¬ 
gerichte Celle und Kassel (die abweichenden Angaben Eduard 
v. Liszts S. 9 seiner sehr übersichtlichen und gut orientierenden 
Schrift „Die Pflichten des außerehelichen Konkumbenten“ 1907 be¬ 
ruhen auf einem Irrtum) —, dem preußischen sog. „Schwängerungs¬ 
gesetze“ vom 24. April 1854, den meisten früheren schweizerischen 
Partikulargesetzen und einer Anzahl deutscher Landesgesetze zur Zeit 
des alten deutschen Reighs läßt grundsätzlich auch unser heute gelten¬ 
des Bürgerliches Gesetzbuch die Einrede in seinem § 1717 zu. Trotz¬ 
dem sich bei den eingehenden Beratungen in der Reichstagskommis¬ 
sion und auch im Reichstag selber sehr gewichtige Stimmen gegen die 
Beibehaltung der alten gemeinrechtlichen Einrede erhoben hatten, 
insbesondere von seiten der äußersten Linken, der Sozialdemokratie 
und auch vom Zentrum — ein besonders temperamentvoller Zen¬ 
trumsabgeordneter bezeichnete unter dem lebhaften Beifall seiner 
Partei die Einrede „als eine Prämie für Wollüstlinge“ — fand sie 
in unserem nationalen deutschen Gesetzbuch Aufnahme. 

Um ihre Abschaffung oder-ihre Beibehaltung toben fast seit 
Beginn des 20. Jahrhunderts, als kaum das BGB. in Kraft getreten 
Avar, die heftigsten, man darf ruhig sagen, die erbittertsten Kämpfe. 
Mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit werden von den gegnerischen 
Parteien die für ihre Auffassung streitenden Gründe ins Treffen 
geführt. Die jeweilige Weltanschauung des Beurteilers, sein ethi¬ 
scher und auch religiöser Standpunkt, auch wohl sein politisches 


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J 



Die Einrede der mehreren Beischläfer, die Exceptio plurium concumbentinm. 11 


Glaubensbekenntnis spielen in dem Schrifttum eine fast ausschlag¬ 
gebende Rolle. Viel sentimentale Erwägungen auf beiden Seiten — 
vornehmlich aber dürften sie wohl auf seiten der extremen Frauen¬ 
rechtlerinnen anzutreffen sein — beeinflussen das rein objektive 
Urteil. Erwägungen des Mitleids trüben oft den Blick der Vor¬ 
kämpferinnen einer „neuen Moral“. Nicht stets — wie v. L i s z t mit 
stark einseitiger tendenziöser Übertreibung im Vorwort S. IX seines 
oben angeführten Werkes hervorhebt •—, aber gewiß doch recht oft 
pflegen die Vertreter und insbesondere die Vertreterinnen dieser radi¬ 
kalen Richtung von den Fällen auszugehen, „in welchen ein reicher 
Wüstling ein armes — selbstverständlich unschuldiges — Mädchen 
in mehr oder minder raffinierter und skrupelloser Weise sich zu 
Willen gemacht hat“. Einen besonders fatalen Beigeschmack aber 
hat eine derartige mit aller Entschiedenheit zurückzuweisende un¬ 
wissenschaftliche Kampfesweise noch dadurch angenommen, daß 
man das ganz allgemeine rechts- und sozialpolitische Problem in 
die Sphäre des Klassenkampfes hineinzerrte. Geradezu Gift träu¬ 
felte man dadurch in die Polemik hinein, daß man die große, über¬ 
wiegende Mehrzahl der unehelichen Erzeuger als Angehörige der 
reichen oder wenigstens besitzenden privilegierten Stände, als hohe 
und höchste Staatsbeamte, Offiziere, Studenten, Großindustrielle, 
Fabrikbesitzer, „satte Bourgeois“ hinstellte, die sich ein wahres 
Bauernvergnügen daraus bereiteten, unschuldige Töchter der hand¬ 
arbeitenden Schichten unseres Volkes zu verführen und zur Strecke 
zu bringen. Mit vollem Fug und Recht weist insbesondere v. Liszt 
an den verschiedensten Stellen seines Werkes auf diese krassen, 
einseitigen, höchst tendenziösen und durchsichtigen Übertreibungen 
hin. Nichts ist in der Tat unrichtiger als die so oft — namentlich 
früher auch und gerade im politischen Parteikampf — gehörte Be¬ 
hauptung: die Frage der rechtlichen Behandlung der unehelichen 
Kinder sei ganz vorwiegend oder gar ausschließlich eine „Klassen¬ 
frage“. Die Prostitution mag gewiß eine solche Klassenfrage sein. 
Aber „die übergroße Mehrzahl der unehelichen Proletarierkinder 
haben proletarische oder kleinbürgerliche Väter“ (Marianne 
Weber, „Ehefrau und Mutter in der Rechtsentwickelung“, 1907, 
S. 570). Seltene Ausnahmen bilden die Fälle, in denen soziale Her¬ 
kunft und Klassenzusammengehörigkeit des unehelichen Erzeugers 
und der Mutter auseinanderklaffen. Jeder erfahrene Vormund¬ 
schaftsrichter — auch der großstädtische und gerade er am mei¬ 
sten — wird die Richtigkeit dieser Auffassung bestätigen müssen. 

Weisen wir selber diesen einseitigen tendenziösen Klassenstand¬ 
punkt der Vorkämpfer und Vorkämpferinnen für die Beseitigung 
der exceptio plurium mit allem Nachdruck zurück, so erfordert es 
aber ebenso die ausgleichende Gerechtigkeit, die nicht minder 
starken Übertreibungen und den Hang zur Betonung des Klassen¬ 
kämpferstandpunkts zurückzuweisen, den die literarischen Vor¬ 
kämpfer der entgegengesetzten, die Aufrechterhaltung der, Einrede 
fordernden Richtung insbesondere v. Liszt an vielen Stellen seines 
Werkes und auch Professor Bruno Meyer in seinen Aufsätzen 
„Wenn zwei eine Fensterscheibe zerschlagen haben“ (Sexualpro¬ 
bleme 1910, S. 536 f. u. 615 f.) einnehmen. Ausdrücke wie „Frauen- 


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Bovensiepen. 


zimmer“, „eia solches Weib“ (S. 57 v. Liszt, „lüderliche Dirnen“ 
und ähnliche mehr oder weniger liebevolle Bezeichnungen finden 
sich bei beiden Schriftstellern in großer Mannigfaltigkeit und Aus¬ 
wahl. Gar zu sehr steht die Auffassung mehr oder weniger aus¬ 
gesprochen im Vordergründe, daß, wenn auch nicht ausnahmslos 
und unweigerlich, das weibliche Wesen, das sich mehreren Männern 
gleichzeitig in der Empfängnisperiode hingegeben hat, ein ver¬ 
dorbenes, liederliches Geschöpf sei, das keinerlei sentimentales Mit¬ 
leid verdiene, sondern das man mitsamt dem unehelichen Kinde 
ruhig seinem Geschick überlassen könne und müsse. Meyer meint 
sogar ganz ausdrücklich: „Schon der Umstand, daß die Aufhebung 
der exceptio plurium zu solcher Depravierung des weiblichen Ge¬ 
schlechtes Veranlassung geben würde, ist ausreichend, durchschla¬ 
gend gegen sie zu zeugen“ (a. a. O. S. 541). 

Und doch bedeutet diese Stellungnahme eine Verkennung des u. E. 
allein in Betracht kommenden ausschlaggebenden Gesichtspunktes, 
daß das uneheliche Kind unmöglich das Opfer eines verwerflichen, 
unsittlichen Lebenswandels seiüer Mutter werden darf. Eine un¬ 
geheuere, grausame Härte und Ungerechtigkeit würde es bedeuten, 
das Kind, dem doch wahrlich selbst ein noch so lüderlicher Lebens¬ 
wandel seiner Mutter nicht zur Last gelegt werden kann, hierunter 
büßen zu lassen. Ansprüche der Mutter und des unehelichen Kindes 
müssen eben auf das strengste voneinander geschieden werden. 
Durchaus zutreffend betont denn auch v. Liszt an den verschie¬ 
densten Stellen seines mehrerwähnten Werkes diesen Standpunkt 
und im Grunde genommen teilt ihn auch wohl Meyer. Beide Schrift¬ 
steller übereinstimmend glauben nun im Bunde mit sehr vielen 
Schriftstellern, die sich bisher über unser Thema ausgesprochen 
haben, jedweden Unterhaltsanspruch des unehelichen Kindes gegen 
den Erzeuger im Falle eines gleichzeitigen Verkehrs der Mutter wäh¬ 
rend der kritischen Zeit mit der Berufung auf die Unmöglichkeit der 
zuverlässigen Feststellung der unehelichen Vaterschaft zurück¬ 
weisen zu können. 

. Nach den starren und unerbittlichen Gesetzen der Logik könne 
es nur einen Vater des unehelichen Kindes geben, bei einem nach¬ 
gewiesenen Verkehr der unehelichen Mutter mit mehreren Män¬ 
nern in der nämlichen Zeit falle aber die Vaterschaft völlig in das 
Ungewisse, ganz unmöglich sei es hier mit positiver Bestimmtheit 
den einen oder änderen oder gar alle Beischläfer als „Vater“ im 
Sinn des Gesetzes und der Logik anzusprechen. „Ganz unmöglich 
ist es zu konstatieren, gegen wen dieser Anspruch sich richtet“ 
(v. Liszt, S. 55), und Bruno Meyer: „Nun scheint doch wohl so 
selbstverständlich, wie nur etwas in der Welt sein kann, daß die 
Ansprüche von Mutter und Kind sich nur gegen den Erzeuger rich¬ 
ten können und nach einem leicht erkannten vulgären Rechtsgrund¬ 
satze nur: wenn man den Erzeuger kennt“ (S. 537 a. a. 0.). Ge¬ 
wiß, — das ist ohne weiteres einzuräumen —, diese Argumentation 
ist als solche durchaus schlüssig; vom Standpunkt der „Vaterschafts¬ 
theorie“ läßt sich die gesamtschuldnerische Haftung der mehreren 
Beischläfer als uneheliche Väter nicht rechtfertigen. Die bloße 
Möglichkeit, aus dem unehelichen Beischlafe mit der Mutter Vater 


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Die Einrede der mehreren Beischläfer, die Exceptio plurium concumbentium. 13 


zu sein, wie Rudolf v. Ihering auf dem J. deutschen Juristen¬ 
tage im Jahre 1862 meinte, genügt eben nicht. Derjenige, der sich 
auf eine Tatsache beruft, hier: das uneheliche Kind, muß nach all¬ 
gemeinen Rechtsgrundsätzen — falls nicht das Gesetz ihm durch be¬ 
sondere Rechtsvermutungen zu Hilfe kommt — die Wahrheit der 
ihm günstigen Tatsache beweisen und nicht bloß deren Wahrschein¬ 
lichkeit oder gar nur deren Möglichkeit! Auch vom Gesichtspunkt 
der unerlaubten Handlung läßt sich der hier vertretene Standpunkt 
der gesamtschuldnerischen Haftung der mehreren Beischläfer kaum 
halten.' Denn schwerlich wird man es — darin ist insbesondere 
E. v. Liszt und Bruno Meyer durchaus beizupflichten — als ein 
Delikt bezeichnen, daß ein im Vollbesitz seiner physischen Kräfte 
befindliches männliches unverheiratetes Wesen den Freuden der 
außerehelichen Beiwohnung huldigt. Für eine solche Askese der 
ethischen Auffassung mag wohl ein Säulenheiliger und ein Mönch 
Verständnis besitzen, aber die heutige deutsche Durchschnittsbevöl¬ 
kerung — und nach den der großen Mehrheit der Bevölkerung vor¬ 
schwebenden Auffassungen von Recht und Sitte soll und muß der 
Gesetzgeber die Rechtsnormen erlassen •— vermag für eine solche 
Keuschheit und völlige Enthaltsamkeit des Mannes heute — man 
mag das bedauern oder nicht, wir unsererseits lehnen hier eine kri¬ 
tische Stellungnahme durchaus ab, wir stellen nur fest, — nicht das 
erforderliche liebevolle Verständnis aufztibringen. Keine einzige 
Gesetzgebung aller Kulturvölker — abgesehen vom rigorosen kano¬ 
nischen Recht — hat denn auch unseres Wissens jemals zu irgend¬ 
einer Zeit das einfache „stuprum“, d. h. den außerehelichen Bei¬ 
schlaf eines männlichen oder weiblichen Wesens als solchen für ein 
strafwürdiges Delikt erklärt. Auch auf diesem Wege vermögen wir 
daher einen verlässigen Stützpunkt zur Begründung des Wegfalls 
der exceptio plurium nicht zu gewinnen. Wir müssen einen anderen 
Weg einschlagen, wie ihn der Verfasser dieser Zeilen bereits in 
seinen einschlägigen Abhandlungen „Bessere Rechtsstellung der un¬ 
ehelichen Kinder“ (D. Jur.-Z. 1919, S. 722 und „Die Rechtsstellung 
der unehelichen Kinder“ in „Blätter der Rechtspflege für Thürin¬ 
gen“ 1917, S. 110 f.) betreten hat. 

Wir müssen uns den großen, so unendlich befruchtenden und 
schöpferisch zeugenden Gedanken der „Gefährdungshaftung“, die 
insbesondere der geniale deutsch-österreichische Jurist Unger in 
seinem prachtvollen Werke „Handeln auf eigene Gefahr“ (1885) 
aufgestellt hat, zu eigen machen und auf ihn aufbauen. Jeder nicht 
impotente Mann weiß, daß die Folge seines außerehelichen (oder 
auch ehelichen) Geschlechtsverkehrs mit einem weiblichen Wesen 
möglicherweise dessen Befruchtung durch ihn sein kann. Er kann 
von ihr, an die ihn nur ganz lose und lockere Bande gemeinhin 
zu verknüpfen pflegen ►— Konkubinate und sonstwie dauernde mehr 
ideale Liebesverhältnisse, die zum geschlechtlichen Verkehre ge¬ 
führt haben, bleiben hier wie allenthalben bei unseren Betrach¬ 
tungen eben als Ausnahmefälle, nach denen der Gesetzgeber seine 
Normen nicht bilden kann, außer Betracht — nicht strenge Treue 
und Ausschluß jedes andern geschlechtlichen Verkehrs erwarten. 
Breiteste Volksschichten denken — leider — gerade hierüber recht 


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Bovensiepen 


lax. Von der Genossin der flüchtigen Stunde darf der Mann daher 
Wahrung der Geschlechtstreue nicht voraussetzen. Ein größerer 
Gegensatz als der des Verhältnisses, in dem der „Galan“ zur „Ge¬ 
liebten“ steht zu demjenigen des Ehemanns zur Ehegattin ist gar 
nicht ausdenkbar! Jeder der mehreren Beischläfer begibt sich eben 
in eine mehr oder weniger ausgesprochene Gefahrengemeinschaft; 
jeder Mann rechnet bei der Vollziehung des außerehelichen Bei¬ 
schlafs — wenigstens des wahllosen, der nicht aus einer länger 
dauernden Verbindung mit der Konkumbentin entspringt, und diese 
seltenen Ausnahmefälle können als atypisch außer Betracht blei¬ 
ben >— mit der Möglichkeit, daß außer ihm auch noch ein oder gar 
mehrere männliche Wesen mit dem Mädchen den Beischlaf voll¬ 
ziehen könnten oder schon in der kritischen Zeit vollzogen haben. 
Mögen sie daher auch die ihnen bei einiger Überlegung wohl be¬ 
wußten Folgen ihrer außerehelichen Freuden tragen nach den guten 
alten deutschen Rechtssprichwörtern „Wer sich in Gefahr begibt, 
kommt darin um“ oder „Wer den guten Tropfen genießt, der soll 
auch den bösen Tropfen genießen“. Die mehreren Beischläfer bil¬ 
den eine gewisse Gefahrengemeinschaft. Dieser wahrhaft große 
befreiende Gedanke der „Gefährdungshaftung“ hat in unserem neue¬ 
ren, ethisch und sozialpolitisch entwickeltem modernen Rechts¬ 
systeme immer mehr und mehr den Geltungsbereich des starren, 
krassen „Verschuldungsprinzips“ siegreich durchbrochen und sich 
ein von Jahr zu Jahr wachsendes Anwendungsgebiet erworben. 
Statt zahlreicher Einzelbelege sei hier nur auf die äußerst wich¬ 
tige Bestimmung des $ 829 BGB. verwiesen, wonach der an sich un¬ 
verantwortliche Schädiger insoweit dem Geschädigten den Schaden 
voll ersetzen muß, „als die Billigkeit nach den Umständen, ins¬ 
besondere nach den Verhältnissen der Beteiligten eine Schadlos¬ 
haltung erfordert“ und ihm (d. h. dem Schädiger) nicht die Mittel zu 
seinem eigenen standesgemäßen Unterhalte entzogen werden. Nur 
die eine weitere Voraussetzung gilt hier noch, daß der Ersatz des 
angestifteten Schadens nicht von einem aufsichtspflichtigen Dritten 
erlangt werden kann. Vom rein logischen Rechtsstandpunkt ist liier 
die Haftung aus „Billigkeit“ gewiß nicht haltbarer als die hier ver¬ 
fochtene gesamtschuldnerische Haftung der mehreren Beischläfer! 
Aber — darauf mit allem Nachdruck wiederholt in seinen großen 
Rechtsschöpfungen hingewiesen zu haben, ist eins der großen Ver¬ 
dienste des jüngst verblichenen Sterns juristischer Wissenschaft 
Joseph Köhler — unser Recht beruht nicht nur und ausschlie߬ 
lich auf rein logischen Erwägungen und Elementen; von mindestens 
der gleich großen Bedeutung sind auch Erwägungen und Forde¬ 
rungen der Gerechtigkeit, der Billigkeit, der Ethik. Und da, wo 
deren Postulate, soweit sie sich bei der großen Mehrzahl eines Kul¬ 
turvolks oder wenigstens bei ihren geistig führenden Schichten mit 
dem Anspruch auf faktische Beachtung durchgesetzt haben, werden 
sie unweigerlich — diese Entwickelung lehrt als notwendig jedesv 
Blatt der vergleichenden Rechtsgeschichte — die im Widerspruch 
zu ihnen stehenden Gebote des positiven Rechts überwinden. Denn 
.jedes Recht trägt mit logischer Notwendigkeit das Bestreben in sich, 
zu sein „ein Versuch zur Regelung des Richtigen (Rudolf Staun- 


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Die Einrede der mehreren Beischläfer, die Exceptio plurium concumbentium. 15 


leo: Die Lehre vom richtigen Recht). Oder wie der große Staats¬ 
rechtslehrer und Staatsphilosoph Georg Jellinek diesen Gedanken 
in seinem berühmten kurzen Satze zusammengefaßt hat: „Das 
Recht ist das ethische Minimum.“ Nun wird selbst der er¬ 
bittertste Gegner einer Besserstellung der unehelichen Kinder im 
Recht, dieser „Parias unserer Gesellschaft“ nicht wohl leugnen 
können, daß der Zug der Zeit immer mehr dahin geht, ihre bisher 
entschieden gedrückte Lage zu heben. Zu einem besonders scharfen 
Ausdruck kam dieses Bestreben bei den sehr eingehenden Beratun¬ 
gen über die Lage des unehelichen Kindes in der Konstituierenden 
Deutschen Nationalversammlung in Weimar im Juli und August 1919. 
Wenn auch der äußerst radikale Antrag der Unabhängigen Sozial¬ 
demokratie, das uneheliche Kind rechtlich genau so zu stellen wie 
das eheliche, zum Glück mit überwiegender Mehrheit abgelehnt 
wurde, so fand doch anderseits fast mit derselben überwiegenden 
Mehrheit der Antrag der Deutsch - Demokratischen Partei An¬ 
nahme, wonach den unehelichen Kindern durch die Gesetzgebung 
die gleichen Bedingungen für ihre leibliche, seelische und gesell¬ 
schaftliche Entwickelung zu schaffen sind wie den ehelichen Kin¬ 
dern (Art. 121 der neuen Deutschen Reichsverfassung). Ist hiermit 
auch nicht gerade unmittelbar der exceptio plurium das Todesurteil 
gesprochen worden, so wird doch angesichts der nur ganz kurz hier 
angedeuteten Entwicklung ihre Aufrechterhaltung a\if die Dauer 
schwerlich möglich sein. 

Nur durch die radikale Beseitigung der Einrede der mehreren 
Beischläfer kann auch die Sicherung des Unterhaltsanspruchs des 
unehelichen Kindes wirklich erzielt werden. Nach den Aufsehen 
erregenden Ausführungen des früheren preußischen Ministerial¬ 
direktors Dr. Kirchner in der 60. Sitzung des Preußischen Ab¬ 
geordnetenhauses gehen heute 95 Prozent aller Unterhaltsprozesse, 
die zur Klageabweisung führen, wegen jener Einrede verloren. Die 
Unterhaltspflicht bleibt dann ausschließlich auf der Mutter des un¬ 
ehelichen Kindes und ihren Verwandten lasten. Da diese meist nur 
sehr geringes Einkommen haben, so muß heute in der großen Mehr¬ 
zahl aller Fälle die öffentliche Armenpflege eingreifen, die das 
uneheliche Kind oft noch, insbesondere auf dem Lande, als lästige 
Beigabe betrachtet. Auch hat die Einrede des Mehrverkehrs —• 
worauf der 2. Teilbericht des 16. Ausschusses für Bevölkerungspoli¬ 
tik betreffend Schutz für Mutter und Kind, Drucksache Nr. 1087 des 
Reichstags 13. Legislaturperiode, II. Session 1914/1917, erstattet vom 
mehrheitssozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Quark, S. 18, 
mit Nachdruck hinweist — meist eine ungebührlich lange Dauer des 
Unterhaltsprozesses zur Folge. So schwebte z. B. zur Zeit der 
Erstattung des erwähnten Berichts, d. h. Ende Mai 1917 an einer 
Prozeßabteilung des Amtsgerichts Berlin-Mitte als 1. Instanz seit 
September 1912 ein solcher Alimentationsprozeß, ohne daß er zur 
Entscheidung reif gewesen wäre. Oft werden — diese Behauptung 
wird jeder erfahrene Vormundschafts- und Prozeßrichter, insbe¬ 
sondere in der 1 Großstadt, gewiß bestätigen müssen — aufs Gerate¬ 
wohl Exceptionisten benannt, die die Kindsmutter überhaupt gar 
nicht kennen. In der so gewonnenen Zeit wird dann die uneheliche 


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Bovensiepen. 


Mutter durch die leider in den Großstädten wie Pilze üppig in die 
Höhe geschossenen zuin Teil recht üblen Kriminaldetektivinsti- 
tute auf Schritt und Tritt überwacht und zu verführen gesucht. 
Durch die radikale Beseitigung des § 1717 BGB. würde auch der 
entschiedene Anreiz für die unehelichen Mütter, auf alle Ratschläge 
zur Abtreibung willig einzugehen aus Furcht, später allein für das 
Kind sorgen zu müssen, wegfallen. 

Wahrhaftig nicht leicht zu nehmen ist das Hauptbedenken, 
das die Verteidiger der exceptio plürium concumbentium von 
jeher der Forderung ihres Wegfalls entgegenzuhalten pflegen. Als 
klassisch darf man wohl die Formulierung bezeichnen, die ihm 
die amtlichen Motive zum Entwurf eines Bürgerlichen Gesetzbuchs 
für das Deutsche Reich (Band IV, Familienrecht, S. 855) zuteil 
werden lassen. „Der Ausschluß der Einrede birgt einen Anlaß zur 
Unsittlichkeit und Liiderliehkeit in sich, da eine Person, welche einem 
Fehltritt zum Opfer gefallen ist, sich solchenfalls leichter veranlaßt 
finden kann, auch anderen Männern sich hinzugeben, um ihre und 
des zu erwartenden Kindes Lage zu verbessern.“ Allein diese hier 
in klassischer Prägnanz ausgesprochene und so oft wiederholte 
(auch von Eduard v. Liszt a. a. O. und von Bruno Meyer 
a. a. O.) Befürchtung scheint uns doch außerordentlich stark über¬ 
trieben zu sein. Es liegen glaubhafte Berichte darüber vor, daß in 
den Ländern, welche nach ihren neuesten Gesetzgebungen die Ein¬ 
rede ausschließen — so insbesondere in Norwegen (über das neue 
norwegische sehr bedeutsame, freilich auch u. E. in seiner völligen 
Verwischung jedweder rechtlicher Unterschiede zwischen ehelichen 
und unehelichen Kindern zu deren Gunsten entschieden zu weit 
gehende Gesetz vom 10. April 1915 vergl. Ministerialrat Alten- 
Christiania in D. Jur.-Z. 1916, S. 118 f.) und in Finnland, aber auch 
in den früher gemeinrechtlich deutschen Gebieten, wie Kurhessen, 
Hannover und Hamburg — von einer „völligen Depravation des weib¬ 
lichen Geschlechts“ wie sie Bruno Meyer a. a. O. von einer Auf¬ 
hebung der Einrede der Mehreren befürchtet, gar nicht die Rede 
sein kann. Die geschlechtlich-sittlichen Verhältnisse sind und 
waren dort nicht viel anders als in denjenigen deutschen und außer¬ 
deutschen Gebieten, welche die Einrede der mehreren Beischläfer 
als geltendes Recht kannten und noch heute kennen. Von beson¬ 
derem Interesse ist in diesem Zusammenhänge die von dem oben er¬ 
wähnten 2. Teilbericht des 16. Ausschusses für Bevölkerungspolitik 
S. 20 gemachte Mitteilung: „Ein weiterer Redner bestätigt, daß in 
Hamburg unter der Herrschaft des alten Gesetzes, das die Einrede 
nicht gekannt habe, durchaus befriedigende Zustände geherrscht 
hätten und daß man es dort schmerzlich bedauert habe, als die 
Einrede der Mehreren durch die Einführung des BGB. zur Gel¬ 
tung kam.“ 

So sehr wir selber die Bedeutung der jeweils geltenden Rechts¬ 
ordnung für die Ausgestaltung des ganzen sozialen, ethischen und 
sexuellen Lebens schätzen, so sehr müssen wir uns doch anderer¬ 
seits auch wiederum vor einer Überschätzung der Normen der je¬ 
weils geltenden Rechtsordnung hüten. Die Betätigung der sexuellen 
Triebe, die Befriedigung des außerehelichen Geschlechtsverkehrs ins- 


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Die Einrede der mehreren Beischläfer, die Exceptio plurium concumbentium. 17 


besondere sowohl beim weiblichen Wesen wie auch beim männlichen, 
sind derartige gewaltige Urphänomene, daß sie durch die Ver¬ 
schiedenheiten der positiven Rechtsordnung kaum an der Oberfläche 
jedenfalls aber nicht grundlegend berührt werden. Ferner verkennt 
aber auch diese Begründung der Aufrechterhaltung der Einrede 
der Mehreren, daß sie eigentlich und im Grunde genommen ein 
priviligium favorabile zugunsten des männlichen Geschlechts und 
der männlichen Sittlichkeit bedeutet, ein privilegium odiosum aber 
für das weibliche Geschlecht und seine Sittlichkeit! „Denn natür¬ 
lich enthält die Zulässigkeit der Einrede heute für den Mann den 
Anreiz, ein von ihm verführtes Mädchen an andere zu verkuppeln, 
und bekanntlich gehören derartige Manipulationen heute durchaus 
nicht zu den Seltenheiten“ (Marianne Weber a. a. 0. S. 565). 
Derartige Unterhaltsprozesse gehören zu den übelsten Erfahrungen 
jedes großstädtischen Prozeßrichters! 

Wif schließen hiermit unsere kurzen Betrachtungen. Der Ge¬ 
danke der erheblichen Besserstellung der unehelichen Kinder ist 
ausnahmslos bei allen Kulturvölkern in siegreichem Marsche; in 
einer Reihe von Staaten wie Norwegen und Finnland hat er sich 
bereits Bahn gebrochen, die Einrede der Mehreren ist dort gefallen: 
auch im Deutschen Reich wird man ihm nur für kurze Zeit noch 
Widerstand entgegensetzen können. Der Gedanke entspricht un¬ 
leugbar ethischen Anschauungen- wie sie in den weitaus überwie¬ 
genden deutschen Volksschichten stark verbreitet sind und mit 
Nachdruck betont werden. Die Forderung läßt sich vom Stand¬ 
punkt der „Gefährdungshaftung“, des „Handelns auf eigene Gefahr“ 
selbst technisch legislativ durchaus begründen, vor allem spre¬ 
chen für den Wegfall der Einrede der Mehreren Postulate der Ethik 
und Billigkeit. Die Interessen der in ihrer überwiegenden Mehrheit 
der besitzlosen und armen Volksklassen angehörenden unehelichen 
Kinder verlangen ebenso gebieterisch wie das wohlverstandene In¬ 
teresse des gesamten deutschen Volkes, dem jährlich rund 180000 
uneheliche Kinder geboren werden, an einer Kräftigung seiner 
nicht erst jetzt und nur durch den furchtbaren verlorenen Weltkrieg, 
sondern bereits eine lange Spanne von Jahren hindurch unserer zu¬ 
folge äußerst bedenklicher Abnahme der Geburtenhäufigkeit entsetz¬ 
lich geschwächten Volkskraft eine Fortentwickelung des Rechts in 
der hier ausgeführten Richtung. So sehr wir mit aller Entschieden¬ 
heit uns gegen die Anhänger einer verstiegenen neuen Sexualethik 
Tuenden und die völlig restlose Gleichstellung des unehelichen Kin¬ 
des mit dem ehelichen als Zertrümmerung der Einehe und der auf 
ihr sich aufbauenden Familie bekämpfen, so gerecht und wahrhaft 
notwendig erscheint uns die restlose Beseitigung der viel bespro¬ 
chenen Einrede der Mehreren. 


Zeitsohr. 1 Sexualwissenschaft VII. . 


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Adolf Gereon. 


Die Menstruation, ihre Entstehung und Bedeutung. 

Von Adolf Gerson. 

I. 

Alle vom Sonnenlicht abhängigen Pflanzen bilden nur einmal 
im Jahre Samen. In unseren Breiten reift der Same im Herbst, im 
Frühjahre sprießen aus ihm neue Pflanzen, im Frühjahre und Som¬ 
mer bilden sich an diesen neue Samen, und im neuen Herbst ge¬ 
langen die neuen Samen wiederum zur Reife. In den anderen Zonen 
verteilt sich die Samenbildung und Samenreifung auf einen län¬ 
geren oder kürzeren Zeitraum; aber überall bringt dasselbe Ge¬ 
wächs nur einmal im Jahre reifen Samen. Die einjährigen Pflan¬ 
zen können überhaupt nur einmal Samen zeugen *). 

Die von Pflanzennahrung lebenden Tiere haben sich dem Ge¬ 
setz des Pflanzenwachstums angepaßt. Sie zeugen Junge im Früh¬ 
ling und Sommer, wenn reichliche Pflanzennahrung vorhanden ist, 
und so zeitig, daß die Jungen erwachsen sind, bevor der nahrungs¬ 
arme Winter kommt. Die Tiere begatten sich so, daß ihre Jungen 
zur günstigen Zeit erscheinen und die Natur läßt die Brunst bei 
den meisten Tieren nur zu jener Zeit auf treten, wo die Begattung 
zweckmäßig ist 2 ). Die höheren Tiere begatten sich nur einmal im 
Jahre, und nur wenige niedere Tiere zeigen mehrere aufeinander¬ 
folgende Brunstzeiten im Jahre; dies sind immer kleine Tiere mit 
schnellem Wachstum, die auch dann noch völlig auswachsen kön¬ 
nen, wenn sie im späten Sommer zur Welt kommen. Die meisten 
dieser Tiere zeugen überhaupt nur einmal im Leben; sie sterben 
nach der Begattung, bzw. nach der Eiablage, ah 8 ). 

Beim Menschen gibt es nicht besondere Brunstzeiten, wie sie 
die Tiere zeigen. Die Brunst erstreckt sich heim geschlechtsreifen 
Menschen vielmehr über das ganze Jahr hinaus. Der Mensch be¬ 
sitzt eine Dauerbrunst. Beim Menschen erfolgen auch Begat¬ 
tung und Geburt im allgemeinen ohne Rücksicht auf die Jahres¬ 
zeit. Der Mensch braucht ja bei Begattung und Zeugung nicht 
Rücksicht zu nehmen auf Jahreszeit und Jahreslauf. Indem er 
den Ertrag des Erdbodens durch Ackerbau und Viehzucht künst¬ 
lich steigert und die Erzeugnisse seiner Arbeit aufbewahrt, indem 
er Erzeugung und Verbrauch im Gleichgewicht hält und das An¬ 
wachsen der rein verbrauchenden Bevölkerungsschicht (Kinder 
und Frauen) künstlich hemmt, bewirkt er, daß sein Nahrungsspiel¬ 
raum die jahreszeitlichen und jährlichen Schwankungen, unter 
denen die Tiere so furchtbar leiden, nicht mehr aufweist. Der 


*) Siche besonders K1 e b s, Georg, über das Verhältnis von Wachs tu ln und Ruhe 
bei den Pflanzen (Biolog. Zentralblatt 37. 1917, 8. 373 ff.). 

2 ) Die Brunstzeit ist nieht bei allen Tieren die gleiche. Zahlreiche Arten werden 
im FVtihling brünstig, andere im Herbst. Die Brunstzeit richtet sich erstens nach der 
günstigsten Geburtszeit der betreffenden Art, zweitens nach der Dauer ihrer Trächtig¬ 
keit bzw. ihrer Eibildungs-, Brut- und Säugeperiode. 

s ) Man beachte das Vorkommen von Sommer- und Wintereiern bei manchen In¬ 
sekten. 


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19 


Die Menstruation, ihre Entstehung und Bedeutung. 


Mensch hat auch im nahrungsarmen Winter reichlich zu essen, er 
wohnt warm und kleidet sich warm, wenn es kalt ist. Und weil 
er seine Neugeborenen vor Mangel und Unbill des Winters zu 
schützen versteht, braucht er eben bei Begattung und Zeugung 
nicht Rücksicht zu nehmen auf die Jahreszeit; und eben darum 
konnte die Natur die Einschränkung der Brunst, die sie bei den 
Tieren verfügt hatte, bei ihm wieder aufheben. 

Es ist also verständlich, daß die Brunst beim Menschen nicht 
an einen bestimmten Zeitabschnitt im Jahre gebunden ist. Es ist 
aber noch keineswegs verständlich, weshalb sie beim Menschen wäh¬ 
rend des ganzen Jahres und während eines Zeitraums von mehreren 
Jahrzehnten andauert, weshalb sie eine Dauerbrunst ist. 
Denn da das menschliche Weib ira günstigsten Falle nur einmal 
im Jahre gebären kann, so braucht es auch nur einmal im Jahre 
begattet zu werden. Was soll dem Weibe die Dauerbrunst, wenn 
es doch nur einmal im Jahre begattet werden kann? Und kann 
jedes Weib nur einmal im Jahre schwanger werden, würde da nicht 
für die Männer ein Zeitraum von wenigen Tagen genügen, um die 
der Schwängerung' fähigen Weiber zu begatten? Bedarf es dazu 
wirklich einer 365 Tage währenden Brunst? Erledigt nicht auch 
das Tiermännchen das für die Erhaltung seiner Art erforderliche 
Geschäft in wenigen Tagen und Stunden, und so vollkommen, daß 
kaum ein Weibchen unbegattet bleibt? Der Mann scheint daher 
der Dauerbrunst ebenfalls nicht zu bedürfen. 

Man kann vermuten, daß die Dauerbrunst des Mannes irgendwie mit der weit¬ 
verbreiteten Vielweiberei verknüpft ist. Hat ein Mann Dutzende und Hunderte von 
Frauen, so bedarf er allerdings der Dauerbrunst, um sie alle einmal jährlich begatten 
zu können. Es fragt sich aber, ob die Dauerbrunst des Mannes entstanden ist, um die 
Vielweiberei zu ermöglichen, oder ob die Vielweiberei, wo sie besteht, nicht vielmehr 
nur eine Folge der vorhandenen Dauerbrunst des Mannes ist. Bei den Völkern, bei 
denen die Vielweiberei seit langem eingebürgert ist, gibt es nur wenig reiche Leute, 
die sich ein Dutzend Frauen zum Geschlechtsverkehr leisten können, und nur Könige 
nnd Fürsten können sich einen Harem mit einer größeren Menge Frauen halten. Die 
meisten Leute begnügen sich mit einer Frau oder zwei Frauen, weil sie eben nicht mehr 
erhalten können, und nicht wenige müssen sogar ehelos bleiben, weil sie keine Frau 
kaufen können. Wie kann die Natur die Gesamtheit der Männer in diesen Völkern um der 
Vielweiberei willen mit der Dauerbrunst ausgestattet haben, wo doch nur einige wenige in 
der Lage waren, sie unbeschränkt zu betätigen? Und wenn die Dauerbrunst in Anpas¬ 
sung an die Vielweiberei entstanden ist, wie erklärt sich ihr Vorkommen bei den 
Männern jener Völker, die schon «eit Jahrtausenden monogam leben? Bei ihnen hätte 
sich die Dauerbrunst doch wieder rüekbilden müssen. Die Dauerbrunst des Mannes kann 
also nicht eine Folge der Vielweiberei sein; die Vielweiberei ist eher anzusehen als eine 
Folge der Dauerbrunst des Mannes. 

Eine Erklärung der Dauerbrunst kann nur dann als aus¬ 
reichend gelten, wenn sie die männliche und weibliche Dauerbrunst 
in gleicher Weise erklärt. Doeli ist zu berücksichtigen, daß die 
Dauerbrunst bei Mann und Weib nicht in völlig gleicher Weise 
ausgebildet ist, daß es ferner starke Verschiedenheiten zwischen 
den einzelnen Personen gleichen Geschlechts gibt und daß die 
Brunst nicht während des ganzen Jahres in gleicher Stärke aufzu¬ 
treten pflegt. Ich will versuchen, weiterhin eine Erklärung der 
Dauerbrunst zu geben, die allen einzelnen Erscheinungen derselben 
gerecht werden soll. 

9 * 


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Adolf Gereon. 


20 


Es ist bekannt, daß beim Menschen, obwohl er dauerbriinstig 
ist und den Beischlaf während des ganzen Jahres gleichmäßig aus¬ 
führen kann, die Geburtenhäufigkeit doch von Monat zu Monat 
wechselt. Die ersten drei Monate des Jahres sind verhältnismäßig 
geburtenreicher als die anderen, und das stimmt zu der Tatsache, 
daß bei den Tieren alle Würfe gegen das Frühjahr hin und im Früh¬ 
jahr erfolgen. Aus der Tatsache der steigenden Geburtenhäufigkeit 
in den ersten Monaten des Jahres muß geschlossen werden auf eine 
Steigerung der Empfängnisse in den Monaten April bis Juni, und 
diese wiederum scheint zu deuten auf eine Steigerung der Brunst in 
diesen Monaten 4 ). Die Frühjahrshochbrunst des Menschen 
würde in Übereinstimmung stehen mit der Frühjahrsbrunst der 
Tiere; und diese Übereinstimmung würde keiner weiteren Erklä¬ 
rung bedürfen, wenn wir annehmen dürfen, daß die Dauerbrunst 
des Menschen aus der Frühjahrsbrunst der Tiere entstanden ist. 

Beim menschlichen Weibe ist auch die Zeit der Menstruation 
eine Zeit gesteigerter Brunst. Die Brunst schwillt beim Weibe nach 
zahlreichen übereinstimmenden Bekundungen, mit denen auch meine 
eigenen Erfahrungen übereinstimmen, allmonatlich an und ab und 
erreicht ihren Höhepunkt kurz vor der Menstruation und während 
derselben. Man will auch beim Manne monatliche Zeiten der 
Hochbrunst beobachtet haben, doch versagen Statistik und Selbst¬ 
beobachtung hier völlig 6 ). Das Vorhandensein einer Monats¬ 
brunst beim Weibe und beim Manne wäre insofern bedeutsam, als 
es uns den Weg weist, auf welchem die Dauerbrunst des Menschen 
aus der Frühjahrsbrunst der Tiere entstanden ist: Die Frühjahrs¬ 
brunst der Tiere weitete sich zunächst in der Urzeit des Menschen 
zu einer allmonatlich erscheinenden Brunst, und erst aus dieser 
Monatsbrunst ist die heute vorhandene Dauerbrunst hervorgegaugen. 
Um zu erweisen, daß es sich tatsächlich so verhält, will ich zunächst 
erörtern, wie die mit der Menstruation verknüpfte Monatsbrunst 
des Weibes entstanden ist. 

Mit dem monatlichen Blutabgaug und der monatlichen Hoch¬ 
brunst ist beim menschlichen Weibe als Drittes die monatliche Ei¬ 
reife verknüpft, und diese ist offenbar der grundlegende physio- 


*) Pie Zahl der Empfängnisse ist, wie durch zahlreiche Statistiken festgestellt 
worden ist, am höchsten im Mai, am niedrigsten im September; doch finden sich in den 
einzelnen Ländern beträchtliche Abweichungen von dieser Regel. In den nördlichen Län¬ 
dern steigt die Zahl der Empfängnisse iln November wieder an und erreicht einen zweiten 
Höhepunkt im Dezember. 

») Viel Material bei Havelock E11 i s. Geschlechtstrieb und Schamgefühl. 
Deutsch von Kätscher. 1907. S. 149 ff. Auch Bloch. Wester m a r c k u. a. sind 
für das Vorhandensein der Sexualperiodizität bei beiden Geschlechtern. Fürbringer 
aber tZur Frage der Sexualperiodizität beim weiblichen Geschlecht. Monatssehr. f. Geb. 
u. Gvn. Bd. 47. 1918. H. 1) leugnet das Vorhandensein einer der tierischen Brunst ver¬ 
gleichbaren Brunst beim Menschen, beim Manne und auch beim Weibe. Es ist nicht ver¬ 
wunderlich, wenn jemand auf Grund von Beobachtungen an Kulturmenschen zu einer Ab¬ 
lehnung der Lehre von der Sexualperiodizität kommt; denn bei den meisten ^Kultur¬ 
menschen ist die Dauerbrunst so stark entwickelt, daß die als Reste früherer Entwick- 
lungsperioden auftretenden jahreszeitlichen und monatlichen Schwankungen gar nicht 
mehr recht verspürt werden. Nur Beobachtungen an primitiven Menschen können hier 
eindeutige Resultate geben. 


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Die Menstruation, ihre Entstehung und Bedeutung. 21 


logische Vorgang, dem sich die andern beiden als Begleiterschei¬ 
nungen anschließen. Wie kommt es aber, daß die Eireife und die 
Ausstoßung des Eies beim Menschenweibe in — nahezu — regel¬ 
mäßigen Perioden wiederkehren, die mit der Umlaufszeit 
des Mondes um die Erde übereinstimmen'! Man hat da 
von allerlei Beziehungen zwischen dem Monde und den lebenden 
Organismen gefabelt und solche angenommen, die unmittelbar auf 
den Monatsgang. der Eireifung im Körper des Menschenweibes 
wirken, aber solche Beziehungen können nicht vorhanden sein. 
Der Mond wirkt vermöge seiner Schwere täglich und stündlich auf 
die Erde und ihre Organismen ein; das sehen wir ja an Ebbe und 
Flut und an den mit den Gezeiten wechselnden Lebensgewohnheiten 
vieler Wasserbewohner. Aber die wöchentlichen und monatlichen 
Phasen des Mondes, bei denen es sich nur um eine vermehrte 
oder verminderte Lichtwirkung handelt, beeinflussen die 
Organismen nicht nachhaltig. Die Lichtwirkung der Sonne auf die 
Organismen ist so bedeutend, daß ihr gegenüber die Lichtwirkung 
des Mondes gar nicht in Betracht kommt und daher haben die perio¬ 
dischen Schwankungen in der Lichtwirkung des Mondes auch nicht 
zu einer merkbaren Periodizität im Wachstum der Pflanzen und 
Tiere geführt. Da die Samenreifung bei keiner Pflanze und bei 
keinem Tiere monatliche Perioden zeigt, so ist unerfindlich, warum 
gerade aus der monatlichen Periode des Menschenweibes auf das 
Vorhandensein enger Beziehungen zwischen dem Umlauf des Mon¬ 
des und dem Ablauf des Lebens geschlossen werden soll. Und warum 
zeigt sich die monatliche Periode ganz deutlich nur beim Weibe und 
nicht auch beim Manne, der doch dem Einfluß des Mondes ebenso 
ausgesetzt ist, wie das Weib? Kehren Eireifung, Blutung und Brunst 
nur beim menschlichen Weibe in monatlichem Wechsel wieder und 
weist die Welt der Organismen keinen organischen Vorgang auf, 
der einem gleichen Wechsel unterliegt, so ist es ungerechtfertigt, 
von Beziehungen des Mondes zur Menstruation in der angedeuteten 
Weise zu sprechen. 

Hinwiederum muß doch der monatliche Ablauf der Menstruation 
in irgendeiner anderen Weise mit dem Mondumlauf Zusammen¬ 
hängen; es kann doch kein Zufall sein, daß beide im Gleichmaß ver¬ 
laufen. Ich werde zeigen, daß der Vollmond im Leben des Urmen¬ 
schen eine gewisse Rolle spielte und daß in der Urzeit des Menschen 
die Bedingungen vorhanden waren, auf Grund deren die zeitliche 
Übereinstimmung vom Mondumlauf und der physiologischen Funk¬ 
tion entstehen konnte. Daß diese Übereinstimmung tatsächlich in 
jener Zeit entstanden ist, das kann ich nicht nachweisen; es fehlt da 
an zwingenden Beweismitteln; es muß genügen, wenn ich die Mög¬ 
lichkeit ihrer Entstehung dargetan habe. 

(Fortsetzung folgt.) 


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S. Galant. 


Das Sexualproblem im Lichte eines Märchens. 

Von Dr. S. Galant. 

Man findet oft dort Belehrung, wo man sie nicht sucht, und so 
ist es auch mir gegangen, als ich beim Durchblättern von nicht zu¬ 
sagender Unterhaltungsliteratur auf ein Märchen aus der altfranzö¬ 
sischen Literatur gestoßen bin, das meine Aufmerksamkeit fesselte 
und mir viel nachzudenken gab. Dies Märchen ist 

Das Mutterherz. 

Es hatte ein Bursche ein Mädchen lieb; das Mädchen war eitel und herzlos. Ihr 
träumte einst, sie bleibe immer jung und schön, sie werde sogar noch viel schöner, wenn 
sie in ihrem Schrein das Herz jenes Weibes aufbewahren würde, welches den Burschen, 
der sie liebte, geboren hatte. 

Und sie sprach zuln Burschen: „Gehe hin, morde deine Mutter, reiß ihr das Herz 
aus dem Leibe und bring es mir.“ 

Der Bursch sah sie entsetzt an und floh. 

Aber er kam am nächsten Tag wieder, und wieder sprach sie: „Geh hin, morde 
deine Mutter, reiß ihr das Herz aus dem Leibe und bring es mir, damit ich dich ewig 
liebe und 6chön und jung bleibe. 4 * 

„Fordere nicht so Entsetzliches von mir!” rief er aus. 

Doch sie küßte ihn und sprach zwischen Kuf$ und Kuß: „Tue es doch!“ 

Er aber riß sich los und eilte fort. 

Aber er kam den nächsten Tag doch wieder, und wieder heischte das Mädchen: 
„Geh hin, üiordc deine Mutter, reiß ihr das Herz aus dem Leibe, daß ich dich immer 
und ewig liebe, daß ich stets jung und schön und glücklich sei.“ 

„Laß mich!“ 

„Willst du nicht, so wird es ein anderer, der mich wahrhaft liebt, tun und künftig 
mein Liebster sein 44 , sprach das Mädchen und ließ den Burschen stehen. 

Verzweifelt irrte er den ganzen Tag umher, und als es dunkel geworden, eilte 
er heim und tat, wie ihm das Mädchen geheißen hatte. 

Als er in der Dunkelheit mit dem Mutterherzen zu seiner Geliebten lief, stolperte 
er und fiel. 

Wie er sich stöhnend aufrichtete, fragte ihn das blutige Mutterherz: „Hast du dir 
weh getan, mein lieber Sohn?“ 

Es dünkt mich, daß jeder, der dieses Märchen gelesen hat, es 
nicht verlassen kann, ohne daß sich in ihm unklare, zum Teil an¬ 
genehme, zum Teil beklemmende Gefühle geregt hätten. Man -will 
das Märchen als ein Märchen einschätzen, ihm keinen besonderen 
Wert beilegen, man will es gleich vergessen, man merkt aber bald, 
daß es nicht so glatt geht, daß das Märchen einen Zauber hat, durch 
den es den Leser au sich bindet und den man nur dann loswerden 
kann, wenn man ihn verstanden und so auch entkräftet hat. 

Das Märchen vom Mutterherz ist kein Märchen für Kinder, es 
ist vielmehr ein Märchen für den nachdenkenden Psychologen und 
analysierenden Psychiater, ein Märchen, das seinem Ernste nach 
einem wissenschaftlichen Werke gleichzustellen sei. 

Das Märchen vom Mutterherz sagt mehr, als es sagen wollte. 
Es wollte gewiß nichts mehr als das Ideal einer Mutter vor Augen 
tragen, und dabei hat es notwendigerweise das ganze Problem der 
Liebe mit seinen verwickelten und verworrenen Erscheinungen be¬ 
rührt. 

Liebe ist, wie es unserem Märchen zu entnehmen ist, immer eine 
Leidenschaft, ob es eine Geschlechtsliehe im gewöhnlichen Sinne 


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fDas Sexualproblem im Lichte eines Märchens. 23 


oder eine Mutterliebe sei. Nur eine Leidenschaft kann den Men- 
„ sehen über sich selbst, über sein eigentliches Ich erheben und zu 
außergewöhnlichen heroischen Taten führen. 

Wer von beiden war im Märchen vom Mutterherz mehr 
heroisch, oder in der juristisch-moralischen Sprache ausgedrückt, 
Verbrecher und Held der Tugend, die Mutter oder der Sohn! Ob¬ 
jektiv und abstrakt gesprochen, also vom juristisch - moralischen 
Standpunkt und von der sonstigen zufälligen Verkettung der Um¬ 
stände im Märchen abgesehen, sind Mutter und Sohn gleich 
zu beurteilen. Die Mutter, deren Herz, nachdem es der Sohn 
aus ihrem Leibe herausgerissen hat, denselben, als er nach dem 
Umfallen stöhnend sich aufrichtete, fragte: „Hast du dir weh getan, 
mein lieber Sohn!“, wäre fähig, ihre eigene Mutter zu 
morden, ihr Herz auszureißen und es als Geschenk 
dem Teufel darzubringen, wenn sie nur wüßte, daß 
sie dadurch das Leben ihres in Todesgefahr schwe¬ 
benden Sohnes, retten könnte. Und das Herz des Soh¬ 
nes, der unter den in dem Märchen gegebenen Umstän¬ 
den seine Mutter ermordet hat, wäre fähig, wenn es 
von seiner Geliebten aus seinem Leibe heraus¬ 
gerissen wäre, derselben, wenn sie mit diesem blu¬ 
tenden Herz in der Hand umgefallen und sich weh 
getan hätte, zu sagen: „Hast du dir weh getan, 
meine unvergeßliche Geliebte!“ 

Was wir da zuletzt gesagt haben, ist natürlich unmöglich zu 
„beweisen“, so wenig als es möglich zu beweisen ist, daß ein Herz, 
dem Leibe entrissen, sprechen kann; man fühlt aber, daß es, auf das 
Märchen bezogen, doch so ist und sein, muß! Und daher jene un¬ 
klaren mit Lust und Unlust vermengten Gefühle, die das Lesen des 
Märchens ins Leben ruft. Man fühlt, daß der Gipfel des „mora¬ 
lischen“, — die uneigennützigste Liebe —, den Gipfel des „unmora¬ 
lischen“, — das schwerste Verbrechen —, berührt. 

Die Sexualität oder die Liebe, soweit sie eine Leidenschaft ist •— 
die Sexualität unter allen ihren Formen ist es immer! — kennt 
keine „Moral“, und ihre „moralischen“ Entäußerungen sind ebenso¬ 
viel moralisch als die „unmoralischen“. Die Moral fängt erst dort 
an, wo die Leidenschaft auf hört, und wo der Intellekt seine Herr¬ 
schaft behaupten kann. 

Die Ethik ist demnach eine Ausgeburt des intellektuellen 
Lebens, und die Moral läßt sich wohl am besten mit Karl Julius 
Weber als die vernünftige Anweisung zum weisen 
Genuß der Gegenwart definieren, wo das Wort „vernünftig“ 
auf die Herkunft der'Moral hinweist. 

Es ist also verkehrt, das Sexualproblem vom moralischen Stand¬ 
punkte aus zu betrachten, denn es ist ein Problem des instinktiven 
Gefühlslebens, wo die Moral nur soweit hineinsprechen kann, als der 
Intellekt die Gefühle bändigen kann. Man kann natürlich das 
sexuelle Leben moralischen Vorschriften unterwerfen, aber damit 
ändert die Sexualität Natur und Wesen nicht. Sie unterwirft sich 
der Moral, solange sie sich in die Grenzen des „vernünftigen“ hin¬ 
einleben kann, sonst geht sie ihre eigene Pfade. 


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24 


Paul Popenoe. 


Und das ist auch im Märchen klar ausgesprochen. „Der 
Bursche“ will auf die Stimme der Vernunft hören und ist „entsetzt“, 
aber bald überwältigt ihn die Sexualität ganz und zeigt sich in 
ihrer dämonenhaften; blutdürstigen Gestalt als die algolagnische 
Liebe, die größte, die überhaupt möglich ist, denn sie vereinigt in 
sich den wollüstigen Schmerz und die selige Lust, eine Mischung, 
die die unübertreffliche Wonne des Masochismus — der Mutter, die 
des Sadismus — dem Sohne liefert. Und so gibt das Märcheu vom 
Mutterherz dem Sexualproblem eine Beleuchtung, die in die tiefsten 
Tiefen seiner Geheimnisse eindringt. In ihm hat sich, wie im 
Volksepos überhaupt, die nicht nachzuahmende Kunst des Volkes, 
mit einigen kräftigen Worten, mit einem kleinen einfachen Bilde, 
das komplizierteste Problem ins Herz zu treffen, offenbart. 


Soziale Hygiene in den Vereinigten Staaten. 

Von Paul Popenoe. 

Geschäftsführender Sekretär der Amerikanischen Gesellschaft für Sozial-Hygiene, 

Neuyork, N. J. 

(Aus dem englischen Manuskript übersetzt 
von Käthe Hoffmann, cand. med., Berlin.) . 

Während der letzten zehn Jahre hat sich in den Vereinigten 
Staaten das ganze Aussehen fast jedes; Problemes, das mit sozialer 
Hygiene verknüpft ist, verändert. Ein großer Teil dieses Umschwun¬ 
ges hat seit Amerikas Eintritt in den Weltkrieg stattgefunden. Diese 
Veränderungen haben die sämtlichen Artikel von Dr. Karl Hen¬ 
ning gänzlich überholt, die in dieser Zeitschrift erschienen sind, 
aber vor dem Krieg geschrieben waren, und die größtenteils auf 
fehlerhaften Erhebungen beruhten, die mehrere Jahre vorher ge¬ 
macht worden sind 1 ). 

Da die Probleme der sozialen Hygiene in allen zivilisierten 
Ländern meistens dieselben sind, kann es für deutsche Wissen¬ 
schafter nicht uninteressant sein, die gegenwärtige Lage in den Ver¬ 
einigten Staaten zu kennen, die zu der von Dr. Henning beschrie¬ 
benen Periode im Gegensatz stehen. Eine der schlagendsten Ver¬ 
änderungen ist die vollständige Abschaffung des Prostituierten- 
Viertels, bei uns bekannt als „Eot-Licht-Distrikt“. Mehr als 250 von 
diesen sind in den letzten 10 Jahren geschlossen worden, und zwar 
mehr als 150 von ihnen auf Veranlassung der Militär-Behörde wäh¬ 
rend des Krieges. Heutzutage gibt es nicht mehr als ein Dutzend 
Städte, wo Prostitution öffentlich von den Behörden geduldet ist, 
und die sind ohne Ausnahme im Rückstand gebliebene Gemeinden 
von geringer Bedeutung. 

Die Tätigkeit des Kriegs-Departements, die diesen Wechsel 
hervorbrachte, erweckte auch die größte Aufmerksamkeit der ameri¬ 
kanischen Öffentlichkeit für die Übel der Prostitution und der vene¬ 
rischen Krankheiten. Ein Bundesgesetz wurde vom Kongreß er- 


*) Prostitution und verwandte Erscheinungen in den Vereinigten Staaten von Nord¬ 
amerika. Juli, August. September 1!)19. 


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Sozialo Hygiene in den Vereinigten Staaten. 25 


lassen, das in einem Umkreis von 10 Meilen von irgendeiner mili¬ 
tärischen Anlage die Prostitution verbot, und infolge der großen 
Zahl von Militär-Lagern in den verschiedenen Staaten und der 
Energie, mit der dies Gesetz von den Justiz- und Militärbehörden 
durchgeführt wurde, kam es, daß nur wenige Orte die Wirkung 
dieses Vorgehens nicht spürten. 

Das Resultat war, daß die öffentliche Prostitution in einem 
Grade selten wurde, den man früher für unmöglich hielt. Obwohl 
ganz allgemein vorausgesagt wurde, daß mit der Demobilisierung die 
Prostitution wieder anfangen würde, haben sich die Verhältnisse 
nicht wesentlich geändert und nirgendswo hat sich eine Rückkehr 
zu der öffentlichen Prostitution der früheren Jahre gezeigt. 

Größtenteils unter dem Einfluß der Militärbehörden und der 
Führer der medizinischen Wissenschaft gaben die Vereinigten 
Staaten offiziell den Gedanken auf, daß die Verbreitung von vene¬ 
rischen Krankheiten durch die medizinische Untersuchung der Pro¬ 
stituierten möglicherweise aufgehalten werden könnte. Diese Politik 
der medizinischen Aufsicht hatte die amerikanische Armee in den 
vorhergehenden Jahren befolgt, und während sie in einigen iso¬ 
lierten Lagern, wie zum Beispiel während der mexikanischen Expe¬ 
dition erfolgreich gewesen war, hat sie sich im allgemeinen in jeder 
geordneten Gemeinde oder in jeder Stadt als Mißerfolg erwiesen. 
Mithin wurde sie aufgegeben, und die Heeresleitung nahm amtlich 
den Standpunkt an, daß der einzige Weg, der Ausbreitung der vene¬ 
rischen Krankheiten Halt zu gebieten, der war, den Prostitutions¬ 
betrieb zu verhindern und die Prostitution selbst so weit wie mög¬ 
lich abzuschaffen. 

Die Gründe, die die medizinische Untersuchung der Prostitu¬ 
ierten in Mißkredit gebracht haben, mögen, wie folgt, kurz zu¬ 
sammengefaßt werden: 

1. Die Aufgabe, eine venerische Krankheit zu diagnostizieren, 
ist zu schwierig für einen Arzt, der nicht sachverständig, tüchtig 
und genügend ausgebildet ist, um genaue bakterielle Untersuchun¬ 
gen anzustellen. Solch ein Arzt aber ist im allgemeinen nicht ge¬ 
willt, ein Untersucher von Prostituierten zu werden. 

2. Inkompetente, skrupellose Ärzte, die gern das Geschäft 
machen wollen, sind leichtfertig und der beständigen Versuchung 
des Betruges zugänglich. 

3. Es ist nicht schwierig für eine erfahrene Prostituierte, die 
tatsächlich infektiös ist, sich Spülungen so zu machen, daß sie auch 
bei einer ordnungsmäßigen Untersuchung scheinbar frei von An¬ 
steckungsfähigkeit ist. 

4. Eine Prostituierte, die Syphilis oder Gonorrhöe hat, aber 
vom untersuchenden Arzt für nicht infektiös erklärt worden ist, 
kann gleich danach infektiös werden, vielleicht bewirkt als Resul¬ 
tat von Manipulationen bei der Untersuchung. 

5. Die Untersuchung von so geübten Prostituierten kann neue 
Infektionen bei anderen Prostituierten durch die Instrumente der 
Untersucher erzeugen. 


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26 


Paul Popenoe. 


6. Eine Prostituierte, die nicht selbst erkrankt ist, kann den¬ 
noch die Infektion von einem rhrer Kunden auf einen anderen über¬ 
tragen. 

7. Auch wenn genaue Untersuchungen angestellt werden und 
man die Prostituierten für krankheitsfrei hält, ist der Wert dieser 
Untersuchungen klein, so lange nicht auch die Kunden der Prosti¬ 
tuierten derselben Untersuchung unterzogen werden. 

8. Die Untersuchung der Prostituierten mit der Feststellung 
von Infektionsfreiheit gibt deren Besuchern ein falsches Gefühl von 
Sicherheit, das sie veranlaßt, dem Geschlechtsverkehr sich zwang¬ 
loser hinzugeben oder zu versäumen, hygienische Prophylaxe oder 
ähnliche Vorsichtsmaßregeln zu gebrauchen. 

9. Eine Prostituierte, die für nicht infiziert befunden wird, kann 
5 Minuten nach der Untersuchung infiziert werden und noch vor 
der nächsten Untersuchung Dutzende von Männern der Infektion 
aussetzen. 

Die Untersuchung der „Rotlicht-Distrikte“ zur Zeit, als sie ge¬ 
schlossen wurden, ergab, daß sie in jedem Falle Seuchenherde von 
venerischen Krankheiten waren und daß es mehr Infektionen unter 
den ärztlich untersuchten Prostituierten in diesen isolierten Vier¬ 
teln gab als unter unkontrollierten Prostituierten. Als Illustration 
dieser ziemlich umfangreichen Untersuchungen diene folgendes: 

Unter von der Polizei arretierten nicht kontrollierten Prosti¬ 
tuierten hatten ungefähr drei Viertel wenigstens eine der vene¬ 
rischen Krankheiten. Die tatsächlichen Zahlen in 4 Serien von 
Untersuchungen sind folgende: 

1. Von 466 Mädchen, untersucht in der „Bedforder Besserungs¬ 
anstalt“, waren nur 50 frei von allen venerischen Krankheiten. 
89,3% waren krank. (Vedder, Svphilis and public health 
P. 48, 1918.) 

2. In Massachusetts waren von 90 Mädchen, die die Laufbahn 
der Prostitution antraten, 56 oder 67% infiziert. (Massachu¬ 
setts Report on the White-Slave Traffic, So Cal- 
led P. 46, 1914.) 

3. Von 114 Frauen, untersucht von der Gesundheitsbehörde in 
Newport-News Kt. waren 73,7% infiziert. (Smith, Report of 
Tide water. Social hygiene Demonstration 1919.) 

4. Von 6000 Frauen, untersucht in 8 Staaten, hatten 70,1% 
Syphilis oder Gonorrhöe, oder beides. (Report of Progreß, 
Field Service, Interdepartemental Social Hygiene 
Bo ad. Washington, D. C. von 1. März bis 1. Mai 1919.) 

In vier gleichfalls verläßlichen Serien von Untersuchungen, 
veranstaltet im „Rotlicht-Bezirk“, wurde beinahe jede Prostituierte 
als krank befunden. Die Einzelheiten sind folgende: 

1. (A Sociological, Neurological, Serological and 
Psychiatry Study of a G-roup of Prostitutes, Dr. Jana- 
ton Ball and Dr. Haywood G. Thomas, American Journal of 
Insanity, April 1918.) Dieser Bericht betrifft 320 Prostituierte 
an der Barbary Coast, San Francisco, Californien, die während der 


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Soziale Hygiene in den Vereinigten Staaten. 


27 


Arbeitsstunden untersucht wurden. Die Untersuchung' bezog sich 
nur auf Syphilis und zeigte 97 °/o Erkrankte. 

2. (Report of Baltimore, Vire Commission, The 
Survey March 25, 1916.) 

Dies ist ein Bericht über Syphilis und Gonorrhöe bei 289 Pro¬ 
stituierten des Baltimore-Rotlicht-Bezirks, erstattet unter Leitung 
von Dr. George Walker. Es waren 96% infiziert. 

3. Bericht von Charles L. Miller an die War-Department 
Commission on Training Camp Arlinilies, Februar 1919, der die Re¬ 
sultate einer Razzia im Rotlicht-Bezirk in Pottsvlle, Pa., widergibt. 
Von 31 Frauen in Freudenhäusern waren 81% infiziert. 

4 f Bulletin of the Detroit Board of Health, P. 2. bis 
6. März 1916. Die Untersuchung von 224 Prostituierten vom Detroit- 
Rotlicht-Bezirk auf Syphilis und Gonorrhöe zeigte, daß 94% er¬ 
krankt waren. 

Dem sei hinzugefügt als ein Faktor, der den Wert der Absonde¬ 
rung der Prostituierten so fragwürdig macht, die den europäischen 
Sachverständigen wohlbekannte Tatsache, daß die Polizei niemals 
alle Prostituierten einer Stadt in einem besonderen Viertel sam¬ 
meln kann. So wurde in San Francisco geschätzt, daß nur 30% der 
Prostituierten in dem abgesonderten Bezirk waren. In Dallas, Texas 
fand man als Ergebnis einer durchaus sorgfältigen Übersicht, daß 
nur 20% der Prostituierten im Rotlicht-Bezirk waren. 

Solche Untersuchungen wie diese führten die amerikanischen 
Behörden dazu, einen Feldzug zur Unterdrückung der ganzen Pro¬ 
stitution zu beschließen und bewogen die amerikanische Öffentlich¬ 
keit, diesen Feldzug begeistert zu unterstützen. Soweit sind die 
Resultate gleichförmig gut in der Meinung eines jeden, der ein 
sorgfältiges Studium des Gegenstandes gemacht und der nicht durch 
Vorurteile verblendet ist. 

Dieser Feldzugsplan hat in vielen Staaten zur Annahme von 
strengen Gesetzen geführt, so daß in einer großen Menge von Ge¬ 
meinden sogar jeder Einzelfall von Geschlechtsverkehr außerhalb 
der Ehe mit Strafe bedroht ist, ohne Rücksicht, ob eine Absicht 
zu zahlen vorhanden gewesen ist oder nicht. Soweit ist kein euro¬ 
päisches Land in der Gesetzgebung gegangen. Ich lasse eine Zu¬ 
sammenfassung der Staatsgesetze folgen, die jeden einzelnen Akt 
von illegitimem Geschlechtsverkehr als strafrechtlich zu ahnendes 
Delikt erklären. 


Unzucht Höchste Strafe 

Connecticut 100 $ oder 6 Monate oder 
beides 

Florida 30 8 

Hawai 15—50 $, 1—3 Monate 

Kentucky 20—50 $ 

Maine 100 $ oder 60 Tage 

Massachusetts 30 $ oder 3 Monate 
Minnesota 100 $ oder 90 Tage (wenn 

keine Nachkommenschaft) 
New Hampshire 50 $ oder 6 Monate 


Ehebruch Höchste Strafe 
Connecticut 5 Jahre Zuchthaus 

District of Co- 

lum bia 500 $ oder 1 Jahr oder beides 

Hawai Männer 30—100 $; 3 bis 

12 Monate oder beides. 
Frauen 10—30 $ oder 
2—4 Monate 

Idaho 100 $ oder 3 Monate Ge¬ 

fängnis oder 3Jahre Zucht¬ 
haus oder 1 Jahr Ge¬ 
fängnis oder 1000 $ 


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Paul Popenoe. 


Unzucht 


Höchste Strafe 


New Jersey 50 8 oder 6 Monate (Per¬ 
sonen von 16—25 unbe¬ 
stimmtes Urteil oder drei 
Jahre State Reformator}) 
North Carolina 200 8 oder 6 Monate oder 
(Im Hotel oder beides 
Logierhaus) 

North Dakota Personen über 18: 100 $ 
oder 30 Tage oder beides. 
Jugendliche als jugend¬ 
liche Verbrecher zu be¬ 
handeln. 


Pennsylvania 
Rhode Island 
Utah 
Virginia 


West-Virginia 
Wisconsin 


100 8 
10 8 

100 8 oder 6 Monate 
20 $ (wenn mit einer Person, 
der verboten zu heiraten 
500 $ oder 6 Monate) 

20 S 

100 8 oder 6 Monate oder 
beides (wenn Mädchen 
unter 21 Jahren und vorher 
der Mann keusch, bestraft 
mit 4 Jahren Staats-Ge¬ 
fängnis oder 200 $ oder 
beides) 


Ehebruch 

Jowa 

Kansas 

Kentucky 

Maine 

Maryland 

Massachusetts 

Michigan 

Minnesota 
Nebraska 
NewHampshire 
New Jersey 
New York 

North Dakota 

Oklahoma 

Oregon 

Pennsylvania 
Portorico 
Rhode Island 
South Dakota 
Utah 
Vermont 

Virginia 
Washington 
West Virginia 
Wisconsin 


Höchste Strafe 

3 Jahre Zuchthaus oder300 $ 
und 1 Jahr Gefängnis 
500 8 oder 6 Monate oder 
beides 

25—50 8 

1000 8 oder 5 Jahre 
10 8 

3 Jahre Zuchthaus oder zwei 
Jahre Gefängnis oderöOOS 
3 Jahre Zuchthaus oder ein 
Jahr Gefängnis oder 500 § 

2 Jahre Zuchthaus oder 300 S 

1 Jahr Gefängnis 

1—3 Jahre oder 500 8 
bestraft wie ein Fehltritt 
250 8 oder 6 Monate oder 
beides 

1—3 Jahre Zuchthaus oder 
1 Jahr Gefängnis oder 
500 8 oder beides 
500 8 oder 5 Jahre oder 
beides 

6 Monate bis 2 Jahre Zucht¬ 
haus oder 3 Monate Ge¬ 
fängnis oder 200—1000 8 
500 8 oder 1 Jahr oder beides 
1—5 Jahre oder 2000 8 
500 8 oder 1 Jahr 
5 Jahre oder 5008 oder beides 

3 Jahre Zuchthaus 

1000 8 oder 5 Jahre oder 
beides 

20 8 oder 6 Monate oder 500 8 

2 Jahre oder 1000 8 
20 8 

200— 1000 8 oder 1—3 Jahre 


In folgenden Staaten ist sexueller Verkehr außerhalb der Ehe 
strafbar, wenn er gewohnheitsmäßig ausgeübt wird, aber der ein¬ 
zelne Fall ist nicht genügend, um die Schuldig-Erklärung zu be¬ 
wirken: 


Unzucht: Alabama 

Ehebruch : Alabama 

Colorado 

Arizona 

Georgia 

California 

Indiana 

Colorado 

Michigan 

Florida 

Mississippi 

Georgia 

Montana 

Illinois 

Nebraska 

Indiana 

Ohio 

Missouri 

South-Carolina 

Montana 

Texas 

Ohio 

Wyoming 

South-Carolina 

Texas 

Wyoming 


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Soziale Hygiene in den Vereinigten Staaten. 


29 


Ein Gesetz von diesem strengen Charakter stellt nicht nur ein 
Ergebnis der zwingenden Notwendigkeit während des Krieges dar. 
Denn nachträgliche Gesetze sind auch während des letzten Jahres 
in einzelnen Staaten durchgegangen. In vielen Staaten wird nur der 
weibliche Teil für ein derartiges Vergehen bestraft, aber die ständig 
wachsende Tendenz in der amerikanischen Gesetzgebung ist, die 
Strafe auf beide Geschlechter auszudehnen. Folgende Staaten er¬ 
ließen 1915) Gesetze, die den Mann und die Frau in Füllen von Un¬ 
zucht gleichmäßig bestrafen: Connecticut, New Hampshire, North 
Dakota, Vermont, Delaware, New York, Ohio, Wisconsin, Maine, 
North Carolina, Rhode Island. ' 

Als eine der wirksamsten Maßnahmen bei der Bekämpfung der 
Prostitution in den Vereinigten Staaten hat sich das sogenannte 
„Rotlicht-Verbot“ (Redlight - Injunktion) und das „Beseitigungs¬ 
gesetz“ (Abateinart Law) erwiesen. Dies orduet an, daß der Besitzer 
eines Hauses, in dem Prostitution ausgeübt wird, mehr unter dem 
Zivil- als unter dem Strafgesetz verfolgt wird. Wenn die Beschul¬ 
digung erwiesen ist, wird sein Haus von der Polizei für eine be¬ 
stimmte Zeit, gewöhnlich 1 Jahr, geschlossen und jegliche Be¬ 
nutzung verboten. Die meisten amerikanischen Staaten haben jetzt 
solches Gesetz. Alamha, Delaware, New Hamsliire und North 
Carolina haben es im Jahre 1919 angenommen; das braucht indessen 
micht oft in Kraft zu treten, da schon seine Existenz die Haus¬ 
besitzer veranlaßt, sorgfältig aufzupassen, und die Aufgabe der 
Polizei wird so ganz bedeutend erleichtert. Das Durchsetzen des 
Alkohol-Verbotes hat die Aufgabe, die Prostitution zu unter¬ 
drücken, noch mehr erleichtert. Der Zusammenhang zwischen Al¬ 
kohol und Prostitution ist allgemein bekannt, und es ist in der Tat 
in den Vereinigten Staaten nachgewiesen worden, daß das Verbot des 
Verkaufs von alkoholischen Getränken den Umfang der Prostitu¬ 
tion unmittelbar verringert. 

Während des Krieges richtete das Heer ein System von medi¬ 
zinischer Prophylaxe gegen venerische Krankheiten ein, indem 
ein jeder Soldat, der mit einer Prostituierten zusammengewesen 
war, gezwungen wurde, sich bei dem „Medicinal Department“ zu 
melden und ein Desinfektionsmittel in Empfang zu nehmen. Bei Ver¬ 
säumnis wurde er vors Kriegsgericht gestellt, während, wenn ein 
Soldat sich als geschlechtskrank bekannte, er nur die Aufenthaltszeit 
im Hospital bezahlen mußte. Unter militärischer Disziplin und in 
Verbindung mit einem nachdrücklichen Aufklärungs- und Be¬ 
handlungs-Programm, das in der Armee durchgeführt wurde, 
wird dieses System einer medizinischen Prophylaxe von den Mili¬ 
tärbehörden als außerordentlich erfolgreich angesehen. Von den 
Zivilbehörden ist es jedoch nicht angenommen worden, mit Aus¬ 
nahme von 1 oder 2 Plätzen, wo es nicht auffallend erfolgreich ge¬ 
wesen ist. Man hat allgemein gefunden, daß Männer sich solcher 
Behandlung nicht unterziehen wollen, wenn sie nicht durch mili¬ 
tärische Gewalt dazu gezwungen werden, da sie lästig und oft be¬ 
schwerlich ist ;> Überdies, ein hinreichendes System von Stationen 
mit geübten Ärzten einzurichten, die den Auftrag haben, für die 
Prophylaxe in einer Stadt zu sorgen, ist eine kostspielige Sache. 


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30 Paul Popenoe. 


und die meisten Gemeinden glauben, daß bessere Erfolge erzielt 
werden, wenn man die entsprechende Geldsumme in anderer Weise 
ausgibt. 

Obwohl die zur Bekämpfung venerischer Krankheiten auf¬ 
gewendeten Summen während der letzten Jahre in den Vereinigten 
Staaten nicht erheblich gewesen sind, haben sie genügt, große Re¬ 
sultate zu erzielen. Im Jahre 1918 bewilligte der Kongreß dem 
„United States Interdepartmentei Social Hygiene Board“ für die 
Dauer von 2 Jahren 4100000 $, und die von verschiedenen Staaten 
und Städten bewilligten Summen erreichen die Gesamthöhe von 
10 Mill. Dollar während dieser Zeit. Man nimmt im allgemeinen 
an, daß dieser Aufwand eine gute Kapitalsanlage für die Nation 
ist. Mehr als 60000 industrielle Körperschaften haben als Norm 
ein Programm angenommen, das gemeinsam von der „United 
States Public Health Service“ (ein amtliches Bureau) und der 
„American Social Hygiene Association“ (eine freiwillige Organi¬ 
sation) angeordnet ist. Auf diese Weise ist für mehr als V* Mill. 
Arbeiter durch ein geschlechtlich-hygienisches Aufklärungs-Pro¬ 
gramm gesorgt worden, das energisch durchgeführt worden ist, da 
die Arbeitgeber glaubten, daß es in ihrem Interesse sei, venerische 
Krankheiten unter ihren Arbeitern zu bekämpfen, und daß so die 
Leistung ihrer Betriebsanlage wachse. 

Während Prostitution und Geschlechtskrankheiten in Ver¬ 
bindung mit sozialer Hygiene die Öffentlichkeit in den letzten Jah¬ 
ren am meisten beschäftigt haben, erkennen wir, daß sie nur ein 
Teil, und in gewissem Sinne ein kleinerer Teil des ganzen sozial¬ 
hygienischen Programms sind. Als Hauptzweck der sozialen Hy¬ 
gienen wird von den amerikanischen Sachverständigen die Erhal¬ 
tung und das Fortbestehen der Familie als einer sozialen Einheit 
angesehen in der Weise, daß sie so viel wie möglich zu der fort¬ 
schrittlichen Entwicklung der menschlichen Rasse und zu dem Glück 
und der Leistungsfähigkeit ihrer einzelnen Mitglieder beitragen soll. 

Im großen könnte das gewaltige Feld folgendermaßen ein¬ 
geteilt werden: 

I. Notwendige Bedingungen, eine normale Familie zu erzielen: 

a) Paarungsform: lebenslängliche Monogamie, das wohl¬ 
begründete Ideal der westlichen Zivilisation; 

b) Gattenwahl: persönliche Übereinstimmung und normale Erb¬ 
anlage notwendig; 

c) Heirat: früh, sorgfältig überlegt, förmlich anerkannt vom 
Staat; 

d) Zeugungswille: muß kräftig sein in den oberen Schichten 
der Bevölkerung (3 oder 4 Kinder sind notwendig, um die Bevöl¬ 
kerung bei gleicher Zahl zu erhalten) und weniger in den niederen 
Schichten; 

e) Persönliche Gewalt: muß die Persönlichkeits-Entwicklung 
uud -Auswirkung aller Familienmitglieder, junger wie alter, mög¬ 
lichst günstig gestalten. 

II. Umstände, die auf das normale Familienleben störend ein¬ 
wirken: 


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Soziale Hygiene in den Vereinigten Staaten. 31 


a) Ehelosigkeit und das asketische Ideal; 

b) voreheliche Unenthaltsamkeit; 

c) zu späte Heirat; 

d) gestörtes Familienleben (Verlassen, Scheidung); 

e) Prostitution; 

f) venerische Krankheiten; 

g) Unfruchtbarkeit; 

h) physische und geistige Minderwertigkeit; 

i) zu geringer Zeugungswille in den oberen Schichten; 

j) übertriebener Zeugungswille in den unteren Schichten; 

k) illegitime Elternschaft; 

l) Abortus; 

m) Rassenvermischung; 

n) ungünstige Außen Verhältnisse für die Familiengemeinschaft; 

o) schlechtes Anpassen des einzelnen an die äußeren Umstände. 

in. Soziale Mittel zur Beeinflussung der Bedingungen für 

ein gesundes Familienleben: 

a) Aufklärung (Kinder, Erwachsene, Heiratsfähige, Eltern); 

b) Gesetz (Schutz, Verbot, Reform); 

c) ökonomische Reformen; 

d) Gemeinde-Organisation (Wiedergeburt); 

e) Religion. 

Jede der auf gezählten abnormen Formen kann von einem 
wohlüberlegten Feldzugsplan angegriffen werden. Das Programm 
der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, das allgemein als der 
„amerikanischen Plan“ bekannt ist, kann man als Musterbeispiel an¬ 
führen, wie ein bestimmtes Problem, wenn von allen Seiten ange¬ 
griffen, gelöst werden kann. 

In Amerika werden die venerischen Krankheiten als meistens 
durch die gewerbsmäßige Prostitution verbreitet und wesentlich 
als ein Problem der medizinischen Hygiene angesehen. Der „ame¬ 
rikanische Plan“ schlägt vor, gegen ihre Verbreitung 4 Dämme zu 
ziehen: 

1. Gesunde sexuelle Ertüchtigung an Stelle der ungesunden 
sexuellen Lebensführung. 

2. Sexuelle Aufklärung, um jedermann ein Verständnis von der 
Bedeutung des Geschlechtslebens zu geben; sie ist von großem Wert, 
wenn richtig angewendet, aber sehr gefährlich, wenn mißbraucht. 

3. Gesetzlicher Zwang, um die Ausbeutung des Geschlechtstrie¬ 
bes zu Geschäftszwecken, oder den Kauf und Verkauf des Ge¬ 
schlechts zu verhindern und dadurch die Zahl derjenigen zu ver¬ 
kleinern, die sich einer venerischen Infektion aussetzen. 

4. Medizinische Maßnahmen, um diejenigen infektionsfrei zu 
machen, die einmal infiziert worden sind, damit sie nicht die Krank¬ 
heiten an andere übertragen. 

(Schluß folgt.) 


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32 Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


Kleinere Mitteilungen, Anregungen und 
Erörterungen*). 

Aus dem kindlichen Sexualleben. 

Von Dr. Karl Weiß (Wien). 

Die Erkenntnis vom Sein und Wesen der kindlichen Sexualität gehört heute zum 
gesicherten Besitzstand der Psychoanalyse, und sie wird durch; ein fast schon unüber¬ 
sehbares Material gestützt. Trotzdem ist, schon im Hinblick auf die noch immer ab¬ 
lehnende Haltung vieler Ärzte und Erzieher, jeder neue Beitrag zu diesem Thetaa will¬ 
kommen; besonders dann, wenn er wie der Fritz van Raalics’ (Internationale 
Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, Jahrg. V, 1919, H. 2) die Erfahrungen eines 
Pädagogen wiedergibt. Wir erfahren aus ihnen sowohl von ganz unverhülltcn Äuße¬ 
rungen kindlicher Sexualität schon bei ganz kleinen Kindern, wie von ihrer ausgepräg¬ 
ten Schau- und Exhibitionslust und von der infantilen Masturbation. Weiter ver¬ 
mittelt uns K.s Mitteilung einen interessanten Einblick in das infantile Seelenleben 
des holländischen Dichters Bilderayk. Autobiographische Bemerkungen lassen uns ihn, 
ebenso wie Zitate aus seinen Werken, deutlich als Neurotiker erkennen und zeigen 
zwingend den Zusammenhang zwischen seiner Neurose und seiner überstarken infan¬ 
tilen Sexualentwicklung. Einen eindrucksvollen Beweis von den verheerenden Wir¬ 
kungen unverständiger Erziehung einerseits und von kluger Hilfe durch psychoanalytisch 
geschultes Eingreifen andrerseits bringt uns der Bericht von Frau Professor Frost 
(Bonn) über den kleinen Hausemann (ibid.). Der siebenjährige Knabe, dessen Trieb¬ 
leben durch das unverständige Verhalten seiner Mutter in Verwirrung gebracht ist, 
kommt im Streben nach Abfuhr der gesetzten Erregungen zur Masturbation, an die 
sich naturnotwendig ein ausgeprägtes Schuldgefühl anschließt. Es drückt sich in Ent¬ 
sühnungsversuchen durch ausgedehnte Kircligänge aus, die eingestandenermaßen den 
Zweck verfolgen, dein Kinde den vermeintlich verscherzten Zutritt zuta Himmel wieder 
zu erwerben. Aufklärung und Einwirkung im Sinne der Erhöhung des Selbstgefühls 
stellen — für den Augenblick wenigstens — das Gleichgewicht wieder her. Interessant 
ist die Beobachtung der Frau Dr. Helene Deutsch (ibid.) an einem zweijährigen 
Knaben, aus der wir von infantilen Libidoschicksalen erfahren. Im Anschlüsse an den 
Verlust einer geliebten Kinderfrau kommt es bei dem Kinde zu einem Rückfall in die be¬ 
reits aufgegebene Lustgewinnung aus der Exkretion und einem gleichzeitigen Wieder- 
erwaclion der ExkretWertschätzung, die sich darin äußert, daß die Exkretion nunmehr der 
Mutter zuliebe — die den Ersatz für das verlorene Liebcsobjekt darstellt — vorgenommen 
wird. Hand in Hand mit diesem Kampf um die Libido geht, die Verweigerung der Auf¬ 
nahme von Nahrung. Es stellt sich ein Ichtrieb ausschließlich in den Dienst der in¬ 
fantilen Sexualäußerung und bleibt mit ihr solange enge verknüpft, bis mit einer neuen 
Objektbesetzung die Libido des Knaben auf ihn verzichtet und ihm wieder gestattet, 
seine biologische Funktion zu erfüllen. 

Aus der Rubrik „Vota wahren Wesen der Kinderseele“, die in Imago, Zeitschrift 
für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften, ihren ständigen Platz 
hat, sei (V. Jahrg., 1919, H. 2) ein Beitrag von Dr. Hug-Hellmuth erwähnt, der 
zeigt, wie sich jene gefühlsmäßige Bindung des Kindes au den Vater, die dem Psycho¬ 
analytiker als Ödipuskomplex vertraut ist, in solchen Fällen äußert, die durch Trennung 
der elterlichen Ehe das Verbleiben der Kinder unter mütterlicher Obhut und Erziehung 
bedingen. Man sollte erwarten, daß mit der Abwesenheit des Vaters auch dessen Be¬ 
deutung für das zurückbleibende Kind — namentlich wenn die Entfernung in dessen 
früheste Kindheit fällt — aufhören müßte. Indessen zeigt die Erfahrung das Gegen¬ 
teil. Zunächst bleibt in der Seele des Knaben, der drei Jahre alt war, als die Ehe der 
Eltern getrennt wurde, eine zärtliche Sehnsucht nach dem Vater lebendig. Sie schlägt 
erst in ausgesprochenen Haß um, als er, in. seinem sechsten Lebensjahre etwa, durch 
Zufall erfährt, daß der geliebte Vater ihn und die Mutter einfach i'm Stiche gelassen 
habe. Wie ursprünglich und stark dieser Haß ist, geht überzeugend aus einer Bemer¬ 
kung des Kindes hervor: „Wenn ich groß bin und mein Papa alt ist und zu mir betteln 
kommt, werde ich sagen: Ich gebe dir nichts, denn wie ich klein war, hast du dich 
auch nicht um mich und um die Mutter gekümmert. Geh* nur wieder fort.“ Bemerkens- 

*) Für die in dieser Rubrik erscheinenden Aufsätze übernimmt die Schriftleitung 
ein für allemal keine andere als die preßgesetzliche Verantwortung! 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 33 


wert ist nebst diesem Ausbruch des kindlichen Hasses die zugleich auftretende Ver¬ 
geltungsphantasie, die den Vater als Bettler wiederkehren läßt. Wie sehr indes trotz 
allem die Liebe zum Vater noch in dem Kinde wirkt, ist aus seinem aufgeregten Ver¬ 
halten zu erkennen, als es auf einer Reise mit der Mutter die Stadt berührt, in der der 
Vater wohnt, und aus der Art, wie es bei der Mutter für den Vater wirbt: „Wenn wir 
nach X. fahren, mußt du aber ein schönes Kleid anziehen, damit du dem Papa gefällst, 
wenn wir ihn sehen.“ Es darf einem der Gedanke aufsteigen, daß es des Zusammen¬ 
treffens mancher günstigen Umstände bedürfen wird, um diesem Kinde das Schicksal 
der späteren Neurose zu ersparen. 


Onanie bei Hunden. 

Von Dr. S. Galant. 

La civilisation corrompe tout jusqu’aux änes. 

(Alexander Dumas: lrapressions de 
voyage cn Suisse.) 

Vor einem Jahre habe ich zum ersten Male in Genf beobachtet, wie ein Hund 
onaniert. Der Hund, von dem die Rede ist, nahm eine nicht ganz sitzende Haltung 
auf den Hinterpfoten ein, eine Haltung, die mehr einem Zusammenkauern glich und 
rieb den in Erektion sich befindenden Penis gegen die» Bauchfläche. Die rhythmischen 
Bewegungen sowie die Erectio penis zeugten dafür, daß es sich nicht um unschuldige 
Kratzbewegungen, sondern um Onanie handelte. 

Ich habe diese Beobachtung nicht veröffentlicht und wartete auf weitere Beob¬ 
achtungen dieser Art. Eine einzige Beobachtung ist nicht von Belang, wenn sie auch 
sehr wertvoll ist, und dazu habe ich noch nie gehört oder gelesen, daß Tiere onanieren, 
was mir aus fremdem Munde sehr unwahrscheinlich geklungen hätte. Ich könnte mir 
schwerlich vorstellen, wie Tiere onanieren und besonders wie diese Tiere auf die Onanie 
kommen, denn selbst Kinder kommen auf die Onanie nicht von selbst, sondern haupt¬ 
sächlich durch Verführung. Ich mußte also weitere Beobachtungen haben, um die 
einigen Zweifel, die bei mir über meine erste Beobachtung bestanden haben, ganz zu 
zerstreuen. 

Seit der obenerwähnten Beobachtung bin ich in mehreren Städten der Schweiz, 
auf dem Lande, in den Bergen gewesen und konnte onanierenden Tieren nicht begegnen. 

Vor einigen Tagen aber (20. Februar 1920) gönnte es mir der Zufall, wiederum 
einen Hund onanieren zu sehen und wiederum in GenfI Dieser andere Hund führte 
seine Onanie genau wie sein Prototyp aus, war aber nicht auf den Hinterpfoten zu- 
samraengekauert, sondern mehr stehend und einen Katzenbuckel mit seinem Hinter¬ 
körper bildend und wollte sich mehr künstlerisch als sein Vorgänger erweisen, indem 
er eine Art Autocoitus per os zu erreichen strebte. Er trachtete, seinen beträcht¬ 
liche Dimensionen angenommenen Penis in das Maul zu bekommen, konnte ihn aber nur 
einen Augenblick belecken, weil er dabei sehr unbequeme Körperhaltungen einnehmen 
mußte. 

Diesmal machte auf mich das Bild einen abscheulichen Eindruck. Es war gegen 
Mittag und in der Nähe einer Primarschule. Die älteren Schulknaben, die vorbeigegangen 
sind, hatten eine außerordentliche sexuelle Freude beim Anblick des ona¬ 
nierenden Hundes. Sie zeigten sich einander den onanierenden Hund mit lautem Ge¬ 
lächter, und Inancher Knabe wälzte sich auf dem Boden vor lauter Freude . . . 

Es handelte sich bei beiden Beobachtungen um kleine nied¬ 
liche Schoßhunde, und in beiden Fällen in Genf! Wir können diese 
beiden Umstände nicht dem bloßen Zufalle zuschreiben und sehen in beiden Fällen eine 
»Kulturwirkung“ der Menschen auf die Tiere. Die Eigentümer dieser Hunde haben wir 
nicht gesehen, wir werden uns aber kaum irren, wenn wir behaupten werden, daß beide 
onanierende Hunde „gebildeten“ Damen angehören. 

Die Zivilisation verdirbt alles, selbst die Esel, rief Dumas halb scherzhaft aus, 
nachdem er die Geschichte eines Esels (seiner Krankengeschichte nach neurotischen Esels), 
dem er auf seiner Reise in der Schweiz begegnete, erzählt hat. Es handelte sich um einen 
Esel, der eine ungewöhnliche Wasser- und Feuerphobie hatte, der also z. B. nicht zu 
bewegen war, eine kleine Pfütze zu überschreiten, und der über eine solche hinüberge¬ 
tragen werden mußte, oder der Esel ging sie um. La civilisation corrompe tout jus¬ 
qu’aux änes war bei diesem Anlaß scherzhaft ausgerufen, es könnte aber dasselbe besondere 
Zeitschr. £. Sexualwissenschaft VIL 1. 3 


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34 


Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


auf unsere Fälle angewendet mit allem. Ernst gesagt werden. Wollen Sie wissen, wie der 
Esel seine Neurose bekommen hat? Hören Sie zu. 

Zwei Touristen verirrten sich in den Bergen und übernachteten bei einem Bauer, 
bei dem sie einen Esel bemerkten, der ihr Gefallen gefunden hat. Sie haben es erwirkt, 
daß der Bauer ihnen seinen Esel gegeben hat, auf dem sie bis zum nächsten Dorfe oder 
nächsten Stadt abwechselnd reiten wollten, und den sie an ihr Ziel angelangt dein Bauer 
zurückschicken wollten. Auf den Fall, daß dem Esel unterwegs etwas passieren sollte und 
er dem Bauer nicht zurückgegeben werden könnte, bezahlten die Touristen dem Bauer den 
Wert des Esels. Die Touristen benutzten den Esel nicht zum Reiten, sondern da es 
Winter und kalt war, um — sich zu wärmen. Sie machten auf dem Rücken des Esels 
einen Scheiterhaufen, trieben den Esel vor sich und hatten auf solche Weise ein „beweg¬ 
liches“ Feuer, das sie wärmen sollte. Um den Esel der Wirkung des Feuers zu entziehen, 
wurde der Scheiterhaufen auf einer dicken Schicht von Schnee und nassen Spänen ge¬ 
legt. Unsere Touristen haben sich genug gewännt, haben sich in eine interessante Dis¬ 
kussion vertieft und vergaßen den Esel lnit seinem Scheiterhaufen. Unterdessen hat das 
Feuer den Esel und nicht mehr die Touristen gewärmt. Der Schnee war geschmolzen, die 
nassen Späne nahmen Feuer, und dem Rücken des Esels wurde es höllenmäßig heiß. 
Der Esel hat seine philosophische Ruhe verloren, fing an zu wiehern und im Trab davon¬ 
zulaufen. Die Touristen sind auf den Esel aufmerksam geworden, es war aber zif spät. 
Sie konnten ihn nicht Inehr einfangen, so schnell mußte der Esel, durch das Feuer ange¬ 
feuert, laufen, bis er einen Abhang herunterpurzelte, in einen Bach fiel, wo er das Feuer 
löschen konnte. Der Bauer fand seinen Esel beim Bach, erkannte aber nicht inehr sein 
immer so gut gewilltes Tier. Das Tier bekam seine Wasser-Feuerphobie und konnte 
nicht mehr gut gebraucht werden. 

Der Esel hat seine Neurose von Menschenhand bekommen, und unsere Hunde ver¬ 
danken gewiß ihre Onanie der Kulturwirkung gebildeter Damen. Wenn man den ge¬ 
bildeten Damen nicht verbieten kann, Schoßhunde zu haben und diese auf ihre Weise zu 
erziehen, so kann man ihnen verbieten, ihre Hunde allein auf der Straße zu lassen, uin 
die Produkte ihrer Erziehung aller Welt zu zeigen. Man gibt sich soviel Mühe, um die 
Kinder zu erziehen und sie schädlichen Wirkungen zu entziehen, man weiß aber nicht 
einmal, welche Gefahr unsere Kinder auf der Straße laufen seitens solcher Sprößlinge, 
wie es die Schoßhunde gebildeter Damen sind. Wahrlich, wir sollten unsere Kinder ge¬ 
nug lieben können, um nicht zu erlauben, daß die zivilisierten Damen ihre zivilisierten 
Hunde allein auf der Straße stehen lassen. 

N a c h t r a g. 

Der Redakteur dieser Zeitschrift hatte die Liebenswürdigkeit, nach dem Empfange 
meines Manuskripts mich darauf aufmerksam zu machen, daß die Onanie bei Hunden 
etwas durchaus Gewöhnliches, beliebig oft zu Beobachtendes sei, und eine „Kultur“- 
Erscheinung wohl nur insofern, als sie oft die Folge der Abstinenz ist, zu der Zimmer¬ 
hunde verurteilt zu sein pfiegen. Er meint weiter, daß die Onanie bei Hunden schon 
mehrfach in der Literatur erwähnt worden sei. 

Ich habe keinen Grund, Marcuse nicht zu glauben, daß die Onanie bei Hunden 
so weit verbreitet sei, daß man sie beliebig oft beobachten kann. Es wäre nur sehr auf¬ 
fallend, warum gerade ich, der den größten Teil meines Lebens in Großstädten zuge¬ 
bracht und eine Neigung, zu beobachten, habe, bis vor einem Jahre keinen onanierenden 
Hunden begegnet bin. Nun, das könnte schließlich Zufall sein. Was aber die Bemer¬ 
kung Marcus es anbelangt, daß die Onanie bei Hunden nur insofern eine „Kultur“- 
Erscheinung sei, als die Hunde der Großstädte zur Abstinenz verurteilt seien, so muß 
ich sagen, daß, wenn ich auch dieses Argument mit absoluter Sicherheit nicht aus¬ 
schließen kann, da es selbst eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich hat, noch eine 
andere Art „Kulturwirkung“, über die ich von einem glaubenswürdigen Augenzeugen 
unterrichtet bin, in Frage kommt, übrigens sind nicht nur Hunde, sondern auch andere 
Tiere, wie z. B. Katzen, einer solchen Abstinenz wie Hunde verurteilt, und bei Katzen 
ist Onanie, soweit mir bekannt ist, nicht beobachtet worden. Das Argument der Absti¬ 
nenz allein kann also die Onanie bei Hunden nicht erklären. G. 

Bemerkungen des Schriftleiters zu den vorstehenden Ausführungen 

Dr. Galants. 

Die Beobachtungen und Ausführungen I)r. Galants sind als Material von Interesse. 
Von Interesse ist es aber auch, wieder einmal zu sehen, wie selbst erfahrenen Ärzten 
und Naturwissenschaflern die Tatsachen des Sexuallehens auch in ihren häufigsten und 


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Sexual wissenschaftliche Rundschau. 


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für den Kundigen offenbarsten Erscheinungen vielfach unbekannt sind. Die Onanie 
ist auch unter den Tieren, und zwar bei allen domestizierten oder wilden, 
aber isolierten, allgemein verbreitet und kann auf der Strafe, in den Wohnungen und 
vor allem den Zoologischen Gärten nur deswegen den meisten Beobachtern (den „ge¬ 
lehrten“ übrigens mehr als dem naiven Zuschauer „aus dem Volke“) verborgen bleiben, 
weil sie die onanistische Natur des Verhaltens der Tiere nicht zu erkennen vermögen. 

In der Fachliteratur findet sich das Thema oft behandelt; näher erörtert nament¬ 
lich bei Rohleder: Die Masturbation. 3. Aufl. Berlin 1912. S. 54 f., kurz gestreift 
z. B. in Mo 11s Handbuch der Sexualwissenschaften. Leipzig 1912. S. 617 und bei 
R. Müller: Sexualbiologie. Berlin 1907. S. 47 f. 

Bemerken darf ich bei dieser Gelegenheit, daß die Meinung Galants, Kinder kämen 
nicht „von selbst“ auf die Onanie, in dem von ihm gedachten Sinne m. E. unrichtig ist. 

Max Marcuse. 


Sexualwissenschaftliche Rundschau. 

Mutterliebe und Mutters<;haftsneurose. 

In der Gesellschaft der Ärzte in Wien hat am 23. Januar 1920 der dortige Privat¬ 
dozent für Kinderheilkunde L. M oll einen Vortrag über „Die Maternitätsneurose“ ge¬ 
halten. Die Münchn. med. Woch. 1920, Nr. 9 bringt darüber folgenden Bericht: 

Moll behauptet, daß die Mutterliebe nicht von vornherein gegeben sei, wenn das 
Kind geboren wird; sie entwickle sich allmählich. Erst beim Säugen des Kindes bilde 
sich der Gefühlskomplex, den wir als Mutterliebe bezeichnen. Der Mutterliebekomplex 
soll bei den Frauen nicht erwachen, wenn sie ihr Kind gleich nach der Geburt abgeben 
müssen. Bei vielen Müttern hat M. psychische Erscheinungen beobachtet, welche ihn 
zur Diagnose einer eigenartigen Maternitätsneurose geführt haben. 

Die Mütter sind besonders ängstlich, trauen den Ärzten nicht, machen aus Angst 
für die Kinder wissentlich unrichtige Angaben über das Gewicht und die Temperatur 
der Kinder; schließlich werden auch die Kinder nervös, zeigen scheinbar eine neuro- 
pathische Diathese, die nach der Trennung von den Müttern schwindet. Die Mutter¬ 
schaftsneurose äußert sich hauptsächlich darin, daß das Interesse der Mütter vollkommen 
auf das Kind konzentriert ist; alles andere wird vergessen; der Mann wird ihnen voll¬ 
kommen gleichgültig. Nicht jede Frau! ist pathologisch, die ihr Kind liebt, ist aber ihr 
Gleichgewicht so sehr gestört, daß Ratschläge auf toten Boden fallen, so handelt es sich 
um eine Neurose, um eine Angstneurose. 

M. hat erhoben, daß Mütter während der Schwangerschaft oft feindliche Regungen 
gegen daß Kind zeigen, um ihre Schönheit oder Bequemlichkeit oder die Liebe des 
Mannes fürchten; in dem Maße, als vor Geburt kindesfeindliche Regungen vorhanden 
sind, werden diese Regungen nach der Geburt überkompensiert; es entwickelt sich eine 
hypertrophische Angst. Praktische Folgerungen daraus sind: Frauen, die von Angst um 
das Kind erfüllt sind, sind nicht vollkommen arbeitsfähig wie normale; sie haben als 
Kranke ein gewisses Recht auf Schonung. Der höchste Zustand der Erregung flaut in 
2 bis 3 Monaten ab. 


Koppelung der Erbfaktoren. 

In der Medizinischen Gesellschaft zu Freiburg t. B. hielt am 18. November 1919 
der dortige Ordinarius für Anatomie und Anthropologie und bekannte Erforscher des 
südafrikanischen Bastardvolkes Eugen Fischer einen Vortrag, über den die Deutsche 
medizinische Wochenschrift vom 11. März 1920 folgenden Bericht erstattet: 

Die bekannte Erscheinung der Faktorenkoppelung bei der Vererbung, also die Tat¬ 
sache, daß bei Bastardierungen gewisse Merkmale die Neigung haben, so beisammen zu 
bleiben und sich nur zusammen zu übertragen, wie sie bei den reinrassigen' Großeltern 
waren, ist in Medizinerkreisen viel zu wenig gekannt, ln den bekannten Büchern von 
Julius Bauer, Marti us u. a. steht davon nichts. Sicherlich hat sie ahoi' auch 
für den Menschen große Bedeutung. Auf die Koppelung an den Geschlechtsfaktor, eine 
der am frühesten und besten bekannten Erscheinungen auf diesem Gebiet, soll nicht ein¬ 
gegangen werden, sie ist bekanntlich auch in der menschlichen Pathologie bekannt (Bluter¬ 
krankheiten, gewisse Farbenblindheiten usw.). Besonders wichtig ist die Unterscheidung, 
ob bei zwei in der Vererbung zusammen erscheinenden Merkmalen wirklich Koppelung 
besteht und nicht etwa nur eines vererbt ist, das andere dagegen unmittelbar von 

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Buchbesprechungen. 


diesem abhängt, etwa auf innersekretorischem Wege, wobei nur die Besonderheit der 
betreffenden endokrinen Drüse vererbt werden würde. Redative Koppelung besteht beim 
Menschen offenbar für Kopfhaar- und Irisfarbe, etwas lockerere für Haar- und Hautfarbe. 
Noch lockerere für die schmale Nasenform und hohe schmale Gesichtsfortn, etwas engere 
für die Einzelteile der Nase selbst, die aber sicher durch selbständig mendelnde Erb¬ 
faktoren bedingt sind. Von pathologischen Erscheinungen sind offenbar gewisse Haar- 
und Nägelanomalien, dann aber auch Haar- und Zahnonomalien miteinander gekoppelt, 
also ektodermale Bildungen, aber doch von recht verschiedener Anlage. Ob Koppelungen 
zwischen bestimmten Pigmenttypen und Neigung zu bestimmten Erkrankungen bestehen, 
ob manche Erscheinungen, die man als konstitutionelle Komplexe zusammenfaßt, der 
Ausdruck von Koppelungen sind, ist wahrscheinlich, bleibt aber zu untersuchen. Eine 
diesbezügliche Feststellung könnte uns vielleich mancherlei Indizien geben und wichtig 
werden in bezug auf Prognose bzw. Prophylaxe. Endlich dürfte das bisherige Scheitern 
eines Nachweises von Vererbung gewisser pathologischer Erscheinungen hier und da ge¬ 
wiß darin seinen Grund haben, daß diese mehrfach gekoppelt sind, wobei dann sehr 
komplizierte und ohne Experiment gar nicht entwirrbare Zahlenverhältnisse auftreten, 
so daß die Mendelschen Regeln scheinbar nicht zutreffen. So dürfte auch der praktischen 
Medizin wichtig sein, auf die Faktorenkoppelung theoretisch und empirisch mehr als 
bisher zu achten. 


Die Vererbung der Begabung. 

Der Frankfurter Sammler und Forscher Hans Wolf gang Rath ist bei seineu 
genealogischen Studien in Schwaben auf eine Tatsache gestoßen, die für unsere Kenntnis 
geistiger Zusammenhänge in Deutschland höchste Bedeutung gewinnen dürfte, ln der 
Tochter eines Tübinger Professors der Logik, Georg Burkhardt (1539—1607). Regina ge¬ 
heißen und verheiratet mit dem 1600 in Tübingen geborenen l)r. Karl Bardili, Professor 
der Medizin, fand er nämlich die leibliche Stammutter fast aller großen Schwaben, Dichter, 
Denker, Philosophen, die seit dem 18. Jahrhundert das deutsche Geistesleben bewegten, 
zeitweilig sogar entscheidend bestimmten. Es finden sich neben zahlreichen Namen von 
altem schwäbischen Klang und Wert, die alle anzuführen zu weit führen würde, unter 
den Nachkommen jener merkwürdigen Frau die drei großen Lyriker Friedrich Hölderlin, 
Ludwig Ufdand und Eduard Mörike, die beiden großen Philosophen Friedrich Schelling 
und Friedrich Hegel, die drei Märchenerzähler Wilhelm Hauff, Gustav Schwab und Ottilie 
Wildermuth, ferner Friedrich Theodor Vischer (der Verfasser von „Auch Einer“), die 
Schwabeudichter Karl Mayer und Reiohold Köstlin, der Dichter der „Palmblätter u Karl 
Gerock, der Tibullübersetzer Graf v. Reinhard, der Maler, Schauspieler und Theater¬ 
dichter Karl Franz Hiemer, dem wir das bekannte Bildnis des 22 jährigen Hölderlin ver¬ 
danken, endlich als jüngster Sproß des gewaltigen, uralten Geisterbaums der v Rosendoktor u 
Ludwig Finckh. Bis zu den Goethetextors, bis zu Martin Luther spinnt sich das erstaun¬ 
liche, in seiner Verzweigtheit fast verwirrende Verwandtschaftsgewebe. 

H. W. Rath, der sich als Mörikeforseher bedeutende Verdienste erworben hat, be¬ 
reitet das Erscheinen einer mit allen Beweisen an genealogischen Tafeln, Urkunden 
und Stammbäumen versehenen Publikation seiner bedeutsamen Forschungsergebnisse vor. 

(Münchn. med. Woch. vom 9./4. 1920.) 


Buchbesprechungen. 

1) Lipschütz, A.: Die Pnbertätsdrüse und ihre Wirkungen. Bern 1919. Ernst 
Birchers Verlag. 456 S. mit 140 Abbild. 

Von Dr. lned. Knud Sand. Kopenhagen. 

Es liegt eine gewisse Berechtigung darin, daß die Geschlechtsdrüsen beständig das 
Zentrum und zugleich das größte Feld innerhalb der Lehre von der internen Sekretion 
bilden; eine Berechtigung ebensowohl, weil die Erfahrungen mit denselben die Urgrund¬ 
lage dieser jetzt so umfassenden Lehre bilden, als auch weil die Erforschung der Ge¬ 
schlechtsdrüsen, die ja in nahezu alle Disziplinen eingreift, durch ihre zahlreichen Rätsel 
und Mysterien unwillkürlich so viele Forscher fesseln und zu ununterbrochener Vertiefung 
all der neu auf tauchenden Probleme anspornen muß. 

Zwischen den ersten dämmernden Vorstellungen von den Wirkungen der Kastration 
und den hypermodernen Versuchen über Geschlechtstransformiening und experimentellen 


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Buchbesprechungen 


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Hermaphroditismus liegt schon eine lange, an kräftiger Entwicklung des Verständnisses für 
die Geschlechtsprobleme reiche Spanne Zeit. 

Besonders in den letzten zehn Jahren hat diese Entwicklung bedeutende Fortschritte 
gemacht, und fast jedes Jahr hat bis dahin ungeahnte Möglichkeiten enthüllt. Als un¬ 
streitig führender Forscher steht hier Eugen Steinach, dessen geniale Arbeiten für 
alle Zeiten grundlegend bleiben werden. 

Aber bei dem reißenden Wachstum dieser Forschung hat man bisher, obschon es 
eine ganze Anzahl größerer Abhandlungen gab, eine vollständige Gesamtdarstellung dieses 
ganzen, ausgedehnten Gebietes stark vermißt. 

Diesem Mangel ist jetzt abgeholfen worden. Professor A.Lipschütz (früher Bern, 
jetzt Dorpat) hat sich der mächtigen Aufgabe unterzogen, das große Material zu sammeln 
und zu bearbeiten. 

Das Resultat liegt jetzt vor in dem Werk: „Die Pubertätsdrüse und ihre Wir¬ 
kungen.“ \ 

Es ist ein stattliches, reich bebildertes, gutgeschriebenes, fesselndes und zudem 
ungemein wertvolles Buch. Der große Stoff ist gründlich und solide behandelt, und es ist 
dem Verfasser, dank seinem bedeutenden Wissensschatz, gelungen, ihn in seiner Gesamt¬ 
heit überlegen darzustellen. Es existiert kaum eine bedeutende Arbeit, die nicht ihren 
Platz in seinem Buche fände, und es ist geradezu verblüffend zu sehen, wie der Verf. es 
vermocht hat, selbst die allerletzten, modernen Arbeiten bei seiner Darstellung zu benutzen. 
Lipschütz’ Buch ist gegenwärtig sicher das vollständigste Handbuch über die interne Se¬ 
kretion der Geschlechtsdrüsen, ein Standardwerk, das nicht nur jedem, der sich mit diesen 
Problemen beschäftigt, absolut unentbehrlich sein dürfte, sondern überhaupt jedem bio¬ 
logisch Interessierten, er sei Laie oder Gelehrter, aufs beste empfohlen werden kann. 

Es liegt in der Natur der Sache, daß die Besprechung eines solchen Buches etwas 
fragmentarisch bleibt, da nur ein gewisser Eindruck von dem Plan desselben wieder¬ 
gegeben und einige Hauptlinien nachgezogen werden können. 

Zuerst nur einige Worte über den Titel ,,Die Pubertätsdrüse“. Der Verf. hat bei der 
Wahl desselben offenbar selbst etwas wie Schwäche gefühlt, da er es für nötig hält 
(S. 405—409), ein kleines Defensorat für diesen, von Steinach lanzierten Ausdruck ein¬ 
zuschalten. Tandler und Groszu.a. haben schon früher gegen diese Bezeichnung des 
Hormongewebes der Geschlechtsdrüsen opponiert, und obgleich Lipschütz sie in fast 
„sophistisch“ kluger Weise widerlegt, indem er die Pubertät sozusagen vom Befruchtungs¬ 
augenblick an (mit der Einteilung in „die erste“, „die intermediäre“, und „die zweite 
große Phase der Pubertät“) über die ganze Reifezeit des Individuums hinzieht, so erscheint 
mir diese, von der ganzen Steinach sehen Schule aufgenommene Bezeichnung, nicht 
glücklich. Alle, Laien wie Gelehrte, haben doch von alters her unter Pubertät nur eine 
ganz bestimmte Periode verstanden, und die Ausrottung dieser eingebürgerten Auffassung 
wird sicher auf Schwierigkeiten stoßen und Anlaß zu manchem Mißverständnis geben. Mit 
„Pubertätsdrüse“ ist ja das sexuelle Hormongewebe der Geschlechtsdrüsen gemeint; ich 
schlage daher vor, daß ein wirklich treffender Ausdruck gefunden werde; ob eine Bezeich¬ 
nung wie „Sexualhormongewebe“ brauchbarer ist, lasse ich dahingestellt sein — sie hat 
m. E. jedenfalls den Vorteil, nicht mißverstanden werden zu können. 

In seinem Vorwort und in der Einleitung gibt der Verf. eine Übersicht über den 
Plan des Buches und nennt die Forscher, ^uf deren Arbeiten das Buch, seiner Natur nach, 
besonders aufgebaut ist: Steinach, Goodale, P 6 z a r d , Sand, Tandler und 
Grosz, Lipschütz. Mit Recht hätten hier auch die französischen Forscher 
B o u i n und A n c e 1 angeführt werden können, deren vortreffliche Untersuchungen, wie 
später auch dargetan wird, ja auf mancherlei Art und Weise von grundlegender Bedeutung 
für die Frage gewesen sind. 

Der Verfasser hat indessen nicht nur die Absicht gehabt, ein Hand- und Lehrbuch 
über ältere und moderne Arbeiten zu schreiben, sondern er hält die Zeit für gekommen zu 
einer Revision der gesamten einschlägigen Literatur. Er wünscht den Versuch einer Neu¬ 
orientierung in der Lehre von der autogenetischen Entwicklung der Geschlechtsmerkmale, 
gruppiert um die Hypothese von der „asexuellen Embryonalform“ die Hypothese, daß ein 
asexuelles Soma erst durch die zur Differenzierung gelangte Geschlechtsdrüse in männ¬ 
licher*. oder weiblicher Richtung gestaltet wird. 

Bei der Bearbeitung des Materials unter diesem Gesichtswinkel wird die wichtige 
Diskussion aufgenommen darüber, daß nicht nur auf die qualitative, sondern auch auf die 
quantitative Verschiedenheit in dem internen Sekret der Geschlechtsdrüsen, und nicht 
weniger auf die Wachstumsintensität, die Plastizität und Labilität der einzelnen Organe 
und die Organlage Rücksicht zu nehmen sei. 


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Buchbesprechungen. 


Indem er sein Buch auf dieser Hypothese, welche sich auf ursprünglich von 
Tandler und Grosz, Steinach und B i e d 1 herrührende Gedanken gründet, auf¬ 
baut, drückt der Verfasser — man sei mit ihm einig* oder nicht — demselben sogleich ein 
Kolorit auf, welches es vom Anfang bis zum Ende über das Gewöhnliche hinaus inter¬ 
essant und fesselnd macht, wie dies stets der Fall ist mit Arbeiten, die eine bestimmte 
Tendenz verfolgen, um mit den Worten enden zu können: quod erat demonstrandum. 

Ein Teil der Anschauungen des Verfassers dürften übrigens Vielen aus seiner frü¬ 
heren, umfassenden Arbeiten bekannt sein. 

In einer kurzen Übersicht über den Geschlechtsdiphormismus und die sekundären 
Geschlechtsmerkmale stellt Verf. seine Formel auf, durch die er besonders zu einer gene¬ 
tischen Gruppierung der Geschlechtsmerkmale zu gelangen sucht; unter solchen versteht 
er „sämtliche morphologischen, physiologischen und psychischen Momente, durch welche 
die Individuen des einen Geschlechts einer Art von denjenigen des andern Geschlechts 
derselben Art unterschieden sind“. 

In den übrigen elf Kapiteln wird man durch die mannigfaltigen Probleme des Gegen¬ 
standes geführt, von denen einige leider Ähnlichkeit mit Irrgängen haben, wo man nicht 
immer ebenso festen Boden unter den Füßen zu haben meint wie der Verfasser. Im 
großen ganzen ist es doch wohltuend, die feste Hand zu fühlen, womit der Verf. sogar die 
etwas „widerstrebenden“ Phänomene unter seine Fahne bringt und die große Willenskraft, 
mit der er sein Ziel verfolgt. 

Wie sich von selbst versteht, leitet der Verf. sein Werk ein mit einer eingehenden 
Bearbeitung der Kastrationsfrage, von den Säugetieren an bis zu Würmern und Anthro- 
poden. An Größe wird dieser Abschnitt wohl nur von Tandler und Grosz’ bekannten 
Abhandlungen übertroffen, indessen distanziert er diese selbstverständlich durch das 
moderne Gepräge des Inhalts. 

An gewissen Stellen kann man wohl schwerlich schon einen so entschiedenen Stand¬ 
punkt einnehmen wie L i p s c h ü t z; so gibt die noch herrschende Verwirrung in den 
Verhältnissen bei den Vögeln (beispielsweise nur der eigentümliche Unterschied zwischen 
den Kastrationserfolgen bei Hähnen und Enten [Goodale]) Veranlassung zum Nach¬ 
denken und fortgesetzten Forschungen. Auch die Verhältnisse bei den Schmetterlingen 
sind noch nichts weniger als klar. Speziell die höchst interessanten Versuche von 
P ö z a r d und Goodale, gleichwie die von Meisen heim er und Harms werden 
eingehend besprochen. 

Das ganze Tatsachenmaterial wird herangezogen zur Aufstellung einer Reihe 
wichtiger Resultate und scheint u. a. dem Verf. der Theorie von der asexuellen Em¬ 
bryonalform, die in den folgenden Kapiteln beleuchtet wird, zuzustitnraen. — In diesen 
wird die übersieht über „Die innere Sekretion der Geschlechtsdrüsen“ und „Die 
männliche und weibliche Pubertätsdrüse“ gegeben. 

Was die männliche Pubertätsdrüse, das männliche Sexualhormongewebe, anbe¬ 
trifft, so erheben sich ja in der letzten Zeit Stimmen (Harms, Kämmerer), die 
Bedenken tragen, den L e y d i g sehen Zellen die Hormonfunktion mit gänzlicher Eli¬ 
minierung des generativen Gewebes zuzuschreiben. Nach allen modernen Versuchen 
(A n c e 1 und Bouin, Steinach, Sand u. a.) zu urteilen, hat der Verf. in bezug 
auf die Säugetiere doch sicher recht, wenn er dies tut; dagegen scheint es, wie Käm¬ 
merer hervorhebt, als ob das generative Gewebe bei den Wirbeltieren auch noch die 
Hormonfunktion hat, und bei den Wirbeltieren begegnen wir auch vermittelnden Son¬ 
derfällen („B i d d e r sches Organ“!). 

Über das Sexualhorraongewebe des Ovariums haben, wie bekannt, viele Diskussionen 
stattgefunden, die m. E. mehr und mehr zu einem Streit um Worte geworden sind. 
Wenn ich Lipschütz richtig verstanden habe, so decken sich seine theoretischen Be¬ 
trachtungen im wesentlichen mit den Gedanken, die Bucura schon 1913 ausgesprochen 
hat und die neuerdings durch zahlreiche Ovarientransplantationen Sands (mit Serien¬ 
schnittuntersuchungen der Transplantate) experimentell untersucht worden sind, näm¬ 
lich, daß in Wirklichkeit alle drei Gewebe (Follikel, Thecaluteingewebe und Corpus lu¬ 
teum) eine Sexualhormonwirkung in verschiedener Potenz haben können (am schwäch¬ 
sten die Follikel, am stärksten wahrscheinlich die Corpora lutea). Die Follikel sind so 
eigentlich die Muttersubstanz der Hormonfunktion, die nach Berstung oder Obiiterierung 
vom Thecaluteingewebe oder Corp. luteum potenziert übernommen wird*). Ob man dann 
eine Hormondeponierung (Bucura) der Follikel annehmen oder den FunktionsWechsel 
auf andere Weise erklären will, erscheint mir als Nebensache. 


0 Siehe Näheres in der Februar-Nr. 1920 dieser Zeitschrift in meiner Selbstanzeige 


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Ich habe, teils durch Kamtaerers Abhandlung 1 ), teils durch briefliche Dis¬ 
kussion mit Steinach, den Eindruck gewonnen, daß auch er im wesentlichen einer 
Auffassung wie der obigen zuneigt. Möglicherweise habe ich die verschiedenen Ver¬ 
fasser mißverstanden, aber es scheint doch, als ob Theoretiker und Experimentatoren 
sich einander nähern und wir die Waffen niederlegen können. 

Lipschütz fährt nun in seinem Buche fort mit der Frage von „der geschlechts¬ 
spezifischen Wirkung der Pubertätsdrüse“, und man begegnet besonders in diesem 
Kapitel den Versuchen über UmstiYnmung der Geschlechtsmerkmale, womit Steinach 
im Jahre 1912 sozusagen eine Revolution in unserm Wissen von diesen Problemen her¬ 
vorbrachte. Diese Versuche, die später durch Experimente und Beobachtungen von 
Athias, Goodale, Lipschütz, P 6 z a r d und Sand bestätigt und suppliert 
worden sind, sind schon so bekannt, daß sich eine weitere Besprechung, trotz ihrer 
überwiegenden Bedeutung für den Gegenstand, erübrigt. 

Nach diesen Versuchen war in Wirklichkeit nur noch ein anscheinend hasardiertes 
Problem übrig, nämlich die künstliche Darstellung zweigeschlechtiger Tiere; hiermit 
wäre die Beweiskette für die interne Sekretion der Geschlechtsdrüsen geschlossen. Als 
Schlußstein für den experimentellen Ballast des Buches setzt Lipschütz die von 
Steinach und Sand unabhängig voneinander veröffentlichten Versuche über „experi¬ 
mentellen Hermaphroditismus“. Hier soll nicht weiter auf die für eine ganze Reihe 
theoretischer und praktischer Fragen entscheidende Bedeutung dieser Versuche ein¬ 
gegangen, sondern nur erwähnt werden, daß sie die lange erwartete Basis für das volle 
Verständnis abnormer Sexualzustände bilden. Bekanntlich haben Steinach und Lieh- 
t e n 8 t e i n resolut die praktische Konsequenz aus diesen Versuchen gezogen und sie 
für die Therapie der? Homosexualität in Anwendung gebracht. Lipschütz entwickelt 
hiernach die Notwendigkeit, unsere Auffassung und Einteilung des Hermaphroditismus 
zu ändern und stellt einen „Versuch eines Systems des Hermaphroditismus“ auf, der 
sich die neuen Erfahrungen zunutze macht und vermeintlich in mancher Hinsicht nützlich 
sein wird. — Besonders die letzten Reihen von modernen Versuchen geben dem Verf. 
in den abschließenden Kapiteln des Buches Gelegenheit zu sehr interessanten und ge¬ 
wichtigen theoretischen Erwägungen, u. a. das Kapitel: „Pubertätsdrüse und Form¬ 
bildung“. So hebt er mit Recht stark die Notwendigkeit hervor, nicht nur auf die 
Qualität der endokrinen Gewebe Rücksicht zu nehmen, sondern auch auf ihre 
Quantität, sowie „zur Erklärung der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen auch die 
je nach der Zeit verschiedene Wachstumintensität (,Plastizität 4 ) der einzelnen 
Teile des Organismus heranzuziehen“. 

Er diskutiert die Frage — der er hauptsächlich beistimmt — von dem bereits von 
Herbst vermuteten, erst von Steinach beobachteten, gegenseitigen Antagonis¬ 
mus der Gonaden, den Steinach auf die Förderung) und Hemmung im selben Ge¬ 
schlecht anwendet. 

Diesbezüglich darf ich anführen, daß ich auch selber einen solchen gewissen 
gegenseitigen Antagonismus, beispielsweise bei Versuchen wie Steinachs, mit hetero- 
logen Transplantationen auf kastrierte Tiere, die nie gelingen, nachgewiesen habe, und 
kann ihm insofern beipflichten. 

Aber besonders nach den nach der Sand sehen Methode mit „intratestikulären 
Ovarien transplan tat ionen“ ausgeführten Versuchen von „experimentellem Hermaphroditis¬ 
mus“, wo beide Gonaden einwuchsen und, ineinander angebracht, in schönstem Verein 
weiter gediehen, erscheint es mir unumgänglich notwendig, unsere Auffassung etwas zu 
ändern. Von einem eigentlichen Antagonismus, einer gegenseitigen, schädlichen Ein¬ 
wirkung, kann nach diesen Versuchen doch unmöglich die Rede sein. Man würde eher 
eine vernünftige Erklärung der Phänomene finden, wenn man sie, nach der von Sand 
aufgestellten Theorie, als Ausschlag einer Art von Immunität (vermeintlich eine atrep 
tische Immunität) des normalen Organismus gegenüber der heterologen Geschlechtsdrüse 
auffaßte. (Näher besprochen in Pflügers Archiv Bd. 173, 1./3. 1918 und in der 
Februar-Nummer 1920 dieser* Zeitschrift.) 

In den letzten Kapiteln gelangt Lipschütz schließlich dazu, tait der Pubertäts¬ 
drüse als führendem Faktor, ein „System der Geschlechtsmerkmale“ aufzustellen, das 
nach den Beziehungen dieser zu den Pubertätsdrüsen orientiert wäre“ (hierin teils 
Fizard folgend) und formt zugleich die Theorie von der „asexuellen Embryonalform“ 
weiter aus. 

Es ist nicht tunlich, hier in ausgedehnterem Maße auf diese Themen einzu¬ 
gehen, die eine lange Diskussion erfordern; übrigens liegt schon eine Techt eingehende 


l ) Ergehn, d. inn. Mediz. u. Kinderheilk. Bd. XVII, 1919. 


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Erörterung derselben von Katamerer a. a. 0. vor. Das aufgestellte, sowohl „gene¬ 
tische“, als auch „praktische System der Geschlechtsmerkmale“ bildet gegenwärtig eine 
vermeintlich gute Neuorientierung, wird jedoch in seiner jetzigen Form vielleicht nicht 
beibehalten werden. 

Die Theorie von der asexuellen Embryonalform hat bekanntlich ihre Wurzel in An¬ 
schauungen, die von Tandler u. Grosz, Steinach und Biedl herrühren; in¬ 
dessen haben namentlich die letzteren sich recht vorsichtig darüber geäußert. Wie be¬ 
stechend Lipschütz die Theorie nun auch ausformt und wie kräftig er sie darstellt, 
so muß man doch, sagen, daß die Sache nicht so einfach, sondern im Gegenteil noch 
recht unsicher ist. Kürzlich hat Kämmerer also in ausgezeichneter und inter¬ 
essanter Weise eine widerlegende Diskussion auf genommen, auf die ich hiermit hin- 
weise. Gleichzeitig verweise ich auf meine kurzen Äußerungen in dieser Zeitschrift 
a. a. 0. Wie ich dort andeutete, wird man in dieser Frage, die experimentell ja sogar 
kaum durch den von H a 1 b a n vorgeschlagenen Versuch entschieden werden kann, wohl 
noch lange einen Streit über Worte führen können. 

Von einem biologischen Gedankengang aus erscheint die Theorie schwer verständ¬ 
lich; es müßte doch das Natürlichste sein, wie auch der Erblichkeitsforscher W. Jo¬ 
hann sen äußert, anzunehmen, daß „der primäre, anlagetypische Geschlechtsfaktor 
zweifellos in allen Zellen des Individuums vorhanden sein muß“. 

Viele Forscher haben sich schon seit langer Zeit für eine durchgängige Bisexualität 
des Körpers und Keimes ausgesprochen. Kämmerer hat schon 1913 und 1915 seine 
Anschauung über potentielle Hcrmaphrodisie des Keimes und aktuelle Gonochorie des 
Erwachsenen entwickelt; in seiner letztgenannten Abhandlung wird die Frage instruk¬ 
tiv behandelt und man erfährt einen gleichmäßigen Übergang und eine allmähliche 
Übereinstimmung zwischen früheren Forschern wie Kämmerer und Steinach, 
welch letzterer nun geneigt zu sein scheint, die Anschauung über „indifferentes Soma“ 
zu verlassen, und seine gegenwärtige Auffassung durch Kämmerer veröffentlicht: 
„Vor Differenzierung der Keimdrüse zur Pubertätsdrüse befindet sich der Embryo im 
Zustande latenter Bisexualität; wenn die Differenzierung des Keimstockes eine 
durchgreifende, d. h. nach der einen oder anderen Geschlechtsrichtung überwiegende ist, 
entstehen ausgesprochen männliche oder weibliche Individuen. Wenn dagegen die Diffe¬ 
renzierung des* Keimstockes eine unvollständige ist, — ohne entschiedenes Überwiegen 
der einen oder anderen Richtung —, so entstehen Zwitter, und zwar je nach Aktivität 
der geschlechtsverschiedenen Pubertätsdrüsenzellen jeweils eine der unzähligen Formen 
des Hermaphroditismus.“ 

Ich bin zu glauben geneigt, daß es sich über kurz oder lang zeigen wird, daß man 
hier auf dem richtigen Wege ist. Steinach — so scheint es mir — hat hier mit 
glücklicher Hand eine Auffassung geformt, welcher sich wohl die meisten, als der gegen¬ 
wärtig wahrscheinlichsten, werden nähern können. 

Aber auch, wenn es sich heraussteilen sollte, daß die Theorie von der „asexuellen 
Embryonalform“ fallen gelassen oder verändert werden muß, so ist Lipschütz 7 Ver¬ 
dienst: den ganzen vorliegenden Gegenstand mitten in seiner schnellsten Entwicklung 
zu gesammelter, orientierender Bearbeitung aufgenommen und dadurch die künftige 
Arbeit bedeutend erleichtert und zu fortgesetzter, hoffentlich fruchtbarer Forschung an¬ 
gespornt zu haben, nicht weniger groß. 

2) Marcuse, Max: Über die Frnebtbarkeit der christlich-jüdischen Mischehe. Ein 
Vortrag. Bonn 1920. A. Marcus & E. Webers Verlag. 20 S. 

Von Professor Dr. Eugen Fischer. 

Die Frage, ob alle menschlichen Rassen sich stets und unbedingt fruchtbar kreuzen, 
ist immer noch nicht gelöst. Jeder Beitrag ist da hochwillkommen, ganz besonders, 
wenn es eine so kritische und gut durchgearbeitete Studie ist wie die vorliegende. So 
bequem derartige Fragen an Pflanze und Tier der einfachen Beobachtung zugänglich 
sind, so schwierig gestalten sie sich beim Menschen, wo eben die Kinderzahl von er¬ 
heblich mehr als der natürlichen Fruchtbarkeit beeinflußt ist und die Statistik ganz 
außergewöhnlicher Kritik ihrer Ergebnisse bedarf, um nicht zu Trugschlüssen zu führen. 
So untersucht Verf. zunächst die bekannten statistischen Ergebnisse einer erheblichen 
Minderfruchtbarkeit christlich-jüdischer Mischehen auf ihre zahlreichen Fehlerquellen. 
In scharfsinniger Darlegung wird gezeigt, wie die Statistik dadurch beeinflußt wird, 
daß unter den untersuchten Ehen physiologisch bezüglich der Produktion unabge- 
schlossene sind, daß relativ viele Spätehen sind, daß vor und in der Ehe das Bekenntnis 
gewechselt wird und anderes mehr. Trotzdem bleibt als Ergebnis, daß die Mischehen 


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minder fruchtbar sind als rein christliche und rein jüdische. Die Ursachen liegen, wie 
nun Verf. einwandfrei dartut, auf psychologischem und soziologischem Gebiet. Es wird vom 
Verf. den Phantasten und Rasseschwärmern, nicht Rasseforschern, zu viel Ehre ange¬ 
tan, indem ausführt, eine Art von Spezies-Verschiedenheit im zoologischen Sinne des 
Wortes bestehe zwischen Juden und Germanen nicht. Da wir, auf dem Boden der Ein¬ 
heitlichkeit der Menschheit stehend, Rassen, die viel differenter sind als die euro¬ 
päischen und vorderasiatischen Rassengemische*), sich fruchtbar fortpflanzen sehen, 
bedürfte es zur Annahme einer biologischen Minderfruchtbarkeit christlich-jüdischer 
Ehen gewaltiger Beweise unter völligem Ausschluß aller anderen Faktoren. Verf. hat 
völlig Recht mit seinem Schluß, biologische Ursachen kann die Minderfruchtbarkeit 
nicht haben, und zur endgültigen Lösung den Weg kasuistischer Betrachtung beschritten 
zu haben und dazu über 300 solche Mischehen einzeln untersucht zu haben, ist das 
große Verdienst Marcuses. Er zeigt, daß die Minderfruchtbarkeit eine gewollte ist. 
Teils sind es ökonomische Motive, teils rein psychische. Wie das im einzelnen be¬ 
gründet wird, muß im, Original nachgesehen werden, auf das hier besonders empfehlend 
hingewiesen werden muß. Schließlich wirft Verf. noch einen kurzen Blick auf die 
Fruchtbarkeit der Mischlinge unter sich, um zu zeigen, daß auch da nirgends ein Beweis 
für biologische Fruchtbarkeitsminderung erbracht ist. Ref. möchte auch hier, gerade an 
der Hand dieser verdienstvollen Studie darauf hinweisen, wie wichtig es wäre, exaktes 
Beobachtungsmaterial von Kreuzungen mit farbigen Rassen beizubringen. 

3) Holle, H. G.: Allgemeine Biologie als Grundlage für Weltanschauung, Lebens¬ 
führung und Politik. München 1919. J. F. Lehmann. 

Von Dr. H. F e h 1 i n g e r. 

Prof. Holles Auffassung geht dahin, daß die allgemeine Biologie im Grunde nichts 
anderes sei’ als ein Wiederaufleben der alten Naturphilosophie, ,.in der das Naturgefühl 
und damit die Naturreligion unserer Vorfahren sich vergebens wieder emporzuringen ver¬ 
suchte“. Im Unterschied vom Naturgefühl stützt sich aber die allgemeine Biologie auf die 
sicheren Ergebnisse der exakten Forschung und deshalb ist sie zu dem Anspruch berechtigt, 
die Lebensführung des Einzelnen wie der Gemeinschaft zu bestimmen. Wir dürfen uns 
nicht scheuen, die Ergebnisse der Biologie, namentlich in bezug auf Zuchtwahl, Kreuzung 
und Vererbung auf den Menschen anzuwenden. Wie das geschehen soll, legt der Verf. in 
Abschnitten über das Wesen des Lebens, die Erscheinungen des Lebens und den Zu¬ 
sammenhang des Lebens dar. Das Lesen des Buches wird dadurch erschwert, daß fast alle 
internationalen wissenschaftlichen Bezeichnungen durch meist recht nichtssagende deutsche 
Notwortc ersetzt sind. Der „Deutschnationalismus“ des Autors tut überdies auch der 
Sache, um die er sich bemüht, erheblich Abbruch; es zeigt sich da wieder einmal recht 
klar, wie Parteifanatismus die Wissenschaft verderben kann. 

Recht unbiologisch klingt es, wenn gesagt wird, „die deutsche Volksseele ist das 
übereinstimmende unbewußte Denken und Empfinden des Grundstocks unseres 
Volkes, desjenigen Bevölkerungsteils, der im Laufe langer Zeiten durch gesell¬ 
schaftliches und staatliches, durch die gemeinsame Sprache begünstigtes Ineinandereinleben 
verschiedener, schon vorgeschichtlich zusammenlebender oder zugewanderter Rassenab¬ 
kömmlinge als höhere biologische Einheit entstanden und durch den Gegensatz zu anderen 
Rassenmischungen geschichtlich gesondert ist“. Es wird nicht gesagt, welche Teile des 
deutschen Volkes als zu diesem Grundstock gehörig betrachtet werden; um welche Kreise 
es sich handeln mag, ist aus der Bemerkung zu schließen, daß der völkische Grundstock in 
sein ererbtes Recht wieder eingesetzt werden müsse. Wenn ein Volk sich fremde Völker 
„angliedert“, solle der Grundstock sich von der Blutmischung fernhalten. „Umfangreiche 
Beimischungen oder solche mit stärkerem Rassewillen werden das Volkstum stark beein¬ 
flussen und verfälschen, wie es mit dem deutschen durch beigemischtes welsches, slawisches 
und besonders jüdisches Blut geschehen ist.“ 

Sexuelle Probleme werden in den Unterabschnitten „Vermehrung und Vererbung“, 
sowie „Züchtung, Zucht, Erziehung“ behandelt. Trotzdem der Verfasser wie selten einer 
am Althergebrachten hängt und alles Neue oder Fremdartige als feindlich zu betrachten 
gewohnt ist, tritt er auf S. 151 für das Recht des außerehelichen Kindes ein. „Wir können 
die uneheliche Mutter, die von der unehelichen oder gar ehelichen Konkubine scharf zu 


*) „Deutsche“ und „Juden“ sind Rassengemische; deswegen sind doch die Rassen¬ 
unterschiede deutlich, die Komponenten der Gemische sind verschieden. Wenn das 
Autoren wie Fishberg, Brunner u. a. leugnen oder wenigstens verwischen wollen, ist das 
Tendenz, nicht Wissenschaft. 


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42 


Buchbesprechungen. 


scheiden ist, und damit ihr Kind für die Gesamtheit nur dadurch retten, daß wir sie recht¬ 
lich der Witwe gleichstellen, ihre Kinder also als vaterlose behandeln“. 

4) Gaupp, R. : Das sexuelle Problem vom psychologischen Standpunkt Ansprache 

an die Studentenschaft der Universität Tübingen. Tübingen 1920. 24 S. 1 Mk. 

Von Dr. Max Marcuse. 

Das Unwahrscheinliche ist hier Ereignis. Ein Vortrag vor Studenten über das 
Geschlechtsproblem, der soundsovieltste, von einem Universitätsprofessor gehalten, zur 
Aufklärung und Ermahnung, — und dennoch, gedruckt, nicht nur lesbar, sondern die 
Quelle geistiger Anregung und innerer Bewegung! Diese Ansprache des Tübinger Psy¬ 
chiaters hat gar keine Beziehung zi* den üblichen Salbadereien derartiger Gelegenheits¬ 
reden. Hier ist seelischer Schwung, vollkommene Wahrhaftigkeit und unmittelbare 
Jugendnähe. Dabei (‘ine tiefe Kenntnis der sexualpsychischen Tatbestände und eine klare 
Einsicht in ihre Zusammenhänge. Insbesondere wird der Gegensatz zwischen unserer 
(christlich-abendländischen) sexual feindlichen Kultur und den natürlichen Antrieben 
und Kräften des Geschlechtslebens mit aller Schärfe und Kritik herausgehoben, —> mit 
mehr Schärfe und mit mehr Kritik, als dem Zwecke des Vortrages, der Jugend, 
namentlich der akademischen, in ihrer sexuellen Not zu helfen, vielleicht dienlich ist. 
Denn letzten Endes beherrschen Gaupps Ausführungen Skepsis und Resignation, und 
die Größe des Problems offenbart sich in ihrer ganzen Wucht. Dennoch glaube ich, daß 
die Jugend aus solchen geistig vertieften und ehrlichen Erkennungen und Anerkennungen 
der Konflikte und ihrer Tragik stärkeren und dauernderen Gewinn davonträgt als von 
den törichten Abstinenzpredigten oder den platten Auslebetheorien. 

5) Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens. (Quellenschriften zur seelischen Ent¬ 

wicklung, Nr. 1.) Leipzig 1919. Internationaler psychoanalytischer Verlag. 

Von Dr. Kurt Finkenrath. 

Man weiß bei den Tagebüchern nie, ob es sich nicht nur um eine Kunstform für die 
Gedanken des Schriftstellers handelt. Auch hier tauchen Bedenken auf, ob es sich in der 
Tat um die Herzensergüsse eines 11—14jährigen Mädchens handeln könnte. So oder so 
aber bieten diese Druckbogen immerhin Quellenstoff für den Forscher. Außer dem üblichen 
Einblick in die Gedankenwelt eines angehenden Backfisches, für den es an literarischem 
Stoff bisher nicht mangelte, erfahren wir hier die Art und Form, in denen Erfahrungen 
über das menschliche Geschlechtsleben im Kindesleben gewonnen werden. Im allge¬ 
meinen ist der Weg, auf dem diese jungen Mädchen, von denen in dem Buche die Rede 
ist, ihre Erkenntnisse bekommen haben* der uns tausendfältig längst bekannte. Wir be¬ 
trachten aber hier einmal wertvollerweise diese seelischen Wirkungen des Erwachens und 
Erkennens geschlechtlicher Dinge und Beziehungen vom Gesichtskreise der Kindesseele aus. 

6) Beck, Prof. Dr. Chr.: Die Frau und die Kriegsgefangenen. Nürnberg 1919. 

Verlagsgesellschaft Döllinger & Co. 4 Halbbde. je 80 S. 2.50 Mk. 

Von Dr. Hans Schneickert. 

Die von Prof. Beck gesammelten und herausgegebenen Beiträge verschiedener Ver¬ 
fasser männlicher und weiblicher Zeugen der Gefangenenliebe bedeuten in ihrer Haupt¬ 
sache die Abschaffung der „doppelten Moral“ während des Weltkrieges; sie bieten trau¬ 
rige Beweise des Verfalls deutscher Sitten dar und liefern ein gutes, brauchbares Stu¬ 
dienmaterial für den Sexualforscher. Daß daneben auch Anklage- und Verteidigungs- 
(oder vielmehr Entschuldigungs-) Äußerungen von einzelnen Verfassern gebracht werden, 
soll das Ganze als Grundlage zu einem ausgiebigen Quellenstudium nicht weiter stören. 
Es wird dem Leser auch ein bedeutungsvoller Einblick in das ungebundene Liebesieben 
der fremdländischen Frauen und Mädchen geboten, soweit diese mit Kriegsgefangenen 
in Berührung gekommen sind. Vor allem wird uns aber interessieren, wie sich die deut¬ 
schen Frauen und Mädchen den fremden Kriegsgefangenen gegenüber verhielten. So ver¬ 
urteilt z. B. ein Verfasser den Ehebruch einer Frau, deren Mann im Felde stand, mit einem 
Kriegsgefangenen als etwas Erbärmliches, das nicht allein aus formal sittlichen, sondern 
ganz besonders auch aus gefühlsmäßigen Gründen aufs tiefste zu verabscheuen sei: er löse 
Empfindungen aus ähnlich denen, die uns bei Fällen widernatürlicher Unzucht zu beschlei¬ 
chen pflegen. Wesentlich anders aber habe man heute, aus der nebelfreien Höhe mensch¬ 
heitssozialen Empfindens, den übrigen Verkehr mit Kriegsgefangenen beurteilen gelernt. 
Schon der Vergleich mit den unzähligen Männern, die in Feindesland dasselbe tausendfach 


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Selbstanzeige. 43 


getan haben, was hier von seiten der Frauen in nur Einzelfällen geschehen sei, stimme 
mildeT. Keinem Menschen sei es eingefallen, an diesen männlichen Seitensprüngen etwas 
national Anstößiges zu finden. Und das Maß von Gleichberechtigung, das die Frau 
heute schon in Deutschland erreicht habe und in kurzer Zeit noch erreichen werde, sei 
erst recht geeignet, die Urteilsmaßstäbe einander immer ähnlicher zu gestalten. — 

In einem Teil dieser Sammlung wird auch die psychologische Seite dieser Ge¬ 
fangenenliebe eingehend gewürdigt, so daß im großen und ganzen, wenn auch die Unter¬ 
suchungen nicht in allen Teilen als wissenschaftlich angesehen werden können, da es vor 
allem an genügendem statistischen Material fehlt, die hier auftauchenden Fragen doch 
reichhaltig und vielseitig genug für den Sexual forscher sind. Es wäre wünschenswert, 
wenn diese Sammlung von Tatsachenmaterial über das Liebesieben in den besetzten Ge¬ 
bieten weiter fortgesetzt würde. 


Selbstanzeige. 

Zwiegestalt der Geschlechter beim Menschen. Leipzig 1919. Kurt Kabitzsch Verlag. 

Mit 11 Bildern nach Photographien. 4 Mk. 

Von H. Fehlinger. 

Einleitende Abschnitte behandeln die phylogenetische und ontogenetische Entwicklung 
der Geschlechtsunterschiede beim Menschen, sowie die Innenabscheidung der Keimdrüsen. 
Hierauf werden die wichtigsten sekundären Geschlechtsmerkmale beschrieben und Unter¬ 
schiede in ihrer Ausbildung bei den verschiedenen Menschenrassen aufgezeigt. Als Ur¬ 
sache dieser Differenzierung wird der ungleiche Grad der Domestikation erkannt, nämlich 
der willkürlichen Beeinflussung der Emährungs- und der Fortpflanzungsbedingungen. Auf 
einen Zusammenhang zwischen dem Domestikationsgrad und dem Grad der Ausbildung 
der sekundären Geschlechtsmerkmale weist u. a. die Tatsache hin, daß die stärkere oder 
schwächere Betonung irgendwelcher Männer- oder Fraueneigenschaften nicht wähl- und 
systemlos über die Rassen ausgestreut ist Wohl kann ein sekundäres Geschlechtsmerkmal 
in ähnlicher Ausbildung bei Rassen von sehr unterschiedlicher Domestikation auftreten, 
wie etwa der starke Bartwuchs bei Europäern, Weden, Ainen und Australnegern. Aber 
imganzengenommen sind doch die sekundären Geschlechtsmerkmale am auffallendsten 
bei der weißen Rasse ausgeprägt, die auch in der Domestikation am weitesten vorgeschritten 
ist. Nächst den Europäern sind die Kulturvölker des Orients durch weitgehende Aus¬ 
prägung der sekundären Geschlechtsmerkmale ausgezeichnet. Bei ihnen wird eine Ver¬ 
wechselung männlicher und weiblicher Körperform ebenfalls nicht leicht stattfinden, 
während bei manchen wenig domestizierten Rässen (von den Brüsten abgesehen) das Maß 
der geschlechtlichen Unterscheidung recht gering ist. Die zur Veranschaulichung dieser 
Tatsache beigegebenen Bilder stammen durchaus nicht von abnorm gearteten Personen, 
denn eine solche Auswahl hätte ihren Zweck vollständig verfehlt. — Es ist nicht aus- 
gescbloSvsen, daß die jüngsten Entwicklungen der europäischen Kultur eine Abschwächung 
der körperlichen und seelischen Unterschiede von Mann und Frau zur Folge haben w r erden, 
denn so manche wirtschaftliche und gesellschaftliche Zustände begünstigen Personen mit 
geringem Fortpflanzungstrieb, ganz besonders aber Frauen mit sehr schwachem oder 
fehlendem Mutterschaftstrieb. Das führt zur Häufung so beschaffener Menschen durch 
die soziale Auslese. Da erwiesen ist, daß sowohl der Geschlechtstrieb wie auch die Aus¬ 
bildung der sekundären Geschlechtsmerkmale von der inneren Abscheidung der Keimdrüsen 
abhängt, und daß diese Dinge in engster Verbindung miteinander stehen, so muß der 
Häufung von Personen mit gerigen geschlechtlichen Bedürfnissen eine Häufung solcher 
mit geringer Ausbildung der äußeren Kennzeichen des Geschlechts entsprechen. — Der 
Schlußabschnitt betrifft das zahlenmäßige Geschlechtsverhältnis und die Bestimmung des 
Geschlechts des werdenden Menschen. 

Viele der hier behandelten Probleme bedürfen noch weiterer Erforschung and Klärung. 
Wenn dazu manche Schlüsse dieser Schrift — die kühn erscheinen mögen — Anlaß 
geben, so hat sie ihren Zweck erfüllt: Förderung der wissenschaftlichen Erkenntnis. 


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Referate. 


Referate. 

1 ) Spinner, J. R.: Abtreibungshandlungen bei nichtschwangerem Uterus. Viertel - 

jahrsschr. f. gerichtl. Med. Bd. 58. H. 1. S. 1—38. 1919.) 

Verfasser, bekannt als Forscher auf dem Gebiete der Abtreibung, gibt in seiner 
neuesten Arbeit unter Veröffentlichung einer reichhaltigen und sehr lehrreichen Kasuistik 
das Ergebnis einer langjährigen Untersuchung bekannt und behandelt die juristisch als 
„Versuch am untauglichen Objekt“ bekannten verbotenen Eingriffshandlungen zum Zwecke 
der Abtreibung der Leibesfrucht vom medizinischen Standpunkt aus. Er erklärt es als 
eines der wirksamsten Mittel im Kampfe gegen die Abtreibung und ihie Gefahren, die 
systematische Zerstörung des Schwangerschaftskomplexes, wie er zur Zeit die Psyche der 
Frau beherrscht, durch, rationelle Aufklärung: Nicht jedes Ausbleiben der Periode be¬ 
deutet Schwangerschaft, sondern das vielfach anämische und nervöse Weib unserer Kultur¬ 
stufe neigt zu organischen Regelstörungen. Auch für den Juristen sei es wichtig, zu 
wissen, daß nicht jede Frau, die wegen Abtreibung angeklagt sei, schwanger sei, sondern 
vielfach eine mehr oder minder schwer hysterische psychopathische Nichtschwangere. 

Dt. Hans Schneickert. 

2 ) Peiler, Sigismund: Abortns (In Wien) und das Bevttlkerungsproblem. Archiv 

f. soz. Hyg. u. Deraogr. Bd. 13. H. 3. 

In den letzten Jahrzehnten ist in Wien ein andauernder Geburtenrückgang zu ver¬ 
zeichnen, dessen Ursache auf die starke Zunahme der bis 5monatigen Aborte zurückzu¬ 
führen ist. Peiler verwandte für seine Untersuchungen diö Fälle aus der Wiener Ge¬ 
burtshilflichen Klinik und Abortzimmer aus den Jahren 1907/8 und 1914/15. Nach den 
Statistiken betrugen die bis 5 Monaten alten Föten kaum ein Drittel, kurz vor dem 
Kriege dagegen bereit« zwei Drittel aller Totgeborenen; es ist demnach in der Zeit von 
1907 bis 15 eine Zunahme dieser Aborte um 35 °/ 0 zu verzeichnen. Nach den Angaben 
Schwangerer über den. Verlauf früherer Graviditäten stellt Peiler fest, daß mit jeder 
neuen Schwangerschaft die Möglichkeit eines Abortes zunimmt, und zwar wurde 1914/15 
eine stärkere Zunahme beobachtet als 1907/8. Außerdem geht aus den Untersuchungen 
hervor, daß Frauen, welche in jüngeren Jahren bereits eine Anzahl Graviditäten durch¬ 
gemacht haben, häufiger abortieren, als solche, die erst in späteren Jahren die gleiche 
Zahl Schwangerschaften erreichten. Jedoch nimmt bei gleichem Alter die Aborthäufig¬ 
keit mit steigender Schwangerschaftszahl zu. Aus dem statistischen Material geht her¬ 
vor, daß in Wien jede zweite verheiratete Frau durchschnittlich 1,5—l,8mal abortiert. 
Ebenso läßt sich mit Sicherheit Voraussagen, daß Frauen, die bereits bei der 1. oder 
2. Schwangerschaft abortiert haben, noch vor einer 5. Schwangerschaft zum zweitenmal 
abortieren. Es liegt natürlich im Interesse des Staates, der dauernden Zunahme der 
Aborte zu steuern. Da gesetzliche Verfügungen bis jetzt wirkungslos gewesen sind, so 
ist Peiler der Ansicht, daß nur durch weitgehende soziale Fürsorge, wie durch Herab¬ 
setzung des Heiratsalters usw., dieser Geburtenausfall vermindert werden kann. 

Erich Hoffmann, Berlin. 

3) Dietrich: Zur Bevölkerungspolitik. Monatsschr. f. Geburtsb. u. Gyn. 1919. 6. 

„Hätten wir keinen Geburtenrückgang erlebt, sondern unsere höchste Fruchtbar¬ 
keit der 70er Jahre behalten, mit 42,6 °/ 00 , dann müßten 1914 bei 68 000 000 Ein-* 
wohnem 2 896 000 Kinder geboren worden sein. In Wirklichkeit wurden nur 1 818 596 
geboren, es fehlen demnach rund 1 000 000 Kinder.“ Dieses Defizit setzt sich nach D.a 


Berechnungen der Verursachung folgendermaßen zusammen: 

1. Geburtenprävention 600 000 

2. Abortus spontaneus (einschl. indiziertem künstl. Abort) 180 000 

3. Abortus criminalis 180 000 

4. Vermehrung der pathol. Sterilität infolge Geschlechtskrankheit 40000 


1000 000 

Aufruf an die Arzte zur Mitarbeit im Kampfe gegen den Geburtenrückgang! 

Max Marcuse. 

4) Len z, F.: Die Bedeutung der statistisch ermittelten Belastung mit Blutsverwandt- 
schaft der Eltern. Münchn. med. Woch. 1919. Nr. 47. 

Die vermeintlich schädlichen Wirkungen der Verwandten-Ehe beruhen auf dem 
b«d ihr häufigen Znsamrnentreffen rezessiver krankhafter Erbanlagen. Für alle domi- 


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Referate. 


45 


nanten erblichen Leiden ist die Verwandten-Ehe so gut wie ohne Bedeutung, da eine 
dominante Anlage auch für sich allein schon — also beim Vorhandensein bei nur dem 
einen der Eltern — in die Erscheinung tritt. Sind andererseits die blutsverwandten 
Gatten von rezossiven Krankheitsanlagen frei, 60 bleiben trotz dieser „Belastung“ die 
Kinder völlig ungefährdet. Und was den Prozentsatz der Verwandten-Ehen anlangt, 
der sich bei den Trägern gewisser Leiden findet, so ist dieser von der allgemeinen Häufig¬ 
keit abhängig, mit der die erblichen Anlagen zu den betr. Leiden in der Bevölkerung 
vrbreitet sind. Verdeutlichung an den wesentlichsten Beispielen: Idiotie, Taubstumm¬ 
heit, Pigmentschwund der Netzhaut, Jugendirresein. Max Marcuse. 

5) Galant, S.: Sexualleben Im Säuglings- und Kindesalter. Neurol. Zentral bl. 

1019. Nr. 20. 

Wiedergabe eines Dokumentes im Schwizer Original und in hochdeutscher Über¬ 
setzung, in dem „ein Mädchen aus dein Volke“ von vollkommener geistiger und körper¬ 
licher Gesundheit die Wonne des Lutschens in der Kindheit schildert. „Weil ich, selbst 
schon als ich in die Schule gegangen bin, das Nuggeli nicht entbehren konnte, weiß 
ich jetzt noch so gut, wie herrlich so ein Lutscherli ist.“ Die Schilderung ist nach 
G.8 Ansicht „die beste Beschreibung dee Gefühle beim Koitus, die bis jetzt existiert“. 
Er hält den sexuellen Charakter des Lutschens und Ludelns der Kinder für eine nor¬ 
male allgemein verbreitete Erscheinung des infantilen Geschlechtslebens. Verteidigung 
und Abwehr Freud scher Theorien. Max Marcus e. 

6) Galant, S.: Algolugnische Träume. Arch. f. P.sych. u. Nervenheilk. Bd. Gl. H. 2. 

Freud hat die Träume vom Tode geliebter Personen als Erfüllungen von in¬ 
fantilen Wünschen gedeutet. G. sucht diese Auffassung, die aus Freuds eigenem 
System herausfalle, zu widerlegen und diese eine einheitliche Gruppe bildenden Träume 
als sexuelle Wunscherfüllungen algolagnischer Perverser zu erweisen. Widergabe und 
Analyse des Mordtraumes einer Sadistin. Zusammenstellung der Symbolik der algolag- 
nischen Träume. Max M a r c u s e. 

7) Nord mann, A.: Syphilis par conceptiou oder Syphilis d’emblee. Korr.-Bl. f. 

Schweizer Ärzte. 1919. Nr. 43. 

Die Frau eines 2 1 / 2 Jahre nach stattgefundener luetischer Infektion verheirateten 
Mannes, der wohl vor der Verheiratung mit offensichtlichem Erfolge behandelt worden 
war, hat ein schon 6 Jahre lang gesundes Kind zur Welt gebracht, ist dann während 
reichlich 4 Jahren nach der Heirat selbst gesund geblieben, erkrankte jedoch zu Beginn 
des 5. Jahres ohne nachweisbaren Primäraffekt an sekundärer Lues. Auf Grund dieser 
Erkrankung strengte die Frau Klage auf Ungültigkeitserklärung ihrer Ehe an. Ein¬ 
gehende Erörterung der Frage nach der hier stattgefundenen Art der SyphiJisübertraguug 
und zur Beurteilung des zivilrechtlichen Sachverhaltes. Max Marcuse. 

8) Kläsi, J.: Beitrag zur Differentialdiagnose zwischen angeborener und hysteri- 

form erworbener Homosexualität. Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. 1919. 52. 1/3. 

Krankengeschichten von vier Homosexuellen, von denen 3 zu ihrer geschlecht¬ 
lichen Abartung mittels eines bekannten, hysterischen Mechanismus gelangten und nur 
der 4. ein konstitutiv Hotnosexueller war. Jener Mechanismus besteht in der Flucht 
vor der Impotenz in die Homosexualität, die der sexuellen Minderwertigkeit zur Recht¬ 
fertigung und Verkleidung dienen soll. Gründliche und anregende klinische und psycho¬ 
logische Betrachtungen zur unterschiedlichen Würdigung der ihrer Herkunft und ihrem 
Wesen nach ganz verschiedenen Arten von Homosexualität, die auch eine ganz verschie¬ 
dene therapeutische und prognostische Stellungnahme von seiten des Arztes erfordern. 

Max Marcuse. 

9) Brock, A. J. P. v. d.: Einiges über Harn- und Geschlechtsorgane, im besonderen 

über das KoitnsbHd, in der Anatomie des Leonardo da Vinci. Janus 1919. 

Eine durch 3 Abbildungen erläuterte, außerordentlich scharfsinnige, auf kulturhisto¬ 
rische und biographische Erwägungen sowie auf Materialprüfung und Literaturkritik sich 
stützende Untersuchung über Umfang und Quelle der Kenntnisse Leonardos von der Ana¬ 
tomie und Physiologie des Urogenitalapparates und über den Zeitpunkt der Entstehung 
seiner Darstellungen der menschlichen Geschlechtsorgane und -Funktionen. Die Abhand- 


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46 Referate. 


lung' ist als sexual wissenschaftlicher Beitrag sowohl zur Geschichte der Medizin wie zur 
Kenntnis der Persönlichkeit Leonardos von besonderem Wert und Interesse. 

Max Marcuse. 

10) S c h Ö p p 1 e r, H.: Die Krankheiten Kaiser Heinrich II. und seine „Josephs-Ehe*. 

Arch. f. Gesch. d. Med. 1919. 3/4. 

Übereinstimmend geht aus den überlieferten Aufzeichnungen aller Chronisten mit 
Sicherheit hervor, daß Heinrich II. nie gesund gewesen ist. Aber über die Art seiner 
Leiden gehen die Ansichten auseinander. Das Hauptleiden, das fast von ailen Bio¬ 
graphen Heinrichs besprochen wird, soll ein Steinleiden gewesen sein, das auch in den 
Sagen über ihn eine besondere Rolle spielt. Eine dieser Sagen hat eine bildliche Dar¬ 
stellung gefunden: das Relief atu Heinrichsgrab zu Bamberg (von Dik Riemenschneider, 
1513 vollendet) zeigt die Heilung Heinrichs: durch den hl. Benedikt. Von einem ganz 
ähnlichen Steinrelief aus der Johanniskirche in Passau bringt Schöppler eine wohl¬ 
gelungene Abbildung: auch hier zur rechten Seite des Kaisers stehend ein Mönch (der 
hl. Benedikt?), in der rechten Hand ein Operationsmesser, in der linken ein als Stein 
gedeuteter, rundlich ovaler Körper. Sch. glaubt, daß dieser Körper nicht ein Stein, son¬ 
dern der Testis sei, und die Darstellung nicht eine Steinoperation, sondern eine K astra- 
tion widergebe. Er bespricht diese Annahme einigermaßen überzeugend, zumal mit ihr 
auch die Legende von Heinrichs „Josephs-Ehe“ gut vereinbar ist. Andeutungsweise wird 
diese schon bei den ältesten Chronisten erwähnt, während sie in der späteren Literatur 
Gegenstand heftigster Kontroversen ist. U. a. führte auch die Frage, ob die Ursache 
der „Josephs-Ehe“ bei dem Kaiser oder seiner Frau zu suchen sei, zu scharfen Auseinander¬ 
setzungen. Günther z. B. schreibt: „Heinrichs Ehe war aber kinderlos, und aus diesem 
Umstande ist leicht eine Josephs-Ehe geworden, als man anting, in Heinrich ausschließlich 
den Heiligen zu sehen.“ Sch. stellt und begründet nun im Zusammenhänge mit jenen 
bildlichen Darstellungen und ihre Ausdeutung bei Kaiser Heinrich die Diagnose auf 
I ln p o t e n t i a c o e u n d i. Max Marcuse. 

11) Chiba, Sh.: Der Ahnenkultus und die japanischen Frauen. Arch. f. Frauenkunde. 
1919. 5. 1. 

Der Ahnenkultus ist die Seele des japanischen Volkes. Ohne das Wesen jenes zu 
kennen und zu erfassen, ist ein Verständnis der dortigen Stellung der Frau nicht mög¬ 
lich. Z. B. der moralische und rechtliche Schutz des Ehebruchs nur der verheirateten 
Frau, nicht aber derjenige des Mannes, die familiale und politische Unselbständigkeit 
(nicht die geistige und wissenschaftliche) der japanischen Frau, kurz überhaupt ihre innere 
und äußere Lebensgestaltung ist Ausdruck und Wirkung des Ahnenkultus, in dem die 
spezifisch japanische Auffassung von Staat und Verwandtschaft, ja das japanische Welt¬ 
bild schlechthin sich widcrspiegelt. Und alle auch für Japan erforderlichen und unver¬ 
meidbaren Reformen des Frauenlebens sind immer nur auf der Grundlage des Ahnen¬ 
kultus denkbar. Max Marcuse. 

12) Heller, Julius: Kannten die deutschen Studenten an der Wende des XV. Jahr¬ 
hunderts die Syphilis und die Ansteckungsffthigkeit der Geschlechtskrankheiten ? 

Berl. klin. Woch. Bd. 57. S. 88 u. 89. 1920. 

Die Frage nach dem Ursprung der Syphilis ist noch immer strittig. Iwan Bloch 
lehrt, daß sie amerikanischen Ursprungs sei, Sudhoff ist anderer Meinung. Heller sucht 
durch literarische Funde — diesmal auf dem Gebiete des Studentenlebens — an der 
Lösung der Frage mitzuhelfen. Er zitiert Friedrich Zarnckes Buch „Die deutschen Uni¬ 
versitäten“, worin Schriftstücke abgedruckt sind, die u. a. auf die vita sexualis der mittel¬ 
alterlichen deutschen Studenten ein grelles Licht werfen. Es sind dies das „manuale 
scholarum“, eine Art Studentenführer (um 1500) und die beiden Heidelberger Scherz¬ 
disputationen von Hartlieb über die Treue der Huren (de fide meretricum) und von 
Olearius über die Treue der Kebsweiber (de fide concubinarum). In diesen Schriften 
wird in schamlosester Weise über das weibliche Geschlecht, über die feilen Weiber und 
deren Krankheitszustände gesprochen. Doch nirgends findet sich ein Anhaltspunkt dafür, 
daß die Frauen als die Verbreiterinnen von Geschlechtskrankheiten in Frage kommen. 
Deshalb meint Heller, daß die Reden vor 1495 fertiggestellt sein müßten — Zamcke 
datiert sie um 1500 — weil 1500 die Syphilis in Heidelberg sicher bekannt war. 

Heller weist ferner auf die „Vermahn- und Warnschrift an die Studenten“ bin. 
die Luther am 13. Mai 1543 an die Kirche zu Wittenberg schlug, worin er auf die „franzö- 


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47 


Internationale Gesellschaft für Sexualforschung. 


sischten giftigen Huren 11 hinweist. Die Syphilis war also damals schon bekannt, wenn 
auch die Vorstellung ihrer Gefährlichkeit nicht recht in das öffentliche Bewußtsein über¬ 
gegangen zu sein scheint, wie Heller aus einer offiziellen Rostocker Universitätsrede vom 
18. X. 1586 entnimmt. Hingegen weiß 120 Jahre später (1699) Heinrich Caspar Abel 
in seinen „Wohlerfahrener Leibmodicus der Studenten“ recht kräftige Worte gegen die 
„Frantzosen, eine abscheuliche Seuche“ zu finden. Dr. Oskar Scheuer. 


Internationale Gesellschaft für Sexualforschung. 

In der ao. Mitgliederversammlung aln 6. März 1920 im Falk-Realgymnasium zu 
Berlin wies zunächst der stellvertretende Vorsitzende Geh. Sanitätsrat Dr. Albert Moll 
auf die seit der letzten Zusammenkunft geleistete Arbeit der Gesellschaft hin und machte 
Mitteilung von der immer reger werdenden Wiederaufnahme der Beziehungen seitens der 
Mitglieder in dem während des Krieges feindlich gewesenen Auslande. Insbesondere 
kotnmen aus Italien und aus den Vereinigten Staaten laufend zahlreiche Bekundungen des 
Interesses und des Willens zur Mitarbeit an den wissenschaftlichen Aufgaben der Ge¬ 
sellschaft. 

Darauf hielt Professor Dr. Lang stein, der Direktor des Kaiserin Auguste Vic¬ 
toria Hauses, Reichsanstalt zur Bekämpfung der Säuglings- und Kindersterblichkeit, einen 
Vortrag über: 

Das frühgeborene Kind. 

Der Vortragende erinnerte zunächst an die glücklicherweise überwundene Zeit, in 
der frühgeborene Kinder die Hauptattraktion von Weltausstellungen gewesen sind, wo 
die sogenannten Kouveusenabteilungen viele Neugierige- angelockt haben. Dieser Stand¬ 
punkt ist in- der Zeit gesteigerter sozialer Fürsorge hoffentlich endgültig überwunden. 
Das frühgeborene Kind muß heute entsprechend der Eigenartigkeit seines Organismus 
und seines Schicksals besondere Aufmerksamkeit aus vielfachen Gründen erfahren. Es 
kann nicht geleugnet werden, daß auch von fachmännischer Seite ihm diese Aufmerk¬ 
samkeit bis in die letzten Jahre nicht geschenkt wurde. Schuld an den Unterlassungs¬ 
sünden ist vielfach die Tatsache, daß man die zahlreichen Todesfälle dieser Kinder als 
ein unabwendbares Ereignis hinnahm. Man beschuldigte die Lebensschwäche dieser 
Kinder als die Ursache ihres Todes, womit gar nichts oder nur so viel gesagt ist, daß 
toan den noch nicht fertigen Organen nicht die Lebenskraft beigemessen hat, den Kampf 
um das Dasein siegreich zu bestehen. Leider nimmt der Begriff der Lebensschwäche 
heute immer noch einen breiten Raum unter den Todesursachen ein, ist aber nichts 
weiter, als eine Verlegenheitsdiagnose, dadurch bedingt, daß man den krankhaften Ver¬ 
änderungen der Organe, weil sie besonders schwer nachweisbar sind, nicht die genügende 
Aufmerksamkeit schenkt. 

Ausgedehnte Untersuchungen in der Anstalt des Vortragenden, dem Kaiserin 
Auguste Victoria Haus, mit seinem enormen Material an Frühgeborenen, das von einem 
Schüler Langsteins, dem Oberarzt Dr. Y1 p p ö, außerordentlich sorgfältig bear¬ 
beitet wurde, haben zu Ergebnissen geführt, die es notwendig erscheinen lassen, das 
frühgeborene Kind nicht nur vom Standpunkt des Klinikers, sondern auch von sozialen 
Gesichtspunkten» in den Vordergrund des Interesses zu rücken. Diese Untersuchungen 
waren um so wichtiger, als die Anzahl der frühgeborenen Kinder keineswegs eine ge¬ 
ringe ist, sondern ungefähr 10 Proz. der überhaupt geborenen Kinder ausmacht. Dabei ist 
es schwer, den Begriff des frühgeborenen Kindes ganz klar zu präzisieren. Es ist unter 
klinischen und nach sozialen Gesichtspunkten zweckmäßig, jedes Kind, das mit einem Ge¬ 
burtsgewicht unter 2500 g geboren wird, gleichviel ob es dieses Gewicht erreicht hat, 
nachdem es ausgetragen ist oder bevor es ausgetragen ist, als Frühgeburt zu bezeichnen. 
Die Sektion dieser Kinder, von denen schon eine große Anzahl in den ersten Lebenstagen 
zugrunde geht — namentlich handelt es sich hier uln Kinder unter 1000 oder 1200 g — 
hat ergeben, daß diese Kinder keineswegs an Lebensschwäche starben, sondern an durch 
den Akt der Geburt bewirkten, zum, Tode führenden Veränderungen. Die Geburt als 
solche gehört sicherlich zu den schwersten Insulten, die auf einen Organismus einwirken 
können. Man muß sich nur den enormenl Druck vorstellen, der auf den Geweben des 
Kindes lastet, wenn es durch den Geburtsschlauch hindurchtritt. Je unfertiger der früh¬ 
geborene Organismus, je frühgeborener das Kind, um so schwerere Schädigungen können 
lebenswichtige Teile erfahren, und vor allem hat sich herausgestellt, daß ausgedehnte 
Blutungen in Gehirn und Rückenmark die Folge des Geburts-Aktes sind. Man spricht 
dabei sehr häufig bei Frühgeburten von „leichter Geburt“. Jede Geburt ist jedoch 
für das Kind eine schwere, wenn sic auch für die Mutter anscheinend leicht 


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48 


Internationale Gesellschaft für Sexaalforschung. 


ist. An jenen Blutungen und anderen Veränderungen, die hier nicht näher er¬ 
örtert werden sollen, sterben die Kinder, nicht an Lebensschwäehe. Eine Anzahl der 
Kinder kommt mit dem Leben davon, auch Kinder unter 1000 g Geburtsgewicht, und die 
Veränderungen im Gehirn, Rückenmark und anderen lebenswichtigen Teilen bilden sich 
allmählich zurück, in einer Reihe von Fällen, ohne Nachwirkungen zu hinterlassen, in 
einer großen Reihe anderer Fälle mit dauernden Störungen von seiten des Zentralnerven¬ 
systems. Die Untersuchungen am Material des Kaiserin Auguste Victoria Hauses haben 
unzweideutig ergeben, daß Krampfzustände im Kindesalter, Idiotien, Intelligenzdefekte, 
Lähmungszustände sehr häutig auf nichts anderes zurückzuführen sind, als auf die 
Schädigungen des Kindes während der Geburt. Auch von einer ganz anderen Seite 
der Bearbeitung des Problems aus hat sich diese Tatsache bestätigt. Bei einer Unter¬ 
suchung, die der Assistent des Kaiserin Auguste Victoria Hauses, Dr. Dollinger, an 
70 schweren Idioten angestellt hat, hat sich herausgestellt, daß mit aller Wahrschein¬ 
lichkeit 27 Proz. nicht ctw T a auf familiäre Degeneration, sondern auf den Akt der Geburt 
zurückzuführen sind. Bedenkt man, welche Bedeutung der Idiot heute für das Familien¬ 
leben hat, wie er dauernd der Allgemeinheit zur Last fällt, bedenken wir ferner, wie¬ 
viele Schwierigkeiten infolge geistiger Anomalien schwer erziehbare Kinder in der Schule 
Schuld machen, welches Kapital für sie aufgewendet werden muß, vergegenwärtigen wir 
uns ferner, daß das frühgeborene Kind in einem großen Prozentsatz in den ersten Wochen 
und Monaten des Lebens stirbt, so liegt auf der Hand, daß durch weitgehendste Ein¬ 
schränkung der künstlichen Frühgeburt eine Besserung auf dem, Gebiete der Fürsorge 
erreicht werden könnte. 

Der Vortragende führt weiter aus, wie auch die englische Krankheit gerade früh¬ 
geborene Kinder in verstärktem Maße befällt, was ebenfalls zu einem sozialen Mißstande 
führt. Man könnte angesichts des dunklen Zukunftsschicksals eines großen Teils der 
Frühgeborenen geneigt sein, an die unter einem bestimmten Gewicht, z. B. unter 1000 g 
geborenen Kinder, weitere Mühe nicht zu verwenden, wenn dem nicht besondere ethische 
Bedenken gegenüberständen und auch die Tatsache, daß selbst unter diesem Gewicht ge¬ 
borene Kinder sich unter Umständen späterhin gut entwickeln. 

Auch die Rechtsprechung und Gesetzesmaßnahmen müßten durch die Studien an 
Frühgeborenen beeinflußt werden. So gilt nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch für das 
Deutsche Reicli als Empfängniszeit die Zeit vom einschl. 181. bis einschl. 302. Tage vor 
dem Tage der Geburt des Kindes (§ 1592). Schon die obere Grenze ist zweifellos zu 
niedrig gezogen. Denn auch nach 150—170 tägiger Schwangerschaft können Kinder 
lebend geboren werden und einige Tage am Leben bleiben. Wenn im französischen Recht 
gesagt wird, daß das Kind, das 180 Tage nach der Hochzeit geboren ist, von dem Ehe¬ 
mann nicht verleugnet werden kann, falls cs nicht lebensfähig geboren wird, so wird 
auch durch diese Feststellung der niedrigsten Grenze der Lebensfähigkeit einer Frucht 
unter Umständen der Mutter Unrecht getan. 

Um allzu großem Pessimismus in der Frühgeborenen!rage vorzubeugen, betont der 
Vortragende zum Schluß, daß immerhin 40—45 Proz. der frühgeborenen Kinder von un¬ 
gefähr 500 Frühgeborenen das Schulalter erreicht haben, was aber nur möglich wird, 
wenn vom ersten Lebenstage an den Frühgeborenen besondere Pflege und Fürsorge zu¬ 
teil wird. Die Frühgeborenen gehören jedenfalls unter die von vornherein schwer ge¬ 
fährdeten Individuen. (Eigenbericht des Vortragenden.) 

An der Diskussion über den L a n g s t e i n sehen Vortrag nahmen teil: 
Rechtsanwalt Flügge, Rechtsanwalt Zelle, Frau Hebamme Hcmelein, Dr. med. Lieb¬ 
mann und Geheimrat Dr. Moll. 

Es folgte dann ein Vortrag des Nervenarztes Sanitätsrats Dr. Fla tau über: 

Potenzstörungen und Rechtsprechung. 

Der Vortrag wird in dieser Zeitschrift in extenso erscheinen. Auch ihm folgte 
eine Aussprache, an der Rechtsanwalt Becher, Frau Habich und Geheimrat Dr. Moll sich 
beteiligten. 


Anfragen und Mitgliedsanmeldungen erbeten an den stellvertretenden Vorsitzen¬ 
den Geheimrat Dr. Albert Moll, Berlin W.. Kurfürstendamm 15, oder den Schriftführer 
Dr. Max Marcusc, Berlin W., Liitzowstr. 85. 


Für die Redaktion verantwortlich : Dr. Max Mareose in Berlin. 
A. Maren» & E. Weben Verla* (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn. 
Druck : Otto Wlgand’ache Bachdruckerei 6. m. b. H. in L«ipzlg. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

VII. Band Mai 1920 2. Heft 


Anonymität und Sexualität. 

Von Prof. Dück 
in Innsbruck. 

Die Kulturmenschen laufen, je mehr sie „gebildet” (lies: ver¬ 
bildet) werden, um so mehr mit einer ständigen Maske umher; will 
man sie in ihrem Wesen erkennen, so muß man sie beobachten, 
wenn sie sich ungesehen glauben — und das ist bei der Anonymität 
der Fall! Reiße den Menschen aus seinen Verhältnissen und was 
er dann ist, das ist er! Anonymität aber wird geradezu aus¬ 
nahmslos da angewendet, wo so ungewöhnliche Verhältnisse vor¬ 
liegen, daß der Betreffende seinen Namen nicht zur Deckung her¬ 
geben kann oder will. Freilich wurden und werden gegen eine 
solche Wertung der Anonymität Einwände erhoben, die uns zunächst 
kurz beschäftigen sollen. Zunächst wird behauptet, die Anonymität 
spiele in den unteren Kreisen eine weit größere Rolle als in den 
höheren, gebildeteren. Eine Untersuchung des vorliegenden Materials 
aber ergibt, daß die sog. gebildeten Stände im Verhältnis zu 
den niederen Kreisen nicht seltener, sondern häufiger vertreten 
sind, während freilich, absolut genommen, die unteren Klassen 
überwiegen. Zu diesem Ergebnis kommt man aber auch auf Grund 
folgender Überlegungen: Gerade die sog. feineren Gesellschafts¬ 
schichten sind es, welche die kulturelle und soziale Maske tragen 
müssen und daher leichter und stärker Anreize zu derartigen Ab¬ 
reaktionen haben als die niederen, bei denen viel, viel öfter eine 
unmittelbare Entladung Aug in Aug ohne jede nachhaltige wirt¬ 
schaftliche oder gesellschaftliche Schädigung erfolgen kann. 

Dann wird eingewendet, es seien von vornherein ausschließlich 
Psycho- und Neuropathen, die anonyme Briefe schrieben, aber keine 
„normalen“ Leute: deshalb könnten auch keine allgemein gültigen 
Schlüsse aus einer derartigen Statistik gezogen werden. Dieser 
Einwand wiegt entschieden viel schwerer; allein auch er ist bei 
genauerem Zusehen nur in recht begrenztem Maße als berechtigt 
anzuerkennen. Zunächst haben wir bisher überhaupt noch keine 
genaue Festlegung des Begriffes „normal“; es scheint vielmehr, 
daß dieses Wort örtlich und zeitlich ganz abweichende Begriffe 
decken kann. Ich versuchte, diesem Umstand Rechnung tragend, 
eiue entsprechende soziale Grenzzone zu schaffen, indem ich in 
meiner Sexualpädagogik 1 ) folgende Definition gab: „Als normal ist 

l ) „Die wissenschaftlichen Grundlagen 14 der Sexualpädagogik im Areh. f. Sexualwissen¬ 
schaft und eigene Broschüre, Heidelberg 1915, Winter. 

Zeltschr. f. Sexualwissenschaft VII. 2. 4 


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50 


Duck. \ 


ein Individuum noch zu bezeichnen, wenn cs sich nach seiner 
körperlichen und geistigen, intellektuellen wie ethischen Eigenart 
in die Zeit- und Ortsumstände wenigstens äußerlich einzuordnen 
vermag.“ Es handelt sich ja fast immer um die untere Grenze des 
Normalen, und auch nicht etwa um die Abgrenzung im anatomisch¬ 
physiologischen Sinn, sondern in gesellschaftlicher Beziehung. Jeden¬ 
falls wäre damit der so ganz unbestimmte Begriff des (sozialen) 
„Durchschnitts“ vermieden, mit dem weder der Psychiater noch der 
Pädagoge noch der Jurist viel anfangen kann. Dann aber ist weiter¬ 
hin zu diesem Einwand folgendes zu sagen: Selbst wenn es sich, 
hier nur um Neuro-Psychopathen handelte, wäre es doch interessant 
festzustellen, in welchem Prozentsatz solche Individuen in unser 
Gesellschaftsleben eingreifen, weil sie ja nicht in einer geschlossenen 
Anstalt untergebracht sind, und wie der Anteil der Geschlechter 
dabei ist. Endlich aber — und das scheint mir die wichtigste 
Widerlegung dieses Einwandes! — haben wir zwar schon recht 
verfeinerte Methoden zur Intelligenzprüfung (im weiteren Sinn), aber 
eine Feststellung der übrigen psychischen Qualitäten, besonders 
derjenigen, die wir mit dem Begriff „Charakter“ zusammenzufassen 
pflegen, ist kaum über die ersten Versuche hinausgekommen; fehlt 
uns doch sogar noch die einheitliche Terminologie, und das trotz 
des grundlegenden Werkes vonKlages 1 ). Unser Begriff „gebildete“ 
Stände deckt sich fast vollkommen mit dem der intellektuell 
gebildeten. Im allgemeinen kann man sagen, daß, abgesehen von 
eigentlich ganz groben, oder richtiger gesagt: ganz leicht juristisch 
faßbaren Ausfällen diese anderen Qualitäten für die soziale Stellung 
keine Rolle spielen; höchstens suchen engere Zirkel diesem Mangel 
durch strengere Anforderungen in ihrem Kreis (Ballotage, Ehren¬ 
gericht usw.) abzuhelfen. Sonst aber wird nicht selten mit dem 
Schlagwort „Standesehre“ oder „Kollegialität“ Mißbrauch in dem 
Sinn getrieben, daß Verfehlungen eines Mitglieds nach Möglichkeit 
vertuscht oder gar „im Interesse der Autorität“ gedeckt werden 
(„nach oben fallen!“). Tatsächlich wird man nicht leugnen können, 
daß die ethischen Qualitäten keineswegs mit höherem Wissen und 
Können oder gar Rang und Einkommen zunehmen! Je höher 
aber die Intelligenz, desto größer ist auch die Fähigkeit, ein ano¬ 
nymes Schreiben unerkannt laufen zu lassen; und mit der Wahr¬ 
scheinlichkeit, daß eine Entdeckung tatsächlich auch mit den feinsten 
Mitteln des Kriminologen und der Sachverständigen unmöglich ist, 
wächst natürlich auch der Anreiz zur Anonymität bei Leuten, die 
nicht gut eine andere Art der Abreaktion mit Rücksicht auf ihre 
Stellung haben. Dabei braucht es sich gar nicht immer .um sittlich 
verwerfliche Dinge zu handeln; es kann im Gegenteil auch die 
beste Absicht herrschen, einen tatsächlichen Übelstand zu beseitigen, 
wenn trotz aller schönen Erlässe ein freimütiger Anzeiger nicht 
vor der Rache des Höheren geschützt ist; handelt es sich doch 
meistens um Untergebene, die allein Einblick haben, wie sehr Sein 
und Schein bei ihrem Vorgesetzten abweichen, und ebenso nicht 
gerade immer um Vergehen, die nach dem Staatsanwalt schreien, 


l ) Prinzipien der Charakterologie, Leipzig 1910, Barth. 


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Anonymität und Sexualität. 


51 


aber doch eine schwere Schädigung der Allgemeinheit oder des 
einzelnen bedeuten. Damit soll freilich keine Verteidigung, sondern 
nur eine Erklärung mancher anonymen Schrift gebracht sein. Wer 
aber Einblick hat, wird zugeben müssen, daß Neid und Eifersucht, 
Bonzentum und Alterserscheinungen, Unterrock und Goldstück ihre 
Hauptrolle durchaus nicht in den unteren Gesellschaftsschichten 
spielen! 

Bleibt noch ein Einwand: Daß anonyme Schreiben von ge¬ 
bildeten Leuten weit seltener zum Gegenstand gerichtlicher Schritte 
gemacht werden, als sie Vorkommen; auch dies widerspricht dem 
Wert meiner Statistik nicht, da sie auch die Fälle umfaßt, in denen 
ich anläßlich Disziplinaruntersuchungen, Ehrengerichten usw. bei¬ 
gezogen wurde. — 


1 . Männliche Beschuldigte: 

anonyme Anzeigen usw. ohne sexuellen Inhalt: 

1 . Statistik.24 

„.30 

3. „ (darunter 3 pseudonyme).46 

zusammen. 100 

anonyme Anzeigen usw. mit sexuellem Inhalt: 

1 . Statistik.4 

2. „.3 

3 . „. 1 

zusammen. 8 

sonstige Fälle (Urkundenfälschung usw.): 

1 . Statistik.32 

2. ,.33 

3. „.26 

zusammen. 91 

männliche zusammen: 


199 


11. Weibliche Beschuldigte: 

anonyme Anzeigen usw. ohne sexuellen Inhalt: 
1 . Statistik. 


zusammen 


8 

10 

25 


anonyme Anzeigen usw. mit sexuellem Inhalt: 
1 . Statistik. 


zusammen 


22 

17 

10 


sonstige Fälle (meist Ableugnung von echten Unter¬ 
schriften und ähnliches): 

1 . Statistik. 


zusammen . 

weibliche zusammen 
alle zusammen 


11 

9 


101 

300 


Im .vorstehenden sind 316 aufeinander folgende Fälle aus meiner 
Gerichts- und Amtspraxis behandelt, von denen aber nur 300 Fälle 
bezüglich beider Geschlechter verwertet wurden, da bei den übrigen 

4* 


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52 Dück. 

eine Entscheidung unmöglich war. In dieser Summe sind auch 
meine früheren Fälle l ) enthalten. 

In Prozenten für beide Geschlechter berechnet, ergibt das (in 
Klammern ist das Ergebnis für die I. und II. Statistik allein 
beigesetzt): 

männlich weiblich 

anonyme Schreiben ohne sexuellen Inhalt (42,9) 50,7°/ 0 1 54.8 (20,3) 24,7°/ 0 I 73,2 

anonyme Schreiben mit sexuellem Inhalt (5.5) 4,1 °/ 0 ) (48,4) (52,7) 48,5 °/ 0 J (73,0) 

sonstige Fälle: (51,0) 45,2% (27,0) 26,8°/„ 

100 . 0 " „ 100,0 »/, 

Man sieht, daß auch diesmal die Zahlen keine wesentliche 

Verschiebung erfahren haben; allerdings zeigt die Zahl der ano¬ 
nymen Schreiben der Männer überhaupt eine geringe prozentuale 
Zunahme ; indes darf man nicht vergessen, daß der Krieg mit seinen 
mannigfachen Anreizen (man kennt ja das ehemalige Beschwerde¬ 
recht beim Militär!) Einfluß ausübte, der aller Erwartung nach 
sogar größer hätte sein sollen! Von den anonymen Schreiben der 
III. Statistik hatten militärischen Inhalt 14, und zwar 12 von Männern 
und 2 von Frauen herrührend. 

Die 16 nicht mitgezählten Fälle können einen höchsten Fehler 
von 5,33% des jeweils gefundenen Wertes, oder einen wahrschein¬ 
lichen Fehler von + 0,9% jedes Wortes bedingen, fallen also 
praktisch für eine Änderung der Werte nicht in die Wagschale. 

Im Zusammenhang damit dürfte von Interesse sein, welche Ver¬ 
änderungen bezüglich der Sexualverbrechen der Krieg hier 
überhaupt mit sich gebracht hat. Bei sämtlichen 5 Untersuchungs¬ 
richtern fielen folgende Fälle an: 

Gruppe I. [Verbr. im Sinne der §§ 125 (Notzucht) und 127 (Ausübung des Beischlafs 
an einer Frau im wehr- odor bewußtlosen Zustand) einzeln oder im Zusammentreffen mit 
Verbr. nach §§ 128 (Schändung), 129 (Unzucht wider die Natur), 131 (Blutschande) 132 
(Verführung zur Unzucht, einschh Kuppelei in bezug auf eine unschuldige Pereon), oder 
mit Übertretung nach § 516 StGB. (Gröbliche und öffentliches Ärgernis verursachende 
Verletzung der Sittlichkeit oder Schamhaftigkeit).] 

1913: 21, davon mit Anklageerhebung: 9 

1914: 19. .. 9 

1915: 8, „ 6 

1916: 8, .. 3 

1917: 4, ., „ ,. 0 

1918: 3, „ 2 

zusammen: 63, davon mit Anklageerhebung: 29. 

Gruppe II. [Verbr. ira Sinne des §128 StGB, einzeln oder im Zusammentreffen mit 

denselben Paragraphen wie oben.] 


1913 

36. 

davon 

mit 

Anklageerhehung: 

29 

1914 

34, 

,, 



23 

1915 

13, 


,, 


12 

1916 

17, 




13 

1917 

11 . 




5 

1918 

5, 

V 



2 

zusammen 

116, 

davon 

mit 

Anklageerhehung: 

84. 


*) Vgl. 1. Statistik in „Sexualprobleme" 1913; II. Statistik in Ärztliche $achver>tändigon- 
Zeitung 1916. 


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53 


Anonymität und Sexualität. 


Gruppe III. fVerbr. nach § 129 einzeln oder . . . wie oben!] 


1913: 19, davon mit Anklageerhebung: 12 

1914: 13. „ „ 9 

1915: 6, „ „ .. 1 

191b: (j. ., 0 

1917: 0. „ 0 

1918: 2, .. „ 2 

zusammen: 46, davon mit Anklageerhebung: 33. 


Gruppe IV. (Verbr. nach §§ 131, 132 einzeln oder . . . wie oben!] 


1913 

1914 

1915 

1916 

1917 

1918 


5, davon mit Anklageerhebung: 
•) 

,, r 

1 , - „ 

> 


1 , 

u. 


0 

•> 

1 

0 


zusammen 


11, davon mit Auklageerhebung: 7. 


Gruppe V. [Übertretungen nach § 516 StGB.] 

1914 : 1, mit Anklageerhcbung: 1, 

in den übrigen Jahren: 0. 


Zusammenfassung: 

1913: 81, davon mit Anklageerhebung: 52 
1914: 69, 

1915: 28, „ 

1916: 33, 

1917: 16. 

1918: 10, „ 

zusammen: 237, davon mit Anklageerhebung: 1 T>4. 

Man möchte nun glauben, daß der auffällige Rückgang der 
Sexualverbrechen einfach dadurch zu erklären ist, daß die Leute 
in der Kriegszeit der Militärgerichtsbarkeit unterstanden; allein 
nach den Mitteilungen der betr. Untersuchungsrichter, denen ich 
diese Zahlen verdanke, kann dieser Grund nur in ziemlich be¬ 
schränktem Maße zur Erklärung herangezogen werden, weil auch 
in den Friedensjahren die überwiegende Mehrzahl der Verbrecher 
nach diesen Paragraphen sich außerhalb der für die Kriegsdienst¬ 
leistung in Betracht kommenden Jahre befindet, also unter 18 oder 
über 40 Jahre alt ist. Jedenfalls dürfte diese Statistik von 
Interesse sein, ohne daß man so leicht angeben könnte, welche 
Zusammenwirkung von verschiedenen Ursachen dieses Ergebnis 
hatte! — 

Zur Vervollständigung des Bildes sollen nun alle diejenigen 
Fälle herbeigezogen werden, in denen die Verheimlichung der Wahr¬ 
heit überhaupt eine Rolle spielt. 

Nach dem Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich 1917 
entfallen nun auf die im Jahre 1912 Verurteilten 489532 = 84,2% 
männliche und 91653= 15,8% weibliche Personen; diese Prozent¬ 
zahlen bedeuten also den Durchschnitt von allen Vergehen und Ver¬ 
brechen zusammengenommen. 


44 

22 

24 

6 

6 


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54 


Duck. 


1913 (spätere Zahlen geben wegen des Krieges ein schiefes 
Bild) waren es 696775 Personen und zwar 473353 männliche und 
88462 weibliche (84,3% männliche und 15,7 % weibliche). 

Nun ist bemerkenswert, welche Gruppen von Verbrechen und 
Vergehen bei weiblichen Personen eine über die durchschnittliche 
Prozentzahl hinausgehende Häufigkeit zeigen, also offenbar von den 
weiblichen Personen bevorzugt werden, dies sind: 


Verbrechen und Vergehen gegen das Vermögen.16,3 

Arrestbruch (!).27,6 

Verletzungen der Eidespflicht (!).27,3 

Beleidigung.29,0 

Diebstahl.18,6 

Unterschlagung.16,4 

Hehlerei (!).24,9 

am nächsten kommen: 

Verbrechen gegen Staat, öffentliche Ordnung, Religion . . . 15,4 

Verbrechen gegen die Person.15,4 

Betrug.14,1 

Fälschung öffentlicher usw. Urkunden.14,9 

Brandstiftung.14,0 


Dabei ist zu bemerken, daß man unter „Arrestbruch“ die wider¬ 
rechtliche Verwendung beschlagnahmter Sachen versteht. 

Selbstverständlich stehen die Prozentzahlen für Männer um so 
viel unter, beziehentlich über dem Durchschnitt, als die der Weiber 
im umgekehrten Sinn davon abweichen. 

Wie man nun hieraus ersieht, erreichen gerade die Verbrechen 
und Vergehen, prozentual berechnet, beim weiblichen Geschlecht 
die höchste Ziffer, welche Lügen, Versteckungen enthalten 
(Arrestbruch, Verletzung der Eidespflicht), oder im geheimen 
(eben „anonym“!) ausgeführt werden (Hehlerei, Diebstahl, Unter¬ 
schlagung). Da sich die Zahlen auf das gesamte Deutsche Reich 
erstrecken und sich aus amerikanischen Statistiken interessante 
Parallelen ergeben, darf man in Übereinstimmung mit unserem Unter¬ 
suchungsergebnis wohl annehmen, daß Anonymität dem weiblichen 
Geschlecht besonders „zu liegen“ scheint; ob dies von Haus aus 
so ist, oder nur eine Kulturzüchtung oder durch irgendwelche an¬ 
deren Umstände bedingt, soll damit noch nicht vorweggenommen 
werden. 

Aber auch die Zahlen für die männlichen Verurteilten sind 
sehr beachtenswert; so blieben hier (1913) über dem Durchschnitt: 

Verbrechen und Vergehen gegen Staat, öffentl. 


Ordnung, Religion.84,6 

Verbrechen und Vergehen im Amte.95,4! 

Gewalt und Drohung gegen Beamte.94,3! 

Hausfriedensbruch.90,8 

Unzucht, Notzucht.99,6!! 

Mord und Totschlag.88,8 

Leichte Körperverletzung • . .89,5 

Nötigung und Bedrohung.94,8 

Raub und räuberische Erpressung.97,6 

Betrug.85,9 

Fälschung öffentlicher usw. Urkunden .... 85,1 

Sachbeschädigung .94,8 

Brandstiftung.86,0 


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Anonymität und Sexualität. 55 

Zunächst ist auffällig, aber ganz dem männlichen Charakter und 
Wesen überhaupt entsprechend, daß hier gerade die Vergehen und 
Verbrechen bevorzugt erscheinen, die ein aktives, mehr oder 
weniger kampfartiges Vorgehen nötig machen, bei denen sich 
eine Eroberernatur zeigt (Verbrechen gegen den Staat usw., 
gegen die Person, Gewalt und Drohungen gegen Beamte, Haus¬ 
friedensbruch, Notzucht, Mord und Totschlag, Körperverletzung, Raub 
und räuberische Erpressung, Sachbeschädigung). In zweiter Linie 
ist beachtenswert, daß manche hohen Zahlen durch eine höchst 
ungleichmäßige Verteilung der Geschlechter hinsichtlich der dazu 
gebotenen Gelegenheit wenigstens zum großen Teil zu erklären ist 
(Verbrechen und Vergehen im Amte; Fälschung öffentlicher usw. 
Urkunden). Endlich aber muß darauf hingewiesen werden, daß wir 
beim Kapitel „Unzucht und Notzucht“ noch eine sehr einseitige Gesetz¬ 
gebung haben, was in unsere Zeit der politischen Gleichberechti¬ 
gung der Frau nun schon gar nicht mehr passen will. So haben 
wir z. B. zwar ein Schutzalter für Mädchen, aber vielfach noch keines 
für Knaben; auch werden die vielerlei Verführungskünste von weib¬ 
licher Seite, die alle darauf ausgehen, den Mann ebön zur Aktivität 
zu bringen, in unserer Gesetzgebung noch viel zu wenig gewürdigt. 
Und doch wird das in Zukunft bei dem gewaltigen Männermangel 
(vgl. unten!) gewiß noch weit mehr der Fall sein als bisher. Vgl. 
ganz besonders die diesbezüglichen geistreichen Ausführungen Max 
Marcuses im Archiv für Kriminalanthropologie, 56. Bd., S. 365 
und a. a. 0.! 

Der Anteil der Männer und Weiber an den einzelnen Vergehen 
und Verbrechen ist übrigens nach Ländern und Rassen nicht un¬ 
erheblich verschieden, wenn sich natürlich auch wegen der mitunter 
etwas verschiedenen Fassung und Gruppierung da und dort Be¬ 
denken gegen eine unmittelbare Vergleichbarkeit der Zahlen nicht 
unterdrücken lassen; immerhin soll eine solche für einige Gruppen 
versucht werden. Nach amtlichen amerikanischen Statistiken') 
. schwankte das Verhältnis der verurteilten Frauen in den Vereinigten 
Staaten 1910 in den einzelnen Staaten zwischen 2,0 und 9,3% der 
verurteilten Männer, während wir im Deutschen Reich seit Jahren 
einen Wert haben, der von 15% Frauen gegenüber Männern nur 
wenig abweicht. Eigenartig ist, daß die Union unter den jugend¬ 
lichen Verurteilten 23,6% weibliche aufweist, woran Fehlinger 
folgende Bemerkung knüpft: „Wie anderwärts ist auch in Amerika 
der Anteil des weiblichen Geschlechts bei den.jugend- 
liehen Missetätern größer als bei den Erwachsenen ... es fällt 
auf, daß der Anteil der Neger an der Gesamtzahl der jugendlichen 
Delinquenten viel geringer ist, als der Anteil der Neger an den 
erwachsenen Strafgefangenen. Das beweist, daß die Neigung zum 
Verbrechen bei der Negerrasse erst im Mannes- und Frauenalter 
übernormal groß ist.“ 

Stellen wir einige der wichtigsten Zahlen- einander gegenüber, 
so ergibt sich (in Klammern stehen die Prozentzahlen für Jugendliche): 

l ) Prisonen» and Juvenile Delinquents. 1910. Washington 1914: Government. 
Printing Office, mitgeteilt nach Fehlinger. 


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56 


Dück. 


Vergehen: 

Deutsches 

Reich: 

Union: 

Mord und Totschlag . . 

• • 0,06% 

(8,4) 

12,8 

(0,3)(V!) 

Raub ... ... 

• 0,1 „ 

(18,0) 

4,2 

(0,8) (V!) 

Diebstahl. 

. . 20,9 „ 

(18.6) 

19,2 

(25,7) 

Betrug. 

. . 7,8 „ 

(14,1) 

1,3 (!) 

-0 

Fälschung. 

• 2,0 „ 

(14,9) 

4.0 

— (!) 

Notzucht und Unzucht . 

. . 1,3 ,. 

(17,3) 

4.7 (!) 

(4,7) 


Es wurde schon oben kurz der Einfluß des Krieges auf die 
Häufigkeit und Verteilung der anonymen Anzeigen gestreift; es mag 
nun im folgenden bei dem Versuch, eine Psychologie des anonymen 
Anzeigers kurz zu umreißen, noch mehr auf die durch den Krieg 
hervorgetretenen Verhältnisse eingegangen werden. 

In einem Falle, wo ich als Sachverständiger zu tun hatte, sagte 
der als Zeuge geladene Generalstabshauptmann unter Eid folgendes 
aus: „Beim Militärkommando laufen täglich Dutzende, selbst 
Hunderte von anonymen Anzeigen ein. Soweit es möglich ist, gehen 
wir der Sache nach; da hat es sich nun herausgestellt, daß 95 %T 
nein, verbesserte er sich, ich darf sagen, 99% der anonymen An¬ 
zeigen unrichtige Angaben machen.“ Auch im Deutschen Reich 
scheint gerade durch den Krieg eine förmliche Hochflut von ano¬ 
nymen Anzeigen hervorgerufen worden zu sein, wie z. B. die Be¬ 
kanntmachung des stellvertretenden Generalkommandos des III. bayr. 
Armeekorps (Nürnberg) erkennen läßt: „Die Zahl der beim stell¬ 
vertretenden Generalkommando täglich einlaufenden anonymen 
Briefe mehrt sich auffallend ...“ 

Es ist mit dem Ausdruck „Kriegspsychose“ viel Unfug getrieben 
worden, ja man hat ärztlicherseits wohl ganz mit Recht eine eigent¬ 
liche Kriegspsychose überhaupt abgelehnt. Trotzdem darf man viel¬ 
leicht insofern von einer Art Kriegspsychose sprechen, als nicht 
leicht bei einer anderen Gelegenheit eine derartige Massensuggestion, 
der Wegfall vieler sonst sichernder Hemmungen eingetreten ist, 
wie gerade bei diesem extensiv wie intensiv so gewaltigen Anlaß. 
Der Krieg hat aber doch mehr eine auslösende Rolle gespielt. 
Alle die Leute, welche schon im Frieden durch ihre „Geschaftl¬ 
huberei“ hinsichtlich der Aufdeckung eines Verbrechens der Schrecken 
der Polizei waren (erfahrungsgemäß keine geringe Anzahl!), fühlten 
sich bei solchem Anlaß erst recht berufen, ihre Beobachtungen hin¬ 
sichtlich vermeintlicher Spione und anderer gemeingefährlicher Sub¬ 
jekte mitzuteilen, natürlich umsomehr ohne Deckung durch ihren 
Namen, je weniger sie objektive Gründe anzugeben wußten. Fielen 
solche meistens mehr aus krankhaft gesteigertem Pflichtgefühl (oder 
was der einzelne dafür hält!) entsprungene Anzeigen in den Anfang 
des Krieges, ganz genau wie sonst auch bei Auftreten irgend einer 
anderen „Sensation“, so waren es, je länger der Krieg dauerte, desto 
mehr Gründe, die habituell im Charakter wurzeln, also auch für 
den Frieden gelten. 

Da ist zunächst der ganz gewöhnliche Neid zu nennen. Neid 
aus allen möglichen Gründen, wobei es sich teils um materielle, 
teils um ideelle Güter (Ehre, Liebe) handelt. Der Haß sieht aber 
bekanntlich schärfer als die Liebe und so entdeckt er nicht selten 
die schwachen Seiten am Nebenbuhler, die eben nun einmal jeder 


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I 


Anonymität und Sexualität. 57 

Mensch hat Und nun kommt das Charakteristische für den Anonymus: 
Er ist sich mindestens im Unterbewußtsein über die fast immer 
fehlende Zusammenhangslosigkeit zwischen seinen (meist auch noch 
sehr übertriebenen) Angaben und dem gewollten Zweck der Be¬ 
seitigung des Nebenbuhlers klar; eben deshalb sendet er ver¬ 
giftete Pfeile im verborgenen, weil ihm ja die Erreichung des Zwecks 
das alleinige Ziel erscheint. Nun aber ist die Unlogik im Denken 
etwas so anerkannt Weibliches, daß man sich gar nicht wundem 
kann, wenn dieser Ideengang in seiner Wirkung als anonyme 
Schreiben bei Frauen weit mehr zur Geltung kommt als bei Männern; 
aber hier kommt noch etwas anderes hinzu. Unsere Gesellschafts¬ 
klatschsucht hat es ganz besonders gern, wenn durch Beimischung 
von sexuellen Andeutungen Gesprächsstoff geliefert wird, und je 
mehr das Sexuelle als etwas Geheimzuhaltendes angesehen wird, 
desto mehr ist man geneigt, dies, wofür meist eben jeder positive 
Beweis fehlt, schon durch Gefühlsgründe als bewiesen anzunehmen. 
Ganz besonders gilt dies, w r o die Geschlechter berufsmäßig lange 
Zeit allein beisammen sind, wie z. B. bei weiblichen Kanzleiange¬ 
stellten, bei Dienstpersonal usw. Aber auch der Arzt und der 
Lehrer, der Richter, Geistliche und der Rechtsanwalt sind recht oft 
der Gefahr der üblen Nachrede ausgesetzt, daß sie ihr Amt bei 
einer hübschen Weiblichkeit anders versähen als bei andern Per¬ 
sonen. Geht man der Sache auf den Grund, so stellt sich in un- 
gemein vielen Fällen heraus, daß derartige Angaben, Andeutungen 
oder gar Anzeigen gewiß von solchen Leuten ausgehen, die irgend 
etwas von der betreffenden Amtsperson erreichen wollten oder noch 
wollen und die auf diese Weise einen Druck — oder Rache ausüben 
möchten. Und hier muß es angesichts unserer Rederei von der 
absoluten Gleichstellung von Mann und Frau immer wieder betont 
werden, daß, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, das Weib 
von den Entwicklungsjahren angefangen, stets, wenn auch oft un¬ 
bewußt, als „Weibchen“ Vorteile zu erringen sucht, und, wo sie die¬ 
selben nicht nach Wunsch erreicht, gar zu gern den Spieß umdrehen 
will, und dem andern ein abgewiesenes Interesse für die eigene 
Weiblichkeit, oder, wenn dies schon schlechterdings gar nicht an¬ 
geht, eine irgendwie sexuell gefärbte andere Angelegenheitzuschreiben 
will; und nichts liegt näher, als daß dies in Form eines anonymen 
Schrittes erfolgt. Dieser anonyme Schritt muß nicht gerade in 
einem Schreiben bestehen, er kann auch je nach gesellschaftlicher 
Gewandtheit in Form einer kaum zu fassenden Anspielung, einer 
vertraulichen Mitteilung, einer allgemeinen Bemerkung erfolgen 
(man sagt ..., es heißt ...). 

Diese Verhältnisse dürften in Zukunft noch eine Verschlechterung 
durch das Mißverhältnis der Geschlechter erfahren, wie es durch 
den Krieg eingetreten ist; für das Deutsche Reich wird von ver¬ 
schiedenen Seiten etwa ein Verhältnis von 1000 Männern im Alter 
von 18 bis 45 Jahren zu 1230 Weibern im gleichen Alter angegeben, 
d. h. ein etwa 17—18proz. Frauenüberschuß, so daß, besonders wenn 
noch eine starke Männerabwanderung stattfindet, mindestens unter 
5 Frauen eine ihren ehelichen Sexualpartner nicht mehr wird finden 
können. Vor dem Krieg stellte sich bekanntlich im Deutschen 


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58 


Duck. 


Reich das Verhältnis auf 1000 zu 1006 für die gleichen Lebensjahre, 
so daß erst auf etwa 200 eheliche Sexualmöglichkeiten ein Ausfall 
kam! Für Deutsch-Österreich aber wird gar ein Verhältnis von 
1000 zu 1414 berechnet; ja die Gefahr, daß es noch schlechter wird, 
ist hier infolge der größeren Auswanderungswahrscheinlichkeit und 
des unverhältnismäßig großen Zurückbleibens von Offizieren und 
Beamten aus den anderen Sukzessionsstaaten eben in Deutsch- 
Österreich wirklich drohend. Wenn auch gewiß nicht in allen 
Fällen deswegen eine schwere, beziehentlich schwer empfundene 
Sexual not für Weiber ohne Ehemöglichkeit eintreten muß, so ist 
doch auch ganz gewiß nicht zu bestreiten, daß die Zahl der dadurch 
schwer Geschädigten so groß sein wird, daß sie in einer recht 
bemerkenswerten Verschiebung des Kampfes um den sexuellen, 
besonders aber den ehelich-sexuellen Partner zum Ausdruck kommen 
wird. Die Zusammenhänge zwischen Sexualleben und Charakter 
hat besonders Albert Moll studiert, und über die Wirkungen der 
Abstinenz hat uns hauptsächlich Max Marcuse weitreichende 
Perspektiven eröffnet. Es wird in Zukunft kaum möglich sein, ohne 
weitestgehende Berücksichtigung dieser gewaltigen Tatsachenver¬ 
schiebungen irgend ein Urteil zu fällen, wo immer das sexuelle 
Moment mit hereinspielt Ganz besonders aber wird das dann ins 
Auge zu fassen sein, wenn es sich um Anzeigen oder Andeutungen 
von sexuellen Beziehungen zu Vorgesetzten, Lehrern, Ärzten usw. 
handelt. Die Gefahr von Fehlurteilen ist jedenfalls dadurch 
gewaltig gestiegen. Im Zusammenhang damit sei auch darauf hin¬ 
gewiesen, daß der Zudrang der Mädchen zu weiblichen Lehranstalten 
ungemein größer sein wird als der der Knaben; eine gerechte Be¬ 
urteilung der Leistungen aber kann nur erfolgen, wenn beide Ge¬ 
schlechter unter ganz den gleichen Bedingungen hinsichtlich ihrer 
Schulleistungeh stehen, andrerseits liegt in einer Koedukation 
auch ein erheblicher Schutz des Lehrers gegen die bei rein weib¬ 
lichen Klassen mit Leuten im Pubertätsalter ganz unvermeidlichen 
Eifersüchteleien, die zwar gewiß auch oft einen fördernden Anreiz 
zum Studium abgegeben haben, aber andrerseits immer die Gefahr 
für den Lehrer bergen, daß jedes noch so harmlos und sachlich 
gemeinte Wort, jede Note, jede Geste t nach dieser Richtung hin 
gewertet wird. Damit sollen natürlich'nicht alle Bedenken gegen 
eine Koedukation als hinfällig bezeichnet sein. Gerade das Puber¬ 
tätsalter ist auch nach der psychischen Seite hin bei Knaben und 
noch mehr bei Mädchen mit bemerkenswerten Erscheinungen aus¬ 
gestattet; diese sind hauptsächlich eine wesentliche Erhöhung der 
Suggestibilität *), eine gewisse Labilität der Stimmung, eine meist 
ungemein angeregte Phantasie und Assoziationsveränderungen, die 
sich in einer auffälligen Zertreutheit und in einer Verquickung 
fremder und eigener Erlebnisse äußern. Das sind aber die Haupt¬ 
symptome der Hysterie und man wird sich nicht der Auffassung 
erwehren können, daß sich hier, wenigstens bei der Großstadtjugend, 
gar nicht selten tatsächlich eine Art Hysterie einstellt, die freilich 


1 ) Vgl. meine Untersuchungen über die Beeinflußbarkeit der Schüler in Zeitschr. 
f. päd. Psych. u. exper. Päd. 1911 u. 1912; Umschau 1912; La Graphologie, Paris 1914. 


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Anonymität und Sexualität. 


59 


bei sonst gesunden Individuen mit der allgemeinen Erstarkung 
wieder verschwindet; Lüge und Versteckenspielen sind gerade in 
diesem Zustandsbild sehr häufig, so daß wir auch hier wieder eine 
Brücke zur Anonymität hätten. 

Es mag schließlich noch an dieser Stelle einer anderen Be¬ 
tätigung der Anonymität gedacht sein, gegen welche sich Goethe ] ) 
und ganz besonders Schopenhauer 2 ) außerordentlich ereifert haben; 
es ist die Anonymität in Zeitungen und Zeitschriften, vor allem 
bei Rezensionen; auch hier würde man wohl, wenn man eine Unter¬ 
suchung veranstalten wollte, auf ungemein viele sexuell gefärbte 
Bücher, Aufsätze usw. stoßen, deren Verfasser, zum Teil auch Ver¬ 
leger, sich in Anonymität oder Pseudonymität hüllen; insbesondere 
dürfte das von jenen Erzeugnissen gelten, die angeblich nur für 
„Sammler“ bestimmt sind, oder nur ein schlecht verhüllendes Mäntel¬ 
chen über dem wahren Beweggrund des materiellen Gewinnes 
tragen. — 

Aber nicht immer sind solche verwerfliche Gründe Ursache 
einer anonymen oder pseudonymen Schrift. Es hat tatsächlich zu 
allen Zeiten Leute gegeben, die aus lautersten Beweggründen zur 
Anonymität bzw. Pseudonymität gegriffen haben, da sie sonst ihres 
Lebens und ihrer Freiheit nicht sicher gewesen wären; man denke 
nur an die Trutznachtigall des Jesuiten Friedrich Grafen Spee und 
viele andere, die soziale religiöse oder politische, ja selbst wissen¬ 
schaftliche Mißstände ihrer Zeit anzutasten wagten. Je weniger 
wirkliche — nicht bloß papierene — Sicherungen gegen Willkür 
irgendwo gegeben sind, desto mehr muß man mit Anonymität und 
Pseudonymität als geradezu natürlichen Waffen der Untergebenen 
usw. rechnen. Wo immer aber dabei sexuelle Angaben mit herein¬ 
spielen, darf man von vornherein ein doppeltes Mißtrauen gegen 
lautere Absicht haben; ganz besonders gilt das von den Fällen, 
wo solche Angaben in recht lockerer oder gar keiner Verbindung 
mit anderen Beschwerden, meist dem eigentlichen Ziel des Anony¬ 
mus, stehen. So lange aber Menschen Menschen sind, so lange 
werden auch Anonymität und Pseudonymität als Mittel zur Abreaktion 
nie ganz aufhören; sorgen wir nun dafür, daß die durch Selbst¬ 
herrlichkeit und Bonzentum begründeten Anreize zur Anonymität und 
Pseudonymität durch Schutzmaßnahmen möglichst beseitigt werden, 
so haben wir das Möglichste zur Einschränkung dieser selten er¬ 
freulichen Seite menschlichen Kulturlebens getan. 


*) Tag- und Jahreshefte, 1811. 

*) Über Stil und Schriftstellerei. 


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Paul Popenoe. 


Soziale Hygiene in den Vereinigten Staaten. 

Von Paul Popenoe 

Geschäftsführender Sekretär der Amerikanischen Gesellschaft für Sozial-Hygiene, 

Newyork, N. J. 

(Aus dem englischen Manuskript übersetzt 
von Käthe Hoffmans, cand. med., Berlin.) 

(Schluß.) 

Der amerikanische Plan, der so bei einer Stadt 1.Klasse angewendet 
wird, möchte für die folgenden Punkte Aufmerksamkeit erfordern: 

I. Gesetzlicher Zwang. 

Die notwendige Gesetzgebung, Personal und Ausrüstung müs¬ 
sen zu Gebote stehen. Zum Zweck der Kontrolle über die vene¬ 
rischen Krankheiten ist es zwingend, die Infektionsträger auszu¬ 
schalten und das Entstehen von neuen Infektionsträgern zu verhindern. 

a) Vernichtung der Brutstätten von venerischen Krankheiten. 

Da die meisten Fälle von venerischen Krankheiten durch sexu¬ 
ellen Verkehr entstehen, ist der wichtigste Schritt Männer und 
Frauen, die ungebundenen Sexualverkehr ausüben, vor allem bei ge¬ 
werbsmäßiger Prostitution, zu entdecken und am weiteren Verkehr 
zu hindern. Da Prostitution ein Geschäft ist und von Nachfrage und 
Angebot bedingt wird, kann sie sicher unterdrückt werden, wenn 
man ihr den Profit nimmt. Schwere Strafen sollten Wirten, Kupp¬ 
lerinnen, Vermittlern, Zwischenträgern und allen denen auferlegt 
werden, die indirekt von dem Geschäft profitieren. Die Prostituier¬ 
ten selbst, wenn sie nicht als nützliche Mitglieder der Gesellschaft 
entlassen werden können, brauchen gewöhnlich eine nicht in festen 
Grenzen gehaltene Leitung zu ihrer sittlichen Wiederherstellung. 
Viele werden wegen ihrer mangelnden Intelligenz ihr Leben lang 
eine bewachende Fürsorge brauchen. Andererseits sind schwere 
Geldstrafen und Veröffentlichung gewöhnlich ein angemessenes Ab¬ 
schreckungsmittel für die Beschützer der Prostituierten. 

b) Verhinderung von neuen Brutstätten venerischer Krankheiten. 

Gesetze gegen Verführung, unzüchtigen Lebenswandel und 

Schundliteratur müssen rigoros und klug durchgeführt werden. 
Das Gewohnheitseherecht (Comnon law mariage) muß abgeschafft 
werden. Weibliche Polizisten und Helferinnen für den Mädchen¬ 
schutz werden gebraucht. Sorgfältige Überwachung (nach amt¬ 
licher Anweisung) von Kabaretts, Tanzsälen und „Taxicabs“, an¬ 
gemessene Beleuchtung von Straßen und Parks, Unterstützung der 
„Big-Brother“ und „Big Sister“-Bewegung. Sorge für unverhei¬ 
ratete Mütter — all das sind Präventivmethoden. 

II. A u f k 1 ä r u n g. 

Das Ziel der sexuellen Aufklärung in diesem Zusammenhänge 
ist, die Gesundheit zu erhalten, die normalen geschlechtlichen Wir¬ 
kungen zu enthüllen und die Lebensführung zu beaufsichtigen. 
Folgende sind einige der betraclitenswertesten Punkte: 


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Soziale Hygiene in den Vereinigten Staaten. (J1 


a) Den Kindern muß wenigstens die elementarste Kenntnis 
(vorzüglich im Hause) von der Geschlechtsbiologie und Fortpflan¬ 
zung gegeben werden; 

b) Erwachsene müssen ermahnt werden, sich gesunde Ideale zu 
bilden, geschützt durch den Einfluß von „Current superstions“ wie 
„Double Standard“ und dergleichen, und gewarnt vor den physi¬ 
schen und geistigen Gefahren bei ungeordnetem Geschlechtsverkehr; 

c) Heiratsfähige müssen eine genaue Kenntnis des Sexuellen 
im Leben haben, da auf Unkenntnis gegründete Ehen Förderer der 
Prostitution sind, und Prostitution untrennbar ist von venerischen 
Krankheiten; 

d) Erwachsene müssen in der Weise aufgeklärt werden, daß sie 
denkend ihre Pflicht als Eltern und Bürger erfüllen. Sie sollen 
genau darin unterrichtet werden, sich die bedenkliche Höhe der 
Kosten zu vergegenwärtigen, die einer Stadt durch Prostitution und 
venerische Krankheiten erwachsen; 

e) Den Beamten muß klargemacht werden, daß die Prostitution 
wirklich unterdrückt werden kann, viel leichter als gewöhnlich 
geglaubt wird, und daß die venerischen Krankheiten nicht unter 
Kontrolle gebracht werden können, wenn niciit die Prostitution un¬ 
terdrückt wird. 


III. Medizinische Maßnahmen. 

Die Arbeit der medizinischen Wissenschaft zerfällt in 4 Abtei¬ 
lungen: 

a) Feststellung von infizierten Personen. 

Ärzte, Drogisten und andere, die von Fällen von Geschlechts¬ 
krankheiten erfahren, müssen diese an die öffentlichen Gesnndheits- 
behörden berichten. Die letzteren müssen in Verbindung stehen 
mit denjenigen, die das Strafgesetz durchführen (da dies vom Ge¬ 
sundheitsgesetz getrennt ist), und aufpassen, daß die Prostituierten 
und ihre Kunden nicht zu irgendeiner Gemeinde als Prostituierte 
wiederkehren dürfen. 

b) Diagnose von Fällen. 

Spezielle Ausbildung von Medizinern und Verbesserung und 
Vermehrung der Kliniken und Laboratorien. Andrerseits Verhin¬ 
derung der Selbstbehandlung, der Quacksalberinserate, der Kur¬ 
pfuscher (patent medicines) und des Arzneihandels ohne Rezept. 
Einrichtung von Erholungsstätten auf dem Lande. 

c) Behandlung von Infizierten bis zur Heilung. 

Die Ärzte und das Publikum müssen weiter aufgeklärt werden, 
daß die Behandlung langsam geht, aber von großer Bedeutung ist; 
weitere Erleichterungen müssen geschaffen werden für den Besuch 
der Kliniken und Hospitäler, einschließlich der Abendkliniken 
(frei, teils bezahlt, ganz bezahlt). Verbreitung von therapeutischen 
Mitteln auf Kosten oder umsonst durch den Staat; umgekehrt Un¬ 
terdrückung von Quacksalbereien und Geheimmitteln. 

d) Diejenigen, die in Behandlung sind, müssen verhindert wer¬ 
den, andere der Ansteckungsgefahr auszusetzen. 


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Original fro-m 

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(J2 Paal Popenoe, Soziale Hygiene in den Vereinigten Staaten. 


Schutz der Unschuldigen durch aufklärende Maßnahmen der 
Ärzte, durch sozialen Dienst und eifrig verfolgte Arbeit der Kli¬ 
niken und Hospitäler. Haft-Hospitäler für Kupplerinnen, Prosti¬ 
tuierte und allgemein für die, deren Lebensführung bewiesen hat, 
daß sie die Interessen der Allgemeinheit nicht wahren wollen. Ent¬ 
fernung von infizierten Personen aus Nahrungsmittelgeschäften 
und Priseurläden. 


IV. Ertüchtigung. 

Als Waffe zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten soll 
die Ausschaltung von übermäßigen geschlechtlichen Reizen er¬ 
strebt werden. Die Ertüchtigung soll die sexuelle Veranlagung 
mehr zu veredeln, als zu unterdrücken suchen. Körperliche Übung 
sollte so viel wie möglich unterstützt werden. 

Dabei können wir eine Einteilung in 3 Gruppen vornehmen: 

a) Kinder beiderlei Geschlechts, im Alter von 5—10 Jahren. 

öffentliche Schulgrundstücke und Spielplätze können sehr gut 

von ihnen benutzt werden. 

b) Getrennte Möglichkeiten für jedes Geschlecht im Alter von 
10—17 Jahren. 

Spielplätze, öffentliche Parkanlagen, Schwimmanstalten usw. 
Gesunde kommerzielle Erholungen (Wholesome commercial recrea- 
tions). (Dies erfordert Kontrolle und Zensur durch die öffentliche 
Meinung). Knaben und Mädchen-Bünde, Jungmänner- und Jung¬ 
frauen-Vereine und die verwandten Formen von Verbänden. 

c) Erwachsene. 

öffentliche Lesehallen, Konzerte, Tänze usw. öffentliche Park¬ 
anlagen, Kommerzielle Zerstreuungen, gemeinschaftliche Sammel¬ 
plätze, Schwimmbäder und Turnhallen. 

Dieser amerikanische Plan zur Bekämpfung der Geschlechts¬ 
krankheiten ist nicht nur offiziell von der Bundesregierung, ein¬ 
schließlich Heer und Flotte, sondern auch von den einzelnen Staats¬ 
regierungen und von der öffentlichen Meinung angenommen wor¬ 
den. „The United States Interdepartmental Hygiene Bord“ be¬ 
willigte den verschiedenen Staaten eine Million Dollar pro Jahr 
unter der Bedingung, daß sie durch den „state board of health“ den 
amerikanischen Plan zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten 
in die Tat umsetzen, und daß die Staatsregierung einen Betrag be¬ 
willigen wird, der dem von der Bundesregierung vorgesehenen an¬ 
gemessen ist. Dieser Betrag hängt von der Bevölkerung des be¬ 
treffenden Staates ab. 

Im Jahre 1919 unterließ nur ein Staat, dies Programm auszu¬ 
führen. 

Zum Schluß sei noch gesagt, daß die öffentlich geduldete Pro¬ 
stitution in den Vereinigten Staaten der Vergangenheit angehört. 
Ich halte es für nötig hinzuzufügen, daß der „Weiße Sklaven-Han- 
del“ („white slave traffic“) auch praktisch ausgetilgt ist, nachdem 
er vor mehreren Jahren von den Vertretern der Bundesregierung 
aufgelöst worden ist. 


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Adolf Gereon, Die Menstruation, ihre Entstehung und Bedeutung. 63 


Der Feldzug zur Unterdrückung der Prostitution in allen 
Formen wird kräftig fortgeführt und die Strafe auf beide Ge¬ 
schlechter angewendet. 

Die Geschlechtskrankheiten werden ebenso behandelt wie 
Pocken, Typhusfieber oder irgendeine andere ernste Infektions¬ 
krankheit. Man muß sich klar sein, daß viele Jahre nötig sein 
werden, um eine dauernde Veränderung in den Lebensbedingungeu 
zu erzielen, aber die Vereinigten Staaten haben beschlossen, diese 
Veränderung durchzusetzen und sind auf ihrem Wege kräftig vor¬ 
geschritten. 

Die Menstruation, ihre Entstehung und Bedeutung. 

Von Adolf Gerson. 

(Fortsetzung.) 

II. 

Der Urmensch war von zahlreichen und gewaltigen Raub¬ 
tieren bedroht, und er hatte weder Krallen noch Hörner, weder Gift 
noch sonst eine Waffe, die die Natur anderen Lebewesen zur Ver¬ 
teidigung gegeben hat. Er besaß auch noch nicht die Waffen, die 
der Mensch später zu seinem Schutze führte: Steinbeil und Speer, 
Pfeil und Bogen. Er war den Raubtieren gegenüber völlig wehrlos. 
Da schützte er sich vor ihnen, indem er seine Zuflucht auf Bäumen 
und in Höhlen suchte. Auf den Bäumen fand er zudem die zur Nah¬ 
rung dienenden Früchte, und in den Höhlen fand er Schutz vor der 
Ungunst des Wetters und einen sicheren Lagerplatz für seine Vor¬ 
räte. Er schützte sich gegen die Raubtiere ferner dadurch, daß er 
in größeren Horden lebte. Wurde ein Glied der Horde von einem 
Raubtier angefallen, so konnten die anderen rechtzeitig entfliehen; 
oder aber sie konnten durch vereinte Anstrengung das Raubtier ver¬ 
jagen und töten und den angefallenen Genossen befreien. Stieg die 
Horde von den Bäumen hinunter oder verließ sie die schützende 
Höhle, um am Erdboden Wurzeln, Beeren und Kleingetier zu suchen, 
um Wasser von der Quelle zu holen, um einen Gestorl>enen zu be¬ 
graben, oder aus irgendeinem anderen Grunde, so stellten sich einige 
Genossen als Wächter auf; sie hielten nach den feindlichen Tieren 
Ausschau, während die anderen ihrer Beschäftigung nachgiugen. 

Wenn aber im weiten Umkreise alles Eßbare abgeerntet war, 
wenn das kleine Wild verscheucht war, wenn das Wasser der Quelle 
versiegt war, wenn die Höhle aus irgendeinem Grunde unbewohnbar 
geworden war, da mußte die Horde ihren Wohnplatz verlassen und 
sich auf die Suche nach einem neuen begeben. Sie mußte wohl tage¬ 
lang durch die freie Ebene streifen, wo es keine Bäume und Höhlen 
zur Zuflucht vor den Raubtieren gab. Eine Horde, die häufig wan¬ 
dern mußte, war daher in Gefahr, von den Raubtieren völlig auf- 
gerieben zu werden. In den gemäßigten Zonen, wo die Raubtiere 
am Tage auf Raub ansgingen, konnten die Horden ihnen ausweichen, 
wenn sie des Nachts wunderten. (In der heißen Zone, wo die Raub¬ 
tiere in der Dämmerung und des Nachts auf Raub ausgingen, wäre 


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Adolf Gereon. 


«4 


t 


die Wamleruug am Tage möglich gewesen, wenn nicht die große 
Hitze die Wanderung während der Tagesstunden unmöglich ge¬ 
macht hätte. Weil die in der heißen Zone lebenden Horden am Tage 
durch die Hitze und des Nachts durch die Raubtiere in der Wande¬ 
rung beschränkt wurden, so halte ich es für zweifelhaft, ob die heiße 
Zone als Wohn- und Ausbreitungsgebiet des Urmenschen in Frage 
kommt.) Wahrscheinlich war eine gemäßigte Zone das ursprüng¬ 
liche Wohngebiet des Urmenschen; denn dort waren die unumgäng¬ 
lichen Wanderungen wenigstens zur Nachtzeit durchführbar. Es 
kamen für die Wanderungen aber nur die mondhellen Nächte zur 
Zeit des Vollmonds in Betracht; in den anderen Nächten verbot 
die Dunkelheit die Wanderung. So gewöhnten sich die Horden der 
Urmenschen daran, zur Vollmondzeit zu wandern, und ein¬ 
zelne Horden mögen endlich zur Vollmondzeit regelmäßig gewandert 
sein. Wenn die Männer im Vollmond durch Wald und Steppe 
streiften, da bot sich ihnen wohl bin und wieder Gelegenheit, ein 
größeres Wild und etwa gar einen der gefürchteten Räuber im 
Schlafe zu überraschen und zu töten; und als die Männer sich an 
den Genuß des Wildbrets völlig gewöhnt hatten, war ihnen die 
Streife zur Vollmondszeit schon ein Bedürfnis um des ersehnten 
Fleischgenusses willen. 

Es gibt allerdings unter den heute lebenden wilden Völkern kein einziges, bei dem 
solche nächtlichen Wanderungen zur Vollinondzeit noch zu beobachten wären. Das liegt 
aber daran, daß die heutigen wilden Völker über eine bessere Bewaffnung und größere 
Jagdkünstc verfügen als die halbtierischen Urahnen und daß sie deshalb die Raubtiere 
nicht mehr in derselben Weise zu fürchten haben, wie der Urmensch sie fürchten mußte. 
Sie können daher ungeschcut bei Tage wandern. Sie brauchen sich auch nicht mehr auf 
Bäume und in Höhlen zu verkriechen, sondern können, wenn sie nur in größerer Zahl bei¬ 
einander sind, auf ebener Erde und unter freiem Himmel nächtigen. Und die Raubtiere 
sind heute lange nicht so zahlreich, groß und wild wie zur Urzeit; die Stellen, wo sie 
heute noch das Wandern unsicher machen, sind wenig zahlreich, während sie früher 
überall in großer Zahl hausten. Die heutigen Raubtiere sind auch vorwiegend Nachttierc. 
Sie gehen in der Nacht auf Raub aus, in der heißen Zone, weil sich dort alle Lebe¬ 
wesen vor der sengenden Sonne am Tage verkriechen, und in den anderen Zonen aus 
Furcht vor den dort am Tage streifenden Menschen. Zu nächtlichen Wanderungen ist 
daher heute nirgendwo ein Anlaß. Aber in der Urzeit war dazu ein Anlaß; denn ebenso 
wie die Raubtiere sich heute zu nächtlicher Streife bequemen müssen aus Furcht vor 
den am Tage waltenden Menschen, 'so mußte der Mensch der Urzeit sich zu nächtlicher 
Streife bequemen aus Furcht vor den am Tage streifenden Raubtieren. 

Ich will nun nachweisen, daß diese nächtlichen Wanderungen 
zur Vollmondzeit in geschlechtlicher Beziehung bedeutsam wurden, 
daß der Urmensch seinen Geschlechtsverkehr auf 
die Zeit dieser nächtlichen Wanderungen be¬ 
schränkte. Um das zu beweisen, muß ich weit ausholen. 

Bei den meisten Tieren ist nur das Männchen geschlechtlich 
aktiv. Wir sehen bei der Begattung vieler Tiere, daß das Weibchen 
das Männchen abwehrt, daß es vor ihm erschrickt und flieht, daß es 
dem Männchen oft einen harten Kampf kostet, zur Ausführung der 
Begattung zu gelangen. Wir wissen von wilden Völkern, daß bei 
ihnen die Weiber ebenfalls dem Beischlaf hartnäckigen Widerstand 
entgegensetzen; das ist besonders dort der Fall, wo noch die Kaub¬ 
ehe gilt, wo der Mann sich durch Raub in den Besitz eines Weibes 
setzt. Dort wehrt sich das Weib beim Überfall mit aller Kraft, ob- 


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Die Menstruation, ihre Entstehung und Bedeutung. (j“> 


wohl es nur dann zur Ehe gelangen kann, wenn es geraubt wird. 
Und auch dort, wo friedlich beieinander lebende Stämme den Baub 
der Frauen nicht mehr als feindlichen Akt betrachten, betrachten 
ihn gleichwohl die Weiber noch als solchen, sie folgen dem stamm¬ 
fremden Mann nicht freiwillig, sondern erst unter dem Zwange der 
Gewalt. Wir wissen, daß bei den alten Völkern bis in die geschieht- 
liehe Zeit hinein Weiberbünde bestanden, die der Ehe trotzten und 
eich mit den Waffen in der Hand gegen die Männer wehrten. Und 
auch in den heute lebenden Kulturvölkern gibt es zahlreiche Frauen, 
die gar kein Verlangen nach geschlechtlicher Betätigung haben, die 
die Annäherung eines Mannes verabscheuen und den Beischlaf 
selbst in der Ehe nur widerwillig und gezwungen dulden. Wir 
müssen annehmen, daß bei den Tieren nur das Männchen ein starkes 
Geschlechtsgefühl besitzt, daß das Weibchen geschlechtlich kalt ist, 
daß das menschliche Urweib ebenfalls geschlechtlich kalt gewesen 
ist, daß sich die geschlechtliche Begierde beim menschlichen Weibe 
erst nach und nach entwickelt hat und daß sie noch in der Entwick¬ 
lung begriffen ist 1 ). 

Wenn bei den meisten höheren Tieren das Weibchen geschlechtlich kalt und. dem 
Geschlechtsakt abgeneigt ist, so ist dies für die Erhaltung der Art belanglos, da die ge¬ 
schlechtliche Begierde des Männchens allein schon die Erhaltung der Art sichert und das 
Männchen ja auch infolge seiner größeren Körperstärke fähig ist, das widerstrebende 
Weibchen zum Geschlechtsakt zu zwingen. Die geschlechtliche Kälte des Weibchens ist für 
die Erhaltung der Art zutn mindesten unschädlich; sie ist aber darüber hinaus sogar wert¬ 
voll. Denn weil sich das Weibchen gegen die Begattung mit allen Kräften wehrt, so ge¬ 
langen nur die starken Männchen zur Fortpflanzung, während die schwachen ohne Nach¬ 
kommen zugrunde gehen; und die nicht ausgewachsenen Männchen gelangen erst dann 
dazu, wenn sie völlig ausgewachsen sind. 

Die geschlechtliche Kälte des Weibchens macht es erklärlich, daß bei so wenigen 
Arten der höheren Tiere Männchen und Weibchen dauernd beieinander leben, daß sie nur 
in der Brunstzeit und allenfalls während der Brutpflege beieinander bleiben. Weil das 
Weibchen jede Annäherung des Männchens bekämpft, so fehlt die Vorbedingung für ein 
friedliches Zusammenleben. Die geschlechtliche Kälte des Weibchens ist aber wiederum 
die Vorbedingung für das Zustandekommen der Brutpflege. Ein geschlechtlich begehr¬ 
liches Weibohen würde gar zu leicht Veranlassung finden, einem Männchen in die Ferne 
zu folgen und die Jungen im Neste im Stiche zu lassen; nur die geschlechtliche Kälte 
des Weibchens gewährleistet dessen Muttertreue. Bei den Männchen, die sich an der 
Brutpflege beteiligen, kann das baldige Aufhören der Brunst ebenfalls aus der Teilnahme 
an der Brutpflege erklärt werden: Da jede geschlechtliche Annäherung des Männchens 
an das Weibchen zu einem Kampf beider führt, so hat die Natur, um das friedliche Bei- 
einaDdersein der Paare wenigstens während der Brutpflege zu ermöglichen, die Brunst des 
Männchens zeitlich begrenzt; zur Zeit, wo die Jungen zur Welt kommen, tritt auch bei 
ihm geschlechtliche Kälte ein. Wie unvereinbar Dauerbrunst und Brutpflege sind, seheu 
wir auch häufig beim Menschen. In Ehen, in denen der Mann geschlechtlich stark begehr¬ 
lich, das Weib aber geschlechtlich kalt ist, dehnen sich die sich während des Geschlechts¬ 
verkehrs entspinnenden Kämpfe und Unstimmigkeiten leicht auch auf die Zeit dea 
außergescldechtlichen Verkehrs aus; das Weib erhält dann eine dauernde Widerhaarigkeit, 
die zu dauerndem Unfrieden führt, und darunter leidet dann die Erziehung der Kinder 2 ). 


*) Siehe Gereon, Brunstreflexe und Geschlechtsinstinkte. Zeitschr. f. Sexualw. 
8 . Bd. H. 10—12. 1917. 

*) Es kommt bei Tier und Mensch neben der geschlechtlichen Kälte (und sogar 
vorwiegend) ein auf Kampf gerichteter geschlechtlicher Instinkt in Betracht. Die ge¬ 
schlechtliche Erregung ist bei den weiblichen Tieren dem Schmerz eng verwandt, weil 
ihre Vorfahren bei den geschlechtlichen Kämpfen Schmerzen erlitten und ihre schmerz¬ 
haften Eindrücke vererbten. Airs der schmerzhaften Natur des Geschlechtsgefühls er¬ 
klärt sich der Widerstand der Weibchen. Auch beim Menschenweibe war das Geschlechta- 
geftihl ursprünglich ein schmerzliches, und noch jetzt kommt seine schmerzhafte Kompo- 
Zeitsshr. 1 Sexualwissenschaft VIL 2. 5 


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Adolf Gereon. 


Da der Urmensch, um sich vor den Kaubtieren schützen zu 
können, in Horden lebte, so war ein Beisammensein von Männern 
und Weibern über die Zeit der Brunst und Brutpflege hinaus nicht 
zu umgehen. Und wenn der Mann der Urzeit auch noch keine Dauer¬ 
brunst, sondern nur eine einmalige Frühjahrsbrunst besessen hat, 
so mag es doch um den Frieden der Horde schlecht bestellt gewesen 
sein. Nicht allein, daß sich während der Brunstzeit Männer und 
Weiber in den Haaren lagen; auch die Männer untereinander be¬ 
kämpften sich um den Besitz der Weiber, das Haupt der Horde be¬ 
anspruchte die Weiber für sich und wehrte den jüngeren Männern 
den Beischlaf. Die Horden hätten infolge der immer wieder aus¬ 
brechenden und mit der Verlängerung der Brunst des Mannes immer 
endloser und heftiger werdenden Kämpfe zugrunde gehen müssen, 
wenn nicht die Entwicklung dahin geführt hätte, daß der Ge¬ 
schlechtsverkehr zwischen Männern und Weibern 
derselben Horde endlich völlig unterblieb. Das ge¬ 
schah auf folgende Weise. 

Wenn die Horde zur Vollmondzeit wanderte, da kam es wohl 
vor, daß in einem wild- und fruchtreichen Gebiet mehrere Horden 
aufeinandertrafen und miteinander um Wohnplatz und Nahrung in 
Kampf gerieten. Dabei ging es so zu, wie es bei den Kämpfen der 
wilden Völker noch heute zugeht. Die Männer der unterliegenden 
Horde wurden erschlagen und in die Flucht getrieben; und was von 
den Weibern nicht rechtzeitig fliehen konnte, das wurde ergriffen 
und alsobald oder bei nächster Gelegenheit — beschlafen. Jeder 
Kampf endete mit der Vergewaltigung der Weiber der unterlegenen 
Partei. War es nun den Männern einer Horde möglich, während der 
Brunstzeit fremde Frauen zu beschlafen, so konnten sie ihre eigenen 
schonen; sie konnten dem Kampf mit ihren eigenen Weibern aus 
dem Wege gehen. Das war für den Frieden und Bestand der Horde 
wertvoll. Es erhielten sich daher zunächst die Horden, deren Männer 
sich daran gewöhnten, den Geschlechtsverkehr außerhalb der 
Horde zu suchen und den Geschlechtsverkehr mit ihren eigenen 
Weibern zu meiden oder auf ein Mindestmaß zu beschränken. Es 
erhielten sich zunächst die Horden, deren Männer sich die Ge¬ 
schlechtslust mit den Waffen in der Hand bei fremden Horden er¬ 
kämpften; während jene Horden, die sie bei ihren eigenen Weibern 
suchten, an innerer Zwietracht zugrunde gingen. 

So kam der Mann der Urzeit dazu, den Beischlaf 
als einen feindseligen Akt aufzufassen. Wie er den 
artfremden Mann, wenn er ihm begegnete, sofort niederschlug, so 
vergewaltigte er das artfremde Weib, wo er es nur traf. Beschlief 
er ein artfremdes Weib, so wollte er damit der fremden Art einen 
Schaden zufügen. Worin dieser Schaden bestand, wußte er nicht; 
denn er hatte keine Ahnung von dem Zusammenhang zwischen Bei¬ 
nente mehr oder weniger stark in Erscheinung. (MenstruationsschYnerz, Wchenschmei* 
u. a.) Mit dem schmerzhaften Gesehlechtsgefülil äußert sich auch beim Menschenweibe 
häufig der von den tierischen Vorfahren ererbte geschlechtliche Kampfinstinkt. Dieser 
Kampfinstinkt hat gerade beim menschlichen Urweibe ein weites Feld zur Betätigung er¬ 
halten (siehe weiter unten). Siehe auch A. Gereon, Brunstrefleie und Geschlechts¬ 
instinkte. Zeitschr. f. Sexualw. 3. Bd. H. 10—12. 1917. 


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Die Menstruation, ihre Entstehnng und Bedeutung. 


67 


schlaf und Zeugung. Er wußte nicht, daß er das artfremde Weib 
zwang, seine, des fremden Mannes, Kinder zu tragen und aufzu¬ 
ziehen, und daß er damit die Männer artfremder Horden an der Fort¬ 
pflanzung und Vermehrung hinderte 3 ). Aber ohne daß er es wußte, 
tat er das Rechte; seih Instinkt leitete ihn ganz richtig zum Bei¬ 
schlaf beim artfremden Weibe, und das Gefühl, daß dieser Beischlaf 
für das artfremde Weib und ihren Stamm eine Schändung sei, faßte, 
weil es den Tatsachen entsprach, im Herzen des Mannes der Urzeit 
tief Wurzel. 

Daß der Mann der Urzeit auch den Beischlaf beim Weibe seiner 
eigenen Horde als Schändung ansah, kann uns nicht wunder¬ 
nehmen. Er wußte ja nicht, daß es für die Erhaltung seiner Art 
wertvoll war, wenn die Weiber seiner eigenen Horde nur Kinder 
ihrer eigenen Art zeugten, und daß sie solche nur zeugen konnten, 
wenn sie von den Männern ihrer eigenen Horde beschlafen wurden. 
Weil für ihn der Überfall auf fremde Horden und der Kampf mit 
fremden Horden die wesentliche Quelle aller Geschlechtslust waren, 
und weil er kaum anderen Geschlechtsverkehr kennen lernte als den 
bei kriegerischen Expeditionen erhältlichen, so konnte er im Bei¬ 
schlaf nichts anderes als einen feindseligen Akt sehen, und daraus 
erwuchs ihm das Gefühl, daß er dergleichen dem artgleichen Weibe 
seiner eigenen Horde nicht bieten dürfe. Die Hartnäckigkeit, mit 
der auch die Weiber seiner eigenen Horde jede geschlechtliche An¬ 
näherung ablehnten, bestärkte ihn noch in diesem Gefühl und sie 
wirkte in gleicher Weise darauf hin, daß der Mann den Beischlaf als 
schändend ansah. So entstand beim Manne der Urzeit ein Instinkt, 
der ihn vom Beischlaf beim artgleichen Weibe seiner Horde abhielt 
und zum Beischlaf bei den artfremden Weibern der anderen Horden 
anhielt. Es entstand der Instinkt der Blutschande 4 ). 

Man wird einwenden, das Prinzip, den Geschlechtsverkehr mit den Weibern der 
eigenen Horde zu meiden und ihn nur bei den Weibern fremder Horden zu suchen, hätte 
der eigenen Horde zuletzt verderblich werden müssen, weil die eigene Horde dabei ob ne 
Nachwuchs blieb; und dieses Prinzip hätte den fremden Horden zuletzt zum Vorteil aus- 
schlagen müssen, weil cs bewirkte, daß ihre Weiber wieder Söhne gebaren und sich 
neue Männer an Stelle der getöteten aufzogen. Es wird aber wotil erst dann zu einet 
konsequenten Einstellung des Geschlechtsverkehrs mit den Frauen der eigenen Horde 
und zu einer uneingeschränkten Betätigung des Instinkts der Blutschande gekommen 
sein, als die Erziehung des Nachwuchses innerhalb der Horde sichergcstellt und dem 
Aus6terben der Horden damit ausreichend vorgebeugt war. 

Wenn nämlich mehrere Horden längere Zeit in demselben Gebiete beieinander 
wohnten, da entstanden nicht nur Feindschaften, sondern auch Freundschaften. Be¬ 
freundete Horden halfen einander bei Jagd und Krieg, sie tauschten allerlei wertvolle 
Dinge, Waffen, Zierrat, Lebensmittel u. dgl. miteinander; und die Männer dieser Horden 
kamen auch bald dazu, einander den Beischlaf bei ihren Weibern zu gestatten Wer nun ein 
Weib zum Geschlechtsverkehr haben wollte, der ging hinüber in die befreundete Horde, 
unterhandelte dort mit den Männern um ein bestimmtes Weib, und hatte er die Erlaubnis 
der fremden Horde erhalten, so überfiel er das Weib des Nachts, oder bei der nächsten Ge¬ 
legenheit. Solange die Horden beieinander blieben, konnte er sein Weib in der befreun¬ 
deten Horde, so oft er wollte, aufsuchen. Denn das Weib folgte ihm nicht in seine Horde, 
sondern blieb in der ihrigen. Gingen die Horden später wieder auseinander, so wurden 
die Eheleute getrennt, das Weib sah den Gatten nient mehr wieder, und wenn heim Zu- 

*) Siehe Max Marcuse, Wandlungen des Fortpflanzungs-Gedankens und-Willens. 
(Abliandl. a. d. Geb. d. Sexualforsch., I. Band, 1. Heft.) Bonn 1918: S. 6f. 

* Vgl. Max Marcuse, Vom Inzest. Halle a. S. 1915. 

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68 


Adolf Gerson. 


6ammontreffcD ilirer Horde mit anderen Borden wieder ein Mann um sie warb, so erhielt 
sie einen anderen Gatten. Begegneten sich zwei Horden, zwischen denen EhebündAisse 
abgeschlossen worden waren, naeh Jahr und Tag wieder, so wurden die alten Verbin¬ 
dungen wieder aufgefrischt; an Narben, Tätowierungen, Sehmucksachen und anderen 
Kennzeichen erkannten sieh die Liebespaare wieder, und für die Zeit des Zusammen¬ 
wohnens der Horden kam es dann zu einer neuen Ehe. 

Die eben beschriebenen geschlechtlichen Verbindungen bildeten die Vorform der 
menschlichen Ehe. Den Tieren ist die Ehe fremd, es fehlt ihren geschlechtlichen 
Verbindungen — wenn sie auch häufig die Brunstzeit überdauern — doch die Absicht 
unbegrenzter Dauer; es fehlt ihnen die Möglichkeit unbegrenzter Dauer bei fortdauern¬ 
der Brunst, weil, wie wir gesehen haben, Männchen und Weibchen sich während der 
Brunst bekämpfen, und es fehlt ihnen die rechtliche Sanktion durch die höhere soziale Ge¬ 
meinschaft, die der menschlichen Ehe erst unbegrenzte Dauer verbürgt. Ehebündnisse von 
der Art der geschilderten finden wir noch heute bei inneraustralischen Horden; es hat dort 
jede Horde Männer- und Frauengruppen, die aber nicht miteinander geschlechtlich ver¬ 
kehren, sondern mit den Gruppen anderer Horden Geschlechtsverkehr haben. Die Kinder 
aus diesen Ehen bleiben in der mütterlichen Gruppe; weil bei den häufigen Wande¬ 
rungen die Weiber ihre Gatten häufig wechseln, so kennen die Kinder meist ihren Vater 
gar nicht (Mutterrecht). 

Von der Tatsache aus, daß dem Manne der Urzeit der Beischlaf 
als schändend galt und daß er den Geschlechtsverkehr mit den Wei¬ 
hern seiner eigenen Horde mied, gelangen wir zu einer befriedigen¬ 
den Erklärung der Monatsbrunst. Die Wanderungen der Horden 
fanden, wie wir gesehen haben, vorwiegend oder ausschließlich zur 
Vollmondzeit statt; zur Vollmondzeit erfolgten mithin die feind¬ 
lichen und friedlichen Begegnungen der Horden, von denen oben 
gesprochen wurde, und wenn diese Begegnungen nur zur Voll¬ 
mondzeit stattfanden, so konnte der Mann der Urzeit, der den 
Geschlechtsverkehr mit den Weibern seiner eigenen Horde mied, 
eben nur zur Vollmondzeit zum Geschlechtsverkehr 
gelangen. Während der Zeit, wo die Horde lagerte, war kein 
Geschlechtsverkehr mit den Weibern anderer Horden möglich, weil 
die anderen Horden entfernt lagerten (in Rücksicht auf die geringe 
Nutzung des Bodens an Früchten und Wild entfernt lagern mußten), 
und nur während der Wanderungen konnten die Horden einander 
begegnen, und nur dann war ein Geschlechtsverkehr möglich. Die 
Gewohnheit, allmonatlich in Geschlechtsverkehr zu treten, führte 
nun zum Entstehen einer Monatsbrunst zunächst beim Manne. 
Hatte sich seine Brunst ursprünglich nur über wenige Tage oder 
Wochen des Frühlings, allenfalls über einen einzigen Vollmond hin¬ 
weg erstreckt und war dann während des ganzen Jahres ausgeblieben, 
so kehrte sie jetzt bei einzelnen Männern nach einigen Monaten 
wieder, und nach und nach wurde sie bei allen Männern immer 
häufiger. Die brunstlosen Pausen zwischen den Brunstzeiten wurden 
immer kürzer, und zuletzt trat die Brunst allmonatlich, und 
zwar immer um den Vollmond herum ein. Um den Voll¬ 
mond herum deswegen, weil allein zu dieser Zeit Geschlechtsverkehr 
getrieben werden konnte. 

Es war nun sicher für die Erhaltung der menschlichen Art 
wertvoll, wenn! die Weiber, nachdem der allmonatliche Beischlaf zur 
Regel geworden war, auch allmonatlich befruchtungs- 
fä.hig wurden. Da das Urweib nur zu der Zeit befruchtungs¬ 
fähig war; in der die Weibchen der höheren Tiere befruchtet wer¬ 
den, wahrscheinlich in den Monaten April bis Juni, so konnte es vor- 


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Die Menstruation, ihro Entstehung und Bedeutung! G9- 


kommen, daß in den Horden Weiber während eines ganzen Jahres 
unbefruchtet blieben, weil sie zur Zeit ihrer Frühjahrsbrunst mit 
Männern fremder Horden nicht zusammentrafen und bei späteren 
Begegnungen nicht mehr befruchtungsfähig waren. Weiber aber, die 
allmonatlich befruchtungsfähig wurden, konnten wohl kaum 
während eines ganzen Jahres unbefruchtet bleiben; sie konnten, 
wenn sie im Frühjahr nicht beschlafen worden waren, noch bei 
einem im Sommer oder Herbst erfolgenden Beischlaf befruchtet wer¬ 
den. Weil die monatliche Eireife für die Arten wertvoll war, so er¬ 
hielten sich die Arten, bei deren Frauen die Eireife in monatlichen 
Perioden erfolgte, bei denen die Gewohnheit allmonat- 
lichenBeischlafsallmählichaufeinallmonatliches 
Wieder kehren der Eireife hinwirkte. Durch Auslese 
und Vererbung entstand eine weibliche Art, bei welcher Eireifc, 
Brunst und Blutung dem Wechsel der Brunst beim Manne völlig an¬ 
gepaßt waren, bei welcher sie in Anpassung an die Monats¬ 
brunst des Mannes allmonatlich zur Vollmondszeit erfolgten. 

Ich glaube nachgewiesen zu haben, wie die augenfällige Über¬ 
einstimmung zwischen der Zeit des Mondumlaufs und der Zeit der 
Wiederkehr der Menstruation entstanden sein kann. Daß diese 
Übereinstimmung tatsächlich auf diesem Wege entstanden ist, dafür 
spricht noch folgendes: Bei zahlreichen wilden Völkern ist noch 
heute die Vollmondzeit eine Zeit geschlechtlicher Erregung. Männer 
und Frauen sammeln sich in den Vollmondnächten zu Tänzen und 
religiösen Kulten, die in geschlechtliche Orgien auszuarten pflegen °). 
Die alten Völker hatten ausnahmslos den Kult einer Mondgöttin, 
bei deren Festen geschlechtliche Vermischungen vorkamen. Die 
Artemis der Griechen war zugleich Mondgöttin und Göttin der Jagd, 
weil eben der Urmensch in den Vollmondnächten die Jagd auf Gro߬ 
wild trieb, und sie galt als keusch, d. h. als geschlechtlich kalt, weil 
das Weib der Urzeit ebenfalls geschlechtlich kalt und abwehrend war. 
Auch der Kulturmensch wird, obgleich bei seinen Vorfahren die 
Monatsbrunst schon vor Jahrtausenden in die Dauerbrunst über¬ 
gegangen ist, noch immer durch den Anblick des Vollmonds ge¬ 
schlechtlich erregt. Unsere Liebespaare ergehen sich mit Vorliebe im 
Mondschein, und die Dichter besingen die magische Gewalt des Mond- 


*) Man unterscheidet die Tänze der Wilden als Kriegstänze, Knlttänzc nnd ero¬ 
tische Tänze. Sie haben alle drei dieselbe Wurzel. Als der wilde Urmensch dazu überge¬ 
gangen war, sich den Beischlaf durch Kauf und -Tausch zu verschaffen, als er die Weiber 
befreundeter Stämme und die stammfremden Weiber innerhalb seines eigenen Stummes 
zu seiner Verfügung hatte, da hörte er auf, fremde Horden um des Beischlafs bei ihren 
Weibern willen zu überfallen. Aber die Gewohnheit, allmonatlich um die Vollmondzeit 
nach den Waffen zu greifen, in den Wald hinauszustürmen und doTt Kämpfe zu bestehen, 
war im Urmenschen schon so stark geworden, daß sie unter den jetzt völlig veränderten 
Verhältnissen noch fortdauerte. Sobald der Vollmond kam, stürmte die Horde hinaus in 
den Wald, die Männer vollzogen dort vor den Augen der Weiber einen Scheinkampf und 
stürzten sich dann auf ihre" Weiber — oft mit Umgehung des Gebots dpr Blutschande — 
in derselben Weise, wie sie sich früher auf die Weiber der fremden Horden gestürzt hatten. 
Biese Scheinkämpfe verblaßten immer mehr zu bloßen Pantomimen, und als solche haben 
wir die Tänze zu betrachten. Der Tanz dient noch heute zur Befriedigung des Instinkts, 
den der Urmensch bei den Kämpfen mit den fremden Horden erwarb; er ist ein Über¬ 
bleibsel aus jener Zeit, wo die Menschen dem Ares und der Aphrodite gemeinsam opferten. 
(Uber die Tänze der Wilden siehe Ratzel, Völkerkunde 180. 188. 206 u. ö.) 


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70 


Adolf Gereon. 


lichts. Es ist bekannt, daß bei nervösen Personen der Trieb, zur 
Vollmondzeit zu wandern, den der vor Jahrtausenden lebende Ur¬ 
mensch auf uns vererbt hat, krankhaft hervorbricht; sie steigen 
zur Vollmondzeit nachts aus dem Bett und laufen ins Freie; und 
weil die Altvorderen auf Bäumen lebten, erwacht in ihnen auch der 
Trieb zum Klettern und sie steigen auf Böden und Dächer; und 
weil dies alles unter der Einwirkung des Mondes erfolgt, spricht 
man geradezu von einer Mondsucht. 

III. 

Bei unsern Frauen treten zur Zeit der Menstruation Schmer¬ 
zen, Niedergeschlagenheit und nervöse Beschwerden verschiedener 
Art auf; viele leiden darunter so, daß sie bettlägerig werden, und 
bei manchen treten zur Zeit der Menstruation regelmäßig körper¬ 
liche und geistige Krapkheitserscheinungen auf, die nach der Men¬ 
struation schwinden und bei der nächsten Menstruation wieder¬ 
kehren. Das Weib neigt während der Menstruation besonders stark 
zur Hysterie. Auch bei sonst ganz gesunden Frauen zeigt sich kurz 
vor dem Eintritt der Menstruation und auch während derselben eine 
gewisse nervöse Unruhe, ein aufbrausendes, zänkisches Wesen, das 
ihnen sonst fremd ist. Man erklärt wohl das Auftreten der Schmer¬ 
zen, der Niedergeschlagenheit und der sonstigen nervösen Beschwer¬ 
den aus den physiologischen Vorgängen in den Geschlechtsorganen, . 
aus der Zerreißung zahlreicher Blutgefäße, aus dem Blutverlust", 
aus dem Unbehagen, den der Anblick des Blutes und das Gefühl 
der Verunreinigung auslöst, aus den Furchtgefühlen, die das über 
die Natur des Vorgangs noch nicht aufgeklärte junge Mädchen be¬ 
schleichen usw. Ich gebe zu, daß Schreck und Furcht bei den un¬ 
erfahrenen jungen Mädchen zu Niedergeschlagenheit und Verstim¬ 
mung und zum Ausbruch von ernsten geistigen Erkrankungen 
führen können; aber wenn Schmerzen und Beschwerden an sonst 
ganz gesunden älteren Ehefrauen, die zudem über die Natur der 
Blutung völlig im klaren sind, auftreten, so können Schreck und 
Fnrcht nicht als Ursache der Schmerzen angesprochen werden. Der 
physiologische Vorgang der Blutung kann ebenfalls nicht als Ur¬ 
sache in Betracht kommen; denn die Schmerzen pflegen oft gerade 
dann stark zu sein, wenn die Blutung minimal ist, und umgekehrt. 
Vielfach hat man beobachtet, daß Schmerzen und Beschwerden ge¬ 
rade mit dem Eintritt und Znnehmen der Blutung nachließen und 
aufhörten. Es kann doch nur das Zerreißen der Blutgefäße schmerz¬ 
haft sein, und der Schmerz sollte eigentlich nur im- Augenblick des 
Eintritts der Blutung gefühlt werden. Ist der Schmerz bei der Men¬ 
struation eine Begleiterscheinung der Blutung, so müßten auch in 
anderen Organen auftretende Blutungen schmerzhaft sein. Das 
heftigste Nasen- und Lungenbluten erfolgt aber völlig schmerzlos, 
und deshalb ist das Auftreten der menstruellen Schmerzen aus der 
Blutung nicht zu erklären 1 ). Auch die Niedergeschlagenheit und 


*) Es ist natürlich abzusehen von den Schmerzen, die durch Verlagerungen der Ge¬ 
bärmutter, Entzündungen ihrer Schleimhaut, Blutstauungen u. dgl. entstanden sind. 


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Die Menstruation, ihre Entstehung und Bedeutung. 71 

Verstimmung der Menstruierenden kann keine Folge der Blutung 
sein. Es ist dem Arzte bekannt, daß starke Blutungen vielmehr zu 
Wohlgefühlen und zu einem Übermaß des Kraftbewußtseins führen 
können; es treten nach starkem Blutverlust oft geradezu manische 
Zustände ein. Starke Blutungen können unter Umständen sogar 
wohltätig auf den Körper wirken, das gilt bei fieberhaften und er¬ 
schöpfenden Krankheitszuständen; der Arzt wendet dann den Ader¬ 
laß an, um dem schwerleidenden Organismus aufzuhelfen, und er 
begrüßt das eintretende Nasenbluten als ein Zeichen der Wendung 
zur Gesundung. Ich habe in einem kurzen Aufsatz, der vor kurzem 
im Neurologischen Zentralblatt erschien*), dargetan, daß der Orga¬ 
nismus in Lebensgefahr einen Teil der in der Zirkulation befind¬ 
lichen Stoffe ausscheidet und einen Teil der in der Peripherie be¬ 
findlichen Organe abzuscheiden sucht, um die bei der Abwendung 
der Lebensgefahr tätigen Organe von ihren vegetativen Aufgaben 
zu entlasten und nervöse Energie für den Bedarf dieser Organe zu 
gewinnen. Ich habe dort den Grund angegeben, weshalb eine starke 
Blutung in gewissen Fällen für die Erhaltung des Organismus 
zweckmäßig sein kann. Ich werde weiterhin nachzuweisen ver¬ 
suchen, daß auch die Blutung bei der Menstruation eine körperliche 
Entladung zum Zwecke der Entlastung des bedrohten Organismus 
ist; zunächst will ich aber versuchen, das Auftreten der Schmerzen 
und sonstigen nervösen Beschwerden bei der Menstruation zu er¬ 
klären. 

• * Man stelle sich einmal vor, in welcher Form der Beischlaf in 

der Urzeit erfolgte, als der Mann den Geschlechtsverkehr nur mit 
den Weibern fremder, feindlicher Horden übte. Da stießen die Hor¬ 
den auf mondbeschienenem Blaehfelde aufeinander und kämpften 
miteinander. Und wenn die Männer einer Horde erschlagen und 
vertrieben waren, da stürzte sich die siegende Mannschaft auf die 
Weiber der unterlegenen Horde, um sie zu vergewaltigen. Wenn 
die Weiber sich wehrten, da würden sie niedergeschlagen, in der¬ 
selben brutalen Weise niedergeschlagen, wie ihre Männer nieder¬ 
geschlagen worden waren. Und wenn das am Erdboden liegende 
Weib sich mit Armen und Beinen wehrte, da umfing es sein Peiniger 
und hielt es fest, und wenn es, der Gewalt seiner Arme beraubt, 
seine Zähne gebrauchen wollte, da preßte sein Peiniger seinen Mund 
auf den ihren und hinderte es so am Beißen. Als später befreundete 
Horden einander den Beischlaf bei ihren Weibern gestatteten, da 
vollzog sich dieser in nicht weniger rohen und gehässigen Formen; 
denn die Weiber bewahrten die alte Feindschaft, die die Männer 
schon aufgegeben hatten. Der Mann beschlich das Weib, dessen 
Schändung er sich von ihren Genossen erhandelt hatte, während es 
auf der Nahrungssuche war, oder nachts in ihrem Zelte. Er stürzte 
sich auf die Ahnungslose, ohne erst guten Abend zu sagen oder sich 
eine zierliche Anfrage zu erlauben; und wenn das erschreckte Weib 
um sich schlug, da machte er es durch rohes Zugreifen gefügig. 5tfan 
bedenke, welcher Art die Eindrücke waren, die das Urweib beim 
Geschlechtsverkehr empfing. Es waren schauerliche, schreckliche, 

J ) A. G e rson, Über körperliche Entladung. Neur. Zentralbl. 1916. 6. 178. 


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Adolf Gereon, Die Menstruation, ihre Entstehung und Bedeutung. 


72 


im höchsten Grade schmerzhafte. Ihr Ehebett war der blutige 
Anger, auf dem die Leichen ihrer Genossen und Brüder lagen, und 
ohne schmerzhafte Beulen und Wunden ging kein Beischlaf vorüber. 
Es mögen die inneren Organe des Unterleibs oft in einer geradezu 
bestialischen Weise behandelt worden sein, insbesondere, wenn ein 
erbeutetes Weib nacheinander von mehreren Männern mißbraucht 
wurde. Wenn nun die vom Urmenschen gemachten Wahrnehmungen 
sich auf den heutigen Menschen vererben konnten, dergestalt, daß 
heute lebende Menschen beim Anblick des Mondes geschlechtliche 
Erregung empfinden oder daß in ihnen der Trieb zum Wandern und 
Klettern erwacht, oder daß ihnen bei geschlechtlicher Erregung 
die Lust ankommt, andere zu mißhandeln (Sadismus), oder daß sie 
beim Anblick von Kämpfen, von Blut und Leichen geschlechtliche 
Erregung verspüren s ), warum sollte da in unseren heutigen Weibern 
während der Brunst nicht auch die Erinnerung der Schmerzen anf- 
steigen, die ihre weiblichen Vorfahren bei den Begattungen regel¬ 
mäßig erlebten. Wir sehen es ja auch an Hysterischen, daß bei ihnen 
die Erinnerung erlebter Schmerzen so stark werden kann, daß sie 
wirklichen Schmerzen gleichkommt. Es können auch Wahrneh¬ 
mungen anderer Art erneut ins Bewußtsein treten, ohne daß daa 
wahrgenommene Objekt von neuem vor die Sinne tritt; und man 
spricht dann von Sinnestäuschung und Halluzination. Die Schmerzen, 
die bei der Menstruation auftreten, entstehen aber auf dieselbe 
Weise wie die Schmerzen der Hysterie und Halluzination. Im Ner¬ 
vensystem ruhende Eindrücke werden auf Grund vorhandener Asso¬ 
ziationen wieder lebhaft, und es kann keinen Unterschied machen, 
ob diese Assoziationen postembryonal erworben oder durch Ver¬ 
erbung überkommen sind. Die schmerzhaften Eindrücke, die das 
IJrweib beim Geschlechtsverkehr erlangte, haben sich in gewissem, 
Maße auf seiue Nachkommen vererbt, und sie sind, wenn auch stark 
abgeschwächt, in allen unseren Frauen vorhanden. Sie können rege 
werden, wenn in unseren Frauen die physiologischen Zustände wie¬ 
derkehren, die beim Urweibe während der Aufnahme jener Ein¬ 
drücke vorhanden waren und bei der Bildung nervöser Assoziationen 
mitgewirkt haben. Sie können rege werden, wenn bei unseren Frauen 
die Menstruation eintritt und wenn an ihnen der Beischlaf ausge¬ 
führt. wird. Und werden bei einem menstruierenden Weibe die er¬ 
erbten schmerzhaften Eindrücke rege, so empfindet es wirkliche 
Schmerzen, obwohl eine Schädigung des Körpers, ein schmerzhafter 
Eingriff, eine Reizung schmerzleitender Nerven gar nicht erfolgt 
ist. Der Menstruationsschmerz kommt so zustande, wie die hyste¬ 
rischen Schmerzen zustande kommen; er ist in Wahrheit ein 
hysterischer Schmerz. Die Blutung, die Abstoßung der Eizelle, 
die ganzen physiologischen Vorgänge in den Geschlechtsorganen des 
Weibes sind völlig unschuldig am Auftreten der Schmerzen, und 
nur insofern sie (auf Grund der in der Urzeit entstandenen Asso¬ 
ziationen) mit. den im Nervensystem lagernden Eindrücken schmerz¬ 
hafter Reize verknüpft sind, sind sie schuld an dem Auftreten der 
Schmerzen. Weil der Menstruationsschmerz nicht im Wesen der 


*) 8. Preycr in Münchn. Inpd. Woeh. 1890. Nr. 23. 


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Horch, Das Eherecht im Lichte der Reichsgerichtsentscheidungen. 73 


Menstruation begründet ist, sondern eine mehr zufällige Begleit¬ 
erscheinung der Menstruation ist, darum tritt er bei zahlreichen 
Frauen und Mädchen auch gar nicht, auf, und sie menstruieren ohne 
jede Beschwerde. Und weil der Schmerz der Menstruation nicht so 
mit der Leiblichkeit verknüpft ist, wie etwa der Zahnschmerz, der 
Schmerz eines Mückenstichs, der Schmerz einer Wunde, weil er 
gleich den hysterischen Schmerzen rein zentralen Ursprungs ist, so 
ist er auch, wie in zahlreichen Fällen festgestellt worden ist, durch 
Hypnose heilbar. Die Tatsache, daß der Menstruationsschmerz durch 
Hypnose heilbar ist, zeigt deutlich, daß er mit der Physiologie der 
Menstruation wenig oder gar nichts zu tun hat und daß unsere bio¬ 
logische Erklärung richtig ist/ (Schluß folgt.) 

Das Eherecht im Lichte der Reichsgerichts¬ 
entscheidungen 1 ). 

Von Geh. Justizrat Dr. Horch 
in Mainz. 

Je mehr die Überzeugung hei allen Praktikern sich Bahn bricht, 
daß auf dem Gebiet des Ehescheidungsprozesses Reformen nötig 
sind, daß das heutige Verfahren, das unter dem Einfluß des kirch¬ 
lichen Rechts eine Erschwerung der Ehescheidung als Grundsatz 
aufstellt und dadurch die Scheidung innerlich und äußerlich unhalt¬ 
barer Ehen unmöglich macht, unhaltbar ist, desto wichtiger erscheinen 
die Entscheidungen des Reichsgerichts, die das gegenwärtig geltende 
Recht nach außen widerspiegeln. Eine besondere Bedeutung be¬ 
anspruchen diejenigen Entscheidungen, die sich mit den sexuellen 
Verhältnissen der Ehen beschäftigen, weil weitaus die größte Zahl 
der Ehescheidungen in erster Linie auf die Divergenz zwischen dem 
sexuellen Empfinden des einen oder anderen Teiles zurückzuführen 
ist. Auch die hier vorliegende Entscheidung des Reichsgerichts 
vom 7. April 1919 (Entsch. Bd. 95, S. 289) dürfte aus diesem Ge¬ 
sichtspunkt nicht ohne Interesse sein. In dem gegebenen Falle hatte 
die Klägerin, die seit dem Dezember 1911 verheiratet war und seit 
Juli 1912 getrennt lebte, Klage auf Nichtigkeit ihrer Ehe erhoben, 
auf-die Behauptung gestützt, daß der Beklagte widernatürliche Un¬ 
zucht mit Männern treibe und auch vor der Eheschließung getrieben 
habe. Das Landgericht hat die Anfechtungsklage abgewiesen, das 
Oberlandesgericht ihr stattgegeben und die Ehe der Parteien für 
nichtig erklärt. Das Reichsgericht hat in dem gleichen Sinne ent¬ 
schieden. Die Abweisung der Anfechtungsklage seitens des Land¬ 
gerichts war um deswillen erfolgt, weil es zwar als erwiesen er¬ 
achtete, daß der Beklagte seit dem Jahre 1904 mit dem Zeugen L. 
unsittliche homosexuelle Beziehungen unterhalten habe, daß er 
daher zur Zeit der Eheschließung mit einem sittlichen Makel be¬ 
haftet war, der an und für sich geeignet gewesen wäre, die Klä¬ 
gerin bei Kenntnis der Sachlage von der Eheschließung abzuhalten, 
auf der anderen Seite aber nicht für dargetan ansah, daß die Klä- 

') Vgl. diese Zeitschrift Bd. VI, S. 222 ff. u. S. 3/1 ff. 


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Horeb, Das Eherecht im Lichte der Reichsgerichtsentscheidungen. 


gerin durch diesen Mangel von der Eheschließung sich hätte ab¬ 
halten lassen. Das Berufungsgericht hat dagegen festgestellt, daß 
es sich bei den Verfehlungen des Beklagten nicht um solche handle, 
die er sich nur gelegentlich habe zu schulden kommen lassen, daß 
alle Verfehlungen vielmehr eine einzige Kette bildeten. Im Gegen¬ 
satz zum Landgericht kommt es zu der Überzeugung, daß die Klä¬ 
gerin, wenn sie die Verfehlungen gekannt hätte, den Beklagten 
nicht geheiratet haben würde. Die vom Landgericht zugunsten der 
Erhaltung der Ehe verwertete Äußerung der Klägerin gegenüber 
einer Zeugin betreffe nur während der Ehe verübte Verfehlungen 
des Beklagten, von dessen vorehelichen Verfehlungen sie noch keine 
Kenntnis gehabt habe. Es sei aber ein anderes, ob eine Frau davon 
absehe, einen sittlichen Makel ihres Ehemannes zur Anfechtung 
oder Scheidung der Ehe zu benutzen oder ob sie ihn auch dann ge¬ 
heiratet haben würde, wenn sie den Makel, der die Ehe anfechtbar 
mache, bereits vor der Eheschließung erfahren hätte. Aus den 
Gründen de* Reichsgerichts ist folgendes hervorzuheben: 

„Unter einer persönlichen Eigenschaft ist eine Beschaffenheit 
zu verstehen, die der Person, von der sie ausgesagt wird, derart 
wesentlich zukommt, daß sie als Ausfluß und Betätigung ihres gan¬ 
zen Wesens erscheint. Eine geistige oder sittliche Beschaffenheit 
einer Person ist aber nicht unmittelbar wahrnehmbar; sie wird er¬ 
schlossen aus den Handlungen. Wird eine Mehrheit gleichartiger 
Handlungen festgestellt, so wird der Schluß auf eine Eigenschaft 
des Menschen, sich nach der Richtung dieser Handlungen zu be¬ 
tätigen, gerechtfertigt erscheinen. Eine Einzelhandlung schlimm¬ 
ster Art kann immer noch eine' Gelegenheitshandlung sein, etwa auf 
Verführung von außen beruhen und den Eigenschaften der Person 
fremd bleiben. Bei einer Reihe von Handlungen ist dagegen von 
vornherein ein Zusammenhang mit dem Wesen des Menschen, von 
dem sie ausgingen, anzunehmen. Wenn das Berufungsgericht im 
gegebenen Falle ausspricht, es handle sich bei den widernatürlich 
unzüchtigen und bei den sonstigen unzüchtigen Handlungen des 
Beklagten, die festgestellt wurden, nicht um Verfehlungen, die sich 
der Beklagte nur gelegentlich habe zuschulden kommen lassen, 
vielmehr bildeten alle diese Verfehlungen eine einzige Kette, so ist 
damit zum Ausdruck gebracht, daß das Berufungsgericht eine Eigen¬ 
schaft des Beklagten, ein Handeln aus einer Wesensrichtung heraus 
a n nimmt . . . Zutreffend führt das Berufungsgericht aus, daß es 
etwas anderes sei, ob eine Ehefrau aus natürlicher Scheu davon 
absehe, einen sittlichen Makel des Ehemannes zum Anlaß einer An¬ 
fechtung oder eines Scheidungsbegehrens zu nehmen, nachdem die 
Ehe einmal geschlossen sei, oder ob sie bei Kenntnis dieses sitt¬ 
lichen Makels vor Eingehung der Ehe diese geschlossen haben 
würde. Es darf und muß von vornherein davon ausgegangen wer¬ 
den, daß eine richtig empfindende Frau mit einem unnatürlichen 
Geschlechtsneigungen ergebenen Manne eine Ehe nicht eingehen 
wird. Es ist deshalb auch als eine genügende Begründung der 
Überzeugung des Berufungsgerichts, daß die Klägerin bei Kennt¬ 
nis der Sachlage die Ehe mit dem Beklagten nicht eingegangen sein 
würde, anzusehen, wenn das Berufungsgericht, nachdem es fest- 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


gestellt, daß die Verfehlungen des Beklagten an sich geeignet ge¬ 
wesen seien, eine Frau bei solcher Kenntnis von der Eingehung der 
Ehe abzuhalten, ausspricht, daß Umstände, die dagegen sprächen, 
weder aus der Zeit vor der Eheschließung, noch aus der Zeit nach 
ihr vorliegen. Das natürliche Empfinden mußte, wie anzunehmen 
ist, die Klägerin von der Eingehung der Ehe unter solchen Um¬ 
ständen absehrecken.“ 

Bemerkenswert an dieser Entscheidung des Reichsgerichts ist 
der Umstand, daß es einen Unterschied macht zwischen den ge¬ 
legentlichen sittlichen Verfehlungen im Rahmen der Ehe und den¬ 
jenigen, die eine zusammenhängende Kette gleichartiger Handlun¬ 
gen darstellen, daß es nur in den letzteren eine Charaktereigen¬ 
schaft erblickt, während sie die ersteren nicht als zu einer Anfech¬ 
tung der Ehe ausreichend ansieht. Dem Standpunkt, die Eheanfech¬ 
tungen möglichst zu beschränken, kommt das Reichsgericht mit 
dieser Entscheidung entgegen. Dieser Standpunkt selbst dürfte auch 
für das zukünftige Recht beizubehalten sein, da die Wirkungen der 
Ehescheidungsklage und der Anfechtungsklage verschieden sind 
und kein Bedürfnis für die letztere vorliegt, falls die Voraussetzun¬ 
gen der ersteren gegeben erscheinen. 


Kleinere Mitteilungen, Anregungen und 
Erörterungen *). 

„Schwangerscbaftsgelüste“. 

Von Prof. Dr. med. Ratner, Kopenhagen. 

Herr Dr. Max Marcuse hat in einem der letzten Hefte dieser Zeitschrift sich ab¬ 
lehnend über die Einwirkung der Schwangerschaftsgelüste auf das Kind ausgesprochen, 
möchte sie gern in das Reich der Fabel verweisen. Er zitiert die „Memoiren der Ham- 
burgischen Jüdin Glückei von Hameln u — und lächelt überlegen ungläubig . . . 

Im altersgrauen Talmud (Tract. Jömah 84a) heißt es „schwarz auf weiß 11 : „Eine 
Schwangere, welche, durch den Geruch einer Speise angezogen, unwiderstehliche 
Gelüste danach bekommt —, die lasse man davon essen, bisdasLeben ihr zurück¬ 
gekehrt, und wenn es auch das Fleisch von eklem Gewürm und sonst streng ver¬ 
botenem Tiergezücht (vgl. Levitic. Pericop „Sehemini“, ebenso Tract. Chulin Abschnitt 
„Nescher“) sei, ja w*enn es sogar am Versöhnungstag sei“ (strengster Fasttag!). 

Ebenda (b) wird diese merkwürdige Mischnah-Vorschrift damit erklärt: „Weil nichts 
der Abwendung von Lebensgefahr als Hindernis im Wege stehen darf! 11 

Also so probat, so ernst war den Weisen die goschilderte Situation, so gefahr¬ 
drohend, daß sie alles über Bord werfen heißen. Sonst pflegen sie nicht leichtsinnig 
mit biblischen Verboten umzugehen und eher verschärfend als mildernd oder die¬ 
selbe beseitigend zu interpretieren; hier aber proklamieren sie urbi et orbi: „Weg mit dem 
Verbot, alles erlaubt, weil gefahrdrohend !“ 

Und noch etwas. An derselben Stelle wird gelehrt: „Hat eine unwiderstehliche 
Eßlust die Schwangere am Versöhnnngstage ergriffen, dann versuche man zuerst 
»ur ,ins Ohr‘ zu flüstern: ,Versöhnungstag ist heut 4 . Hilft es nicht, dann esse sie 
darauf los nach Herzenslust.“ 

Der Herausgeber der „Mischnalr*. der , f Fürst“ und Freund des römischen Kaisers 
Antoninus Pius (vgl. über ersteren meine Abhandlung in der „Hyg. Rundschau“ 1910, H. 13 
^Die perverse Geschlechtsempfindung usw.“) riet auch einmal zu genanntem Kunstgriff — 
und siehe es half . . .! Aber nicht immer . . . Kurz, eine Art Suggestion auf den 
zukünftigen, etwas rebellischen Weltbürger durch die Mutter . . . Abnorme 

*) Für die in dieser Rubrik erscheinenden Aufsätze übernimmt die Schriftleitung 
* ln für allemal keine andere als die preßgesetzliehe Verantwortung! 


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Buchbesprechungen. 


Schwangerschaftsgelüste gehören ja eben zu den sog. G ravid itäts neu rosen. Ilire 
psychische Behandlung empfiehlt der petrefakte Kodex vor rund 3000 Jahren! 
Denn wir wissen ja, daß heftige psychische Alterationen leicht Abortus herbeiführen lind 
Gefahr für Mutter und Kind (!) in sich bergen ... ln Pirkeh-Aböth V, ö wird unter 
die zehn AVunder, welche im Tempel geschahen, auch die Tatsache gerechnet, daß nie 
eine Schwangere infolge des G e r u c h e s des ständig schmorenden Fleisches der Brand¬ 
opfer auf dem Altäre einen Abort bekam. 

AVir kennen aus alltäglicher Erfahrung die Tatsache, daß Gravide saure, scharfe, 
starkgowlirzte Speisen vorziehen und manchmal mit despotischer Gewalt das Unmögliche, 
wie Pfirsiche, frische Kirschen, Erdbeeren mitten im eiskalten AVinter verlangen und den 
vielgeplagten armen Ehegespons zur A’erzweiflung treiben können. Es können manchmal, 
wenn der AVunsch unerfüllbar, heftige psychische Affekte zum Ausbruch kommen, wie 
AVein- und Schreikrämpfo und der Abort steht nahe, ja noch Eklampsie dazu. 

Und nun zum Schluß noch ein A\ r ort. Jeder kundige Neurologe kennt die sog. 
Bulimia nervosa, welche sich bis zur Raubtiergefräßigkeit, ja Raserei steigern kann. 
Die davon Betroffenen verzehren manchmal zur Stillung des quälenden Hungere Unmög¬ 
liches, Unverdauliches, Ekelhaftes, wie Kreide, Steine, Nägel, Frösche usw. Auch das 
kannte der Talmud genau. Er lehrt (ibid Fol. 83 a): „AVer von einem heftigen Hunger¬ 
anfall (Böhnes — ßovXiida !) plötzlich befallen, den lasse man alles, was da, essen (Er¬ 
laubtes oder Unerlaubtes), bis sich seine Augen erhellen“. Köstlich! [A r gl. meine Arbeit 
in „Fortschr. der Medizin“ 1917/18: Über den nervösen Hunger (Bulimia nervosa)“.] 

Auch auf das sog. „Versehen“ kommt Herr Dr. Marcuse zu sprechen, das er 
ebenfalls in das Gebiet der Ammenmärchen verweist. Es ist aber trotzdem eine nicht 
wegzuleugnende, gar häufig zu beobachtende Tatsache, daß Schwangere, speziell vom 6. 
bis 8. Monat, wenn sie plötzlich Zeuginnen einer großen Feuersbrunst geworden, das unter 
ihrem Herzen ruhende spätere Kind mit großen, feuerroten Muttermalen auf der AVange, 
ja manchmal auf der ganzen Hälfte des Gesichts zur Welt bringen. Wir wissen zwar, 
daß solche ausgebreiteten MaleAngiome, welche auf GefäßorWeiterungen beruhen, sind. 
Aber trotzdem — woher die Photographie der Flamme? Die Gesetze der Vererbung 
somatischer Eigenschaft durch das Keimplasma infolge psychischer Eindrücke sind noch in 
völliges Dunkel gehüllt. Daß unsere Hirnrinde eine Art photographische Kamera 
bildet, ist doch wohl se h r wahrschein 1 ich. Können wir doch einmal gesehene Bilder, 
Gegenstände, Personen jahrelang im Gedächtnis behalten und bei geschlossenen Augen 
uns das Gesehene ganz genau mit allen Nuancen hervorzaubern. Ja wir können sogar nach 
Jahren bei zeichnerischem Talent eine gesehene Landschaft, Bcrrgo, Sonnenaufgänge, Alpen¬ 
landschaft zu Papier bringen. Das ist ja eben, was den Künstler ausmacht; sein Seh¬ 
organ erfaßt die Farben und überliefert sie der Hirngedächtniskamera als — wollen wir 
sagen Negativ. Bei Bedarf projiziert der Künstler es auf die Leinwand als Positiv. 
Wenn eine Schwängere, deren Hirngefäße mit denen des Embryo eng im Kontakte, im 
Stoff- und Säftewechsel stehen, durch einen Gegenstand, ein Ereignis — wie plötzliches 
Feuer — frappiert wird, so bleibt es an ihrer Hirnrindekamera haften und kann durch 
die Zerebralarterien den Arterien des Kindes überliefert werden, wodurch eben die ge¬ 
nannten Male oder das sog. „A T ersehen“ entstehen. 

Die Vorsicht, Schwangere häßliche, auffallende Fratzen, entstellte Ungetüme usw. 
möglichst meiden zu lassen, ist ganz vernünftig! AVissen wir doch, daß Frauen, welche 
mit Tieren, wie Hunden, Affen usw. in besonders häufigen Kontakt während ihrer Schwanger¬ 
schaft kamen, nicht selten abnorm gestaltete, tierähnliche Kinder gebären können. Wie 
gesagt, dies hängt von größerer oder minderer Empfänglichkeit der Hirnrinde der Mutter 
für das Gesehene ab. Oder kann “sich vielleicht jemand die Tatsache erklären, daß ge¬ 
schiedene Frauen in zweiter Ehe Kiuder manchmal zur AVelt bringen, welche auffallende 
Ähnlichkeit mit dem ersten Ehemann haben, wie dies auch trefflich der uralte Midrasch 
Tanchumah schon bemerkt ? 


Buchbesprechungen. 

1) Kemnitz, M. v.: Erotische Wiedergeburt. München 1919. Ernst Reinhardt. 

Von Dr. med. Anna Jungmann-Herrmann. 

Verfasserin versucht die Gesetze der Erotik, der vergeistigten Sexualität aus der Ent¬ 
wicklungsgeschichte abzuleiten. Sie kommt zu dem Resultat, daß diese in größtem Wider¬ 
spruch zu den herrschenden Vorstellungen über die Sexualität steht und gibt neue 
moralische Richtlinien. 


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Buchbesprechungeh. 


77 


Die sogenannte Frigidität der Frau ist eine Irrlehre, die durch die Stammesgeschichte 
-widerlegt werden kann. 

Während wir bei den Fischen und Amphibien noch eine äußere Befruchtung finden, 
woraus sich ein Nacheinander des sexuellen Lustgefühls und eine Abhängigkeit des 
Männchens vom Weibchen ergibt, kommt es bei den höheren Wirbeltieren im Interesse 
der Brut zur inneren Befruchtung, und damit wird die gänzliche Unabhängigkeit des 
Weibchens beeinträchtigt. 

Durch Verschmelzung der beiden Müllerechen Gänge entsteht auf einer noch höheren 
Entwicklungsstufe ein neuer Fruchthalter, die Gebärmutter. Ein neuer Ausführungsgang 
wurde nicht geschaffen. Der schon vorhandene, die Scheide, hat nun eine recht wider¬ 
spruchsvolle doppelte Aufgabe, nämlich das männliche Begattungsorgan resp. die männliche 
Samenzelle aufzunehmen, andererseits den Austritt der vollentwickelten Frucht zu ermög¬ 
lichen. Diese Umformung, die eben keine Neuformung ist, bewirkt die sogenannte Frigidität: 
die Frauen erleben bei der Sexualgemeinschaft keine sexuelle Beglückung. Bei dem 
Geburtsvorgang kommt es zu-r Überdehnung der Scheide, es können also die ungeheuer 
empfindlichen Krauseschen Endkörperchen des Nervus pudendus, die Erreger des Orgasmus, 
im Geburtskanal nicht ihrem Zweck entsprechen. Tatsächlich wurde die Scheide 
iin Verlauf der Entwicklungsgeschichte immer unempfindlicher, die bulbi vestibuli blieben 
in der Entwicklung zurück, und das weibliche Begattungsorgan, die Klitoris, mit den 
Krauseschen Endkörperchen wurde immer kleiner und rückte ventralwärts. Dadurch, daß 
die Reste früherer Entwicklungsstufen nicht sofort abgeschüttelt werden konnten, kommt 
es zu der Empfindungslosigkeit bei der sexuellen Gemeinschaft, die demnach also keine 
Krankheit bedeutet, auch mit Kälte nichts zu tun hat, sondern eine Folge der doppelten 
Funktion der Scheide und der wachsenden Geburtssehwierigkeiten ist. Dieser Konflikt 
4er doppelten Sexualaufgabe ist der Wissenschaft bis jetzt entgangen. Zur Vollentfaltung 
der Persönlichkeit gehört aber auch beim Weibe ein natürliches Sexualleben mit Orgasmus. 
Die Periodizität der weiblichen Sexualerregung (kurz vor und nach der Eireife) muß 
die Richtschnur des Geschlechtsverkehrs werden. Die Liebeswerbungen des Mannes mit 
der damit verbundenen Entwicklung der erogenen Hautzonen erleichtern die Auslösung 
der sexuellen Beglückung der Freu, die nur dann gesichert ist, wenn sie vor der des 
Mannes eintritt. 

Die neue Moral, die Vergeistigung der Sexualität, fordert Ehrfurcht vor den natür¬ 
lichen Gesetzen der Erotik. Die innere Befreiung des weiblichen Geschlechtes von willen¬ 
loser Unterordnung ist der wichtigste Grundsatz. Ein erhöhtes Verantwortungsgefühl muß 
besondere der männlichen Jugend anerzogen werden, da die Art der ersten Erlebnisse 
der sexuellen Beglückung in hohem Grade bestimmend für das ganze Sexualleben ist. 
Hat der Sexualtrieb Zeit gehabt, sich zu vergeistigen, so kann er zu den höchsten Formen 
der Erotik emporeteigen, die naturnotsvendig zur Monogamie führen. W r ir finden dann 
eine hohe Abhängigkeit von den sittlichen Werten, durch die viele andere Einflüsse ver¬ 
blassen. Der männliche Entwicklungstypus (im Gegensatz zum weiblichen) mit seiner 
Frühentwicklung der orgastischen Fähigkeit und des Begattungstriebes und seiner relativen 
Spätentwicklung des vergeistigten Sexualtriebes erklärt die Seltenheit dieser Art der 
Erotik, die aber für die Zukunft das erstrebenswerte Ziel ist. 

Das Buch, das von weiblicher ärztlicher Seite den Unterschied der Geschlechter 
bezüglich ihrer Sexualität mit besonderer Hervorhebung der Gesetzmäßigkeit der Frauen¬ 
liebe behandelt, ist infolge Widerlegung vieler allgemein gültiger Irrlehren eine befreiende 
Tat, die eine höhere Entwicklung des Sexuallebens und damit Glück und Gesundheit für 
die kommenden Generationen erhoffen läßt. 

2) Placzek, Dr. med.: Das Geschlechtsleben der Hysterischen. Eine medizinische, 
soziologische und forensische Studie. Bonn 1919. A. Marcus k E. Webers Verlag. 
262 S. 15 Mk. 

Von Dr. Karl Birnbaum. 

Das Buch bemüht sich um die Klärung von Erscheinungen, deren praktische Be¬ 
deutung; ebenso unzweifelhaft feststeht, wie ihre wissenschaftliche Stellung umstritten 
ist. Es greift weit aus und zieht daher auch mancherlei heran, was nur zur Hysterie im 
allgemeinen, weniger zu ihrer sexuellen Komponente Beziehungen aufweist. Ausgehend 
von den Wandlungen in den allgemeinen Anschauungen über das Wesen der Hysterie, 
behandelt es eingehender die Theorien über ihre sexuellen Wurzeln, wobei besonders 
der heuristische Wert der Freudschen Auffassung unter Zurückweisung ihres einseitigen 
sexual-ätiologischen Standpunktes anerkannt wird. Der Hauptteil, der die Tatsachen des 

Ö lech blichen Empfindens und der geschlechtlichen' Betätigung der Hysterischen bringt, 
äftigt sich, wie naheliegend, vorwiegend mit der hysterischen Frau und sucht aie 


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78 Buchbesprechungen. 


sexuellen Bestandteile an den verschiedensten hysterischen Erscheinungsformen des 
weiblichen Seelenlebens nachzuweisen und herauszuheben. Die Pseudologia phantastica 
mit ihren vielgestaltigen erotischen Einschlägen und sexuell determinierten Betätigungs¬ 
weisen, die anonymen Briefe und die Falschdenunziationen auf geschlechtlicheta Unter¬ 
gründe, der Stehl- und Brandstiftungstrieb in seinen pathologischen Assoziationen mit 
dem Sexualtrieb, die abnormen Verknüpfungen der phobischen Erscheinungen mit dem 
Sexualleben — diese und viele andre mehr oder weniger verhüllte, mehr oder weniger 
fremdartig eingekleidete Äußerungen des hysterischen Geschlechtslebens werden ge¬ 
kennzeichnet. Ein weiterer kulturhistorischer Teil wirft einen Rückblick auf den Hexen¬ 
wahn in seinen engen Beziehungen zutn hysteropathisch-sexuellen Geschehen. Die an¬ 
schließende soziologische Betrachtung würdigt vorwiegend das Geschlechtsleben der 
Hysterischen in seiner Bedeutung für die Erziehung und die Ehe und prüft die schwer¬ 
wiegende eugenische Frage. Praktisch bedeutsame forensische Probleme — strafrecht¬ 
liche, zivilrechtliche — unter diesen besonders die eherechtlichen —, weiter die Frage 
der Bewertung der Hysterischen als Zeugen, als Ankläger schließen das Buch ab. 

Die lebendige Darstellung zieht allenthalben mannigfache eigne Erfahrungen Jieran 
und verwertet in weitem Umfange die Literatur. Dieses letztere Moment, das fremden 
Autoren weitgehend das Wort überläßt, schädigt in gewissem Sinne das Werk, insofern 
eg eine prägnante Zusamtnendrängung des Stoffes verhindert und den persönlichein 
Standpunkt des Verfassers nicht immer genügend scharf herausarbeiten und hervor¬ 
treten läßt. Bezüglich dessen Stellungnahme ist im übrigen zu sagen, daß er bei aller 
sonstigen Zurückhaltung doch gelegentlich mit der Annahme einer sexuellen Determinierung, 
einer Ersatzhandlung für sexuelle Betätigung, der Verursachung eines banalen Delikts durch 
„sexuelle Stauungen“ u. dgl. weiter geht, als sich wissenschaftlich beweisen läßt. Auch läßt 
sich Dicht verkennen, daß eigentlich eine einseitige Materialauslese vorliegt, insofern Verf. im 
wesentlichen doch eben Hysterische mit stärker betontem sexuellen Triebleben, so insbesondere 
die schwer degenerativen Typen, seiner Bearbeitung zugrunde gelegt und nicht einfach alle 
Hysterischen ohne Unterschied gleichmäßig herangezogen hat. So hätte beispielsweise die un¬ 
glaublich große Zahl der hysterischen männlichen Gewohnheitsverbrecher, die ganz unberück¬ 
sichtigt geblieben sind, ihm mancherlei ausgleichende Aufklärungen über die Frage: 
Sexualität und Hysterie liefern können. 

Kann so der psychiatrische Fachmann in dem Werke nicht eine Lösung des 
umfassenden wissenschaftlichen Problrtnenkomplexes sehen, so werden dafür alle die 
andern Kreise, für die das Buch bestimmt ist. in ihm mancherlei Anregung und Be¬ 
lehrung finden. 

3) Bezirksrichter Dr. Eduard Ritter von Liszt, Dozent dos Strafrechts an der 

Universität Graz: Die vorsätzlichen Tötungen. Eine icriminalpolifische Studie. 

XXVII u. 256 S. Wien 1919. Druck und Verlag der Österreichischen Staatsdruckerei. 

Von Landgerichtsrat Dr. jur. et phil. Bovensiepen. 

Eduard v. Liszt besitzt die glückliche Gabe, in seinen Werken echte wissenschaft¬ 
liche Tiefe und Gründlichkeit mit einer außerordentlichen Klarheit und Gefälligkeit der 
Schreibweise zu verbinden. Dieser bei Männern der Wissenschaft leider selbst heute noch 
seltenen Verbindung verdanken seine bisher erschienenen großen Werke, insbesondere 
„Die kriminelle Fruchtabtreibung“ und „Die Pflichten des außerehelichen Konkumbenten“* 
ihre weite Verbreitung auch in nichtzünftigen Kreisen. Auch das uns jetzt zur Be¬ 
urteilung vorliegende ungemein gehaltvolle Werk wird nicht nur der Fachmann, der 
Jurist, sondern auch der Mediziner und jeder wissenschaftlich Gebildete überhaupt mit 
großem Gewinn lesen können. Im Gegensatz zu seiner „Kriminellen Fruchtabtreibung“ 
verzichtet der Verfasser dieses Mal auf eine breite rechtsvergleichende Darstellung, 
immerhin sind es eine ganze stattliche Reihe von Rechten, die er seinen höchst anregenden 
und dabei in die Tiefe schürfenden Darstellungen zugrunde legt: Österreichisches T 
ungarisches und reichsdeutsches geltendes Strafrecht nicht nur, sondern auch das türkische, 
bulgarische, bosnisch-herzegowinische, schweizerische und vielfach auch französische 
Strafrecht werden berücksichtigt. Daneben werden im weitesten Umfang die verschiedenen 
österreichischen, deutschen und schweizerischen Strafgesetzentwürfe berücksichtigt. 

Erschöpfend behandelt der Verfasser alle wichtigen kriminalpolitischen Probleme, 
die irgendwie mit Mord und Totschlag im Zusammenhänge stehen, nur das ist dem Refe¬ 
renten aufgefallen, daß das leider gerade heute im Vordergrund des allgemeinen Inter¬ 
esses stehende Attentat, der politische Mord, keinerlei Erwähnung gefunden hat Von 
dieser bedauerlichen Lücke abgesehen ist aber die Darstellung durchaus erschöpfend. 
Über den gesamten äußerst reichhaltigen Inhalt des umfangreichen Werkes kritisch zu. 


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Buchbesprechungen. 


79 


referieren, ist hier nicht der Ort, es muß genügen, auf einzelne für den Leser dieser 
Zeitschrift besonders wichtige und interessante Fragen etwas näher einzugehen. Bei der 
Behandlung des „Totschlags wegen Ehebruchs“ (2. Teil, 1. Abteilung, 2. Kapitel, §§ 26/27, 
S. 74f.) vertritt v. Liszt de lege ferenda den Standpunkt, daß die Bestrafung des Ehe¬ 
mannes, der seine Frau beim Ehebruch ertappt hat, milder ausfallen müsse als diejenige 
der Ehefrau, die ihren Ehemann beim Ehebruch betroffen habe. Eine beide Ehegatten 
gleichstellende Auffassung würde „völlige Verkennung der grundlegenden Verschieden¬ 
heiten bedeuten“. Denn ein von dom Ehemann begangener Ehebruch könne niemals 
dessen Frau in Zweifel darüber versetzen, ob das von ihr später geborene Kind auch ihr 
eigenes Kind sei. Ganz anders dagegen beim Ehebruch der Frau, der die Vaterschaft 
über ihr später geborenes Kind völlig ungewiß mache und eine perturbatio sanguinis be¬ 
wirke. Dazu trete noch die sog. „Infektion des Keimes“. Wenn aus dieser gewiß un¬ 
umstößlichen Tatsache v. Liszt aber nun ohne weiteres den Schluß zieht, daß der Ehe¬ 
bruch der Gattin „eine ungleich schwerere Verirrung und deshalb auch verwerflicher sei 
als jener des Gatten“, so wird diese Beurteilung denn doch den Geboten der Ethik in 
keiner Weise gerecht. Sie proklamiert deutlich eine doppelte Moral für das männliche 
und weibliche Geschlecht; dem Ideal der Ehe: eine völlige gegenseitige freiwillige Hingabe 
der ganzen Persönlichkeit zu sein, wird sie nicht entfernt gerecht, ja erniedrigt dieses 
sogar! Unseren fortgeschrittenen ethischen und kulturellen Anschauungen über die restlose 
Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts mit dem männlichen, die in dem lapidaren 
Satz des Abs. 2 Art. 109 der ileuen deutschen Reichsverfassung vom 11. August 1919 
„Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten“ 
ihren weithin leuchtenden Niederschlag gefunden haben, will eine derartige Lehre als 
schlechthin unerträglich und vorsintflutlich erscheinen! An ihre Verwirklichung durch 
den Gesetzgeber ist heute weniger denn je zu denken. Türkischem und französischem 
Rechtsbewußtsein mag die verschiedenartige Strafwürdigkeit von Mann und Frau bei der 
Bestrafung des Totschlags wegen Ehebruchs entsprechen, das deutsche fordert völlige 
Gleichstellung der Geschlechter auch hier. Außerordentlich ausführlich behandelt das 
1. Kapitel der 2. Abteilung „Mord“ de lege lata wie de lege ferenda alle Fälle der Kindes¬ 
tötung (S. 110—155). Ganz ausgezeichnet legt hier der Verfasser die zahlreichen Gründe 
dar, insbesondere den eigenartigen physiologischen Zustand der Gebärenden und ihren 
Ehrennotstand, die gebieterisch für ihre mildere Bestrafung sprechen. „Es ist einleuchtend, 
daß infolge dieser Lage der Kindsmutter uuter Einwirkung ihres abnormalen Zustandes 
alle widrigen Einflüsse für die Betroffene förmlich ins Ungemessene an Wucht gewinnen. 
Die Angst vor der drohenden Notlago oder doch vor argen wirtschaftlichen Schwierig¬ 
keiten, die Sorge vor Kummer und Zorn der Eltern, vor Verachtung seitens der Mitwelt, 
vor der Veränderung der sozialen Stellung, eventuell auch die Sorge um die Zukunft 
des Kindes wachsen in unheimliche Dimensionen; ihr bestimmender Einfluß wird über¬ 
mächtig“ (S. 142). Mit vollem Recht tritt v. Liszt dafür ein. daß die mildere Bestrafung 
des Kindesmordes nicht nur der unehelichen Mutter — wie leider bisher in Deutschland 
nach § 217 des Reichsstrafgesetzbuches —, sondern auch der ehelichen Mutter zugute 
kommen müsse. Denn einmal besteht der abnormale physiologische Zustaüd bei der 
ehelich Gebärenden genau so wie bei der unehelichen. „Anderseits kann zweifellos im 
einzelnen Falle der armen Ehefrau oder Witwe, die bereits mehr als zu viele Kinder zu 
betreuen hat, das Gespenst der Not noch viel dräuender erscheinen als der unehelichen 
Mutter das der Schande“ (S. 143). Es ist in der Tat durchaus unerträglich, daß das heutige 
deutsche Strafrecht die eheliche Mutter, die ihr eheliches Kind in oder gleich nach der 
Geburt vorsätzlich und mit Überlegung tötet, ausschließlich mit dem Tode w'egen Mordes 
bestraft. Wir müssen von dem neuen deutschen Strafgesetzbuch die völlige Gleichstellung 
der ehelichen Mutter mit der unehelichen verlangen! 

Von hohem allgemeinen Interesse sind auch die Ausführungen über Euthanasie 
im 2. Kapitel der 2. Abteilung (S. 154—191). Mit vollem Recht erklärt der Verfasser 
es geradezu für die moralische Pflicht des Arztes, die Euthanasie dem hoffnungslos 
schwer Kranken zur Abkürzung seiner zwecklosen Qualen zu gewähren. „Nicht um Er¬ 
haltung des Lebens, sondern nur um seine zwecklose, aber qualvolle Hinrichtung durch 
kurze Zeit ist es hier zu tun . . . Seine Pflicht kann nichts Zweckloses und Sinnwidriges 
von ihm verlangen“ (S. 187). Die Tötung auf das ausdrückliche und ernstliche Verlangen 
müsse bei „besonders berücksichtigenswerten Fällen“ ganz straflos bleiben (S. 176), so 
namentlich bei Ausspruch der Statthaftigkeit üurch den behandelnden Arzt. Genehmigung 
durch das Gericht hält v. Liszt nicht für erforderlich. Die Sachkunde besitze ja doch 
lediglich der Arzt, auch verlängere die Einholung der Genehmigung des Gerichts oft nur 
die nutzlosen Qualen des hoffnungslos Leidenden. 

Nicht zuzustimmen vermögen wir der Ansicht des Verfassers, d<m Verwandten- 
und Gattenmord (S. 223—227) nur dann verschärfend zu qualifizieren, wenn „Mißachtung 


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sh Buchbesprechungen- 

einer Dankc**ehu!d oder Mißbrauch eines Vertrauensverhältm>s*>- gegeben sei. Bei 
nahen Verwandten und Ehegatten liegt in der Begehung ein**- Mordes oder des Totschlag" 
fast stets eine be-onders verwerfliche gemeine «»der rtntmoraliM:he und auch antisoziale 
Besinnung. 

Aber dinr-e Au**t*dlangen und Bedenken vermögen den Referenten nicht im mindesten 
von -einem Ge*amtnrteil abzubringen, daß wir e> hier mit einer ganz ausgezeichneten 
wissenschaftlichen Lei-tung zu tun haben, die anregend und balinbrechend in sehr vielen 
Bez’evingcn auf den G»*setzg**U*r einwirken wird. 

4 Kisch. Franz: Menschenzucht. Ein Merkbuch für die Reifen beiderlei Oeschlechr-. 
Bonn 11*20. A. Marcus & E. Weber* Verlag. Kart, mit Teuerungszuschlag 8.40 Mk 
Von Dr. Kurt F i n k e n r a t h. 

Die au* dein Titel ..Menschenzucht** sich herleitende Befürchtung, daß es sich in 
der Schrift um platte, phantastische, menschliche Zuchtpläne handeln kenne, erweist sich 
als unbegründet, ln gewählter Sprache und in einer für den Gebildeten allgemein- 
verständlichen Form werden vielmehr alle jene Fragen, die beim Walten der Liebe, bei 
Fortpflanzung und ehelicher Gemeinschaft für Frau und Mann und für die zukünftigem 
Geschlechter von so ungeheurer Bedeutung sind, besprochen. Ein Arzt erörtert von der 
Warte gediegenen Wissens da* rein ge*undheitl ich e.rassen veredelnde, sowie das sittliche 
Problem in vornehmer Offenheit. Ehrfurcht vor dem Überlieferten, gebotener Beanstandung 
bestehender Mißbräuche und anerkennenswerter Ablehnung der allzuvielen neuen, un- 
erprobten Reformen. Was den ..Reifen beiderlei Geschlecht*“ hier mit auf den gemein¬ 
samen Lebensweg gegeben wird, ist Wertvolles, Anerkanntes, kurz da* einwandfreie Schlu߬ 
ergebnis des augenblicklicüen Wissens hierüber. Somit ist alle* brauchbar und durchführbar. 
Für den Fachmann bietet die Schrift nichts Neues, sie hält sich an die Forderung der 
abendländischen Eheform und arbeitet an ihrer Vertiefung. Bemerkensweit ist noch der 
gute Druck und die in unserer Zeit lobenswerte Ausstattung des Büchleins. 

5) K rische. Paul u. Maria: Vom werdenden Leben. Wie es Kindern und Jugend¬ 
lichen zu erklären ist. 1920. A. Hoffmann. 30 S. 2.50 Mk. 

Von I)r. Kurt F i n k e n r at h. 

Die kleine Schrift verkennt in ihrer dünkelhaften Vorrede gänzlich, was seit Jahr¬ 
zehnten ernsthaft von Eltern und Erziehern in der geschlechtlichen Erziehung der Jugend 
gedacht und gewollt worden ist. Die liier aber auf 20 Seiten mit naturwissenschaftliche; 
Schönfärberei gegebene Aufklärung ist weder in Form noch Inhalt neu und überragt den 
bisherigen Durchschnitt nicht. Falsch erscheint mir die Einstellung vom Erwachsenen, 
dem Kinde mehr zu >agen, als es fragt. Die Ausfälle gegen das Christentum sind be¬ 
dauerlich flach, ebenso wie die Begründung der neuen Ethik; bedenklich ist die Aufhebung 
der Moralforderung jenseits de* 25. Jahres. Der Grenzen der Aufklärung wird in keiner 
Weise Erwähnung getau. — Ausstattung und Druck sind äußerst mangelhaft. 

0) Schultze, Oskar: Das Weib in anthropologischer und sozialer Betrachtung. 

2. Aufl. Leipzig 1920. Curt Kabitzsch. 64 S. 5 Mk. 

Von Dr. Max Marcusc. 

Die Schrift enthält die drei Vorträge aus der 1. Aufl. fast unverändert und bringt 
als Zuwachs nur eine kurze Darstellung der sozialen Pflichten des Weibes, wie sie dem 
Anthropologen erscheinen. Diese vielfach rein persönlichen Empfindungen entstammenden 
und wesentlich auf Wirkungen auf das Gemüt hinzielenden Bewertungen, Ermahnungen 
und Wunschäußerungen sind jedoch der wissenschaftlichen Bedeutung der Schrift m. E 
nicht zuträglich. — Die Frage, ob die anthropologische Betrachtung des Problems, also 
die vergleichende Anatomie und Physiologie der männlichen und der weiblichen Körper¬ 
lichkeit, überhaupt dem erstrebten Ziele entscheidend entgegenführe, soll hier nur gestellt 
nicht erörtert werden. 


Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Marense in Berlin. 
A. Marens t B. Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn. 
Druck : Otto Wigand’sehe Bachdroekerei G. m. b. U. in Leipzig. 


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Horch 


82 


baren Handlungen nicht krankhaft ist und die Intensität eines Motivs an und für sich 
nicht in Betracht kommen kann. 

Gleichwohl sollte in solchen Fällen in Erwägung gezogen werden, ob noch Empfäng¬ 
lichkeit für moralische Gegenmotive vorhanden oder ob diese ausgeschaltet waren, was 
eine Störung des psychischen Gleichgewichts bedeutet. 

Zweifelsohne wird in solchen Fällen eine Art erworbener Schwäche hervorgerufeu. 
welche die Zurechnungsfähigkeit beeinflußt. Immer sollte geschlechtliche Hörigkeit bei 
angestifteten Delikten als Milderungsgrund der Strafe Berücksichtigung finden.“ 

Audi Prof. Na ecke behandelt im „Archiv für Kriminologie“ 
Bd. 34, S. 345 ff. die geschlechtliche Hörigkeit und kommt zu der 
Ansicht: 

„Bei nicht wenigen Verbrechen ist die Triebfeder in letzter Instanz in einem 
Hörigkeitsverhältnis zu suchen. Datier ist letzteres forensisch sehr wichtig, und wenn 
ein solches festgcstellt wird, hat auch der Psychiater mitzureden, da der passive Teil 
wohl stets mehr oder minder abnorm ist.*' 

Wenn er weiter sich dahin ausspricht, daß das in der Geschichte 
so unheilvoll klingende Wort: „Oü est la femine?“ nur ein anderer 
Ausdruck für die Hörigkeit sei, so findet diese Frage auch in dem 
vorliegenden furchtbaren Fall ihre volle Bestätigung. 

J. O. wird von allen Seiten als ein ruhiger, besonnener Manu ge¬ 
schildert; in verschiedenen Stellungen, die er bekleidet hat — acht 
Jahre war er Laufbursche im Mainzer Anzeiger —, wird ihm ein 
gutes Zeugnis ausgestellt. Seine Eltern sind geachtete unbescholtene 
Leute; sein Vater ist über 40 Jalird in dem obengenannten Mainzer 
Zeitnngsunternelimen tätig. Gegen den dringenden Rat seiner 
Eltern, die vorhersagten, daß die Sache schlecht ausgeheu werde, 
heiratete er im Jahre 1903 seine jetzige Ehefrau, die aus einer mora¬ 
lisch herabgekommenen Familie stammt. Die Mutter der O. hatte, 
nachdem sie von ihrem Ehemann geschieden war, noch zwei unehe¬ 
lichen Kindern das Lehen gegeben, deren eines die Ehefrau O. ist. 
Dcy Stiefbruder der O. wurde 1912 wegen Blutschande, begangen an 
?,iner 16jährigen Tochter, zu 1 */« Jahren Zuchthaus und 5 Jahren 
Ehrverlust ‘ verurteilt. Wie die O. ihrem Manne mitteilte, hatte sie 
als 12jäliriges Mädchen mit diesem Bruder Geschlechtsverkehr ge¬ 
habt. Schon vor der Ehe hatte die O. aus dem außerehelicheu Ver¬ 
kehr, mit ihrem Manne diesem zwei Kinder geboren, während der 
Ehe noch weitere drei Kinder. Von diesen sind zwei gestorben. Die 
aus dem außerehelichen Verkehr stammende Helene war das eine, 
der älteste.Sohn Hermann aus der Ehe das zweite Mordopfer, wäh¬ 
rend das einzig überlebende Kind, die 6jährige Tochter Johanna ist, 
die auf ihr flehentliches Bitten vom Vater in der Mordnaeht ver¬ 
sippt worden ist. War schon die Verheiratung mit seiner Frau für 
O. der erste Schritt zum Verderben, so wurde das Verhängnis dadurch 
verschärft, daß im Jahre 1909 O. die Erlaubnis zum Betriebe einer 
Schankwirtschaft erhielt. Die Messalineunatur, die in der Frau ent¬ 
halten war, fand in der Ungebundenheit des Lehens in einer Wirt¬ 
schaft immer neue Betätigung. Bereits eiu Jahr nach Eröffnung der 
Wirtschaft — April *1910 — lief hei der Polizei eine Anzeige über 
den schamlosen Verkehr der Ehefrau mit Gästen ein. Im Oktober 
1910 wurde in einer weiteren Anzeige Beschwerde darüber geführt, 
daß die Ehefrau sich „in Gegenwart ihres 8jährig(>ii Kindes von ihren 


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Ein Fall sexueller Hörigkeit. 


83 


Liebhabern küssen und knutschen lasse“ und daß sich das Kind „über 
das Verhalten seiner Mutter ärgere“. Sie selbst hat einer Zeugin 
gegenüber in nicht wiederzugebenden schamlosen Redensarten erzählt, 
daß sie mit einem gewissen K. öfter den Beischlaf ausgeübt habe. So 
kam es zu Zank und Streit zwischen den Eheleuten, und die Ehefrau 
verließ wiederholt tagelang, einmal sogar während einiger Wochen 
den Mann, nachdem er sie wegen ihres unsittlichen Verhaltens mi߬ 
handelt hatte. Anfangs 1914 entspann sich dann zwischen der 0. und 
einem gewissen S. ein dauerndes ehebrecherisches Verhältnis, das 
als eigentliche Ursache der späteren grausigen Tat anzusehen ist. 
S. war ein verheirateter Mann mit 7 Kindern. Dies hielt ihn nicht 
ab, mit der O. fortgesetzt geschlechtlich zu verkehren. Der Ehemann 
O., der Ende 1915 ins Feld rücken mußte, überraschte während eines 
Urlaubs im Herbst 1917, indem er sich in einem Nebenzimmer ver¬ 
steckte, seine Frau mit dem S. in ehebrecherischem Verkehr. Es kam 
zu einer erregten Auseinandersetzung, wobei die Frau des 0. gestand, 
seit einem halben Jahre Geschlechtsverkehr mit S. zu haben und ver¬ 
sprach, diesen in Zukunft zu unterlassen. Es erfolgte eine Aussöh¬ 
nung sowohl mit der Frau, als bezeichnenderweise auch mit S. Ende 
November 1918 kehrte O. aus dem Felde zurück. Er mußte wahr¬ 
nehmen, daß der ehebrecherische Verkehr seiner Frau mit S. trotz, des 
gegebenen Versprechens fortgedauert hatte. Er bemerkte aber-auch, 
wie er dem Gerichtsarzt gegenüber erklärte, daß seine Frau immer 
kälter gegen ihn werde, während er in seiner Abwesenheit eine 
immer größere Zuneigung und Sehnsucht zu ihr 
gefaßt habe. Nun geschah etwas Unglaubliches. Am Heiligen Abend 
1918 gestattete O., daß S. mit der Ehefrau O. in seiner, des O., Gegen¬ 
wart geschlechtlich verkehren dürfe. Es entwickelte sich in der Folge 
ein Verhältnis zu Dreien, wie es abscheulicher und widernatürlicher 
wohl kaum vorgekommen sein dürfte. Die ganze Familie schlief au» 
Mangel an Raum in einem Zimmer, die Frau in einem Bett, in dem 
auch das 6jährige Mädchen schlief, der älteste Sohn von 14 Jah¬ 
ren schlief mit dem Vater in dem zweiten Bett, die damals 16jährige 
Tochter auf der Chaiselongue vor dem Bett. In Gegenwart des O. und 
der Kinder fand nicht bloß der ehebrecherische Verkehr des S. mit 
der O. statt, sondern O. selbst gebrauchte die Frau wiederholt nach 
dem ehebrecherischen Verkehr in Gegenwart der gesamten Familie. 
Dabei spielten sich die widerlichsten Perversitäten ab. So behauptet 
S., daß ihm O. während des ehebrecherischen Verkehrs genitales .titi- 
lasse. S. und die O. behaupten, daß, nachdem S. mit der O. den Bei¬ 
schlaf ausgeübt habe, der Ehemann 0. lambe,ndo genitales uxoris 
semen ejacalatum alterius in os proprium siiscepisse. Ein andermal 
, habe 0. den Vorschlag gemacht, dum eoitus alterius per vaginam per- 
agitur, eodern tempore penem proprium in anuin uxoris immittere. S. 
behauptet sogar, daß ihn O. direkt zum Geschlechtsverkehr mit seiner 
Frau aufgefordert habe. Er habe, als sie in der Küche zusammen¬ 
saßen, seiner Frau die Röcke in die Höhe gehoben und ihn auf diese 
Art zum Geschlechtsverkehr angeregt. Mit welchen moralischen Be¬ 
griffen diese saubere Gesellschaft arbeitete, beweist der Umstand, daß 
die Ehefrau O., als ihr der Ehemann am Weihnachtsabend den ge¬ 
schlechtlichen Verkehr mit S. im Familienkreise gestattete, wörtlich 

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u 


Horch. 


erklärte: „Ein schöneres Christkindchen hättest du mir und dem 
Franz (S.) gar nicht machen können.“ 

Dieses schmutzige Verhältnis war auch nicht ohne Vorteil für O. 
und seine Frau. Er ließ sich bei gemeinschaftlichen Ausgängen von 
S. „regalieren“, mit einem Zigarrenetui, einem Messer u. dgl. 
beschenken, nahm öfters Zigarren von ihm, gestattete, daß er 
der O. Kleider anschaffte, und der Ankauf eines Spiegelschrankes, 
einer Chaiselongue, eines Vertikos und eines Klaviers wurde haupt¬ 
sächlich aus den Mitteln des S. bestritten. Als er auch für die Kosten 
eines Sprungrahmens für das Bett aufkam, in dem der Ehebruch 
stattzufinden pflegte, sagte 0. mit Bezug hierauf: „Ihr habt ihn 
ja . . ., dafür könnt ihr ihn ja auch bezahlen.“ Übrigens duzten sich 
O. und S. 

Nachdem O. den geschlechtlichen Verkehr mit seiner Frau dem 
S. freigegeben hatte, wurde sie ihm, wie O. sagt, wieder „einiger¬ 
maßen zugeneigt“. Sie habe ihm nun auch offen eingestanden, daß 
sie schon seit fünf Jahren mit S. in geschlechtlichem Verkehr stehe, 
daß sie im Frühjahr 1918 von ihm schwanger gewesen und 
dadurch, daß sie einen schweren Wäschekorb gehoben, den Abgang 
der Frucht bewirkt habe. Im Januar 1919 erklärte sie ihrem Mann, 
sie sei von S. abermals schwanger; sie habe nichts dagegen, wenn 
man die Schwangerschaft beseitige; es könne ihr aber dabei ans 
Leben gehen, weil sie schon bei dem letzten Abgang zwischen Tod 
und Leben geschwebt habe. „Ich war“, sagte O. in der Vorunter¬ 
suchung, „entschieden gegen das Vorhaben meiner Frau und ließ 
dies auch gegenüber S. klar und deutlich durchblicken. Auch dieser 
war der Meinung, daß nichts gegen das Kind unternommen werden 
dürfe, wie denn auch schließlich meine Frau der Ansicht wurde, daß 
man der Sache ihren Lauf lasse und die Niederkunft abwarten 
müsse.“ Eine Änderung in diesem bis dahin friedlichen Verhältnis 
trat mit dem Tod der Ehefrau S. ein, die mit Hinterlassung von 
sieben Kindern am 7. April 1919 verstarb. Mit diesem Zeitpunkt 
hebt eine Tragödie an, deren Opfer zwei gänzlich Unschuldige wer¬ 
den sollten. 

Als S. kurz nach dem Tode seiner Frau wieder einmal bei O. 
nächtigen und das gemeinschaftliche Schlafzimmer aufsuchen wollte, 
wurde er zum ersten Male von O. zurückgewiesen mit dem Bemerken: 
das gebe es in seiner Anwesenheit nicht mehr. Als S. erstaunt frug, 
warum er denn auf einmal Einwendungen erhebe, wiederholte O., in 
seinem Beisein gestatte er es nicht mehr, S. und die 0. „hätten ja am 
Tag genug Zeit dazu, wenn er nicht da sei, abends müsse die Eva 
für ihn reserviert sein“. S. erklärte bei seiner Zeugenvernehmung 
weiter, er und die O. hätten auch demgemäß gehandelt und die Ab- . 
Wesenheit O.s zum Geschlechtsverkehr benutzt. 0. habe zweifellos 
davon gewußt. Nachdem der Ehemann den geschlechtlichen Ver¬ 
kehr mit S. in seinem Beisein verboten hatte, wurde das Verhältnis, 
wie 0. sagte, „ein unerträgliches“. Aus den geringsten Anlässen 
habe seine Frau ihn mit den gröbsten Schimpfworten überhäuft, 
wobei, wie aus einem nach der Mordtat geschriebenen und später zu 
erwähnenden Brief hervorgeht, die zutreffenden Ausdrücke „Louis“ 
und „V . . . lecker“ ihn besonders erregt zu haben scheinen. 


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Ein Fall sexueller Hörigkeit. 


85 


In den letzten Tagen vor der Ausführung der Mordtat gab es 
zwischen den Eheleuten fortgesetzt Zank und Streit. Die Ehefrau 
O. ging abends mit ihrem Liebhaber weg und kehrte spät mit ihm 
zurück. Am 7. Mai kam sie erst nach ’/s 11 Uhr nachts zurück. Als 
die Frau sich schlafen gelegt hatte, überfiel sie 0. und schrie ihr, 
nachdem er sie mit Schlägen geweckt hatte, die Worte zu: „Du 
kannst nach alledem noch ruhig schlafen!“ Er würgte sie derartig 
äm Hals, daß noch am anderen Tage der Gerichtsarzt, den sie zur 
Konstatierung der Mißhandlung aufgesucht hatte, die Würgmale 
und die Fingereindrücke wahrnehmen konnte. Die O. behauptet, 
daß er auch in der anderen Hand ein offenes Messer gehabt und 
dabei geäußert habe: „Heute wird noch der Schlußakt gemacht, an 
den 6. Mai denkst du ewig.“ Auch versuchte er sie mit dem Deck¬ 
bett zu ersticken. Es gelang der 0: aber, mit den Füßen auf den 
Boden zu gelangen und so Halt zu gewinnen. Durch die erwachten 
Kinder wurde der O. von weiteren Mißhandlungen zurückgehalten. 
Am 8. Mai entfernte sich die O. aus der ehelichen Wohnung unter 
Mitnahme einer Kassette,, worin sie ihre Schinucksachen, Spar¬ 
kassenbücher u. dgl. aufbewahrte, sowie ihrer Wäsche, und ver¬ 
brachte die Nacht, sowie die Mordnacht in einem Gasthaus in Ge¬ 
sellschaft des S. Am Mittag des 8. Mai kehrte sie vorübergehend 
nach Hause zurück, bereitete das Essen und nahm auf Zureden des 
Mannes selbst an dem Essen teil. Dieser ließ aus einem gegenüber¬ 
liegenden Geschäft eine Flasche Sekt und eine Flasche Rotwein 
kommen, schenkte allen ein und rief ans: „Heute wird das Ab¬ 
schiedsmahl gefeiert.“ Nach dem Essen ging die Frau weg und 
kehrte nicht wieder in die eheliche Wohnung zurück. Ans dem Ver¬ 
nehmungsprotokoll des 0. seien bezüglich der Entschließungen zur 
Tat folgende Äußerungen angeführt: 

„Einige Zeit, bevor ich die Wirtschaft schloß, waren meine drei Kinder zu Bett 
gegangen. Ich überzeugte mich bald danach, ob sie auch wirklich zu Bett gegangen 
waren und fand, daß Hermann in seinem Bett fest schlief. Lenchen hatte sich in das Bett 
meiner Frau gelegt und die kleine Johanna zu sich genommen.' Ich zog mich dann von 
den Kindern wieder zurück und begab mich in das sogenannte Nebensälchen, wo ich auf 
der daselbst befindlichen Chaiselongue, ohne mich auszuziehen und ohne zu, schlafen, die 
ganze Nacht mich hinsetzte. Hierbei ging ich ab und zu gedankenschwer hin und her 
und malte mir in den schlimmsten Farben aus, was ausi der Zukunft und mir werden 
solle. Ich befürchtete einerseits, daß ich von meiner Frau und von S. alles zu erwarten 
habe, was mir nachteilig sein könne und daß, wenn ich etwas gegen meine Frau unter¬ 
nähme, ich Zuchthaus oder Gefängnis zu gewärtigen hätte, vor denen ich besonders Angst 
hatte. Andererseits erwog ich, ob ich es nicht einmal versuchen solle, ein erträgliches 
Einvernehmen mit meiner Frau herbeizuführen. Alte ich aber immer und immer wieder 
mir vorstellte, mit welchem Raffinement meine Frau mir gegenüber vorgegangen war und 
dabei ins Auge faßte, daß sie angesichts ihrer Charaktereigenschaften vor nichts zurück¬ 
schrecken werde, blieb der Gedankengang bei mir vorherrschend, daß es wohl das Beste 
sei, meine Kinder und dann mich aus der Welt zu schaffen. Ich überlegte dabei, welchen 
traurigen Verhältnissen meine Kinder entgegengehen würden, wenn ich allein aus der 
Welt scheiden würde. Sie würden meiner Ansicht nach bei S. und meiner Frau, bei den 
sieben Kindern, die S. hatte, und bei dem, achten, das meine Frau demnächst zur Welt 
bringt, nur schlechte Tage erleben und noch obendiein den Makel an sich tragen, einen 
Selbstmörder, zum Vater zu haben. Hierzu kamen noch Äußerungen meiner Frau, die 
tief auf mich einwirkten, so die, daß sic zu meinem Sohne Hermann gesagt hatte, er 
werde im Zuchthaus enden, und gegenüber unserer Tochter Lenchen, sio komme noch 
auf den Kapjtelhof (Bordell). Alles dies im Zusammenhang zeitigte in mir den Ent¬ 
schluß, noch itr dieser Nacht alle meine drei Kinder und zuletzt mich ums Leben zu 
bringen. Wiederholt, dutzendmal, ich könnte sagen hundertmal hatte ich die Schlaf- 


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Horch. 


ziuuner meiner Kinder (seit März schlief der Sohn Hermann in einem gesonderten nach¬ 
träglich gemieteten Zimmer) betreten, um meinen Willen in die Tat umzusetzen, allein 
immer und immer wieder schreckte ich vor der Ausführung derselben zurück, bis ich 
endlich am Freitag morgen (9. Mai) kurz nach 7 Uhr zur Ausführung der Tat schritt 
und zunächst meinen Sohn Hermann und dann meine Tochter Lenchen im Bett tötete. 

• Uber die Art und Weise, wie ich die Tötung herbeiführte, verweigere ich jede Auskunft. 
Die Einzelheiten zu schildern, wäre zu schrecklich, weil ich die Kinder zu gern habe. Ich 
kann und will nur das sagen, daß ich sie auf möglichst rasche und meiner Ansicht nach 
schmerzloseste Art tötete. Sie konnten sich auch in der Art und Weise, wie ich gegen 
sie verfuhr, überhaupt nicht zur Wehr setzen. Während der Tötung der Helene wurde 
die kleine Johanna, die im selben Bett schlief, wach, die mich inständig um ihr Leben 
bat. Es entsank mir hierauf der Mut, dem Kinde und mir ein Leid zuzufügen. So kam 
es, daß es bei der Tötung der beiden ältesten Kinder verblieb. Ich bin mir der Trag¬ 
weite dessen, was ich damit geta^n habe, vollauf bewußt und nehme die volle Verant-. " 
wortüng auf mich. Ich habe die Tat mit Vorsatz begangen und hielt sie für den ein¬ 
zigen Ausweg, aus der furchtbaren Lage, in der ich mich befand, herauszukommen. 1 * 

Nach der Tat schrieb er drei Briefe, worunter einer, der an die 
Frau gerichtet war, folgenden Inhalt hatte: 

„Mein so heiß und vielgeliebtes, süßes Evchen! Drei Flaschen Cliampagner und 
drei Flaschen Rotwein zur Hochzeitsfeier mit Deinem lieben Fränzchen. Mache Dir, 
süßes Herz, gleichzeitig bekannt, daß ich heute meine Rechnung beglichen habe, die Du 
mir vor fünf Jahren präsentiert hast und zwar in Gestalt, in dem Du mit einem ver¬ 
heirateten Mann mit sieben Kindern, dem tagtäglich noch eine andere Hure nachstellte, 
herumhurtest und mich schmählichst betrogst. Dann habe ich Dir weiter Deine Rech¬ 
nung beglichen, die Du mir erst kürzlich zukommen ließest in Gestalt von Louis (drei¬ 
mal unterstrichen) und F . . . lecker. Das Fränzchen wär schön dumm, wenn er einen 
gesattelten Gaul findet und würde ihn nicht reiten. Jetzt steht Dir niemand mehr im 
Weg und Du kannst mit Deinem süßen Fränzchen morgens, mittags und abends ungestört 
bocken, wenn Euch sonst niemand stört. Abschied haben wir ja getrunken und nun 
Glückauf. Dein Johann.“ 

Auf dem Umschlag dieses Briefes standen von O.s Hand noch 
folgende Worte: 

„Wenn man mit dem Feuer spielt, muß man sich auch vergegenwärtigen, daß man 
mit Feuer spielt. Hast Du denn heute Nacht gut geschlafen??? Ich habe schon drei 
Nächte nicht geschlafen!!!** 

Nach der Tat hatte 0. alles, was an S. erinnerte, sämtliche von 
diesem angeschafften Möbel, das Klavier, den Schrank usw. mit 
Salzsäure und Petroleum begossen. Er hatte dabei die Absicht, diese 
sämtlichen Gegenstände zu vernichten. „Ich hatte erst vorgehabt,“ 
sagte er in der Voruntersuchung, „alles, was mich an meine Frau 
und S. erinnerte, mit der Axt zu zertrümmern, bin aber des Lärms 
wegen, der dadurch hervorgerufen worden wäre, davon abge¬ 
kommen.“ 

Charakteristisch für die Persönlichkeit des Angeklagten ist ein 
Brief, den er am 12. Juni aus dem Gefängnis heraus an seine Frau 
geschrieben hatte. Er lautet: 

„Liebe Frau! Entschuldige meine Lässigkeit, die Deinen Geburtstag vergessen 
konnte. Doch bringe ich Dir noch nachträglich die herzlichsten Glückwünsche zu Deinem 
Wiegenfeste dar. Weiter drängt es mich, Dir einen wunderschönen Traum, der mir in 
der Pfingstsönntagnacht (8. Juni) träumte, zu erzählen: Hermann und Helene waren in 
der fraglichen Nacht lange bei mir. Sie saßen bei mir auf dem Bett und hatten vieles 
zu erzählen. Sie sagten, wo sie jetzt wären, hätten sie es viel schöner, als seither. Her¬ 
mann sagte, wenn er nächstens wieder zu mir käme, könnte er mich schon rasieren. 
(NB. Der Getötete war Lehrling bei einem Friseur.) Ich freute mich sehr darüber und 
versprach ihm, wenn es wahr wäre, eine schöne Uhr. Helene ihr erstes war, mir zu 
erzählen, sie könne jetzt mein Lieblingslied: „Seemannslos** perfekt spielen und be¬ 
dauerte nur, daß kein Klavier da wäre, auf daß eie mir es zeigen könnte. — Aber nicht 


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87 


Ein Fall sexueller Hörigkeit. 


nuii «las. Alles .ginge ihr flott von der Hand. Helene versprach ich, wenn es so wäre, 
wie sie sagte, ein Paar schöne weiße Schuhe. Helene sagte weiter, wenn Johanna ein 
Jahr älter ist, dann brauchst Du kein (leid für’s auszugeben, ich lerne es dann selbst 
Klavier. Viel zu lange hätten sie sieh bei mir aufgehalten und wenn sie wieder kämen, 
gingen sie erst zu Ihr und Johanna. Kocht viele (Iriiße und Küsse für Dich und Jo¬ 
hanna sollte ich ja nicht vergessen auszurichten. Auch alle Kekannten sollte ich bestens 
grüßen. Ich will schließen. Mit tausend Grüßen verbleibt Johann.“ 

Bezüglich des Geisteszustandes des 0- kam der Gutachter Medi¬ 
zinalrat Dr. Schaffer zu dem Ergebnis, daß O. nicht geisteskrank 
sei und daß bei ihm auch während der Tatzeit weder ein Zustand 
von Bewußtlosigkeit, noch von krankhaften Störungen der Geistes- 
tatigkeit vorhanden war, durch welche seine freie Willensbestim- 
mung ausgeschlossen erscheine. Für die hier in Frage kommenden 
sexuellen Beziehungen kommt das Gutachten zu folgenden Schlüssen: 

,,0b man das, was Frau 0. und S. übor die sexuellen Scheußlichkeiten des 0. aus¬ 
gesagt haben und. was 0. bestreitet, glaubt oder nicht, ist für die forensische Beurteilung 
*h*s O. gleichgültig, denn auch, bei den größten sexuellen Monstrositäten ist für die ge¬ 
richtlich psychiatrische Beurteilung lediglich die Gesamtpersönlidikeit des Täters ma߬ 
gebend und alle sexuellen. Verirrungen bekommen nur dann psychiatrische Bedeutung, 
wenn feststeht, daß sie Teilerscheinung eines allgemeinen psychischen Krankheitszustan¬ 
des sind. Ein solcher 1 liegt und lag bei 0. nicht vor.“ 

Dieser Auffassung des Gerichtsarztes kann zweifellos zuge¬ 
stimmt werden. Wenn Kraft-Ebing 1. c. die Ansicht ausepricht, daß 
die sexuelle Hörigkeit als mildernder Umstand aufgefaßt werden 
könne, so mnß andererseits hervorgehoben werden, daß, wenn trotz 
«ler ohne Zweifel als vorsätzlich und mit Überlegung zu charakteri¬ 
sierenden Tat die Geschworenen die Frage des Mordes verneint und 
nur die Frage des Totschlags bejaht hatten, sie allen Affektverhält¬ 
nissen, die der Tat zugrunde lagen, so weitestgehende Rechnung 
trugen, daß darüber hinaus die Zuerkennmig mildernder Umstände 
als. ein zweites Fehlurteil sich darstellt. Die gelinde Bestrafung 
des furchtbaren Verbrechens steht in einem schreienden Gegensatz 
zur Schwere der Tat. Aber abgesehen hiervon steht die sexuelle 
Hörigkeit, des O. meines Ermessens anßer Frage. Alle seine Ge¬ 
danken waren auf die Frau gerichtet. Sein sexuelles Begehren um¬ 
kreiste sie unaufhörlich. Alle guten Eigenschaften, die seine Dienst¬ 
geber an ilun übereinstimmend hervorlieben, wurden allmählich 
zermürbt unter dem dämonischen Einfluß der von dem Weihe aus¬ 
gehenden Sexualität. Um diese unwürdige Frau „geneigter“ zu 
machen, um sie au sich zu ketten, willigte er nach anfänglichein 
Widerstreben in das schmutzige Verhältnis zu Dreien und begeht 
jene „sexuellen Scheußlichkeiten“, von denen der Gerichtsarzt in 
seinem Gutachten spricht. Daß hei diesen Perversitäten,' insbeson- 
«lere dem eigentümlichen Verhalten gegenüber dem den Ehebruch 
ausübeuden S., eiue larvierte Homosexualität mitspielt, dürfte zum 
mindesten wahrscheinlich sein. Vielleicht daß der lange Aufent¬ 
halt des O. im Felde auf diese Seite seines Geschlechtslebens nicht 
ohne Einfluß geblieben war. Zu der furchtbaren verbrecherischen 
Handlung entschließt sich 0. erst daun, als ihm nach dem Tode der 
Frau S. seine eigene Frau zu entschwinden droht. Der Gedanke, 
daß sie von ihm fortgegängen, uncl nun im Alleinbesitz des S. sich 
befand, war ihm, wie er seihst sagte, unerträglich. So entstand in 


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Adolf Gereon. 


ihm der Gedanke, durch die Tötung der Kinder ein unüberwindliches 
Hindernis für die Verbindung des S. mit der O. zu schaffen. Daß 
auch eine schwere Gemütsdepression des 0. hierbei mitspielte, ist 
selbstverständlich. Aber ob der Gedanke, nach dem Tode der Kinder 
sich selbst zu töten, wirklich feste Gestalt bei ihm gewonnen hat, 
möchte ich nicht als zweifellos annehmen. Sein Verhalten nach der 
Tötung der Kinder, der oben angegebene Brief an seine Frau nach 
der Tat spricht eher gegen als für diese Absicht. Es scheint mir, 
als ob bei der Tötung der Kinder nur diese nächstliegende Tat in 
die Absicht des 0. aufgenommen wurde, daß aber alles andere nicht 
zum klaren Vorsatz gelangte. Wie wenig 0. mit seiner unseligen 
Tat auch nur in der Richtung Erfolg hatte, daß er die O. von S. 
fernhielt, beweist der Umstand, daß unmittelbar nach der Schwur¬ 
gerichtsverhandlung und der Verurteilung des 0. seine Frau die 
Scheidungsklage gegen ihn einleitete, um, wie mir deren Anwalt 
mitteilte, den S. heiraten zu können. Ein Anwalt ist für O. in dem 
Verfahren bisher nicht bestellt worden, und so werden ^voraussicht¬ 
lich über dem Grab der beiden getöteten Kinder, während der Vater 
im Gefängnis sitzt, der Ehebrecher und die Ehebrecherin das schmäh¬ 
liche Ehebündnis schließen. Fürwahr ein trübes Bild aus trüber 
Zeit! 


Die Menstruation, ihre Entstehung und Bedeutung. 

Von Adolf Gerson. 

(Schluß.) 

' IV. 

Ich möchte nun die beim Weibe auftretende Menstruationsblu¬ 
tung ebenfalls auf die in der Vorzeit erfolgten Erschütterungen des 
weiblichen Körpers zurückführen und sie als eine Entladung be¬ 
trachten, durch die der weibliche Organismus den Niederbruch auf¬ 
halten und verhüten will. Wenn das schwächliche Weib in der 
Urzeit in die Hände wilder Männer geriet und infolge der Mißhand¬ 
lung und Vergewaltigung zu erliegen drohte, da befreite sich der lei¬ 
dende Organismus von seinem Überschuß an Blut, um das mit Über¬ 
druck arbeitende Gefäßsystem zu entlasten, und die Ausscheidung 
erfolgte auf dem Wege über die in erster Reihe leidenden Ge¬ 
schlechtsorgane. Und weil Niederbruch und Entladung durch Jahr¬ 
tausende hindurch allmonatlich bei den Orgien der Vollmondnächte 
wiederkehrten, so wurde der Blutaustritt zu einer organischen Ein¬ 
richtung, die allmonatlich auch dann wiederkehrte, wenn zuvor 
kein Beischlaf und keine Mißhandlung des Körpers stattfand. 

Ebenso wie für die Menstruationsschmerzen in höheren ner¬ 
vösen Zentren eine materielle Grundlage vorhanden ist, die in der 
Vorzeit entstanden ist und von einer weiblichen Generation auf die 
andere vererbt wird, muß dann auch für die Menstruationsblutung 
in höheren nervösen Zentren eine materielle Grundlage vorhanden 
sein, die in der Vorzeit entstanden ist und von einer weiblichen Ge¬ 
neration auf die andre vererbt wird. Nehmen wir das Vorhanden- 


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Die Menstruation. ihre Entstehung and Bedeutung. 


sein einer solchen materiellen Grundlage an, so wäre ohne weiteres 
erklärlich die Tatsache, daß die Menstruationsblutung in starkem 
Umfange von den höheren nervösen Zentren beeinflußt wird. Es ist 
ja allgemein bekannt, daß der Eintritt der Menstruationsblutung 
durch Vorstellungen gewisser Art, durch Aufregungen, durch die 
Furcht, schwanger zu sein und sogar durch das dringende Verlan¬ 
gen nach dem Eintritt der Blutung aufgehalten werden kann, und 
daß umgekehrt eine aufgehaltene Blutung auf dem Wege der Sug¬ 
gestion und Hypnose zum Eintritt gebracht werden kann. Es ist 
also nicht ausgeschlossen, daß die Bedingungen für den Eintritt der 
Menstruationsblutung gar nicht dort zu suchen sind, wo man sie 
sucht, nämlich in den Geschlechtsorganen selber, son¬ 
dern in höheren nervösen Zentren, die mit den Geschlechtsorganen 
in der Vorzeit eine nervöse Verknüpfung erlangt haben. Um es 
kurz heraus zu sagen: Die Menstruationsblutung beruht nach meiner 
Ansicht auf einem in einem höheren nervösen Zentrum lagernden 
vasomotorischen Reflex, der in der Vorzeit bei den in den 
Vollmondnächten ausgefochtenen geschlechtlichen Kämpfen entstan¬ 
den ist. * 

Obwohl dieser vasomotorische Reflex erst beim menschlichen 
lJrweibe entstanden ist, so waren doch die Bedingungen seines Ent¬ 
stehens schon überall in der Tierwelt gegeben, und es bedurfte nur 
eines geringen äußeren Anlasses, um ihn entstehen zu lassen. Be¬ 
trachten wir einmal das Verhältnis des mütterlichen Organismus zu 
seiner Frucht. Die Pflanze baut Stamm, Blätter und Blüten aus sich 
heraus, und diese ihre Teile werden als Organe bezeichnet, weil sie 
zum Aufbau des ganzen Organismus beitragen. Der tierische Orga¬ 
nismus baut Knochen und Muskeln, Häute und Nerven, Augen und 
Ohren aus sich heraus, und diese seine Teile werden als Organe be¬ 
zeichnet, weil sie zum Aufbau des ganzen Organismus beitragen. 
Die pflanzliche und tierische Frucht aber ist kein Organ des mütter¬ 
lichen Organismus, sie hat mit dem Aufbau des mütterlichen Orga¬ 
nismus nichts zu tun. Sie baut sich nicht mit Hilfe des mütter¬ 
lichen Organismus, sondern im Kampfe gegen diesen auf. Sie ist 
ein Parasit am mütterlichen Organismus und zehrt vom mütter¬ 
lichen Organismus. Der mütterliche Organismus aber wehrt sich 
gegen die Frucht, und er gibt die nährenden Stoffe, derer die Frucht 
bedarf, nur gezwungen her. Bei den Tieren entwickelt die Frucht 
Fermente und sendet ‘diese in den mütterlichen Organismus hinein, 
um diesen zur Hergabe der Nährstoffe zu zwingen. Die Herrschaft 
der Frucht über den mütterlichen Organismus geht bei den höheren 
Tieren so weit, daß die Frucht sich auch dann tadellos entwickelt, 
wenn dem mütterlichen Organismus die Nahrung entzogen wird und 
er durch Hunger endet. Die Frucht zieht auch aus dem hungern¬ 
den Mutterleib noch so viel Nährstoffe heraus, wie sie zum Aufbau 
braucht. Wird an der Pflanze oder am Tier ein lebenswichtiges 
Organ entfernt, so leidet der beschädigte Organismus, und er geht 
unter Umständen zugrunde, wird aber die Frucht entfernt, so leidet 
der mütterliche Organismus gar nicht, er entwickelt sich unter Um¬ 
ständen vielmehr noch kräftiger. Weil nun die werdende Frucht 
dem mütterlichen Organismus feindlich ist und seine Erhaltung bo- 


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Adolf Gereon. 


droht, darum zeigen sich bei den Weibchen der höheren Tiere beim 
Beginn der Schwangerschaft Erscheinungen, die man sonst nur bei 
hochgradiger Gefährdung des Organismus beobachtet. Es treten be¬ 
sonders I>eim schwangeren Menschenweibe jene Ausscheidungen und 
Abstoßungen ein, die, wie ich in der schon genannten Arbeit nach- 
gewiesen habe, sonst nur bei Lebensgefahr und bei starker Depres¬ 
sion auftreten. Es treten leichte Durchfälle ein, und diese werden 
besonders bei solchen Frauen auffällig, die sonst an Verstopfung 
gelitten haben. Es erfolgt Erbrechen (Schwangerschaftserbrechen). 
Es erfolgt Schweißausbruch 1 ). Es erfolgt Haarausfall und Zahn¬ 
karies. Der Organismus will durch die Abscheidung von Stoffen und 
durch die Abstoßung leicht ersetzbarer peripherer Organe die bei 
der Abwehr der Gefahr tätigen Organe entlasten und die bei der 
Einschränkung der vegetativen Funktionen erübrigte nervöse Ener¬ 
gie für die Verteidigung frei machen. Und eine körperliche Ent¬ 
ladung in diesem Sinne ist auch die bei der Menstruation auftre¬ 
tende Blutung. Durch die Blutung werden die Organe des Blut- 
umlaufe, insbesondere das Herz, entlastet, wenn der bei der Eireife 
sich vorbereitende Kampf zwischen der Frucht und dem mütter¬ 
lichen Organismus erhöhte Anforderungen an die Organe des müt¬ 
terlichen Organismus stellt. Die bei der Eireife entstehende Blu¬ 
tung beugt einer ernsthaften Schädigung des mütterlichen Organis¬ 
mus durch die werdende Frucht vor und ermöglicht dem mütter¬ 
lichen Organismus, sich zu erhalten. 

Ich hätte die vorstehende Beweisführung stark abkürzen können, wenn mir zwei 
Arbeiten von H. Füth: „Über den Einfluß unlustbetonter Affekte auf die Entstehung 
uteriner Blutungen“ (Festschrift z. Feier d. zehnjähr. Bestehens d. Akad. f. prakt, Med. in 
Köln 1915), sowie „Krieg und Fehlgeburt“ (Hundert Jahre A. Marcus & E. Webers Verlag 
1919, 8. 202) früher zu Gesicht gekommen wären. Das haben die politischen Zeitverhält 
liisse mitversehuldet. Auch die Arbeit von Weber: ,Der Einfluß psychologischer Vor¬ 
gänge auf den Körper, insbesondere auf die Blutverteilung“ 1910, die grundlegendes 
Material zu der Frage, wie die Menstruationsblutung zustande kommt, enthält, ist mir 
nicht rechtzeitig bekannt geworden. Die Arbeiten von Füth behandeln die Entstehung 
psychogener Blutungen aus der Gebärmutter und enthalten mehrere Fälle, bei denen die 
Blutungen ebenso auf Schreck und Angst erregende Ereignisse folgten, wie ich es in Hin¬ 
sicht auf den Eintritt der Menstruationsblutung beim Urweibe behauptet habe. Ich will 
hier nur einen Fall anführen, bei welchem die Blutung sogar während einer bestehenden 
Schwangerschaft eintrat. Frau K„ 25 Jahre alt, vor 2 Jahren glatte Geburt. Vom 21. bis 
27. März 1915 Heimaturlaub des Mannes. Periode, die am 28. März einsetzen sollte, blieb 
aus. Am 18. Mai 1915 Telegramm, daß der Mann gefallen sei. „Sie war anfangs wie be¬ 
täubt und kam erst allmählich zum Bewußtsein des schweren Verlustes. Am folgenden 
Tage vormittags trat plötzlich, ohne daß sie Schmerzen im Leibe oder Wehen verspürte, 
eine Blutung auf, welche im ganzen 5 Wochen anhielt. In den ersten 8 Tagen kam helles 
Blut, stoßweise und viel. Nach ein paar Tagen Pause ging schwarzes Blut ab.“ F ii t h 
fand die Frau im September noch offensichtlich niedergedrückt. Die Untersuchung aber 
ergab nichts Besonderes, Die Schwangerschaft hielt sich; am 7. Dezember 1915 Geburt 
eines ausgetragenen Kindes. Befund: Psychogene Blutung zur Behebung des seelischen 
Xiederbruchs. — Füth ist gegen die einseitige Hervorhebung der inneren Sekretion als 
verursachendes Moment und hält ebenfalls an der psychogenen Ätiologie fest. Vgl. S e i t z 
tmd Wintz: Über die Beziehungen des Corpus luteum zur Menstruation (Monatssehr, 
f. Gel», u. Gyn. Bd. 49. 1919); As ebner: Die Blutdrüsencrkrankuiigen des Weibes und 
ihre Beziehungen zur Gynäkologie und Geburtshilfe 1918. W. Fließ: Innere Sekretion 
(Zeitschr. f. Scxualw. i919. Aprilheft); Weidemann: Thyreoidea und Menstruation 

i) Auf Veränderungen in der Sekretion der Hautdrüsen weist Schiefferdecker 
hin; s. Sch., Die Hautdrüsen des Menschen und der Säugetiere usw. Biol. Zentralbl. 37. 

1917. S. 534 ff. 


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Pie Menstruation, ihre Entstehnng und Bedeutung. 


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(S^itsdir. f. Geb. u. Gyn. 1918- 2. Heft); Gumprich: Der Einfluß der Menstruation 
auf das Blutbild (Beitr. z. Geburtsh. 1918. H. 8). 

Eine briefliche Mitteilung des Herrn Dr.MaxMarcuse veranlaßt mich, hier auf 
die Beziehungen zwischen der Menstruation und den Pollutionen, den unwillkürlichen 
Samenergüssen, einzugehen. Der Samenerguß beim Beischlaf ist keine körperliche Ent¬ 
ladung. Er beseitigt zwar auch das Gefühl starker Spannung und des Unbefriedigtscins, 
das sich beim Jüngling nach langer Enthaltung vom Beischlaf bis zum Unbehagen 
steigern kann. Aber das wohlige Gefühl des Befriedigtseins, das der Samenerguß er¬ 
zeugt, verfliegt im Augenblick, und es tritt eine Erschlaffung und Ernüchterung ein, die 
oft ebensowenig erträglich ist, wie der vor dem Samenerguß herrschende Zustand der 
Spannung und des Unbefriedigtseins. Der Samenerguß beim Beischlaf kann also nicht 
als körperliche Entladung aufgefaßt werden. Anders aber verhält es sich mit-den unwill¬ 
kürlichen Samenabgfingen, den Pollutionen. Sie entstehen häufig, ohne daß eine mecha¬ 
nische oder sonstige Beizung der Geschlechtsorgane wahrnehmbar ist. Sic werden nicht 
selten (wie bei der Ejaculatio praecox) allein durch erotische Vorstellungen ausgelöst, 
und bei nächtlichen Pollutionen spielen insbesondere erotische Träume die auslösende 
Bolle. Auch Angst und Schmerz können Spermaentleerungen herbeiführen. Die Pollu¬ 
tionen haben also mit der Menstruationsblutung das gemein, daß sie von höheren nervösen 
Zentren aus ausgelöst werden können. Es scheint auch, als ob der unfreiwillige Samen¬ 
abgang nur beim Menschen vorkomme und als ob die Tiere den Samen nur nach voran¬ 
gegangener Beizung der Geschlechtsorgane entleeren können. Es fragt sich nur, wie der 
menschliche Organismus die Fähigkeit, den Samen ohne vorhergehende Beizung der Ge¬ 
schlechtsorgane entleeren zu können, erworben haben kann. Ich möchte da wieder auf die 
nächtlichen Wanderungen zur Vollmondszeit verweisen. Es werden bei den Kämpfen 
zur Vollmondszeit auch unter der siegenden Mannschaft viele gewesen sein, die 
körperliche und seelische Erschütterungen erlitten, die Schmerzen erlitten und dem 
Niederbruch nahe waren. Wenn diese an der Vergewaltigung der feindlichen Weiber 
teilnahmen, und dabei zum Beischlaf gelangten, so konnte der Samenerguß sehr nolil 
den körperlichen und seelischen Niederbruch aufhalten und zu einer körperlichen Ent¬ 
ladung in unserm Sinne werden. Bei schwächlichen Männern, bei denen die Gefahr 
des Niederbruchs oft auftrat, konnte der Samenerguß endlich ebenso zur körperlichen 
Entladung werden, wie bei den Weibern der Blutaustritt durch die Scheide. 

Daß zwischen den Pollutionen und der Menstruation ein innerer Zusammenhang 
besteht, ist klar. Zahlreiche Arzte haben aus der Tatsache, daß die Pollution beim 
geschlechtlich abstinenten jungen Afann im allgemeinen wohltätig wirkt, geschlossen, 
daß die Natur die Pollutionen auch eben zu dem Zwecke eintreten läßt, um die aus 
der Abstinenz herrlihrende Spannung zu beseitigen und zu verhüten, daß die Abstinenz 
schädlich wirkt. Und sie haben in gleicher Weise aus der Tatsache, daß sich mit dem 
Eintritt der Blutung die mit der Menstruation verbundenen Beschwerden vermindern, 
geschlossen, daß die Natur die Blutung auch eben zu dem Zwecke eintreten läßt, um dem 
Weibe geschlechtliche Abstinenz und andauernde Jungfräulichkeit zu erleichtern. Ob man 
nun das der Pollution und der Blutung voraufgehende Unbehagen aus der geschlecht¬ 
lichen Abstinenz oder aus den physiologischen Rückwirkungen der Geschlechtsorgane auf 
den Gesamtorganismus oder aus sonstigen Quellen hervorgehen läßt, so viel ist in 
jedem Falle gültig, nämlich, daß Pollution und Blutung dazu da sind, einen unan¬ 
genehmen, dem Organismus schädlichen Zustand zu beheben, daß sie Formen der kör¬ 
perlichen Entladung sind *). * ! • 

Über die Beziehungen zwischen dem mütterlichen Organismus und der Frucht 
haben wir besonders durch die Untersuchungen von Abderhalden (Abwehrfertnente, 
1913, 8. A.) Aufschluß erhalten. Aus ihnen geht hervor, daß im Blute der Schwan¬ 
geren Abwehrfermente kreisen, die imstande sind, Plazentaeiweiß abzubauen. Aus einer 
großen Zahl eingehender Untersuchungen, insbesondere über die Anaphylaxie bei Schwan¬ 
geren geht hervor, daß der Fötus in den mütterlichen Organismus Stoffe hinübersendet, 
die diesen gefährden und u. a. Eklampsie hervorrufen können (siehe auch R. Freund 
u. E. Abderhalden, Serol. Untersuchungen mit Hilfe der optischen Methode wäh¬ 
rend der normalen Schwangerschaft und bei Eklampsie; Prakt. Ergehn, d. Geburtsh. u. 
Gynäkologie, Septemberheft 1910). Koch und Frisch holz haben Depressions¬ 
erscheinungen bei ihren in Kulturen gezogenen Hydren beschrieben, welche einsetzten, als 
cs zur Bildung von Geschlechtsorganen kam (Koch, Über die geschlechtliche Differen¬ 
zierung und den Gonochorismus von Hydra fusca, Biol. Zentralbl. 31, 1911; Ders., 


*) Vgl. M. Marcuse, Die Gefahren der sexuellen Abstinenz für die Gesund 

heit. Leipzig 1910» 


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Adolf Gereon. 


Mißbidlungen bei Hydra, ebd. 32, 1912; Frischholz* Zur Biologie von Hydra, ebd. 
29, 1909). Es ist anzunehmen, daß die Bildung der Geschlechtsproduktc bei allen 
Tieren Depressionserscheinungen im Gefolge hat. Uber das Verhältnis zwischen dem 
mütterlichen Organismus und der Frucht habe ich eingehender in meinem Aufsatz 
„Darwin in Not?' 4 (Zeitschr. f. Sexualw. 1918) gesprochen. Über Ovulation und Men¬ 
struation s. Handb. d. vergl. u. exper. Entwicklungslehre d. Wirbeltiere, herausg. von 
0. He r t w i g, II, 1. Hälfte, S. 372. 

lehrreich für die hier erörterten Zusammenhänge ist besonders der in der Lite¬ 
ratur oft erwähnte Fall von J a n e t. Ein junges Mädchen, bei dem die Menstruation 
im Alter von 13 Jahren zum erstenmal auftrat, war, wohl weil man es über 
das Natürliche de« Vorgangs nicht aufgeklärt hatte und ihn ihm als etwas Schänd¬ 
liches dargestellt hatte, in einen Kübel eiskalten Wassers gestiegen, uYn die Blutung 
zu vertreiben. Es muß aus den Gesprächen Erwachsener herausgehört haben, 
daß die Blutung auf diese Weise vertrieben werden könne. Die Hegel hörte nach dem 
kalten Bade auch sofort auf, aber es traten nun Schüttelfrost, Unter leibsschmerz, Deli¬ 
rien, Zuckungen und andere nervöse Störungen ein. Nach 48 Stunden wurde Blut aus 
dem Magen heraus erbrochen, und nun endete der krankhafte Zustand. Er kehrte aber 
im Zeitpunkt der nächsten Menstruation wieder, dauerte so lange, wie die Menstruation 
zu dauern pflegt, und erneuerte sich jahrelang immer im Zeitpunkte, wo sonst die 
Menstruation eingetreten wäre. Nach 5 Jahren gelang es Janet, den krankhaften Zu¬ 
stand mit Hilfe der Hvnnosc zu beseitigen. Dieser Fall lehrt,' daß tatsächlich bei der 
Menstruation erlebtes Ungetaach, Schmerzen u. dgl, wiederkehren können, wenn die 
physiologischen Begleitumstände wiederkehren, daß also bei der Menstruation auf¬ 
tretende Schmerzen die Reproduktion früher erlebter Schmerzen sein können. Er lehrt 
ferner, daß der Organismus eintretende Depressionen durch Blutabsonderung zu be¬ 
seitigen sucht, daß die allmonatlich sich einstellende Blutabsonderung ebenfalls De¬ 
pressionen beseitigen kann, und daß sie nicht an den Weg über die Geschlechtsorgane 
gebunden ist, sondern in Ausnahmefällen auch einen anderen Weg einschlagen kann. 

Über den Einfluß zerebraler Momente auf die Menstruation s. G. Del ins, „Der 
Einfluß zerebraler Momente auf die Menstruation und die Behandlung von Menstrua- 
tionsstörungen durch hvpnotische Suggestion“ (Verhandl. deutscher Naturf. u. Ärzte, 
1904, II, S. 209), 60 lehrreiche Fälle, über den Zusammenhang zwischen Menstruation 
und Psychose s. Ph. J o 11 y, „Menstruation und Psychose 44 (Arch. f. Psych. 55, 1915, • 
S. 637). Ich möchte hier noch hinweisen auf die Tatsache, daß die Menstruation häufig 
Euphorie hervorruft und nicht selten eine bestehend Depression in Euphorie übergehen 
läßt. Es haben auch andere Blutungen Euphorie hu Gefolge, und es werden Depres¬ 
sionen auch durch andere Blutungen behoben; weshalb sollte man da nicht annehmen 
dürfen, daß die Menstruationsblutung eben dem Zwecke diene, die allmonatlich bei der 
Eireife (natürlicherweise) eintretenden Depressionen zu beheben. 

Hysterische weibliche Personen haben sich nicht selten selber Schmerzen und sogar 
«•msthafte Verwundungen zugefügt, obwohl sie, wie genauere Untersuchungen gezeigt 
haben, völlig schinerzempfindlich waren und jeden Nadelstich als solchen wahrnehmen 
konnten. Sie schienen im Schmerz kein Erleiden, sondern Wollust zu fühlen. Vielleicht 
ist diese Wollust des Schmerzes hei ihnen keine andere als die geschlechtliche, die das 
Weib vor Jahrtausenden bei den geschlechtlichen Kämpfen empfing. Vielleicht handelt 
es sich hier nur um eine Irreleitung des Instinkts, der im Weibe bei den Begattungen 
der Vorzeit entstanden ist, als es seiner natürlichen Bestimmung nur unter Schmerzen 
und Wunden dienstbar werden konnte. Siehe E. Sokolowski, Die Willenstätigkeit 
hei Hysterischen lind die funktionellen Phänomene (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. 
29, 1915, S. 252). 

Daß die menstruelle Blutung nur beim menschlichen Weibe in 
merklichem Maße auftritt, nicht aber bei den Weibchen der höheren 
Tiere, muß folgende Gründe haben: Der Tierorganismus ist massiger 
und roher als der menschliche, er ist dauerhafter und gesünder; er 
leidet daher nicht so leicht unter der Ungunst der Witterung, unter 
Infektionen und Schädigungen aller Art; er ist daher auch wider¬ 
standsfähiger gegen die von der werdenden Frucht ausgehenden 
Schädigungen und bedarf nicht einer vorbeugenden Maßnahme, wie 
sie die menstruelle Blutung darstellt. Dazu kommt noch, daß im 
Organismus des Menschenweibes die Mobilmachung' gegen die wer- 


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t>ie Menstruation, ihre Entstehiing und Bedeutung. 


S3 


deude Frucht zwölf- oder dreizehumal im Jahre notwendig wird, 
während sie bei den meisten Tieren nur einmal im J ahre und 
nur bei einigen wenigen Arten der niederen Tiere zwei- oder drei¬ 
mal im Jahre erforderlich wird. Weil der Organismus des Men¬ 
schenweibes die Schutzmaßnahmen allmonatlich vornehmen mußte, 
deswegen nahmen diese Schutzmaßnahmen einen inuner größeren 
Umfang an, und darum wurden sie in immer unvollkommenerer 
Weise durchgebildet, und aus eben diesem Grunde erhielt die Blut¬ 
ausscheidung jene Stärke und Regelmäßigkeit, die wir am mensch¬ 
lichen Weibe beobachten. 


V. 

Gegen dip hier vorgetragene Lehre von der Menstruation können 
beachtenswerte Einwände erhoben werden. Wenn die Menstruation 
des Weibes in der Urzeit in Anpassung an die ursprünglich vor¬ 
handen gewesene Monatsbrunst des Mannes und in Anpassung an 
den einst allmonatlich zur Vollmondszeit erfolgten Beischlaf ent¬ 
standen ist, so hätte sie später in Anpassung an die beim Manne 
später entstandene Dauerbrunßt und in Anpassung an den nunmehr 
wöchentlich und täglich ausgeführten Beischlaf ebenfalls in 
wöchentlichen und kürzeren Perioden wiederkehren müssen. Es 
kommt allerdings bei europäischen Frauen vor, daß der Ausfluß 
oder auch nur die Wehen der Menstruation zweimal im Monate oder 
häufiger als allmonatlich eintreten; aber es handelt sich hier doch 
nur* um vereinzelte Fälle. Auch die geschlechtliche Begehrlichkeit 
ist nur bei wenigen Frauen eine dauernde, ein großer Teil wird nur 
in längeren Perioden geschlechtlich begehrlich. Eireife und Blu¬ 
tung stellen aber so hohe Anforderungen an den weiblichen Orga¬ 
nismus, daß dieser ernstlich leiden würde, wenn jene noch häufiger 
als allmonatlich eintreten würden und wenn sie wohl gar wöchent¬ 
lich oder täglich eintreten würden. Der weibliche Organismus kann 
einen so großen Verlust an organischer Masse, wie er allmonatlich 
bei der Menstruation erfolgt, keineswegs Tag für Tag aushalten, er 
müßte zugrunde gehen. Eine Dauerbrunst des Weibes ist daher nur 
dann möglich, wenn der nervöse Vorgang der Brunst von den mehr 
vegetativen Vorgängen der Eireife und Blutung getrennt w r erden 
kann. Da aber die Vorgänge in den Geschlechtsorganen eng ver¬ 
knüpft sind mit denen in den geschlechtlichen Nervenzentren und 
diese w'ieder rückwirken auf jene, so scheint eine Trennung der 
Brunst von der Eireife und Blutung nicht ohne weiteres möglich zu 
sein. Immerhin geht aus der Tatsache, daß es Frauen mit dauern¬ 
der geschlechtlicher Begehrlichkeit gibt, hervor, daß eine Dauer¬ 
brunst auch beim Weibe möglich ist und daß die Natur ihre Entwick¬ 
lung anstrebt *). 


i) Bei den Völkern niederer Entwicklungsstufe ist naturgemäß die Menstruation 
wenig entwickelt. In Nordgrönland tritt sie bei den Frauen erst nach dem 19. Jahre 
ein und bleibt während der Wintermonate meist aus. In Grönland und Lappland gibt 
es Frauen, die nur zwei- bis dreimal im Jahre menstruieren. Bei den Frauen der Faröer- 
lnscln und der Samojeden soll sie ganz fehlen. Von den Indianerinnen Nordamerikas 
wird berichtet, daß sie nicht so ausgiebig menstruieren wie weiße Frauen, iiire Regel 
dauert gewöhnlich nur drei Tage. Dagegen kommt es bei europäischen Frauen vor, daß 


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Adolf Gereon. 


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Warum ist nun aber die menschliche Entwicklung nicht bei der 
Monatsbrunst stehen geblieben? Warum führte sie beim Manne zur 
Dauerbrunst, obwohl doch dieser auch bei weitgehender Möglich¬ 
keit der Vielweiberei kaum Gelegenheit hat, täglich ein Weib zu be¬ 
fruchten, obwohl die meisten Männer noch nicht einmal Gelegenheit 
haben, jährlich einmal ein Weib zu befruchten und eine jährlich 
einmalige Befruchtung nur unter ganz besonders günstigen Bedin¬ 
gungen möglich ist? Warum führte die Natur beim Manne zur 
Dauerbrunst; obwohl der tägliche Beischlaf auch in ihm eine ziem¬ 
lich bedeutende Schwächung des Organismus hervorruft, obwohl die 
Dauerbrunst ihn stört bei Arbeit und Denken, auf der Schulbank, in 
der Werkstatt und im Feldlager? Warum erstrebt die Natur auch 
beim Weibe die Dauerbrunst, obwohl das Weib günstigenfalls ein¬ 
mal im Jahre gebären kann, obwohl es bei noch häufigerer Eireife 
und Blutung stark leiden müßte? Warum erstrebt die Natur die 
Dauerbrunst, obwohl der Mensch infolge des Unvermögens, sie zu 
befriedigen, leicht geschlechtlichen Verirrungen und Lastern an¬ 
heimfällt, die ihn zugrunde richten? Eine Erklärung ist es keines¬ 
wegs, wenn man sagt, die Erweiterung des Nahrungsspielraums 
und die Verbesserung der Lebensbedingungen habe die Dauer¬ 
brunst hervor gerufen, die vermehrte Geschlechtsfunktion habe den 
Zweck, die Überfüllung und Übersättigung des Organismus wett zu 
machen. Denn selbst wenn die Natur wirklich die Geschlechts¬ 
organe als Ventil gegen den Überdruck im Organismus hätte ver¬ 
wenden wollen und müssen, so hätte sie die Dauerbrunst nicht ent¬ 
wickeln brauchen. Der Abgang von Samen beim Manne, von Eiern 
und Blut beim Weibe hätte außerhalb der zum Geschlechtsverkehr 
bestimmten Zeit völlig brunstlos verlaufen können, und es erscheint 
mir auch völlig undenkbar, daß die Brunst für die Natur nichts 
anderes sein soll als ein Mittel zur Regulierung des Stoff- und 
Kraftverbrauchs im Haushalt ihrer Organismen. Die Brunst ist 
wohl in gewisser Weise von einem Überschuß von Stoff und Kraft 
im Haushalt der Organismen, abhängig; aber daß sie nur bei einem 
solchen auftreten könne, zu ihm in einem bestimmten Verhältnis 
stehen müsse und ihn durch Rückwirkung begrenzen müsse, wird 
mau doch nicht behaupten können. Im allgemeinen regeln Hunger 
und Appetit die Stoffzufuhr zum Organismus in so vollkommener 
Weise, daß ein gefährdendes- Übermaß von Stoff und Kraft im Or¬ 
ganismus nicht eintreten kann — wenn ein solches Übermaß über¬ 
haupt sollte eintreten können —; und haben Hunger und Appetit 
einer Überfüllung des Organismus bei unsern Vorfahren Vorbeugen 
können, so ist nicht anzunehmen, daß Überfüllung und Übersätti¬ 
gung die Ursachen für das Eintreten der Dauerbrunst waren. Ich 
habe zudem nachgewiesen, daß der Übergang von der einmaligen 
Frühjahrsbrunst zur Monatsbrunst beim Urmenschen in einer Zeit 
eingetreten ist. wo harte Entbehrungen ihn zu allmonatlichen Wun¬ 
der Ausfluß oder auch nur die Wehen der Menstruation zweimal im Monate oder häu¬ 
figer als allmonatlich eintreten (H. Eil is. Gesehleehtstrieh und Schamgefühl, S. 128ff.). 
Diese Tatsachen sprechen dafür, daß die Häufigkeit der Menstruation mit fortschreiten¬ 
der Entwicklung gestiegen ist und daß sie der Entwicklung der Brunst zur Dauer¬ 
brunst nachfolgt. 


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Die Menstruation, ihre Entstehung und Bedeutung. 


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demngen nötigten, nnd wenn die Monatsbrunst keine Folge von 
Überfüllung und Übersättigung gewesen ist, so wird auch die 
Dauerbrunst andere Ursachen gehabt haben. 

Die Dauerbrunst ist für die Erhaltung der menschlichen Arten 
insofern wertvoll, als sie Mann und Weib eng aneinander kettet. 
Sie zwingt den Mann zur Ehe, sie nötigt ihn Tag für Tag, um die 
Liehe des Weibes zu werben. Sie veranlaßt das Weib, sich einem 
Manne auzuscliließen und ihm treu zu bleiben, auch dann, wenn es 
seiner zum Schutz und zur Ernährung nicht bedarf. Die Dauer¬ 
brunst gibt den Ehen, die aus rein oder vorwiegend wirtschaft¬ 
lichen Gründen geschlossen worden sind, erhöhte Festigkeit und 
sie veredelt diese Ehen. Ist bei Mann und Weib Dauerbrunst vor¬ 
handen, so ruht darin die Bürgschaft eines glücklichen Familien¬ 
lebens, und das kommt den in der Familie aufwachsenden Kiudern - 
zugute. Weil die menschlichen Arten, in denen zahlreiche Männer 
und Frauen Dauerbruust besaßen, einen zahlreicheren und besser 
erzogenen Nachwuchs hatten als die anderen, in denen dauerbrüu- 
stige Männer und Frauen wenig zahlreich oder gar nicht vorhanden 
waren, so fand eine Auslese der menschlichen Arten in hezug auf 
die Stärke und Dauer der Brunst statt, die auf eine Ausbreitung der 
Dauerbrunst unter den Menschen hinwirkte und noch heute wirkt. 
Dauerbruust und Einehe bedingen einander, und das 
ist die alleinige Ursache für die Entstehung und Ausbreitung der 
Dauerbrunst gewesen. 

Gegen die hier vorgetragene Lehre von der Menstruation 
kann noch ein weiterer Einwand erhoben werden. Wir finden 
bei allen kultivierten Völkern eine geradezu heilige Scheu vor 
dem Beischlaf während der Menstruation. Weiber, die sich sonst 
für ein paar Groschen oder aus bloßer Geilheit jedem preisgeben, 
weigern den Beischlaf, wenn sie menstruieren, und Männer 
die im Blute Erschlagener gewatet sind und Menscheublut mit 
gieriger Freude sehen, scheuen sich, das blutende Weib zu be¬ 
rühren. Hat bei dem Manne der Urzeit schon Scheu vor dem Bei¬ 
schlaf während der Menstruation bestanden, so ist die liier vorge¬ 
tragene Lehre hinfällig. Dann kann der Mann der Urzeit das Weib 
nicht zur Vollmondzeit beschlafen haben, wenn eben beim Vollmond 
die Menstruation eintrat; dann kann beim Vollmond nicht die Men¬ 
struation eingetreten sein, wenn diese eben in Anpassung an den 
allmonatlichen Beischlaf entstanden ist. Ich bin nun aber der Mei¬ 
nung, daß der Mann der Urzeit noch keine Scheu vor dem Beischlaf 
bei dem menstruierenden Weibe hatte. Es war ihm ja gar nicht 
möglich zu erfahren, ob das Weib, das er besclilief, menstruierte. 
Wenn er sieh auf das überraschte Weib losstürzte, da hatte er 
kaum Zeit, nach ihren Geschlechtsteilen zu sehen, und da der Über¬ 
fall fast immer in der Nacht geschah, so konnte er gar nichts sehen. 
Zur Scheu vor dem Menstrualblute und zur Schonung des menstru¬ 
ierenden Weihes kann der Mann also erst dann gekommen sein, als 
der Geschlechtsverkehr nicht mehr auf die Vollmondnächte be¬ 
schränkt war, und als der Geschlechtsverkehr nicht mehr nach Art 
eines plötzlichen Überfalls erfolgte. Die Scheu vor dem Beischlaf 
während der Menstruation kann erst in jener Zeit entstanden sein, 


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Adolf Gereon. 


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wo der Mann auf Anwendung von Gewalt verzichtete und die Gunst 
des Weibes durch Kauf und Überredung zu erlangen suchte. 

Bei einer Anzahl australischer und polynesischer Stämme, bei 
denen noch heute die Gruppenehe herrscht, bei denen also dem 
Manne der Geschlechtsverkehr nur mit einem außerhalb seiner 
Gruppe (seines Stammes) befindlichen Weibe gestattet ist, findet sich 
die Einrichtung, daß der Mann ein Weib seiner eigenen Gruppe in 
sein Zelt nimmt, damit es für ihn Früchte und Wurzeln sammle, 
die Speise koche, webe und alle die wirtschaftlichen Arbeiten ver¬ 
richte, die nach der Anschauung jener Menschen eines Mannes un¬ 
würdig sind und dem Weibe geziemen. Er darf mit dieser seiner 
„Hausfrau“ aber keineswegs Geschlechtsverkehr treiben, und 
ihre Ehe ist eine reine Wirtschaftsgemeinschaft. Wir 
• dürfen annehmen, daß es auch in einzelnen urzeitlichen Horden und 
Stämmen mit GTuppenehe zur Einrichtung solcher ehelichen Wirt¬ 
schaftsgemeinschaften gekommen ist. Insbesondere bei den Horden, 
die seßhaft wurden und zum Ackerbau übergingen, war der Mann 
genötigt, sich ein Weib seiner eigenen Horde — meist die Schwester 
— zur Besorgung seines Hausstandes zu nehmen. Zunächst ging 
er wohl immer noch zur Vollmondszeit zum benachbarten Weiler, 
wo die stammfremde Liebste seiner harrte. Aber gar bald war er 
des lästigen, gefahrvollen Weges überdrüssig, und er wollte sich 
mit zunehmender Ausdehnung der Brunst den Genuß des Beischlafs 
auch häufiger machen. Da nahm er ein stammfremdes Weib, das 
er durch Kauf erworben oder im Krieg erbeutet hatte, in sein Haus 
als sein Kebsweib. Es mußte für ihn und seine Hausfrau ar¬ 
beiten, und weil ihre Arbeit seinen Wohlstand mehrte, nahm er sich 
gar bald mehrere Kebsweiber. Sie alle waren seiner Hausfrau 
untertan, und die Kinder, die sie gebaren, galten nicht als ihre Kin¬ 
der, sondern als Kinder der Hausfrau, die ihre Kinderlosigkeit 
damit verdeckte 2 ). Aber auch dieser familienrechtliche Zustand 
wurde bald als mißlich empfunden. Viele Männer waren nicht im¬ 
stande, Kebsweiber zu erwerben; noch mehr Männer waren nicht 
imstande, zwei Frauen nebeneinander zu halten, die aus dem glei¬ 
chen Blute stammende Hausfrau neidete dem Kebsweibe das Glück 
der Mutterschaft und wollte nicht kinderlos bleiben, und vor allem 
sah mancher Stamm seinen Untergang nahen, wenn seine eigenen 
Fraueu nicht gebaren und der ganze Nachwuchs aus Kindern von 
stammfremden Frauen bestand. Da entschloß man sich, — und dies 
geschah auf dem Wege bewußter Gesetzgebung —, 
den Geschlechtsverkehr zwischen Männern und Frauen desselben 
Stammes zu gestatten, wenn nur Mann und Frau zueinander nicht 
in dem engen verwandtschaftlichen Verhältnis standen, in welchem 
Männer und Frauen der Horde zueinander gestanden hatten. In 
der Horde waren alle Männer und Frauen Blutsverwandte gewesen. 
Das Verbot der Ehe zwischen Blutsverwandten wurde also weiter 
aufrecht erhalten. Da aber in Stämmen, die sich aus den Bewoh¬ 
nern größerer Dörfer und mehrerer Dörfer zusammensetzten, zahl¬ 
reiche Männer und Frauen wohnten, bei denen eine Blutsverwandt- 

2 ) S. 1. Buch Mose, Kap. 16. 


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9? 


t)ie Menstruation, ihre Entstehung und Bedeutung. 


schaft nicht mehr nachzuweisen war, so erlaubte man ihnen, mit¬ 
einander in Geschlechtsverkehr zu treten und auf Geschlechtsver¬ 
kehr basierte Ehen zu schließen. Das. war im Interesse der Er¬ 
haltung der Art. Und endlich hörte die Sitte, blutsverwandte Frauen 
als reine „Hausfrauen“ zu heiraten, vollständig auf, und jeder Mann 
heiratete eine stammeigene, aber blutsfremde Frau für den Ge¬ 
schlechtsverkehr. Damit wurde die Sitte, Kebsweiber zu halten, 
nach und nach ebenfalls hinfällig, und es kam zur Einehe 3 ). 

Solange der Mann seine Liebste außerhalb des Hauses hatte, 
sah er sie im günstigsten Falle nur ein oder zweimal im Monat. 
Da machte es ihm Vergnügen, wenn das Weib ihn, sobald er un¬ 
vermutet über es herfiel, mit Kratzen und Beißen abwehrte, wenn 
es sich in seinen Armen wand, unter seinen nervigen Fäusten er¬ 
mattete und nun wie betäubt alles mit sich geschehen ließ. Das 
kampfgeschwängerte Vorspiel des Beischlafs war ihm so unter¬ 
haltend wie der Beischlaf selber. Als er aber später das zum Ge¬ 
schlechtsverkehr dienende Weib in seinem Hause hatte und er den 
Beischlaf alsbald allwöchentlich oder gar täglich ausführte, da ward 
er früh der ewigen Katzbalgerei mit seinem Weibe überdrüssig. 
Hatte er mehrere Weiber zum Geschlechtsverkehr in seinem Hause, 
so fand er beim sanften und. gefügigen Weibe mehr Lust und Unter¬ 
haltung als beim störrischen und abweisenden. Bei manchem Weibe 
wurde zudem die im Ehebett geübte Katzbalgerei so zur Gewohn¬ 
heit, daß sie sie auch außerhalb desselben betätigte und auf den 
Mann mit Nägeln und Fäusten losging, wenn sie die Lust anfiel. 
Manche Ehe endete in Unfrieden, weil das Weib von der im Ehe¬ 
bett erworbenen Gewohnheit nicht lassen konnte, und die Erziehung 
der Kinder litt, wenn Mann und Weib nicht miteinander in Frieden 
lebten. Es gibt heute noch zahlreiche Ehen, die unglücklich wer¬ 
den, weil das Weib seine ererbte geschlechtliche Kampfnatur außer¬ 
halb des Ehebettes nicht verleugnen kann; es quält und verfolgt 
den Mann, gerade weil es an ihm hängt und weil es an seinem 
Zorn, ja an seinen Schlägen und am Niedergezwungenwerden durch 
den Mann Wollust empfindet 4 ). 

Der Trieb des Weibes, mit dem Manne zu kämpfen, ist beson¬ 
ders in der Menstruationszeit rege; es nimmt den Geschlechtsakt 

•) Ich kann hier auf die Entstehung der Ehe nicht weiter eingehen. Etwas aus¬ 
führlicher stelle ich sie dar' in meiner Abhandlung „Die Scham“ (Abhandl. a. d. Ge¬ 
biete der Sexualforschung, 5. Heft, 1919) S. 36 ff. 

4 ) Vom Standpunkt des Psychiaters aus beliandclt diesen Gegenstand treffend 
.1. Kollarits („über Sympathien und Antipathien, Haß und Liebe bei nervösen 
und nicht nervösen Menschen“ in Zeitsehr. f. d. ges. Neur. u. Psych. 82, 1916, S. 136 ff). 
Einer der von ihm angeführten Fälle betrifft eine Frau, die sich die allerärgstcn Schi¬ 
kanen für ihren Mann ausdenkt, und dabei einsieht, daß sie unausstehlich ist. Sie be¬ 
hauptet, daß sie ihren Mann anbetet und ihr Mann gibt das ohne weiteres zu. Auf 
dje Frage, warum sic ihrem Manne so viel böse Stunden bereitet, antwortet sie: „Ich 
weiß nicht. Ich habe ihn sehr gern. Ich nehme mir immer vor, daß ich lieb zu ihm 
sein werde. Aber sobald ich ihn an der Schwelle der Tür sehe, fange ich an, ihn zu 
sekkieren. Ich kann nicht dafür; es ist stärker als ich bin.“ — Nicht zu verwechseln 
ist der geschlechtliche Kampfinstinkt des Weibes mit dem sogenannten Negati¬ 
vismus, einer bei Infantilen und bei Geisteskranken vorkommenden Störung der 
Willenstätigkeit, die, wenn sie bei Frauen auftritt, sich in ähnlicher Weise äußern kann 
wie der geschlechtliche Kampfinstinkt, nämlich im Ahlehinui aller vom Manne gestellten 
Forderungen. 

ZaiMchr. f. Sexualwi»senschult VII. :l, 7 


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98 


Adolf Gerson. 


vor und nach der Menstruation viel williger auf, und es_ ist daun 
überhaupt gefügiger. Daß das Weib gerade in der Menstruations¬ 
zeit besonders kampflustig und bissig ist, erklärt sich daraus, daß 
das Weib in der Urzeit eben nur während der Menstruation be- 
schlafen wurde und daß zu jener Zeit jedem Beischlaf ein Kampf 
voranging. Es gibt zwar heute viele Frauen, bei denen der ererbte 
Kampfinstinkt nicht mehr vorhanden ist und bei .denen er auch 
während der Menstruation nicht mehr hervorbricht 5 ). Zu jener 
Zeit aber, wo die Menschen seßhaft wurden und der Geschlechtsver¬ 
kehr im eigenen Hause erst begann, muß der ererbte Kampfinstinkt 
in den Frauen noch ungebrochen und stark gewesen sein. Ihre ge¬ 
schlechtliche Erregung war damals Zorn und Wut, Haß des Mannes 
und schmerzhaftes Empfinden seiner Überlegenheit. Und daß das 
Weib den Beischlaf vor und nach der Menstruation williger dul¬ 
dete, erklärt sich daraus, daß es zu dieser Zeit geschlechtlich killt 
war und infolge seiner geschlechtlichen Kälte den Beischlaf nicht 
tragisch nahm. Wenn der Mann dann nur mit Ruhe und Freund¬ 
lichkeit zu Werke ging, so blieb es dann ruhig liegen und kümmerte 
sich nicht viel um das, was der Mann mit ihm machte. Es muß den 
Männern nun schon bald aufgefallen sein, daß das Weib vor und 
nach der Menstruation viel weniger kampfgestimmt war als wäh¬ 
rend derselben; und es ist klar, daß sie den Beischlaf, um des grö¬ 
ßeren Vergnügens willen, das er in der kampflosen Zeit gewährte, 
dann vorwiegend in dieser Zeit werden ausgeführt haben. Die Ehen, 
in denen die Männer den Beischlaf während der Menstruation völlig 
mieden, müssen sich glücklicher gestaltet haben als jene, in denen 
die Männer bei der alten Übung, den Beischlaf während der Men¬ 
struation auszuführen, verharrten. Denn während in diesen Ehen 
die Frauen die im Ehebett erworbene Gewohnheit des Kampfes mit 
dem Manne beibehielten, verloren in jenen Ehen die Frauen den auf 
den Kampf mit dem Manne gerichteten, ererbten Instinkt und blie¬ 
ben auch außerhalb des Geschlechtsverkehrs freundlich und gefügig. 
Die sozialen Gemeinschaften, in denen Männer und Frauen in glück¬ 
licher Ehe lebten, blieben erhalten, während die andern zugrunde¬ 
gingen, und so wurde die Sitte, auf welcher sich das Familienglück 
in erster Reihe gründete, nämlich die Sitte geschlechtlicher 
Enthaltsamkeit während der Menstruation, allgemein“). 

Daraus, daß der Beischlaf während der Menstruation heute fast 
überall auf der Erde verpönt ist, darf also keineswegs geschlossen 
werden, daß er auch in der Urzeit verpönt gewesen sei. In der Ur¬ 
zeit erfolgte der Beischlaf vielmehr ausschließlich während der 


3 ) Selbst bei Prostituierten, die im höchsten Maße verkommen waren, hat man 
beobachtet, und auch ich selber habe es gesehen, daß sie während der Menstruation 
nicht zugänglich waren und den Anblick ihrer Geschlechtsteile selbst dem Arzte wei¬ 
gerten. Man hat zu Unrecht angenommen, daß das Schamgefühl die Weiber dazu ver¬ 
anlasse, aber diese Weiber haben ja keine Scham. Es ist; vielmehr der während der 
Menstruation hervorbrechende geschlechtliche Kampfinstinkt, der die Prostituierten 
zwingt, die sonst widerstandslos geduldete geschlechtliche Berührung (oder auch nur 
den Anblick) abzuwehren. 

®) Vgl. A. Gerson, Die Scham (Abhandl. a. d. Geb. d. Sexualforsehung, 5. Heft, 
1919) S. 44 ff. 


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Die Menstruation, ihre Entstehung und Bedeutung. . 99 

Menstruation, und damit steht eben die ganze Entwicklung, die die 
Menstruation in der Urzeit genommen hat, in Zusammenhang 7 ). 

Die Sitte, den Beischlaf während der Menstruation zu meiden, 
ist auch heute noch für die Erhaltung der menschlichen Arten 
wertvoll. Unsere jungen Mädchen treten auch heute noch vielfach 
in die Ehe ohne Kenntnis und Ahnung der Ansprüche, die der Mann 
an sie stellt. Sie sind noch mehr oder weniger monatsbrünstig; ihre 
geschlechtliche Erregbarkeit ist vielfach eine solche, die im Kampfe 
mit dem Manne Wollust findet; es schlummert in ihnen der vom 
Urweibe vererbte Kampfinstinkt. Fordert der Mann den Beischlaf 
häufig, in brutaler Weise oder gar während der Menstruation, so 
bricht bei ihnen der ererbte Kampfinstinkt mit Macht hervor. Ist 
bei ihnen der Kampfinstinkt aber hervorgebr^chen und ist dem 
Weibe der Kampf erst zur Gewohnheit geworden, so ist es um das 
Glück der Ehe geschehen. Es ist daher im Interesse des Mannes, 
seiner Zukunft und der seiner ganzen Art, das alte Sittengebot, den 
Beischlaf während der Menstruation zu meiden, aufrecht zu er¬ 
halten. Nur wenn eine Ehe jahrelang unfruchtbar bleibt, darf der 
Mann versuchen, die Befruchtung während der Menstruation her¬ 
beizuführen; denn es könnte sein, daß das Weib jene aus der Urzeit 
ererbte Anlage besitzt, bei welcher die Befruchtung nur während 
der Menstruation eintreten kann. 

Der Einwand, die Menstruation könne keine Anpassung an die 
früher vorhanden gewesene Monatsbrunst des Mannes sein, weil der 
Mann der Urzeit den Beischlaf während der Menstruation gemieden 
habe, ist also auch hinfällig. Wir dürfen also die Menstruation als 
eine Anpassung des Weibes an die früher vorhanden 
gewesene Monatsbrunst des Mannes ansehen. Es ist aber 
ein wesentlicher Punkt, der zur Entstehung dieser Anpassung bei¬ 
trug, noch nicht erwähnt worden, auf ihn will ich hier noch, kurz 
eingehen. 

') Nach Siegel (bei A. K i c k h, Beiträge zum „Zuhlenverhältnis der Geschlech¬ 
ter“ in Abliandl. a. d. Gebiete d. Sexualforschung, 4. Heft, 1919, S. 10) überwiegt 
bei den Neugeborenen die Zahl der Knaben die der Mädchen ganz beträchtlich, wenn die 
Mutter wahrend der Menstruation oder kurz nachher befruchtet wurde. Findet die 
Befruchtung in der Zeit vom Beginn der Menstruation bis zum 9. Tage danach statt, so 
erfolgt fast immer eine männliche Geburt. Fand die Befruchtung bei den Horden der 
Urzeit zur Zeit der Menstruation statt, so müssen bei ihnen die Knabengeburten stark 
überwogen haben. Tatsächlich überwiegen noch heute bei den niederen Völkern.die 
Knabengeburten und bei den Kulturvölkern die Mädehengeburteu, und es gibt niedere 
Völker, die darum einen ganz beträchtlichen Männerüberschuö besitzen. Es ißt anzu- 
nehmeu, daß bei den niederen Völkern die Befruchtung noch heute mehr oder weniger 
in die Zeit der Menstruation fällt, und daraus kann man 'schließen, daß auch in der 
Urzeit die Befruchtung vorwiegend während der Menstruation erfolgte. 

Ich halte es für möglich, daß man nach der Seßhaftwerdung von der Sitte des 
Beischlafs während der Menstruation auch darum abging, weil man die Erfahrung ge¬ 
macht hatte, «laß der Beischlaf während der Menstruation fast nur Knaltengeburten im 
Gefolge hatte, während bei einem nach der Menstruation ausgefilhrton Beischlaf das 
Verhältnis für die Mädchen günstiger war. Da in der Zeit nach der Seßhaftwerdung 
der wirtschaftliche Wert des Weibes sehr stieg und da zurZeit des Fraucnkaufes Mädchen¬ 
geburten hoch eingeschätzt wurden, so mag man zu einem Verbot des Beischlafs wäh¬ 
rend der Menstruation auch aus dem Grunde gekommen sein, um die Zahl der Mädchen- 
gebürten zu erhöhen. Eis haben endlich wohl auch sanitäre Gründe zu einem Verzicht 
auf den Beischlaf während der Menstruation geführt. 


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Adolf Gersob. 


Der Mensch der Urzeit hatte, wie ich oben schon bemerkte, 
keine Ahnung vom Wesen des Beischlafs. Er wußte noch nicht, daß 
der Beischlaf die Voraussetzung für die Zeugung ist. Solange die 
Ehe ausschließlich exogamisch war, wurden die Weiber so regellos 
besclilafen, daß man bei keiner Schwangerschaft ihre Beziehung zu 
einem bestimmten vorausgegangenen Beischlaf feststellen konnte. 
Da die ersten Zeichen der Schwangerschaft sich erst im 4. oder 
5. Monat derselben bemerkbar machen, konnte auch niemand ohne 
weiteres auf die Vermutung kommen, daß die Schwangerschaft eine 
Beziehung habe zu dem schon mehrere Monate zurückliegenden Er¬ 
eignis. Man wußte auch noch nicht, daß das Ausbleiben der Men¬ 
struation ein Zeichen eingetretener Schwangerschaft sein könne. 
Hatte man gewußt, daß das Ausbleiben der Menstruation ein Zei¬ 
chen der Schwangerschaft sei, so wäre mau schon einige Wochen 
nach dem vollzogenen Beischlaf zur Erkenntnis der Schwanger¬ 
schaft gekommen und hätte dann eher auf den Zusammenhang zwi¬ 
schen Beischlaf und Zeugung kommen können. Daß das Ausblei¬ 
ben der Menstruation ein Zeichen "der Schwangerschaft sein könne, 
diese Erkenntnis blieb dem Urmenschen fern, einmal deshalb, weil 
in den Horden der Urzeit das geschlechtsreife Mädchen besclilafen 
und wohl auch schwanger wurde, bevor überhaupt eine Menstrua¬ 
tion eintrat und daß dann die Schwangerschaften so schnell aufein¬ 
ander folgten, daß eine Menstruation auch in der gesamten Zeit der 
Geschlechtsreife gar nicht oder nur selten eintreten konnte. Aber 
der Kern der Sache ist doch wohl der, daß beim Urweihe die Men¬ 
struation noch gar nicht so ausgebildet war, wie es bei unsern heu¬ 
tigen Weibern der Fall ist. Die Menstruation trat beim Urweihe 
noch keineswegs allmonatlich ein, sie trat höchst selten ein, viel¬ 
leicht nur während der kurzen Frühjahrsbrunst, und war auch dann 
nur spärlich und wenig auffällig. War nun die Menstruation beim 
Urweibe eine seltene Erscheinung, so konnte aus ihrem Ausbleiben 
noch nicht auf eine eingetretene Schwangerschaft geschlossen wer¬ 
den. Das konnte aber in der späteren Zeit geschehen, als die Men¬ 
struation bei solchen Frauen, die längere Zeit hindurch nicht be- 
schlafen wurden, Monat für Monat eintrat. Es wurde zunächst also 
festgestellt, daß die Menstruation bei eintretender Schwangerschaft 
ausbleibt, daß sie ein Zeichen der Schwangerschaft sein kann. Nach¬ 
dem diese Erkenntnis gewonnen war, w^ar es nicht mehr schwierig, 
zu-der Feststellung zu gelangen, daß das Ausbleiben der Menstrua¬ 
tion auf einen voraufgegangenen Beischlaf zurückgeführt werden 
kann. Wenn junge Mädchen, solange sie ehelos waren, allmonatlich 
ihre Menstruation hatten und nach dem Eintritt in die Ehe, bzw\ 
nach dem vollzogenen ersten Beischlaf, plötzlich zu menstruieren 
aufhörten, so lag doch der Schluß nahe, daß das Ausbleiben der 
Menstruation auf den Beischlaf zurückgeführt werden müsse. Leute, 
die die Erkenntnis besaßen, daß das Ausbleiben der Menstruation 
ein Zeichen der Schwangerschaft sein kann und daß ihr Ausbleiben 
die Folge eines vorangegangenen Beischlafs sein kann, mußten dann 
auch zu der Erkenntnis kommen, daß die Schwangerschaft eine 
Folge des Beischlafs ist, und so ist diese für die Entwicklung der 
Menschheit höchst bedeutsame Erkenntnis gereift im Zusam- 


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Buchbuspiechuugen. 101 

m t* n li n n g in i t fl e r E n t w i c k 1 u n £ d e r M e n s t r u a t i o n. Die 
Entwicklung der Menstruation beim Weibe hat dazu geführt, daß 
«las Weib seine geschlechtliche Bestimmung deuten lernte; und als 
es nun wußte, wie es die Kinder empfing, konnte es Keuschheit 
bewahren und das Übermaß der Geburten einschränken. Die Ent¬ 
wicklung der Menstruation beim Weibe hat dahin geführt, daß der 
Mann sich als Vater seiner Kinder erkannte, daß er sich zum Haupt 
der Familie machte und für die Reinheit des Blutes in seiner Nach¬ 
kommenschaft sorgte. Es schwand der alte Aberglaube, der sich an 
die Entstehung des Lebens geknüpft hatte und in der Mythologie 
der alten Völker wunderliche Blüten gezeitigt hatte, und die Wissen¬ 
schaft begann, dem Ursprung des Lebens in exakter Weise nachzu- 
forschen. Es ist hier nicht der Raum, um alle die Folgen, die die 
Erkenntnis vom Wesen des Beischlafs für die Menschen gezeitigt 
hat. auch nur anzudeuten. Aber was ich angedeutet habe, wird ge¬ 
nügen, um zu verstehen, daß der Quell des Blutes, der dem Weibe 
entquoll, der Urquell gew’esen ist für einen großen Teil der Seg¬ 
nungen moderner Zivilisation. 


Buchbesprechungen. 

1) Micse.s, Matthias: Zur Rassenfrage. Eine Stammes- und kulturgeschichtliche 
Untersuchung. Wien 1010. Wilhelm Braumüller. 183 S. 14 Mk. 

Von Dr. H. Fehiinger. 

Biese Schrift wendet sieh gegeu den Wahn von der Vorzüglichkeit und Höher¬ 
wertigkeit der sogeuannteu nordischen oder arischen Menschenrasse, der blonden Lang- 
sehädel, auf deren überragende Fähigkeiten nach Ansicht gewisser Leute alles geistige 
Schaffen und alle groben Errungenschaften zurückzuführen wären. Die betreffenden 
Rassentheoretiker sind in der Begründung ihrer Lehren weder wählerisch noch allzu ge¬ 
wissenhaft, und klar zutage liegt ihr auf Völkerverhetzung gerichtetes Streben. Solchem 
Tun muß entgegengetreten werden. Aber Mieses verfällt dabei ganz in die von gegnerischer 
Seite beliebten Methoden, so z. B. wenn er auf S. 43 schreibt: „Das Germanentum wurde 
erst durch die fremdplasmatische dunkelhaarige Beimischung, die in den blühenden Ländern 
ries deutschen Südens und Ostens vorwiegt und in den deutschen Genies allerorten ver¬ 
treten ist, zivilisiert. u Der Beweis hierfür wird schuldig geblieben, und er dürfte auch 
nicht leicht zu erbringen sein. Gleich darauf heißt es: „Das rabiate Element des am 
längsten dauernden Nomaden Volkes des Abendlandes (der Leser weiß schon, um welches 
Volk es sich handelt! -- Kef.) hat noch bis heute einen Bodensatz zurückgelassen, patho¬ 
logische Rudimente eines moralischen Schwundes ganz besonderer Art. Ein ,arischer 1 
Psychiater (Pilez, Rassonpsyehiatrie, S. 13) schreibt: ,Befremdend muß die bedeutende 
Prävalenz der Deutschen in der Kolonne moralischen Schwachsinns wirken. Es waren 
meistens Vertreter der apathischen Typen der moral insauity: Hochstapler, Gewohnheits¬ 
diebe, vor allem aber arbeitsscheue Vaganten.* Alle anderen Völker sind bei dieser Gattuug 
von Psychopathen, die mit den mittelländischen Lebensnormen nicht in Kinklang zu ge¬ 
langen vermögen, wenig oder überhaupt nicht vertreten, wie es bei den Juden der Fall 
ist.** Und dann lesen wir auf S. 33: ,,Das blondhaarige Element ist tatsächlich anti¬ 
zivilisatorisch, dessen Rückgang mit der höheren Ausbreitung der Geistigkeit erfolgt, wie 
darauf schon Treitschke mit auffallendem Scharfsinn hinwies.“ Darauf S. 34: „Die Kultur 
dezimiert die Blondhaarigen. Ob sie unfruchtbar werden und nach Art der Australier 
aussterben oder sich bloß aus irgendwelchen geheimnisvollen Ursachen transformieren, 
kann nicht entschieden werden. 4 * Das Geheimnis der Abnahme der Blonden liegt in ihrer 
fortschreitenden Vermischung mit dunkelhaarigen und dunkeläugigen Menschen, deren 
Merkmale bei der Vererbung dominieren. Mit Minder- oder Ilöbenvertigkeit hat die Sache 
gar nichts zu tun. Die angeführten Stellen aus Mieses’ Buch bezeugen zugleich die 
Uolprigkeit seiner Schreibweise. Aus Zitaten, aus alten und neuen Schriften aller mog- 


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102 


Buchbesprechungen. 


liehen Wissensgebiete wird ein Brei gerührt, der schwer verdaulich und bedeutungslos 
zugleich ist. 

Im letzten Kapitel: „Die Hauptrassen des Menschengeschlechts untereinander 1 ' werden 
die Rassenunterschiede so viel es nur geht zu verkleinern gesucht, und das kulturelle 
Zurückbleiben der farbigen Menschheit wird zu einem großen Teil auf das Schuldkonto 
der Europäer gesetzt. Da und dort versteigt sich Verf. dazu, ein Liedchen von der 
Höherwertigkeit der Farbigen anzustimmen, so wenn er auf S. 167 Quatrefages zitierend 
behauptet, „ein Viertel Negerblut genügt, um einen Mulatten gegen Fieber immun zu 
machen“. Nun, Neger wie Mulatten und andere Farbige haben unter Malaria und Gelb¬ 
fieber bisher gerade genug zu leiden gehabt. 

Nicht bekannt ist Mieses, daß Rassenmischung nirgends eine einheitlich aussehende 
Mischrasse ergibt, eine konstante Zwischenform, sondern ein buntes Gemisch von Rassen¬ 
merkmalen, das von Person zu Person und von Generation zu Generation wechselt. Am 
klarsten hat das Eugen Fischer in seinem Bastardwerk gezeigt. — Der Abschnitt über 
Rassenkreuzung ist voll von Irrtümern und grundlosen Behauptungen, wie etwa, daß in 
der kanadischen Provinz Quebec eine sehr große Mehrheit der Bevölkerung aus Indianer¬ 
mischlingen besteht und daß in der Provinz Manitoba die Gesamtbevölkerung mestizenhaft 
ist; in Wirklichkeit besteht sie überwiegend aus Einwanderern, die erst in den letzten 
zwei Jahrzehnten Europa verließen! 

2) Meirowsky, E.: Über die Entstehung der sogenannten kongenitalen Mi߬ 
bildungen der Haut. Wien u. Leipzig 1919. Wilhelm Braumüller. 192 S. mit 
70 Abb., resp. Stammbäumen im Text. 

Von Dr. Oskar Scheuer. 

Das letzte größere Werk über Mißbildungen der Haut erschien im Jahre 1912 von 
Prof. Bettmann, Heidelberg, als Teil des Schwalbeschen Handbuches über die Morphologie 
der Mißbildungen des Menschen und der Tiere. Es ist eine zusammenfassende Darstellung der 
Mißbildungen der Haut, eine mehr kompilatorische Arbeit. Meirowsky schürft in seiner vor¬ 
liegenden Arbeit tiefer. Er geht von der Betrachtung der Naevi (Muttermaler) aus, doch umfassen 
seine Untersuchungen auch alle diejenigen angeborenen Hautanomalien, die die gesamte Haut¬ 
decke befallen, wie Albinismus, Atrichie, Hypertrichosis, Hypotrichosis, allgemeiner Mangel 
an Schwoißdrüsen, an Talgdrüsen usw. Er sucht alle diese komplizierten Erscheinungen 
auf eine einheitliche Formel zurückzuführen. Auf dem Boden von Darwin und Weismann 
stehend, führt er die Grundbedingungen für die zukünftige Gestaltung des Hautorgans 
auf ein verändertes Keimplasma zurück. Die Arbeit zerfällt in zwei Teile. Im ersten - 
Teile zeigt er, daß die bisherigen Anschauungen über die Entstehung der Naevi auf Voraus¬ 
setzungen beruhen, die bei dem gegenwärtigen Stande der Entwicklungsgeschichte nicht 
mehr aufrechtzu erhalten sind. Er beleuchtet kritisch die bisherigen Naevustheorien: die 
allgemeiner Natur (Versehen der Schwangeren, Birchers Hypothese der Zwillingskeime 
und Unnas Druckhypothese) und die der Entwicklungsgeschichte entnommenen (fissurale 
Theorie Virchows, neurogene, Hellers Lymphgefäßhypothese, die Beziehungen der Naevi 
zu den Blutgefäßen, zu den Langerschen Spaltrichtungen, zu den Voigtschen Linien usw.). 
Alle diese Naevustheorien sieht Meirowsky als mißglückt an. Er sucht Analogien zwischen 
den Naevi der Menschenhaut und den normalen und pathologischen Verhältnissen der Haut 
der Tiere. Er geht dabei in klarer und ausführlicher Weise auf die moderne Vererbungs¬ 
wissenschaft ein und zwar auf die Weismannsche Vererbungslehre und im Zusammenhang 
damit auf die Lehren Mendels. Auf Grund von Fällen aus eigener Beobachtung und aus 
der Literatur kommt Meirowsky zu dem Schlüsse, daß die Grundbedingungen für die zu¬ 
künftige Gestaltung des Hautorgans ira Keimplasma liegen müssen, und daß jede Ver¬ 
änderung dieser inneren Anlage eine Veränderung in der Außeneigenschaft des normalen 
zugehörigen Hautteiles hervorrufen müsse. Diese Erkenntnis gibt ihm den Schlüssel für 
den Modus der Naevusbildung, die nach ihm eine Veränderung der Haut in toto oder in 
umschriebener keimplasmatisdi angelegter Stelle ist, die sieh darin äußert, daß an der 
betreffenden Stelle infolge der fehlerhaften Zusammensetzung der Gene des Keimplasmas 
Gewebssubstanzen oder Funktionszustände auftreten, die an sich ganz normal, aber an 
der betreffenden Stelle anormal sind. Den Begriff „hereditär“ und „embryonale Anlage“ 
ersetzt Meirowsky durch keimplasmatisch (Genodermatose). Die Oenodermatosen unter¬ 
scheidet er in universelle und zirkumskripte, letztere als Naevi in engerem Sinne. Iin 
Gegensatz zu den Genodermatoseu stehen alle in- oder extrauterin erworbenen Dermatosen, 
die nicht infolge einer Veränderung des Keimplasmas, sondern durch exogene und endogene 
Faktoren in- oder extrauterin entstanden sind. Die Auffassung von der keim plasmatischen 
Entstehung der Naevi stellt Meirowsky als eine, vorläufige versuchsweise Annahme zum 


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Buchbesprechungen. 103 


Zwecke des leichteren Verständnisses der Tatsachen der Naevuslehre dar, als Etappe auf 
dem Wege zur endgültigen Lösung des Problems. 

3) Bender. Julie: Sexuelle Gesundung und soziale Fürsorge. Frankfurt a. M. 1920. 

Verlag Minjon. 40 S. 

Von Dr. Kurt Finkenrath. 

Eine erschöpfende Darstellung des angeschnittenen Problems läßt sich ja keineswegs 
auf 3 Druckbogen erwarten. Die Verfasserin aber hat sich ihre Arbeit durch zu große 
Breite und Vielseitigkeit erschwert und läßt daher an anderen Stellen die zu fordernde 
Vertiefung und einwandfreie Darstellung von Beobachtungen und nähere Begründung von 
Behauptungen vermissen. Um die Aufgabe, das Kind bis zur Ehe von geschlechtlichen 
Verirrungen frei zu erziehen, werden Frauenrechtsfragen, Prostitution, Religions- uud 
Rasseangelegenheiten gruppiert. Dabei wird mehr behauptet als belegbar, mehr gefordert 
als begründet erscheint. Das Übel aller Reformer, die Forderung staatlichen Zwanges, 
wird auch wieder geäußert. Alle Probleme sind von jüdischem Gesichtspunkte aus be¬ 
trachtet und die Beobachtungen aus einem entsprechenden Kulturkreise entlehnt Die 
Darstellung vermag sich nicht immer auf wissenschaftlicher Höhe zu halten, z. B. S. 21: 

. . Beschneidung . . ., die den sexuellen Trieb des Mannes mäßigt. — Wenn 
wir vom modernen Standpunkte aus zu dem physiologischen Einflüsse der Beschneidung 
Stellung nehmen wollen, so müssen wir zunächst die vielfach vertretene Anschauung 
anerkennen, daß die Anziehung der Geschlechter auf elektrischen Kräften beruht. — 
(Nun Zitat über Stromgesetz aus Herman, Lehrbuch der Physiologie.) In diesem Sinne 
würde die Beschneidung eiue Verbreiterung der Niveauflächen und damit eine Herabminderung 
der lokalen Stromdichte bedeuten. Darauf ist wohl der günstige Einfluß der Beschnei¬ 
dung zurückzuführen.“ — Der Satz ist außerordentlich druckfehlerreicb. 

4) Moeser: Alkoholismus, Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten. Frankfurter 

zeitgemäße Broschüren. Hamm. Breer & Thieraann. 26 S. 75 Pf. 

Von Dr. Kurt Finkenrath. 

An diese volkaufweckenden Schriften darf ein wissenschaftlicher Maßstab nicht 
angelegt werden. Es gilt hier die Gefahren des Alkoholismus einer breiteren Masse dar¬ 
zulegen und um der Wirkung willen auch vor Übertreibungen, nicht einwandfreien 
logischen Schlüssen, falschen Bildern nicht zuriickzuschrecken. Die Tuberkulose und die 
Geschlechtskrankheiten werden ebenfalls nur insofern mit herangezogen, um auch hier 
die direkte oder indirekte Schuld des Alkohols bezüglich der Entstehung oder des Ver¬ 
laufes der Krankheiten zu zeigen. Die Verallgemeinerungen sind unberechtigt, aber die 
Form dieser Erweckungsschriften hat sich nun einmal eingebürgert und, wenn man es so 
nehmen will, bewährt. 

f>) Galant, S.: Algolutlluziitose. Berlin 1920. Aug. Hirschwald. 221 S. 28 Mk. 

Von Dr. Karl Birnbaum, Herzberge. 

Verf., für den dio Dementia praecox eine Erkrankung des Intellekts ist, sucht von 
ihr die Algohalluzinose abzugrenzen, die eine Erkrankung der Sexualität darstelle. Es 
handele sich bei ihr um eine Spaltung der Psyche in das Bewußte und Unbewußte, wobei 
das Unbewußte algolagnisch ist. Ihr spezifisches Grundsymptom sind die Sinnestäuschungen, 
die symbolisch cingekleidete WunseherfülLungen darstellen. Durch Aufbrauch der Affektivität 
infolge von zu viel und zu leidenschaftlichen Anfällen könne sie in Katatonie übergehen. 
Alles dies wird an der Hand — eines Falles bewiesen, dessen Widergäbe mehr als die 
Hälfte des Buches einnimmt und den man sich zum Verständnis seines klinischen Charakters 
einmal von einem gewöhnlichen Psychiater dargestellt wünschte!! Einer Theorie der 
Sexualität und der algolaguischen Halluzinose sind im übrigen große Teile des Buches 
gewidmet, für dessen Inhalt jede psychiatrisch-wissenschaftliche Diskussionsmöglichkeit 
fehlt. Und dieses AVerk kostet 28 Mk.! 

6) Lojner, Georg: Die Welt der Wahrtriiuiiie. Bekenntnisse eines Bekehrten. 

Leipzig 1920. Altmanu. 

Von Dr. Karl Birnbaum, Herzberge. 

Lomor versucht an der Hand vorwiegend eigner äußerer und damit parallel laufender 
Traum-Erlebnisse den Beweis für das Bestehen von Wahrträumen — warnenden, proplie- 


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Selbstanzeige. 


zeienden, mahnenden Träumen — zu erbringen, und gelangt von da aus zu der üblichen 
Anerkennung gewisser transzendentaler psychischer Phänomene und Zusammenhänge 
(Hellsehen, Telepathie usw.). Die naheliegenden Eimväude: zufälliges Zusammentreffen, 
Vieldeutigkeit von Traumsymbolen, das häufigo Vorkommen gewisser im Traume prophe¬ 
zeiter Dinge: Gefahren, persönliche Schädigung in jedem Lebensgange u. dgl. — werden 
nicht genügend gewürdigt. Immerhin worden diese Bekenntnisse eines bekehrten Natur¬ 
wissenschaftler speziell in dem Leserkreise, für den der Verlag tä'tig ist, nicht ohne Ein¬ 
druck bleiben. — Sexuelle Dinge enthält das Buch nicht. 


Selbstanzeige. 

Popenoe, Paul, und Roswell Hill Johnson: Applied Eugenles. New York u. 

London 1918. The Macmillan Co. XII u. 459 S. mit 46 Abb. 2.10 Doll. 

Die eugenische Wissenschaft besteht aus einer biologischen Grundlage und einem 
soziologischen Überbau. Francis Galten, ihr Begründer, hob beide Teile in ihrem richtigen 
Verhältnis hervor. Aber bis in die jüngsto Zeit verhalten sich die meisten Soziologen 
zur Eugenik entweder gleichgültig oder abgeneigt, und diese Wissenschaft blieb vorwiegend 
den Biologen überlassen, welche selbstverständlicherweise am meisten an den Grundlagen 
arbeiteten und den Überbau vernachlässigten. Die Autoren dieses Buches sind nicht 
geneigt, die Bedeutung der biologischen Arbeit herabsetzen zu wollen, doch halten sie es 
für wünschenswert, die Mittel der praktischen Anwendung der biologischen Grundsätze 
sorgfältiger zu studieren. Deshalb geben sie vom Vorgang der Vererbung bloß eine zu¬ 
sammenfassende Darstellung und legen mehr Gewicht auf die praktischen Mittel, mit 
welchen die Gesellschaft zur Fortpflanzung überlegener Personen aufmuntem und von 
der Fortpflanzung Minderwertiger abhalten kann. 

Wir nehmen an, daß im allgemeinen „eine in eugenischer Beziehung überlegene 
oder erwünschte Person die Erbgrundlagen für die folgenden Eigenschaften in überdurch¬ 
schnittlichem Maße besitzt: Das Reifealter zu überleben; sich entsprechend zu vermehren, 
glücklich zu leben und beizutragen zur Produktivität, zum Glück und Fortschritt der Ge¬ 
sellschaft 44 . Es wird angenommen, daß unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Ver¬ 
hältnissen in vielen Fällen der Betrag des Einkommens einer Familie ein ziemlich be¬ 
friedigendes Anzeichen des eugenischen Wertes ihrer Glieder ist, wenigstens in dem 
Maße, daß zum Erwerb eines Lebensunterhalts unfähige Personen wahrscheinlich kein 
gutes Ausgangsmaterial für die Fortpflanzung sind. 

Als Aufgabe der Eugenik wird bezeichnet, „solche gesetzgeberische, gesellschaftliche 
und wirtschaftliche Maßregeln zu ergreifen, die bewirken, 1. daß eine verhältnismäßig 
größere Anzahl überlegener Personen Kinder haben als gegenwärtig; 2. daß die Zahl der 
Nachkommen jeder überlegenen Person größer ist als jetzt; 3. daß die mindestwertigen 
Personen keine Kinder haben; und schließlich 4., daß andere minderwertige Personen 
weniger Kinder haben als jetzt 14 . 

Dio Verf. beginnen mit der Darlegung ihrer Gründe für die Annahme, daß geistige 
sowohl wie körperliche Unterschiede unter den Menschen vielmehr Folgen von Unter¬ 
schieden ihres Keimplasmas als von solchen der Umwelt sind, und daß erworbene Eigen¬ 
schaften nicht vererbt werden. Ferner wird nach gründlicher Überschau des Beweis¬ 
materials auseinandergesotzt, daß der Eiafluß der sogenannten Keirngifte (nämlich Alkohol, 
Syphilis) stark übertrieben wurde, und daß neue Eigenschaften durch sie nicht entstehen. 

Dio natürliche Auslese beim Menschen wird eingehend betrachtet und ihre Wirk¬ 
lichkeit mittels biometrisehei und anderer Methoden bewiesen. Ein Kapitel ist der Ge¬ 
schichte der eugenischon Bewegung auf der ganzen Erde gewidmet. 

Drei Kapitel betreffen die einschränkende Eugenik; es wird darin die Meinung ver¬ 
treten, daß die Absonderung der mit Mängeln Behafteten das am besten anwendbare Mittel 
zur Verhinderung ihrer Vermehrung ist. Das Wirken der geschlechtlichen Auslese beim 
Menschen wird klargelegt und es wird der Standpunkt vertreten, daß die Erweiterung des 
Bereiches der Gatten wähl der jungen Leute eine der bedeutendsten eugenischen Errungen¬ 
schaften sein würde. Sie wäre zu erreichen, wenn das ältere Geschlecht dahin streben 
würde, dem jungen Volk zu einem weiteren Kreis von Bekanntschaften zu verhelfen. 

Überraschende Zahlen werden augeführt, um zu zeigen, daß bloß etwa die Hälfte 
der Graduierten der höheren Frauenschulen in den Vereinigten Staaten sich jemals ver¬ 
heiraten und es werden Wege vorgeschlagen, um diese Unfruchtbarkeit fähiger Frauen 
zu verhüten, wobei auf einen Übergang von reiu klassischer Bildung zu einer solchen, 
welche Vorbereitung auf die Mutterschaft in sich schließt, Wert gelegt wird. 


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Referate. 


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Die Geburtenhäufigkeit der Studierten ist in Amerika sogar noch geringer als ihre 
Heiratskäufigkeit. Die Verf. glauben, daß diese geringe Geburtenhäufigkeit fast ganz auf 
wirtschaftliche Ursachen und viel weniger auf biologische Unfruchtbarkeit zurückzuführen 
ist. Auch hier werden die Aufklärung der öffentlichen Meinung, sowie wirtschaftliche 
Reformen, als die besten Mittel zur Abhilfe betrachtet. 

In einem Kapitel über die Negerfrage vertreten die Verf. die Ansicht, daß der 
Neger genetisch hinter der weißen Rasse zurücksteht, was aus den folgenden Tatsachen 
hervorgeht: 1. Wenn die Negerrassc in Afrika sich selbst überlassen bleibt, erhebt sie 
sich nicht viel über die Barbarei; 2. wenn der Neger in eine neue Umwelt verpflanzt 
wird und auf seine eigenen Kräfte angewiesen bleibt, unterbleibt ebenfalls ein nennens¬ 
werter Aufstieg; 3. wenn der Neger neben Weiße versetzt wird, wie in Nordamerika, 
so vermag er nicht, es diesen gleich zu tun oder ihnen irgendwie nahe zu kommen; 
4. psychometrische Versuche stimmen mit diesen geschichtlichen Beweisen überein, indem 
sie zeigen, daß der Neger geistig minderwertig ist. ln Anbetracht dieser Tatsachen glauben 
die Verf., daß Heiraten wie überhaupt jeder geschlechtliche Verkehr zwischen Negern 
und Weißen in den Vereinigten Staaten sowohl durch Gesetz wie durch Volksmeinung 
verboten sein solle. 

Die eugenischen Wirkungen der Einwanderung nach den Vereinigten Staaten werden 
im einzelnen beschrieben. Es wird darauf verwiesen, daß die ersten Siedler ein ziemlich 
gleichartiges Menschenmaterial nordischer Rasse aus Großbritannien, Deutschland, Frank¬ 
reich und Skandinavien waren, während unter den Einwanderern des letzten halben Jahr¬ 
hunderts die alpine oder mediterrane Rasse immer mehr vorherrschte. Di-« Verf. legen 
dar, daß Mischheiraten zwischen zwei ganz verschiedenen Menschenschlägen eine genetisch 
schlechte Wirkung haben, selbst wenn beide von gleichem eugenischen Wert waren, weil 
dabei die Neigung besteht, wertvolle Verbindungen erblicher Anlagen aufzulösen, die durch 
jahrhundertelange Auslese zustande kamen. 

Ein Kapitel behandelt die eugenischen Wirkungen des Krieges und ein andere." das 
Studium der Genealogie. Die eugenischen Gesichtspunkte gewisser Reformen werden in 
Betracht gezogen. Eine hohe Erbschaftssteuer wird befürwortet. Die innere Kolonisation, 
oder, wie man in Amerika sagt, die Bewegung „Zuiüek zur Bauernwirtschaft“, wird 
empfobleu. Die Demokratie wird mißbilligt, soweit sie zur Nichtachtung der überlegenen 
Befähigung führt. Der Sozialismus wird zergliedert und seine fundamentalen Grundsätze 
werden befürwortet, sofern sie nicht mit dem Aberglauben Zusammenhängen, daß alle 
Menschen von Natur aus gleich befähigt sind. 

Der Erziekungszwaug und die Abschaffung der Kinderarbeit werden für ougenisch 
vorteilhaft gehalten. Die feministische Bewegung wird mit Verdacht betrachtet und eine 
mehr freisinnige Erziehung der Frauen wird verlangt. 

Staatliche Altersrenten worden als eugenisch nachteilig betrachtet, weil sie zur/Ver- 
mebrung des minderwertigen Teiles der Bevölkerung auf Kosten des überlegenen Teiles 
anspornen. 

Die Mittel zur Förderung der Eugenik seitens der religiösen Welt werden in einem 
besonderen Kapitel besprochen, während das Schlußkapitel einer Erörterung Uber „Eugenik 
und Eutbemk“ gewidmet ist. An der Hand biometrischer Studien von A. Pioetz, Karl 
Pearson und Paul Popenoe wird hier gezeigt, daß die Versuche zur Hebung des Menschen¬ 
geschlechts lediglich durch Verbesserung der Uinweltvcrhältuisse illusorisch sein müssen 
und daß andererseits eugenische Maßregeln Erfolg nur unter den bestmöglichen Umwelt¬ 
verhältnissen haben können. Es wird deshalb erklärt, daß kein tatsächlicher Gegensatz 
zwischen den beiden Methoden zur Sicherung der Kassenverbesserung besteht. 

Einige Anhänger und ein Glossarium sind beigegeben. Jedes Kapitel des Buches 
ist mit einer Menge von Angaben über jeden Zweig der Rassenhygiene bereichert, dio 
sowohl europäischen wie amerikanischen Quellen entnommen sind. Eine Einführung hat 
Dr. Eduard Alsworth Ross, Professor der Soziologie an der Universität Wisconsin, 
beigetragen. (Aus dom englischen Manuskript übersetzt von H. Fehl ingor.) 


Referate. 

1) Höpler, Erwein: Hörigkeit. Arch. f. Kriminologie. Bd. 71. S. 253ff. 

Der 21 Jahre alte Student dor Medizin A., der bei seinen in geordneten Verhält¬ 
nissen lebenden Eltern wohnte, seinem Berufsstudium mit großem Fleiße oblag und auch 
auf den Kliniken mit gutem Erfolg verwendet wurde, war einige Zeit als Hilfskraft dem 
Bezirksarzt zugeteilt worden, der die regelmäßige ärztliche Untersuchung der unter Auf¬ 
sicht stehenden Dirnen durchzuführen hatte. Das weibliche Geschlecht schien ihm, viol- 


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Referate. 


leicht infolge dieser Tätigkeit, minderwertig und nur zur sinnlichen Befriedigung bestimmt. 
Mit Vorliebe rühmte er sich seiner Erfolge bei Mädchen, wobei er stets nur die sexuelle 
Seite betonte. Um die Mitte des Jahres 1918 lernte Ä. ein Mädchen kennen, zu dem 
or eine tiefere Neigung gefaßt zu haben schien. Die Beziehungen zu diesem Mädchen 
wurden im Herbst 1918 intim, ynd er pflegte regelmäßig einmal in der Woche in einem 
Hotel mit seiner Geliebten die Nacht zu verbringen. Im Winter 1918 begann A. eifer¬ 
süchtig zu werden,- da das Mädchen Tanzstunde besuchte, denen A., der nicht tanzte, 
fernblieb. A., der von dem Mädchen als von seiner Braut sprach, erhielt am 24. Januar 1919 
von ihr einen Absagebrief, in welchem das Mädchen erklärte, es habe A. ehrlich geliebt, 
sehe sich aber schwer enttäuscht, da er sie wie eine Dirne behandelt habe. Voraus- 
gegangen-war eine Szene, die sich im Hotel abspielte und in der A. erklärt hatte, das 
Mädchen sei ihm nicht mehr wie alle anderen Frauen, ein Zeitvertreib; er schätze sie 
nicht höher als die anderen. Trotz dieser schweren Kränkung hatte er die Widerstrebende 
zum Beischlaf gezwungen. A. war durch den Absagebrief tief ergriffen und äußerte 
Selbstmordgedanken. Eine Aussöhnung, die die Freunde zwischen ihm und dem Mädchen 
versuchten, hatte keinen Erfolg. Am darauffolgenden Tage, den 26. Januar, traf A. einen 
Freund in Begleitung eines Mädchens. Er schloß sich den beiden an, erblickte aber 
plötzlich ein auffallend angezogenes junges Mädchen, dem er nachging. Nach kurzer Zeit schon 
kam er*mit der Unbekannten seinem Freund und dessen Begleiterin entgegen. Sie gingen 
zusammen in ein Kaffeehaus, wobei eine anregende Unterhaltung über harmlose Dinge 
sich entwickelte. Um 1 Uhr entfernte sich der Freund mit seiner Begleiterin und ver¬ 
sprach um 6 Uhr wiederzukommen, fand aber bei seiner Rückkehr weder A. noch die 
Unbekannte vor. Diese hatte, als sie mit A. allein war, sofort mit der Enthüllung ihres 
Lebensschicksales begonnen. Sie schilderte, wie unglücklich sie sich infolge schwerer 
Krankheit und homosexueller Veranlagung fühle und sprach schließlich von ihrem Lebens¬ 
überdruß und von ihrem feststehenden Entschluß, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. 
A. erzählte hierauf von dem Mißgeschick mit seiner Geliebten, das auch in ihm Selbstmord¬ 
gedanken ausgclöst. habe. Die Unbekannte nahm dies gierig auf, sprach eindringlich vom 
gemeinsamen Sterben und brachte es schließlich dazu, daß A. ihr ehrenwörtlich ver¬ 
sprach, sie noch am gleichen Tage zu erschießen. A. fuhr in einem von dem Mädchen 
bezahlten Auto nach Hause, um einen Revolver zu holen. Er nahm einen seinem Bruder 
gehörigen Revolver mit. Im Hotel schrieben beide Abschiedsbriefe. Hierauf verlangte 
die Unbekannte von A., dieser möge in ihrer (legenwart mit dem Stubenmädchen Bei¬ 
schlaf pflegen und ließ dieser eine von der Unbekannten zu diesem Zwecke übergebene 
50 Kronennote anbieten. Das Stubenmädchen weigerte sich jedoch, worauf sich A. und 
die Unbekannte aus dem Hotel entfernten. Auf der Straße näherte sich A. infolge Auf¬ 
forderung seiner Begleiterin einer Straßendirne und begab sich mit dieser in ein Hotel, 
wählend die Unbekannte, die zunächst hatte raitgehen wollen, vor diesem Hause auf A. 
wartete. Nach seiner Rückkehr sprach die Unbekannte den Wunsch aus, A. möge an 
seine Geliebte telephonieren. Dieser tat dies auch und rief dem Mädchen zu: „Ich will 
mich von Dir verabschieden; ich erschieße mich jetzt.“ Auf den Vorhalt, A. möge keine 
schlechten Witze machen, rief die Unbekannte: „Ja, Fräulein, es ist gar nicht lächerlich; 
wir machen das jetzt gemeinsam.“ Die weitere Frage des Mädchen, wer denn die Un¬ 
bekannte sei, wurde nicht beantwortet. Die Unbekannte nahm nun ein Auto, bezeiehnete 
dem Lenker als Ziel ein Krankenhaus, stieg mit A. ein und legte das Fahrgeld in die 
Wagentasche. Auf dem nur kurzen Weg zum Fahrziel setzte die Unbekannte dem A. 
unausgesetzt zu, zu schießen und warf dem Zögernden Feigheit und Wortbruch vor. 
Kurz vor der Ankunft im Krankenhaus gab A. zwei Schüsse ab, den einen auf seine 
Begleiterin, die schwer blutend auf ihn fiel, den zweiten gegen seine eigene Brust. Bei 
der Ankunft im Krankenhaus zeigte A. große Angst vor dem Tode, verlangte unter Hinweis 
auf seinen ärztlichen Beruf zuerst behandelt zu werden und wünschte verschiedene be¬ 
kannte Professoren zu seiner Behandlung herbeizuziehen. Das schwerverletzte Mädchen, 
das als die 19 Jahre alte H. Z. fcstgestellt wurde, starb am 28. Januar, während die 
Schußyeiietzung des A. etwa nach 10 Wochen folgenlos verheilte. 

Über die Persönlichkeit der Getöteten wurde folgendes festgestellt: Sie ist die Tochter 
einer nervösen Mutter, einer galizischen Jüdin, und wird als überaus begabt und künstlerisch 
veranlagt geschildert. Sie hatte das Mädchengymnasium absolviert, infolge Zwistigkeiten 
das Elternhaus verlassen und war als künstlerischer Beirat bei einem kunstgewerblichen 
Institute angestellt. Mit einer Freundin, die vollkommen unfer dem Banne der II. Z. 
stand, beging sie gewerbsmäßig Warendiebstähle. H. Z. erzählte jedem mit seltener Scham¬ 
losigkeit von ihren sittlichen Verfehlungen und von ihrer homosexuellen Veranlagung, 
wobei sie ihrer Freundin den Männernamen „Peter“ beilegte und sieh rühmte, aus dem 
Mädchen, das eine Vorzngsschülerin gewesen war, eine sittenlose Diebin gemacht zu haben. 
Im Frühjahr 1918 war H. Z. in irrenärztlicher Behandlung. Die Krankengeschichte hebt 


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Referate. 


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vor allem ihre besondere Schani- und Reuelosigkeit hervor und daß H. Z. sich mit ihrer 
Schamlosigkeit geradezu brüstete. H. Z. hatte übrigeus nach der Schilderung ihrer Be¬ 
kannten schon seit langer Zeit nach jemand gesucht, der sie töten würde, da ihr selbst 
der Mut fehle, ihren Selbstmordgedanken auszuführen. Die gerichtliche Leichenöffnung 
zeigte eine schwere geschlechtliche Erkrankung der H. Z. Das Strafverfahren wurde 
seltsamer Weise im Gnadenwege niedergeschlagen und eingestellt. Es kam daher auch 
nicht zu einer psychiatrischen Begutachtung des Falles, was gewiß von großem Interesse 
gewesen wäre. Hopler ist der Meinung, es liege eine durch die intensive Willenskraft 
der H. Z. hervorgerufene Hörigkeit vor, welche bei A. die Straftat ausgelöst habe 
und begründet dies des näheren. Horch, Mainz. 

2) Jones, Ernest (London): Über anal-erotische CharakterzUge. Intern. Zeitschr. f. 

ärztl. Psychoanalyse. V. Jahrg. 1919. H. 2. 

Durch seine fundamentalen Arbeiten über die Bedeutung der Afterzone für das 
Triebleben der Menschen, durch Aufstellung des Begriffes der Analerotik und schließlich 
durch den Nachweis der engen Beziehungen, die zwischen der aus jenen Quellen 
stammenden und frühzeitig verdrängten Lust und der späteren Charakterbildung bestehen, 
hat Freud der Psychoanalyse ein weites Feld für ihre Forschungen eröffnet. Zu den 
wertvollsten gehört der vorliegende Aufsatz Jones*. Nach einer allgemein gehaltenen 
kurzen Erörterung der Analerotik und der Kotsymbolik geht er zur Besprechung einer 
Reihe von Charakter zögen über, die sich aus dem kindlichen Streben nach Zurückhalten 
des Defäkationsvorganges, zum Zwecke größtmöglicher Lustgewinnung, herleiten. Unter 
ihnen sind zu erwähnen die Neigung zum Zaudern, zum Verschieben und Verzögern von 
Unternehmungen, die dann in letzter Minute mit beträchtlichem Aufwand von Energie 
durchgeführt werden. Bei Menschen dieses Typus findet mau häufig Perioden, ip denen 
großartige Arbeitsleistungen mit schweren Arbeitshemmungen abwechseln. Eine andere 
Reaktion baut sich auf dem infantilen Streben auf, das Selbstbestimraungsrecht über Zeit¬ 
punkt und Art der Defäkation zu wahren, und sie ist erkennbar in den eigensinnigen, oft 
trotzigen Einstellungen des Individuums, zu der nicht selten eine besondere Wertschätzung 
des Eigentums und auffallende Empfindlichkeit gegenüber fremden Einflüssen treten, ln 
den gleichen Komplexen wurzelt das oft übertriebene Streben nach Selbstbeherrschung. 
Eine Reihe von Charaktereigenschaften leitet sich von dem Interesse an den Exkreten 
selbst her, wobei jedoch dem Interesse an dem DefiikationsVorgang sein mitbestimmender 
Einfluß gewahrt bleibt. Sie stellen sich als Sublimierungen oder Reaktionsbilduugen dar, 
die jeweils von der Beibehaltung oder dem Aufgeben der ursprünglichen Wertschätzung 
der Exkrete bestimmt werden. Der Autor stellt vier Gruppen von Reaktionsmöglichkeiten 
auf, die sich auf den Impuls zu behalten (oder zu besitzen) und auf den herzugeben (oder 
zu schaffen) einstellen. Die typische Sublimierung der Neigung zum Behalten ist die 
Sparsamkeit mit ihren Ausläufern in Geiz und Habsucht und mit dem Streben zu sammeln. 
Dem gleichen Komplex gehören weiter an die große Zuneigung für symbolisch bedeutsame 
Dinge, vor allem aber die ganz außerordentliche Zärtlichkeit solcher Menschen für Kinder. 
Die Reaktionsbildung auf das „Behalten“ ist die Ordentlichkeit, oft mit Vorliebe für verbale 
Exaktheit verbunden und zuweilen in Pedanterie ausartend, ln den gleichen Zusammen¬ 
hang gehört die Eigenschaft der Verläßlichkeit. 

Die Sublimierung des Triebes zum „Hergebeu“ erscheint in der Form übertriebener 
Freigebigkeit und Verschwendungssucht; die Reaktionsbildung auf ihn als maßlos ge¬ 
steigerter Reinlichkeitsdrang. 

Zusammen fassend weist der Verf. auf die Schwierigkeiten hin, die sich für die 
Analyse anale rot ischer Charakterzüge aus den ungemein komplizierten Beziehungen der 
einzelnen Komponenten zueinander ergeben. Indessen hat er dank einer klaren und 
übersichtlichen Darstellung diese Schwierigkeiten zu überwinden verstanden und auch 
dem mit dem Gegenstände Vertrauten viel Wichtiges und Wertvolles zu sagen gewußt. 

Karl Weiß. Wien. 

3) Freud, Sigm.: „Ein Kind wird geschlagen, 44 Beitrag zur Kenntnis der Entstehung 

sexueller Perversionen. Intern. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse. V. Jahrg. 1919. ^ H. 3. 

Die Arbeit basiert auf der Erfahrung aus Aualyseh au Zwangsneurotischen und 
Hysterischen, in deren Verlauf die Phantasievorstellung „ein Kind wird geschlagen 44 häufig 
auftaucht. F. sieht in ihr einen primären Zug von Perversion, der dadurch entstanden 
ist, daß eine Komponente der infantilen Sexualfunktion sich Josgerissen, frühzeitig und 
selbständig fixiert und dadurch den späteren Entwicklungsvorgängen entzogen habe. Nun 


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□ rigiral frem " 

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Referate. 


kann es sein, daß eine solche Perversion später durch Sublimierung oder Reaktionsbildung 
wieder verschwindet. Wo aber diese Vorgänge ausbleiben, persistiert sie auch im Leben 
der Erwachsenen. Die Schlagephantasien stellen sich als Endglieder einer Entwicklungs¬ 
reihe dar; ihre Analyse wird in der vorliegenden Arbeit unternommen und zwar zunächst 
an weiblichem Material. Sie zeigt an der Phantasie drei deutlich unterscheidbare Phasen 
auf, die verschiedene Inhalte haben. Die eiste hat möglicherweise die Bedoutung von 
Erinnerungen oder Wünschen, ihr Inhalt ist jedenfalls noch etwas dunkel. Er lautet: 
Der Vater schlägt das Kind, was, wie später gezeigt wird, eigentlich heißen soll: der 
Vater schlägt das mir verhaßte Kind. Weit bestimmter erscheint die zweite Phase, deren 
Inhalt als masochistischer, lustbetonter agnosziert wird, und der besagt: ich werde vorn 
Vater geschlagen. Die dritte ähnelt der ersten, ihr Wortlaut ist der des Titels dieses 
Aufsatzes. Die Bedeutung der Schlagephantasie in ihrer ersten Phase wird als Befriedi¬ 
gung eifersüchtiger Regungen des Kindes gewürdigt; denn der Vater, der das andere, 
verhaßte* Kind schlägt, liebt dieses nicht, er liebt nur mich (sc. das phantasierende 
Kind). Dieser inzestuösen Einstellung zum Vater als Liebesobjokt, die durchaus genital 
gemeint ist, folgt die Umkehrung durch das Schuldbewußtsein: der Vater liebt mich nicht, 
er schlägt mich. „Ich werde vom Vater geschlagen“, als Inhalt der zweiten Phase, ist 
zugleich Strafe für die inzestuöse Einstellung und ein regressiver Ersatz für sie. Von 
diesem letzteren rührt die libidinöse Verstärkung der masochistischen Phantasie her, die 
häufig zur Abfuhr in onanistischen Akten drängt. Für ihr Unbewußtbleiben, das die Regel 
ist, liegen genügend Gründe vor und es ist begreiflich, daß sic später durch eine bewußtseins¬ 
fähige ersetzt wird. Wir haben sie in der dritten Phase kennen geleint und sie läßt das 
Kind nicht mehr als aktiv beteiligtes Subjekt, sondern höchstens noch als Zuschauer auf- 
treten. Die besondere Bedeutung der aualysalen Mechanismen liegt darin, daß sie eine 
kindliche Perversion aus der infantilen, inzestuösen Objektliebe, also aus dem Ödipus¬ 
komplex herstammeud nachweist. 

Die Untersuchungen am männlichen Material, hauptsächlich Masochisten mit femininer 
Einstellung, weist gleichfalls Phasen der Schlagephantasie auf, deren erste so heißt: ich 
werde von der Mutter geschlagen. In dieser Form ist sie bewußtseinsfähitf, wird jedoch 
von der Analyse als sekundäre Bearbeitung einer primären Phantasie erkannt, die lautet: 
ich werde vom Vater geschlagen. Als solche entspricht sie der bei den Mädchen als 
zweite Phase geschilderten Form. Inhaltlich erscheint auch sic als Regressionsprodukt 
und ist auf die ursprüngliche Formel zurückzuführen: ich werde vom Vater geliebt. Die 
endgültige Formulierung der Schlagephantasie der Knaben ist die erwähnte: ich werde 
von der Mutter geschlagen. Somit wird auch die männliche Schlagephantasie als Ab¬ 
kömmling der inzestuösen Bindung an den Vater, als Abzweigung vom Ödipuskomplex 
erkennbar. Nach diesen prinzipiellen Feststellungen hat F. die Übereinstimmungen und 
Verschiedenheiten in den Schlagephantasien bei beiden Geschlechtern dargelegt und wendet 
sich daun zur Besprechung zweier Theorien, die die Beziehung der Verdrängung, die ja 
für die aufgezeigten Wandlungen der Schlagephantasie maßgebend ist, zum Geschlechts- 
oharakter behandeln. Nach der ersten, die anonym blieb, ist beim Manne das unbewußt 
Verdrängte auf weibliche Triebregungen zurückzuführen; umgekehrt beim Weibe. Für 
Alf. Adler, den Autor der zweiten, ist gleichfalls der Kampf der Geschlechter das für 
die Verdrängung Entscheidende. F. setzt sich mit beiden auseinander und zeigt ins¬ 
besondere, wie die Lehre vom „männlichen Protest* 4 mit den Tatsachen der Verdrängung 
unvereinbar sei. 

Fügen wir noch hinzu, daß der Aufsatz, gewissermaßen nur nebenbe 1 , Streiflichter 
auf Probleme wirft, die, jedes für sich, noch gewaltige Arbeit erfordern werden , daß er, 
mit einem scheinbar absichtslos hingeworfenen Wort der Forschung die Wege jvoist, 
es sei auf die Bemerkungen über das Wesen des Masochismus hingewiesen, auf die An¬ 
deutungen über die mögliche Grundlage des paranoischen Querulantenwahns, auf die 
-Schlußsätze, die von der Bedeutung des Ödipuskomplexes für die sexuellen Abirrungen 
des kindlichen und reifen Alters sprechen - -, so dürfen wir hoffen, daß aus dem Samen¬ 
korn dieser Arbeit neue, reiche Finte für die Psychoanalyse wachsen wird. 

Karl Weiß, Wien. 

■!) Badge r, J. : Psyehopathia sexualis urnl innere Sekretion. Fortsehr. d. Med. H>20. I. 

Überblick über die organische und die psychische Richtung in der Lehre von den 
Geschlechtsverirruugen. In neuester Zeit hat die erstere durch die Experimente Steinachs 
und anderer, insbesondere aber durch den operativen Heilungserfolg Lichtenstorns eine 
entscheidende Stärkung erfahren. Aber eine kritische Würdigung dieser Beobachtungen 
und Erfahrungen sowie unseres gesamten derzeitigen Wissens von der inneren Sekretion 


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Referate. 


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zeigt, daß dadurch iu Wirklichkeit die Einsicht in das Wesen der Psvchopathia sexualis 
bisher nur wenig gefördert worden ist. „Bloß von den konstitutionellen Bedingungen 
haben sie ein Stückchen den Schleier gelüftet 1 ". Nicht die anatomisch-chemische Methode, 
sondern uur eine psychologische Forschung, die Seelisches in seelischer Weise prüft, 
werde die Klärung zu bringen vermögen. Max Marcuse. 

f> 7) Fairschild, 1).: Twins. — Danforth, C. H.: Resemblauee and dffferenee in 
iw ins. — Wilder, H. H.: Pitysical correspondenee in two sets of duplicate 
twins. The Journal of Heredity. Bd. 10. Nr. 9. 

Die American Genetic Association sammelte mit Hilfe der Presse Photographien von 
Zwillingen. Nachdem sie eine ansehpliehe Zahl davon beisammen hatte, wurde ein Frage¬ 
bogen ausgesandt, um Angaben über Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Körpergestalt 
und der geistigen Beschaffenheit der Zwillingspaare zu bekommen. Es beteiligte sich eine 
große Zahl vermutlich identischer Zwillinge, was damit zu eiklären ist, daß diese 
weit mehr Interesse aneinander nehmen als solche, die sich in ihrem elterlichen Erbteil 
nicht, näher stehen als andere Geschwister auch. Die Übereinstimmungen im Aussehen, 
welche die widergegebenen Bilder zeigen, sind manchmal überraschend und die Be¬ 
merkung, daß identische Zwiiliug^indcr in einigen Fällen nicht einmal von ihren Müttern 
stets auseinandergehalten werden können, wundert uns nicht. Da solche Menschen 
aus ein und demselben befruchteten Ei hervorgehen, besitzen sie auch dieselben erblichen 
Anlagen. Wenn sie sich dennoch nicht völlig gleichen, so ist die Erklärung hierfür nahe¬ 
liegend: Die Unterschiede zwischen ihnen sind nicht größer als die, welche sonst zwischen 
der rechten und der linken Hälfte des Körpers ein und desselben Menschen bestehen. 
Diese „Asymmetrie 11 des Körpers ist von Person zu Person verschiedengradig und ebenso 
verschiedengradig ist die körperliche und geistige Abweichung zwischen identischen 
Zwillingen. Wie in der äußeren Erscheinung, so stimmen identische Zwillinge in ihren 
Fähigkeiten, ihren Neigungen und Abneigungen, in ihrem Verhalten zum anderen Ge¬ 
schlecht usw. überein. Bemerkenswert ist die Feststellung, daß bei manchen Zwillings¬ 
paaren gleichgerichtete Schwankungen des Körpergewichts Vorkommen, ebenso gleiche 
Neigung zu Krankheiten, ln einem Fall wurde angegeben, daß Zwillingsschwestern häufig 
gleichzeitig von derselben Person dasselbe träumen, auch wenn sie an verschiedenen Orten 
übten. Anscheinend ziemlich oft kommt es vor, daß sich identische Zwillinge in Ge¬ 
danken miteinander befassen und sich zu gleicher Zeit Briefe schreiben. — Die auffallende 
Übereinstimmung, welche Prof. Wilder im Verlauf des Liniensystems an Händen und 
Füßen identischer Zwillinge feststellen konnte, ist besonders beachtenswert. 

H. Fehl ingor, München. 

8) Patterson, J. T.: Poly eilt bryony and Sex. Am. Journal of Heredity. Bd. X. 
8. 344—352. 

Die Entwicklung mehrerer Embryonen aus einem und demselben Ei tritt sporadisch 
bei vielen, ja vielleicht bei allen höheren Tieren auf. Das Geschlecht der Jungen, die 
einem Ei entstammen, ist stets das gleiche. * Es wird angenommen, daß der Same 
inännchen- oder weibchenbestimmend ist und im Augenblick der Befruchtung das Ge¬ 
schlecht entscheidet. Doch gibt es niedere Tiere, bei welchen Polyembryonie artmäßig 
vorkommt. Schon frühere Untersuchungen ergaben, daß bei diesen Tieren aus manchen 
Bruten gleichgeschlechtliche, aus anderen aber verscbiedengeschlechtliche Nachkommen 
entstehen. Umfangreiche Untersuchungen Prof. Pattersons an parasitischen Hy men opferen 
(Copidosoma, Paracopidosomopsis und Platygaster) bestätigen dieses Resultat. Die Ver¬ 
suche mit Copidosoma ergaben vorwiegend gleichgeschlechtliche Bruten, jene mit Paro- 
copidosomopsis aber vorwiegend gemischtgeschlechtliche Bruten, und die mit Platygaster 
entweder gemischtgeschlechtliche oder weibliche, iu keinem Fall ausschließlich männliche 
Bruten. 

Um die verschiedengesehlechtliehen Bruten bei polyembryonischen Hautflüglern zu 
erklären, wurde bisher angenommen, daß diese Bruten aus einem befruchteten und einem 
unbefruchteten Ei entstehen, die in den Wirtskörper abgelegt werden. Ersteres ergibt 
weibliche, letzteres männliche Individuen. P. aber wendet hiergegen ein, daß eine solche 
zweifache Eiablage doch manchmal zu verschiedenen Zeiten stattfinden würde, während 
die Individuen einer gemischten Brut stets zugleich ausschlüpfen. Überdies herrschen 
bei solchen Bruten weibliche Individuen immer sehr stark vor, ja bei Platygaster ist in 
mehr als der Hälfte aller gemischten Bruten nur ein Männchen dabei. Es wird an¬ 
genommen, daß ein befruchtetes Ei Männchen und Weibchen ergibt, und zwar wahr- 


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iio 


Referate. 


scheinlich in der Weise, daß bei der Teilung des befruchteten Eies gewisse Elastomeren 
nur Chromosomen mit männlich gelichteter Geschlechtstendenz erhalten. In zwei Fällen 
konnte P. bei polyembryonischen Parasiten das Entstehen androgyner Individuen fest¬ 
stellen. Vielleicht kommt das sogar öfter vor, denn namentlich bei Platygaster ist der 
somatische Geschlechtsunterschied ganz gering, auf die Gestaltung der Antennen beschränkt. 

H. Fehlinger, München. 

9) Ho ff mann, W. H.: Das venerische Granulom. Münchn. med. Woch. 1920. 6. 

Das venerische Granulom ist eine in den Tropen vorkommende „vierte Geschlechts- 
krankheit“, deren erste Fälle 1896 beschrieben wurden und in Guyana beobachtet waren. 
Die Krankheit ist auch heute noch wenig erforscht und wird in der vorliegenden Arbeit 
nach Symptomatologie, Therapie, Kontagiosität, Unempfanglichkeits- und Abwehrerschei- 
nungen, Histologie, Ätiologie, Diagnostik und Prophylaxe besprochen. 

Max M arcuse. 

10) Ritteishaus, G.: Ein Beitrag zur Theorie der Geschlechtsbestimmung und zur 
Frage des Knabenüberschusses. Münchn. med. Woch. 1920. 6. 

Durch F. Lenz angeregte Nachprüfung der Siegel sehen Befunde und Theorien. 
Kritischer Bericht über 4659 Geburten der letzten 4 l / 2 Jahre aus der Freiburger Universitäts- 
Frauenklinik (Geh. Rat Opitz). Ergebnisse: 1. Für die Erstgebärenden besteht bis zum 
40. Lebensjahre kein Absinken der Knabenziffer. 2. Eine Steigerung der Knabenziffer 
durch den Krieg läßt sich nicht nachweisen. Max Marcuse. 

11) Lenz, F.: Ergänzende Bemerkungen zur Geschlechtsbestimmung. Münchn. med. 
Woch. 1920. 6. 

Man könne nunmehr ..über die Siege Ischen Hypothesen zur Tagesordnung über¬ 
gehen 11 . Max Marcuse. 


12) Lundberg, H.: Rassenbiologie. Die Umschau. 1920. 9. 

Die Mechanisierung der Welt, der starke Individualismus mit Selbstsucht, Mammon- 
afibetung und Sittenlosigkeit ira Gefolge führen die Völker an den Abgrund. Wichtige 
Ursachen für den Untergang älterer und neuerer Kulturvölker sind im Zusammenhang 
damit „die Politik der leeren Wiege“ und die kontraselektive Gattenwahl. Ein anderer 
belangvoller Faktor zur Bedrohung von Bestand und Kultur eines Volkes ist die Kreuzung 
zwischen verschiedenen Rassen, falls es sich nicht um einander sehr nahestehende Ele¬ 
mente handelt. Mehr einheitliche und rassenreine Völker, wie z. B. die skandinavischen, 
stehen biologisch und kulturell hoch; stark rassengemischtc Völker, wie z. B. die Bai kan- 
Völker und das „Blutchaos“ in Mittel- und Südamerika, weisen körperliche und geistige 
Disharmonie und die Zeichen der Rassen Verderbnis auf. Die Volkerkonstitution West¬ 
europas andrerseits wird durch die Industrialisierung und Proletarisierung außerordentlich 
verschlechtert, denn der Bauernstamm ist die (Quelle der Gesundheit eines Volkes. Wo 
liegt die Rettung? „Wir müssen mehr für das Geschlecht uud die Rasse opfern und 
arbeiten, als das bisher geschehen ist*', und „es müssen in allen Kulturländern rassen¬ 
biologische Forschungsinstitute errichtet werden“. Max Marcuse. 

13) Lande, Dora; Fraucnbildungswesen und Koedukation. Arch. f. Frauenkunde u. 

Eugenetik. Bd. V. H. 2 u. 3. 1919. 

Ais dringendste Forderung der Jetztzeit tritt die Lösung des Frauenbildungsproblems 
in den Vordergrund. Dieses Problem kann seine endgültige Lösung in der Einführung 
der Koedukation beider Geschlechter finden. Speziell in Preußen hat man auf diesem 
Gebiete der Erziehung nur sehr beschränkte Erfahrungen sammeln können und alle 
Hindernisse, welche bisher von einer bestimmten Gruppe von Pädagogen dieser Bewegung 
in den Weg gelegt worden sind, beruhen nur auf herkömmlichen theoretischen Anschauungen. 

Auf Grund der Resultate, die man besonders in Amerika, dann auch in Schweden, 
Norwegen, Holland, Dänemark und Italien sowie in Baden und Bayern erzielt hat, kann 
man sagen, daß sich die Koedukation in diesen Ländern im höchsten Maße bewährt hat 
und daß sich alle Bedenken der Theoretiker in ethischer, physischer und psychologischer 
Hinsicht in keiner Weise erfüllt haben. Es ist allgemein beobachtet worden, daß durch 


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Referate. 


111 


die Koedukation — welche im Grunde nur eine natürliche Fortsetzung der gemeinsamen 
Erziehung im Elternhause ist — der Reiz, den die Geschlechter auf einander ausübeu, 
abgestumpft wird und daß gegenseitige Achtung, Hochscbätzung und Kameradschaftlichkeit 
durch diese Art der Erziehung entwickelt werden. Von einer Vergewaltigung der Frauen¬ 
psyche oder körperlichen Überanstrengung, Verrohung des weiblichen und Verweich¬ 
lichung des männlichen Geschlechtes ist von den Praktikern nirgends etwas beobachtet 
worden. Erich Hoffmann, Berlin. 

14) Heyn, Arthur: fber Menstruation, HaarfUrbung und Libido und ihre gegen¬ 
seitigen Beziehungen. Zeitschr. f. Geb. u. Gyn. Bd. 82. 

Nach den Angaben der verschiedensten Autoren fällt der Beginn der ersten Periode 
in das 10. bis 19. Lebensjahr, wobei klimatische Einflüsse, Rasseeigentümlichkeiten sowie 
soziale Lage einen bestimmten Einfluß ausüben. Heyn stellte in einer Anzahl von Fällen 
den Einfluß der sozialen Lage sowie den des Wohnortes fest. Das Endergebnis seiner 
Beobachtungen war, daß unter den Mädchen der mittleren und begüterten Klasse mit 
14 Jahren -2 /,, mit 16 Jaluen */,, dagegen unter den Vertreterinnen der arbeitenden Klasse 
mit 14 Jahren -/ 7 und mit 10 Jahren menstruiert haben. Dieselben Unterschiede be¬ 
stehen auch unter den besitzenden und den arbeitenden Landbewohnern, dagegen konnte 
Hovn zwischen Land- und Stadtbewohnern keinen besonderen Unterschied feststellen. 
Die weiteren Untersuchungen bezogen sich auf die Zusammenhänge zwischen Haarfarbe 
und Periodebeginn. Von den schwarzhaarigen bekamen die meisten die erste Periode im 
14. Jahre, voq den rothaarigen im 15., von den dunkelblonden im 16. und von den hell¬ 
blonden im 14. Jahre. Nach Marc d’Espine soll die Pubertätsentwicklung am spätesten 
von Statten gehen bei den Mädchen mit dunkelblonden Haaren, rauher, geröteter Haut und 
zarter Konstitution, am frühesten bei schwarzen Haaren und kräftiger Konstitution. Was 
die Dauer der Periode anbetrifft, so sind die Angaben hierüber sehr ungenau und die 
Beobachtungen dor Autoren noch widersprechend. Der Intervall der einzelnen Perioden 
beträgt nach Heyns Untersuchungen in der Mehrzahl 4 Wochen. Die Dauer der Men¬ 
struationen wird im allgemeinen auf 30 Jahre und länger angegeben. Der Beginn der 
Menopause fällt nach den meisten Autoren im Mittel auf das 45. bis 50. Lebensjahr. 
Nach Heyn ist das 50. Lebensjahr am häufigsten vertreten. 

Zuletzt erwähnt Heyn noch die Beziehungen der Haut und Behaarung zum Geschlechts¬ 
trieb, wobei Pigmentierung der Haut und starke Behaarung als Zeichen eines stark ent¬ 
wickelten Geschlechtstriebes angegeben werden. Erich Hoffmann, Berlin. 

15) Sch mal fuß, C.: fber Persistenz der Spermatozoen nach Kastration (beobachtet 
an einem Fall von Pseudo-Hermaphroditisnnis masc.). Arztl. Sachverst.-Ztg. 1919. 21. 

In der Literatur anscheinend nur eine eingehende Behandlung der Frage: „Wie 
lauge Zeit nach erfolgter Kastration ist ein Mann noch imstande, einen befruchtenden 
Beischlaf auszuüben?“: Rieekc im llandlmeh der ärztlichen Sachverständigentätigkeit. 
Potentia cocuiuli kann (wie der Fall A. Coupe r beweist) noch 10 Jahre nach der 
Kastration bestehen; potentia gelier an di höchstens 8 Wochen lang, falls „fortdauernde 
Ejakulation“ stattfindet; dann sicher Azoospermie. Die Frage, wie lange sich die 
Spermatozoen (in den Samenbliischen) halten können, wenn nach der Kastration zunächst 
eine Ejakulation nicht erfolgt, ist mehrfach am Tierversuch zu beantworten unternommen 
worden. Bei den Versuchstieren lebten die Spermien stets noch; allerdings betrug die 
längste Versuchszeit 31 Tage. Am Menschen nur eine Beobachtung veröffentlicht: Fall 
Simmonds: 14 Tage nach der Kastration noch zahlreiche, sich lebhaft bewegende 
Spermatozoen. Über einen 2. Fall berichtet Sch mal fuß: Ein Artist hatte sich, an¬ 
scheinend infolge Geistesgestörtheit, beide Hoden abgesehuitten. Später Selbstmord. Bei 
der Sektion wies Prof. Fraonkel (Eppendorfer Krankenhaus) in den Samenbläscheti 
noch lebende Samenzellen nach, Zwischen der Selbstkastration und dem Tode lagen 
mindestens viele Monate, vielleicht sogar ein Jahr! Einen weiteren Fall hat nun Sch. 
selbst beobachtet. Einem männlichen Pseudoliermaphroditen wurde bei zwei Operationen 
wegen doppelseitigen Leistenbruchs je ein Hoden entfernt; beide Hoden waren zwar 
atrophisch, wiesen jedoch auch normales llodengewebe auf. 6 l / a Monato nach der zweiten 
Operation starb Patient an einer Blutvergiftung. Die Leiche würde obduziert, und Prof. 
Fahr (Barmbecker Krankenhaus) fand im Schnittpräparat des Samenbläschens noch zahl¬ 
reiche Spermatozoen von anscheinend gut erhaltener Beschaffenheit und‘Funktion. Daß 
sie noch gelebt haben, ließ sich natürlich nicht nachweisen, darf aber angenommen werden. 
Auf jeden Fall steht ganz allgemein die Möglichkeit der Befruchtung durch einen 
Kastraten auch längere Zeit nach der Operation fest. Max Marcuse. 


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1(3) Hoepffner: Weibliche Sittliehkeltsverbrecher. Deutsche St rafrechtsztg. 1920.8.111. 

Der Verfasser stellt auf dem Standpunkt, daß angesichts der sozialen Gleichstellung 
auch die Strafbarkeit der Frau die gleiche sein müsse und befürwortet sie insbesondere 
auf dem Gebiete der Sittlichkeitsdelikte. So verlangt er zunächst die Bestrafung der Frau 
auf Grund des § 175 StGB., weil „wissenschaftlich und kriminell nachgewiesen sei, daß 
auch Frauen widernatürliche Unzucht treiben“. Dabei übersieht er, daß diese Strafbarkeit 
im Vorentwurf zu einem neuen Strafgesetzbuch zwar vorgeschlagen, dagegen auf den 
einmütigen Widerspruch der Literatur im Entwurf weggelassen w T urde. Er möge einmal 
in der „Zeitschrift für Sexualwissenschaft“, Bd. 11, S. 1 ff. nachlesen, w r as Dr. Werthauer 
über dieses Sittlichkeitsdelikt zutreffend sagt, daun würde er derartige, von keiner Sach¬ 
kenntnis getrübten, Vorschläge unterlassen, zumal dio ganze Frage des § 175 noch un¬ 
geklärt ist 

Der Verfasser schlägt weiterhin eine Ergänzung des § 182 StGB, dahin vor, daß 
auch die Verführung eines unbescholtenen noch nicht sechzehn Jahre alten Knaben zum 
Beischlaf seitens einer weiblichen Person bestraft werden solle. Dabei übersieht er, daß 
die praktische Anwendung des § 182 tatsächlich eine außerordentliche genüge ist und 
nur auf Antrag der Eltern oder des Vormundes eintritt, so daß auch hier nur der Er¬ 
pressung Tür und Tor geöffnet würde. 

% Endlich schlägt er eine Bestrafung der weiblichen Zuhälter vor. Dabei sind die 
Fälle, die er als strafbar für das neue Delikt bezeichnet mit dem, was in völlig zu¬ 
reichender Weise als Kuppelei bestraft wird, fast vollständig identisch. Der Verfasser 
möge einmal nachlesen, was in der „Deutschen Juristenzeitung“, Jahrg. *1917, S. 1023 
Ministerialrat Dr. Meyer über zu viele Strafen klagt und was Referent im „Archiv für 
Kriminologie“, Bd. 67, S. 127 ff. über eine Erweiterung des Strafgesetzbuches in Be¬ 
ziehung auf Sittlichkeitsdelikte geäußert hat. Vielleicht zieht dann Verfasser seine Reform¬ 
vorschläge zurück. Jedenfalls müssen sie von der zuständigen Kritik auf das schärfste 
bekämpft werden. Horch, Mainz. 


Oker-Blom f. 

Der Zeitschrift für Schulgesundheitspflege, 1920, 33. Jahrg., Nr. 2 entnehmen wir, 
daß der ausgezeichnete Helsingforser Hygieniker Dr. Oker-Blom am 10. Oktober 1917 
an einer Blutvergiftung gestorben ist. Der Krieg hat veischuldet, daß die Nachricht von 
seinem Hinscheiden uns Deutsche erst jetzt erreicht hat Aus dem a. a. 0. veröffentlichten 
Nachruf von Prof. Dr. Leo Burgerstein geben wir folgende Sätze wieder: 

„Was Oker-Blom als Sexualhygieniker geleistet hat, gehört zum Besten unseres 
Besitzstandes: diese Arbeit war entsprungen der Liebe zur Jugend, welche er gesund 
aufwachsen sehen wollte. Ihm hat seine Vaterstadt zu danken, daß sie die erste und 
wohl einzige war, in welcher den 13—14jährigen Volksschulabsolventen beiderlei Ge¬ 
schlechtes seit 1906 alljährlich ausgiebige sexualhygienische Belehrung vermittelt wird.“ 

Von Oker-Bloms Sexual hygienischen Schriften seien erwähnt: 

Beim Onkel Doktor auf dem Lande. (Sexuelle Belehrungen für Knaben.) 3. Aufl. 
Wien 1910. Pichlers Wwe. A Sohn, (llos morbror doktorn pä landet; aus dem 
Schwedischen übersetzt erschienen ins Deutsche, Finnische, Französische, Englische, 
Russische, Serbische, Dänische, Tschechische, Italienische, Rumänische, Ungarische.) 
Martha beim Onkel Doktor. (Sexuelle Belehrungen für Mädchen.) Wien 1909. Pich¬ 
lers Wwe. A Sohn. (Yad Malta fick länt sig hos morbror doktorn pä landet; aus 
dem Schwedischen übersetzt erschienen ins Deutsche und Finnische.) 

Anleitung zur sexuellen Aufklärung und Erziehung. Ein Buch für Lehrer, Eltern uud 
Erzieher. Deutsche Übersetzung lirsg. von Dr. K. Ullmann. Wien 1911. P. Knepler. 
(Handiedning i sexuell undervisning och uppfostran; aus dem Schwedischen übersetzt 
ins Deutsche und Finnische.) 


Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Marcusc in Berlin. 
A. Marcus & E. Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn. 
Druck : Otto WigawTsche Buchdruckerel G. in. b. II. in Leipzig. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

VII. Band Juli 1920 4. Heft 


Geschlechtsleben und Erziehung 1 ). 

Von Nervenarzt Dr. Bruno Sanier. 

Wenn man die Literatur iilrersieht, <lie zur Belehrung der Laien 
über geschlechtliche Dinge geschaffen wurde, - ich spreche natür¬ 
lich nur von den ernsten Arbeiten und nicht von den zahlreichen 
aus Geschäftsgründen verfaßten oder gar auf die Sensation und 
andere niedere Instinkte spekulierenden Büchern —, so findet man 
gewöhnlich im Vorwort die Bemerkung, daß der Verfasser nicht 
ohne große Bedenken, erst nach langem Zweifel und mit größter 
Vorsicht an das Thema herangegangen ist. Daß er es aber trotz 
aller Bedenken schließlich getan hat, beweist, wie notwendig solche 
Aufklärungsschriften geworden sind, seitdem die Entwicklung der 
großen Massen dts Volkes zu dem Verlangen nach geistiger Frei¬ 
heit auch das Geschlechtsleben mehr und mehr von den durch Reli¬ 
gion und überkommene Sitten vorgezeichneten Bahnen abzuleiten 
begann und nun die mannigfaltigsten mehr oder minder berechtig¬ 
ten Bestrebungen sich geltend machten, um neue, dem modernen 
Geiste angepaßtere Formen des Sexuallebens zu finden. Die Be¬ 
denken, die gegen die Besprechung sexueller Fragen in aller Öffent¬ 
lichkeit sprechen, sind durchaus begreiflich. Es muß aber gesagt 
werden, daß derjenige Verfasser, der solchen Bedenken einen über¬ 
ragenden Einfluß auf die Darstellung des Problems einräumte, 
keineswegs den durch die Wichtigkeit des Gegenstandes gebotenen 
Anforderungen gerecht werden konnte, denn gerade hier ist jede 
Halbheit schädlich. Die Notwendigkeit gegenüber den sich in 
Wort, Schrift und Bild bemerkbar machenden destruktiven Ten¬ 
denzen vieler gerade durch unzureichende Einsicht irregeleiteter, 
im übrigen vielleicht kluger, fein empfindender und künstlerischer 
Persönlichkeiten einen festen Bau zu errichten, der, auf dem siche¬ 
ren Fundament naturwissenschaftlicher Tatsachen ruhend, dem 
Verlangen nach wirklicher geistiger und sittlicher Freiheit inner¬ 
halb der durch die staatliche und gesellschäftliche Ordnung ge¬ 
zogenen Grenzen gerecht wird, ist eine unabweisliehe. Dies kann 
aber nur geschehen, wenn rücksichtslos mit Anschauungen gebro¬ 
chen w'ird, die als der letzte Rest der im übrigen längst über Bord 
geworfenen mittelalterlichen asketischen Sexualmoral anzusehen 
sind, ich meine mit der Scheu vor der Berührung sexueller Fragen, 
die trotz aller A.ufklärungsliteratur oder vielleicht gerade durch 
ungeeignete Aufklärung nicht vermindert, sondern vermehrt wurde. 

*) Vortrag am 9. Deze'mber 1910 im Institut für SoxmilwisspnsHiaft in lVrliu. 

Zeitschr. f. Sexualwissenschaft VII. 4, 8 


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114 Bruno Sanier. 

Ich hin, um Mißverständnissen vorzubeugen, für die Ablehnung 
.jeder nicht durch Sachlichkeit und sittliche Motive veranlaßten 
Aufklärung. Ich hin mir auch darüber im klaren, daß, solange 
noch nicht eine neue ideelle Grundlage des Sexuallebens an Stelle 
der längst im Zerfall begriffenen religiösen gefunden ist, selbst 
durch legale Aufklärung Schaden angerichtet werden kann. Dieser 
Schaden aber muß in Kauf genommen werden. 

Wenn wir gegenüber dem sichtlich zunehmenden Verfall der 
Sexualmoral die alten Mittel der Sexualpädagogik anwenden wollten, 
die in einer oft geradezu lächerlich anmutenden Vogelstraußpolitik 
gipfeln, so würden wir damit ebenso wenig erreichen wie diejenigen, 
die gegen Auswüchse des demokratischen Regimes nach der Zucht¬ 
rute des Polizeistaates rufen. Man bedenke nur, wie alles, was 
irgendwie an geschlechtliche Dinge erinnerte, in der Schule ver¬ 
femt war. Ich erinnere mich eines Lehrers, der immer, wenn in 
den zum Schulgebrauch schon verstümmelten Ausgaben der klas¬ 
sischen Dichter etwas seiner Ansicht nach Anstößiges vorkam, er¬ 
klärte: „Vers X bis Y wird ausgelassen“, ohne zu bedenken, daß 
er durch ein solches Vorgehen selbst Schüler, die sonst nie latei¬ 
nische oder griechische Verse präparierten, veranlaßte, gerade diese 
zu bearbeiten. Es gab (vielleicht gibt es auch noch) wirklich Lehrer, 
die sich einredeten, ihre Klassen seien Vorbilder der Tugendhaftig¬ 
keit, wie sie sie sich auslegten, und nichts begründet mehr die Not¬ 
wendigkeit eines systematischen sexualwissenschaftlichen Unter¬ 
richts der Erzieher, als dieses sinnwidrige und kritiklose Verhalten 
von Lehrern. Solchen „Pädagogen“ noch länger den maßgel>enden 
Einfluß in sexualpädagogischer Hinsicht zu überlassen, wäre ein 
grobes Vergehen an der geistigen Gesundheit der Jugend, und es 
muß daher mit Nachdruck verlangt werden, daß die Arzte sich 
rücksichtslos den Einfluß, der ihnen kraft ihrer höheren Einsicht 
zukonunt, verschaffen und den Grund zu einer neuen Sexualpäd¬ 
agogik legen, auf dem dann die Erzieher der Jugend weiter bauen 
können- 

Von den Vertretern der alten christlich religiös beeinflußten 
Sexualethik, unter denen Fr. W. Foerster 1 ) eine hervorragende 
Stelle einnimmt, wird die Kompetenz des Arztes nun allerdings 
aufs Entschiedenste l>estritten. Als gewichtigsten Grund nennt 
Foerster die Neigung des Arztes, sich von der Rücksicht auf die 
Abnormen und Schwachen leiten zu lassen, wie denn der Arzt 
überhaupt nur Gelegenheit habe, abnorme Fälle zu sehen und daher 
die herabgesetzte Leistungsfähigkeit der Neurastheniker und Ab¬ 
normen zum Maßstab dessen mache, was überhaupt vom Menschen 
verlangt werden könne. Demgegenüber steht aber fest, daß Schä¬ 
digungen, durch die Disponierte nervös erkranken, auch an Ge¬ 
sunden nicht spurlos Vorbeigehen können, und daß es sinnlos ist. 
nicht den Versuch zu machen, Schäden abzustellen, nur weil das 
Gros der Gesunden durch sie keinen so schweren Schaden erleidet, 
daß es sich deshalb in ärztliche Behandlung begeben müßte. Es ist 

') F. W. Foerster. Sexualethik mul Sexualpädagogik. Jos. Kösel. Kempten und 
München lt»ll>. 


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Geschlechtsleben und Erziehung. 


115 


ferner darauf hinzuweisen, daß die großen Fortschritte auf sexual- 
biologischem Gebiet, die die Erkenntnis von dem Wesen der Ge¬ 
schlechtlichkeit iilierhaupt erst ermöglichten, die Kenntnis der Ana¬ 
tomie, Physiologie, Pathologie und der Hygiene des Geschlechts¬ 
lebens den Arzt in erster Linie dazu berufen erscheinen lassen, auch 
auf sexualpädagogischein Gebiet maßgebenden Einfluß auszuüben. 
Allerdings ist Sexualpädagogik ohne Sexualethik ein«* Unmöglich¬ 
keit, und in Fragen der Ethik ist der Arzt gewiß nicht in erster 
Linie zuständig. Es besteht in der Tat auch die Gefahr, daß ein 
vorwiegend medizinischer Standpunkt die Grundlinien, die für die 
Erziehung aus sozialethischeu Gründen maßgebend sein müssen 1 ), 
wegen der Neigung zu individualethischer Betrachtungsweise, die 
sich aus dem ärztlichen Interesse Tür; das Individuum ergibt, stark 
verändert. Der medizinische Einfluß erweist sich auch insofern als 
gefahrvoll, als die medizinisch-philosophische Anschauung von der 
Willensunfreiheit des Menschen bis zur letzten Konsequenz durch¬ 
gedacht, die Erziehung als etwas überhaupt Überflüssiges erscheinen 
lassen könnte. Demgegenüber ist aber zu sagen,_ daß die Lehre 
von der Willensunfreiheit des Menschen eine philosophische Hypo¬ 
these ist und mit wirklicher ärztlich-psychiatrischer Erkenntnis 
gar nichts zu tun hat. Ärzten, die auf Grund von Hypothesen — 
und noch dazu nicht einmal im engeren Sinne naturwissenschaft¬ 
lichen — die Revolutionierung der Erziehung, die Abschaffung des 
Strafrechts und noch vieles mehr vornehmen wollen, wird mit vollem 
Recht vorgehalten, daß folgenschwere Änderungen bestehender Ein¬ 
richtungen nicht auf Grund fortwährend wechselnder wissenschaft¬ 
licher Anschauungen erfolgen können. Von einsichtigen Ärzten 
wird dies auch nicht verlangt, es wird aber gefordert, daß dies auf 
Grund von Erkenntnissen geschieht, die sich auf medizinischen Tat¬ 
sachen aufbauen, sei es daß sie durch praktische Erfahrungen, sei 
es daß sie durch experimentelle Forschungen gewonnen sind. ,Auch 
diese Forderung ist nicht ganz lierechtigt, denn ihre Erfüllung 
würde voraussetzen, daß jeder Mensch den Anspruch erheben dürfe, 
so zu leben, wie es seiner körperlichen und geistigen Gesundheit am 
zuträglichsten ist. Dies ist aber ganz und gar nicht der Fall, und 
aus diesem Grunde ist der Standpunkt, der sich aus der ausschlie߬ 
lich medizinischen Betrachtung ergibt, niir dann ausschlaggebend, 
solange er nicht wichtigen Lebensinteressen der Gesamtheit zuwider¬ 
läuft. Wenn wir Ärzte also verlangen, in Fragen der Lebensgestal- 
tung des Volkes maßgebenden Einfluß zu gewinnen, so werden wir 
nicht umhin können, die soziologischen Wirkungen von Reformen, 
die auf Grund medizinischer Auffassungen einzuschlagen wären, zu 
berücksichtigen. Ich glaul>e, daß dies im allgemeinen auch geschieht, 
seitdem die soziale Medizin und die*Sozialhygiene integrierende Be¬ 
standteile der medizinischen Wissenschaft geworden sind. Es kann 
daher keine Frage sein, daß auch auf dem Gebiete der Sexualpäd¬ 
agogik in erster Linie der Arzt kompetent ist, und dies ist besonders 
Foerster entgegenzuhalten, der die doch in mancher Hinsicht recht 


M Sit*hr liieiiihor: Timunlin^. Sexiuilelliik. 
'IVuLnrr, uiui IWlin. 


Aus Natur mul (h*isl<‘svv<'lt. 


S* 



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11G 


Bruno Sanier. 


zweifelhaften Segnungen der religiösen Weltanschauung gcgcniilter 
den seiner Ansicht nach destruktiven Tendenzen ärztlicher Auffas¬ 
sung verteidigt. Der ärztliche Standpunkt kann niemals destruktiv 
sein, wenn er nicht ein einseitig medizinischer, sondern das ist, was 
er sein soll, ein wahrhaft ärztlicher. 

Obwohl, wie ich glaube, die Richtigkeit dieses Standpunktes gar 
nicht zu bezweifeln ist, will ich doch nicht verfehlen auf ein Argu¬ 
ment einzugehen, das nicht nur l>ei den Vertretern der alten Sexual¬ 
pädagogik sehr beliebt ist, sondern mit dem überhaupt, besonders in 
den Kriegsjahren, ein großer Unfug getrieben wurde. Es ist das die 
angebliche lehensfeindliche Eigenschaft tieferer Erkenntnis. Man 
beruft sich dabei gern auf Nietzsche, der gesagt hat, er wolle lieber 
vieles nicht wissen, und eine Erkenntnis ablehnte, wenn sie nicht 
lebensfördernd war. Es ist aber doch fraglich, oh ein Manu wie 
Nietzsche, der, wie ich in einer Arbeit: „über die Krankheit Nietz¬ 
sches“ ') gezeigt habe, schon lauge vor seiner geistigen Erkrankung 
infolge der Neigung, Bewußtseinsinhalte vor. sich selbst zu ver¬ 
schleiern, ein schwer nervenleidender Mann war, als Autorität auf 
dem Gebiete der geistigen Hygiene gelten darf. Das Übermenschen¬ 
tum Nietzsches ist eine hysterische Reaktionsbildung. Im Hinter¬ 
grund steht das Gefühl der Schwäche, das es galt vor sich zu ver¬ 
leugnen, was zur Verherrlichung eines Kraftmeiertums führte, in 
der ein gewisser ungeistiger teutonischer Menschenschlag sein 
Spiegelbild zu sehen glaubte, ein Menschenschlag, mit dem der zarte 
sensible, durchgeistigte Nietzsche gewiß nichts zu tun hatte. Nicht 
die Erkenntnis ist also das Lebensfeindliche, sondern die Verhinde¬ 
rung der Erkenntnis, ist für den Nervenschwachen oder Entarteten 
oft die einzige Möglichkeit der Lebensbejahung. Das ist zutreffend, 
aber „die Unwahrheit als Lebensbedingung“ kann niemals Grund¬ 
satz einer für Gesunde bestimmten geistigen Hygiene sein. Das 
ist atich dein größten Schüler Nietzsches, dem Dichter der Budden¬ 
brooks, Thomas Mann, vorzuhalten, der unter dem Einfluß Nietzsches 
und durch ähnliche seelische Vorgänge veranlaßt, den Begriff der 
zweiten Unbefangenheit prägte, der als Heilmittel gegen die den 
Willen und die Entschlußkraft lähmende auf der Erkenntnis be¬ 
ruhende, zersetzende Befangenheit die „Philosophie des Als ob“ emp¬ 
fiehlt. Der typischste Vertreter des Befangenen ist Christian Budden¬ 
brook, der haltlose und Willensschwäche, schon ein wenig geistes¬ 
kranke, zur Analysierung aller Erscheinungen neigende Entartete, 
der schon zufrieden ist, wenn er. eine Sache nur einsieht, verstehen 
und beschreilien kann, ohne daß der Wunsch in ihm auftauchte, auch 
zu handeln. Das lebensfeindliche Element ist. natürlich hier ebenso¬ 
wenig die Erkenntnis, sondern die krankhafte Artung, die eine selbst¬ 
quälerische Freude an der letzten Enthüllung hat. Nicht Freude am 
Wissen, kein echter Forschungsdrang ist, was Christian Budden¬ 
brook treibt, sondern die krankhafte Grübelsucht des Entarteten, die 
sich in den Dienst lebensverneinender Tendenzen stellt. Daß einer 
krankhaften Artung gegenüber auch die zweite Unbefangenheit 

') Saaler, ('her die Krankheit Nietzsches.. Zeitsehr. f. Sexualwisnensch. 4. Bd. 
10. Heft. 1018. 


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Geschlechtsleben und Erziehung. 


1 _17 _ 


machtlos ist, hat Thomas Mann übrigens seihst gezeigt, indem er im 
„Tod in Venedig“ den Held, der so unbefangen bürgerlich geworden 
war, als ob es nie in ihm einen entfesselten Dionysos gegeben hätte, 
schließlich ebegi diesem Dionysos erliegen läßt. Alis alledem geht 
also nur hervor, daß der von Haus aus Nervenschwache und Ent¬ 
artete der Illusionen bedarf, und daß diese sich doch eines Tags un¬ 
wirksam erweisen. Hieraus ist zu ersehen, daß auch für solche Indi¬ 
viduen eine auf Illusionismus aufgebaute Erziehung ihre schwere Be¬ 
denken hat. Der gesunde Geist bedarf nicht der Illusionen, sondern 
der Ideale; er überwindet die Gefahren, die durch die Erkenntnis er¬ 
wachsen, infolge des ihm innewohnenden starken Willens zum Ge¬ 
sunden und Lebensfähigen; er überwindet sie, indem er vor ihnen 
nicht die Augen verschließt, sondern sich bewußt mit ihnen ausein- 
audersetzt. Es ist auch nicht richtig, daß die Erkenntnis unbedingt 
Ideale zerstört, sondern sie zerstört meistens nur die falschen Ideale 
und erschließt die Möglichkeit, an ihre Stelle andere bessere zu 
setzen. Man lese das leidenschaftliche Bekenntnis zur Monogamie, 
das Grete Meisel-Heß') nicht trotz, sondern auf Grund ihrer um- 
' fangreichen und tiefen Studien über das Wesen der Geschlechtlich¬ 
keit abgibt, und man wird davon überzeugt sein, daß der Weg zum 
Geiste nicht in den; Abgrund führt, sondern zur Höhe. „Jetzt kann 
ich frei sprechen“, sagt Frau Alwing in Ibsens „Gespenster“, „ich 
werde und ich will. Und es sollen doch- keine Ideale fallen!“ 

Bei Anwendung der genannten Grundsätze allgemeiner Geistes¬ 
hygiene auf die Sexualität ergibt sich die Notwendigkeit sexueller 
Aufklärung der Kinder, sobald die Möglichkeit des Verständnisses 
gegeben ist. Es ist nicht uninteressant festzustellen, daß moderne 
Autoren sich nicht entschließen können, sich ohne Einschränkung 
zur sexuellen Aufklärung zu bekennen, daß sogar der Münchner 
Hygieniker Professor Gruber 2 ) empfiehlt, Kindern nicht die volle 
Wahrheit über die Frage nach der Entstehung des Lebens zu sagen, 
sondern sie mit den Worten „das kannst Du noch nicht verstehen“ 
abzuspeisen. Das ist deshalb interessant, weil bereits im Jahre 17(52 
ein also gewiß nicht moderner Autor namens J. J. Rousseau 5 ) in 
seinem „Emil oder über die. Erziehung“ dieses Verfahren als das 
sicherste Mittel gekennzeichnet hat, das Kind anzuspornen und nicht 
ruhen zu lassen, bis es hinter das Geheimnis gekommen ist. Man lese 
das Kapitel hierüber bei Rousseau, und man wird sich wundern, daß 
nach mehr als anderthalb Jahrhunderten die Sexualpädagogik noch 
nicht die von Rousseaus genialer Schöpfung erreichte Höhe erklom¬ 
men hat. Rousseau erzählt im zweiten Kapitel des zweiten Bandes des 
„Emil“ von einer Belehrung, die er eine sehr fein empfindende Frau 
ihrem Kinde hat geben hören, das vorher beim Urinieren einen 
kleinen Stein ausgeworfen hatte. Ich zitiere die Stelle aus Rousseau: 

,Mama 1 , fragte der kleine Naseweis, ,wo kommen die Kinder her!‘ 
Ohne im geringsten zu stocken, erwiderte die Mutter sofort: .Mein 
Sohn, die Frauen urinieren sie unter großen Schmerzen, die ihnen 


') Grete MeiscJ-Heß, Das Wesen der Geselileelitlielikeit. Eugen Piederichs. Jena 
*) Gruber, Hygiene des Geschlechtslebens. Ernst Heinrich Moritz, Stuttgart IM 18. 
*) J. J. Rousseau, Emil oder über die Erziehung. 


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. 118 


Bruno Saaler. 


bisweilen das Leben kosten, hervor. „Mögen die Narren lachen,“ 
fährt Rousseau fort, „und die Toren Ärgernis daran nehmen, aber die 
Weisen mögen untersuchen, ob sie je eine vernünftigere und zweck¬ 
entsprechendere Antwort finden werden.“ 

Ich muß es mir versagen, alle die Gründe im einzelnen anzu¬ 
führen, die für die Notwendigkeit einer frühzeitigen Aufklärung 
sprechen. Ich kann nichts Besseres tun, als auf Rousseau verweisen. 
Die großen Gefahren, die halbes Wissen, falsche Vorstellungen, auf 
Hintertreppen Erlauschtes, in verbotenen Büchern Erlesenes bei den 
feiner Besaiteten für die Gesundheit im Gefolge haben, während bei 
den durchschnittlich oder minder Veranlagten, die über weniger 
Hemmungen verfügen, das sensationelle Moment und die Neugier zu 
ungesunder Anregung der Phantasie und frühzeitiger geschlecht¬ 
licher Betätigung drängen, alles das hat ja bekanntlich längst zu¬ 
gunsten der legalen sexuellen Aufklärung entschieden, und nur die 
Frage, wie, wann und von wem sie vorzunehmen sei. hat die Gemüter 
beschäftigt. Es ist dann so gegangen wie es meistens geschieht, wenn 
eine gesunde Idee auftaucht, sie wurde durch Übertreibung und Ver¬ 
gröberung unmöglich gemacht, so daß sich die Mehrzahl der bürger¬ 
lich gesund Empfindenden lieber wieder den überlieferten Formen 
zuwandte und die Übriggebliebenen ratlos dastehen und sich über 
die Frage: „Wie sage ich es meinem Kinde!“ resultatlos den Kopf 
zerbrechen. Meistens wird es jetzt wohl so gemacht, daß der Vater 
auf Drängen der ängstlich gewordenen Mutter den Sohn mit ernster 
und würdevoller Miene vornimmt zu einer Zeit, in der der Herr Sohn 
schon besser orientiert ist als der Vater, während man die Tochter 
doch lieber noch in ihrer vermeintlichen Unschuld läßt. In manchen 
Familien überläßt man die peinliche Angelegenheit wohl auch dem 
Hausarzte, was ja sicher zweckmäßiger, aber keineswegs das Ideal 
ist. Fragt man nun, wie dieses klägliche Fiasko der sexuellen Auf¬ 
klärung zu deuten ist, so lautet die Antwort folgendermaßen: So 
lange die Gesellschaft völlig falsche Werturteile mit dem Wesen der 
Geschlechtlichkeit verbindet, so lange wird es eine sexuelle Aufklä¬ 
rung nicht geben können. So lange ein Kind den Eindruck nicht los 
wird, daß die Eltern neben ihrer gutbürgerlichen Außenseite eine 
andere Seite haben, die das Kind als etwas Minderwertiges einzu¬ 
schätzen gelernt hat, so lange wird die Aufklärung für Eltern ein 
peinliches Moment enthalten und die Wirkung auf das Kind die 
einer verlogenen Moralpauke sein. Vorbedingung für zweckmäßige 
Aufklärung ist daher die Befreiung des Geschlechtlichen von dem 
Makel, den die christlich religiöse Ethik ihm durch Jahrhunderte 
aufgedrückt hat, aber nicht etwa in dem Sinne, als ob nun alle Fesseln 
fallen sollten. Nicht Zügellosigkeit, auch nicht Kultus des Erotischen 
ergibt sich aus dieser Auffassung, sondern ehrfurchtsvolle und be¬ 
wundernde Achtung. Eltern, die es an sich erlebt haben, daß sexuelle 
Erfüllung im wahrhaft menschlichen Sinne das Glück des Lebens 
bedeutet, werden es kaum nötig haben, darüber belehrt zu werden, 
welche Auffassung vom Geschlechtlichen sie ihren Kindern beizu¬ 
bringen haben. Unter diesen Voraussetzungen kann ich es mir nicht 
schwierig vorstellen, Kindern, sobald sich ihre Seele den Wundern 
der Natur zu erschließen beginnt, auch das Wunder von der ewigen 


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Geschlechtsleben und Erziehung. 


119 


Erneuerung des Lebens zu erzählen. Es kann auch nicht schwierig 
sein, ihnen klar zu machen, daß der Mensch infolge seiner geistigen 
Anlage eine Sonderstellung im Tierreiche einnimmt, daß Triebe, 
denen niederer organisierte Lebewesen instinktiv gehorchen, heim 
Menschen durch einen feinen seelischen Hemmungsmechanismus be¬ 
einflußt werden, der es ihm gestattet, Enthaltsamkeit zu üben bis zur 
sexuellen Erfüllung durch die Liehe. Was Liehe ist, sollte man den 
Heranwachsenden Kindern nicht nur nicht vorenthalten, sondern sie 
ganz im Gegenteil von der Zusammengehörigkeit der Begriffe Liehe 
und Geschlechtlichkeit frühzeitig überzeugen. Kinder, die so vor¬ 
bereitet sind, werden ihre ersten geschlechtlichen Gefühle nicht vor 
den Eltern verstecken und diesen wird es, wenn sie die geistige Ent¬ 
wicklung der Kinder mit Interesse und liebender Sorgfalt verfolgt 
und geleitet haben, ein leichtes sein, ihnen über die ersten Stürme 
der Geschlechtlichkeit hinwegzuhelfen. So lange aber die Vorbedin¬ 
gungen hierfür noch nicht gegeben sind, kann auch die sexuelle Auf¬ 
klärung durch die Eltern für die Allgemeinheit nicht empfohlen wer¬ 
den. Bis dahin ist das Schwergewicht der Aufklärung in die Schule 
zu verlegen, wovon später noch .eingehend zu sprechen sein wird. 
Zuvor sind noch einige theoretische Fragen zu erörtern, deren Be¬ 
antwortung für die Festlegung der Richtungslinien einer neugn 
Sexualpädagogik erforderlich ist. Zunächst die des asketischen 
Ideals, das von dein Pädagogen Foerster als unentbehrlich bezeichnet 
wird. 

Es ist nicht einzusehen, warum ein aufgeklärtes Zeitalter 
noch das früheren Epochen sicherlich nicht entbehrliche asketische 
Ideal braucht. Menschen, die von früher Jugend auf gelernt haben, 
das Geschlechtliche zu achten, die die Sünde nicht im Geschlechts- 
gcnuß, sondern in seiner Loslösung von veredelten und vertieften 
seelischen Regungen und in seinem Mißbrauch zu materiellen 
Zwecken erblicken, braucht man, wenn es ihnen versagt bleibt, das 
Glück in der Ehe zu finden, nicht mit Fegefeuer oder dergleichen zu 
schrecken. Man wird es ihrer freien Entschließung überlassen 
können, wie sie sich verhalten sollen, und ich glaube, daß sie bei 
weitem leichter zur Sublimierung, d. h. zur Vergeistigung ihrer 
sexuellen Triebe gelangen werden, als dies durch die Verherrlichung 
der Askese bisher geschehen ist. 

Da, wo aus äußeren Gründen die Befriedigung sexueller Triebe 
unmöglich ist, muß das Ziel die Sublimierung sein, d. h. ihre Ver¬ 
wendung für höhere geistige Strebungen. Askese ist aber häufig 
nichts anderes als Triebverdrängung. Dieser Ausdruck, der ebenso 
w r ie der der Sublimierung von dem Wiener Nervenarzt Professor 
Freud geprägt wurde, besagt im wesentlichen das gleiche wie das, 
was ich vorhin als Illusionismus gekennzeichnet habe. Damit ist ge¬ 
sagt, daß die Verdrängung stets auf Kosten der Aufrichtigkeit vor 
sich selbst geschieht. Sie ist nur möglich durch die Entwertung 
dessen, was verdrängt werden soll. Von der religiösen Ethik wurde 
daher, tun das Mönchsideal errichten zu können, der Geschlechts¬ 
genuß als fleischliche Lust entwürdigt. Damit ist sie aber meines 
Erachtens auch gerichtet. Denn wer den Weg der Verdrängung und 
Entwertung geht, gelangt nicht zu sittlicher Freiheit, sondern zu 


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120 


Bruno Saaler. 


einer Scheinfreiheit, die in Wirklichkeit Gebundenheit ist, und, wie 
wir heute wissen, nichts anderes verkörpert als eine hysterische Bil¬ 
dung. Religiös beeinflußte psychische Epidemien früherer Zeiten wie 
der. Flagellantismus (Selbstgeißelung) hatten ihre Ursache in der 
Ausartung asketischer Bestrebungen der damaligen Epoche und sind 
ein charakteristisches Bild hysterischer Folgen der Triebverdrän¬ 
gung. Wie groß der Einfluß der herrschenden religiösen Ethik auf 
das Geistesleben der Menschen gewesen ist, und wie sehr daher auch 
heute noch mit ihm zu rechnen ist, geht daruus hervor, daß selbst 
Kant in seiner „Metaphysik der Sitten“, die im Jahre 1797 erschien, 
aber von dem Geiste Rousseaus nicht befruchtet war, — obwohl, wie 
berichtet wird, der große deutsche Philosoph beim Studium des 
„Emil“ Rousseaus seinen regelmäßigen Spaziergang vergaß —, die 
Grundlagen für seine Auffassung der Sexualethik ohne weiteres den 
bestehenden religiöser, Sitten entnahm. Allerdings ist Kant, was sehr 
beachtenswert ist,.dem asketischen Ideal, das nicht auf Tugend, son¬ 
dern auf schwärmerische Entsiindigung abziele, entgegengetreten; 
dies ist aber auch, wie Eulenburg 1 ) in seinem letzten Werke 
„Moralität und Sexualität“ betonte, das einzige Moment, das in diesem 
Spätwerke Kants unseren modernen Anschauungen von den „Natur- 
rechten und den unabweisbaren Ansprüchen der Liebe und Leiden¬ 
schaft“ einigermaßen gerecht wird. 

Wenn wir also das asketische Ideal als entbehrlich und gesund¬ 
heitsschädlich verwerfen, so bedeutet dies nicht, wie ich immer wie¬ 
der betone, daß damit dem Ausleben auf sexuellem Gebiete das Wort 
• geredet werden soll. Es ist deshalb notwendig, hierauf besonderen 
Nachdruck zu legen, weil es gewisse Anhänger der Freudschen 
Lehren gibt, die aus der Erkenntnis, daß die Triebverdrängung zu 
nervösen Erkrankungen Anlaß gibt, einem solchen Ausleben das 
Wort reden. Freud selbst hat nachdrücklich darauf hingewiesen, daß 
die Dinge nicht so liegen, daß es möglich wäre, eine bestehende Neu¬ 
rose durch sexuellen Verkehr zu heilen. Die Triebverdrängung ge¬ 
schieht ja in der Regel nicht deshalb, weil das Individuum unmittel¬ 
bar geschlechtlichen Verkehr haben möchte und nicht darf, sondern 
deshalb, weil Erziehung, Milien und andere äußere Faktoren das In¬ 
dividuum dauernd veranlassen, auftauchende sexuelle Impulse zu 
verdrängen. Der Arzt, der einer solchen Sachlage gegenüber ge¬ 
schlechtlichen Verkehr empfiehlt, anstatt psychische Hygiene zu 
treiben, handelt keineswegs ärztlich. Wenn darauf erwidert wird: 
„Was geschieht aber, wenn das Individuum nun wirklich vor der 
Eventualität des geschlechtlichen Verkehrs steht ? dann wird es 
doch abermals den Sexualtrieb verdrängen müssen, und alles ist wie 
vorher!“ so ist das falsch. Denn wenn das Individuum überhaupt 
erziehbar ist, so wird es inzwischen durch die ihm gegebene Aufklä¬ 
rung des Tatbestandes und die ihm übermittelten Richtlinien psy¬ 
chisch-sexueller Hygiene nicht mehr zu verdrängen brauchen, son¬ 
dern ebenso wie ein Gesunder in voller geistiger Freiheit darüber 
entscheiden, was es zu tun hat. Denn die Behauptung, sexuelle Ab- 


') Eulenburg, Moralität uml Sexualität bei Kant. Zeit-schr. f. Sexualwissensch. 
II. B«l„ 0. Heft, 1915. 


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Geschlechtsleben und Erziehung. 


121 


stinenz sei nur möglich durch Verdrängung des Sexualtriebes, ist 
einer jener vielen fundamentalen Irrtiimer, zu denen psychiatrisch 
mangelhaft gebildete Ärzte die Freudsehe Lehre geführt hat. Ver¬ 
drängung ist nicht identisch mit Bekämpfung des Sexualtriebs. So 
lange der Kampf mit den sexuellen Trieben in voller geistiger Frei¬ 
heit und im Bewußtsein vor sich geht, ist von Verdrängung nicht 
die Rede. Erst wenn ein affektbetonter Vorstellungskomplex, mit 
dem das bewußte Ich wegen seiner Überwertigkeit nicht fertig wer¬ 
den kann, ins Unbewußte verdrängt wird, wenn zu diesem Zwecke 
der überwertige Ideenkomplex — also in diesem Falle die Sexuali¬ 
tät — entwertet und im Bewußten durch seinen Widerpart ersetzt 
wird, dann ist man berechtigt von-Verdrängung zu sprechen. Wenn 
null auch zugegeben werden muß, daß dieser Mechanismus nicht nur 
bei psyelioneurotisch disponierten Menschen eine Rolle spielt, so ist 
doch die Identifizierung von Triebbeherrschung und Triebverdrän¬ 
gung nicht gerechtfertigt. Wär'e sie es, so könnte mit Recht die 
Theorie von der unbedingten Schädlichkeit der sexuellen Abstinenz 
hergeleitet werden. Wie unsinnig diese Identifizierung aber ist, geht 
nicht nur daraus hervor, daß es zahlreiche Menschen gibt, die in 
völliger körperlicher und geistiger Gesundheit abstinent leben, son¬ 
dern vor allem aus der Erwägung, daß cs ja dann auch schädlich sein 
müßte, andere nicht sexuelle Strebungen zu bekämpfen. Gewiß ist 
der Sexualtrieb elementarer als jeder andere; ein grundsätzlicher 
Unterschied besteht aber nicht. Es hat sich auch während des Krieges 
gezeigt, daß die Auffassung der Freudsehen Schule von den aus¬ 
schließlich sexuellen Ursachen der hysterischen Erkrankungen auf 
Irrtum beruht. Die Rolle, die der Sexualtrieb bei den Friedenshyste¬ 
rien, besonders bei den weiblichen Hysterischen spielt, übernahm bei 
den Kriegshysterikern der Selbsterhaltungstrieb, vielfach aber nicht 
einmal das, sondern nur das Verlangen nach den Bequemlichkeiten 
des häuslichen Lebens. Also auch das konnte verdrängt werden und 
zu nervösen Erscheinungen führen. Wie verhält es sich also in Wirk¬ 
lichkeit? Seelische'Konflikte schwerster Art bleiben niemandem er¬ 
spart. Der Gesunde erledigt sie im Bewußten, bleibt Sieger und 
gesund, der zu nervös-hysterischen Störungen Disponierte verdrängt 
und erkrankt. Die tiefere Ursache der Erkrankung ist also nicht der 
seelische Konflikt als) solcher, sondern die abnorme Stärke des see¬ 
lischen Konflikts infolge ins Krankhafte gesteigerter Affektibilität 
oder die Willensschwäche, die das betreffende Individuum veranlaßt, 
vor seelischen Konflikten davonzulaufen, sich in die Krankheit zu 
flüchten, wie Freud es ja auch ausgedrückt hat. Wenden wir diese 
Erkenntnis nun auf die Frage der Schädlichkeit sexueller Abstinenz 
an, so ergibt sich daraus, daß sie schädlich ist nur bei abnormer 
Stärke des Sexualtriebs oder bei bestehender Charakterschwäche 
bzw. bei' neurotischer Veranlagung. Die logische Folgerung hieraus 
ist natürlich nicht das Postulat ungehinderten Geschlechtsverkehrs, 
sondern Bekämpfung der Ursachen, die zur neurotischen Disposition 
führen, und Erziehung zur Willensstärke, zur Triebbeherrschung und 
TriebA r eredelung. 

Damit bin ich nach einer notwendigen Abschweifung wieder bei 
der Sexualpädagogik angelangt. Die Aufklärung allein tut es nicht. 


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122 


Bruno Sanier, Geschlechtsleben und Erziehung. 


Das wichtigste*Moment ist tatsächlich die Erziehung des Willens. Es 
wird manchem eigentümlich erscheinen, daß ich als Grundsatz einer 
modernen Sexualpädagogik scheinbar nichts anderes sage, als was 
auch die alte religiös beeinflußte Lehre vertrat. Erziehung des Wil¬ 
lens mit dem Ziele der Triebbeherrschung. Aber nur scheinbar! 
Denn nicht sklavischer Gehorsam gegenüber überkommenen Tradi¬ 
tionen, kein sich Beugen vor gottgewollten Abhängigkeiten, keine 
verlogene Moralität, keine erzwungene Anbetung eines asketischen 
Ideals zwingt den geistig freien Menschen zur Triebbeherrschung, 
sondern die klare und freie Erkenntnis, unter eigener Verantwortung 
wägende Gegenüberstellung von menschlichen Rechten und Not¬ 
wendigkeiten staatlicher und gesellschaftlicher Gemeinschaft, die 
dann auch den Rechten des Individuums einen größeren Spielraum 
gewähren kann als ehedem. Foerster hat aus dieser scheinbaren 
Übereinstimmung der religiös beeinflußten Pädagogik mit der ärzt¬ 
lichen Erkenntnis die Folgerung gezogen, daß das asketische Ideal 
erhalten bleiben müsse, und der harten und strengen Übung das Wort 
geredet. Diese Begründung ist natürlich unentbehrlich für den, der 
bestrebt ist, die Autorität einer durch die Entwicklung überholten 
Weltanschauung aufrecht zu erhalten. Die ärztlich befürwortete 
Willenserziehung hat mit Askese ebensowenig zu tun wie mit dem 
Drill der militaristischen Epoche. Es hat viele überrascht, daß im 
Kriege die Leistungen der nur kurze Zeit ausgebildeten Mannschaften 
keineswegs hinter denen der nach altem System gedrillten zurückge¬ 
blieben sind; ein Zeichen dafür, wie wenig die Methode des Drills, 
die für geistig tiefstehende Rekruten erdacht war, noch bei dem Men¬ 
sehenmaterial am Platze war, aus dem sich das deutsche Heer in der 
Hauptsache rekrutierte. Askese und Drill entstammen aber den glei¬ 
chen geistigen Quellen. Sie sind die adäquaten Erziehungsmittel für 
den inferioren Geist. Die Unbeherrschtheit auf sexuellem Gebiet, die 
wir erleben, seitdem die Revolution mit allem geistigen Zwang ge¬ 
brochen hat, darf uns nicht veranlassen, wieder nach der Zuchtrute 
zu rufen. Was wirl brauchen, ist Aufklärung darüber, daß nur ein 
Mensch, der innerlich frei ist, das Recht auf äußere Freiheit hat. 
Innere Freiheit bedeutet aber in sexueller Beziehung die Unterord¬ 
nung sexueller Strebungen unter die. von der Natur dem Menschen 
als geistigem Wesen verliehenen geistigen Hemmungsapparate. Wie 
sinnlos der von vielen sich modern dünkenden Leuten verkündete ero¬ 
tische Kult ist, geht daraus hervor, daß bei Erkrankungen der Gro߬ 
hirnrinde, des Sitzes der höheren geistigen Funktionen, sich eine 
Steigerung des Erotismus bemerkbar macht. Das sollten diejenigen 
bedenken, die nicht aufhören, die •Unbeherrschtheit auf sexuellem 
Gebiet nicht nur als Menschheitsrecht, sondern als Zeichen höherer 
Gesittung darznstellen. In einer Tageszeitung hat vor kurzem Frau 
Dr. Helene Stöcker 1 ) in einem Referat des Werkes der Ärztin M. 
von Kemnitz s ) „Erotische Wiedergeburt“ und des Romans „Eros“ 
von Annemarie von Natlmsius :t ), „einer reichen individualisierten 

i) ITpIpih' Störkor. Kr. IS um! srinr WiotloriD'lnirt. Berliner T;i<o*Mntt H». Xnv. IBlü. 

-) M. von Kommt/., Krotisclir Wio.lrrL r «*lnirt. Wrlai: Koinlnmlt, München. 

-■*) Annommio v. Nnthusius, Kr«».*. Bonjr, Berlin. 


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Hans Erich Heyde, Sexualethik als Wissenschaft. 123 


Liebesfähigkeit zu verschiedenen Typen“*, die ethische Verantwor¬ 
tung einsehließe, das Wort geredet. Demgegenüber ist darauf hin¬ 
zuweisen, daß in dem ausgezeichneten Buche von Frau Kemnitz so 
vorzügliche Worte gerade über die Exklusivität der Liebeswahl ge¬ 
sagt werden, daß es für Frau Dr. Stöcker kaum angezeigt sein dürfte, 
sich hierbei aiif Frau von Kemnitz zu berufen. „Weiblich sensitives 
Liebesverlangen“, um mit Helene Stöcker zu reden, darf nicht zu 
einem Kult des Erotischen führen, weil sich dem, um wieder einen 
Ausdruck Stöckers zu gebrauchen, das „männlich-primitive Liebes¬ 
verlangen“ um so mehr und mit Recht entgegenstemmen würde. Man 
kann es auch anders ausdriicken: Der Gegensatz besteht zwischen 
dem unbeherrschten weiblichen und dem beherrschten männlichen 
Erotismus, ohne daß damit gesagt sein soll, daß die Beherrschung 
immer auf seiten des Mannes und die Unbeherrschtheit auf seiten 
der Frau ist. 

Eis ist hier nicht der Platz, auf die EYagc einzugehen, worin die 
Ersuchen für die sexuelle Not zu suchen sind, die gerade intelligente 
EYauen zu leidenschaftlichen Ausbrüchen der Anklage gegen den 
Mann führen, wie sie beispielsweise der Roman „Eros“ der Anne¬ 
marie von Nathusius darstellt. Sicherlich ist in dieser Hinsicht vieles 
reformbedürftig, und es ist zu hoffen, daß die Vermenschlichung der 
geschlechtlichen Sitten, die wir von einer neuen Idealen augepaßten 
Sexualreform erwarten, auch ein erhöhtes sexuelles Feingefühl beim 
Manne für die Zartheit weiblicher psychosexueller Regungen ent¬ 
stehen'läßt. Ich kann aber nicht unterlassen, auf die ärztliche Er¬ 
fahrung hinzuweisen, die) besagt, daß sehr häufig die Frau, die ihr 
verfeinertes erotisches Empfinden in Gegensatz zu dem primitiven 
des Mannes setzt, daraus nur die Berechtigung herzuleiten bestrebt 
ist, ein unbeherrschtes Sexualleben zu führen. Nicht die Ursache, 
sondern der Vorwand wird gesucht, nicht Begründung, sondern 
Rationalisierung ist die Parole. Nicht selten ist die*tiefere Ursache 
solcher Rationalisierung eine verborgene homosexuelle Anlage, die 
aus Gründen der geltenden Moral vor sich selbst verleugnet, schlie߬ 
lich durchbricht und vor dem Richterstuhl des eigenen Gewissens den 
Sündenbock im Manne sucht und findet. (Schluß folgt.) 


Sexualethik als Wissenschaft. 

Von Dr. H a n s El r i e li II e y d e. 

Es liegt auf der Hand, eine Erörterung, ob und inwiefern Sexual¬ 
ethik Wissenschaft ist, würde am einfachsten und klarsten derart 
zu führen sein, daß erst einmal bestimmt und scharf herausgearbeitet 
würde, was Wissenschaft und was Sexualethik ist, so daß sich dann 
hieraus ergebe, ob für Sexualethik die Bezeichnung „Wissenschaft“ 
znträfe, mit andern Worten, ob und inwiefern „Sexualethik 
als Wissenschaft“ gelten könne oder nicht. — Wenn ich 
gleichwohl diesen geraden Weg nicht einschlage, so tue ich das, weil 
ich mich zunächst wenigstens nicht auf einen fest umrissenen, alle 
anderen Auffassungen verwerfenden Begriff „Sexualethik“ fest¬ 
legen will, vielmehr einen ganz allgemeinen verschwommenen Be- 


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124 


Hans Erich Heydt*. 


griff „Sexnalethik“ voranssetze, damit nicht sonst von vornherein 
eine ganze Reihe von Auffassungen ansscheidet, die dann von der 
Erörterung, oh und inwiefern Sexnalethik Wissenschaft ist, gar 
nicht mehr berührt werden würden. 

Was auch immer als Sexnalethik gelten möge, sofern es eben 
die Bezeichnung Sexual e t h i k erhält, hat es als ein Teil der Ethik zu 
gelten. Hieran setzen die Versuche an, welche der Sexualethik den 
Wissenschaftcharakter abstreiten. Man sagt, die Ethik ist gar keine 
Wissenschaft, somit kann auch die Sexualethik nicht auf den Titel 
„Wissenschaft“ Anspruch machen. Man begründet diese Behaup¬ 
tung vielfach damit, Ethik handele nicht von Seiendem, sondern 
von Seinsollendem, Wissenschaft befasse sich aber nur mit Seien¬ 
dem, daher sei Ethik aus dem Wissenschaftsregister zu streichen. 

In der Tat hat dieser Beweisgang viel Bestechendes! Wie 
könnte dann auch Sein s o 11 endes den Gegenstand einer Wissen¬ 
schaft darstellen ?! Es ist gar kein Zweifel, daß in gewissem Sinne 
Seinsollendes nicht einer Wissenschaft als Gegenstand dienen kann. 
Oder wer ist bereit, das Kochbuch, das Schießreglement der preu¬ 
ßischen Armee, Kuigges Umgang mit Menschen, Luthers Kleinen 
Katechismus usw. als Wissenschaft auszugeben! In all diesen 
Büchern wird in ausgiebigem Maße vom Seinsollenden gehandelt: 
„DerSoldat hat usw.“, „DerMensch muß usw.“ und gar: „Du sollst 
deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß dir’s wohlgehe und 
du lange lebest auf Erden!“ Dazu Luthers Zusatz: „Wir sollen 
Gott fürchten und lieben usw.“ Hält man sich diese Beispiele vor 
Augen, dann ist man allerdings genötigt, dem „Seinsollenden“ den 
Eintritt in die Wissenschaft zu verwehren, denu soviel steht fest, 
Seinsollendes, wie es die genannten Beispiele zeigen, kann nicht den 
Gegenstand der Wissenschaft ausmachen. Insofern versteht man es, 
wenn gesagt wird, nur Seiendes, nicht Seinsollendes könne sich die 
Wissenschaft zum Objekt nehmen. Und in dieser Weise wird es 
verständlich, daß die Ethik, sofern sie vom Seinsollenden handeln 
soll, im Wissenschaftssytem keinen Platz findet. 

Und doch geht dieser Beweis daneben. Daß bei jenen Beispielen 
vom Seinsollenden gehandelt wird, leugne ich nicht. Ich will auch 
vorläufig zugeben, daß die Ethik vom Seinsollenden handelte. Gleich¬ 
wohl unterscheidet sich die Ethik wesentlich vom Scliießreglement, 
vom Kochbuch usw. Kochbuch, Katechismus usw. sind bloße 
Sammlungen, zahlenmäßige Aueinanderreihungen von Vorschriften, 
Geboten, Regeln. Die Ethik aber, wie man sie auch fassen möge, 
geht nicht darauf aus, eine Sammlung von Regeln des sittlichen 
Lebens aufzustellen, dessen Befolgung unter Vermeidung unange¬ 
nehmer Folgen gefordert wird. Vielmehr zielt die Ethik, wofern 
sie vom Seinsollenden handelt, därauf ab, zu untersuchen und 
festz u stellen, was denn als Seinsollendes in Betracht kommen, 
welche „Forderungen“ sittlichen Charakter tragen, welche Hand¬ 
lungen ausgeführt werden sollen, und warum. 

Wer sich das klar macht, daß die Ethik nicht ein Moralregle¬ 
ment ist, sondern eine Untersuc li u n g über das Ob und das Was, 
das Wie und das Inwiefern des Sollens und Seinsollenden, der muß 
damit auch zugeben, daß die Ethik Wissenschaft ist. Das 


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— 


Sexual et hi k als Wissenschaft. [ -J ,"> 


„Seinsollende“, ja auch das „vom Seinsollenden Handeln“ an sieh 
sagt mithin gar nichts, es entscheidet noch nicht darüber, ob das, 
was vom Seinsollenden handelt, eo ipso Wissenschaft ist oder nicht, 
sondern die Frage, in welcher Weise vom Seinsollenden „gehandelt“ 
wird, ob in der Form der bloßen Aufzählung oder aber der Unter¬ 
suchung und Erwägung. 

Aus der Unterlassung dieser Überlegung aber wird — und das 
gilt als besonders zu beachten — auch erklärlich, wie es kommt, 
daß so leicht der bloße Ausdruck „Seinsollendes“ an sich, isoliert 
hingeworfen, indem er so die Vorstellung „Gebot, Vorschrift“ nach 
sich zieht, den Gedanken an Wissenschaft nicht aufkommen läßt, 
so daß die Ethik als vom Seienden handelnd von vornherein außer 
halb der Wissenschaft zu stehen scheint. 

Indessen entgeht mir nicht, daß die Gegner der Ethik (somit 
auch der Sexualethik) als Wissenschaft, wenn sie auch den Unter¬ 
schied zwischen Vorschriften-Sammlung (Aufzählung vom Sein¬ 
sollenden) und Ethik (Untersuchung über Seinsollendes) nicht ver¬ 
kennen, gleichwohl die Ethik nicht als Wissenschaft gelten lassen 
■wollen. „Untersuchung“ allein vermag ihnen in der Tat noch nicht 
die Wissenschaftlichkeit der Ethik zu gewährleisten. Sie behaupten 
nämlich: damit etwas Gegenstand wissenschaftlicher Be¬ 
arbeitung sein könne, müsse es Seiendes sein, darum sei auch eine 
Untersuchung über Seinsollendes nicht als Wissenschaft anzu¬ 
sprechen. Diese Auffassung verdankt ihr Dasein vor allem einer 
heutzutage starken philosophischen Strömung, als deren Haupt¬ 
repräsentant Heinrich Rickert gilt. Für diese Philosophen ist 
die Mannigfaltigkeit der Welt nicht in „Ding“ und „Bewußtsein“ — 
Objekt und Subjekt wie sie in schiefer 1 ) Ausdrucksweise zu sagen 
pflegen, erschöpft. „Die Subjekte treten zusammen mit Objekten als 
Wirklichkeiten auf die eine Seite und bilden den einen Teil der 
Welt. Ihnen müssen wir die Werte als den anderen Teil gegenüber- 
steilen“*). Also da das Seiende, hier das Nichtseiende: das Sein¬ 
sollende 8 ). Ob die Tatsachen es gestatten, einen Gegensatz zwischen 
Ding- ühd Bewußtseinswelt einerseits und Reich der Werte an¬ 
dererseits derart zu konstruieren, daß beide gänzlich auseinander¬ 
fallen, kann ich liier nicht erörtern 4 ). Hier interessiert uns viel¬ 
mehr die Frage, ob die Zugrundelegung der R i ck e r t'sehen Ge¬ 
dankengänge eine Handhabe bietet, der Ethik als Wissenschaft den 
Garaus zu machen. Ich sage: Nein. — Selbst Rickert und seine 
Schule, die doch den Gegensatz „Seiendes und Seinsollendes“ unter 
Anklang an Plato und Lotze von neuem heraufbeschworen 
haben, lassen die Ethik als Wissenschaft, wenn auch als 
Wissenschaft vom Seinsollenden gelten. Diese Tataehe mußte doch 
den Gegnern der Ethik als Wissenschaft schon Bedenken geben. 
Aber fassen wir den Gegensatz Sein — Seinsollen selbst ins Auge! 


') Auch das Subjekt kann — im Selbstbewußtsein: Ich weiß mich — Objekt sein. 
Vgl. J. Rehnike. Philosophie als Grundwiss., S. 556 ff.; Pbil. als Logik, S. 127, 277. Hnd 
das andere Subjekt ..Du“ kann ebenfalls Objekt — mein Objekt sein. 

*) Rickert im Logos I, S. 12. 

*) Rickert, a. a. 0. 

■*) Ich verweise auf meine Schrift „Grundlegung der Wertlehre“, S. 12 ff. und 54 ff. 


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l‘2ß Hans Erich Heyde. 


Daß die Ethik, wenn sie schon auf Seinsollendes geht, doch auch 
Seiendes trifft, insofern als das von ihr Gebotene, Seinsollende in 
menschlichen Handlungen vielfach verwirklicht, d. li. schon Seien¬ 
des geworden ist, somit die Ethik auch vom Seienden handelt, will 
ich gar nicht weiter zugunsten der Ethik als Wissenschaft aus- 
‘beuten. Vielmehr will ich von anderer Seite dem Problem zu Leibe 
gehen. Wissenschaft, so sagt man, beschäftige sich nur mit dem 
Seienden. Diese Behauptung ist doch wohl der springende Punkt 
des Problems. Nun, was heißt denn Seiendes? Stellt man das 
Seiende in Gegensatz zum Seinsollenden, so ist offenbar Seiendes 
soviel wie wirklich-Seiendes, Wirkliches, Seinsollendes aber, 
als „Zuverwirklichendes“ soviel wie (Noch-) N i c h t w i r k 1 i e h e s. 
(Einen Einwand seitens der Rickersclieu Schule bitte ich vorläufig 
zurückzustellen.) Danach würde sich Wissenschaft nur mit Seien¬ 
dem, d. i. Wirklichem befassen können, somit die Ethik kein 
Recht auf den Titel „Wissenschaft“ haben. Nur Wirkliches 
wäre mithin Gegenstand der Wissenschaft. Ist dem nicht in der 
Tat so? Die Medizin handelt von dem wirklichen „Leib“, insbeson¬ 
dere die Sexualwissenschaft von den wirklichen Geschlechtsorganen 
usw. Die Astronomie beschäftigt sich mit den wirklichen „Him¬ 
mel skörpern“, die Psychologie mit dem Wirklichen „Seele“, die 
Physik mit der wirklichen Materie, bzw. deren Zustandsverände- 
rungen, usw. Kurzum aus allen diesen Fällen erhellt, daß es diese 
Wissenschaften auf Wirkliches abstellen. Gleichwohl bestreite ich, 
daß das Objekt der Wissenschaft Wirkliches sein müsse. Han¬ 
delten auch alle Wissenschaften vom Wirklichen, so ist das noch 
kein Grund zu behaupten, daß unbedingt nur Seiendes —- Wirk¬ 
liches der Wissenschaft zur Bearbeitung vorliegen könnte, ebenso¬ 
wenig wie etwa die Tatsache, daß vor meinem Fenster nur Leer¬ 
züge vorbeifahren, ein Recht «gibt zu sagen, ein Eisenbahnzug be¬ 
stehe (stets) aus leeren Wagen (sondern nur aus Wagen schlecht¬ 
hin). Indessen vermag diese Erwägung vielleicht noch nicht den 
Glauben zu zerstören, daß stets Seiendes -■ Wirkliches Objekt der 
Wissenschaft sein müsse. Aber wie, wenn sich in der Tat Wissen 
schäften, als solche anerkannte Wissenschaften fänden, die nicht 
von Seiendem, d. i. Wirklichem handelten? Von der „Philosophie 
als Grundwissenschaft“ 1 ), wie sie «J oha nnes Reh in ke behandelt, 
will ich hier ganz schweigen, so sehr sich an ihr nachweisen ließe, 
daß ihr Gegenstand nicht ein Ausschnitt der Wirklichkeit, des 
Seienden ist. Wohl aber ist der Hinweis auf die Logik, aucli wenn 
man sie nicht im Sinne Rehnikes 2 ) auffaßt, geeignet, zu zeigen, 
daß sie, obwohl ohne Zweifel Wissenschaft, sich doch nicht mit Wirk 
liebem als solchem abgibt. Oder meint jemand, daß sie sich u. a. 
dein Wirklichen „Vorgang“ der sich z. B. beim Schließen abspielt, 
als anstatt vielmehr dem Schließen als solchem, abgesehen von 
seiner psychologischen Wirklichkeit widmet? Ich brauche, ja nur 
an Bolzano, Lotze. Riekert u. a. zu appellieren, die allesamt 
zwischen.dem psychologischen, wirklichen „Akt“ und dein logischen 

') Johannes h’ehlnke, 'Philosophie als (Irnmhvisseiisehafl, Frankfurt a. AI. MIO. 

-■) Johanne« liehnike, Loyik oder Philosophie als Wissenslehre. 1 .«‘ip/.ig MI8. 


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127 


Sexualethik als 'Wissenschaft. 


außerhalb der Wirklichkeitssphäre stellenden „Inhalt“, wie sie sieli 
auszudrücken belieben, einen scharfen rntersebied machen. Indes 
der Hinweis auf eine andere Wissenschaft muß den letzten Zweifel 
daran znm Schwelgen bringen, daß der Gegenstand einer Wissen¬ 
schaft nicht allzeit Wirkliches »sein müsse. Die Mathematik 
meine ich, nämlich die Wissenschaft, deren Gegenstand Raum und 
Zahl ist. Dem Mathematiker ist es doch völlig gleichgültig, oh der 
Gegenstand seiner Wissenschaft „Wirkliches* 4 oder „Xichtwirkliclies“ 
ist. Er untersucht Figuren wie Dreiecke oder Zahlen, wie sie an sich 
sind. Kein Mathematiker verlangt vom Dreieck oder etwa von der 
Zahl 15, daß sie wirklich sei. Er untersucht nicht wirkliche Drei¬ 
ecke, wirkliche Zahlen. Ja, er bestreitet sogar, daß es einen w i r k - 
liehen Kreis gibt! Und doch rechnet er den Kreis, aber eben den 
Kreis als Gegebenes schlechthin, zu seinen vornehmliclnm Gegen¬ 
ständen. Und nennt er nicht gar V —1, Y —a usw. imaginäre 
Zahlen, um damit ihre Irrealität, Nichtwirklichkeit ganz besonders 
zum Ausdruck zu bringen ! Man sieht, der Gegenstand der Mathe¬ 
matik kann wohl Wirkliches sein, aber nicht weil er Wirkliches sein 
kann, ist er Gegenstand der Wissenschaft, „Mathematik“, ja er kann 
eben vielfach nicht einmal in der Wirklichkeit angetroffen werden. 
Die Ergebnisse der Mathematik werden also durch die Alternative 
Wirkliches — Nichtwirkliches in keiner Weise berührt. Der Gegen¬ 
stand der Wissenschaft Mathematik ist eben besonderes Gege- 
b e n es schlechthin, rein also solches, n ic h t aber besonderes W i r k - 
liebes. Das heißt aber für unsere Untersuchung: Um Gegenstand 
einer Wissenschaft zu sein, ist nicht erforderlich, daß das Betreffende 
Wirkliches sein müsse. — Diese Tatsache erhellt auch schon aus einer 
Beleuchtung des Begriffes „Wissenschaft“. Was ist denn Wissen 
schaft? Wie man auch diesen Begriff bestimmt hat und bestimmen 
mag, gemeinsam ist den mannigfachen Auffassungen zweifellos, daß 
Wissenschaft ein Unternehmen ist, das auf fraglose Klarheit ab¬ 
zweckt. Aber Fragen stellen und zur Klarheit gelangen ist doch 
sehr wohl auch möglich auch in Betreff von Nichtwirklichem! Nie¬ 
mand wird dies letztere leugnen wollen. Wenn das, dann ist auch zu¬ 
zugehen, daß bezüglich dessen, das zu fragloser Klarheit gebracht 
werden soll, gar nicht von Bedeutung ist, oh es wirklich ist oder 
nicht. Nur „Etwas“ schlechthin ist zum Gegenstand von Wis¬ 
senschaft erforderlich, mehr nicht. 

Dann aber ist auch die Ethik, und damit auch die Sexualethik, 
da sie sich doch mit „etwas“ beschäftigt, Wissenschaft. Und die Mei¬ 
nung, sie beschäftige sich ja ausschließlich mit Seinsollendem, d. h. 
nicht Seiendem, Nicht wirklichem, vermag ihr nunmehr nicht 
mehr den Charakter als Wissenschaft zu nehmen, da ja das Nicht- 
wirkliche doch Etwas, Gegebenes ist. — Viel eher scheint eine 
— oben (s. S. 126) beiseite gestellte — Behauptung von anderer Stute 
das Ergebnis, Ethik (Sexualethik) sei Wissenschaft, illusorisch zu 
machen, die Behauptung nämlich, das Seinsollende sei nicht nur 
nicht Wirkliches, sondern auch nicht einmal in dein Sinne Nicht¬ 
wirkliches, wie etwa das „ideale Sein“ 1 ) des mathematischen Drei- 

l 

*) Vgl. Rickert, Zwei Wege der Erkenntnistheorie. Kautstudie-n XIV. 


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128 Hans Erich Reyde. 

«■cks sei. Das Seinsollen (Wert) sei überhaupt nicht ein Sein, sei noch 
anders als „Sein“. Anders ausgedrückt: „Sein“ sei nicht gleichbedeu¬ 
tend mit Wirklichsein, dem das Nichtwirklichsein gegenüberstände. 
Seiendes soll vielmehr alles Gegebene — Wirkliches wie Nichtwirk¬ 
liches gleichermaßen umfassen, und ihm gegenüber — völlig wesens¬ 
fremd — stünde die Welt des schlechthin Nichtseienden, des Sein¬ 
sollenden. Und dies, sagt man unter Benutzung dieser Behauptung 
Rickerts u. a., ohne aber im Gegenteil damit übi'igens inil 
Rickert übereinzustimmen, sei keiner Wissenschaft zugäng 
lieh, selbst wenn man dieser auch die Tore zum Seienden im um¬ 
fassenden Sinne des „Gegebenen überhaupt“ öffnete. Ich kann hier 
nur soviel sagen: Stünde das Seinsollende, die .Welt des Wertes gän 
lieh außerhalb des Seienden (des Wirklichen, wie des Niehtwirk 
liehen), des Gegebenen, des „Etwas“ überhaupt, fürwahr, wenn es 
nicht einmal etwas sein darf — und etwas ist auch das „Nicht 
seiende“, Seinsollende — dann wäre es in der Tat nicht Gegebenes, 
Nichts. Daß die Ethik doch wenigstens etwas bearbeite und nicht 
Nichts, genügt aber, wie ich zeigte, durchaus, um sie als Wissen 
Schaft begreifen zu können. 

Mit welchem Recht nennt man denn sonst überhaupt das augeb 
lieh außerhalb der Seinsphäre stehende — Seiende darf ich' ja nicht 
sagen! — Seinsollende, gerade Seinsollendes? Seinsollen, Sollen 
überhaupt geht doch auf etwas — das Wort „etwas“ kann ich aber 
beim besten Willen nicht entbehren das wirklich werden soll, als»» 
noch n i c h t - w i r k 1 i c h ist. Anders ist Sollen schlechterdings nicht 
verständlich. Man verrät also mit der Bezeichnung Seinsollendes 
daß man innerhalb des Seienden, »l»»s Gegebenen iilierhaupt, des „Et¬ 
was“ steht, das Wirkliches, wie im besondern (noch) Niehtwirkliehes 
unter sich begreift, nicht aber fernab von jeglichem Seienden, iin 
Nichts. „Etwas“ ist also »las Seinsollende jedenfalls, was die Ethik 
zum Gegenstände hat. Darum ist sie, wofern si<> vom Seinsollemhm 
handelt, mit Fug und Recht als Wissenschaft zu bezeichnen. Daraus 
geht aber' zw»*ifellos hervor: Sexualethik als Toi lg» biet »l»*r 
Ethik ist vollgültig als Wissen.sehn ft anzusehen. 

Ich sagte, wofern sie — die Ethik — vom Scinsollcndeii handelt. 
Tatsächlich aber trifft di» j se von mir bisher festgehaltene Voraus¬ 
setzung gar nicht zu. Wenn man also gerade die Behauptung: Ethik 
habe das Seinsollende zum Gegenstände, als Argument dafür ver¬ 
wendet hat, daß sie deshalb keine Wissenschaft sein könne, so ist di»' 
Schlußfolgerung, nämlich »lie Leugnung der Ethik als Wissenschaft, 
schon deshalb verk»‘hrt, weil sie auf einer falschen Prämisse 
- Ethik handele vom Seinsollenden — beruht. Ich weiß, daß jene 
Auffassung vom Gegenstand der Ethik — von keinem Geringeren als 
von Kant inauguriert — weit verbreitet ist. Eben deshalb habe ich 
länger bei ihr verweilt, um selbst an dieser an sich irrigen Auffas¬ 
sung nachzuweisen, »laß gleichwohl Ethik (Sexualethik) Wissen¬ 
schaft ist. Daß auch bei völlig anderer Bestimmung der Pitliik sie 
erst recht als Wissenschaft zu gelten hat, wird die weitere Unter¬ 
suchung über »len eigentlichen Gegenstand »1er Ethik lehren. 

Angenommen, das Seinsoll» nde sei das, dem sich die Ethik zuzu¬ 
wenden habe. Dann muß es bei genauer ( berl»*gung einh'uchten, »laß 


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Sexualethik als Wissenschaft. 


129 


damit keine Wesensbestimmung der Ethik geliefert wird. In das 
Wesen der Ethik als Ethik bekommt man keinen Einblick, wenn 
man ihren Gegenstand als etwas bezeichnet, das sein soll. So bleibt 
auch hier völlig ungesagt, wie und welcher Art das Gesellte ist. 
Seinsollendes schlechtweg ist nichts als ein leeres Beziehungswort, 
wie „ähnlich“ -— eine Beziehung, die nichts als eine Beziehung 
zwischen Zweierlei bedeutet, keineswegs aber eine Wesenbestim¬ 
mung dessen bietet, was einander ähnlich ist. Diese Einsicht, daß 
„Seinsollendes“ als Beziehungswort das Wesen der Ethik völlig un¬ 
bestimmt läßt, muß eigentlich schon genügen, um die Meinung vom 
Seinsollenden als Gegenstand der Ethik endgültig fallen zu lassen. • 
Läßt doch die bloße, ganz allgemein und unbestimmt gelassene De¬ 
finition der Ethik als Untersuchung vom Seinsollenden dem Umfang 
des Seinsollenden einen allzu breiten Spielraum! 

Was läßt sich nicht alles als Seinsollendes anführen! Und doch 
wäre es absurd, all dergleichen als Gegenstand ‘der Ethik gelten 
zu lassen, so sehr auch die Behauptung, Ethik handele vom Sein¬ 
sollenden, ein Recht dazu gibt. Dieser Widerspruch zeigt am besten, 
daß die in Rede stehende Bestimmung des Gegenstandes der Ethik 
als Seinsollenden irrig ist. Man wendet ein, Ethik handele nicht 
vom Seinsollen den, sondern von Seinsollfen de m, nicht Sein¬ 
sollendes überhaupt, sondern besonderes Seinsollendes, ein beson¬ 
derer Ausschnitt des Seinsollenden sei Objekt der Ethik. Gen: 
will ich das einmal zugeben, aber gleichwohl bitte ich ganz besonders 
zu beachten: ein Aufschluß über das Wesen der Ethik gewährt auch 
diese Einschränkung nicht. Im Gegenteil! Erhebt sich doch nun 
erst recht die Frage, welches das Kriterium des besonderen, für die 
Ethik in Betracht kommenden Seinsollenden ist, worin die Besonder¬ 
heit dieses Seinsollenden beruht. Die Antwort liegt auf der Hand: 
«las sittliche Seinsollende ist es allein, das den Gegenstand der 
PIthik darstellen könnte. Bedenkt man nun, daß der Begriff „Sein¬ 
sollendes“ gar nichts zur Aufhellung des Begriffes „Ethik“ leistet, so 
wird ersichtlich, daß wir somit auf das Sittliche selbst gedrängt 
werden. Das Sittliche rein als solches, ohne die Beimischung des 
für dessen Wesen bedeutungslosen „Sollens“ ist der Gegenstand 
«I e r E t h i k. 

Gleichwohl hält man doch — ich denke vor allem an die in der 
„Kritik der praktischen Vernunft“, insbesondere in dem kategori¬ 
schen Imperativ zum Ausdruck kommende Ansicht — an der Be¬ 
hauptung fest, Ethik handele von (besonderem) Seinsollendem, dem 
sittlich Seinsollendem, indem man wie Kant zwar eine (materielle) 
Bestimmung des Sittlichen zu geben versucht, aber doch eben auch 
entschieden des Sollens, des Imperativischen, nicht entraten zu kön¬ 
nen meint. Eine besondere Beleuchtung des Sollenbegriffs mag 
zeigen, daß auch in der Weise, wie es Kant sich dachte, (besonderes) 
Seinsollendes nicht Gegenstand der Ethik sein kann. Klar ist von 
vornherein, daß „Sollen“ Bewußtsein erfordert, und zwar zunächst 
das sollende. Indes dies reicht nicht aus. Erforderlich ist außer dem 
sollenden, dem befehlerhaltenen Bewußtsein noch ein zweites, das 
befehlgebeude Bewußtsein. Ohne das ist Sollen schlechterdings nicht 
möglich. „Ich soll“ bedeutet ja doch: Ich will eine Veränderung, 

Zeit sehr. f. Seiualwi«enschkft VII. -I. 9 


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130 Hans Erich Heyclc. 


weil ein anderes Bewußtsein will, daß ich sie will“, erfordert also 
zum mindesten zwei wollende Bewußtseinswesen. Diese Feststel¬ 
lung gilt es nun bei jedem Iin]>erativ, bei jeder Verpflichtung zu be¬ 
achten. Somit ist auch das Kantische „du sollst“ des kategorischen 
Imperativ „Handele so, daß . . .“ nicht denkbar ohne ein befehlen¬ 
des, pflichtgebendes Bewußtsein. Einen absoluten Imperativ der 
Sittlichkeit gibt es nicht l ). Also entweder weist man das Bewußtsein 
auf, das jeden einzelnen Menschen, die gesamte Menschheit zur Sitt¬ 
lichkeit verpflichtet, wofern die Lehre vom Seinsollenden als Gegen¬ 
stand der Ethik nicht haltlos in der Luft schweben soll; oder aber 
man versteht sich dazu, einen Widerspruch in sich — absoluter Impe¬ 
rativ — für Wahrheit auszugeben. Im ersteren Falle würde man 
immer auf irgendeine theologische Ethik hinauskommen, aber diesen 
Standpunkt nur bewahren können, falls man in der Lage wäre, Gott, 
das zur Sittlichkeit Verpflichtende, als Wirkliches festzustellen. Im 
letzteren Falle hingegen ist man von vornherein erledigt. In jedem 
Falle also führt das Sollen als vermeintlich konstituierendes Moment 
des Gegenstandes der Ethik ins Uferlose. Freilich Kant hat vor 
diesem Entweder — Oder einen Ausweg, der ebenso verblüffend wie 
irrig ist, in seiner Behauptung der Autono m i e des Sittengesetzes. 
Mit ihr scheint es ihm einerseits zu gelingen, der durch das' Sollen 
geforderten Namhaftmachung des anderen, des Verpflichtenden zu 
entgehen, da ja nach K a n t der Verpflichtende und der Sollende 
derselbe (Autonomie) sein soll, andererseits aber damit auch 
wieder zugleich den Forderungscharakter, das Moment des „Sollens“, 
(Autonomie) der Sittlichkeit aufrecht zu erhalten. Indes die Auto¬ 
nomie des Sittengesetzes ist ein arger Trug. Wird also schon für die 
Sittlichkeit Seinsollendes statuiert, dann kommt man nicht drum 
herum: zwei Bewußtseinswesen, nicht nur das sollende, sondern vor 
allem auch ein von diesem verschiedenes, ein weiteres Bewußtsein 
aufzuzeigen, das befehlende. Ein Bewußtsein beides zugleich sein 
lassen, ist unmöglich, sofern man das Sollen beibehalten will, oder 
man betrachtet sich als zwei Bcwußtseinsw r esen. „Ich gebe mir den 
Befehl oder das Gesetz, etwas zu tun“, wird niemand wörtlich neh¬ 
men, als ob er ein Befehlendes und zugleich ein von diesem Befehl¬ 
nehmendes wäre, sondern nur für eine durch Analogie zu erklärende 
Wortzusammenstellung im Sinne von „Ich w i 11 das tun“ ansehen. 
Daß aber Kant und mit ihm so viele eine Autonomie trotz des 
augenscheinlichen Widerspruch in sich aufrecht erhalten — es gibt 
eben nur Heteronomie —, hat seinen Grund darin, daß er in der Tat 
zwei Wesen, ein wollendes wue ein befehlendes — und doch wieder 
nur eins aufzuzeigen glaubte; zerfällt ihm doch das menschliche 
„Gemüt“ (Bewußtsein) in zwei Teilweisen, die Vernunft und die 
Sinnlichkeit 2 ), von denen ersteres das Gesetzgebende, die Sinnlich¬ 
keit das Sollende ist, so daß K a n t allerdings sagen konnte, das 
menschliche Gemüt selbst sei autonom, das sich eben der 
Dualismus „Befehlgebendes“ — Befehlerhaltendes“ sozusagen 


') Vgl. Joclsohn, Moralität und Sexualität, in dieser Zeitschrift. 1919. S. 50. 

5 i Auch der Gegensatz: Ding an sich und Erscheinung spielt in diese Zweiteilung 
„Hefehlendes und Sollendes“ hinein. 


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Sexualethik als Wissenschaft. 


131 


innerhalb eines Bewußtseins abspielen soll. Indes eine solche 
Lösung' des Problems heißt doch: aus eins zwei machen; das Bewußt¬ 
sein ist unbeschadet aller etwaigen Zergliederung nicht in zwei ge¬ 
sonderte, sich aber beeinflussende Teilwesen auflösbar, sondern ist 
eines. Dies allein aber schließt eine Autonomie, ja ein Sollen 
vollkommen aus. Das Sollen hat nichts in der Ethik 
zu tun.und Seinsollendesist mit nichten Gegenstand 
der Ethik. Im Gegenteil! Gerade die Begriffe: Gesetz, Pflicht, 
Imperativ, Sollen — sind Begriffe, die, anstatt irgendwie konstitu¬ 
ierend den Gegenstand scheinbar auszumachen, gerade umgekehrt 
der Ethik den Garaus machen. Denn das Sittliche beruht auf Frei¬ 
willigkeit, nicht auf Gesetz und Pflicht, und hat mit Sein- 
sollendem nichts zu tun. Nicht Seinsollendes spielt mit in den 
Gegenstand der Ethik hinein, sondern Sittliches rein als solches 
ist ihr Gegenstand. Ist also die Behauptung, daß Ethik sich mit 
Seinsollendem beschäftige, hinfällig, weil der Norm-(Sollens-)Be- 
griff die Ethik von vornherein illusorisch macht, so fällt auch das 
Argument, auf Grund dessen der Ethik der Eintritt in die Reihe der 
Wissenschaften versagt wurde; weil sie ja Seinsollendes, nicht Seien¬ 
des zum Gegenstand hätte, sollte sie ja nicht Wissenschaft sein dür¬ 
fen. Um aber die bisher negativ geführte Untersuchung — Ethik 
handelt nicht vom Seinsollenden — zu vervollständigen, muß ich in 
positiver Weise ganz kurz auf den eigentlichen Gegenstand der 
fljthik eingehen und damit gleichzeitig nachweisen, daß Ethik Wis¬ 
senschaft ist. Dann erst wird damit auch die Sexualethik als 
Wissenschaft auftreten können. 

Die Ethik hat die Aufgabe, die Tatsache des sittlich Genann¬ 
ten, den als „Sittlichkeit“ bezeichneten Tatbestand, zu untersuchen. 
Sittlichkeit ist ohne Frage Sache des (menschlichen) Bewußtseins, 
und zwar des wollenden und als solches handelnden, d. h. in bezug 
auf anderes Bewußtsein tätigen Bewußtseins. Sittlichsein erfordert 
mithin außer dem sittlichen Bewußtsein noch ein anderes Bewußt¬ 
sein, an dem sich die Sittlichkeit erst bewähren kann. Als sprin¬ 
gender Punkt des Sittlichen gilt nun einstimmig die Uneigennützig¬ 
keit. Sittlich«* Handlungen sind solche, die nicht um des eigenen 
Nutzens willen unternommen werden, sondern um des andern Be¬ 
wußtseins Unlust zu entwirkliehen, und sie entspringen' «lern, dem 
sittlich-wollenden Bewußtsein eigentümlichen, Sich-Eins-Wissen 
(Mitleiden) mit anderem Bewußtsein; dies allein ist der Quell¬ 
punkt des Sittlichen. Das Sittliche hat seinen Wesenskern aber 
nicht in irgendeiner Nötigung zum Sicheinswisseil'mit anderem, 
Sittlichkeit ist Freiwilligkeit, Gesetz und Norm (Sollen) ihr also 
von Haus aus wesensfremd. Vielmehr kann eine sittliche Hand¬ 
lung recht wohl unter Verwendung unmoralischer, ungesetzlicher 
Mittel zustande kommen 1 ) somit das Sittliche im Gegensatz 
zum Sollen stehen. Daß man als sittliches Bewußtsein gleich¬ 
wohl vielfach ein Sollen mit zu ,erleben“ glaübt, hat seinen Grund 
in zweierlei. Einmal nämlich zieht man unter Vernachlässigung 
einer scharfen Scheidung zwischen eigentlichem und uneigeut- 


l ) Vgl. Joclsohn, Moralität und Sexualität, a. a. U.. S. 5t). 

Ö* 


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Origiral fr am 

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132 Hans Erich Ileyde. 

liehen Sittlichen die Grenzen des Ethischen zu weit, daß man 
auch Handlungen mit einbezieht, die in der Tat gesollt, und 
zwar von Staat oder Gesellschaft gefordert sind, so daß 
man unter Beobachtung dieses Seinsollenden das Normative und 
Gesetzmäßige auch auf das eigentliche Sittliche überträgt. An¬ 
dererseits aber wird durch Tätigkeit der Erzieher, sei es der Eltern, 
sei es der Lehrer, durch die Erziehung zum Sittlichsein an das 
Sittliche ein Sollen herangebracht und nun irrtümlicherweise dieses 
Sollen sozusagen i n das Sittliche hinein gelegt, während es 
außerhalb von ihm stehend, ihm nicht wesenseigentümlich ist. 
Wenn ich also jetzt, wenn auch ohne all und jede Frage zur Beant¬ 
wortung zu bringen, eine Bestimmung des Sittlichen zu geben ver¬ 
sucht habe, so habe ich damit eine Arbeit geleistet, die auf Klärung 
der über das Sittliche bestehenden Fragen und Probleme abzielt. 
Aber eben dieses Moment, die Herbeiführung fragloser Klarheit 
über Gegebenes, welcher Art es auch sei, ob Wirkliches oder nicht, 
konstituiert den Wissenschaftsbegriff. Darum ist auch die Ethik, 
da sie auf Klarheit über das Sittliche hinarbeitet, als Wissen¬ 
schaft anzusprechen, und ist die Sexualethik ein Teilgebiet der 
Ethik, dann ist sie eben insofern mit Fug und Recht Wissenschaft 
zu nennen. 

Lag also der bisherigen Untersuchung mit Rücksicht auf die 
Gegenbehauptung, daß Ethik und damit auch Sexualethik als vom 
Seinsollenden handelt, nicht Wissenschaft sein könne, der Syllogis¬ 
mus zugrunde: „Ethik ist Wissenschaft, Sexualethik ist ein Teil¬ 
gebiet der Ethik, also ist auch sie Wissenschaft“, so muß selbstver¬ 
ständlich auch aus der Sexualcthik selbst, aus ihrem besonderen 
Stoffgebiet heraus, ohne Bezugnahme auf den soeben genannten 
Syllogismus sie als Wissenschaft verstanden werden können. „Was 
ist Wissenschaft?“, „Was ist Sexualethik?“ Die Beantwortung dieser 
beiden Fragen, gegeneinander gehalten, hätte, wie ich bereits 
sagte, die Frage: ob und wiefern Sexualcthik als Wissenschaft gelten 
könne, sofort erledigen können, wenn nicht der Rekurs der Gegner 
der Sexualethik als Wissenschaft auf die angeblich vom Seinsollen- 
den handelnde Ethik diesen unsern Umweg nötig gemacht hätte. 
Was ist Sexualethik? Insofern die Sexualethik eben Sexualethik 
ist, hat sie das sittliche Verhalten des Menschen, und zwar als 
Sexualethik, das sittliche Verhalten auf dem Gebiete der Ge¬ 
schlechtlichkeit zum Gegenstand. 

Die geschlechtliche Liebe bildet den Mittelpunkt der Sexual- 
ethik; ihren sittlichen Äußerungen und Leistungen hat sie sich zu¬ 
zuwenden. Und indem die Sexualethik diese klärende Arbeit leistet, 
den mannigfachen Fragen über die Tatsachen des Sexualethischen 
Antwort sucht und gibt, ist sie damit ohne Frage eine Wissenschaft. 
Denn mehr als das „zu fragloser Klarheit zu kommen suchen“ liegt 
eben nicht im Begriffe Wissenschaft. 

Man wendet wohl ein, die Begrenzung des Gegenstandes der 
Sexnalethik auf das Sittliche im Geschlechtsleben, auf die ge¬ 
schlechtliche Liebe in ihrer sittlichen Leistung, sei eine gewaltsame 
Beschränkung des Umfanges der Sexualethik. In ihr Gebiet seien 
vielmehr auch die Fragen der Prostitution, der Homosexualität, der 


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Sexualethik als Wissenschaft. 


133 


Monogamie, des außerehelichen Geschlechtsverkehrs einzubeziehen., 
und zwar derart, daß die Sexualethik bewußt auf eine „Leitung und 
Bändigung des natürlichen (Geschlechts-) Gefühls“ 1 ) hinarbeiten 
.müsse. Indes würde diese Erweiterung eine recht bedenkliche Ver¬ 
quickung zweier heterogener Gesichtspunkte, des sittlichen einer¬ 
seits mit dem sozialen und moralischen andererseits bedeuten und 
bezüglich des eigentlichen Gegenstandes der Sexualethik arge Ver¬ 
wirrung stiften. Es ist daher nur zu begrüßen, wenn man, beide 
Gesichtspunkte scharf auseinanderhaltend, die Wissenschaftsgebiete 
voneinander trennt. Freilich, behält man, der obigen Bestimmung 
der Ethik gemäß, für Sexualethik in dem oben bezeichneten Sinne 
als Wissenschaft vom Sittlichen innerhalb der Geschlechtssphäre 
folgerichtig die Bezeichnung „Sexualethik“ bei, dann kann begreif¬ 
licherweise das von der Sexualethik in diesem Sinne zu trennende 
Stoffgebiet wegen seiner Verschiedenheit nicht denselben Namen 
„Sexualethik“ führen, vielmehr müßte ein anderer Name für das 
zweite Gebiet — etwa „Sexualmoral“ — ausfindig gemacht werden. 

Nun hat sich aber einmal bei dem ohnehin zwischen Ethik und 
Moral schwankenden Sprachgebrauch der Ausdruck Sexual ethik 
zur Bezeichnung eines Stoffgebietes eingebürgert, welches von dem 
von mir als „Sexualethik“ bezeichneten grundsätzlich verschieden 
ist und so liegt es mir auch ob, dieses m. E. zu Unrecht als „Sexual¬ 
ethik*“ (statt Sexualmoral) Bezeichnete daraufhin zu untersuchen, 
was im Einzelnen sein Gegenstand ist und ob diese „Sexualethik*“ 
als Wissenschaft gelten kann. 

Von vornherein wird nun u. a. z. B. von Timerding*) das als 
Sexualethik * bezeichnete Wissensgebiet der praktischen Ethik 
zugerechnet, in dem Sinne, daß unter Zugrundelegung des Unter¬ 
schiedes zwischen Gut und Böse, aber ohne grundsätzliche Erörte¬ 
rung über Wesen und Eigenart des Sittlichen hingearbeitet wird 
auf die Feststellung der „Grundsätze, nach denen sich der Mensch 
richten soll“ Q ) und damit auch insbesondere auf „praktische Ma߬ 
nahmen für die Hebung der sexuellen Sittlichkeit“'), wie sie 
etwa in der Überwachung der Prostitution, der Ermöglichung früh¬ 
zeitigerer Eheschließung, Aufhebung des Zölibates für Beamtinnen, 
in der Mutterschutzbewegung, der entschiedenen Bevorzugung des 
Monogamischen usw. zum Ausdruck kommt. Beachtet man nun 
hierbei besonders die für diese Sexualethik* bedeutsame Unterschei¬ 
dung des sog. „individualethischen“ und „sozialethischen“ Gesichts¬ 
punktes, so erhellt recht deutlich der Unterschied der Sexualethik 1 
von diesem (m. E. unzutreffend) als „Sexualethik *“ bezeichnet?)! 
Wissensgebiet, insofern, als in der ersteren zwar zum mindesten 
zwei Bewußtseiuswesen, aber wiederum auch nicht unter dem 
sozialen oder gesellschaftlichen, die Förderung der Allgemeinheit 
betreffenden Gesichtspunkt, vorliegen, vor allein aber, insofern als 
für die Sexualethik* ein Begriff eine maßgebende Rolle spielt, der 

M Sieh« 1 Tinwrding Soxiiidotliik. Aiis Nnhir mn! (leistOKWtdt W‘2. S. 17; vgl. dazu 
»lii'*«' Zpitsclir. S. 2t)*2 f. 
a. a. <).. S. r». 

l ) a. a. 0., S. 27. 

*) a. a. ()., S. 5, 15. 


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134 


Kleinere Mitteilungen. Anregungen und Erörterungen. 


der Sexualetliik 1 durchaus fremd ist: das .Sei»sollende, die Norm. 
Denn, wie aus dem Gesagten hervorgeht, stellt die (uneigentliche) 
Sexualethik *, wofern ich von ihrem historischen und psychologisch 
deskriptivem TeiL absehen darf, in dein insbesondere Seiendes 
zur Sprache kommt, nicht nur Seinsollendes, wohlgeinerkt aber be¬ 
sonderes Seinsollendes fest, sondern sie stellt vor allem auch Sein¬ 
sollendes auf. D. h. sie untersucht, was insbesondere Gesell¬ 
schaft und Staat auf dem Gebiete des Geschlechtlichen im Inter¬ 
esse des Gesamtwohl, zum Nutzen der Gesellschafts- und Staaats- 
glieder, fordert und was auf Grund dieses Gesichtspunktes von 
ihnen außerdem (in Zukunft) zu fordern ist. Besonderes Seiendes und 
besonderes Seinsolleudes ist also Gegenstand der Sexualethik *, 
also jedenfalls „Etwas“ („Gewußtes“); und das genügt, wie gezeigt, 
um Gegenstand einer Wissenschaft, d. i. eine auf fraglose Klar¬ 
heit in Betreff von Gegebenem abzielenden Unternehmens zu wer¬ 
den J )- Und so ist auch in diesem Sinne des Wortes, somit in jedem 
Falle, die Sexualethik als Wissenschaft anzusehen. 


Kleinere Mitteilungen, Anregungen und 
Erörterungen *). 

Die reichsgerichtliche Rechtsprechung gegenüber Sexualdelikten. 

Von Geh. Justizrat Dr. Horch in Mainz. 

Die Entscheidungen des höchsten Gerichtshofes gegenüber Sittlichkeitsverbrechen 
bilden für eine Zeitschrift, die der Sexualforschung gewidmet ist, eine Quelle wertvollen 
Materials. Erstrebt doch die Sexualforschung im letzten Ende u. a. auch die praktische 
Verwertung ihrer Ergebnisse durch die Gesetzgebung und bildet doch andererseits die 
reichsgerichtliche Judikatur einen der wesentlichsten Ausgangspunkte, an die die Sexual¬ 
forschung auzuknüpfen berechtigt ist. ln diesem Sinne sind die in dem soeben heraus- 
gegebenen 53. Bande der Entscheidungen des Reichsgerichts mitgeteilten Erkenntnisse 
auf dem Gebiete der Sexualdelikte zweifellos von Bedeutung und sollen deshalb hier an¬ 
geführt und gewürdigt werden. 

Zunächst sei eine Entscheidung des Reichsgerichts zum § 174 Abs. 1 Nr. 1 StGB, 
erwähnt, die allerdings unter der für eine offizielle Sammlung befremdenden unrichtigen 
Überschrift sich findet: „Kann auf einen Arbeitgeber, der mit seinem minderjährigen 
Gewerbegehilfen unzüchtige Handlungen vornimmt, die Strafbestimmung des vorgenannten 
Paragraphen Anwendung finden? 11 Da ein Arbeitgeber, der mit seinem minderjährigen 
Gewerbegehilfen unzüchtige Handlungen vornimmt, niemals nach § 174 Abs. 1 Nr. 1 be¬ 
straft werden kann, ist der hauptsächliche Inhalt der Entscheidung selbst durch diese 
unrichtige Fragestellung entstellt wiedergegeben. Das Urteil vom 7. Februar 1919 
(Band 53, Seite 191) hat denn auch einen ganz anderen Inhalt. Nach den Feststellungen 
hatte der Angeklagte, als er mit der 17jährigen Else K. und der 14jährigen Emmi M. 
untüchtige Handlungen vornahm, zu beiden Mädchen in dem Verhältnis eines Lehrers 
zu seinen Schülerinnen im Sinne von § 174 gestanden. Er hatte ihre weitere Ausbildung 
in Klavier- und Geigenspiel übernommen und sich insbesondere gegenüber dem Vater der 
Emmi M. als Musiklehrer zur Gewährung einer Lehrstelle für seine Tochter erboten und 
zugesichert, daß sie etwas bei ihm lernen werde. Die Einstellung der bis zu einem be¬ 
stimmten Grade ihrer Ausbildung geförderten Schülerinnen in die Kapelle des Angeklagten 
ändere daran nichts, denn auoh das öffentliche Auftreten und die vorbereitenden Übungen 
dazu dienten der weiteren Berufsausbildung, die er für die Dauer eines Jahres über¬ 
nommen hatte. Der Angeklagte hat mit Else K. geschlechtlich verkehrt und der 14 jährigen 

’j Vgl. Joelsohn, a. a. 0, S. 51. 

*) Für die in dieser Rubrik erscheinenden Aufsätze übernimmt die Schriftleitung 
ein für allemal keine andere als die preßgesetzüche Verantwortung! 


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Kleinere Mitteilungen. Anregungen und Erörterungen. 135 


Enuni M. unter die Röcke gegriffen in der Absicht, an den Geschlechtsteil des Mädchens 
zu fassen ; infolge ihres Sträubens ist es aber nur zur Berührung der naokten Beine ge¬ 
kommen. l)io Revision sucht auszuführen, daß es sich in beiden Fällen nicht um ein 
I^ehr-,- sondern um ein Arbeitsverhältnis gehandelt habe. Dafür spreche einmal, daß die 
Mädchen zur Krankenkasse angemeldet gewesen seien und ferner, daß der Angeklagte für 
seine Lehrtätigkeit kein Entgelt bezogen, sondern vielmehr den Mädchen, von ihrer Ein¬ 
stellung in die Kapelle ah, Gehalt ausgezahlt habe. Er sei also lediglich Arbeitgeber ge¬ 
wesen, der allerdings, wie es auch sonst jeder Kapellmeister tue, durch Proben und Üben 
die Leistungen seiner Kapelle vervollkommnet habe. Das Reichsgericht hat die Revision 
verworfen. Das Verhältnis des Angeklagten zu den beiden Mädchen, als ein solches des 
I^ehrers zu minderjährigen Schülerinnen, wende dadurch nicht berührt, daß die Schülerinnen 
bei den vom Beklagten veranstalteten Musikaufführuugen als seine gewerblichen Gehilfinnen 
mitzuwirken hatten. Die Mädchen blieben trotz ihrer Einstellung in die Kapelle und der 
damit beginnenden Gehaltszahlung die Schülerinnen des Angeklagten und er ihr Ijehrer. 
Übrigens sei Entgeltlichkeit der Unterrichtserteilung kein notwendiges Erfordernis für die 
Begnffsmerktnale des Lehrers und des Schülers nach § 174 Abs. 1 Nr. 1. 

In einer zweiten Entscheidung Band 53, Seite 274 hat das Reichsgericht durch Urteil 
vom 3. Juni 1919 ausgesprochen, daß die Annahme einer einheitlichen Tat bei unzüchtigen 
Handlungen mit mehreren Kindern unter 14 Jahren rechtlich nicht möglich sei. Durch 
den Gebrauch des Wortes „Kinder 41 in der Mehrzahl im § 176 Abs. 1 Nr. 3 StGB, wolle 
das besetz keineswegs, wie die Revision meine, zum Ausdruck bringen, daß die Verübung 
unzüchtiger Handlungen mit mehreren Kindern nur als eine einzige Zuwiderhandlung 
'aufzufassen sei. Das höchste persönliche Rechtsgut der geschlechtlichen Unversehrtheit, 
die durch die Bestimmung des Strafgesetz buchs bei Kindern unter 14 Jahren geschützt 
werden solle, mache die Annahme eines Fortsetzungzusammenhangs zwischen unzüchtigen 
Handlungen, die sich gegen verschiedene Kinder richteten, rechtlich unmöglich und ließen 
jedes einzelue Delikt als eine selbständige Handlung erscheinen. 

ln einer weiteren Entscheidung vom 30. Januar 1919 Band 53, Seite 188 hatte in 
tatsächlicher Beziehung der Angeklagte die 8 Jahre alte Schülerin Anni L. auf seinen 
Schoß genommen, ihr in der Absicht, ihren nackten Körper zu oerühren und sich hier¬ 
durch geschlechtlich zu erregen, unter die Röcke gefaßt und nach der Stelle gegriffen, 
wo ihre mit einem Knopf verschlossene Hose zu öffnen war. Da das Kind durch Vor¬ 
halten der Hand das Aufknöpfen der Hose verhinderte und laut zu weinen anfing, ließ 
der Angeklagte von weiterem ab. Das Landgericht hat wegen versuchten Verbrechens 
im Sinne von § 176 Abs. 1 Nr. 3 verurteilt. Pie Revision des Augeklagten suchte geltend 
2 u machen, daß der Angeklagte nicht alles erreicht habe, was er sich zum Ziele gesetzt 
hatte. Diesem Einwand komme jedoch keine Bedeutung zu, vielmehr hätte das Reichs- 
Bericht auf Grund des oben mitgeteilten Tatbestandes nach den Gründen ein. vollendetes 
Verbrechen angenommen, wenn auch die Staatsanwaltschaft Revision eingelegt hätte, da 
das Gericht in dem Verhalten des Angeklagten sämtliche Merkmale des inneren und äußeren 
Tatbestandes eines vollendeten Verbrechens angenommen haben würde. Ein freiwilliger 
Rücktritt vom Versuch könne bei richtiger Beurteilung der Sachlage nicht in Frage kommeu. 

Zum § 182 StGB, hat das Reichsgericht durch Urteil vom 21. Oktober 1918 Band 53, 
Seite 130 ausgeführt, daß die „Verführung” nur voraussetze, daß der Mann der ver¬ 
leitende und bestimmende Teil gewesen sei, daß er unter Benutzung der geschlechtlichen 
l Zerfahrenheit und geringen Widerstandskraft des Mädchens dessen Wille mit Erfolg dahin 
Iveeiuflußt habe, sich ihm zur Befriedigung seiner geschlechtlichen Lust hinzugeben. 
Wenn auch nach den Feststellungen des vorliegenden Falles der Angeklagte keine be¬ 
sonderen Verführungskünste brauchte und das MäUchen ihm auch „mit Worten 4 * keiuen 
Widerstand geleistet habe, so sei doch bestimmend für ihr Verhalten das Abhängigkeits¬ 
gefühl gewesen, in dem sie als Dienstinagd zu dem Angeklagten als Dienstherrn stand. 
Hierdurch sei das Tatbestandsmerkmal der Verführung ausreichend begründet. 

Endlich hat zur Frage des § 183 das Reichsgericht in einem Urteil vom 4. November 1918 
Band 53, Seite 139 Stellung genommen. Nach den Feststellungen der Strafkammer batten 
die Angeklagten gemeinschaftlich auf einem offenen Woge die Zeugin M. angehalten und 
ihr die Röcke bis zu den Knien emporgehoben, sonach ihr gegenüber Handlungen unter¬ 
nommen, die gegen Sitte und Anstand verstoßen. Die Strafkammer hatte nur aus § 360 
Nr. 11 verurteilt. Das Reichsgericht hat das Urteil aufgehoben, weil die Urteilsgründe 
keino Auskunft darüber gäben, ob die Allgemeinheit durch die Ausschreitung der An¬ 
geklagten in Mitleidenschaft gezogen gewesen sei, wie dies $ 360 Nr. 11 erfordere. Dabei 
hat das Reichsgericht hervorgehoben, daß in dem angefochtenen Urteil die Anwendung 
des § 183 StGB, aus einem unzutreffenden Grunde abgelehnt werde. Die „Unzüchtigkeit** 
der nachgewiesenen Haudluug sei lediglich deshalb verneint worden, weil die Angeklagten 
nicht „aus geschlechtlicher Sinnenlust 44 gehandelt hätten. Nach feststehender Reeht- 


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136 


Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen 


sprechung werde in den Fällen des § 183 nicht mehr gefordert, als daß die Handlung 
gegen das Scham- und Sittlichkeitsgefühl in geschlechtlicher Hinsicht verstoße und der 
Täter sich der geschlechtlichen Beziehung der begangenen Schamlosigkeit bewußt sei. 
Dagegen sei es nicht erforderlich, daß der Täter gehandelt habe, um die eigene Sinuenlust 
oder die des Angegriffenen zu befriedigen oder anzureizen. Weiter genüge es, daß die 
Personen, gegen die sich die Angriffe richteten, Ärgernis nehmen. Anderen Personen 
brauche nicht Ärgernis gegeben zu werden: es sei auch nicht nötig, daß solche die 
Handlung wahrgenommen oder ihr beigewohnt hätten, nur müsse die Möglichkeit der 
Wahrnehmung durch unbestimmt viele Personen tatsächlich bestanden haben. 

In den vorstehenden Entscheidungen ist ein Rechtsirrtum nicht zu finden. Das 
Reichsgericht hat auf Grund des Gesetzes in Anwendung seiner bisherigen Rechtsprechung 
entschieden. Eine andere Frage ist es, oh nicht das System, auf Grund dessen der Ab¬ 
schnitt des Strafgesetzbuchs bezüglich der Sittlichkeitsdelikte aufgebaut ist, einer gründ¬ 
lichen Änderung bedarf. In dieser Hinsicht sind die Ausführungen, die in Bd. 2, S. 1 ff. 
dieser Zeitschrift „über Sittlichkeitsverbrechen 14 von J. "Wert hau er gemacht wurden, 
sehr beherzigenswert. Er weist darauf hin, daß es jahrtausendelanger wissenschaftlicher 
Forschungen bedurft habe, um den Aberglauben, daß gerade im Geschlechtstrieb etwas 
Unsittliches liege, zu widerlegen. Während sonst die Annahme medizinischer Wahrheiten 
sich überall durchgesetzt habe, werde diese uatiiiliehe Betrachtung des Gesehlechtstriebes 
besondere auf rechtlichem Gebiet noch nicht anerkannt. Wenn jemand aus Hunger einen 
fremden Gegenstand sich aneigne, so begehe er einen Diebstahl, das Motiv der Tat ändere 
die Tat selbst nicht, nur auf die Strafabmessung wirke der Beweggrund erhöhend oder 
mildernd ein. Nur in bezug auf die Geschlechtssphäre werde, wenn der Geschlechtstrieb 
das Motiv einer Handlung sei, dieses Motiv für so wichtig erklärt, daß es den Tatbestand 
einer eigenen Deliktskategorie ausmache. Es sei ausreichend, wenn das sexuelle Motiv 
in die Strafabmessung verwiesen und im übrigen die Tat selbst unter die Bestimmungen 
der Unvereehrheit des Körpers, des Willens and der Ehre eines anderen rubriziert werde. 
Diese Ausführungen, die Weithauer gegenüber dem Vorentwurf und dem Entwurf des 
Strafgesetzbuches zu bestimmten Forderungen formuliert, verdienen weitgehende Be¬ 
achtung. Ich selbst habe^n einer Arbeit in dem Archiv für Kriminologie, Bd. 67, S. 127 ff. 
„Eine Erweiterung des Strafgesetzbuches in Bezielmng auf Sittlichkeitsdelikte? 44 darauf 
aufmerksam gemacht, daß es vom Standpunkte des Praktikers aus zu Bedenken Anlaß 
gebe, daß die nach dem früheren Strafgesetzbuch geltenden Voraussetzungen des Antrages 
bei gewissen Sittlichkeitsdelikten in Wegfall gekommen sei und daß Fälle wie diejenigen 
in Breslau, wo die Prostitution körperlich .entwickelter Mädchen unter 14 Jahren dazu 
führte, daß weite Familienkreise durch total verdorbene Mädchen unglücklich gemacht 
wurden, vermieden worden seien, wenn die früheren Bestimmungen, wonach derartige 
Delikte nur auf Antrag bestraft werden konnten, aufrocht erhalten worden wären. Ich 
habe gegenüber dem obigen Falle, wo ein Musiblehror wegen Verfehlungen gegen Mit¬ 
glieder seiner Damenkapelle auf Grund der harten Bestimmungen des Strafgesetzbuches 
verurteilt werden mußte, den Eindruck, als ob bei einer richtigen Rubrizierung eines der¬ 
artigen Deliktes und bei dem Erfordernis derartige schwere Verurteilungen zu vermeiden 
wäron. Gewiß ist es richtig, daß die t'berhandnahme der Unsittlichkeit und der Unzucht 
die ernste Aufmerksamkeit aller im öffentlichen Leben stehenden Personen erfordert. 
Aber mit der Härte strafgesetzlicher Bestimmungen ist es allein nicht getan. Das beweist 
der Umstand, daß trotz dieser Bestimmungen eine Abnahme der Sittlichkeitsdelikte nicht 
konstatiert werden kann, vielmehr diese sich in aufsteigender Linie bewegen. Nur eine 
sittliche Erziehung, die Fernhaltung unsittlich einwirkender Umgebung, die Vermeidung 
des Anreizes zu geschlechtlichen Erregungen, die zu vertiefende Bildung kann den Weg 
zu einer Besserung der Verhältnisse an bahnen, womit selbstverständlich nicht ein Freibrief 
oder auch nur eine milde Beurteilung schwerer Sittlichkeitsverfehlimgen befürwortet 
werden soll. 


Zur Frage der sexuellen Verwahrlosung im Kriege. 

Von Geh. Justizrat Dr. Horch. Mainz. 

In einem längeren Aufsatz, den Amtsrichter Albert Hellwig: „Zum Kampf gegen 
die Kriminalität und die Verwahrlosung der Jugendlichen 4 ' im „Archiv für Strafrecht und 
Strafprozeß 44 , Bd. 68, S. 103 ff., veröffentlicht, wendet er sich S. 121 ff. auch zur Frage 
der sexuellen Verwahrlosung, die im Kriege sich entwickelt habe. Er nimmt Bezug auf 
die Mitteilungen, die Voigtländer über diese Entwicklung unter den weiblichen Fiirsorge- 
zöglingen des Leipziger Kreises während der Kriegsjahre macht. Die sexuelle Verwahr¬ 
losung bestehe in der Neigung zu ungebundenem und ungeordnetem Sexualleben. Die 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 137 


Verwahrlosungsform sei im Kriege merkwürdigerweise im Rückgang begriffen, wenn man 
die aus den Leipziger Erfahrungen gezogenen Schlüsse verallgemeinern dürfte. Während 
ihr 1914 48°/o und 1915 50% d 0r schulentlassenen Mädchen angehörten, so daß sie 
geradezu als die typische Form der weiblichen Verwahrlosung angegeben werden könnte, 
um so mehr als auch die Haltlosigkeit vielfach zur sexuellen Entgleisung führe, seien 
diese Ziffern 1916 auf 19°/ 0 und 1917 auf 12% zurückgegangen. Noch deutlicher werde 
das Bild, wenn das Sexualleben der Zöglinge näher angesehen werde. 1914 hätten 78% 
der Mädchen sexuellen Verkehr gehabt, 1915 71%, 1916 62% und 1917 60%. Dem¬ 
entsprechend sei auch der Prozentsatz der Geschlechtskrankheiten von 70% der Schul¬ 
entlassenen auf 56% herabgegangen. Auch die Gewerbsunzucht sei stark eingeschränkt, 
von 22% auf 5%. Da die sexuelle Sittlichkeit während des Krieges sicli nicht gehoben 
habe, so sei die Beobachtung dahin zu prüfen, ob sie sich nur auf die Jugendlichen be¬ 
ziehen. Vielleicht sei die Erscheinung eine segensreiche Folge des Verbots für die Jugend¬ 
lichen, während des Krieges abends allein auf der Straße zu sein, da erfahrungs¬ 
gemäß das abendliche Bummeln die häufigste Gelegenheit zum Anknüpfen unerlaubter 
Beziehungen biete. Auch die Verbesserung des Arbeitsmarktes dürfte ein wesentlicher 
Faktor sein. Mit Recht wendet sich Hellwig gegen die Schlußfolgerungen Voigtländers. 
Er betont, daß nicht nur die allgemeinen Erfahrungen dahin deuteten, daß nicht nur bei 
den Erwachsenen, sondern auch bei den Jugendlichen die Unsittlichkeit während des Krieges 
zugenommen habe, sondern auch die von Voigtländer hervorgehobene Tatsache, daß die 
Zanl der schwachsinnigen weiblichen Fürsorgezögliuge im Verhältnis zu den geistig ge¬ 
sunden erheblich zurückgegangen sei. Da es sich bei den Schwachsinnigen um eine 
organische Veranlagung handle, die die Verwahrlosung, insbesondere auch die sexuelle 
Verwahrlosung erfahrungsgemäß außerordentlich begünstige, so sei kaum anzunehmen, 
daß irgendein in Betracht kommender Rückgang der schwachsinnigen Fürsorgozöglinge 
stattgefunden habe. Das könne man nicht aus den Verhältniszahlen sehen, sondern nur 
aus den von Voigtländer leider nicht mitgeteilten absoluten Ziffern. Daß die relativen 
Zahlen der sexuell Verwahrlosten und auch der schwachsinnigen Fürsorgezöglinge ab- 
genommen hätten, erkläre sich daraus, daß die Verwahrlosung auch Kreise ergriffen habe, 
die in normalen Zeiten nur in sehr geringem Umfange Fürsorgezöglinge gestellt habe. 
Ein Rückschluß, wie ihn Feuchtländer ziehe, sei nicht zulässig. Diese Ausführungen 
Hellwigs stimmen mit den Ergebnissen anderer Bezirke durchaus überein. Wenn beispiels¬ 
weise aus Bonn gemeldet wird, daß die' Zahl der jugendlichen Prostituierten in er¬ 
schreckendem Umfang zugenommen habe und daß zwölfjährige Mädchen als geschlechts- 
krank befunden und den Kliniken zugeführt worden seien, so kann dies nicht auf spezielle 
Verhältnisse im besetzten Gebiet zurückgeführt werden, sondern legt die Vermutung nahe, 
daß die allgemeine Entsittlichung auch auf die Sexualität der Jugendlichen von entschei¬ 
dendem Einfluß gewiesen ist. Auch die Einzelheiten zahlreicher Ehescheidungsprozesse 
deuten darauf hin. 


Zur Geschichte der Kenntnis der Syphilis. 

Bemerkung zum Referat Nr. 12, S. 46-, im April he ft lfd. Js. dieser Zeitsch ri ft. 

Von Prof. J. Dück. 

In den handschriftlichen „Treidbüohern 44 des Innsbrucker Staatsarchivs (XII, 
307, Fol. *33) findet sich folgende Stelle aus dem Bericht der um Getreide abgeschickten 
Gesandtschaft: „sein gnad* 4 (gemeint ist Herzog Georg von Bayern) „befürcht sich nämlich 
feßt vor den preßten auch franzosen, laßt kein Menschen zu sich. 41 Das war 1501! 
Danach müssen also die „Franzosen“ schon 1501 in München als recht ansteckend er¬ 
kannt worden sein — vielleicht eines der ersten Zeugnisse darüber aus Süddeutschland. 
Ich habe seinerzeit schon Neisser darauf aufmerksam gemacht und die Stelle gelegentlich 
eines Aufsatzes über bayrisch-tiroler Getreidepolitik im 16. Jahrhundert vor wenigen 
Wochen auch veröffentlicht. 


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Buchbesprechungen. 


Buchbesprechungen. 

1) Külz, L.: Zar Biologie and Pathologie des Nachwuchses bei den Naturvölkern 
der deutschen Schutzgebiete. (Beiheft 3 zu Bd. 21 des Arch. f. Schiffs- u. Tiopenbyg.) 
Leipzig. Joh. Arobr. Barth. 182 8. u. 4 Taf. 14 Mk. 

Von Dr. H. Fehlinger. 

Prof. Külz hatte viele Jahre hindurch Gelegenheit, die Eingeborenen früherer deut¬ 
scher Kolonien kenuen zu lernen, und er hat schon eine Reihe von Schriften über seine 
rassenhygienischen Beobachtungen veröffentlicht. Besonders wertvoll ist die vorliegende 
Abhandlung, die, auf reiches Tatsachenmaterial gestützt, den Nachwuchs der Naturvölker 
Afrikas und Ozeaniens in quantitativer und qualitativer Beziehung behandelt. 

Der Verfasser zeigt vor allein, wie kulturarme Völker die Aufzucht der Kinder 
wesentlich anders bewerten als wir es gewohnt sind. Triebmäßiges Handeln und Stammes- 
sitten entscheiden sehr häufig über Lebenbleiben oder Tod der Kinder. Die Stammessitten 
verlangen vielfach die Beseitigung von Neugeborenen, indem sie in buntem Wechsel bald 
dieses, bald joneR Merkmal als böses Anzeichen gelten lassen. Regel ist dabei nur, daß 
alle außergewöhnlichen Eigenschaften des Neugeborenen ihm am ehesten verhängnisvoll 
werden. Was fremdartig erscheint, wird als feindlich betrachtet, als Gefahr für die an¬ 
deren. * Külz fand in den einstigen deutschen Kolonien durchweg den Brauch der Tötung 
mißbildeter kleiner Kinder. Solche angeborene Leiden hingegen, die man nicht schon wäh¬ 
rend der ersten Lebenszeit den Kindern anmerkt, entgehen der Ausmerzung. und man trifft 
deshalb beispielsweise Taubstummheit und Schwachsinn häufig an. Die Ausmerzung der 
mißbildeten kleinen Kinder ist rassenhygienisch zweckdienlich, doch wird das keineswegs 
erstrebt. Gegenüber der durch Stammessitten oder Kult gebotenen Kindestötung steht der 
Kindermord im Affekt. Es kommt dabei in Betracht, daß die Affekte der Naturmenschen 
ini allgemeinen nicht nur stärker sind und rascher ablaufen als beim Europäer, sondern 
sie trüben oder verengen durch ihre Stärke auch leichter das Bewußtsein vorübergehend. 
Überdies treten verschiedene Einflüsse der Umwelt als Feinde des kindlichen Lebens auf, 
so die unzureichende oder mangelnde Aufspeicherung von Nahrung für schlechte Zeiten, 
die zu j>eriodi sehen Hungersnöten und großer Kindersterblichkeit Anlaß gibt. Viel um¬ 
fangreicher als durch Kindesmord ist die Lebensvernichtung durch Fruchtabtreibung. Die 
Frauen haben wahrscheinlich ihre Möglichkeit durch die Beobachtung herausgefunden, daß 
Überanstrengung. Unfälle, Mißhandlung usw. zu Schwangerschaftsunterbrechung führen. 
Auch die durch Giftwirkung hervorgerufenen Frühgeburten können wir ungezwungen aus 
der Rationalisierung ungewollter entsprechender Effekte herleiten. Eine große Rolle spielen 
Ihm der Fruehtabtreihung die Konflikte zwischen Nahrungs- und Elterntrieb, ferner der 
Wunsch nach Verheimlichung unrechtmäßigen Verkehrs, die Scheu vor den Muttcr- 
pttichten usw. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß überall dort, wo unsere Kultur einiger- 
• maßen Eingang gefunden hat, die Fruchtabtreibung zu-, der Kindesmord jedoch abnimmt. 
Diese Zunahme beruht meist einseitig auf dem Willen der Frau. 

Mit ganz verschwindend wenigen Ausnahmen stillen die Frauen der Naturvölker ihre 
Kinder an der Brust, und zwar meist recht lange. Schon frühzeitig wird allerdings neben 
der Muttermilch andere Nahrung gegeben, die nicht immer bekömmlich ist. Im späteren 
Alter sind die Kinder dadurch gefährdet, daß sie den ganzen Tag über auf Nahrung ange¬ 
wiesen sind, welche die Natur ihnen bietet, denn die erwachsenen Farbigen pflegen die 
Hauptmahlzeit auf den Abend zu verlegen. Die Behandlung und Pflege der kranken Kinder 
läßt alles zu wünschen übrig. Das ist um so mehr bedauerlich, als Krankheiten im Kindes¬ 
alter hei de*n Naturvölkern ungemein häufig sind. Die schlimmste Krankheit des Kindes¬ 
alfers ist die allgemein verbreitete Malaria, die zahlreiche Opfer kostet und doch schwäch¬ 
liche Menschen heranwachsen läßt. Der Herrschaftsbereich der Wurmkrankheit ist nicht 
viel enger als jener der Malaria, aber ihre Schädigungen sind beträchtlich geringer. Andere 
häufige Krankheiten der Eingeborenen-Kinder sind Framboesie, Tuberkulose und Haut¬ 
leiden. 

Recht ausführlich befaßt sieh Külz mit der Statistik des Nachwuchses der Natur¬ 
völker. Das von der ostafrikanischen Medizinalverwaltung kurz vor dem Kriege ge¬ 
sammelte Material, das 46 702 Eingebornenfrauen umfaßt, zeigt unter anderem, daß der 
durch Unverheirafetbleihen oder Witwentum von der Fortpflanzung ausgeschaltete Anteil 
überaus niedrig bleibt: das ist eine Folge der großen Frauen nach frage auf Grund der 
Polygynie. Von 16 080 verheirateten Frauen hatten 0282 oder 20®/,, noch nie geboren, die 
übrigen gaben 84 628 lel>eml- um! 6485 totgeborene oder abortierte Kinder an. Von den 
Lebendgeborenen starben 10 888 oder 23 °/ w im ersten Lebensjahr: die Säuglingssterblich 


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Buchbesprechungen. 


139 


keit war mithin nicht höher als in Deutschland kurz vor dem Kriege. Später gestorben 
sind noch 15 372 Kinder (18 °/ 0 ), der lebende Nachwuchs bestand! aus 49 918 Kindern 
(59%), die Aufzucht von 100 verheirateten Frauen betrug durchschnittlich 108 Kinder. 
Das durchschnittliche Alter der ausgefragten Frauen betrug bloß 27 Jahre. Bis zum Schluß 
des gebärfähigen Alters errechnet Külz eine Aufzucht von 240 Kindern auf je 100 Frauen. 
Bei Stationen mit hoher Geburtenzahl ist der Nachwuchs trotz großer Kindersterblichkeit 
ausgiebiger als hei Stämmen mit geringer Geburtenzahl und verhältnismäßig geringer 
Kindersterblichkeit. Auch das aus anderen deutschen Kolonien vorhandene statistische 
Material über Gehurten und Kindersterblichkeit wird vorgeführt und kritisch betrachtet. 
Besonders ungünstig liegen die Verhältnisse bei einem Teil der Südseevölker. 

Im letzten Kapitel des Buches betrachtet Külz noch die Einwirkungen des Kultur¬ 
wandels auf die Vermehrung der kolonialen Eingebornenbevölkerung, besonders die Ein¬ 
flüsse. welche nach dem Kontakt mit der europäischen Kultur zur Geltung kommen. Sie 
sind nur zutn Teil ungünstig, zum andern Teil aber der Volksvermehrung förderlich, wie 
die Einstellung der Kriege und Fehden, die Seuchenbekämpfung, die Ermäßigung der 
Arbeitslast der Frauen, und anderes. 

2) Strastfer, Hans (Bern): Fragen der Entwicklungsmeelmnik. Die Vererbung er¬ 
worbener Eigenschaften. Bern 1920. Ernst Bireher. 158 S. 

Von Dr. H. Fehlinger. 

Für die Fortpflanzungshygiene die wichtigsten Fragen sind, oh erbliche Übertragung 
von Neuerwerbungen somatogener Natur stattfinde, dann ob und in welchem Maße die 
Erbsubstanz des Keimplasmas durch Einwirkungen von außen abgeändert werden könne. 
Diese Fragen sucht Strasser in vorliegendem Buche unter Bezugnahme auf alle bisher 
vorhandenen Versucbsergebnisse zu beantworten. Seine Schreibweise ist durchaus klar 
und sachlich, nie verliert er sich — was sonst gar beliebt ist — in uferlose Ferneu. und 
man kann seine Arbeit als die beste bis nun existierende zusammen fassende Darstellung 
dieses so wichtigen ^Gegenstandes bezeichnen. 

Die Frage, ob die Eigenschaften, die infolge veränderter Um weit Verhältnisse am 
Körper entstanden, Bei den Nachkommen auch dann hervortreteu, wenn die betreffenden 
Umwelteinflüsse nicht mehr wirksam sind, verneint St. entschieden. Die l^amarckisten 
legen auf die Vererbung eng lokalisierter körperlicher Veränderungen das 
Hauptgewicht. Es ist aber bis heute iu keinem einzigen Fall gelungen, experimentell die 
Vererbung solcher durch lokalisierte äußere Einwirkung erzeugten Veränderungen nacli- 
zuweisen. „In theoretischer Hinsicht“, sagt St., „stellen sich dem Verständnis für die 
Vererbung derartiger erworbener Eigenschaften die größten Schwierigkeiten, entgegen. 
Man müßte annehmen, daß eine Stoff- oder Reiztibertraguug von der in Veränderung be¬ 
griffenen Stelle des elterlichen Organismus auf die in ihm heran wachsenden Keimzellen 
stattfindet, und die in letzteren hervorgerufene Veränderung müßte eine äquifwale sein, 
d. h. sic müßte beim Nachkommeu zu dem gleichon Endresultat führen, wie es beim 
Elter infolge der direkten Einwirkung der veränderten iiußeieu Lebensbediugungen ent¬ 
steht.“ Um das möglich erscheinen zu lassen, müssen z. B. Semon und Hering ein 
Gedächtnis der Erbsubstanz annebmeu. Dagegen wendet St. trefflieh ein: „Was 
Vorgänge betrifft, die sich bei den Vorfahren im Soma auf äußere Einwirkungen hin ab- 
spiefcn und bei den Naehkommeir dank dem ,Gedächtnis der Erbmasse 4 ihrer Zellen und 
ihrer Urspruugszelle wiederholen, so sind die beim Nachkommen beteiligten Körperzellen 
ganz andere als diejenigen, an welchen sich der Vorgang bei den Vorfahren abspielte, 
und sie sind nicht einmal in direkter Abstammung aus ihnen hervorgegangen. Es kommt 
hier vielmehr erstens der rätselhafte Prozeß der Induktion einer Einwirkung von den 
Somazellen des Elters auf dessen Keimzellen in Frage, und zweitens der ebenso rätsel¬ 
hafte Prozeß, der es zuwege bringt, daß der Gedächtniseindruck einer Ursprungskeimzellc 
die verschiedenen aus ihr hervorgehenden Nachkommenzellen jede in besonderer Art und 
jede so beeinflußt, daß als Resultat die vom Elter erworbene neue Eigenschaft, blastogen 
wiedey auftritt.“ Wie wenig der Semonsche Versuch zur Lösung des Rätsels befriedigt, 
wird auf 8. 107—125 gezeigt. 

Leichter denkbar als die Reizübertragung ist die Überführung stofflicher Agenden 
vom Soma auf die Keimzellen, die ParalleloinWirkung eines Stoffes auf Soma und Keim¬ 
plasma durch die Säfte- und Blutzirk ulation. 8t. glaubt wohl nicht an die Über¬ 
führung irgend eines nicht organisierten chemischen Stoffes von lokal affigierten Stellen 
des elterlichen Somas zu den Keimbalmzellen und an eine daraus sich ergobende Ver¬ 
änderung der korrespondierenden Körperstellen des Nachkommens, und nur dieser, 
aber er meint, daß durch Parallel Wirkung der Zirkulation übermittelter Stoffe die all- 


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Buchbesprechungen. 


gemeine Konstitution des Körpers oder eines ganzen Organsystems, das vom 
gleichen Erbfaktor bestimmt wird, abgeändert werden könne. Freilich ist auch diese 
Möglichkeit erst zu beweisen: Und wenn der Beweis gelingt, haben wir es dann tatsächlich 
mit Vererbung zu tun? Wir haben die große Bedeutung in das Zirkulationssystem 
eintretender chemischer Stoffe schätzen gelernt. Aber wenn infolge Einwirkungen von 
außen der Chemismus des Körpers und des Keimplasmas geändert wird, was ganz gut 
möglich ist, so ist nicht anzunehmen, daß die Änderung bestehen bleibt, nachdem der 
Einfluß, der-sie hervorbrachte, aufgehört hat. Organische Umgestaltungen infolge von 
Änderungen des Chemismus des Körpers können mithin nicht als vererbbare Neu- 
e r w e r b u n g e n gelten. 

Die Abänderungsfähigkeit der Erbmasse selbst infolge der Einwirkungen von außen 
gilt St. als zweifellos. Sie sind nicht bloß „KombinationsVarianten 44 (welche durch Neu- und 
Umgruppierung der Erbfaktoren, Reduktionsteilung, Vereinigung der Gameten auftreten), 
sondern kommen auch durch wirkliche Transformation der Erbfaktoren zustande, und 
zwar „nicht etwa bloß aus inneren, im Keimplasma selbst gelegenen Ursachen im Sinn 
der Weismannschen Germinalselektion, sondern infolge äußerer vom Soma her wirkender 
Einflüsse. Solche Einflüsse können ganze Populationen betreffen und während vieler 
Generationen wirken. Sie können dann größere Wirkungen hervorbringen, die junter Um¬ 
standen auch eine Handhabe für die Auslese bieten. Eng lokalisierte Abänderungen auf 
Grund solcher Keimesveränderungen sind sehr wohl möglich, ohne daß deshalb für jeden 
variierenden Teil ein besonderer Erbfaktor im Keim vorhanden sein muß 14 . Körperlich 
hervortreten und vererbt werden können Abänderungen des Keimplasmas, meint der Ver¬ 
fasser, nur sofern sie artdienlich sind, da sie sonst der Ausmerzung anheimfallen. Wäre 
die direkte Beeinflußbarkeit der Erbmasse der Fortpflanzungszelleu groß — wie St. augen- 
scheiulich aunimmt — so wäre bei Hemmung der Auslese die Gefahr der Züchtuug un¬ 
passender Formen, die Entartungsgefahr, recht groß. Die geringe Veränderbarkeit der 
natürlichen Arten scheint aber gegen die leichte Beeinflußbarkeit der Fortpflanzungszellcn 
zu sprechen. 

3) Reisinger, Ludwig: Das Geschlecht. Zur Psychophysiologie der Sexualität. 

Prien in Oberbayern [1919J. Anthropos-Verlag. 137 S. . 

Von Dr. H. Fehlinger. 

Der Autor folgt vielfach den Gedankengäugen Schopenhauers und Weiningers, doch 
hat er auch manches Eigne zu bieten. Einer Einleitung über die Grtmdfragen der Fort¬ 
pflanzung und Vererbung folgen zwei Hauptabschnitte über „Psychologie und Sexualität 44 
und über die „Beziehungen der Geschlechter 44 . Anhangsweise beigegeben ist eine Skizze 
der Schopenhauersehen „TetragannV 4 . Im allgemeinen nimmt Reisinger einen viel größeren 
seelischen Gegensatz zwischen Mann und Frau an, als es gewöhnlich geschieht. Es seien 
als Beispiel einige Sätze aus dem Unterabschnitt Uber die geschlechtliche Zuchtwahl an¬ 
geführt. Reisinger meint, die Körperform habe in der sexuellen Wahl für das weibliche 
Geschlecht weniger Bedeutung als für das männliche, weil „die Sinnlichkeit des Weibes 
nicht direkt auf den Körper des Mannes abzielt, als vielmehr erst durch den Kontakt 
mit demselben vom eigenen Körper ausgeht. Der Anblick eines Mannes wird daher nur 
dann die Sinne einer Frau anfachen, wenn sie dabei der Vorstellung der Berührung ihres 
Körpers durch den männlichen Raum gibt. Die Ursache dieser Erscheinung ist darin zu 
suchen, daß die Fülle, die zur Erregung grober Sinnlichkeit vonnöten, nur das Weib 
innehat, nie aber der Mann, dem so ausgeprägte sekundäre Geschlechtsmerkmale mangeln. 44 - - 
Beachtung verdienen die kurzen Betrachtungen über Liebe und Sympathie. 

4) Kielholz, A.: Jakob Boeknie* Ein pathographischer Beitrag zur Psychologie der 

Mystik. (Schriften zur angewandten Seelenkunde, hrsg. von Freud. H. 17.) Leipzig 

u. Wien 1919. Deuticke. 

Von Dr. Karl Birnbaum. 

Kielholz’ Pathographie des kleinbürgerlichen GÖrlitzer Mystikers stellt Jakob Boehme 
als eine psychopathische Natur hin, für deren Übergang vom fleißigen Handwerker und 
Familienvater zum theosopliisch-mystischen Schriftsteller und von Gott inspirierten Prophet 
und Reformator ein pathologischer Prozeß verantwortlich gemacht wird. Zur Erklärung 
seines Werkes werden Freudsohe Mechanismen: Rückkehr zum infantilen Denken und 
Phantasieren, Wiedererweckung infantiler Wünsche, Ablehnung und Verdrängung des be¬ 
wußten Trieblebens, Sublimierung des infantilen Schautriebs u. dgl. hcrangezogen. Die 
ausführlichen Darlegungen geben einen interessanten Einblick in die^abwegige^Denkweise 


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feuchbesprechungeh. 


141 


Boebmes wie in die eigenartige Gedankenwelt der Mystiker überhaupt. Die Wesens- 
umwandluug Boehmes würde sich im übrigen auch ohne Annahme eines wirklichen 
Krankheitsprozesses lediglich aus der Eigenart seiner Persönlichkeit und den religiösen 
Einflüssen jener Zeit erklären lassen. Gerade im Gebiet des mystischen Seelenlebens wird 
man mit der Annahme pathologischer Zusammenhänge besonders zurückhaltend sein müssen. 

5) Hitschmann, Eduard: Gottfried Keller. Psychoanalyse des Dichters, seiner Ge¬ 
stalten und Motive. (Internationale psychoanalytische Bibliothek. Nr. 7.) Leipzig 
u. Wien 1919. Internationaler psychoanalytischer Verlag. 

, Von Dr. Karl Birnbaum. 

Die Arbeit, die schon in der Hauptsache in einem früheren Jahrgang der Zeitschrift 
„Imago“ veröffentlicht wurde, hält sich, wie schon aus Äußerlichkeiten — Charakter des 
Verlages und des Sammelwerkes — zu ersehen, im Rahmen Freudscher Anschauungen. 
Schautrieb und Zeigelust bilden nach liitsehmann die grundlegenden TriebKomponenten 
dieses Malerdichters, und aus Verdrängungs- und Sublimierungsbildungen dieser Trieb - 
regungen läßt sich Persönlichkeit und Werk erklären. Besonders ausgebildet und bedeutsam 
erscheint bei Keller die Liebesfixierung au die Mutter, woraus auch sein wiederholtes 
unglückliches Lieben abzuleiteu ist. Alle diese Anschauungen werden ausführlich zur 
Darstellung gebracht und mit zahlreichen Einzelheiten aus dem Leben und den Werken 
des Dichters belegt. Ein näheres Eingehen auf diese Belegstücke und ihre Beweiskraft 
sowie auf die entwickelten Anschauungen über die Zusammenhänge zwischen bestimmten 
seelischen Komponenten und Wesenszüge und dichterischen Schöpfungen würde eine Ab¬ 
handlung für sich erfordern und verbietet sich daher von selbst. Psychologische An¬ 
regungen gibt der Aufsatz jedenfalls auch dem Andersorientierten. 

t>—7) Dieckmanns Denkwürdigkeiten und Erinnerungs-Bücherei. Halle a. S. o. J. 
Heinrich Dieckmann Verlag. 

Bd. 1. Kurt Engel brecht: Die Liebe im Selbsterlebnis der Menschen und 
Zeiten. 7 Mit. 

Bd. 11. Grete Meisel-Heß: Die Ehe als Erlebnis. 7 Mk. 

Von Dr. Karl Birnbaum. 

Das Dieckmannsehe Unternehmen, das auf Grund der Brief- und Memoirenliteratur 
bestimmte Stoffgebieto vielseitig zu beleuchteu und darzustellen sucht, bedeutet eine 
wünschenswerte Ergänzuug ähnlicher Zusammenstellungen, die bestimmte hervorragende 
Persönlichkeiten zum Mittelpunkt nehmen. Für die beiden vorliegenden ersten 
Bände, die besonders bedeutsame Elemente des menschlichen und kulturellen Seins be¬ 
handeln, stand zweifellos ein ungewöhnlich reiches Material zur Verfügung, aus dem 
immerhin soviel ausgewählt ist, um einen Überblick über die Haupterscheinungsformeu 
im Laufe der Zeiten und Kulturen zu gewähren. Der Grundplan, Quellenstücke zu 
bringen, wird allerdings nicht restlos festgehalten, und insbesondere die Sammlung von 
Meisel-Heß gibt ganze Seiten aus Werken, die, wie Wiens „Liebeszauber der RomauHk'\ 
einfache Bearbeitungen darstellen. Für die Verbindungen zwischen den einzelnen Doku¬ 
menten wünschte man sich eine großzügigere Betrachtungsweise, um so ein geschlossenes, 
kulturhistorisches Bild auf bestimmten Lebensgebieten übermittelt zu bekommen. lu «lern 
Ehebuch stören im übrigen gelegentliche Banalitäten der Anschauung. 

S) Riecke, Erhard: Geschlechtsleben und Gesehlechtsleiden. Stuttgart. Vorlag von 
Ernst Heinrich Moritz (Inh. Franz Mittelbach). Mit 2 Kunstdruektafelu. Geh. 1 Mk., 
kart. 5 Mk. 

Von Dr. Kurt Finkenrath. 

Die Zahl der Bücher, die sich am Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten durch 
Aufklärung der Massen über Gefahren und Bedeutung jener Erkrankungen beteiligen, 
wird hier durch ein kleines, kurz gefaßtes, wohl ausgestattetes Workleiu von Prof. Riecke 
(Göttingen) vermehrt. Der ärztliche, traurige Stoff wird in geschickter Weise in lite¬ 
rarische Formen gekleidet und in dieser gefälligen, einschmeichelnden, fesselnden Form 
vielleicht dem Herzen des Lesers näher gebracht als in trockener Aneinanderreihung von 
Tatsachen. Die Art der Tagebuchform bei der Darstellung der Syphilis, wie auch 
die novellistische Schiideruug einer Gerichtsszene zur Versinnbildlichung der Folgen des 
Trippers zeitigen eine wertvolle Belebung des Stoffes. Wenn überhaupt die schrift¬ 
stellerische Aufklärung weittragende Wirkung entfalten soll, dann kann sie es nur unter 


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142 


Referate. 


Zuhilfenahme lebendigster Darstellung aus den ewig sich wiederholenden Trauerspielen 
des Alltags. Es muß ihr gelingen, die ganze Gefühlswelt der Leser aufzurütteln, um 
den Boden zu bereiten zur Einhämraerung gefühlsbetonter Wertmaßstäbe, an denen sich 
im Sturm der Empfindungen die bedrohte Seele festklammern und aufrichten kann. — 
An die wertvollen, vornehm gehaltenen Belehrungen über die Geschlechtskrankheiten, 
die die mittlere Linie zwischen Übertreibung und gleichgültiger Bewertung einnehmen, 
werden auch einige Bemerkungen über Geschlechtsleben und Dirnentum angereiht. Gerade 
hier werden aber einige Anklagen gegen die menschliche Gesellschaft, einige Besserungs¬ 
vorschläge mit übernommen oder neugebracht, die nicht auf der Höhe des hier zu 
Sagenden oder bereits Gesagten zu stehen scheinen. Werden Luft und Licht, Garten 
und Parkanlagen, und die sozialisierten Bordelle in iigend etwas das tiefe Problem des 
Dirnenwesens verschieben oder das Dirnentum wandeln? In dem Büchlein sind manche 
Geschlechtsverirrungen, etwas ausgeraalte Absonderlichkeiten in der großstädtischen Ge¬ 
schlechtlichkeit eingeflochten, die es nicht raten, dies Werk einer frühen Jugend zu geben. 

Die endgültige Entscheidung über den Wert dieser Darstellungsart im Kampfe gegen 
die Geschlechtserkrankungen ist jedoch in der Wirkung auf den Leser gegeben. 


Referate. 

1) Roesle: Kritische Bemerkungen zur Statistik der Geschlechtskranken. Arch. f. 
soziale Hygiene u. Demographie. Bd. 13. H. 3. 

R. beleuchtet vom medizinal-statistischen Standpunkt die vom Verband deutscher 
Städtestatistiker während der Zeit vom 20. November bis 20. Dezember 1913 in einigen 
deutschen Großstädten veranstaltete Erhebung der Zahl der Geschlechtskranken und die 
Bearbeitung der Ergebnisse durch Blasch ko (Die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten 
in Berlin 1918) und Basch (Schriften des Verbandes deutscher Städtestatistiker, H. 6). 
Die Kritik R.'s läßt sich in folgende 10 Leitsätze zusammen fassen: 

1. Der statistische Wert der Erhebung wird durch das teilweise Unterlassen der 
Frage nach dem Alter der Erkrankten und der Trennung nach Bestand und Zu¬ 
gang sowie durch Beschränkung des Beobachtungszeitraums auf einen Monfft 
(statt Ausdehnung auf ein Jahr) wesentlich gemindert. 

2 . Es empfiehlt sich grundsätzlich, für eine solche Erhebung ein Volkszählungsjahr 
zu wählen, da für die Berechnung der Wahrscheinlichkeit, an einer Geschlechts¬ 
krankheit zu erkranken, und der Häufigkeit der Geschlechtskrankheiten nach 
dem Geschlecht und dem Familienstand die Kenntnis der Gliederung der Be¬ 
völkerung nach dem Alter, Geschlecht und Familienstand notwendig ist. 

3. Es dürfen nur die am Erhebungsort wohnenden Kranken, nicht aber alle daselbst 
Behandelten mit der Bevölkerungszahl in Beziehung gesetzt werden. 

4. Aus einer einmonatigen Erhebung kann eine zuverlässige Jahreszahl nicht ge¬ 
nommen werden, da die Zahl der Erkrankungen in den einzelnen Monaten großen 
Schwankungen unterworfen ist. 

5. Zur Feststellung der Größe der Infektionsgefahr ein nnd derselben Generation 
ist es notwendig, die Berechnung auf die die einzelnen Altersjahre Über¬ 
lebenden ein und desselben Geburtsjahrgangs vorzunehmen, nicht aber auf 
die* gl eich zeitig Lebenden in den verschiedenen Altersklassen. 

(J. Ein Maßstab für die Bedeutung der einzelnen Krankheitsärten läßt sich nur ge¬ 
winnen durch Berechnung des Zugangs bei den einzelnen Krankheitsarten auf 
die Bevölkerung. 

7. Die Gefährdung der verschiedenen Geschlechter wird durch Berechnung der 
Zahl der Geschlechtskranken jedes Geschlechts auf die Lebenden gleichen Ge¬ 
schlechts zum Ausdruck gebracht. 

S. Zu einer richtigen Beurteilung der Häufigkeit der Geschlechtskranken nach dem 
Familienstand ist die Unterscheidung der Ledigen und Verheirateten, der Ver¬ 
witweten und Geschiedenen, sowie der getrennt lebenden Ehegatten wünschenswert, 
da die Erkrankungshäufigkeit bei den verschiedenen Kategorien verschieden ist. 

9. Für die Anstellung örtlicher Vergleiche und die Aufstellung einer Ranganordnung 
der verschiedenen Gemeinden nach der Größe ihrer Erkrankungsziffer ist die 
Kenntnis der Eigenart der lokalen Bevölkerungszusammensetzung unerläßlich. 

10. Die Angabe des Prozentsatzes der an der Erhebung beteiligten Ärzte ist not¬ 
wendig für die Beurteilung der Zuverlässigkeit einer Erhebung. 

Dr. F. Zander, Spandau. 


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Referate. 


143 


2) Tomer, Ernst: Grandlrrtttmtr der heutigen Rassenhygiene. Würzburger Abhand¬ 

lung. Bd. 20. Nr. 4 u. 5. März 1920. 

Besonders infolge des letzten Krieges sind sehr viele Kreise zu einem Kultur- 
pessimismus gekommen: Die Völker Europas haben den Wendepunkt der Entwicklung 
bereits überschritten; sie stehen jetzt in der Abwärtsentwicklung, die zum Aussterben und 
Untergang führen muß; es ist dies eine Notwendigkeit, die jedem Volke erwächst, das 
die Kultur auniramt: Kultur und Degeneration hängen zusammen. — Dieser Gedanken¬ 
gang, der, wie gesagt, die weitesten Kreise erfaßt hat, wird in Romanen bekannter 
Schriftsteller zum Ausdruck gebracht. Historiker versuchen die Folgerichtigkeit durch 
Vergleichung der Geschichte von Kulturvölkern vergangener Tage mit der Gegenwart zu 
beweisen. Namhafte Hygieniker wollen uns an Hand umfangreicher Statistiken den 
Iteweis erbringen, daß der soziale Aufstieg für einzelne Familien, einzelne B^rufs- 
schichten und in Anwendung dessen natürlich auch für Nationen, die Quelle der De¬ 
generationen sei. Daß dieser Kulturpessimismus und namentlich seine Begründung zu¬ 
meist auf Grundirrtümern beruht, zeigt uns E. Tomer. — Da ist z. B. von Fahlbeck 
,J)er Adel Schwedens* 1 (Jena 1903) erschienen: Laut Familienchroniken sind im Zeitraum 
von 3 Jahren im schwedischen Adel 80°/ 0 ausgestorben! Die Ursache hierfür sei der 
soziale Aufstieg: Es bieten sich neue, bisher ungewohnte Genußmögiichkeiten. die Moral 
wird gelockert, und die sexuelle Energie kommt nicht mehr der Familie allein zugute, 
sondern wird zumeist außerhalb der Ehe verzettelt. Der große Fehler solcher Angaben 
besteht nun darin, daß hier nur von der legitimen Linie die Rede zu sein pflegt. Das 
ist ja nicht verwunderlich, denn auch den Angaben Fahlbecks liegen doch eben nur 
die Familienchroniken zugrunde, die natürlich nicht die Geschichte der illegitimen Nach¬ 
kommen bringen. Die meist offiziell ausgestorbenen Familien haben noch illegitime 
Linien. Einen ähnlichen Kulturpessimismus finden wir in Schallmayers „Brauchen 
wir eiue RassenhygieneV“. Die absichtliche Verminderung des Nachwuchses der sozial 
und damit nach Schal lmayers Ansicht auch geistig höheren Schichten, ihre vielfach 
kinderlosen Ehen müssen angeblich zur Verarmung des Volkskörpers an Talenten führen. 
Es komme zum schrittweisen Aussterben der Kulturvölker und speziell der Talente eines 
Kulturvolkes. Die Begründung für diese Behauptung entnimmt Schallmayer ebenfalls aus 
den Statistiken. Seine Irrtümer beruhen einmal in dem Begriff „Talent“. Sein .,Talent“ ist 
die Begabung, die zum materiell-sozialen Aufstieg führt, während in Wirklichkeit die aller¬ 
meisten Talente im allgemeinen ihre Träger nicht zu sozialem Aufstieg befähigen. Dann 
scheint Schallmayer den illegitimen Nachwuchs nicht zu kennen, der doch ein sehr 
beträchtlicher ist. ln Berlin waren im Jahre 1913 etwa 24°/ 0 aller Geburten uneheliche. Es 
findet also in Wirklichkeit ein beständiger Kreislauf von Keimplasma aus den oberen zu 
den unteren Ständen und umgekehrt statt. Auf ebenso kurzsichtigen statistischen Angaben 
baut sich Th eil habe rs SchriftSchädigung der Rasse durch sozialen und wirtschaftlichen 
Aufstieg, bewiesen an den Berliner Juden“ auf. Ja, Th. geht so weit, daß er einfach un¬ 
verehelicht mit unfruchtbar gleichstellt. — Die Folgerung aus alledem ist diese: Mau 
darf sozialstatistische Resultate nicht als biologische ansehen, denn die scheu¬ 
klappentragenden amtlichen Statistiken lassen die wirklichen Verhältnisse unbeleuchtet. 
Kultur ist nicht die Ursache von Degeneration, sondern nur der überschnelle 
soziale Aufstieg bietet eine biologische Gefährdung. Für uns liegt kein Grund vor. 
in die Zukunft unserer europäischen Kulturvölker düster zu blicken. Und gegenüber 
dem Studium der sog. Degeneration bietet dasjenige der Regeneration eine 
dankbare Aufgabe. Fritz Röseler, Berlin. 

3) Schallmayer, W.: Nene Aufgaben nnd neue Organisation der Gesundheits¬ 

politik. Arch. f. soz. Hyg. u. Demogr. Bd. 13. H. 3. 1920. 

Zwecks Anbahnung einer tatkräftigen Gesundheitspolitik hält Schallmayer die Grün¬ 
dung eines besonderen Gesundheitsministeriums unter fachmännischer Leitung für not¬ 
wendig. Als dessen dringendste Aufgaben sieht der Verfasser u. a. die Bekämpfung der 
Geschlechtskrankheiten und hiermit in engster Beziehung die quantitative Bevölkerungs¬ 
politik. Er verweist auf den Gesetzentwurf vom Jahro 1918 zur Bekämpfung der Ge¬ 
schlechtskrankheiten, ferner auf die schon während des Krieges vom Reichsversicherungsamt 
eingerichteten zahlreichen Beratungsstellen für Geschlechtskranke. Ebenso war für die 
Demobiiisation eine geschlechtliche Untersuchung aller Militärpersonen geplant. Nach 
Schallmayers Ansicht sind auch für Zivilpersonen eingreifende Maßnahmen nötig, wie 
z. B. Anzeigepfiieht für Geschlechtskrankheiten, gesetzliche Verpflichtung der Behandlung, 
unentgeltliche Behandlung, Ausbildung einer genügenden Anzahl von Geschlechtsärzten, 
Errichtung öffentlicher Anstalten zur Untersuchung von Blut und Sekreten Oeschlechts- 


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Referate. 


kranker, Belehrung gefährdeter Volkselemente sowie gesetzliche Vorschrift, sich vor dem 
Eingehen einer Ehe bei staatlich qualifizierten Ärzten, den sogenannten Eheberatern, einer 
gründlichen Untersuchung zu unterziehen, um somit einer Übertragung von Geschlechts¬ 
krankheiten vorzubeugen. Was die Bevölkerungspolitik anbetrifft, so lstjSchaUmayer der 
Ansicht, daß Volksvermehrung stets mit Rassebygiene Hand in Hand gehen muß, denn 
es gilt nicht nur die Geburtenanzahi zu heben, sondern auch auf die Tüchtigkeit der Erb¬ 
anlagen • bedacht zu sein» Schallmayer weist in diesem Sinne auf das Projekt einer staat¬ 
lichen Elternschafts Versicherung hin. Der Zweck dieser Einrichtung soll sein: durch 
Rückerstattung der verschieden hohen Erziehungskosten die Geburtenzahl der rassisch hoch¬ 
wertigen oberen Schichten zu heben und die Vermehrung der unteren Schichten von ge¬ 
ringerem Rassenwert einzuschränken. 

Hiergegen ließen sich vom rassehygienischen und sozialpolitischen Standpunkt Ein¬ 
wendungen erheben: Erstens ist der Rassewert der oberen Schichten als solcher kein so 
großer, wie Schallmayer annimmt, zweitens hängt der Zeugungsunwille in def Mehrzahl 
der Fälle nicht von schlechter wirtschaftlicher Lage ab, denn bisher hatten doch die 
mittleren und unteren Volksschichten den größten Kinderreichtum, wogegen die gut¬ 
situierten oberen Schichten durchschnittlich nur wenige oder keine Kinder haben. M. E. 
müßte man Rassehygiene mit Sozialpolitik verbinden und jedem einzelnen, ob hoch oder 
niedrig, jede Erziehungs- und Eutwieklungsmöglichkeit kostenlos geben und die Beihilfe 
für Ernährung und Kleidung jedesmal der wirtschaftlichen Lage angemessen leisten. 
Auf diese Weise würde man die Rassewerte des gesamten Volkes heben und nicht nur 
die einiger weniger. Ich halte es für eine vollständige Verkennung der rassehygienischen 
Aufgaben, wenn man sich nur mit den 'scheinbaren Rassewerten einer Minorität be¬ 
schäftigt, anstatt die latenten, niedergehaltenen und verkümmernden Werte der Volks¬ 
masse zur Entwicklung zu bringen. 

Auch die zurückkehrenden Krieger betrachtet Schallmayer als eine Elite von hohem 
Rassewert. Ich glaube aber, daß, wenn man die Masse der Geschlechtskranken und der 
körperlich und geistig schwer Geschädigten, weil von der Fortpflanzung im allgemeinen 
ausgeschlossen, abzieht, die Zahl der rassisch Wertvollen nicht allzu groß sein wird. Als 
eine der Hauptaufgaben sieht Schallmayer die Hebung der Elbverfassung des deutschen 
Volkes. Nicht nur für die Erbforschung, sondern auch für die Steigerung der Erb¬ 
tüchtigkeit würde seines Erachtens die staatliche Einführung erbbiographischer Personal¬ 
bogen von höchstem praktischen Werk sein. Es sollte über jede Person von zuständigen 
Ärzten Buch geführt werden, um im Laufe der Zeit jene ererbten und vererbbareren 
leiblichen und geistigen Qualitäten, die uns wertvoll oder nachteilig erscheinen, kennen 
zu lernen. Die Personalbogen sollten die Grundlagen zu sogenannten Familienbüchern 
bilden, welche beim Schließen einer Ehe mit heranzuziehen sind. 

Diese rassehygienischen Maßnahmen würden die Ehe zu einem Geschäft und die 
Menschheit zu einer Zuchtherde herabwürdigen. Wenn man noch bedenkt, daß die 
Majorität der Menschheit in ihrem Stammbaum zahlreiche schwere Krankheit physischer 
wie psychischer Art auf weist und man von einem anscheinend gesunden Menschen nie sagen 
kann, ob er nicht keimkrank ist, so wird man einsehen müssen, daß derartige Bestrebungen 
in der Praxis vollständig gegenstandslos werden. Erich Hoffmann, Berlin. 

4) Külz, L.: über das Aussterben der Naturvölker. II. Arch. f. Frauenk. n. Eug. 
1920. H. 1 ü. 2. 

ln diesem zweiten Beitrag zu seiner systematischen Darstellung behandelt K. den Aus- 
sterbemechanismus der Karolinen auf dem Südsee-Eiland Jap, „van Zantens Insel der Ver- 
heißung 1 *. Nach anthropologischer und psychologischer Charakterisierung dieses Misch¬ 
volkes, das stets das besondere Interesse von Dichtern, Ethnographen und Folkloristen 
gefunden hat und dessen völliger Untergang bevorzustehen scheint, untersucht K. die 
konstitutiven und sozialen Tatbestände, die jene Aussterbe-Disposition geschaffen haben. 
Danach zeigt er an der Hand seiner 1913—1914 gewonnenen statistischen Unterlagen 
ausführlich, in welcher Ausdehnung sich der Prozeß damals bereits entwickelt hatte uud 
wie sich das Krankhafte im Aufbau der Bevölkerung und ihrer Bewegung widerspiegelt. 

Max Marcuse. 


Fiir die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Maren se in Berlin. 
4. Marcus Jt E. Weben» Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn. 
Druck : Otto Wigand’»che Buckdrutkeiel 0. ui. b. H. in Leipzig. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 


VII. Band August 1920 5. Heft 


Potenzstörungen und Rechtsprechung. 

Von Sanitätsrat Dr. Flat au 
in Berlin. 

Die Störungen der Potenz und ihre Beziehungen zu rechtlichen 
Fragen sind zahlreich und mannigfaltig, so daß eine Darstellung im 
Rahmen dieses Aufsatzes sich Beschränkungen auferlegen muß. Das 
wird dazu führen, manche dieser Beziehungen nur anzudeuten, 
Probleme aufzudecken und Fragestellungen zu machen. 

Da die Beischlafsunfähigkeit im allgemeinen auch Zeugungs¬ 
unfähigkeit zur Folge hat, so werden die rechtlichen Folgen, die sich 
an die Impotentia coeundi anschließen, auch solche sein, die die Impo- 
tentia generandi zur Grundlage haben, z. B. Fragen der ehelichen 
Geburt, Fragen der Beschuldigung der Kindesunterschiebung bei 
erbrechtlichen Prozessen, Adoptionsrecht, Alimentationspflicht usw. 

Als erste und wichtigste Frage haben wir, meine ict^, die Be¬ 
ziehungen zum Eherecht zu betrachten, und ich glaube, daß hier 
der Arzt als Sachverständiger einiges zu sagen haben wird. 

Ich möchte hierbei von einem konkreten Falle der Praxis aus¬ 
gehen, der noch schwebt und der mir besondere Veranlassung ge¬ 
geben hat, mich mit diesen Fragen genauer zu beschäftigen, nach¬ 
dem sie mein Interesse schon vorher gefesselt hatten. Ich muß 
aus Gründen der ärztlichen Diskretion die persönlichen Verhältnisse 
etwas verändert darstellen. 

Es handelt sich um einen jüngeren Herrn aus akademischen 
Kreisen, der sich im ersten Kriegsjahre verheiratete und anfangs 
eine zufriedenstellende Ehe auch in sexueller Beziehung führte. 
Zum Heeresdienste eingezogen, machte er eine schwere Verwundung 
durch, lag lange in Lazaretten und bemerkte nach seiner Entlassung, 
als er den ehelichen Verkehr wieder aufnahm, eine eigentümliche 
Störung seiner Potenz. Es trat kein Samenerguß ein, es kam zu 
keinem Wollustgefühl. Diese Störung ist selten; ich habe einen 
solchen Fall von angeborenem Ejakulationsmangel schon vor einigen 
Jahren beschrieben. Die Behandlung brachte keine Heilung, eine 
leichte Besserung wurde für einige Zeit erzielt. Da die Heilung 
ausblieb, beantragte die Ehefrau die Scheidung 1 ) und zwar wegen 
Impotenz des Mannes. 

- Der anzuziehende Gesetzes-Paragraph wird derjenige sein, der 
von den relativen Scheidungsgründen spricht und unter diesen 

l ) Ehescheidung auf Grund des § 1568. 

Zeitschr. f. Sexualwissenschaft VH. 5. 10 


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146 


Flatau. 


„schwere Verletzung der durch die Ehe begründeten Pflichten“ 
nennt und weiter die „Zerrüttung des ehelichen Lebens“. Die 
letztere wird uns hauptsächlich interessieren, da es sich meist um 
sexuelle Ursachen handelt. Die Impotenz spielt hier eine Haupt¬ 
rolle bei den Klagen auf Ehescheidung; jedoch hat sich das Reichs¬ 
gericht dahin ausgesprochen, daß Unvermögen zur Leistung der 
ehelichen Pflicht für sich und als solches keinen Scheidungsgrund 
bildet, außer bei bestimmten Verhältnissen, die aber hier nicht in 
Betracht kommen (nämlich, wenn es durch schuldvolles unsittliches 
Verhalten herbeigeführt worden ist). Allerdings wird, wenn auch 
die Impotenz als solche keinen Scheidungsgrund abgibt, allgemein 
gesprochen, doch eine Kombination möglich sein, bei welcher der 
Richter auf Soheidung der Ehe zu erkennen in der Lage ist, zumal, 
wenn der Begriff der Zerrüttung der Ehe erfüllt werden kann. Eher 
ist es denkbar, daß die Impotenz einen Grund zur Anfechtung 1 ) der 
Ehe gibt. Der in Betracht kommende Paragraph spricht sich dahin 
aus: Eine Ehe kann von dem Ehegatten angefochten werden, der 
sich bei der Eheschließung in der Person des anderen Ehegatten 
oder in solchen persönlichen Eigenschaften des anderen Ehegatten 
geirrt hat, die ihn bei der Kenntnis der Sachlage und bei ver¬ 
ständiger Würdigung des Wesens der Ehe von der Eingehung der 
Ehe abgehalten haben würden. 

Für mich ist es zweifellos, daß eine sich sofort herausstellende 
Impotenz, die sich nach ärztlicher Anschauung als eine unheilbare 
erweist, einen Anfechtungsgrund abgeben muß. Dahin würden also 
alle die Formen von Impotentia coeundi gehören, die sich als para¬ 
lytische Impotenzen erweisen, d. h. also, wenigstens ist das meine 
Anschauung, die ich an anderer Stelle vertreten habe, die orga¬ 
nischen, auf Erkrankungen wichtiger nervöser Tpile beruhenden 
Impotenzen. Natürlich auch solche, die sich auf Verbildungen des 
Gliedes, die nicht behebbar sind, zurückführen lassen. Als solche 
gelten Fehlen oder Kleinheit des Gliedes, welche einem Fehlen 
gleichkommt, Verwachsungen, Mißbildungen, Geschwülste des Gliedes 
oder der nahen Umgebung; schließlich narbige Verbildungen, ln 
manchen dieser Fälle, und hier denke ich besonders an die narbigen 
Verbildungen, könnte ein schuldhaftes Verhalten, durch das die 
Impotenz herbeigeführt wurde, darin gefunden werden, daß etwa 
der Ehemann im außerehelichen Verkehr sich eine Erkrankung zu¬ 
gezogen hat, die zu einer narbigen Verbildung und damit zur Bei- 
schlafsunfägkeit führt 

Von der psychischen Impotenz kann das nicht gelten; denn 
in der größern Mehrzahl der hierhergehörigen Fälle sind das 
heilbare Störungen. Verlangt kann von seiten des weiblichen 
Partners nur werden, daß eine entsprechende Behandlung statt¬ 
findet, welche die Potenz bessert, und auch hierfür findet sich in 
der Rechtsprechung manche dahingehende Anschauung vertreten. 
Handelt es sich allerdings um die absolute funktionelle Impotenz, 
wie ich diese Formen nenne, und stellt sich heraus, daß diese schon 


*) Anfechtung wegen Irrtum § 1333 BGB. 


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Potenzstörunpen und Rechtsprechung. 


:14? 


zu Anfang der Ehe besteht, so müßte sich ein Anfechtungsgrund 
ebenso herleiten lassen wie bei der paralytischen. •* 

Die Frage kompliziert sich, wenn die Impotenz auf Umkehrungen 
des Geschlechtstriebes beruht. Es kommt ja noch vor, daß Männer 
eine Ehe eingehen, ohne von ihrem abnormen Triebe etwas Sicheres 
zu wissen und erst in der Ehe bemerken, daß sie sich von dem 
weiblichen Partner so abgestoßen .fühlen, daß ihnen der Verkehr 
völlig unmöglich wird. 

Hier wird der Arzt seine Ansicht sagen müssen, ob eine Heil¬ 
behandlung möglich ist Die Antwort wird verschieden ausfallen, 
je nach dem Standpunkte, den der Forscher einnimmt. Nacli den 
Erfahrungen von Moll wird man jedenfalls den Versuch einer Heil¬ 
behandlung empfehlen müssen, und die Frage, ob ein ausreichender 
Scheidungsgrund vorliegt, von dem Erfolg abhängig machen. 

Um noch einmal auf den anfangs zitierten Fall zurückzukommen, 
so meine ich, daß es schwer fallen wird, bei vorhandener Potenz, 
aber fehlender Ejakulation einen ausreichenden Scheidungsgrund 
zu sehen. In diesem speziellen Falle erwies es sich, daß der 
Ejakulationsmangel doch ein relativer war, da bei einem während 
der Scheidungsverhandlungen ausgeführten außerehelichen Verkehr 
die Ejakulation normal erfolgte. 

Also die psychische Impotenz, die ich natürlich hier nicht in 
allen ihren Abartungen schildern will, ist weder ohne weiteres 
Scheidungs- noch Anfechtungsgrund. Der Arzt wird als Sachver¬ 
ständiger sich über die Art des Leidens und über die Heilungs¬ 
aussichten äußern müssen, und so wird jeder Fall seine Besonder¬ 
heiten bieten, aus denen hervorgehen wird, ob der Begriff der.Zer- 
rüttung der Ehe oder von Eigenschaften, die die Anfechtung recht- 
fertigen, erfüllt ist. 

Ohne weiteres ist klar, daß die Fälle, in denen periodische 
Potenzstörungen bestehen, hier auszuscheiden haben; sie können 
niemals Grund zur Ehescheidung oder Anfechtung sein. Dagegen 
wird Impotenz aus angeborener Asexualität des Mannes wohl stets 
als ausreichender Grund zur Trennung der Ehe entweder durch 
Anfechtung oder durch Scheidung angesehen werden. Wird auch 
von so beschaffenen Männern nur selten die Ehe eingegangen 
werden, so ist mir doch ein solcher Fall bekannt. 

Ein Mann in den dreißiger Jahren, der nie sexuell verkehrt 
hatte, ging aus wirtschaftlichen Gründen eine Ehe ein, in der Idee, 
daß sich der absolute Mangel jedes sexuellen Fühlens wohl in der 
Ehe geben werde. Das war nicht der Fall, auch die ärztliche Be¬ 
handlung war ohne Erfolg. Niemals kam es zu Erektionen. Peru 
Scheidungsbegehren der Gattin wurde stattgegeben. 

Es muß nun noch unterschieden werden zwischen Vernach¬ 
lässigung und Impotenz, wenn ich so sagen darf: aus negativ fetischi¬ 
stischer Veranlassung. Wenn nämlich der Ehemann behauptet, er 
vernachlässige seine Frau nicht, er sei nur wegen bestimmter körper¬ 
licher Eigenschaften seiner Ehepartnerin ihr gegenüber impotent, 
so müßte das auch geprüft werden und dürfte Gegenstand gutacht¬ 
licher Äußerung sein. Eine solche allerdings unter die Formen dpr 

10 * 


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148 Flatau. 


relativen Impotenz zu rechnende Störung kann unter Umständen 
als Scheidungsgrund gewürdigt werden. Hier würde allerdings die 
Frage entstehen, bei wem die Schuld an der Ehezerrüttung liegt 

Ist die Potenzstörung auf fetischistische oder sadistische bzw. 
masochistische Veranlagung zurückzuführen, so wird der Grad der 
Störung, die Art derselben zu prüfen sein. Ist die Störung so, daß 
dem weiblichen Partner ein Eingehen auf dieselbe nicht zugemutet 
werden kann, so wird die Klage auf Trennung begründet sein. 
Gerade in diesen Fällen wird der Tatbestand sehr genau zu prüfen 
sein, um so mehr, als die Angaben der die Scheidung fordernden 
Personen nicht immer Vertrauen verdienen und übertrieben sein 
können, wie wohl jeder Arzt weiß, der mit solchen Prozessen be¬ 
kannt gewesen ist. Unter Umständen wäre auch hier darauf hin- 
suweisen, daß eine Behandlung wohl von Erfolg sein kann. 

Man sieht wohl, was für eine große Reihe von Fragen sich 
hier zur Entscheidung stellen kann und wie nicht nur nach den 
allgemeinen Beziehungen zu forschen ist, sondern auch nach dem 
subjektiven Befinden des Ehepartners. 

Wir kämen nun zu einem weiteren Punkte: Ein Einwand, der 
Ijei Alimentenklagen erhoben werden kann, ist der, daß der be¬ 
klagte bzw. in Anspruch genommene Kindesvater behauptet, er sei 
impotent und könne daher nicht der Vater sein. Sehr häufig 
werden hier Mißbildungen angegeben, oder Operationsfolgen, oder 
deletäre Einflüsse des Alkoholgenusses. Der Rausch kann ja vorüber¬ 
gehend impotent machen, so daß diesem Einwand wohl in der 
Beweisfrage nachzugehen sein wird. Die etwa verlangte Begut¬ 
achtung wird Schwierigkeiten haben. Trifft es sich; daß in der 
fraglichen Zeit der Beklagte in ärztlicher Behandlung stand, so 
werden die Grundlagen für die Begutachtung gegeben sein. Die 
reine psychische Impotenz ist wohl kaum in allen Fällen als Ent¬ 
lastung anzusehen; in Fällen von relativer Impotenz wird man 
ärztlich nur ein non liquet <aussagen können. 

Die Frage einer senilen Impotenz wäre noch zu streifen. Die 
Potentia coeundi kann bis ins Greisenalter erhalten sein, so daß auch 
hier die Frage nach der Vaterschaft nicht ohne weiteres nur durch den 
Hinweis auf das Alter negativ beantwortet werden kann, besonders 
'wenn man bedenkt, daß auch alte Leute, selbst, wenn sie sich als 
impotent betrachten und lange Zeit keinen Verkehr hatten, doch 
gelegentlich wieder beischlafsfähig sein können (Altersgrenze 
yO Jahre); man wird hier lediglich in vielen Fällen gutachtlich die 
Unwahrscheinlichkeit zugeben können, ohne ein absolut sicheres 
Urteil zu fällen. Die gerichtlichen Gutachten berichten auch von 
dem Einwand jugendlicher Personen, die ihre Beischlafsfähigkeit 
bestreiten. Beruht die Impotenz auf einer physischen Beischlafs¬ 
unfähigkeit, so steht man bei der Beurteilung auf sicherem Boden; 
so war es der Fall einmal bei einer wegen maligner Geschwulst 
vorgenommenen Amputation des Penis an der Symphyse und bei 
einem Manne mit einem ungeheuren Eingeweidebruch, der die Haut 
des Penis mit einbezogen hatte. Mit Sicherheit wird auch die Potenz 
verneint werden können, wenn es sich um organische Nerven¬ 
störungen handelte, die schon weit vorgeschritten waren. Doch ist 


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Potenzstorungen und Rechtsprechung. 


149 


die bloße Tatsache des Bestehens einer Tabes oder Paralyse nicht 
hinreichend, die Potenz zu verneinen, da unter Umständen selbst 
im ataktischen Stadium noch die Potenz erhalten sein kann. Hat 
man also außer dem Untersuchungsbefund nicht schon sichere An¬ 
haltspunkte aus der Krankengeschichte für eine länger bestehende 
Impotenz absoluter paralytischer Art, so wird man auch in solchen 
Fällen über ein Wahrscheinlichkeitsurteil nicht hinwegkommen. 
Kryptorchismus bedingt nicht ohne weiteres Impotenz. 

Alle die vorgebrachten Momente werden auch von Wichtigkeit 
werden können bei behaupteter Kindesunterschiebung. Wir wenden 
uns damit den kriminellen Dingen zu und werden dabei auch der 
Unzuchtverbrechen zu gedenken haben. 

Unter diesen interessieren in erster Linie die Notzucht- 
verbrechen. Der betreffende Paragraph des Strafgesetzbuchs 
lautet bekanntlich: „Wer unter Anwendung von Gewalt usw.“ 

Es könnte sich nun ein wegen dieses Deliktes Angeklagter mit 
dem Einwand verteidigen, daß er wegen Potenzmangels als Täter 
nicht in Frage kommen könne. 

Da aber hier die Rechtsprechung doch die Bestrafung zulassen 
würde, weil eine Teilung des Vergehens in zwei Teile erfolgen 
kann, 1. die Nötigung, 2. die Ausübung des Beischlafes, und da 
ferner auch ein Versuch mit untauglichen Mitteln vorliegen kann, 
so wird auf den Nachweis der vorhandenen oder fehlenden Potenz 
wenig Wert zu legen sein. Allerdings wird für die Erfüllung des 
zweiten Teiles des Deliktes die gutachtliche Äußerung hierüber 
nicht zu entbehren sein. 

Eine Fülle von rechtlichen Erwägungen ergibt sich bei der Be¬ 
trachtung der rechtlich-wirtschaftlichen Folgen der Potenzstörungen, 
die auf Unfälle, Verletzungen krimineller Art und ähnliches zurück¬ 
zuführen sind. Um zunächst mit den Unfallfolgen (Folgen von Un¬ 
fällen im Betriebe) zu beginnen; so ist eine nicht seltene Störung, 
über die nach Unfällen geklagt wird, Einschränkung oder völliger 
Verlust der Potenz, und nicht so selten wird diese Störung zum Gegen¬ 
stand einer Entschädigungsforderung gemacht. Ist sie eine Folge 
einer Rückenmarksverletzung, so lautet bei unverheirateten Per¬ 
sonen die Beschwerde dahin, daß ihnen die Heiratsaussicht ab¬ 
geschnitten ist und daß das eine weitgehende wirtschaftliche Schädi¬ 
gung bedeute. 

Natürlich trifft das auch für die private Unfallversicherung zu 
und wird bei der Bemessung der Unfallfolgen eine nicht zu unter¬ 
schätzende Rolle spielen. 

Handelt es sich nicht um organische Störungen, so wird natür¬ 
lich die Sache weniger einfach liegen. Man ist ja im wesentlichen 
auf die Angaben der Verletzten angewiesen und wird einen objek¬ 
tiven Nachweis schwerlich erwarten können. Sicher wird man über 
die Dauer der Störung nichts Bindendes aussagen können. Ist der 
Allgemeinzustand ein sehr schwerer, so wird man auch die Angabe 
über Fehlen der Potenz als glaubhaft bezeichnen müssen. 

Handelt es sich um Folgen krimineller Verletzungen,^ 
so gewinnt wiederum die Behauptung, daß infolge der Verletzung* 
Impotenz eingetreten sei, rechtliche Bedeutung. Das StGB. § 224 


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Bruno Saaler. 


sägt, daß wenn durch die Körperverletzung der Verletzte die Zeugungs¬ 
fähigkeit verliert, auf Zuchthaus für den Täter zu erkennen sei. 
Die Zeugungsfähigkeit kann ja lediglich durch die Impotenz bedingt 
sein, und damit wäre der erforderliche Tatbestand gegeben. 
!i'L.Züsammenfassend ist noch zu sagen: Der objektive Tatbestand 
der Impotenz ist: kaum jemals mit stringenter Kraft zu geben, da 
Prüfungen und Untersuchungen in dieser Hinsicht nicht aus¬ 
führbar sind. 

Geschlechtsleben und Erziehung. 

Von Nervenarzt Dr. Bruno Saaler 

in Charlottenburg. 

(Schluß.) 

Es harrt nun noch die Frage, in welcher Weise die Stärkung 
des Willens-gegenüber frühzeitig sich geltend machenden Maßlosig¬ 
keiten des Trieblebens in geschlechtlicher Beziehung zu bewerkstel¬ 
ligen ist, der Beantwortung. 

Ich sagte schon, daß die lmrle und strenge Übung im Sinne der 
Askese, kein geeignetes Erziehungsideal ist. Da, wo der Appell 
an die Vernunft, an die Einsicht keine brauchbare Grundlage für 
erzieherische Maßnahmen bietet, darf ruhig Unerziehbarkeit an¬ 
genommen werden. Gerade auf sexuellem Gebiet machen sich ja die 
Erscheinungen der psychopathischen Konstitution, der ererbten, 
angeborenen krankhaften geistigen Anlage ganz besonders bemerk¬ 
bar, und es kann daher nicht überraschen, wenn die Mittel der Er¬ 
ziehung in vielen Fällen, versagen. Aber ebensowenig wie die 
moderne Psychiatrie sich* Erfolge von der Zwangserziehung und 
Zwangsbehandlung verspricht, ebensowenig darf die Sexualpäd¬ 
agogik sich von diesem Mittel etwas versprechen. Das klägliche 
Fiasko der staatlichen Fürsorgeerziehung ist ja eine längst bekannte 
Tatsache, und der Ruf nach Gründung von Anstalten zur Erziehung 
psychopathischer Kinder nach modernen wissenschaftlichen Grund¬ 
sätzen ertönt seit vielen Jahren von maßgebender Stelle, allerdings 
noch immer ungehört. Ich halte es daher für wichtig, auch bei 
dieser, Gelegenheit darauf hinzuweisen, daß für schwer erziehbare 
Kinder besondere Anstalten errichtet werden müssen, in denen die 
Erziehung von besonders ausgebildeten Lehrkräften unter psychia¬ 
trischer Aufsicht nach medizinisch-pädagogischen Gesichtspunkten 
geleitet wird, wo nicht schematisch und nicht nach einseitigen mora¬ 
lischen und intellektuellen Richtlinien, sondern unter Berücksich¬ 
tigung der individuellen Anlage und insbesondere des Gefühls¬ 
lebens krankhafte Neigungen bekämpft, gesunde Instinkte gefestigt 
und Charaktere gebildet werden. Die Methoden, bei denen ein ge¬ 
wisses Maß von Zwang natürlich nicht fehlen kann, können m. E. 
infolge ungenügender Erfahrung noch nicht als definitiv festgelegt 
angesehen werden. Aber die Grundlinien sind bekannt und diese sind 
keine anderen wie die, die für die Erziehung überhaupt gelten. 

* Der Beginn mit der Besserung im Erziehungswesen wurde mit 
der Anstellung von Schulärzten gemacht, deren psychiatrische Aus- 


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Geschlechtsleben und Erziehung. 151 


0 

bildung aber noch vieles zu wünschen übrig läßt. Schon heute ist 
es Sache der Schulärzte, die Schule darauf hinzuweisen, daß es 
nicht auf das Wissen allein ankommt, sondern daß die Schule ver¬ 
pflichtet ist, Hand in Hand mit den Eltern Charaktere zu bilden, dem 
Egoismus des Kindes entgegenzutreten, Altruismus zu lehren, Loh 
nicht, wie es meistens geschieht, an Ellbogen gebrauchende Streber, 
sondern für edle Handlungen zu spenden, kurz in einem Sinne zu 
wirken, wie es bisher durchaus nicht der Fall war. So vorgebildeteu 
Kindern, glaube ich, wird auch das Geschlechtliche nicht als etwas 
Niedriges und Sensationelles erscheinen. Es wird vielmehr die Mög¬ 
lichkeit vorhanden sein, es ihnen als etwas Natürliches und zugleich 
Edles und Achtung Gebietendes vor Augen zu stellen. Solange, bis 
dy» Eltern die sexuelle Aufklärung selbst übernehmen können, was 
meines Erachtens erst nach einer systematischen Sexualreform mög¬ 
lich ist, sollte dies vom Schularzt geschehen, und zwar müßte die 
Aufklärung für einzelne Klassen getrennt in Form eines biologi¬ 
schen Unterrichts erfolgen, in dem vor allem nicht unterlassen wird, 
den reiferen Kindern zu erklären, daß nicht durch die Liebe ver¬ 
edelte körperliche Gemeinschaft menschenunwürdig ist. Daß mit 
der doppelten Moral, die den Männern erlaubt, wa9 für die Frauen 
als Verbrechen gilt, rücksichtslos gebrochen werden muß, bedarf 
keiner Begründung. Es ist selbstverständlich, daß beide Geschlechter 
zu den gleichen Idealen zu erziehen sind. 

Zur Stärkung des Willens bietet) sich innerhalb und außerhalb 
der Schule täglich reichliche Gelegenheit. Müdigkeit ohne Möglich¬ 
keit der Rast, Durst und Hunger ohne Aussicht ihn zu stillen, Un¬ 
lust zur Arbeit, die nichtsdestoweniger getan werden muß, Angst 
vor Geschehnissen, denen man nicht entgehen kann, Vergnügungen, 
denen man entsagen muß, alles das tritt ja oft genug an Kinder 
heran und bietet Gelegenheit zur Willeusgymuastik. Den Eltern 
und Erziehern fällt nur die Aufgabe zu, solchen Vorkommnissen 
gegenüber keine falschangebrachte Weichheit zu zeigen. Die Be¬ 
deutung des Turnens für die Charakterentwicklung wird heute 
von keinem Einsichtigen mehr unterschätzt. Trotzdem werden ge¬ 
rade Kinder, die es am nötigsten haben, oft aus Gründen, die im 
Gegenteil körperliche Übungen angezeigt erscheinen lassen, vom 
Turnen befreit. Sport und Spiel sind die besten Mittel gegen Ma߬ 
losigkeit des Fhantasielehelis, zu denen psychopathische Kinder 
neigen. Sie sind daher dazu energisch anzuhalten, während die Nei¬ 
gung zu sensationeller Kinderlektüre zu bekämpfen ist. Der Scha¬ 
den, der gerade in sexuologiseher Beziehung durch Lektüre ange¬ 
richtet wird, ist ja bekannt. Dabei handelt es sich nicht nur um 
verbotene Bücher, sondern auch um die aufregenden, die Phantasie 
aufreizenden Jugenderzählungen eines Karl May und anderer be¬ 
liebter Jugend-Schriftsteller, 'bei den Mädchen um Märchenbücher, 
die oft die Neigung, sich aus dem Leben der Wirklichkeiten in ein 
Märchenreich zu flüchten, bestärkt. Für ganz besonders gefährlich 
halte ich die meisten Romane, und nicht nur solche moderner Rich¬ 
tung, sondern ebensosehr die der alten Schule, die durchaus nicht 
geeignet sind, Ehrfurcht vor dem Liebeslebeu der Menschen zu er¬ 
wecken, sondern in ihrer unwahren Sentimentalität die kindliche 


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Bruno Saaler. 


Phantasie* in einer Weise befruchten, daß romantische Abenteuer, 
die zu schlimmen Folgen führen können, direkt gesucht werden. 
Wie große Bedeutung aber den sexuellen Kindheitserlebnissen für 
die Entwicklung des Geschlechtslebens und somit für das sexuelle 
Schicksal des Individuums überhaupt zukommt, hat die moderne psy- 
chopathologische Forschung gezeigt. Erziehung des aufgeklärten 
Kipdes zu gesundem, lebensfrohem, Maßlosigkeiten der Phantasie ab¬ 
holdem Wirklichkeitssinn ist der beste Schutz gegen sexuelle Ver¬ 
führungen, denen gegenüber bekanntlich auch die sorgsamste Obhut 
machtlos ist. Die Auswahl der Lektüre wird sich daher nach diesem 
Grundsatz zu richten haben. Es ist nichts dagegen einzuwenden, 
wenn in Erzählungen für die reifere Jugend auch sexuelle Konflikte 
' zur Darstellung gebracht werden, ihre Lösung darf aber nur im 
Sinne moderner Sexualpädagogik erfolgen. Wenn dabei in • ge¬ 
schickter, nicht moralisierender Weise gezeigt würde, wie mit den 
Mitteln der Willensgymnastik, durch Übung in der Triebbeherr¬ 
schung, durch Spiel und Sport, durch Einsicht die Befreiung aus 
seelischer Not herbeigeführt werden kann, so wäre das von großem 
Wert. 

Ich habe schon darauf hingewiesen, daß die Grundsätze einer ge¬ 
sunden Erziehung mit gewissen Einschränkungen die gleichen sind 
wie die, die wir bei den psychopathischen Konstitutionen zur An¬ 
wendung bringen, in deren Bereich ja, wie ich bereits erwähnte, die 
Störungen auf geschlechtlichem Gebiet fallen. Es ist natürlich, 
daß wir für die Hygiene aus der Pathologie lernen. Was für ab¬ 
norme Kinder gilt, gilt auch für gesunde, und was für gesunde gilt, 
gilt — mit Einschränkungen natürlich — erst recht für abnorme. 
In der Praxis besteht der Unterschied lediglich darin, daß man bei 
Gesunden mit einfachen Mitteln leicht Erfolge erzielt, während bei 
Abnormen das ganze psycbo-pädagogische Rüstzeug mit großer 
Sorgfalt gehandhabt werden muß und' die Erfolge mitunter doch 
zu wünschen übrig lassen. Ganz besonders mit Rücksicht auf Stö¬ 
rungen des Trieblebens in sexueller Hinsicht ist daher zu betonen, 
daß bei einer nicht geringen Anzahl von Psychopathen und Minder¬ 
wertigen auch die modernen Erziehungsmittel versagen} daß aber 
aus diesem Mißerfolg nicht der Schluß abgeleitet werden darf, daß 
Zwangserziehung mehr geleistet hätte. Es gibt, wie ich schon 
sagte, schwer erziehbare und uuerziehbare Kinder. Solange aber 
die Unerziehbarkeit nicht feststeht, hat die heilpädagogische Be¬ 
handlung anzudaueru. Es ist klar, daß die Trennung von gesunden 
und kranken Kindern, nicht nur um psychische Infektion zu ver¬ 
meiden, sondern auch infolge der Verschiedenheit der Erziehungs¬ 
methoden, die trotz der Übereinstimmung der Richtungslinien natur¬ 
gemäß besteht, erforderlich ist. Sicher uuerziehbare Kinder sind 
als Schwachsinnige den entsprechenden Anstalten zu überweisen, 
schwer erziehbare gehören in Psychopathen-Anstalteu, wie sie für 
die Wohlhabenden schon existieren, die für die niederen Volks¬ 
schichten aber erst gegründet werden müssen. Leicht abnorme 
Kinder werden mit den gesunden erzogen, sind aber am besten auf 
dem Lande aufgehoben, wohin solche Kinder zum -mindesten all¬ 
jährlich auf einige Wochen geschickt werden sollen. Besonders sind 


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Geschlechtsleben uni Erziehung. 


die Landerziehungsheime für sie geeignet, de reu es schon heute so¬ 
wohl für Knaben als aucli für Mädchen zahlreiche gibt, die aber in 
großzügiger Weise noch ausgebaut werden sollten; und zwar wäre 
gerade hier der Anfang mit der Koedukation, der gemeinsamen Er¬ 
ziehung von Knaben und Mädchen zu machen. Es ist fraglos, daß 
die Koedukation das Ideal der Zukunft ist. Es werden zwar ge¬ 
wichtige Gründe gegen sie ins Feld geführt, diese Bedenken liegen 
aber nicht auf dem Gebiete des Geschlechtlichen. In dieser Hin¬ 
sicht gibt es nicht nur keine Bedenken, sondern im Gegenteil* der 
unbefangene Verkehr zwischen Knaben und Mädchen fördert die 
Zurüekdrängung ungesunder schwärmerischer Erotik und bildet die 
beste Grundlage für eine natürliche, allem Sensationellen abholde 
Auffassung des Geschlechtlichen. Die Gründe, die gegen die Koe¬ 
dukation sprechen, entstammen lediglich der Erkenntnis von den 
Unterschieden in der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit 
der Geschlechter in den entsprechenden Altersklassen, der außer¬ 
ordentlichen Verschiedenheit der Entwicklung von Knaben und 
Mädchen. ' 

Von ärztlicher sowohl wie von pädagogischer Seite ist die Ein¬ 
führung eines besonderen Moralunterrichts in der Schule angeregt 
worden, der die Erziehung zum Altruismus zum Zwecke haben soll. 
Ich glaube nicht, daß hierfür ein besonderer Unterricht erforderlich 
ist, der leicht persönlichen Anschauungen des Lehrers entsprechend 
mißbraucht werden könnte. Viel wichtiger ist der biologische Unter¬ 
richt, von dem ich schon sprach, der vom Arzt gegeben werden und 
sich keineswegs auf das grob Anatomisch-Physiologische beschrän¬ 
ken, sondern die zahlreichen seelischen Probleme berücksichtigen 
sollte, mit denen das Geschlechtliche im Zusammenhang steht. Hier 
wären auch genügend Anhaltspunkte für ethische Belehrung. Daß • 
der Plan dieses Unterrichts nicht dem einzelnen Arzt überlassen 
werden darf, daß er sorgfältig ausgearbeitet werden muß, bedarf 
keiner Erwähnung. 

Ebensowenig sollte besonders betont werden müssen, daß Kin¬ 
dern bis nach vollendeter Geschlechtsreife der Alkohol in jeder 
Form vorenthalten werden muß. Der Alkohol ist der größte Feind 
der sittlichen Triebkräfte, er lähmt die natürlichen Hennnungsvor- 
richtuugen und steigert dadurch den Erotismus. Die ungeheure 
Rolle, die er im Zusammenhang mit der Übertragung von Ge¬ 
schlechtskrankheiten spielt, hat ihm geradezu die Bezeichnung ihres 
Erregers eingetragen und ausschlaggebenden Einfluß auf die Ab¬ 
stinenzbewegung ausgeübt. Besonders bei Sexualdelikten der noch 
nicht geschleclitsreifen Persönlichkeiten spielt er, wie statistisch 
nächgewiesen ist, eine verheerende Rolle, so daß die Forderung ab¬ 
soluter Alkoholabstinenz bis zum 18. Lebensjahre wenigstens unter 
allen Umständen aufrecht erhalten werden sollte. 

Ich komme nun, nachdem ich die Erziehungsgrundsätze mit 
Hinblick auf das Geschlechtsleben auf Grund allgemeiner hygieni¬ 
scher Richtlinien besprochen habe, zu den Äußerungen des Ge¬ 
schlechtslebens im Kindesalter und die besonderen Maßnahmen, 
die ihnen gegenüber angezeigt sind. Es wird manchen über¬ 
raschen, daß ich von einem Geschlechtsleben im Kindesalter spreche, 


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Bruno Saaler. 


da die Anschauung, daß die Sexualität erst iu der Zeit der Ge- 
sehlechtsreife auftritt, eine weit verbreitete ist. Die Unrichtigkeit 
dieser Annahme ist aber nicht erst von der Freudschen Schule 
nachgewieseü worden. Sie war schon von jeher offenkundig. Ich 
frage diejenigen, die von der Asexualität, der geschlechtlichen In¬ 
differenz des Kindes überzeugt sind, wie sie es erklären wollen, daß 
psychopathische Mädchen zuweilen im Alter von 8—10 Jahren 
regelrechten geschlechtlichen Verkehr haben, zu einer Zeit, in der 
die Menstruationsvorgänge bestimmt noch keine Rolle spielen. Ge¬ 
wiß handelt es sich hierbei um Abnormitäten, aber diese .beweisen 
immerhin, — von zahlreichen anderen Beweisen will ich nicht 
sprechen —, daß eine Sexualität schon vor der Geschlechtsreife 
existiert. Ich glaube, daß nach den Erfahrungen der modernen 
Psychopathologie trotz vieler Proteste gestattet ist, die Anschauung, 
daß die Sexualität nicht erst in der Pubertätszeit als etwas Neues 
auftritt, sondern schon im Keime angelegt eine allmähliche Entwick¬ 
lung durchmacht, die durch die Geschlechtsreife nur ihre Voll¬ 
endung erfährt, als wissenschaftlich feststehende Tatsache vorzu¬ 
tragen, wobei natürlich zu beachten ist, daß es sich um Vorgänge 
handelt, deren sexuelle Natur in der Regel wenigstens nicht be¬ 
wußt ist. 

Unter Zugrundelegung der Freudschen 1 ) Lehren, soweit sie von 
mir als zutreffend angesehen werden, geht die Entwicklung der 
Sexualität etwa folgendermaßen vor sich: In der ersten Phase, von 
Freud Narzißmus genannt, bedarf das Individuum zur Befriedigung 
seines Sexualtriebs nicht des Objektes; es steht der Außenwelt in¬ 
different gegenüber und benutzt lediglich das eigene Ich als Lust¬ 
quelle, die es iu den sogenannten erogenen Zonen des Körpers findet. 
•Die erogenen Zonen des Kindes, d. h. älso die Zonen, die als Lust¬ 
quelle in Betracht kommen, sind die Körperoberfläche, die Körper¬ 
öffnungen und bis zu einem gewissen Grade auch der Bewegungs¬ 
apparat. Die Reizung der Körperoberfläche, der Haut, erfolgt durch 
Wärmereize beim Baden, durch Anprall der Luft beim Laufen, die 
Reizungen der Körperöffnungen durch das Lutschen, das „Wonne¬ 
saugen“ des Säuglings und durch die Stuhlentleerung. Mund- und 
Afterzoue spielen infolge des Zusammenhanges mit der Nah¬ 
rungsaufnahme eine dominierende Rolle. Aber auch die anderen 
Körpcröffnungen, besonders die Harnröhrenmündung sind erogene 
Zonen. Es unterliegt keinem. Zweifel, daß nicht nur die Stuhl-, 
sondern auch die Harnentleerung für den Säugling, ebenso wie das 
Lutschen, die Betätigung der Mundzone, lustbetonte Akte sind. 
Eine weitere Quelle der Lust für das Kind ist die Benutzung des 
Bewegungsapparates, das im Strampeln und später im Umhertollen 
zum Ausdruck kommt. Schon im frühen Kindesalter spielen ferner 
nach Freud Triebe psychosexueller Art eine Rolle, nämlich der 
Schau- und der Grausamkeitstrieb, besonders der letztere, der im 
Zertrümmern und Zerreißen von Sachen’zum Ausdruck kommt, be¬ 
kanntlich beim Knaben stärker entwickelt ist und daher seine Her¬ 
kunft von primitiver brutaler Männlichkeit verrät, während der 


Freud, Drei Abhahdlung zur Sexualtheorie. Fr. Deutioke, Leipzig n. Wien 1910. 


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Geschlechtsleben und Erziehung. 


155 


Schautrieb »eine sexuelle Natur dadurch dokumentiert, daß sich 
ein unzweideutiges Vergnügen an der Entblößung des Körpers mit 
besonderer Hervorhebung der Geschlechtsteile frühzeitig bemerkbar 
macht, daß er sich schließlich auch auf sexuelle Objekte" der Außen¬ 
welt richtet und manchmal schon zu ausgesprochenem Voyeurtum 
ausartet. Ich erinnere daran, daß nicht nur krankhafte sensible, son¬ 
dern auch ganz gesunde Kinder, zumal ja der undurchsichtige 
Schleier, der über geschlechtliche Dinge gebreitet wird, dem Schau¬ 
trieb dauernd Nahrung zuführt, durch Schlüssellöcher Objekte zu 
erspähen suchen, mit denen die Phantasie sich längst beschäftigt. 

Zu irgendeiner Zeit in den Kinderjahren tritt nach Freud ge¬ 
setzmäßig, nach Ansicht der meisten anderen Nervenärzte nur bei 
der größeren Anzahl der Kinder und unter dem Einfluß der Ver¬ 
führung die Neigung zur Onanie auf. Freud sieht in der Onanie 
eine Wiederkehr der Sexualerregung der Säuglingszeit, von der 
bisher die Rede war, nach einem mehr oder minder langen Stadium 
der Latenz, d. h. des Verborgenseins, und erblickt die wesentliche 
Ursache in einem Kitzelreiz, der zur onanistischen Befriedigung auf¬ 
fordert. Ich glaube an das Bestehen dieses Kitzelreizes nur bei 
neuropathischen Kindern, die wohl auch ausnahmslos onanieren, 
während bei gesunden Kindern die Verführung, die unter den heu¬ 
tigen Verhältnissen allerdings nur selten ausbleibt, die ausschlag¬ 
gebende Rolle spielt. Zu dieser Zeit befindet sich das Individuum 
noch im Stadium des sogenannten Autoerotismus, in dem Stadium 
also, in dem das eigene Ich als Objekt des Sexualtriebs dient. Mit 
dem Eintritt der Geschlechtsreife setzen die Wandlungen eiu, die 
das infantile Sexualleben in seine endgültige normale Gestaltung 
überführen sollen und die in erster Linie in der Überleitung der 
sexuellen Erregung von den bisherigen erogenen Zonen auf die 
äußeren Geschlechtsteile, in zweiter Linie darin zum Ausdruck kom¬ 
men, daß nun Objekte der Außenwelt als Lustquellen aufgenommen 
werden. Während aber anfangs das Individuum noch den Lust¬ 
charakter seines eigenen Ifths über alles setzt, wird erst nach völliger 
Überwindung des Autoerotismus die Befriedigung in Rücksicht¬ 
nahme auf das Objekt gesucht. Die egozentrische Einstellung, die 
den eigenen Lustgewinn als maßgebend ansieht, bedeutet demnach 
eine unvollständige Entwicklung, während der Altruismus, die be¬ 
sondere Rücksichtnahme auf das Objekt, das Kennzeichen der reifen 
Sexualität darstellt. In körperlicher Hinsicht kommt die unvoll¬ 
endete Entwicklung darin zum Ausdruck, daß die Überleitung der 
Erregung von den Lustquellen der infantilen Sexualität, den ero¬ 
genen Zonen des Mundes, des Afters usw. auf die äußeren Ge¬ 
schlechtsteile mißlungen ist. 

Sexualtriebe, die den Reifeprozeß nicht durchgemacht habe«), 
nennt man zielgehemipt. Ihr Endziel ist nicht das normale, sondern 
ein Vorstadium auf dem Wege der Entwicklung zu diesem, es ist 
also das Endziel der Sexualität des Kindes und daher infantil. Das 
Endziel der infantilen Sexualität entspricht der „Vorlust“ der reifen 
Sexualität. Es wird also, was von reifen Individuen als „Vorlust“ 
empfunden wird, nämlich die mannigfachen Formen des Liebes¬ 
spiels und Liebeswerbeus mit Einschluß der physiologischen Aii- 


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Bruno Sanier. 


sätze zu den sexuellen Perversionen (Voyeurtum, Sadismus, Maso¬ 
chismus, Fetischismus, Munderotik usw.) von den infantilen Persön¬ 
lichkeiten als Endziel angesehen. Die Vorlust wird zur Lust und 
erfährt infolge der Hemmung, die die Entwicklung zum normalen 
Endziel unterbindet, „wie ein Strom, dessen Hauptbett verlegt 
wird“ (Freud) eine gewaltige Intensitätssteigerung. Es entstehen 
somit aus den Ansätzen zu den Perversionen, die in der Anlage des 
Kindes wurzeln, infolge Unterbleibens der psychosexueilen Ge¬ 
schlechtsreife die Perversionen, deren Lustquelleu die erogenen 
Zonen und in psychischer Hinsicht die Schau- und Grausamkeits¬ 
triebe des Kindes sind. 

Die Kenntnis der geschlechtlichen Entwicklung des Menschen 
ist, wie dargelegt worden ist, von ungeheuerer-Bedeutung. Sie zeigt 
die gewaltigen Umwälzungen, die.zur Zeit der Geschlechtsreife vor 
sich gehen und die traurigen Folgen einer unvollendeten Entwicklung. 
Was nun die Frage nach den Ursachen dieser Entwicklungshemmun¬ 
gen betrifft, so steht fest, daß in vielen Fällen eine krankhafte Keim¬ 
anlage infolge von Inzucht, Alkoholismus und Syphilis der Eltern 
und anderem die ausschlaggebende Holle spielt. Oft aber fehlt 
eine solche Ursache und sind lediglich äußere Einflüsse im Sinne 
einer Fixierung wirksam. Diese Fixierung kann in jeder Entwick¬ 
lungsphase erfolgen, und zwar in erster Linie durch sexuelle Kind¬ 
heitserlebnisse, in zweiter Linie durch übermäßige Reizungen einer 
erogenen Zone. Für die Praxis besagt das, — von der Bedeutung 
der Kindheitserlebnisse für erzieherische Maßnahmen habe ich be¬ 
reits gesprochen —, daß alle übermäßigen Reizungen erogener Zonen 
bei Kindern zu vermeiden sind, wobei der Nachdruck auf „über¬ 
mäßig“ zu legen ist, weil ein gewisses Maß von Reizung ja physio¬ 
logisch und für eine gesunde Entwicklung daher erforderlich ist. 
Zweifellos ist also die Neigung von Eltern den Kindern, die das 
Säuglingsalter schon hinter sich haben, zur Beruhigung einen Lut¬ 
scher in den Mund zu stecken, eine Ursache für die spätere Ent¬ 
wicklung der Munderotik und daher zu Verwerfen. Aus dem glei¬ 
chen Grunde sollten Küsse auf den Mund von Kindern unterbleiben, 
zumal von solchen, die viel am Daumen lutschen und damit ihre 
Neigung zu munderotischer Entwicklung verraten. Zu übermäßigen 
Reizungen der Afterzone geben häufige Klistiere Anlaß, deren 
Schädlichkeit damit bewiesen ist. Ich habe eine hysterische Kranke 
kennen gelernt, die im Alter von 20 Jahren, solange sie sich erinnern 
konnte, niemals anders ijls durch Klistier Stuhlgang erzielte. Erst 
als ich sie darauf hin wies, daß ihrer nervösen Stuhl Verstopfung 
nichts anderes zugrunde liege als der Lustgewinu, der unter Aus¬ 
schaltung des Bewußten natürlich sich bei den Klistieren durch 
Reizung der Afterzone ergebe, hörte die Verstopfung mit einem 
Male auf und die Kranke hatte, solange ich sie kannte, nicht ein 
einziges Klistier mehr nötig. Aus der Bedeutung der Körperober¬ 
fläche als erogener Zone ergibt sich die Notwendigkeit, von starken 
und häufigen Wärmereizen abzusehen, Kinder an kalte Abwaschun¬ 
gen und kalte Bäder zu gewöhnen, sie nicht unter Federbetten, son¬ 
dern unter einer leichten wollenen Decke schlafen zu lassen. Die 
Lehre von den Schau- und Grausamkeitstrieben läßt die Schädlich- 


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Geschlechtsleben und Erziehung. 


157 


keit sensationeller Lektüre erkennen, von der ich bereits sprach und 
auf die ich daher nicht nochmals einzugehen brauche. Ich will nur 
bei dieser Gelegenheit darauf hinweisen, daß ganz besonders zu 
beanstanden ist, wenn Kinder, sobald sie angefangen haben, die 
Vorgänge um sich herum mit Verständnis zu beobachten, das Schlaf¬ 
zimmer der Eltern teilen. Hierdurch wird die Unbefangenheit zer¬ 
stört, nicht durch eine zweckmäßige Aufklärung; hier empfängt der 
Sehautrieb häufig auch die reichlichste Nahrung und fördert die 
sexuelle Frühreife,- zu der besonders nervös veranlagte Kinder 
ohnedies neigen. Auch die Möglichkeit der Fixierung des Ge- 
schlechtstriehs an die Mutter im Sinne des „Ödipuskomplexes“ der 
Freudschen Schule ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Ich 
glaube zwar nicht, daß der „Ödipuskomplex“ — oder Mutterkom¬ 
plex, wie er zweckmäßiger benannt wird — eine so außerordentliche 
Rolle bei der Entstehung von Psychoneurosen spielt, wie die Psycho¬ 
analyse annimmt. Es besteht aber kein Zweifel, daß gerade bei 
neuropathischen Individuen eine geschlechtliche Fixierung an die 
Mutter durch .unzweckmäßiges Verhalten derselben leicht zustande 
kommt und daß daraus Folgen entstehen können, die oft genug 
das sexuelle Schickfeal des Individuums entscheidend beeinflussen. 
Mütter sollten sich daher nicht nur von übertriebener Zärtlichkeit 
besonders einzigen Söhnen gegenüber zurückhalten, sondern sich 
auch sehr genau prüfen, inwieweit die dem Kinde zugewendete Liebe 
eine auf unbefriedigter, verdrängter Geschlechtlichkeit beruhende 
sexuelle Komponente hat, deren Wirksamkeit dem Kinde gefährlich 
werden kann. 

Die wichtigste Ursache der Fixierung des Geschlechtstriehs ist 
aber zweifellos die exzessive an den äußeren Geschlechtsteilen be¬ 
triebene Onanie. Ich bin trotz mancher gegenteiliger ärztlicher An¬ 
schauung davon überzeugt, daß exzessive Onanie — wohl verstanden 
nicht gelegentliche, sondern unmäßige — eine normale Entwicklung 
der Sexualität, sowohl in körperlicher wie in psychischer Hinsicht, 
so gut wie ausschließt. Solche Individuen bleiben in verhüllter 
oder auch unverhüllter Form ihr Leben lang Onanisten; ihre psyclio- 
sexuellen Triebe sind die der infantilen Sexualität und zeichnen 
sich durch Gefühlskälte, durch mangelhafte Rücksichtnahme auf 
das Objekt, durch egozentrische Einstellung des nur auf die Befrie¬ 
digung des eigenen Lust-Ichs bedachten Autoerotismus aus. Ex¬ 
zessive Onanie ist die Hauptursache der männlichen Impotenz sowohl 
wie der mangelhaften Geschlechtsempfindung des Weibes. Es ist 
nicht nur deshalb nötig das zu betonen, um die Wichtigkeit der Be¬ 
kämpfung der Onanie durch Aufklärung, vertrauensvolle Fühlung¬ 
nahme mit den Kindern und erzieherische Maßnahmen erkennen 
zu lassen, sondern auch deshalb, weil männliche Impotenz und weib¬ 
liche Frigidität die Hauptquellen sind, aus denen das eheliche Leid 
gespeist wird. Die Erkenntnis, daß nervöse Störungen sehr oft nicht 
die Folge der Onanie sind, sondern infolge der Gewissenskonflikte 
entstehen, in die Onanisten durch die Propagierung der Anschau¬ 
ung von den traurigen Folgen der Onanie für die Gesundheit und 
von der moralischen Verwerflichkeit der Selbstbefriedigung gebracht 
werden, hat in neuerer Zeit Anlaß gegeben, die Auffassung von der 


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158 


firuno Saaler. 


völligen Unschädlichkeit der Onanie zu verkünden. Der Wiener 
Nervenarzt Stekel hat zahlreiche Fälle mitgeteilt, bei denen es ihm 
gelungen war, nervös-psychische Störungen zu heilen, indem er die 
Schuldgefühle, die mit der onanistischen Betätigung verbunden 
waren, dem betreffenden Kranken zum Bewußtsein brachte und 
durch Gestattung der als unschädlich erklärten Onanie beseitigte. 
Er Wies auch darauf hin, daß einige seiner Patienten nach jahre¬ 
lang betriebener maßloser Onanie schließlich ein völlig normales 
Sexualleben führten. Indessen können diese wenigen Fälle nicht die 
Bedenken verscheuchen, die gegen unmäßige Onanie ganz besonders 
beim weiblichen Geschlecht bestehen, bei dem durch sie die Über¬ 
leitung der sexuellen Erregung von der Klitoris, dem weiblichen 
Schwellkörper, auf die Scheidenschleimhaut verhindert und so die 
Frigidität gegenüber normalem Geschlechtsverkehr wenn auch nicht 
immer, so doch häufig erzeugt wird. Ich betone aber ausdrücklich, 
daß. gelegentliche Onanie völlig bedeutungslos ist, daß unmittelbare 
Schädigungen des Nervensystems auch durch unmäßige Onanie 
nicht, wenigstens nicht sicher, anzuerkennen sind, daß Psychoneu- 
rosen bei Onanisten vielmehr in der Regel auf die Gewissenskon¬ 
flikte zurückgeführt werden müssen, in die solche Individuen durch 
falsche ärztliche Beratung und durch unangebrachte religiös-mora¬ 
lische Belehrungen gebracht werden. Die schädlichen Folgen der 
exzessiven Onanie selbst liegen tatsächlich nicht in erster Linie auf 
nervösem Gebiet, sondern betreffen die Entwicklung der sexuellen 
Persönlichkeit. Die sexualpädagogischen Maßnahmen gegenüber der 
Kinderonanie können daher gar nicht ernst genug genommen wer¬ 
den. Die Durchführung entsprechender Maßnahmen wird heute noch 
sehr erschwert durch die Scheu der Kinder, sich zur Onanie zu be¬ 
kennen. Wir Nervenärzte kennen diese Scheu, die aus der Unaufrich¬ 
tigkeit unserer Sexualmoral resultiert, auch bei Erwachsenen, die in 
der Sprechstunde in harmloser Weise ihre Beschwerden vortragen, 
erstaunt sind, wenn mit größter Vorsicht die Sprache auf das sexuelle 
Gebiet gebracht wird, oft mit Entrüstung jegliche Anomalie in 
dieser Hinsicht in Abrede stellen, um schließlich in der Anssprache 
die Befreiung zu finden, wie sie früher nur in sehr beschränktem 
Maße einzig und allein die Beichte der katholischen Religion ge¬ 
währte. Dieselbe Scheu erschwert uns bei Kindern in noch höherem 
Maße das Eingehen auf das subtile Thema, und nur zu oft steht man 
hartnäckiger Ableugnung gegenüber ratlos da. Gerade hieraus ergibt 
sich die Notwendigkeit einer aufrichtigeren und natürlicheren Be¬ 
wertung des Geschlechtlichen, von der ich bereits gesprochen habe 
und die, wie ich glaube, auch zu erreichen ist, ohne daß das Scham¬ 
gefühl zerstört werden müßte. 

Über die Notwendigkeit der Erhaltung des Schamgefühls sollte 
man keine Worte zu verlieren brauchen. Was beseitigt werden muß, 
ist die falsche Scham, die mit der echten Scham nichts zu tun hat. 
Diejenigen, die die Scham als ein Produkt der Erziehung ansehen 
und sie für entbehrlich halten, befinden sieh in einem folgenschweren 
Irrtum. Gewiß ist die Scham ein Kulturprodukt, aber eines, das in 
Jahrtausende langer Entwicklung entstanden und heute zweifellos be¬ 
reits im Keime angelegt ist, wofür ja auch das Vorhandensein des ge- 


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159 


Geschlechtsleben und Erziehung. 


schlechtliehen Schamreflexes besonders hei der Jungfrau, das im Er¬ 
röten, im Niederschlagen der Augen usw. zum Ausdruck kommt, 
spricht. Das geschlechtliche Schamgefühl ist die wirksamste Schutz¬ 
vorrichtung, die sich der Menschengeist schuf, um sich vor unbe¬ 
herrschter Sinnlichkeit und vor „orgiastiseher Ausschweifung“ 
(Gerson)') zu bewahren. Es ist bei Kindern naturgemäß noch nicht 
entwickelt. An seiner Stelle steht bei ihnen das allgemeine Scham¬ 
gefühl, das da von Handlungen zurüekhält, wo nicht klare Erkennt 
nis, sondern gefühlsmäßiges Erfassen von etwas Verbotenem, dessen 
inan sieh zu schämen hätte, Platz greift. Dieses Schamgefühl ist ge¬ 
wissermaßen das Kriterium für die ethische Bewertung einer Hand¬ 
lung und durch nichts zu. ersetzen. Aber auch das geschlechtliche 
Schamgefühl muß erhalten werden, da nicht angenommen werden 
kann, daß die Erkenntnis des sittlich Zulässigen allein ausreicht, um 
sittliche Handlungen zu veranlassen, da'vielmehr die Ethik auch im 
Gefühlsleben des Menschen verankert sein muß, das sich das Scham 
gefühl dann von selbst errichtet, und letzten Endes da das Schwinden 
des Schamgefühls zweifellos Hand in Hand geht mit der Loslösung 
des Geschlechtlichen von höheren geistigen Trieben und somit zur 
Entsittlichung führt. Denn entgeistigte ist entmenschlichte Ge¬ 
schlechtlichkeit, um! diese bedeutet das Ende menschlicher Gemein 
schaft. 

Deshalb soll das geschlechtliche Schamgefühl nicht nur erhalten, 
sondern soll wieder geschaffen werden, wo es geschwunden ist, und 
nur die falsche Scham soll fallen. Allerdings was echte Scham ist 
und was falsche, ist schwer zu sagen. Nicht ein Kind ist schamlos, 
das keine Scham zeigt, weil es nackt ist, denn es besitzt ja noch kein 
sexuelles Schamgefühl, sondern schamlos ist das Kind, das im Be¬ 
wußtsein, eine sexuelle Handlung zu begehen, seine Geschlechtsteile 
entblößt. Denn da es schon eine bewußte Sexualität hat, müßte es 
auch geschlechtliches Schamgefühl besitzen. Schamlos sind vor allem 
solche Knaben höherer Klassen und junge Studenten, die vor dem 
Wesen der Geschlechtlichkeit eine so geringe Achtung haben, daß sic 
sich für niedrige Zoten begeistern, schamlos endlich muß man die¬ 
jenigen Männer und Frauen nennen, die unter Mißbrauch des Wortes 
„Liebe“ einem polygamen und perversen Kult des Erotischen das 
Wort reden. 

Ich habe bereits erwähnt,, daß das geschlechtliche Schamgefühl 
sich erst mit der Geschlechtsreife entwickelt. Das Kind besitzt nur 
das allgemeine Schamgefühl oder sollte es nur besitzen, denn seine 
Sexualität befindet sich ja in einem ihm unbewußten Frühstadium 
der Entwicklung. Geschlechtliches Schamgefühl beim Kinde ist da¬ 
her meist falsche, anerzogene Scham oder ein Zeichen neurotischer 
Veranlagung. Wir treffen bei neurotischen Kindern ja vielfach in 
ganz frühen Jahren schon bewußte Sexualität. Solche Kinder ebenso 
Avie gesunde zu behandeln, als ob sie keine geschlechtliche Scham, als 
ob sie keine bewußte Sexualität hätten, ist zweifellos gefährlich, und 
wir ersehen daraus, daß das Prinzip der Koedukation, welches gerade 


') Ad. Gerson, Din Scham. Abhandlungen aus dem Gebiete der Sexualforschung. 
Bd. I. Heft 5. 1918/19. 


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160 


Bruno Sanier. 


auf die Förderung der Unbefangenheit im Verkehr zwischen Knaben 
und Mädchen hinausläuft, unter Umständen gänzlich ungeeignet ist 
für neurotische Kinder, und daß daher eine scharfe Trennung von 
gesünden und abnormen Kindern nach den von mir bereits erwähnten 
Gesichtspunkten unentbehrlich ist. Es zeigt sich hierbei auch, wie 
kompliziert das Problem der Sexualpädagogik im einzelnen Falle sein 
kann, und wie sehr die praktische Hilfe des psychiatrisch ge¬ 
schulten Arztes regelmäßig erforderlich ist. 

Ich komme nun zu der Frage, inwieweit es möglich ist, durch 
Mittel der Erziehung krankhafte Triebrichtungen zu beeinflussen. Es 
ist dies allerdings weniger Sache der Erziehung als der ärztlichen Be¬ 
handlung, erfordert aber der Vollständigkeit halber eine kurze Be¬ 
sprechung. Die Stellung der Fachärzte in dieser Hinsicht ist keine 
ganz einheitliche. Ich selbst vertrete mit Nachdruck den Standpunkt, 
daß allen sogenannten Abirrungen des Geschlechtstriebs einschlie߬ 
lich der Homosexualität gegenüber zunächst eine ärztlich-heilpäd¬ 
agogische Behandlung am Platze ist, und zwar deshalb, weil die Per¬ 
versionen des Geschlechtstriebs, zu denen die Homosexualität nicht 
gehört, wenn sie auch ihre biologische Wurzel haben, so doch in vielen 
Fällen nicht angeboren, sondern erworben und daher oft heilbar sind, 
und weil auch die Inversion, d. h. die Homosexualität selbst von den 
besten Kennern, wie auch von Magnus Hirschfeld *) betont wird, nicht 
(n ihren Anfängen mit Sicherheit erkannt werdeu kann. Entspre¬ 
chend der doppelgeschlechtigen Anlage des Menschen, die heute von 
keinem Einsichtigen mehr bestritten wird, macht jeder Mensch ein 
homosexuelles Stadium der Entwicklung durch. Die schwärmerischen 
Freundschaften zwischen Kindern des gleichen Geschlechts, die 
auf die Beendigung der Phase des Autoerotismus folgen, sind ja 
bekannt. Es kann nun meines Erachtens, wenn dieses Stadium 
durch äußere Einflüsse (ganz besonders durch die in Internaten und 
Pensionen oft maßlos betriebene gegenseitige Onanie) nicht über¬ 
wunden worden ist, durch die vorschnelle ärztliche Bescheinigung 
echter Inversion, die noch schlummernde heterosexuelle Anlage in der 
Entwicklung behindert und die homosexuelle gefördert werden. Die 
Bekämpfung homosexueller Triebregungen bei Individuen, die noch 
in dem Altev der Geschlechtsreife stehen, halte ich daher für ärztlich- 
erzielierischc Pflicht. Erst wenn nach Erlangung der vollen Ge¬ 
schlechtsreife ein Zweifel an echter Inversion, die ja, wie wir durch 
die zahlreichen Beobachtungen Magnus Hirschfelds wissen, keine 
Krankheit, sondern eine biologische Varietät ist, nicht mehr besteht, 
ist jede Beeinflussung im Sinne heterosexueller Triebrichtung als 
überflüssig und gesundheitsschädlich zu unterlassen, wenigstens so¬ 
weit männliche Individuen in Frage kommen. Bei Frauen ist der 
Sachverhalt ein etwas anderer. Wir wissen aus Erfahrung, daß sehr 
viele Frauen, die sich für invertiert halten und der lesbischen Liebe 
huldigen, auch andersgeschlechtlichen Empfindungen zugänglich 
sind, weshalb man mit der Diagnose der echten Inversion, d. h. der 
ausschließlich homosexuellen Triebrichtung bei Frauen besonders 


») Magnus Hirschfeld, Sexualpathologie. II. Teil. Sexuelle Zwischenstufen. A. Mar¬ 
cus & E. Webers Verlag. Bonn 1918. 


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Geschlechtsleben und Erziehung. 


loi 


vorsichtig sein und niemals auf den Versuch der psychischen Behand¬ 
lung ganz verzichten sollte. Wie dies zu geschehen hat, ist natürlich 
nicht Gegenstand des hier zur Erörterung stehenden Vorwurfs. 

Ich kann meine Ausführungen nicht schließen, ohne nochmals 
kurz auf den Unterschied einzugehen, der zwischen den Zielen einer 
von echt naturwissenschaftlichem Geist durchdrungenen Sexual¬ 
ethik und den Bestrebungen einer bestimmten Richtung der Frauen¬ 
bewegung besteht. Wenn ich für ein beherrschtes Sexualleben ein¬ 
getreten bin, so geschah das, wie ich glaube verständlich gemacht zu 
haben, nicht aus Gründen der überlieferten religiös beeinflußten 
Moral, sondern in Würdigung von Faktoren, die sich als der Ausfluß 
wahrhaft menschlicher Geistesartung ergaben. Es ist daher auch 
keine Frage, daß eine neue auf vertiefter naturwissenschaftlicher Er¬ 
kenntnis aufgebaute Sexualmoral den unabweisbaren sexuellen An¬ 
sprüchen des Individuums und insbesondere der Frauen mehr ent- 
gegenkommen wird, daß aber Zügellosigkeiten, insbesondere ein 
Recht auf freie Liebe ebensowenig gewährt werden kann wie bisher. 
Es ist sicher, daß es keine Institution gibt, die besser den zahlreichen 
Anforderungen, die an sie gestellt werden müssen, gerecht wird als 
die Ehe, und es ist auch unzweifelhaft, daß alle Einwände, die gegen 
sie erhoben werden, bei näherer Betrachtung nicht die Institution als 
solche, sondern nur soziologische Mißstände betreffen, die mit ihr im 
Zusammenhang stehen. Die moderne Frauenbewegung unter Füh- 
■ rung von Gertrud Bäumer, Helene Lange, Anna Krausneck u. a. ist 
denn auch über die in der Hauptsache vom Bund für Mutterschutz 
verkündete „neue Ethik“ bald hinweggeschritten und hat mit aller 
Entschiedenheit die Ehe als ihr Ideal bezeichnet, indem sie zu der 
Erkenntnis gelangte, daß nicht die Befreiüng des Geschlechtslebens 
von allen Fesseln, sondern die auf der Gleichberechtigung von Mann 
und Frau innerhalb der Ehe aufgebaute Vertiefung psychosexualer 
Triebe das erstrebenswerte Ziel sei, und damit dem der Familienbil : 
düng innewohnenden Kulturwert als ausschlaggebendem Faktor 
Rechnung getragen. Der grundlegende Unterschied gegenüber der 
alten Sexualethik beruht auch hier wieder darauf, daß ein be¬ 
schränkter pharisäischer Standpunkt abzulehnen ist, daß die staat¬ 
liche und gesellschaftliche Ächtung der unehelichen Mutter ver¬ 
worfen und daß die staatliche Einrichtung des Mutterschutzes als 
Pflicht der Gesellschaft ihr gegenüber anerkannt wird. Wenn An : 
hänger der religiösen Ethik darauf hinweisen, daß die Ächtung 
der freien Liebe — und natürlich erst recht der-Homosexualitüt — 
notwendig sei, um die Ehe überhaupt zu erhalten, so ist darauf zu 
erwidern, daß dieses Abschreckungsmittel ebenso wie die meisten 
anderen gegenüber der elementaren Kraft sexualer Triebe völlig ver : 
sagt. Der geistig höher stehende Mensch kümmert sich nicht um die 
Ächtung einer ihm philiströs erscheinenden Gesellschaft, und die 
jungen Leute aus dem Volke wissen bekanntlich schon längst von 
einer solchen Ächtung nichts mehr. Wenn die Ehe keine tieferen 
Wurzeln im Seelenleben des Menschen hätte, dann wäre es um unser 
Gemeinwesen schlecht bestellt. Nicht die Ächtung der staatlich 
nicht konzessionierten geschlechtlichen Gemeinschaft also ist. das 
geeignete Mittel, um die Ehe zu retten, sondern Beseitigung der sozio 

Zeitschr. f. Sexualwissenschaft VII# 5. 11 


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162 


Bruno Saaler, Geschlechtsleben und Erziehung. 


logischen Schäden, die das Sexualleben herahzuziehen drohen, und 
Erziehung der Jugend zu einer vertieften und idealisierten Auffas¬ 
sung des Geschlechtlichen und insbesondere der Ehe. Zweifellos hut 
die Verflachung des Geisteslebens nicht nur der Frau, sondern der 
Verfall wahrer Geistesbildung überhaupt, der durch die Mechani¬ 
sierung unserer Wirtschaft, uin mit Walter Rathenau zu sprechen, 
bedingt war, viel dazu beigetragen, daß die Ehe an Anziehungskraft 
eingebüßt hat. Von seiten misogyn orientierter Autoren ist die Ur¬ 
sache hierfür bekanntlich in der minderwertigen Artung der Frau 
gesucht worden. Das Werk des verstorbenen Leipziger Nervenarztes 
Möbius 1 ): „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“ war 
aber tatsächlich nichts anderes, als die Reaktion auf eine Bewegung, 
die in Ibsen ihren dichterischen Anwalt gefunden und die den Kampf 
gegen die traditionelle Unterdrückung der Frau als eines geistigen 
Wesens aufgenommen hat. Mit Recht hat man den „Sklavenaufstand 
des Weibes“ in Parallele gebracht zu der gleichzeitigen Bewegung 
der Fabrikarbeiter, den Sklavenaufständen der Antike und der 
großen Revolution des 18. Jahrhunderts. Daß die ‘tiefere Bedeutung 
des Frauenaufstandes aber selbst von führenden Frauen nicht voll 
erfaßt worden ist, zeigt die große Erregung, die sich zahlreicher 
Frauen beim Erscheinen des Rathenauschen Buches: „Von kommen¬ 
den Dingen“*) bemächtigt hat, in dem scheinbar so schwere Schuld 
auf das Haupt der Frau gehäuft wird. In Wirklichkeit ist nämlich 
Rathenaus Anklage gegen die Frau eine Verteidigung, es ist eine 
Anklage gegen die Mechanisierung des Lebens, die dem Manne zur 
Last fällt. „Gegen den Mann darf das irrende Weib Klage führen“, 
heißt es da, „und die furchtbare entwurzelte Wirrnis der weiblichen 
Suchuug ist die härteste Klage. Wir haben den Frauen zu danken, 
daß ihr verängstetes Suchen eine Bewegung verbreitet, die nur im 
Ziele irrt Uns liegt es ob, das Ziel zu entschleiern. Nicht Rückkehr 
zum verödeten Hof und Garten, zum veralteten Rocken und Webstuhl 
dürfen wir erzwingen, auch nicht ödes Fortschreiten zu Kanzeln und 
Tribunalen: Wandlung zu hoher Menschlichkeit ist .das erste Ziel, 
Verantwortung für inneres Glück und Ordnung des allmenschlichen 
Hausstandes das letzte.“ 

Diese von Walter Rathenau gekennzeichneten Ziele sind letzten 
Endes auch die Ziele jeder Erziehung und sollten ganz besonders 
der Mädchenerziehung als ideelle Grundlage dienen. Für die geistige 
Entwicklung der Frau besagt das, daß sie ein Recht hat, neben der 
sexualen und generativen Betätigung auch Mensch zu sein, daß ihr 
Ziel die Synthese von Gattin, Mutter und Eigenpersönlichkeit ist. 
Diese Synthese wird nicht erreicht durch sinnlose Kopierung des 
Mannes, sondern durch die freie Entwicklung der weiblichen Anlage; 
aber nicht auf dem Gebiet, das eine von primitiv männlichem Geist 
erfüllte Weltanschauung ihr zu seinem eigenen Schaden und mit dem 
Resultat erbitterten Geschlechterkampfes als eigentliche Domäne 
überlassen hat, nämlich auf dem Gebiet der ureigentlichen Ge¬ 
schlechtlichkeit, auf dem das Weib den Mann daher zu jeder Zeit ge- 

>) Möbius, Uber den physiologischen Schwachsinn des Weibes. Joh. Ambros. Barth. 
Leipzig 1901. 

*) Walter Rathenau, Von kommenden Dingen. S. Fischer 1918. 


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Otto Feniohel, Zur Entwicklung des menschlichen Oenitalsystems. 


163 


schlagen hat. Es wird nicht erreicht durch Hochzüchtung infantiler 
sexualer Triebe, worauf (wiö ich in einer früheren Arbeit l ) gezeigt 
habe) der Kult des Erotischen gewöhnlich hinausläuft, sondern durch 
die Sublimierung, die Nutzbarmachung von Sexualtrieben, die sich 
bisher im Geschlechterkampf austobten, für höhere geistige, insbeson¬ 
dere kulturelle Zwecke. Das ist der Weg, auf dem sich dem revolu¬ 
tionierten Frauengeist glück- und erfolgverheißende Aufgaben 
bieten, auf dem das Ziel erreicht wird, wie es auch von Walter 
Rathenau gekennzeichnet wurde. Die Durchdringung der durch den 
männlichen Geist heruntergewirtschafteten europäischen Kultur mit 
sublimierter weiblicher Geschlechtlichkeit könnte zu einer glück 
licheren Epoche der Menschheitsgeschichte führen. Mit vollem Recht 
ist daher die Erziehung der Mädchen — nicht nur die der sogenann¬ 
ten höheren Töchter, sondern auch der Mädchen aus dem Volke — 
als eines der wichtigsten, bisher aber vernachlässigten Erziehungs 
Probleme bezeichnet worden. Wie traurig es damit noch bestellt ist, 
lehrt das dunkelste Kapitel europäischer Gesittung, die Prostitution, 
deren Beseitigrung in erster Linie Sache neuer Erziehungsmethoden 
ist. So wird es klar, daß die Ziele der in die richtigen Bahnen ge¬ 
leiteten Frauenbewegrung und die Ziele einer neuen naturwissen¬ 
schaftlichen Sexualpädagogik die gleichen sind. Möge diese Auffas¬ 
sung gerade bei den Frauen, recht bald eine allgemeine werden und 
sie veranlassen, von allen Irrwegen sich abwendend, an die großen 
Aufgaben heranzugehen, die ihrer harren, als deren erste und größte 
ist: Die Erziehung'der Jugend im Sinne neuer und wahrhaft mensch¬ 
licher Ideale. ' 


Zur Entwicklung des menschlichen Oenitalsystems 

(Übersichtsreferat aus der Sexualbiologie der höheren Tiere). 

Von Otto Fenichel. 

Alle höheren Tiere sind dadurch charakterisiert, daß sie im 
Gegensatz zu den einzelligen Protozoen aus vielen Zellen zu¬ 
sammengesetzt sind. Phylogenetisch können wir wahrscheinlich in 
den Protozoen ihre Ahnen erkennen und müssen also annehmen, daß 
die einzellehenden Zellen durch irgendein äußeres Agens dazu ge¬ 
zwungen worden sind, sich zu zukunftshoffnungsvollem Verband zu¬ 
sammenzuschließen. Und da wir auch in den heute lebenden Lebe¬ 
wesen sog. „Zellkolonien“ kennen, d. h. Haufen von zusämmen- 
lebenden Zellen, die aber keinerlei Arbeitsteilung oder sonstige 
Metazoenobarakteristika aufweisen, so können wir wohl mehr oder 
minder ähnliche Zellkolonien als jene Urvorfahren aller Metazoen 
ansprechen, die den Übergang einleiteten von einzelner Zelle zuni 
Metazoon. Somit -wären diese Zellkolonien auch am geeignetsten, 
die primitivsten und phylogenetisch ältesten Vitalformen der Meta¬ 
zoen zu repräsentieren. Hierher gehören z. B. manche Arten der 

i) Saaler, Uber den psychosexueilen Infautilisinus, die Freudsehe Lehre und 
C&thmna Godwin. Zeitscar. f. Sexu&lwissensch. 3. Bd. 5. Heft. 1916. 

11 * 


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164 


Otto Fenichel. 


Volvokoideen, einer Ordnung, über deren Stellung im System 
die Biologen noch uneins sind. Eben weil sie die Übergangs:- 
f o r m darstelleh, ist die Frage nicht leicht zu entscheiden, ob es 
sich hier schon um ein primitives vielzelliges oder um eine Summe 
einzelliger Wesen, also ob es sich um ein M e t azoe n i n d i v i - 
du um oder um einen Protozoenstock handelt. Ja, noch mehr: 
Einzelne Autoren rechnen diese Wesen wegen ihres Chlorophyll - 
gehalts zu den Pflanzen, andre wieder zu den Tieren. Die Vol- 
vokoideen sind schon als Algen, Zölenterateu und Flagellaten be¬ 
schrieben worden. 

Aber eben diese Unbestimmtheit muß uns zeigen, daß wir hier, 
was wir suchen', vor uns haben: Lebewesen, so hart an der Grenze 
von Ein- und Vielzeller, daß sie eben das eine nicht mehr, das andre 
noch nicht sind. Man kann rein deskriptiv von ihnen nicht viel 
mehr aussagen, als das es große kugelige Kolonien sind, deren ein¬ 
zelne Zellen durch Plasmafäden miteinander in Verbindung stehen. 

Wie verhält es sich nun bei solchen Kolonien mit der Kopu¬ 
lation? Nun, wir begegnen hier zum erstenmal einem Gesetz, das 
von hier an ^ach oben absolute Gültigkeit besitzt (und das- nur der 
Ausdruck ist der Metazoenform der Konjugation) und das lautet: 
Nur bestimmte Zellen des Zell Verbundes sind ge¬ 
eignet, zu Gameten zu werden. Also: Die Befruchtung 
wird für das Individuum passagär, nur bestimmte Teile (bestimmte 
Zellen) sind zur Gänze daran beteiligt. Wir heißen den Stoff dieser 
bestimmten Teile „Keimplasma“ (den der andren Teile „Soma“) 
und sagen: Die primitivste Differenzierung der Metazoen, gegeben 
eben schon durch den metazoiden. Charakter, ist die in Keimplasma 
und Soma. Nur Keimplasma wird gametisch, nur Keimplasma 
daher zygotisch. Was also stofflich erhalten bleibt von Generation 
Zu Generation, ist einzig Keimplasmä. Diese Selbstverständ¬ 
lichkeit ist wahrster Inhalt von Weismanns Gesetz der „Kon- 
tinuität des Keimplasmas“, dem geradezu mathematische 
Gewißheit zukommt. Ich möchte aber darauf aufmerksam machen, 
daß in dieser selbstverständlichen Fassung des Gesetzes von der 
Kontinuität nicht das geringste von einer „Unveränderlichkeit“ 
steht, daß es also mit dein Problem der „Vererbung erworbener 
Eigenschaften“ gar nichts zu (un hat. 

Diese Differenzierung und diese Kontinuität hat aber eine tra¬ 
gische Schattenseite: die Diskontinuität des Somas. Die 
Notwendigkeit des Todes entstand in dem Moment, wo Kopulation 
und Fortpflanzung sich zu unlösbarem Ganzen vereinten und einzig 
dem Keimplasma zugänglich wurden. Und das entstand so: Bei 
Protozoen war die Fortpflanzung Teilung (gleichgültig welchen 
Typs). Aus einem Individuum wurden zwei (oder mehrere). Kein 
Rest blieb (wenn man von Bildungen der Reduktionsteilungen wie 
Richtungskörper, Karyosom usw. absieht). Eine Generation ging 
direkt in die andre über, das Gesetz der Kontinuität bezog sich auf 
die ganze lebende Substanz. Und kann man von „Tod“ sprechen, 
wo keine „Leiche“ vorhanden ist? Wohl stellen auch Protozoen 
ihre Lebenstätigkeiten ein und sterben, wenn sie zugrunde gehen 
durch Unfall (Trockenheit, Hitze, Kälte uswJ oder als Opfer .der 


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Zur Entwicklung des menschlichen Genitalsystems. 


Depressionsperiode. Aber dieses Sterben ist ein akzidentelles, kein 
mit innerer Notwendigkeit erfolgendes. Bei Teilung wie bei Kopu¬ 
lation ist das ganze Individuum beteiligt; potentiell, der Möglich¬ 
keit nach, ist jedes Protozoon unsterblich. 

Potentielle Unsterblichkeit der Protisten. Und 
dabei Fortpflanzungs- und Kopulationsvorgänge streng geschieden. 
Letztere als zellvermindernd hier und da zwischen zwei zellver¬ 
mehrende Teilungen eingeschoben. Teilung und Kopulation Gegen¬ 
pole. 

Und nun bauen die Metazoen ihren Körper aus vielen Zellen 
auf. Zellfortpflanzung ist nicht mehr Individualfortpflanzung. Im 
Gegenteil: Dadurch, daß nach vollendeter Mitose der Zelleib sich 
nicht mehr ganz durchschnürt, so daß die Tochterzellen 'statt sich 
zu trennen, beisammen bleiben, um •— in Verbindung miteinander — 
sich wieder zu teilen und wieder beisammenzubleiben — bekommt 
die Mitose, bekommt die Zellteilung eine neue Funktion: Nicht 
mehr Fortpflanzung wird durch sie bedingt, sondern Wachstum 
(vom Standpunkt des Individuums als des Zellverbandes aus gespro¬ 
chen). Der Unterschied zwischen Wachstum und Fortpflanzung ist 
kein qualitativer mehr, sondern ein quantitativer. Schon B a e r hat 
gesagt: „Fortpflanzung ist Wachstum über das individuelle Maß 
hinaus.“ 

„Über das individuelle Maß hinaus.“ Das Individuum muß 
von einer sich dann teilenden ZellA verlassen werden; einmal wieder 
muß die Durchschnürung eine totale sein, eine der Tausenden von 
Zellteilungen wahres Homologon protozoider Mitose. 

Wie ist die Sache nun bei unsern Volvokodieen, etwa bei 
der Zellkolonie Volvox globator Ehrbg! Nur einerlei Zellen 
können dort den Gesamtverband verlassen: Gameten, die sich an¬ 
schicken, einen andern Gameten zur Kopulation zu suchen. Wir 
haben nämlich ähnlich wie beim Coccidium Makro- und Mikro- 
gameten, die sich von der Zellkolonie loslösen, die einen, um passiv 
frei im Seew r asser zu schwimmen, des Herannahens eines Mikro¬ 
gameten gewärtig, die andern, um mit ihren Flagellen aktiv einen 
Makrogameten aufzusuchen. Die Kopulation, eine echte Aniso- 
gamie, erfolgt wie beim Coccidium. Die Zygote hierauf teilt sich 
wieder, aber ihre Produkte bleiben in Verbindung („Furchungstei¬ 
lung“), bis eine neue vielzellige Kolonie entstanden ist, die wieder 
ihre Gameten aussendet. 

Nur Zellen, die die Kolonie verlassen, können fortpflanzen 
(„Keimzellen“). Nur Gameten verlassen die Kolonie. Nur Ga¬ 
meten können Keimzellen sein. 

So wird ein zufälliges Zusammentreffen (das Nacheinander 
von Kopulation und Fortpflanzung) zu einem wesentlichen. 
Wir finden auch bei Metazoen verschiedene vegetative Fortpflan¬ 
zungsarten, über die später die Bede sein soll." Aber wo bei Meta¬ 
zoen Kopulationsvorgängc stattfinden, dort sind sie an Fortpflan- 
zungTsVorgänge gebunden. So erhält die scheinbare Contradictio 
in adjecto „Sexuelle Fortpflanzung“ einen Sinn, und ich möchte 
definieren: Sexuelle Fortpflanzung heißen wir den 
Vorgang, der in der Losl’ösnng von zwei anisogamen 


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166 


Otto Fenichel. 


Galneten von ihren elterlichen Organismen, deren 
Kopulation und einer folgenden Zellteilnng be¬ 
steht, die ihrerseits zur Bildung eines neuen Or¬ 
ganismus führt. Volvox glohator stellt uns den einfachsten 
Fall einer sexuellen Fortpflanzung vor. 

Damit ist also bereits gesagt, daß die, Plasmakontinuität, einzig 
auf. die Oameten, also einzig auf das Keimplasma übergegangen 
ist. Das Soma hat (außer vegetativen) keine Möglichkeit zur Fort¬ 
pflanzung. Es ist also unweigerlich dem Tode verfallen (wahr¬ 
scheinlich durch Anhäufung von schädlichen Stoffwechselpro¬ 
dukten). 

So sehen wir zwei Errungenschaften eng verknüpft mit dem 
Entstehen von Metazoen überhaupt, zwei Errungenschaften, die 
eigentlich nur eine einzige sind, in verschiedener Weise ausgespro¬ 
chen: Sexuelle Fortpflanzung und Todesnotwendig¬ 
keit. 

Aber die Volvox globator lehrt uns noch mehr. Wir können 
bei ihr zum erstenmal einen jener Vorgänge beobachten, die offen¬ 
kundig die Folge (und daher wahrscheinlich den Zweck) haben, 
Inzucht, d. h. Kopulation isogener Gameten, d. h. nicht nur 
Gameten gleicher Abstammung, sondern auch mit gleichen „Genen“ 
ausgestatteter Gameten, zu vermeiden. Wir sagten, der Kopula¬ 
tionsvorgang sei eine echte Anisogamie, Makro- wie Mikrogameten 
verlassen den mütterlichen Zellverband. Nun ist die Sache aber so, 
daß im gegebenen Zeitmoment immer nur Makro- oder nur Mikro¬ 
gameten produziert werden, und daß die Zeiten für Makro- und 
Mikrogameten hei der einzelnen Kolonie abweehseln. Da sich nun 
aber immer nur eine Mikro- mit einer Makrogamete vereinen kann, 
da aber nie Makro- und Mikrogamete aus demselben Verband zu 
gleicher Zeit vorhanden sein können, so können Kopulationen nur 
zwischen Abkömmlingen verschiedener Kolonien sich ' abspielen. 
Womit der Effekt der Inzuchtvermeidung garantiert erscheint 
Dieses einfachste Mittel, das Prinzip des Nacheinander von männ¬ 
lich und weiblich (Protandrie, Protogvnäzie) sehen wir im 
Reich des Lebendigen .weit verbreitet. Seine höchste Blüte hat es 
im Pflanzenreich erreicht, aber auch im Tierreich bildet es einen 
keineswegs seltenen Befund, und zwar in fast sämtlichen Reihen, 
in denen ein Hermaphroditismus überhaupt vorkomrat, so bei Spon- 
giariern, Skoleziden, Anneliden, Mollusken, Krustazeen, Salpen usw. 

Bei einer nahe verwandten Art, Volvox aureus Ehrbg. 
sehen wir aber bereits etwas anderes. Auch hier wird von einer 
Kolonie zu einer Zeit nur eine Art Gameten erzeugt. Beobachten 
wir aber die betreffende Kolonie, so sehen wir niemals ein hetero- 
games Stadium eintreten; die „Geschlechtszugehörigkeit“ ist keine 
passagäre mehr, sondern- eine für das ganze Leben konstante. Eine 
Kolonie, aus der Makrogameten entstehen, kann niemals Mikro¬ 
gameten bilden, eine, aus der Mikro-, niemals Makrogameten. Der 
Dimorphismus der Gameten ist auf die ganze Kolonie übergegangen 
(wenn auch vorerst die ganze Differenz der Kolonie in Erzeugung 
differenter Gameten besteht). Diesen auf ganze Zellverbände 
(Metazoenindividuen) bezüglichen konstanten Dimorphismus der 


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167 


Zur Entwicklung des menschlichen Genitalsystems. 


Gametenerzeugung (dein sich andere Differenzen akzidentell zu¬ 
gesellen können), heißen wir „Gonochorismus“. Das Gegen-* 
teil, also das Entstehen sexuell dimorpher Gameten in einem und 
demselben Metazoenindividuum, gleichgültig ob cs synchron oder 
wie bei Volvox globator sukzessiv erfolgt, heißen wir „Herin- 
a p h r o d i t i s in u s“. 

Der Gonochorismus erreicht zweierlei: erstens eine 
sichere Gewährleistung der Inzucli t verinci duug, und 
zweitens nur ein weiteres Ausbauen der im Sexus überhaupt ge¬ 
legenen Arbeitsteilung. Ist zwischen Gameten eine Teilung 
eingetreten in Materialbeschaffung und Bewegung, so wird die Aus¬ 
dehnung dieser Teilung auf das ganze Individuum, eine Art Pro¬ 
jektion des Keimplasnms auch auf das Soma, zweifellos im Sinne 
dieser Teilung gelegen sein und die Kopulation erleichtern. Womit 
gesagt sein soll, daß der Charakterunterschied von Makro- und 
Mikrogameten tatsächlich auch tiefstes Symbol ist (und mehr als 
Symbol) für den Charakter unterschied zwischen Mann 
n n d W e i b. 

Im Gonochorismus nämlich erhalten erst die Sexnsbezeich- 
nungen wahren Sinn. Nicht mehr die Gameten sind „männlich“ 
oder* „weiblich“, sondern die ganzen Kolonien, die ganzen Indivi¬ 
duen. Was Mikrogameten (Spermien) erzeugt, ist Mann. Was 
Makrogameten (Eier) erzeugt, Weib. Einzig die aus einem Indivi¬ 
duum hervorgehenden Gameten können also seine Geschlechts- 
zngehörigkeit bestimmen. 

Der Siegeszug des Gonochorismus durch die Welt 
des Lebendigen scheint mir also durch dieses „zweite Moment“ 
auch ohne Inzuchtrücksicht verständlich. Abgesehen davon, daß 
dieser Siege.szug, wie wir sehen werden, gar nicht so unbedingt ist, 
wie man gemeiniglich annimmt, und es falsch wäre, zu meinen, 
verschieden sei nur der Zeitpunkt des Auftretens des Gonochoris¬ 
mus, aber wo er einmal sei, dort müsse er auch bleiben. Wir kennen 
genug Fälle von Hermaphrodit ismus, die wir als „sekun¬ 
där“, d. h. als aus einem Gonochorismus hervorgegangen zu be¬ 
zeichnen gezwungen sein werden. — Überhaupt scheint es mir 
wesentlich, angesichts der weiten Verbreitung des Hermaphroditis¬ 
mus in der Tierwelt mit Nachdruck darauf hinzuweisen, daß der 
Gonochorismus bereits bei einem so pr i m i t i v e n Wc s e n 
wie der Volvox aureus verkommt, bei einem Wesen 
also, das wir an die Basis aller M e t a z o e n b i 1 d u n g 
stellen können. Daß wir also im Gonochorismus einen rela¬ 
tiv archaischen Zug sehen müssen, daß sein Auftreten eine 
der primitivsten und ersten Akquirierungen von 
.Metazoen überhaupt darstellt. 

Die zweite weniger kardinale phylogenetische Entwicklungs¬ 
stufe nach dem Gonochorismus, die Entwicklung von Gonaden, 
ist nur die selbstverständliche Folge der Metazoisierung. Es ging 
nicht au, daß viele Zellen in einem Verbände lebten, ohne daß 
einzelne Zellen auch spezielle Funktionen für den Gesamtverband 
übernehmen mußten. Ein volvoxähnliches Tier konnte sich nicht 
lange halten, ohne daß es durch das Prinzip der Arbeitsteilung zu 


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168 


Otto Fenichel. 


einer echten Organbildung kam, die ja schon lokal bedingt war 
* (indem etwa zentrale Zellen mehr verdauten, periphere mehr be¬ 
wegten). Da die Gameten diejenigen Zellen sind, die sich immer 
wieder vom Mutterbund lösen müssen, so ist die allgemeinste topo¬ 
graphische Lage sie erzeugender Organe bereits gegeben: Um sich 
von der Oberfläche lösen zu können, müssen sie oberflächlich, 
also peripher sein. Bei den Tieren, bei denen wir nur eine Dif¬ 
ferenzierung in ein äußeres und ein inneres Keimblatt haben, 
müssen also Gameten und etwa sie erzeugende Organe ihren Ur¬ 
sprung (wenigstens primär) aus dem äußeren Keimblatt nehmen. 

Bei den Zölenteraten, als bei den Tieren, deren Leib sich 
zeitlebens nur aus zwei Keimblättern zusammensetzt, sehen wir nun 
tatsächlich eine (ursprünglich wenigstens) ektodermale Ge¬ 
nese der Gameten (über Ausnahmen wird noch die Bede sein). 
Aber wir sehen noch mehr: Die Zölenteraten haben zwar nur* zwei 
Keimblätter, unterscheiden sich aber von der Gastrula durch weit¬ 
gehende Differenzierungen inuerlialb dieser beiden Keimblätter, und 
wir haben bei ihnen bereits weit ausgebildete Organe. Wir werden 
uns also zunächst auch nach „Gametenorganen“ oder Sexualorganen, 
oder wie man so etwas heißen will, umsehen. D. h. wir werden 
uns nach dem Wie dieser ektodermalen Gametogenese fragen! 

Dieses Wie ist am primitivsten bei den Spongiariern 
(Schwämmen). Wir haben dort neben einer sexuellen auch eine 
vegetative Fortpflanzung (s. später). Aber wo die sexuelle Fort¬ 
pflanzung besteht, handelt es sich um ein Freiwerden gewisser ekto- 
dermaler Epithelzellen, die zunächst als „Mesenchymzellen“ in das 
alte Blastozoel zwischen Ekto- und Entoderm eindringen, dprt sich 
zu Makro- bzw. Mikrogameten umwandeln, als solche das Indivi¬ 
duum verlassen, kopulieren und durch Furchung einen neuen Spon- 
giarier bilden. Manche Arten sind hermaphroditisch, andere gono- 
choristisch. (Also wieder ein Gonochorismus schon bei den aller- 
primitivsten Metazoen!) Im großen und ganzen sehen wir also die 
Verhältnisse denen bei Volvox äußerst ähnlich. 

Etwas komplizierter ist es schon bei den „Medusen“ genann¬ 
ten Geschlechtsformen der Hydrozoen. Dort sehen wir nämlich 
die Entstehungsstelle der Gameten im Ektoderm lokal determiniert. 
Es sind radiär gelegene Stellen, an denen Gameten vor ihrem Aus¬ 
schwärmen gehäuft unterhalb des Epithels liegen. Dorthin ge¬ 
langen sie durch Senkung des Epithels und Loslösung von ihm. 
Dieses In-die-Tiefe-Kücken des Epithels, noch dazu das Freiwerden 
von Substanzen dabei, erinnert außerordentlich an eine bestimmte 
Kategorie von ektodermalen Organen, den „Drüsen“, deren Funk¬ 
tion es ist, durch ihre vitale Tätigkeit gewisse für den Tierkörper 
notwendige Substanzen abzusondern, zu „sezernieren“, und die 
auch in weiterer Differenzierung durch Senkung subepithelial 
werden. Die Ähnlichkeit ist tatsächlich in allen äußeren Details 
(auch in weiterer Entwicklung) eine frappante. Der Unterschied 
liegt nur. (in der Abstammung bei den Zölomaten und) darin, daß 
das Sekretionsprodukt unserer Organe nicht Zellprodukte sind, 
sondern epitheolide Zellen selbst (es ist ja eine Selbstverständlich¬ 
keit, daß nur Zellen kopulieren können), es handelt sich also nicht 


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Zur Entwicklung des menschlichen Genitalsystems. 169 


um echte Sekretion. Wir sehen also bei diesen Medusen zum 
erstenmal eine echte Organbildung zur Entstehung 
der Gameten. Solche Organe, die von hier au alle höheren 
Tiere aufzuweisen haben, heißen wir „G o n a d e n“ oder wegen 
ihrer Drüsenähnlichkeit fälschlich „Keimdrüsen“. Sind sie 
ausschließlich Mikrogameten zu produzieren imstande, heißen sie 
„Hoden“; Makrogameten, „Ovarien“. Ihr Auftreten ist die an¬ 
gekündigte „zweite Stufe“ und — wie schon gesagt — selbstver¬ 
ständliche Folge der Organbildung überhaupt. 

Die Differenzierung und der Ausbau der Gonaden verläuft 
parallel dem der Drüsen und bedarf keiner näheren Besprechung. 
Nur die selbstverständliche Folge einer, subepithelialen epithelo- 
genen Bildung soll hier Erwähnung finden, daß nämlich dann das 
in der Tiefe gelegene eigentliche Organ durch einen epithelaus- 
gekleideteu Gang mit der Oberfläche in Verbindung bleibt. Aber 
selbst wo diese Verbindung sich durchschnürt, wird ein sekundärer 
Hohlgang das eigentliche Organ mit jenem Lumen in Verbindung 
setzen, das das betreffende Sekret benötigt (also bei den Gonaden 
mit der Außenwelt), damit das Sekret auf diesem Wege an den Ort 
seiner Bestimmung gelange. Dieser Auxiliärapparat jeder echten 
und unechten Drüse heißt „A usführungsgang“ und fehlt nur 
bei den sogenannten „endokrinen Drüsen“, nicht aber bei den Go¬ 
naden („Vas defcrens“ des Hodens, „Ovidukt“ des Ovars). Gona¬ 
den, A u s f ü h r u n g s g ä n g e und etwaige äußere Auxiliär- 
apparate zusammen heißt man dann wohl auch „Genitale“. 

Über die, Ausbildung eines echten Genitales geht es bei den 
Zölenteraten wohl nicht hinaus. Das Wichtigste, was sie uns Zu 
lehren vermögen, ist Wesen und Natur Tier Gonaden und primitiver 
Charakter des Gonochorismus. 

Trotzdem möchte ich noch auf drei bei Zölenteraten auftretende 
Komplikationen aufmerksam machen. Erstens gibt es eine Klasse 
von Zölenteraten, die Skyphozoen, bei denen die Verhältnisse 
denen bei Hydrozoen ganz analog sind, mit Ausnahme des Umstan¬ 
des, daß die Gonaden nicht ekto-, sondern entodermaler Ab¬ 
stammung sind. Vermutlich handelt es sich um einen dem 
nachmaligen „Mesoderm“ homologen Anteil des Entoderms. Zwei¬ 
tens etwas, was wohl erwähnt werden muß, uns aber weiter nicht 
interessiert: daß nämlich in allen Klassen der Zölenteraten neben 
der sexuellen auch die vegetative Fortpflanzung 
eine große Rolle spielt, sei es, daß sie bei der betreffenden Art ein¬ 
zige Fortpflanzungsart sei, sei es, daß sie) unter irgendwelchen Mo¬ 
dalitäten neben der sexuellen vorkommt. Es wäre ein Irrtum, „Tei¬ 
lung“ als spezifisch protozoid aufzufassen. Wir sehen z. B. ge¬ 
rade bei Zölenteraten Längs- und Qnerteiluug und jene Fortpflan¬ 
zungsart der „Sprossung“, die im Grunde eine ungleiche Teilung an 
vorher determinierter Stelle ist. Aber es ist klar, daß das alles zwar 
mit „Fortpflanzung“, aber nicht daä Geringste mit „Sexualität“ zu 
tun hat. Das dritte Moment endlich fällt schon mehr in unser. Be¬ 
reich. Es ist nämlich ein bestimmter Rhythmus der Ab¬ 
wechslung von sexueller und vegetativer Fort¬ 
pflanzung, verbunden mit einem ausgesprochenen Diinor- 


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170 


Otto Fenichel, J5ur. Entwicklung des menschlichen Genitalsystems. 


phismus der beiden Generationen, die sogenannte 
„Metagenese“. Sie kommt bei fast allen Xiassen der Zölente- 
raten vor, am einfachsten zu beobachten aber i^t sie wieder bei den 
Hydrozoen. Aus den Zygoten der kopulierten Medusengame teil 
entwickeln sich festsitzende Formen, die sogenannten „Polypen“ 
(Ammengeneration), die durch Knospung Medusen produzieren, die 
sich loslösen, um frei im Meere schwimmend wieder Gameten zu 
neuer Kopulation zu bilden und auszusenden, während die fest- 
sitzenden Polypen sich weiter vegetativ vermehren. 

Die Zölenteraten bleiben zeitlebens zweikeimblättrig. Allen 
andern Tieren ist die Bildung auch eines dritten Keimblattes 
nach dem Gastrulastadium charakteristisch. Entweder es bilden 
sich durch Faltung zwei (oder zweimal Anzahl der Metameren) 
Ausbuchtungen des Gastrozöls, die sich schließlich abschnüren und 
zur Bildung von neuen Höhlen (die also in diesen Fällen ursprüng¬ 
lich mit der Urdarmhöhle in Verbindung standen) führen. Oder 
es wandern einzelne entodermale („mesenchymatisclie“) Zellen m 
die gallertige Zwischensnbstanz des kapillaren Blastozöls aus, die ' 
sich dort so lange teilen, bis sich aus ihnen zwei anfänglich solide 
streifenförmige Zellmassen gebildet haben, in denen sich sekundär 
Höhlen bilden. Das gleiche Resultat ist die Bildung einer neuen 
dritten paarigen Höhle. Ihre Wand — zwar entodermalen Ur¬ 
sprungs, jetzt aber zwischen Ekto- und Entoderm gelegen — ist 
das „Mesoderm“ (mittleres Keimblatt), die Höhle selbst heißt 
„Zölom“ oder Leibeshöhle. Alle Tiere, die sie besitzen, heißt 
man Zölomaten und stellt sie als dreikeimblättrig auf der einen Seite 
den zweikeimblättrigen Zölenteraten auf der andern gegenüber. 

Nun finden wir schon bei den primitivsten Zölomaten ein Ge¬ 
setz gültig, das von da nach oben wieder unumgänglich ist, und das 
die dritte jener drei letzten Stufen ist, so daß es nun wirklich nur 
mehr Akzidentelles ist, was noch von den sexuellen Verhältnissen 
etwa des Mensehen unterscheidet. Und dieses ausnahmslose Gesetz 
lautet: 

Die Gameten (und mit ihnen die Gonaden) sind 
immer mesodermalen Ursprungs. 

Bei den niedrigsten Zölomaten, den Skoleziden, ist die Sache / 
noch so, daß die Worte „Mesoderm“ und „Gonaden“ einfach 
Synonyma sind, höchstens sind neben den Gonaden noch auch 
Nephridien, Harnausscheidungsapparate, mesodcrmal. Später weiß 
sich das Mesoderm auch außer Gonaden und Harnapparaten noch 
Muskel- und* Gefäßsystem und alle Bindesubstauzen zu erobern. 

Interessant dabei sind diese — genetisch und topographisch 
verständlichen — Beziehungen der Gonaden zum System der Harn¬ 
ausscheidung, die soweit gehen, daß man die Organe des einen 
Systems nie mehr scharf und zur Gänze von denen des andern 
trennen kann, so daß mau bei allen Zölomaten von einem Urogeni¬ 
talsystem spricht. Parallel mit der Schwierigkeit der Isolierung des 
Genitalsystems geht seine Komplizierung, vor allem in bezug auf 
jene dritten „äußeren Auxiliärapparate“, die der Erleichterung der 
Kopulation dienen, und die daher (lamarckistisch gespochen) von 
der Art und Weise der Kopulation abhängig sind. Ein freies Aus- 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


171 


scheiden der Gameten, die sich dann selbst im Wasser finden müssen, 
so wie. wir es bei Volvox und Zölenteraten sahen, ist nämlich bei 
Zölomaten- ein relativ seltener Befund. Wir sehen vielmehr die 
mannigfachsten Vorrichtungen zur Erhöhung der Wahrscheinlich¬ 
keit der Kopulation, meist in dbr Art, daß zwei heterosexuelle 
gonochoristische (oder auch zwei hermaphroditische) Individuen zur 
Vereinigung der gegenseitigen Genitalprodukte sich irgendwie ein¬ 
ander nähern, ein Vorgehen, das wir als „Begattung“ im wei¬ 
testen Sinne bezeichnen. Es ist klar, daß jede Form der Begattung 
auch bestimmte Begattungsorgane erfordert. Endlich bleibt 
bei gonochoristischen Arten der Zölomaten der Sexualdimorphismus 
selten auf das. Genitalsystem beschränkt, vielmehr sehen wir, daß 
die beiden Geschlechter auch sonst Verschiedenheiten aufweisen, 
die teilweise in deutlichem, teilweise in weniger deutlichem Zu¬ 
sammenhang mit Fortpflanzung bzw. Begattung stehen und die 
man gemeiniglich als „sekundäre Sexualmer'kmale“ be¬ 
zeichnet. 


Kleinere Mitteilungen, Anregungen und 
Erörterungen *). 

Über einige ungewöhnliche Fälle von Exhibitionismus. 

. Von Geh. Medizinalrat Dr. A. Le pp mann. 

Eigenbericht über einen Vortrag der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nerven¬ 
krankheiten. 

Krafft-Ebing, der als erster die Kenntnis der mit dem umständlichen Namen „Ex¬ 
hibitionismus 1 * bezeichneten geschlechtlichen Abirrung der Allgemeinheit der Ärzte über¬ 
mittelte, stellte den Grundsatz auf, daß es immer schwere geistige Mängel sein müßten, 
die es ermöglichten, die Schranken der durch Jahrtausende alte Vererbung gefestigten 
Anschauung über Schamhaftigkeit so zu überwinden, daß man seine Geschlechtsteile, noch 
dazu in erregtem Zustande, öffentlich zeige. Er erkannte demnach als wesentliche Grund¬ 
lagen des Exhibitionismus nur an: 

1. Dauernde geistige Schwtichezuständö erheblicher Art, namentlich erworbene, wie 
bei der beginnenden Paralyse, dem Greisenirrsein, dem fortgeschrittenen Alkoholismus. 

2. Vorübergehende geistige Hemmungen, die immer mit Bewußtseinsumneblungen 
einhergingen, wie bei der Epilepsie und bei der Neurasthenie, bei der epilepsie¬ 
ähnliche Zustände vorkämen. 

. 3. Unwiderstehliche Drangzustände, auf dem Boden schwerer Belastung bzw. Ent¬ 
artung, für welche das periodische Auftreten kennzeichnend sei. 

Daß dieses Schema, welches, nachdem Lasegue Ende der siebziger Jahre das Wort 
„Exhibitionismus“ geprägt hatte, Anfang der achtziger Jahre horauskam, nicht stimmte, 
sahen namentlich die Psychiater, welche Gelegenheit hatten, außerhalb der Anstalten in 
der Sprechstunde oder unter der gerichtlichen Kleinkriminalität Material zu sammeln, und 
ich stellte mit Zustimmung vieler Fachgenossen bereits 1890 in meiner damals erschie¬ 
nenen „Sachverständigentätigkeit bei Seelenstörungen“ den Grundsatz auf, es könne 
auch ohu# pathologische Grundlage bei schlecht behüteter Leidenschaft, namentlich bei 
längerem Sichhingeben an Masturbation mit Phantasieunzucht, Exhibieren Vorkommen und 
belegte dies mit der Schilderung eines einschlägigen Falles. 

Krafft-Ebing ist von seiner Meinung nicht abgegangen. Noch in der letzten Auflage 
seiner Psychopathia sexnalis, die er selbst besorgt hat, vertritt er sie vollkommen, und 


*) Für die in dieser Rubrik erscheinenden Aufsätze übernimmt die Schriftleitung 
ein für allemal keine andere als die preßgesetzliche Verantwortung! 


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172 


Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


bei dem großen Ansehen, dessen er sieh in Ärzte- und Juristenkreisen erfreut hat, ist 
erst aUmählioh die Ansicht, daß der Exhibitionismus an sich keine schwere pathologische 
Bedeutung zu haben brauche, Gemeingut insbesondere der ärztlichen Anschauung ge¬ 
worden. 

Sehr stiefmütterlich sind die psychologischen Wurzeln des exhibitonistischen Vor¬ 
gehens bisher in der ärztlichen Literatur behandelt. 

Krafft-Ebing spricht von einer läppischen geschlechtlichen Handlung ohne nähere 
Deutung und vom Hinzukommen ängstlicher Spannungen in einzelnen Fällen, die zur 
Entlastung drängen. Siemerling, der den Exhibitionismus in der umfangreichen von 
Schmidtmann besorgten Neuausgabe des Limanschen Lehrbuchs behandelt hat, spricht 
von Steigerung der Geschlechtslust des Exhibierenden durch das Gefühl, bald Neugier, 
bald Furcht und Schrecken bei weiblichen Personen zu erregen und macht für die Ent¬ 
stehung bisweilen äußere Zufälle, wie z. B. Beobachtetwerden beim Urinieren, verantwortlich. 

Damit sind nach meiner Meinung die Gründe exhibitionistischon Vorgehens nicht 
erschöpft. Der wichtigste Grund ist m. E. nicht bloß der Wunsch und das Gefühl, Neugier 
weiblicher Personen, — nein : Geschlechtslust bzw. geschlechtliches Mitempfinden zu erregen. 

Dieses Gefühl basiert dann entweder auf Rückerinnerungen an Vorfälle, die beim 
Erwachen erster geschlechtlicher Reizungen vorkamen, wie z. B. bei dem gegenseitigen 
Beschauen der Geschlechtsteile von Kindern, oder es fußt auf äußeren Zufällen im Spä¬ 
teren Leben, wie z. B. auf Beobachtetwerden beim Masturbieren mit Äußerungen des 
Wohlgefallens seitens der Beobachtenden. 

In zweiter Reihe ist die Ursache des Exbibierens eine sadistische, eine Steigerung 
der Geschlechtslust durch Siehweiden an der Scham und Verlegenheit der. Opfer. 

Es beschränkt sich dann das exhibitionistische Vorgehen auch nicht auf Sichentblößen 
und stummes, starres Hinblicken, wie es ursprünglich Lasegue beschrieb und Krafft-Ebing 
übernahm, nein, es kommen alle Übergänge zum tätlichen Angriff vor, namentlich das 
Zurufen beleidigender oder unanständiger Worte. 

Endlich gibt es noch eine dritte psychologische Wurzel des Exhibierens. Diese ist 
eine masochistische, nämlich die Hervorrufung oder Steigerung des Goschlechtsreizes durch 
das Gefühl des Sichdemiitigens, des Sich-vor-anderen-Erniedrigens. 

Wenn ich an Hand dieser Erwägungen meine über vier Jahrzehnte durchgeführten 
Beobachtungen von Exhibitionisten, von denen der größte Teil zu gerichtlicher Begut¬ 
achtung gekommen ist, zusammeufasse, so bilden die Personen mit leichteren Mängeln 
des Seelen- undNervenlebens, die etwas infantil Gebliebenen, die chronischen Neurastheniker, 
die Hauptmenge, während die Personen des Krafft-Ebingschen Schemas die Ausnahme bilden. 

Ich schloß meinen Ausführungen die Schilderung einiger ungewöhnlicher Fälle an, 
insbesondere eines jüngst erst vorgekommenen, wo die Frage zu lösen war, ob es für 
glaublich gehalten werden konnte, daß ein Mann aus besseren Ständen deshalb Vor¬ 
stellungen veranstaltete, in denen er vor fremden gegen Eintrittsgeld Zutritt erhaltenden 
Personen sich und seine Frau entblößte und mit ihr Geschlechtsverkehr pflog, um durch 
die Anwesenheit der anderen seine eigene Geschlechtslust zu steigern. 

Mein Vortrag wird ausführlich in der „Ärztlichen Sachv.-Zeitung“ erscheinen. Auf 
einige Diskussionsbemerkungen dos Herrn Dr. M. Hirschfeld habe ich in meinem Schlu߬ 
wort etwa folgendes erwidert: 

Herr Kollege Hirschfeld überträgt die Anschauungen, die er in bezug auf eine 
andere Form geschlechtlicher Perversion wiederholt schon ausgefühlt hat, auch auf den 
Exhibitionismus: es sei die Wirkung einer endogenen Veranlagung, die den Täter eii> 
seitig und zwanghaft zu solchem Vorgehen triebe. 

Ich kann demgegenüber nur betonen, daß meine Anschauungen über diese Abirrung 
mir natürlicher und der allgemeinen Lebenserfahrung entsprechender erscheinen. Ins¬ 
besondere leugne ich auch gerade beim Exhibitionismus die Einseitigkeit der Betätigung. 
Derselbe vereinigt sich durchaus mit normaler Betätigung wie mit anderen Abirrungen. 
Die Vereinigung mit dem Fußfetischismus ist mir iu einem sehr charakteristischen Falle 
bekannt gewordon. Ich habe sie aber durchaus nicht häufig gefunden. Viel häufiger sind 
Vereinigungen mit sadistischen Gedanken und Handlungen. Jedenfalls möchte ich auf 
die Gefahr hin, in seinen Augen als veraltet zu gelten, die Annahme, daß es sich hier 
im wesentlichen um angeborene krankhafte Anlagen, womöglich beruhend auf eigenartiger 
Körperbildung, handelte, ablehnen. 


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Sexualwiasenschaftliche Rundschau. — Buchbesprechungen. 


173 


Sexualwissenschaftliche Rundschau. 

Die Begattung einer Nacktschnecke. 

ln neuester Zeit hat K. Fischer die Begattung bei einer Nacktsohnecke, wie die 
Frankfurter „Umschau 11 , 1920, Nr. 21 der „Naturw. Wochenschrift* 1 entnimmt, sehr genau 
untersucht und sehr gute Blitzlichtaufnahmen gemacht. Das lebhafte Umherkriechen am 
Boden und am Stamm aufwärts in der merkwürdigen Stellung zueinander, der Kopf des 
zweiten Tieres dicht am Schwanzende des ersten, bezeichnet Fischer als „Vorspiel* 1 , das 
oft zwei Stunden und länger dauert. An einem Seitenast angekommen, beginnt das leb¬ 
hafte Umeinanderkriechen, das „Liebesspiel 41 . Dabei sind die Atemlöcher weit geöffnet, 
und der Rückenschild buckelartig aufgebauscht. Unablässig belecken sich die beiden 
Partner und verzehren gegenseitig den Schleim. Die Schleimabsonderung ist außer¬ 
ordentlich stark und an solchen Schleimplätzen konnte man oft am folgenden Morgen 
den Ort einer in der vorhergehenden Nacht stattgehabten Begattung erkennen^ Eine 
immer mehr zunehmende Erregung erfaßt die Tiere. Die Pori der Geschlechtsapparate 
weiten sich und die Penes werden als erbsengroße weiße Felder sichtbar. Jetzt beginnt 
der eigentliche „ Begattungsakt*‘. Die Tiere umschlingen sich. Oft nun bleiben beide 
Schnecken während der folgenden Vorgänge mit ihren Schwanzspitzen fest am Ast ver¬ 
ankert. Oft aber verlieren sie auch durch die dauernden, ruckartigen Bewegungen den 
Halt und hängen dann an einem ziemlich dicken Schleimfaden. Die Umschlingungen 
werden immer enger. Etwa l / 2 Minute nach völliger Umschlingung der Körper treten 
unter heftiger krampfartiger Bewegung der Köpfe die Penes zuerst etwa 1 j t cm hervor, 
um dann auf einmal mit voller Gewalt als zwei senkrecht nach unten hängende, korkzieher¬ 
artige, prallgefülito wurstartige Schläuche hervorzuschießen. Beide Penes winden sich 
nunmehr auch spiralig umeinander. (Schnecken sind bekanntlich Hermaphroditen, d. h. sie 
besitzen gleichzeitig männlichen und weiblichen Geschlechtsapparat. Bei dem Geschlechtsakt 
begattet somit ein Tier das andere und empfängt von jenem.) Nach dem Hervortreten 
des Samenpaketes legen sich die Kammlappen fest an den übrigen Teil der Penisspirale 
an. Kurz danach verkürzen sich die Penes. Konuten sich die Schnecken am Ast halten, 
so werden gewöhnlich erst die Kürperschliugen gelöst, ehe die Penes getrennt werden. 
Am Schleimfaden hängend müssen natürlich erst die Ruten getrennt werden. Eine der 
beiden Schnecken verschluckt endlich den Schleimfaden, an dem sie hingen. 


Buchbesprechungen. 

1) St ekel, Wilhelm: Die Gesehleehtskttlte der Frau. Eine Psychopathologie des 
weiblichen Liebeslebens. Berlin u. Wien 1920. Urban & Schwarzenberg. 30 Mk. 

Von Prof. Dr. W. Liepmann, Berlin. 

Die Geschlechtskälte der Frau erscheint als HI. Band der umfangreich angelegten 
„Störungen des Trieb- und Affektlebens 44 des bekannten Verfassers. Wer wie der Referent 
die Notwendigkeit der Erkenntnis menschlicher Psychologie und Psychopathologie für 
alle Praktiker immer betont hat, wird gerade mit besonderer Freude das Erscheinen 
eines solchen Buches begrüßen. Der Selbst-Schaffende wird sich besser in das Ge¬ 
schaffene hineinfühlen können, als der nicht reproduzierende Referent, umso mehr wenn 
bei andersartigem Vorgehen ein Gleichkiang der hauptsächlichen Ergebnisse resultiert, 
wie das in Kürze im gleichen Verlage erscheinende Buch des Referenten über die Psycho¬ 
logie der Frau erweisen wird. 

Der Psychoanalyse verdanken wir auch in diesem Buche wertvolle Bereicherung 
unserer Erkenntnis. Wir schätzen Stekel als einen der wenigen, der in Freuds Lehre 
nicht die „allein selig machende Kirche 44 anerkennt, der die Grenzen enger steckt und 
Übertreibungen zu meiden sucht. Dem Referenten scheint es mit der Psychoanalyse 
als wissenschaftlicher Forschungsmethode so zu sein, als wenn man aus der pathologischen 
Anatomie die normale Anatomie ableiten wolle. Der Psychoanalyse, von Freud am kranken 
Objekt gefunden, hat die Synthese der gesunden Psyche vorauszugehen, erst dann ist 
die Brücke des Verständnisses geschlagen, die Freund und Feind zusammenführen wird. 

In 15 umfangreichen Kapiteln ist die Geschlechtskälte der Frauen nach allen Rich¬ 
tungen beleuchtet. Durch mehr als 100 Krankenberichte, Lebens beichten und Psycho*? 
analysen sind die großen Erfahrungen * des Verfassers, ^ktenmäßig - niedergelegt. Aber 


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Buchbesprechungen. 


gerade die Fülle des Gebotenen erschwert dem in die Materie noch nicht Yolleingedrongenen 
das Verständnis. Das Buch — und das ist*mein Wunsch für folgende Auflagen — 
würde erheblich an Wert gewinneu, wenn in den einzelnen Kapiteln Stekel nur sich 
und nur seine Erfahrungen sprechen ließe, die Akten aber als Nachtrag an deu Schluß 
des Werkes setzen wollte. Dann würden die Freude an der didaktischen und stellen¬ 
weise schwungvollen Schreibweise des Verfassers und das Bedürfnis eines forschenden 
Einblicks in die Werkstatt des Gelehrten in gleicher Weise befriedigt werden, ohne fort 
und fort durch eine Enthüllungsarbeit gestört zu sein. 

Besonders gelungen scheint mir Kapitel 4, das von dem sexuellen Trauma des Er¬ 
wachsenen handelt. Hier spricht sich Stekel scharf gegen die Psychoanalyse aus, „die 
viele Jahre nichts anderes war, als eiüe Jagd nach dem verdrängten Trauma“. „Nioht 
das Trauma ist schädlich, sondern die Art, wie das Individuum darauf reagiert.“ „Das 
erste sexuelle Erlebnis ist der Prüfstein der schwachen Gehirne.“ 

Im 5. Kapitel, das von der Psychologie der frigiden Frau handelt, scheint mir der 
Schlüssel zu dem Ergebnis des ganzen Werkes zu liegen: „Der höchste Orgasmus wird 
nur ausgelöst, wenn das geheime Sexualziel des Individuums erreicht wird.“ Es ist das 
gleiche, als wenn Referent ausführt (1. c.), daß nur das Zusammenklingen von Natur¬ 
trieb und Seelehtrieb zur biologischen Einheit führen könne. „Es gibt in Wirklichkeit 
keine kalte Frau.“ Auch darin stimme ich mit Stekel überein; ebenso, daß in einem 
großen Teil der Fälle der brutale Egoismus der Männer, das mangelnde Verstehen schuld 
an der Frigidität des Weibes ist. 

Wie recht hat Stekel, wenn er in Kapitel 7: „Infantile Fixationen“ die Menschen 
in zwei Gruppen teilt, die einen stets den Blick nach rückwärts, die anderen stets den 
Blick nach vorwärts gewendet. Der Schule Freuds wirft er vor, den „Inzest maßlos 
übertrieben und zur Karrikatur verzerrt“ zu haben. Die Erziehung der Kinder ent¬ 
scheidet über Gesundheit und Lebensglück. 

In Kapitel 10: „Der Kampf der Geschlechter 14 wird „der Wille zur Macht“ und 
„der Wille zur Unterwerfung 44 , die als zwei bipolare Kräfte in der Seele des Menschen 
um die Herrschaft ringen, behandelt. Und wenn Stekel am Schlüsse dieses Kapitels 
sagt: „Nur wenn der Liebe das große Wunder gelungen ist, aus zwei Persönlichkeiten 
eine einzige zu schaffen, bleibt dieser Kampf ohne Wirkung auf das Blühen der Liebe“, 
so sagt er genau dasselbe, als wenn ich von der allein selig machenden biologischen 
Einheit rede. 

Im letzten Kapitel „Rückblick und Ausblick 4 - bin ich ganz einer Meinung mit Stekel 
hinsichtlich seiner Ansichten über doppelte Moral und Einehe. Die Einehe muß — wie 
ich mich ausdrücke — als wahre biologische Einheit bestehen bleiben, die Aufzucht der 
Kinder „läßt keine andere Lösung zu 44 . Bestreiten möchte ich den Satz des pazifistischen 
Verfassers: „Die richtigen Mütter waren immer antimilitaristisch gesinnt.“ Entsinnt er 
sich nicht der Mutter aus der Antike, die ihre Söhne lieber auf dem Schilde, als ohne 
Schild wieder zu sehen wünschte? — Schwarz malt er die Zukunft Europas, und seine 
Ansichten über die künstliche Unterbrechung der Schwangerschaft und über das Schicksal 
der ungewollten Kinder kann ich nioht teilen; die Gründe, die mich dazu veranlassen, 
wßrde ich a. 0. genauer skizzieren. 

Aber alles in allem ist das Buch Stekels ein Werk, dem ich weiteste Verbreitung 
wünsche, nicht nur in den Kreisen der Ärzte, sondern auch in den Kreisen der Juristen 
und Pädagogen, der Nationalökonomen und Theologen. Erst das Verständnis des Seelen¬ 
lebens des Individuums kann Verständnis für die Seele der Völker erwecken. 

2) May et, P.: Uneheliche Mütter. Ihre Not und Rettung. Berlin 1919. Carl Hey¬ 
manns Verlag. 2.50 Mk. 

Von Dr. Max Marcuse. 

Nie dürfte jemand mit einem* Vorschläge zur praktischen Verhütung der aus der 
unehelichen Mutter- und Kindschaft erwachsenden Gefahren und Nöte herausgekommen 
sein, der so durchdacht war, so umfassend und auf so viel Erfahrungen und Erprobungen 
beruhte, wie der vorliegende (vgl. die Einleitung von Prof. Dr. R. Le nn ho ff)- Fern 
von aller „Wohltätigkeit“ dienen die „Volksfrauenheime mit Arbeitsstätten und Heim- 
arbeitsausgaoe 44 dem Gedanken der Sozialisierung, der Hilfe und Fürsorge in seiner genialen 
und besten, von jeder parteipolitischen Zweckbedachtheit völlig befreiten Form. Daß die 
unehelichen Empfängnisse und Geburten durch irgendeine Gesetzgebung und irgendwelche 
soziale Maßnahme verhindert werden könnte, lehnt May et selbst ausdrücklich ab; jedoch 
dem Unheil, dessen Quelle sie meist sind — Abtreibungen, Selbstmorde, Kindesmorde, 
Engelmacherei, Not des Leibes und der Seele — müssen und können Staat und Gesell¬ 
schäft, wenn sie noch eine Spur von Einsicht und Verantwortungsgefühl besitzen, yor- 


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Referate. 


175 


beugen. Mayets Schrift, die nicht von Utopien, sondern von Wirklichkeiten berichtet, 
zeigt einen Weg, — um nicht zu sagen d e n Weg —, zum Ziele. Wohl verstanden: innerhalb 
unserer sexuellen Ordnung und Moral! Mithin auch erst zu einem Ziele, das noch weit 
diesseits der letzten Lösung des Unehelichen-Problems gelegen ist. 

3) Hofmann, Ida: Beiträge*zor Frauenfrage. Winnenden. 1.25 Mk. 

Von Dr. Kurt Finkenrath. 

Diese kleinen Aufsätze enthalten nur den einen Gedanken, der Frau den gleich¬ 
bedeutenden, ja den überragenden Einfluß auf das weltliche und kirchliche Leben zu er¬ 
kämpfen. Zur Begründung dieser weiblicben-Menschheitsrolle werden mit Eifer ondlose 
Namen aus der Geschichte aller Zeiten aneinandergereiht, und neben den Hetären des 
Altertums und den Mätressen des Barocks werden in demselben Atemzuge die mütter¬ 
lichsten Mütter genannt. Einer Kampfstellung entsprungen bringen die Zeilen nichts, 
was irgendwie zur Vertiefung des Problems Mann und Weib und der tatsächlichen Ge¬ 
staltung der Frauenfragen von Wert wäre. 


Referate. 

1) Rohleder: Das n 'Versehen der Schwangeren 44 . Arch. f. Frauenk. u. Eug. 1920. 

H. 1 u. 2. 

Hervorhebung einiger Fälle aus eigener Beobachtung und aus der Literatur von 
„Versehen 14 und „Imprägnation 44 , — von „somatischer 44 sowie von „psychischer 44 . R. sieht 
hier Dinge, von denen unsere Medizin sich nichts träumen läßt. Die Tatsächlichkeit 
jener Vorkommnisse scheint R. nicht zweifelhaft, ihr Zustandekommen aber noch un¬ 
erklärbar. Max Marcuse. 

2) Rott, Fritz: Ein Versuch zur allgemeinen Feststellung der Fürsorgebedtfrftlgkeit 

im Säuglingsalter. D. med. Woch. 1920. Nr. 14 u. 15. 

Nach Rott ist jeder Säugling „gefährdet 44 und bedarf der allgemeinen Fürsoige, die 
eine Verbesserung der medizinischen Einrichtungen und die Ausbildung der weiblichen 
Jugend in der Säuglingspflege bezweckt. Da ein großer Teil der Säuglinge diese Für¬ 
soige durch Vermittlung der Eltern genießt, könne man denken, die Fürsorgebedürftigkeit 
beruhe auf der mangelnden Schulung der Mutter und dem geringen Einkommen der 
Eltern. In verschiedener Weise sei versucht worden, diese Frage zu losen: 

Funk, Neumann, von Behr-Pinnow, Winkler und Helmut Lehmann haben, indem 
sie die äußerlich in Erscheinung tretende Bedürftigkeit der Eitern ansahen, festgestellt, 
daß etwa sechs Zehntel der deutschen Säuglinge fürsorgebedürftig sind. 

Betrachte man aber die Fürsorgebedürftigkeit nach der Höhe der Säuglingssterblichkeit, 
so ergeben sich nach den Feststellungen von Grävell auf Grund der amtlichen preußischen 
Statistik, daß zwei Drittel der Lebendgeboronen als fürsorgebedürftig 
zu bezeichnen sind. 

Der \ T erfas8er ist der Ansicht, daß man, um die Fürsorge individuell zu gestalten, 
die „besonders gefährdeten Gruppen 44 aus den übrigen herausschälen müsse. 
Gruppe I seien die „unehelich Geborenen 44 , die 15 Prozent der fürsorge¬ 
bedürftigen Säuglinge darstellen (unter der Bemessung der Fürsorgebedürftigkeit auf # / a 
der Lebendgeborenen). Das Hauptmoment der Lebensgefährdung bei dieser Gruppe beruhe 
meistens auf der frühzeitigen Trennung von Mutter und Kind. Aus demselben Grunde 
müssen die Kinder der außerhäuslich erwerbstätigen Mütter als besonders 
gefährdet bezeichnet werden, die eine nicht kleinere Zahl darstellen als die I. Gruppe, 
da zwischen der steigenden Zahl der Arbeiterinnen und der Steigerung der Säuglings¬ 
sterblichkeit Parallelismus besteht. Von den 85 Prozent ehelichen fürsorgebedürftigen 
seien 27 Prozent Säuglinge erwerbstätiger Ehefrauen. Von diesen seien 22 Prozent 
Kinder außerhfiuslich erwerbstätiger Ehefrauen, die die 11. Gruppe besonders gefährdeter 
Säuglinge darstellen. Käthe Hoffmann, Berlin. 

3) Byohow8ki: Zur Psychopathologie der Brandstiftung. Schweizer Arch. f. Neur. 

u. Psych. 1920. Bd. V. H. 1. 

Verf. bespricht kritisch-analytisch eine Reihe einschlägiger Fälle, aus deueu ihm 
aervorzugeheu scheint, daß die Brandstiftung einen Akt der Abreagierang, der Entladung 


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auf eine starke Affektspannung darstellt Mit der Ansicht anderer Autoren, daß es sich 
in gewissen psychoanalysierten Fällen um eine Ersatzhandlung handelt, die einer sexuellen 
Libidostauung Abfluß gewähren soll, wie mit der Jungschen Lehre von dem libidinösen 
Ursprung der Feuererfindung, erklärt sich B. nicht für einverstanden, da ihm die Zusammen¬ 
hänge zwischen Onanie und Feuerbohrung nicht überzeugend genug sind und zu hart an 
einen nicht wissenschaftlichen, 'mystischen Schematismus zu grenzen scheinen. B. ist 
eher der Ansicht, daß die Objekte der Brandstiftung eine Art Opfer sind, mit dem sich 
der Brandstifter eine Befreiung, eine Erlösung erbeten oder erzwingen will; in der bedeut¬ 
samen Rolle, die das Feuer in der Geschichte der Opferung gespielt hat, glaubt B. einiger¬ 
maßen Bestätigung seiner an sich willkürlichen Vermutung finden zu dürfen. 

Bezirksarzt Dr. Blumm, Uof a. 8. 

4) Spinner, J. R.: Zar Toxikologie des Eukalyptusöls und anderer ätherischer Oie 
mit besonderer Berücksichtigung ihrer fruchtabtreibenden Wirkung. D. med. 

Woch. 8. IV. 20. 

Das echte Eukalyptusöl, bisher noch nicht als fruchtabtreibendes Mittel benutzt, 
stammt vom australischen Blaugummibaum. Es enthält neben anderen Bestandteilen 
mindestens 60 % Eukalyptol, das wahrscheinlich sein wirksamster Bestandteil ist. Da¬ 
gegen fehlt dem Eukalyptusöl vollständig das in’anderen Destillaten enthaltene Phellandren, 
mit dem es oft gefälscht zu werden pflegt und auf welchem nach Spinner seine mehr 
oder minder staike Giftwirkung* beruhen soll. Sonst sind seine Bestandteile biochemisch 
noch fast unbekannt und die Kenntnis ihrer Wirkung eine rein erfahrungsmäßige. Die 
toxikologische Wirkung der ätherischen Öle richtet sich nach ihrem Gehalt an Kämpfern 
und Terpenen und nach dem Vorwiegen giftiger Komponenten. Erben teilt sie in drei 
Gruppen: in Krampf erzeugende, narkotisch wirkende und exitonarkotische. Von diesen 
findet besonders die erste Gruppe weitgehende Verwendung als fruchtabtreibende Mittel. 
Unter den Vertretern der ersten Gruppe enthalten eine Reihe das Thuyon, welches der 
giftigste und verbreitetste Bestandteil aller ätherischen öle ist. Dem Thuyon am nächsten 
steht das Sabinol, ein Bestandteil des Sadebaumöls. Beide Gruppen finden als frucht¬ 
abtreibende Mittel in allen Teilen der Erde Verwendung. Sie erzeugen in erster Linie 
Magen Vergiftungen mit allen Nebenerscheinungen, welche, wie heftiges Erbrechen und 
Hyperämie des Leibes, einen Abortus zur Folge haben können. Anschließend tritt Um¬ 
wandlung des Blutfarbstoffs zu Methämoglobin sowie Gerinnselbildung ein. Außerdem 
wurde auch noch fettige Degeneration der Leber beobachtet. Auch mit dem in Amerika 
zu Abortzwecken häufig verwendeten Oleum Tanaceti traten schwere, ja tödliche Ver¬ 
giftungen ohne Abortiverfolg ein. Die meisten Autoren betrachten daher die Vertreter 
der Thuyon- und Sabinol-Gruppe als nicht taugliche Abortiva. Ein bulikotes Abortivmittel 
ist die in England am häufigsten verwandte Muskatnuß, ein Vertreter der Myristizin- und 
Isomyristizingruppe, auch hier hat Spinner schwere Erkrankungen und Todesfälle beobachtet 
Einer weitverbreiteten Anwendung als Abortivmittel erfreut sich besonders in Frank¬ 
reich das Apiol, welches in größeren Dosen genossen schwere Störungen, aber in den 

seltensten Fällen einen Abortus hervorruft. Erich Hoffmann, Berlin. 

f>) Davenport, C. B.: A strahl produeing multiple blrths. The Journal of Heredity. 
Bd. X. S. 382-384. 

Das’Eugenics Record Office zu Cold Spring Harbor in den Vereinigten Staaten 
machte eine Frau ausfindig, die nur Mehrlinge geboren hatte. Dasselbe soll bei ihrer 
Mutter und Großmutter (Französinnen) der Fall gewesen sein. Frau C. war dreimal ver¬ 
heiratet und hat fünfzehn mal geboren — insgesamt 42 Kinder, von denen aber bloß fünf 

noch am Leben sind. Von dem ersten Ehemann hatte Frau C. einmal Zwillinge, von 

dem zweiten hatte sie dreimal Zwillinge und einmal Drillinge; eine Tochter aus der 
zweiten Ehe gebar zuerst ein Kind und dann Zwillinge, die bald nach der Geburt samt 
der Mutter starben. Die dritte Ehe ergab: Dreimal Zwillinge, viermal Drillinge und 
dreimal Vierlinge. Mißgestaltet war nur einmal ein Kind, Fehlgeburten gab es 
viermal (darunter die zwei letzten). Die Uopassendheit dieser Variante drückt sich deutlich 
darin aus, daß sie zu massenhafter Lebensvemichtung führt. Trotzdem die Gebärtätigkeit 
ungefähr 1890 begann, ist die Frau bis heute noch nicht Großmutter eines lebenden 
Kindes. H. Fehlinger, München. 

Für die Bedaktion verantwortlich: Dr. Max Marense in Berlin. 

A. Marcus 6 E. Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn. 

Druck: Otto WIgand*sche Bnehdrnekerel Cu in. b. U. in Leipzig. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

VII. Band September 1920 6. Heft 


Moderne experimentelle Sexualforschung, 

besonders die letzten Arbeiten Steinachs („Verjüngung“). 

. Von Dr. Knud Sand 
in Kopenhagen. 

Die Sexualforschung wurde und wml von den verschiedensten 
Wissenschaften gepflegt, unter vielen Gesichtswinkeln betrachtet 
und ist im großen ganzen ein Feld, welches infolge seiner Natur 
stets auch in ausgedehntem Maße Anspruch auf allgemeines Inter¬ 
esse hat. Aber je tiefer man in die sowohl für die normale Ge¬ 
schlechtsentwicklung als auch für abnorme Sexualzustände durch¬ 
aus entscheidende Bedeutung der endokrinen Gewebe eiugedrungen 
ist, umsomehr ist die moderne Sexualforschung in die Endokrino¬ 
logie einbezogen und ein hervorragendes Glied innerhalb dieser 
geworden. 

Ich glaube, man darf sagen, daß sich die Sexualforschung jetzt 
auf sicheren Bahnen befindet und dahin gebracht xvorden ist, wo 
sie rechtmäßig hingehört. 

Wenn dies der Fall ist, so ist es dem Umstande zu verdanken, 
daß die experimentelle Biologie die Führung übernommen und in 
den letzten Jahrzehnten durch eine Kette grundlegender Unter¬ 
suchungen (Eingriffe in Vas deferens, Studien über Kryptorchis¬ 
mus, alle Formen von Geschlechtsdrüsentransplantation, Geschlechts- 
transfonnierung und experimentellen Hermaphroditismus) die 
wichtigsten Fragen gelöst und damit eine Klärung in das ganze 
Problem gebracht hat, die es früher entbehren mußte. 

An dieser großen Arbeit, die biologische Basis für die Sexual¬ 
probleme zu finden, haben Forscher der verschiedensten Nationen 
teilgenommen. Indessen wird wohl niemand bestreiten, daß wil¬ 
dem Österreicher Steinach die wichtigsten und fruchtbringendsten 
Beiträge verdanken, und man kann seine Bewunderung darüber 
nicht zurückhalten, daß dieser Forscher den Kriegsjahren zum Trotz 
seine Arbeiten hat durchführen können und ein so bedeutendes 
Material auf gespeichert hat, daß er bis heute noch neue, epoche¬ 
machende Abhandlungen aussenden konnte. 

Diese sind es auch namentlich, welche zu der vorliegenden, 
kurzgefaßten Übersicht Veranlassung gegeben haben. Ehe ich je¬ 
doch näher auf sie eingehe, dürfte es angemessen sein, einige Haupt¬ 
punkte der Entwicklung der sexuellen Hormonlehre') in kurzen 

>) ln bezug auf Einzelheiten und ausführliche Literatur siehe A. Lipsehütz: 
„Die Pubertätsdrüse und ihre Wirkungen“ (Hern 1919) und Knud Sand: „Experi- 
Zeitsrhr. f. Sexualwissenschaft VII. (i. 12 


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178 Knud Sand. 


Zügen aufzuzählen, woraus man ersehen kann, was diesen letzten, 
bedeutungsvollen Schritten vorangegangen, ist. 

In dem Bau der Geschlechtsdrüsen nahm das keimgebende, 
generative Gewebe, also die Samenkanäle in den Testes, die Eipro¬ 
duktion in den Ovarien, seit Anbeginn der Anatomie alles Interesse 
gefangen. Dahin verlegte man alle Funktionen der Geschlechts¬ 
drüsen. Erst die letzten Jahrzehnte haben uns gelehrt, zwischen 
dem generativen Gewebe der Geschlechtsdrüsen und ihrem 
H o rm o n - Gewebe zu unterscheiden, indem man unter letzterem 
das Gewebe versteht, welches die sexuellen Hormone, nämlich Stoffe 
abgibt, die sämtliche Gcschlechtscharaktere des Individuums aus¬ 
bilden, seine ganze körperliche und psychische Geschlechtsentwick¬ 
lung leiten. Der Grundgedanke in der ganzen modernen Sexual¬ 
forschung ist gerade, daß diese besonderen, nicht generativen Ge¬ 
webe in den Geschlechtsdrüsen, die sexuellen Horniongewebe, welche 
von Steinach die „Pubertütsdiüse“ genannt, werden, der leitende 
Faktor in der Geschlecmsentwicklung sind. 

Welches sind nun diese Gewebe und wie hat man 
ihre Funktion f e s t g e s t e 111. ? 

In bezug auf den Testis (Hoden) ist man zu der jetzt allge¬ 
mein angenommenen Anschauung gelaugt (ursprünglich 189(5 von 
Reinke vertreten), daß das männliche Sexualhormongewebe (die 
männliche Pubertätsdrüse) aus den zwischen den Samenkanälen 
gruppierten Leydigzellen bestellt, während man den Stütz¬ 
zellen der Samenkauüle, den Sertolizellen, eine möglicherweise 
assistierende Bedeutung vielleicht doch nicht entschieden ab¬ 
sprechen kann. 

In das Ovarium (Eierstock) hat man die Funktionsverteilung 
zwischen den drei Geweben: den Follikeln, dem Tbecaluteingewebe 
(aus zugrundegegangenen.Follikeln entstanden) und den Corpora lutea 
zu verlegen versucht. Hierüber herrscht jedoch kaum so voll¬ 
ständige Einigkeit wie bezüglich der Testes. Im Jahre 1918 machte 
ich mich auf Grundlage einer großen Anzahl im Serienschnitt unter¬ 
suchter Ovarientransplantationen aus meinen Versuchen zum Ver¬ 
fechter einer im Jahre 1913 von Bucura aufgestellten Theorie, 
wonach alle drei Gewebe in verschiedenem Grade als Hormongewebe 
wirken könnten, und zwar Corpus luteum am stärksten, die Follikeln 
am schwächsten. Mehrere Forscher nähern sich nun dieser An¬ 
schauung. Daß auf jeden Fall das Corpus luteum wie auch das 
Thecalnteingewebe als Sexualhormongewebe (Pubertiätsdriise) des 
Ovariums wirkt, wird kaum jemand mehr leugnen. 

Es war durchaus nicht leicht, zu dieser jetzt fast absoluten 
Gewißheit über das Hormongewebe der Pubertätsdrüsen zu ge¬ 
langen. Sie hat zahlreichen Experimentatoren die Arbeit vieler 
Jahre gekostet. 

Einige der ersten wertvollen Versuche in bezug auf die Testes 
waren die Experimente der französischen Forscher Bau in und 

mentelle studier over köuskarakterer hos pattedyr“ („Experimentelle Studien Uber Oe- 
sclileehtseliaraktere bei Säugetieren") (Kopenhagen 1918). Eingehende Besprechungen 
beider Werke siehe in dieser Zeitschrift 1920. Februar- und April-Heft. 


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Moderne experimentelle Sexualforschung. 


179 


Aneel (1903—04), und zwar mittels Ligatur des Vas defe- 
rens, sowie ihre eigenen und die Studien anderer Forscher über 
den Bau kryptorcher Testes (Mosselmann und ßuhay, 
M. Nielsen u. a.). Des weiteren wurden die Resultate durch ex¬ 
perimentellen Kryptorchismus (Sand) bestätigt. 

Sowohl in bezug auf die Testes als auch auf das Ovarium ist 
R ö n t g e n b e s t r a h 1 u n g mit Glück angewandt w'orden (Ancel 
und Bouin, V i 11 e m i n , S i m in o n d s, Steinach und Holz- 
hneckt u. a.) und hat wichtige Resultate ergeben. 

Die Methode, welche beim Studium der Sexualhormone alle 
andern in Schatten gestellt hat, ist indessen die Transplanta¬ 
tion der Geschlechtsdrüsen. Hierbei hat das Experiment 
die größten Triumphe gefeiert. 

Bekanntlich ist es ein alter Versuch, der von Bert hold (1849) 
herrührt; jedoch hat die Methode erst in den letzen zehn JahreD 
•nach vielen, mehr oder weniger negativen Versuchen der verschieden¬ 
sten Forscher wirklich Anklang gefunden und ein positives Resultat 
nach dem andern gebracht. 

Es liegen jetzt von mehreren Seiten eine Anzahl Versuche über 
sowohl Testes- als auch Ovarientransplantationen vor, .und zwar 
auf dasselbe (Autotranspl.) und auf ein anderes Tier (Isotranspl.). 

Das, was besonders Steinach bahnbrechend machte, waren 
seine 1912 veröffentlichten Transplantationsversuche (Maskuli- 
nierung und Fem i n ieruu g), durch die er die biologische 
Wissenschaft in Erstaunen setzte, indem er durch Wechseltrans¬ 
plantationen von Testes und Ovarien auf kastrierte Männchen und 
Weibchen das Geschlecht umformte, also aus Männchen Weibchen 
machte und umgekehrt (Geschlechtstransformierung). 

Diese Versuche, die den Lesern bekannt sein dürften, bezeichnen 
selbstverständlich einen außerordentlichen Fortschritt und haben 
später durch weitere Versuche an Säugetieren und Vögeln ihre Be¬ 
stätigung und Ergänzung gefunden (Athias, Goodale, 
Pezard, San d). 

Es war nun erreicht, daß transplantierte Geschlechtsdrüsen 
sowohl auf eingeschlechtige Tiere als auch auf.solche von entgegen¬ 
gesetztem Geschlecht wirkten (Autotransplantatiouen, homologe 
und heterologe Isotranspla.ntationen). Schon hierdurch waren die 
Eigenschaften der Hormongewebe gut beleuchtet und die anato¬ 
mischen und morphologischen Verhältnisse in Beziehung zu den ge¬ 
fundenen Wirkungen größtenteils geklärt worden. Ferner hatte 
man wichtige Aufklärungen über quantitative Verhältnisse erhalten, 
indem es sich gezeigt hatte, daß selbst sehr geringe Mengen Hor¬ 
mongewebe imstande waren, eine sehr bedeutende „Hormonkraft“ 
zu entfalten; eine ganz geringe Menge konnte die Geschlecktsent- 
wick+ung ausformen und aufrechterhalten. 

Außerdem wurde festgestellt, daß die Hormone spezifisch wir¬ 
ken, so daß ein gewisses Hormongewebe nur die homologen Charak¬ 
tere zur Entwicklung bringt. 

Den natürlichen Schlußstein auf die Transplantationen bildeten 
hiernach die Versuche, die auch Imh Säugetieren vorkommende Ver¬ 
mischung von männlichen und weiblichen Geschlechtscharakteren, 

12 * 


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180 


Knud Sand. 


den Hermaphroditismus, experimentell zu beleuchten. Diese 
kapitale Frage wurde auch gelöst, indem es gelang, bei gleich¬ 
zeitiger Implantation von Ovarien und Testes auf dasselbe kastrierte, 
infantile Tier (Steinach, Sand 1 ) oder durch „intratesti'kuläre 
Ovarientransplantation“ (S a n d) unzweifelhafte Zwittertiere mit so¬ 
wohl männlichen als auch weiblichen physischen und psychischen 
Geschlechtseharakleren darzustellen: „Experimenteller Hermaphro¬ 
ditismus“. Wenngleich einige der Versuche ergänzt und eine Reihe 
Nebenfragen aufgenominen werden konnten, so waren hiermit die 
Transplantationsmöglichkeiten erschöpft und alles Wünschenswerte 
erreicht worden. 

Es lag nun ein großes Versuchsmaterial zur Beleuchtung der 
wissenschaftlichen Probleme, welche die interne Sekretion der Ge¬ 
schlechtsdrüsen darbet, vor. Indessen hat man selbstverständlich 
hier, wie überall in der Medizin, außerdem im Hinblick auf prak¬ 
tische Zwecke und speziell in dem Gedanken an die Behandlung 
sexueller Leiden gearbeitet. _ 

In erster Reihe kommen hier Zustände in Betracht, wo sich bei 
übrigens sexuell normalen Menschen Veranlassung zu Geschlechts¬ 
drüsentransplantation bietet, beispielsweise Zustände, wo Ver¬ 
letzungen oder Krankheiten in den Drüsen Grund zur Kastration 
gegeben haben. Mit diesem Hinweis liegen schon seit vielen 
Jahren verschiedene Mitteilungen über sowohl Ovarien- wie auch 
Testestransplantationen vor, die zur Fortsetzung auffordern (Mor¬ 
ris, Glass, Lespin aase, Lydston, Lichtenstern u. a.). 
Bekanntlich hat man sogar Gravidität nach Ovarientransplantation 
beobachtet (Morris, Croom). 

Ein weit reicheres Material stellen indessen die eigentlichen 
sexuellen A'bnormzustände dar. Es wird hier nicht allein an Leiden 
wie Impotenz, Frigidität, „Eunuchoidismus“, Pubertas praecox oder 
psychische Krankheiten wie Dementia praecox, Formen von Hysterie 
und Paranoia gedacht, die möglicherweise auch hierher gehören; 
sondern das Interesse wird insbesondere auf die große Kategorie 
von Menschen hingelenkt die mehr oder weniger gemischte Ge¬ 
schlechtscharaktere •darbieten. Es sind die „sexuellen Zwi¬ 
schen s tn d i e n“, wo das Geschlecht nicht in allen Richtungen 
scharf ausgeprägt ist, sondern wo wir sowohl in körperlicher als 
auch in psychischer Hinsicht alle möglichen Übergänge und Kom¬ 
binationen zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht finden. 
Beispielsweise: Genitale Mißbildungen, Gynäkomastie, Audrotrichie, 
Gynosphysie, oder von psychosexueilen Abnormitäten: Feminismus, 
Virilität, Homosexualismus, Bisexualismus. Alle solche Zustände 
rechnet man jetzt zum Hermaphroditismus. 

Eines der fundamentalen Resultate in der gesamten modernen 
Sexualforschung ist nun die Ansicht, daß weitaus die größte Menge 
sexueller Abnorm zustande auf Abnormitäten in 
den sexuellen Hormongeweben (der „Pubertäts- 
d r ü s e“) zurückgeführt werden in ii s s e n. 

Zur Erklärung einer Hyper- oder Hypofunktion der Ge¬ 
schlechtsdrüsen, wie z. B. bei Pubertas praecox, Impotenz, „Eunu- 


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Moderne experimentelle Sexnalforsclumg. 


1 fit. 


choidisnms“, usw. niniimt man rein quantitative Abnormitäten, eine 
Über- oder Unterproduktion der Horniongewebe, an. 

Diese Annahme wird auf verschiedene Weise durch die Ver¬ 
suche bestätigt, die durchgehend» geradezu eine Proportionalität 
zwischen der Entwicklung der Geschlechtscharaktere und der 
Menge der Horniongewebe aufweisen (Bou i n und Ancel, 
Steinach, Sand). In einer Reihe von Fällen gelang es 
Steinach, bei Ratten eine deutliche Pubertas praecox (sexuelle 
Frühentwicklung) hervorzurufen. Höchst interessant sind in 
diesem Zusammenhang auch Steinachs Versuche über „K 1 i ni a 
und 1 Mannbarkeit“, in denen es sich zeigte, daß sich die Hor¬ 
mongewebe bei steigenden Temperaturverhältnissen (bis 35°) bei 
gleichzeitiger, verstärkter Entwicklung von Penis, Samenbläschen 
und Prostata vermehrten, alles Phänomene, die mit Bezug auf 
sexuelle, anthropologische Eigentümlichkeiten von großem Inter¬ 
esse sind *). 

Wir gehen nunmehr zur Betrachtung der sexuellen Zwischen¬ 
stadien, all den ungemein wechselnden, hermaphroditisehen 
Zuständen, über. Man wird sich erinnern, wie die Bedeutung 
eines gleichartigen Horinongewebes für eine gleichartige Ge¬ 
schlechtsentwicklung durch Versuche erwiesen ist, wie man ferner 
das Geschlecht durch ein gewisses Honnongewebe, welches einem 
demselben entgegengesetzten Organismus eingepflanzt war, hat 
transformieren können. Wenn man schließlich in den Versuchen 
über „Experimentellen Hernmphroditismus“ hermaphroditische 
Tiere, und zwar körperlich und psychisch in verschiedenen Ab¬ 
stufungen, darstellen konnte, so wird man verstehen, daß man not¬ 
wendig zu dem Schluß kommt, daß hermaphroditische Zustände auf 
gleichzeitigem Vorhandensein männlicher und weiblicher Hormon¬ 
gewebe in den Geschlechtsdrüsen des Individuums beruhen müssen, 
die solchergestalt den Geschlechtscharakter des Individüums gleich¬ 
zeitig in männlicher und weiblicher Richtung beeinflussen. 

Kurz ausgedrückt ist die moderne Auffassung von dem Ver¬ 
hältnis der sexuellen Hormongewebe zur Geschlechtsentwicklung 
der Organismen also folgende: Ebenso wie wir in einem normal 
entwickelten, monosexuellen Organismus mit Kongruenz zwischen 
essentiellen und akzidentellen Geschlechtscharakteren sicher mit 
einer einzelnen, sexuellen Hormonwirkung zu tun haben, dre aus 
einem jedenfalls annähernd homogenen Honnongewebe stammt, so 
stehen wir, nach allem zu urteilen, bei abnormen, hennaphrodi- 
tischen Phänomenen mit Diskongruenz innerhalb der Charaktere 
einer Doppelwirkung männlicher und weiblicher sexueller Hor¬ 
monen gegenüber, die aus kombinierten Hormongewoben in mehr 


*) Hierüber schreibt Steinach: ..Bevölkerungen wanner Erdstriche verraten in 
mannigfachen Erscheinungen ihres Sexuallebens, daß auch in ihrem Organismus eine 
vermehrte Tätigkeit der Pubertiitsdrüsenhormone, also doch wohl eine ebenfalls ver¬ 
mehrte Zahl von Pubertätsdrüsenzellen wirksam ist". - Als Faktoren, die vermeintlich 
zur selben Kategorie (der Temperatur) gezählt werden müssen, nennt Steinach 
— außer dem Breitengrad — die Seehöhe, die Jahreszeit, den Feuchtigkeitsgrad, Woh¬ 
nung, Beschäftigung und die Ernährung. - Vgl. hiermit die bekannten Untersuchungen 
von Champy, Löcaillon. Tandler und Groß über Schwingungen in der 
Menge der Levdigzellen während der Brunstperioden (Jahreszeiten). 


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182 


Knud Sand 


oder weniger unregelmäßig differenzierten Geschlechtsdrüsen 
stammen. 

Eine Theorie wie diese, welche, abgesehen von ihrer Wichtig¬ 
keit für die Biologie, notwendig eine 'Reform innerhalb der prak¬ 
tischen Gerichtsarzneikunde und der sozialen (juridischen) Auf¬ 
fassung vieler Verhältnisse bedienten muß und ebenfalls ent¬ 
scheidende Bedeutung für die ärztliche Behandlung abnormer 
Sexualzustände bekommen kann, muß selbstverständlich in jeder 
Weise weiter unterbaut werden, worauf ich seinerzeit aufmerksam 
machte, indem ich besonders auf die Bedeutung hinwies, welche 
auch künftige klinische und pathologisch - anatomische Untersuch¬ 
ungen sexuell abnormer Individuen bekommen könnten. 

Wieder ist es Steinach, dem wir hier neue, wichtige Ar¬ 
beiten verdanken, die gerade solche supplierende Untersuchungen 
zum Gegenstand haben, welche auf das allergrößte Interesse rechnen 
dürfen. Sie sind im „Archiv f. Entwicklungsmechanik“ 1920 ver¬ 
öffentlicht worden. 

In der ersten Abhandlung, „K ii u s 11 i c h e und n a t ii r 1 i c h c 
Z w i 11 e r d rii s e n und ihre analogen Wirkungen“, be¬ 
spricht er zuerst einige früher nicht veröffentlichte Versuche (von 
1912—15) über die Wirkung der Sexualhormonen nach der Puber¬ 
tät. Es handelt sich um Refeminierung und Remaskulierung er¬ 
wachsener Tiere: 

Meerschweinchen, die soeben geboren hatten, wurden kastriert; 
die Geschleehtseharnktere atrophierten schnell, die Brunst blieb 
aus. Nach einer etwa 16 Tage darauf vorgQnommeucn Implantation 
der Ovarien einer zum ersten Male Gebärenden entwickelten sich 
alle körperlichen und psychischen Geschlechtscharaktere aufs neue 
(sogar mit Milchsekretion). Ähnliche positive Versuche werden 
von lV\jährigen (also längst erwachsenen) Rattenmännchen ge¬ 
richtet. 

Gerade diese Versuche mit positiven Transplantationsresultaten 
bei erwachsenen Tieren waren die Veranlassung dazu, daß 
Steinach und Lichtenstern mit ihren Transplantationsver¬ 
suchen bei Menschen begannen. 

Stein aöh geht nun dazu über, die vorliegenden Versuche 
über experimentellen Hermaphroditismus zu erörtern, indem er be¬ 
sonders bei den psychosexueilen Ausschlägen verweilt; er kommt 
zu dem Resultat, daß man entweder periodisches Auftreten der 
einen oder andeni Sexualität (nach seiner Meinung am häufigsten 
vorkommend) oder aber Zustände konstanter Bisexualität, wie in 
Sands Versuchen, findet. Die Ursache hiervon sind in eister 
Reihe die variierenden Mengen wirksamer Horn longe webe. Er¬ 
hält z. B. das weibliche Implantat clas Übergewicht, so hört das 
Peniswachstum auf, während die Mammae reifen. 

In zweiter Reihe steht die Wachstumtendenz der einzelnen Ge- 
schlechtseharaktere auf dem betreffenden Zeitpunkt. Solche Ver¬ 
hältnisse lassen sich auf den „natürlichen Hormnphroditismns“ 
übertragen: „Je nachdem die besondere Wachstumtendenz der ein¬ 
zelnen Anlagen der Geschlechtsmerkmale während der embryonalen 
und puberalen Entwicklung mit der höheren Aktivität der einen 


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Moderne experimentelle Sexualforschung. 183 


oder andern Puhertätsdrüsensubstauz zeitlich zusainmenfüllt, ent¬ 
stellen niännliehe und weibliche Charaktere verschiedenster Ab¬ 
stufung.— Das Rätsel der unendlichen Vielgestaltigkeit der Zwitter¬ 
bildungen dürfte durch solche Einblicke seine Lösung gefunden 
haben.“ fn der Überzeugung, daß Homosexualisnius, das bisher so 
„dunkle Gebiet“ innerhalb der Sexualforschung, auf hermaphrodi- 
tische Zustände zurückgeführt werden muß, prüft Steinach nun 
die experimentellen und histologischen Beweise für den Zusammen¬ 
hang zwischen Homosexualisnius und Zwitterdrüse. 

Die Frage: abnorme Sexualität und hierunter Homosexualisnius 
ist ja ein Hauptgebiet innerhalb der Sexualwissenschaft und ist u. a. 
von H i r s c h f e 1 d , Bl o c h , Moll und K r a f f t - E b i n g ausführ¬ 
lich bearbeitet worden. 

Unter den Gruppierungen von Homosexualisnius, die man auf¬ 
gestellt hat, hält Steinach sich an die Einteilung in periodischen 
und konstanten Homosexualisnius. Der periodische Homo- 
sexualismus, der sich mit ünterbrechungen einfindet, ist durch 
obige Versuche beleuchtet worden. Hinsichtlich des vermeintlich 
häufigeren konstanten Homosexualismus stellt Steinach fol¬ 
gende Erklärung auf: 

„Innerhalb der durch unvollständige Differenzierung ausgebildeten zwittrigen Pu- 
bertätsdriise — nehmen wir den Fall eines männlichen Individuums mit scheinbar nor¬ 
malen Testikeln — hemmen die an Masse überwiegenden männlichen Pubertätsdrüsen¬ 
zellen die Wirksamkeit der eingesprengten weiblichen Pubertätsdrüsenzellen und es 
entwickelt-sieb zunächst der durchaus männliche Gesehleehtscharakter mit allen seinen 
körperlichen Merkmalen. Wenn nun früher oder später aus irgendeiner Ursache die 
männlichen Zellen in ihrer Vitalität zurüekgehen und ihre innersekretorische Funktion 
einstellen, so werden die vorhandenen weiblichen Pubertätsdrüsenzellen durch Nachlassen 
der Hemmung „aktiviert" und fangen an zu wuchern. Ebenso wie dadurch der eine 
•»der andere weibliebe somatische (lescbleebtseharakter hervorgerufen werden kann und 
etwa eine Mamma entsteht, kann sieb der Einfluß auch auf das zentrale Nervensystem, 
oder auch auf dieses allein, erstrecken und nun tritt die urnische Neigung mit allen 
ihren Konsequenzen und Äußerungen in die Erscheinung“. 

Audi der konstante Homosexualisnius, meint Steinach, 
wird durch einen Teil seiner Hermaphroditismusversuehe beleuchtet, 
in solchen nämlich, Wo das eine der Transplantate (z. B. das männ¬ 
liche) allmählich nach einer gewissen Wirkung zugrunde ging, mu 
den künftigen Hormoneinfluß danach ausschließlich dem zweiten 
Transplantat zu überlassen. 

Als nächsten, gewichtigen Beweis für die Abhängigkeit des 
Homosexualismus von gemischten Hormougcweben in den Ge¬ 
schlechtsdrüsen führt Steinach nun den Nachweis natürlicher 
Zwitterdrüsen bei homosexuellen Tieren an. 

Bei Schweinen und Ziegen sind herinaphroditische Phänomene 
bekanntlich nicht ganz selten; so berichtet z. B. Pick von einem 
Fall von Hermaphroditismus hei einem Schwein, wo er in dem an¬ 
scheinend normalen Ovarinm kleine Rudimente von atrophischen, 
von typischen Levdigzellen umgebenen Testiskanälon fand. Sowohl 
er als auch Landau sprechen die Vermutung aus, daß das Vor¬ 
kommen einer solchen Vermischung auch heim Menschen vielleicht 
nicht ganz selten ist. 

Steinach erwähnt jetzt zwei Ziegen, von denen besonders die 
eine nach der ausführlichen Beschreibung ein Fall von reinem, kon- 


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184 


Knud Sand. 


stantem Homosexualismus war; körperlich boten sie die normalen 
weiblichen Charaktere, jedoch in einem „jungfräulichen Stadium“, 
nur der Kopf wurde breiter als bei dem Kontrolltier. Psychisch boten 
sie eine unersättliche männliche Libido d'ar. Die Mikroskopie der 
Ovarien zeigte eine ausgeprägte Zwitterdrüse mit Zerstörung der 
generativen Gewebe und ein starkes, quantitatives Übergewicht der 
männlichen Hormongewebe gegenüber den weiblichen. 

Solche Fälle müssen, wenn sie mit den Resultaten des experimen¬ 
tellen Hermaphroditismus verglichen werden, notwendig zu dem 
Schluß führen, daß wir uns der Lösung der Frage von der biologi¬ 
schen Grundlage für die Homosexualität nähern. 

Nach all diesem kann es nicht verwundern, daß Steinach unter 
Mitwirkung des bereits genannten Wiener Chirurgen Lic-hten- 
stern schpn vor einigen Jahren den kühnen, aber berechtigten 
Schritt getan hat, die experimentelle Basis zu praktischen, therapeu¬ 
tischen Zwecken auszunutzen, indem er homosexuelle Men¬ 
schen versuchsweise nach den genannten Prinzipien behandelt hat. 
Sein erster Fall von operativ behandeltem Homosexua¬ 
lismus wurde in der Münchener med. Wochenschrift 1918 ver¬ 
öffentlicht und soll hier beschrieben werden: 

Es handelt sich uln einen 30 jährigen, kongenital homosexuellen (passiven) Mann, 
welcher außer seiner Homosexualität viele feminine somatische Stigmata aufwies. Er litt 
zugleich an doppelseitiger Genitaltuberkulo.se, weshalb der eine Testes entfernt worden 
war. L. exstirpierte nun den zweiten und implantierte einen gespaltenen, „krypt- 
orchen“ Testes von einem zu gleicher Zeit operierten Maune. Mikroskopie des ent¬ 
fernten Testes des Homosexuellen zeigte überwiegend Degeneration; es fand sich je¬ 
doch ein Teil, der im wesentlichen aus Leydigzellen bestand, die zu einem geringen 
Teil normal waren, jedoch am häufigsten deutliche Abweichungen von den normalen 
aufwiesen und an Thecaluteinzellen erinnerten. Indessen wagen die Verff. nicht sicli 
über diese Verhältnisse bestimmt auszusprechen. — 12 Tage nach dem Eingriff fand 
Erektion statt, in der sechsten Woche war die Homosexualität in Heterosexualität ver¬ 
wandelt, es wurde Coitus c. puclla ausgeübt, 1 Jahr nach dem Eingriff heiratete Patient 
und macht« Mitteilung von ganz normaler Vita sexualis. — Die mikroskopische Unter¬ 
suchung ergab allerdings in diesem Falle auf Grund der Tuberkulose des Mannes ge¬ 
wisse Mängel. 

Zufolge Steinach hat Lieh te n s t e r n seitdem mehrere Fälle 
von Homosexualismus nach dem gleichen Verfahren oppriert und 
übereinstimmende Wirkungen beobachtet. Steinach hat dadurch 
fünf neue Geschlechtsdrüsen, die von durch und durch gesunden, 
kräftigen Homosexuellen im Alter von 22—42 Jahren stammen, in 
die Hände bekommen. 

Diese Gegenstände bilden die Grundlage für die Lösung des Pro¬ 
blems von der „histologischen Beschaffenheit der 
Keimdrüse hei homosexuellen Männern“, wie der Titel 
seiner nächsten überaus interessanten Mitteilung lautet. 

Eie ist das erstemal, daß ein so seltenes, in Übereinstimmung mit 
den modernen Theorien bearbeitetes Material vorliegt. Die makro¬ 
skopischen Verhältnisse, also Maße und Gewicht der Testes im Ver¬ 
hältnis zum Körpergewicht, sind leider nicht angegeben; jedoch er¬ 
hält man über die mikroskopischen reichliche Aufklärung: 

Das generative Gewebe (die „Samendrüse“) zeigt in allen 
fünf Drüsen Degeneration, und zwar proportionell mit dem Alter des 
Individuums und steigend bis zu vollständiger Atrophie und im 


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Moderne experimentelle Sexualforschung. 


185 


ganzen etwas an die Verhältnisse in kryptorchen Testes erinnernd. 
Selbst in den älteren findet man indessen „Oasen“ mit Spermato- 
genese, was erklärt, daß auch schwere Fälle von Homosexualismus 
Fortpflanzungsfähigkeit haben können. Noch interessanter sind die 
Aufklärungen über die H o rjn ongewebe (die „Pubertätsdrüse“), 
die im Gegensatz zu dem generativen Gewebe stark von den Verhält¬ 
nissen bei kryptorchen abweichen. 

Das Erkennungszeichen für den kryptorchen Testis ist außer 
der Atrophie der Samenkanäle eine Verme h rung des Hormon¬ 
gewebes (der Leydigzellen). Beim Homosexualismus dagegen 
sind die Leydigzellen nicht vermehrt, sondern an Zahl eher ver¬ 
ringert. Viele erscheinen normal, andere unregelmäßig, protoplasma¬ 
arm, dann und wann vakuolisiert; es handelt sich um atropliierende 
Zellen. Außerdem finden sich jedoch vereinzelt oder gruppen¬ 
weise andere, besonders durch ihre Größe auffallende Zellen, 
die im Gegensatz zu den Leydigzellen oder M-Zellen der Be¬ 
quemlichkeit halber F-Zellen genannt werden. 

Diese eigentümlichen F-Zellen sind protoplasmareich, etwa 
doppelt so groß wie die M-Zellen. Sie sind schwächer färbbar, haben 
einen großen Kern mit geringerem Chromatininhalt, oft zwei- oder 
dreikernig. 

Das Protoplasma ist stärker und gröber gekörnt; sie enthalten 
nur selten Kristalle. Im ganzen erinnern die F-Zellen stark an 
Luteinzellen. Kurz ausgedrückt finden wir in den Testes 
Homosexueller: „Degeneration oder Atrophie der 
8 a m e n d r ii s e n ; Verringerung und t e i 1 w e i s e Degene¬ 
ration d e r ni ä n n 1 ic h e n Pubertätsdrüsenzellen; Vor¬ 
handensein von großen Z e 11 e n , d i e s i c h von letzteren 
unterscheiden und im Aussehen und Bau den weib¬ 
lichen Pubertätsdrüsenzellen n a h e k o m m e u. 

Diese eigentümlichen Funde, die durch instruktive Zeichnungen 
illustriert werden, deutet Steinach in Übereinstimmung mit den 
oben beschriebenen Theorien folgendermaßen: „Beim homosexuellen 
Mann hat sich durch unvollständige Differenzierung des Keimstockes 
eine zwittrige Pubertätsdrüse entwickelt. Im embryonalen und prä- 
imberalen Leben bleiben die kleineren, die männlichen Pubertäts- 
drüsenzellen an Zahl und Kraft vorherrschend und hemmen die 
Tätigkeit der großen, weiblichen Pubertätsdrüsenzellen: Es entsteht 
der männliche Habitus mit den männlichen körperlichen Geschlechts¬ 
merkmalen. — Vor der Reife oder später geschieht nun die Umschal- 
tung. 

Die großen „F-Zellen“ werden aktiviert, d. h. sie vermehren sich 
und nehmen ihre sekretorische Funktion auf. Dies hat zwei funda¬ 
mentale Folgen: Erstens betätigen diese Elemente ihre hemmende 
antagonistische Wirkung, welche zur Rückbildung der männlichen 
produktiven Gewebe der Samendrüsen führt, sowie zum Teil wenig¬ 
stens zur Degeneration der männlichen Pubertätsdrüse. Zweitens 
machen diese weiblichen Zellen ihre fördernde feminierende Wir¬ 
kung geltend auf bisher unbeeinflußte Apparate. 

Beschränkt sich dieser Einfluß auf. das für innersekretorische 
Schwankungen besonders empfindliche Zentralorgan, so entsteht bloß 


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Knud Sand. 


die weibliche, auf den Mann gerichtete Erotisierung — also der reine 
Homosexualismus. Erstreckt sich der feminierende Einfluß weiter, 
so entstehen auch somatische weibliche Sexuszeichen, als Busen. 
Hüftausladung, weibliche Form des Kehlkopfs, der Körperbehaa¬ 
rung u. dgl.“ 

Bisher sind — wie man sieht — nur die Geschlechtsdrüsen homo¬ 
sexueller Männer untersucht worden; mit nicht geringerer Spannung 
wird man ähnlichen Untersuchungen mit Bezug auf homosexuelle 
Weiber entgegensehen. Ich bin, wie schon früher erwähnt, geneigt 
zu glauben, daß eines der Mittel, um mit noch größerer Sicherheit als 
bisher zwischen männlichen und weiblichen Hormongeweben zu 
unterscheiden, die Lösung rein färbetechnischer Aufgalmn in dieser 
Hinsicht sein wird. Dies wird noch zwingender, wenn man sich in 
den Bau „normaler“ Geschlechtsdrüsen vertiefen will. Diesbezüglich 
macht Steinach sich wieder zum Fürsprecher eines Gedankens, 
der auch schon früher von anderen Verfassern (Pick, B i e d 1, 
Saud) geäußert und erörtert worden ist, nämlich, daß die Differen¬ 
zierung der Geselllechtsdriise nie absolut vollständig und durchgrei¬ 
fend ist, sondern nur entweder überwiegend männlich oder überwie¬ 
gend weiblich; vielleicht enthält also jede Pubertätsdrüse einen Keim 
zur „Bisexualität“. In solchem Falle hängt die normale, hetero¬ 
sexuelle Geschlechtsentwicklung von dem überwiegenden Hormon¬ 
gewebe ab oder, wie Biedl es ausdrückt: Der Sexüaleharakter 
richtet sich nach dem best entwickelten und best fungierenden, inner¬ 
sekretorischen Drüsengewebe. 

Es wäre überaus interessant und für die ganze Frage in hohem 
Grade klärend, wenn einmal histologisch bewiesen würde, daß die 
absolute „Reinkultur“ der einen Art Hormongewebe bei einem In¬ 
dividuum die relativ seltene Ausnahme, die Mischung beider Arten 
Hormongewebe in allen möglichen wechselseitigen Verhältnissen 
dagegen die Regel ist. Das ganze, ungeheuer bunte Bild! sexueller 
Zwischenstadien, selbst die kleinen Nuancierungen, die jeder nur 
einigermaßen scharfe Beobachter bei Menschen sehen kann, würden 
sich dadurch dem vollen Verständnis auf sicherer, biologischer 
Grundlage nähern. 

Wenngleich diese Untersuchungen über „normale“ Geschlechts¬ 
drüsen vielleicht noch auf sich warten lassen werden, so sind wir mit 
den jetzt vorliegenden Arbeiten doch schon so weit gelangt, daß wir 
auf diesen neuen Bahnen das Gefühl festen Bodens unter den Füßen 
haben und daß die ganze Frage in eine Richtungslinie gebracht wor¬ 
den ist, die von früheren, unklaren und schwebenden ab- und vor¬ 
wärts führt. 

Man ist also, wie erwähnt, wahrscheinlich auf dem Wege, die 
gesammelten Resultate nach reiflicher Überlegung 
für die praktische Heilkunde i n Gebrauch zu nelnneii. 
Vorschläge und Aufforderungen hierzu begannen schon 191(5 (Koh¬ 
le (1 e r) und erscheinen immerfort von verschiedenen Seiten. 

Die unkomplizierten Geschlechtsdrüsr*ntransplantatio.nen sind, 
wie erwähnt, schon seit einer Reihe von Jahren mit vielversprechen¬ 
den Resultaten ausgeführt worden. Das weit verwickeltere Problem 
der Behandlung abnormer ’ Sexualzustände, besonders des Homo- 


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Moderne experimentelle Sexualforschung. 187 


sexuaiismus ist .meines Wissens nur von Steinach und L i c li t e n - 
slern praktisch behandelt worden. 

Hierbei siud begreiflicherweise in den einzelnen Fällen weit 
mehr Fragen in Erwägung zu ziehen. 

Die Diagnose selbst kann, wie Steinach getgn hat, eventuell 
durch Mikroskopie einer Probeexzision aus der einen Geschlechts¬ 
drüse des Individuums gestellt werden. Außer den diagnostischen, 
ethischen und soziologischen Hindernissen bietet die praktische Aus¬ 
führung jedoch selbstverständlich fast die größten Schwierigkeiten, 
nämlich die der Herbeischaffung des Transplant'ationsinaterials. Der 
Eingriff muß ja sein: die ein- oder doppelseitige Kastration des homo¬ 
sexuellen Individuums, wodurch die abnormen Hormongewebe ent¬ 
fernt werden, mit darauffolgender Transplantation einer Geschlechts¬ 
drüse, die einem sexuell normalen und übrigens gesunden Indivi¬ 
duum entnommen ist; in bezug auf Männer müssen sogar Testes von 
kryptorchein Bau, die mit ihrem vermehrten Hormongewebe am 
besten wirken, beschafft werden. Diese Schwierigkeiten bedürfen 
keiner weiteren Erläuterung; hin und wieder werden sich freilich in 
jedem chirurgischen Institut Gelegenheiten bieten, wie Lieh teil¬ 
st er n sie gehabt hat; jedoch kann von einem! ,,Normaleingriff“ 
augenblicklich kaum die Rede sein. Pis bleibt indessen zu hoffen, 
daß die zukünftigen Arbeiten diese Schwierigkeiten überwinden wer¬ 
den, und zwar entweder durch eine Injektionstherapie, die ja freilich 
stets vorübergehend wirken wird, oder aber durch Ermöglichung 
einer wirksamen Allotransplantation: Geschlechtsdrüsentransplnn- 
tation von artfremden Tieren. — 


Wir haben im vorstehenden die Hauptpunkte innerhalb der 
Sexual forschung der letzten Jahre besprochen. So wichtig diese 
aber auch sind, so werden sie jedenfalls von einer neuen glänzenden 
Arbeit Steinachs mit dem Titel: „V 7 e r j ii n g u n g durch e x - 
pe r i m e n t e 11 e N e ir b e I e b u n g der P u b e r t ä t s d r ii s e“ *), in 
den Schatten gestellt. 

Der Grund zu dieser Arbeit wurde, wie Steinach angibt, im 
Jahre 1910 gelegt; aber aus Rücksicht auf die weitreichende Be¬ 
deutung des Gegenstandes und die Wichtigkeit eines möglichst stark 
unterbauten Materials wünschte Steinach nicht, ein etwa nicht 
ganz reifes Werk zu veröffentlichen, sondern wartete bis jetzt, wo 
die Versuche auf dem Hintergründe einer Reihe voll beleuchteter 
Probleme, die ein gemeinsames Ganzes bilden, hervortreten. 

Darum hat Steinach im Jahre 1912 seine damaligen An¬ 
schauungen und Versuche bei der Akademie der Wissenschaften in 
Wien deponiert und sie erst jetzt, da die Zeit erfüllt ist, veröffentlicht. 

Wie schon früher hervorgehoben, ist der Leitfaden in der mo¬ 
dernen Sexualforschung der Glaube an den dominierenden Einfluß 
der Horniongewebe auf die Geschlechtsentwicklung. 

Dieswar Steinach völlig klar, und Versuche hatten ihm zu¬ 
gleich gezeigt, in wie hohem Grade die Wirkung der Hormongewebe 
ihrer Menge proportioneil war. 

:1 ) Archiv für Kutwicklungsuiechaiiik 1 h'JII. - - Wrlag Julius Springer. Berlin H'2(). 


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188 


Kuud Saud. 


Bei Tieren mit reichlichen Transplantaten fanden sich jugend¬ 
liche Verhältnisse, ja die Wirkung konnte bis zur Hyperfunktion 
steigen; bei Tieren mit kleinen Mengen Hormongewebe gaben die 
Geschlechtscharaktere das Bild der atrophierenden Zustände bei 
alternden Tieren. 

Er stellte daher die fundamentale Frage auf: I s t e s mögl ich, 
dem Rückgang der Geschlechtscharaktere mit zu¬ 
nehmendem Alter eine Schranke zu setzen? Ist.es 
möglich, durch Neubildung der alternden Hormon- 
g e w e b e (P u b e r t ii t s d r ii s e) die Attribute der Jugend 
noch einmal oder wiederholt h e r v o r z u r u f e n ? Kurz ge¬ 
sagt : Liegt das Problem Verjüngung innerhalb der 
Grenzen der Möglichkeit? 

Als Versuchstiere verwendete Steinach Ratten, die ihre Ge¬ 
eignetheit zur Sexualforschung vor ihm sowie vor uns andern doku¬ 
mentiert haben, und zwar nicht zum wenigsten auf Grund ihrer hef¬ 
tigen und ausgeprägten, psycliosexuellen Stigmata. Das Material 
bestand also aus „Rattengreisen“, deren Alter und übrige Verhält¬ 
nisse unter strenger Kontrolle standen, indem er alle nötigen Vor¬ 
sichtsmaßregeln getroffen hatte. In bezug auf diese kann hier nicht 
auf Einzelheiten eingegangen werden. Es soll nur angeführt wer¬ 
den, daß die Lebenszeit der Ratten durchschnittlich 27—30 Monate 
ist; ein höheres Alter ist! äußerst selten. 

Die kurze Lebenszeit bedingt ein kurzes Alter, und es gilt nun, 
das Eintreten desselben sicher diagnostizieren zu können, um auf dem 
richtigen Zeitpunkt zu den Versuchen schreiten zu können. Das Ein¬ 
treten des Alters gibt sich durch eine Reihe organischer und funktio¬ 
neller Symptome zu erkennen, die Steinach mit aller erdenklichen 
Sorgfalt als Vorsichtsmaßregeln für die Versuche benutzt hat; ein 
verfrühtes Einschreiten würde sie sell>stverständlich wertlos machen. 

Als organische Alterssymptome sollen genannt werden: Ge¬ 
wichtsverlust mit zunehmender Magerkeit; Haarabfall besonders am 
Skrotum und Rücken; die Zähne werden lang und die Medien der 
Augen trüb (verschleiern sich); die akzidentellen Geschleehtscharak- 
tere, z. B. Samenbläsehen und Prostata, atrophieren. 

Die Testes sind verkleinert und zeigen mikroskopisch fortschrei¬ 
tende Degeneration der Samenkänäle mit nur zerstreuter Spermato- 
genese. Die „Pubertätsdrüse“ ist sowohl an Masse als; auch in der 
Struktur der Elemente verkleinert: die Levdigzellen sind klein und 
ihre schwache Granulierung zeigt eine lierabgeminderte Sekretion; 
viele sind ganz degeneriert. 

Die Funktionen der „Rattengreise“ stehen auch in grellem 
Gegensatz zu denen junger Ratten. Sie bewegen sich wenig, suchen 
keinen Kampf, in solchem unterliegen sie und ziehen sich zurück. 
Die Geschäftigkeit und Neugier sind verschwunden, sie sind stumpf¬ 
sinnig, fressen wenig und. halten sich nicht rein. Typisch sind auch 
der krummgebogene Rücken, der gesenkte Kopf und die halbge¬ 
schlossenen Augen; das entscheidendste von allem ist jedoch die er¬ 
loschene Libido einem brünstigen Weibchen gegenüber. Dies Sym¬ 
ptom ist „pathognomonisch“ für die entwickelte Senilität und der 


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Moderne experimentelle Sexualforsclmng. 189 


sicherste Beweis dafür, daß die Zeit für den Verjüngungsprozeß ge¬ 
kommen ist. 

Wie setzt Steinach nun die Möglichkeit der Ver¬ 
jüngung in Verbindung mit der „P u b e r t ä t s d r ü s e“ ? 

Der Gedanke ist dieser: Die „Pubertätsdrüse“ hat sich 
durch alle modernen Untersuchungen als wichtigster Faktor in der 
Geschlechtsentwicklung' des Individuums offenbart und damit zu¬ 
gleich einen mächtigen Einfluß auf das gesamte Wohlbefinden der 
Organismen und die Aufrechterhaltung einer Reihe wichtiger Funk¬ 
tionen bewiesen. Die Hormongewebe sind indessen wie alle an¬ 
dern Gewebe des Körpers den Gesetzen des Alters unterworfen; 
normalerweise degenerieren und ntrophieren sie und damit er¬ 
schlaffen ihre Funktionen. Könnte man nun die Hormongewebe 
durch besondere Methoden aufrechterhalten, vielleicht sogar eine 
Vermehrung derselben veranlassen, so würde man dadurch mög¬ 
licherweise eine biologische Grundlage für die Aufreehterlmltung 
ihres fast allumfassenden Einflusses schaffen. 

Die Frage wird dann lauten: Mit Hilfe welcher Metho¬ 
den hat man Aussicht, die sexuellen H o r m o n g e w e b e 
(„d i e P u b e r t ä t s d r ü s e“) zu v e r m ehren? 

Die wichtigsten Methoden hierfür sind: Transplantation 
oder Röntgenbestrahlung der Geschlechtsdrüsen und — in bezug auf 
Männchen — Unterbindung (Ligatur oder besser Resektion) des 
Ausfuhrkanals (Vas deferens). 

Die ersten beiden, ebenso w r ie eine spezielle Methode: experi¬ 
menteller Kryptorchismus, sollen später besprochen w r erden. 

Die Methode, mit welcher Steinach besonders experimentiert 
hat, ist die Resektion des Vas deferens. Es ist ein altbe¬ 
kannter Eingriff, der zu den verschiedensten Zwecken und mit den 
widersprechendsten Resultaten angewandt worden ist. Versuche da¬ 
mit liegen so weit zurück w r ie 1785 (Brugnone), später von 
Astley Cooper, Br iss and, Griffiths, Tour n ade und 
einigen andern Verfassern, die sich für die Wirkung auf die Samen- 
driisen interessierten; insofern liegen diese Versuche außerhalb der 
vorliegenden Frage. 

Indessen die Männer, welche die Vas d e f e re n s - Experi¬ 
mente in ganz neue Bahnen leiteten, nämlich ausschließlich zur 
Beleuchtung des Sitzes der männlichen Hormon- 
gewebe, sind die hervorragenden französischen Forscher Bouiu 
und Aucel. Sie haben in einer Reihe vortrefflicher Arbeiten (schon 
1903—1904) nicht nur als erste festgestellt, daß die männlichen 
Sexualhormone von den Leydigzellen (Steinachs „Pubertäts¬ 
drüse“) produziert werden, sondern dies gerade durch die Hyper¬ 
trophie dieser Zellen nach der Vas deferens-Resektion dokumentiert; 
sie haben uns also eben die Phänomene in die Hand gegeben, die 
Steinach jetzt mit genialem Scharfblick bei dem Verjüngungs¬ 
gedanken in Anwendung bringt. 

Unter diesen Umständen muß es etwas wunderuehmen, daß 
Steinach Bouin und A n ce 1 als Schöpfer der Grundlage der 
Methode überhaupt nicht erwähnt. 


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190 Knud Sand. 

Was die Methode zur Vermehrung der Pubertätsdrüse anbe¬ 
trifft, so erschienen schon Benins und Ancels Versuche als durch¬ 
aus überzeugend; Sie sind denn auch später bestätigt und suppliert 
worden. So fielen die Versuche, welche Sand über verschiederie 
Formen von Eingriffen in das Vas deferens angestellt hat, im 
wesentlichen mit denen Bouins und Ancels zusammen. Bei dieser 
Methode geht, kurz gesagt, folgendes vor sich: eine Degeneration bis 
zu vollständiger Atrophie der Samendrüse und gleichzeitig damit 
eine Hyperproduktion der „Pubertätsdrüse“. Die früheren Ver¬ 
suche waren indessen an ganz jungen oder nur e r w a c h s e n e n 
Tieren unternommen worden. 

Zu den V e r j ü n g u n g s v e r s u e h e n bringt Steinach nun 
die Methode bei alten Tieren zur Anwendung, und wie wir sehen 
werden, wird das seine Hauptmethode. 

Was die O p e r a t i o n s t e c h n i k selbst anbetrifft, so führte 
man die Resektion früher zentral vor der Epididymis aus, und zwar 
mit größter Sorgfalt, um Nerven und Gefäße nicht zu verletzen, wo¬ 
durch der Versuch kompromittiert- worden wäre. Steinach be¬ 
trachtet den Zwischenraum zwischen Testes und Epididymis als 
günstigste Stelle, einesteils, weil man hier die Gefäße nicht so leicht 
verletzt, andernteils, weil die Stase in den Samenkanälen sich 
schneller einstellt, wenn das Epididymiskanalsystem auch ausge¬ 
schaltet wird. Übrigens kann die Operation vom Skrotum oder per 
Laparotomiam aus stattfinden, wodurch sich Gelegenheit bietet, 
Prostata und Vesicula seminales zu kontrollieren. 

Wir gehen jetzt zu den Versuchen selbst über, indem wir 
mit den V e r j ii u g u n g s v e r s u c h e u a n M ii n nche n nnfangen. 

Aus der Abhandlung ist leider nicht zu ersehen, wie viele posi¬ 
tive Versuche Steinach gemacht hat. Er berichtet von etwa zehn 
mit Doppel res-ektion von Vas deferens und einem einzelnen mit ein¬ 
seitiger Resektion. So interessant die Einzelheiten auch sind, muß 
man doch diesbezüglich auf die Originalabhandlung hinweisen, 
welche zugleich makro- und mikroskopische Abbildungen enthält, 
und sich darauf beschränken, hier die wichtigsten Resultate 
nach Steinach s Resume wiederzugeben. 

Schon sehr kurze Zeit — kaum 8—5 Wochen — nach dem Ein¬ 
griff erschienen die ersten Zeichen von Verjüngung, die sich mit der 
Zeit immer deutlicher ausprägten. 

Der körperliche Ausdruck der Verjüngung war, daß 
das abgemagerte, elende Tier an Gewicht zunahm, eine reichliche 
Fettschicht, kräftigere Muskulatur 'bekam; die haararmen und 
nackten Stellen bedeckten sich mit Haaren, der ganze Pelz wurde 
dicht und glänzend. Die zusnmmengcsunkene Haltung verschwindet, 
der Kopf hebt sich, die müden Augen öffnen sich und ihre Medien 
werden klar. Die Geschlechtsmerkmale, Prostata, Samenbläschen 
und Penis bekommen neuen Turgor. 

Hiermit stehen die wiedergewonnenen Funktionen im Ein¬ 
klang: Die Tiere zeigen größere Freßlust; die frühere Trägheit 
wird durch lebhafte Bewegungen, Laufen, Klettern und Springen, 
ersetzt. Die durchgreifendste Veränderung geht mit dem Ge¬ 
schlechtstrieb vor: vollständige Gleichgültigkeit und Impotenz oder 


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191 


Moderne experimentelle Sexualforscliung. 


nur geringes Interesse verwandeln sich in stürmische Leidenschaft 
und stärkste Potenz. Ja, bei einem Versuch mit nur einseitiger 
Unterbindung trat nicht nur Potentia coeundi wieder ein, sondern 
auch Potentia generandi, indem das von dem verjüngten Tiere be¬ 
fruchtete Weibchen rechtzeitig sechs normale Junge bekam. Die ein¬ 
getretene Verjüngung konnte so viel betragen, duß das zum Tode 
führende „zweite senium“ bis ungefähr V.» der durchschnittlichen 
Lebensdauer der Tiere hinausgeschoben werden konnte. 

Was ist nun der Grund der Verjüngung? Dieser mußte 
in erster Reihe in den Geschlechtsdrüsen gesucht werden, obwohl 
diese vielleicht gleichzeitig indirekt durch andere, endokrine Drüsen 
wirken, was ja gewöhnlich angenommen wird. Hinsichtlich der 
Fälle, wo Steinach die Testismikroskopie referiert, fand sich 
auch das von Transplantationen und Ligaturversuchen anderer Ver¬ 
fasser bekannte Bild: Degeneration des Samenepithels, sowie in ge- 
lingerem Grade der Sertolizellen, und Vermehrung der Leydig- 
zellen, «1er „Pubertätsdrüse“. Außerdem führt Steinach an, daß 
sekundär (nach 3—-8 Monaten) eine Regeneration des Samenepithels 
eintritt, und erhärtet diese Anschauung durch eine besondere Ver¬ 
suchsreihe. 

An dieser Stelle muß es mir erlaubt sein, einige kritische 
Bemerkungen einzuschalten: Vor allem wird man sich wohl 
«lariiber wundern, daß es möglich ist, so alternde Zellen, wie Leydig- 
zellen, die am Rande der Atrophie stehen, sogar«sehr plötzlich und 
schnell durch eine anscheinend einfache, mechanisch-physische Ur¬ 
sache regenerieren zu sehen. Freilich ist die Möglichkeit wohl nicht 
ausgeschlossen, wenn es gelingt, einzugreifen, ehe die Zellendegene¬ 
ration zu w r eit vorgeschritten ist. Jedoch erscheint es geiadezu ver¬ 
blüffend, daß sowohl die Pul>ertütsdrüsenhypertröphie als auch die 
Hormonwirkung fast momentan nach Verlauf von kaum 3 Wochen 
eintritt. Steinachs bestimmten Angaben, Illustrationen usw\ 
gegenüber will ich dies selbstverständlich nicht leugnen, sondern 
nur daran erinnern, daß es sowohl in Bouins und Ancels als auch 
in meinen eigenen „Ligaturversuchon“ die Regel war, daß erst 
Monate (oft sechs oder mehr) vergehen mußten, ehe man sichere 
Hypertrophie der Leydigzellen nacliw'eisen konnte. Gerade diese 
sehr langsame Wirkung der Vas deferens-Ligatur veranlaßte mich, 
eine andere Methode zum Studieren der Pubertätsdrüse zu suchen; 
eine solche fand ich in dem „experimentellen Krypt¬ 
orchismus“ (Sand, 1. c. S. 109—119), welcher sich zur Hervor- 
rufung einer ausgeprägten Leydigzellenhypertrophie als weit 
schneller und konstanter wirkend ei’wies als die Ligatur. Ich führe 
dies an, weil diese Methode möglicherweise bei künftigen Forschun¬ 
gen auch Anwendung finden kann. 

Eine Erklärung für die Abweichung der S t e i n a c h sehen Ver¬ 
suche von denjenigen anderer ließe sich nach meiner Meinung viel¬ 
leicht in seiner modifizierten Technik hinsichtlich der Wahl der 
Ligaturstelle vor der Epididymis finden. Ich fand in einigen meiner 
Versuche Sekretanhäufungen in dilatierten Epididymides (an früher 
von Tournade angegebene „Spermazysten“ erinnernd), die auf 
den Stasendrnck möglicherweise entlastend wirken. 


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192 


Knud Saud. 


Künftige Versuche werden zeigen, ob diese Vermutung richtig 
ist. Jedoch auch wenn der Stasendruck sich bei Ligatur vor der Epi¬ 
didymis schneller einfindet, ist die von Steinach angegebene, 
minimale „Latenzzeit“ vor Eintritt der Wirkung fast unfaßlich kurz. 

Auch der von Steinach behaupteten sekundären Regenera¬ 
tion des Samenepithels gegenüber wird man sich, meine ich, etwas 
skeptisch verhalten müssen., Sie steht, so viel mir bekannt ist, im 
Widerstreit mit allen andern Untersuchungen, die sich darin be¬ 
gegnen, den schon von Ribbert aufgestellten Satz: daß jedes 
Drüsengewebe, dessen Abfluß verhindert wird, degeneriert, zu be¬ 
stätigen. Nach Steinachs Ansicht sollten die auf Grund der 
Atrophie der Samenkanäle hyi>ertrophierten Leydigzellen das 
Samenepithel zu neuem Leben erwecken und die Regeneration her- 
vorrufen! Wahrlich eine wunderbare Vertauschung der Rollen. 
Ancli in diesem Punkte müssen künftige Versuche mitsprechen und 
die vielleicht unberechtigten Zweifel beseitigen. 

Steinach schließt diese Versuche mit dem Ausspruch ab, daß 
Verjüngung oder A u f s c h i e b e n des Alters möglich 
ist. Das senile Individuum kann organisch und funktionell aufleben 
und ein definitives Senium erreichen, w r elches die durchschnittliche 
Grenzie bei weitem übertrifft. 

In einem folgenden Kapitel erörtert Steinach die Möglich¬ 
keit einer wiederholten Verjüngung. Wenn die von der 
Vas deferens-Ligaiur wiederbelebte Pubertätsdrüse nach und nach 
ihre verjüngenden Kräfte erschöpft hat, so liegt die Frage vor, ob 
man auf anderem Wege eine neue Verjüngung hervorrufen kann. 
Eine solche Summierung meint Steinach durch Transplantation 
junger Testes auf die zum zweiten Male senilen Tiere erreicht zu haben. 

Das höchste Alter, welches er bei diesem kombinierten Ver¬ 
fahren bei Ratten beobachtet hat, ist 40 Monate, d. h. etwm ein Jahr 
länger als die normale Lebensdauer. Er stellt die Möglichkeit fort¬ 
gesetzter Implantationen bei demselben Tier und darauffolgender 
— man könnte sagen — kontinuierlicher Verjüngung auf. 

Da er indessen weder eine Versuchszahl angibt, noch auf einVer- 
suehsprotokoll hinweist, ist dieser Abschnitt sclnver zu beurteilen. 

V e r j ii n g u n g s v e r s u c h e bei Weibchen: Die W eibchen 
w'eisen die gleichen Alterszeichen auf wie die Männchen und es tritt 
noch Erschlaffung der Introitus vagina, Atrophie der Mammae, der 
Ovarien und des Uterus hinzu. Sexuell sind sie apathisch und es ist 
besonders charakteristisch, daß das senile Weibehen nicht als 
sexuelles Irritament auf das Männchen würkt. 

Die Technik für Verjüngungsversuche bei Weibchen bietet 
leider größere Schwierigkeiten, Aveil man hier keinen der Vas defe- 
rens-Ligatur entsprechenden leichten und einfachen Eingriff hat 

Versuche einer Transposition der Ovarien ergaben keine 
sicheren Resultate und selbstverständlich war die Ligatur der Ei¬ 
leiter ganz fruchtlos. 

Augenblicklich gibt es zwei Methoden, deren Anwendung Erfolg 
verspricht, nämlich Röntgenbestrahlung der Ovarien und 1 Trans¬ 
plantation von Ovarien von einem anderen Tier (homologe Iso¬ 
transplantation). 


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Moderne experimentelle Sexualforschung. 193 


Die Röntgenbestrahlung scheint Steinach in dieser 
Hinsicht noch nicht versucht zu haben, er erinnert jedoch an die 
bekannten, von ihm und Holzknecht nachgewiesenen Wir¬ 
kungen der Bestrahlung junger Ovarien, nämlich ein Zugrunde¬ 
gehen des Follikelgewebes und dadurch hervorgerufenes über¬ 
wiegendes Theoaluteingewebe („Pubertätsdrüse“); dementsprechend 
trat eine Hyperfunktion der weiblichen Sexualhormonen ein. Wir 
kommen unten noch auf diese Methode zurück. 

Steinach berichtet indessen von zwei äußerst interessanten 
Fällen von Verjüngungsversuchen, welche durch Isotransplantation 
von Ovarien von 4monatigen graviden Weibchen auf etwa 
25 Monate alte Weibchen, die seit zehn Monatei^ nicht geboren 
hatten und überhaupt alle Zeichen von Senilität aufwiesen, gemacht 
worden waren. , 

Die Resultate schienen vortrefflich zu"sein: die Wirkung be¬ 
gann schon nach 2—3 Wochen und äußerte sich erstens durch All¬ 
gemeinsymptome: größere Freßlust und Beleibtheit, Gewichtszu¬ 
nahme, Lebhaftigkeit, Wiederbehaarung, Brunst und' daraus fol¬ 
gende sexuelle ^Beeinflussung der Männchen. Hierzu kam als be¬ 
sonders bemerkenswert: die Wirkung der implantierten Ovarien 
auf die eigenen atrophischen „klimakterischen“ Ovarien des Tieres. 
Es entwickelten sich reife Eier und Corpora lutfea, und nach dieser 
Regeneration übernahmen die eigenen Ovarien des Tieres die 
Führerschaft. Mammae und Uterus reiften wieder (Relaparotomie), 
die Befruchtung fand statt und darauffolgend die normale Geburt 
normaler Junger, Milchabsonderung und Säugen! — Die Resultate 
bei Weibchen und Männchen stimmten also vollkommen überein und 
zeigten ein jugendliches Aufblühen bis zur Vollendung mit Zeu¬ 
gungskraft und Fruchtbarkeit. 

Die nächste Frage war nun diese: Lassen die Verjün¬ 
gt! n g s v e r s u c h e sich an Menschen a u s f*ii h r e n T 

Im Hinblick auf die früher erwähnten positiven Transplanta¬ 
tionsresultate bei Behandlung von Kastrationszuständen, Homo¬ 
sexualität usw. erschien die Möglichkeit weder fern noch undenkbar. 
Steinach und Lichtenstern haben daher in den letzten beiden 
Jahren mit dieser Frage vor Augen gearbeitet, erstmals nur mit 
Versuchen an Männern, bei denen Lichtenstern den einfachen 
Eingriff in das Vas deferens angewandt hat. Steinach veröffent¬ 
licht jetzt 3 Fälle aus der „bezüglichen Versuchsreihe“, wie er sich 
ausdrückt. Man muß hier wieder bedauern, daß man bei Versuchen 
von so außerordentlicher Wichtigkeit , und Tragweite nicht erfährt, 
auf wie viele man sich im ganzen stützen kann. Die drei Fälle sind 
allerdings sehr interessant und sollen hier in den Hauptzügen an¬ 
geführt werden. Es wird hinzugefügt, daß die Patienten, die wegen 
zufälliger Leiden in den Genitalregionen operiert wurden, nicht 
ahnten, daß die Unterbindung gleichzeitig vorgenommen wurde — 
von Suggestion kann also nicht die Rede sein. 

I. Senium praecox, 44 jähriger Arhcitsmanti. Eingelegt wegen allgemeiner 
Schwäche und Schinerzen in beiden Testes, äußerst ab gemagert, seniles Aussehen, 
arbeitsunfähig. Seit mehreren Jahren ohne Libido und fast impotent. Er wurde wegen 
doppelseitiger Hydrozele operiert, worauf die Ligatur der Vas deferens vorgenommen wurde. 

Zeitachr. t. Sexualwissenschaft VII. 8. 13 


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Knud Sand. 


194 


Nach 2—3 Monaten: Auffallende Veränderung. Die Gesichtsfalten schwinden. 
Gewichtszunahme. Nach 4—5 Monaten: trägt als Lastarbeiter mit Leichtigkeit 100 kg 
auf dem Rücken. Von neuem Libido. Potenz „auf der Höhe stürmischer Jugendzeit“! 
Teilweise Neubehaarung. Nach 1 Jahr: 12 kg Gewichtszunahme trotz österreichischer 
Schmalkost. Nach 1 1 / a Jahren macht er den Eindruck] eines kräftigen, jungen Mannes. 

II. 71 jähriger Leiter eines großen Betriebes. Seit vielen Jahren an ausgespro¬ 
chenen Alterssymptomen: Verkalkung, Herzschwäche, Müdigkeit, Zittern, leidend. Die 
letzten 8 Jahre fast ohne Libido. Auf Grund linksseitigen Testisabszesses wurde liier 
Kastration vorgenommen. Gleichzeitig Ligatur der rechten Vas deferens. (Also nur ein 
seifige Ligatur.) 

Nach 9 Monaten gibt der Patient auf eine Vorfrage einen Brief ab, der seinen Zu¬ 
stand in glänzenden Farben schildert. Er schreibt u. a. von seinem wütenden Appetit, 
seiner geschwundenen Depression, frischem Aussehen und Elastizität. Seine Gedanken 
sind klar und er arbeitet leicht. Seine Libido, die mit erotischen Träumen anfing, 
wuchs nach und nach, so daß er sich entschließen mußte, natürliche Befriedigung zu 
suchen. „Mein ZnsTand bietet also ein sehr erfreuliches Bild und meine Lebensfreude 
ist mir wiedergegeben. 

III. 66 jähriger Großhändler. Die letzten 5 Jahre zunehmende Alterssymptome. 
Auf Grund von Prostalahypertrophie wurde Prostatatectomia suprapubica vorgenommen. 
2 l /j Monate später doppelseitige Ligatur der Vas deferens. Auch in diesem Falle 
senwanden hiernach die Krankheitssymptome, so daß er 2'/* Monate danach ein blühen¬ 
des Aussehen zeigt; die Gesichtsfalten haben sich geglättet; er tritt als lebensfroher 
und kräftiger Mann auf. Libido und Potenz wie in der Jugend. Gewichtszunahme 
etwa 10 kg. 

In diesen Fällen bei Men sehen findet Steinach eine 
Bestätigung seiner Tierversuche. 

Eine sichere Beurteilung derselben erscheint mir indessen nicht 
ganz leicht. Abbildungen fehlen. Steinach macht selbst auf den 
naheliegenden Einwand aufmerksam, daß es sich nicht um reine 
Fälle von physiologischem Alter, sondern ,um hiermit konkurrierende 
Krankheiten handelt; hierzu muß doch bemerkt werden, daß diese 
erst lange nach Beginn des Seniums eingetreten sind. Gleichwohl 
würde man reine Fälle vorgezogen haben. Jedes Aufblühen nach 
einer überstandenen Krankheit gibt den Patienten körperlich und 
psychisch leicht einen „Schein von Verjüngung“, was nicht zum 
wenigsten bei alten Prostatikern, die von ihrem unleidlichen Zu¬ 
stand geheilt worden sind, in die Erscheinung tritt. Dies sei nur 
um der Objektivität willen gesagt und um das hervorzuheben, was 
Anlaß zu Mißdeutungen geben könnte, nicht aber, um eine Ver¬ 
jüngung an und für sich in Zweifel zu ziehen. Denn es soll nicht 
geleugnet werden, daß Steinachs Beschreibungen das Bild einer 
solchen Form blühender Heilung geben, die den Eindruck von etwas 
ganz Besonderem machen. 

Die drei Fälle lassen in hohem Grade mehr erwarten! Ich sehe 
denn auch nichts anderes, als daß sie kräftig zur Fortsetzung auf¬ 
fordern. Wenn es sich um einen großen, lebensgefährlichen, irgend¬ 
wie schwächenden Eingriff mit Risiko in der einen oder andern 
Richtung handelte, würde sich die Frage ganz anders stellen. Aber 
die Vas deferens-Ligatur, die'leicht in Lokalanästhesie ausgeführt 
werden kann, muß doch selbst in bezug auf Greise als eine einfache 
und schnelle Operation bezeichnet werden, die kaum in irgendeiner 
Richtung mit nennenswerter Gefahr verbunden ist. Was den Zeit¬ 
punkt für den Eingriff anbetrifft, so hebt Steinach mit Recht 
hervor, daß das absolute Lebensalter nicht bestimmend sein darf. 
Ein zu früh eingetretener Zusammenbruch bei einem Verhältnis- 


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Moderne experimentelle Sexualforecbung. 


195 


mäßig jüngeren Menschen kann ebensowohl die Operationsindikation 
abgeben wie das wirkliche Greisenalter. 

Mit Rücksicht anf die große Variabilität dier Alterssymptome, 
ihr Erscheinen und ihren Umfang muß man in hohem Grade indi¬ 
vidualisieren. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird der Eingriff 
um so größere Aussicht auf Erfolg haben, je weniger Symptome 
eingetreten sind, wenn er also auf einem verhältnismäßig frühen 
Stadium vorgenommen wird. 

Mehr läßt sich auf dein gegenwärtigen Standpunkte der Ver¬ 
suche hierüber kaum sagen. 

In bezug auf Verjüngung bei Frauen hat Steinach, 
wie erwähnt, noch keine Resultate aufzuweisen. Hier soll nicht auf 
die bedeutenden Unterschiede zwischen dem Verlauf des Seniums 
hei Männern und Frauen eingegangen werden. Die Verhältnisse 
beim Weibe sind ja weit komplizierter und werden sicher größere, 
auch rein technische Schwierigkeiten bieten, die überwunden werden 
müssen. — Als einzige Methode, von der man sich etwas versprechen 
könnte, erwähnt Steinach die Implantation jüngerer Ovarien. 

Es ist früher darauf hingewiesen worden, welche unüberwindlichen 
Schwierigkeiten es verursachen wird, hier Transplantationsmaterial, 
jedenfalls von Menschen, zu erhalten. 

Mehr Aussicht hätte vielleicht die Autotransplantation der 
eigenen Ovarien der Greisin zur Hervorrufung einer vermehrten 
Pubertätsdrüse in denselben. 

Hierzu ist indessen Laparotomie erforderlich und es bedarf 
keiner Erörterung, daß man eine solche Methode, die stets einen 
lebensgefährlichen Eingriff darstellt, alten Frauen gegenüber nicht 
anwenden wird. Außerdem muß es sicher noch als problematisch 
betrachtet werden, in wie hohem Grade man eine Pubertätsdrüsen- 
vermebrung in mehr oder weniger atrophischen Ovarien bervor- 
rufen kann. Der gleiche Ein wand gilt der Röntgenbestrahlung, die - 
in derselben Richtung, also zur Vermehrung der Hormongewebe, 
wirken sollte. Doch hat diese Methode, die nach Steinach und 
Holzkuechts Versuchen jungen Ovarien gegenüber sicher wirkt, 
den ungeheuren Vorzug, fast ohne Risiko angewandt werden zu 
können. In einer Nachuntersuchung, die Holzkuecht bei Frauen 
vorgenonnuen hat, die wdgen Myomen oder präklimakterischer 
Blutungen röntgen behandelt worden waren, meint Steinach wert¬ 
volle Momente für die Verwendbarkeit der Methode gefunden zu 
haben. — 

Ein Rückblick auf die Übersicht über moderne Sexualforschung, 
die ich hier zu geben versucht habe, wird zeigen, wie die ganze Ent¬ 
wicklung, welche dieselbe in den letzten zwanzig Jahren genommen 
hat, ihren vorläufigen Abschluß auf natürliche \yeise in der experi¬ 
mentellen Vei‘jüngung findet. 

Durch die Versuche im Anfang des Jahrhunderts über Eingriffe 
in das Vas deferens, danach die Transplantationsversuche, die Ge- 
sehlechtstransformierungen, den experimentellen Kryptorchismus 
Ine zum experimentellen Hermaphroditismus geht als Grundtheorie 
die Führerschaft der Sexualhormongewebe, der „Pubertätsdrüse“, 
in der Geschlechtsentwicklung und ihr umfassender Einfluß auf den 

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196 Knud Sand, Moderne experimentelle Sexualforschung. 


ganzen Haushalt der Organismen. Die experimentelle Beeinflu߬ 
barkeit dieser Gewebe ist es, die sie zur Lösung der Probleme ge¬ 
eignet und im Dienste der Therapie anwendbar gemacht hat. In 
aller modernen Sexualforschung arbeitet man sozusagen mit den 
Hormongeweben. Man benutzt sie in Reinkultur oder man -vermischt 
männliche und weibliche miteinander, man benutzt größere oder 
kleinere Mengen und stellt dadurch mit immer größerer Sicherheit 
Varietäten her, welphe denen ähneln, die aus der Werkstatt der 
Natur selbst stammen. 

Es wird niemanden, der mit diesen Geweben gearbeitet und ihre 
wunderbare Kraft selbst in minimalen Mengen kennen gelernt hat, 
überraschen, daß ein Forscher, der wie Steinach sich eine lange 
Reihe von Jahren mit ihnen beschäftigt hat, sie schließlich in einen 
Kampf sozusagen gegen die Ordnung der Natur, gegen das gesetz¬ 
mäßige Zugrnndegehen der Organismen durch das Alter, aufruft. 

Vielen wird ein solcher Gedanke abenteuerlich, andern sinnlos 
oder hoffnungslos erscheinen. Die Natur läßt die Bäume nun einmal 
nicht in den Himmel wachsen! Auf ein Laienpublikmn wird die 
Frage schließlich, wie so manches andere, nur sensationell wirken. 
Ich glaube, solche Ansichten sind verkehrt. Steinach ist selbst 
bereit, die Mängel des vorliegenden spärlichen Materials an¬ 
zuerkennen, und niemand wird daran denken, die Frage für definitiv 
geklärt zu halten. 

Indessen ist das, was vorliegt, geistreich gefundenes, neu er¬ 
obertes Land für die experimentelle Biologie. 

Steinachs in der ganzen wissenschaftlichen Welt anerkannt 
vortrefflicher Name bürgt für den Ernst der Versuche und die Zu¬ 
verlässigkeit der Ausführung. Die experimentelle Verjüngung ist 
keine neue Form einer Hygiene zur Verlängerung des Lebens. Was 
ihr ein über das gewöhnliche Maß binausgehendes, mit Erwartungen 
gepaartes Interesse verleibt, ist der Umstand, daß sie in die aller- 
intimsten Regulatoren der Organismen eingreift, um sie zu beein¬ 
flussen. Es ist das gewissermaßen Im-Zentrum-Arbeiten, welchem 
selbst bei einem sublimen Problem wie der „Verjüngung“ Resultat«* 
verspricht. 

Noch ist man bei den ersten Schritten, und das Problem darf 

* 

nicht dahin mißverstanden werden, daß es je möglich sein sollte, 
das Alter wieder in Jugend zu verwandeln. Es kann nur von einer 
Verlängerung der reifen Lebenszeit innerhalb bescheidener Grenzen, 
von einer Milderung der Kalamitäten des Alters, die Rede sein. 

Fragt man nun warn m ? und wozu?, so kann das Problem, 
wenn es zu sicherem, praktischem Gebrauch gelöst wird, ja Anlaß 
zu ganzen Büchern voll philosophische) Betrachtungen geben. 
Darauf wollen wir hier nicht oingehen. 

Wie dem auch sei, ob man „ein Gläubiger“ sein will oder nicht, 
soviel steht auf jeden Fall fest, daß Steinachs Verjüngungs¬ 
versuch der Ansporn zu mächtiger und intensiver Arbeit in der 
ganzen Welt werden wird. 

Er wirft selbst in seinem Buche eine Reihe Fragen auf, die auf¬ 
genommen werden müssen, und macht den Vorschlag zur Errichtung 
von „Instituten für experimentelle .Biologie“ oder „experimentelle 


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197 


Erich Stern, Zur Kenntnis der weiblichen Inversion. 


Altersforschung“. Mit Wehmut fügt er hinzu: „Mögen glücklichere 
Länder oder Städte den Anfang machen!“ 

Man kann nicht schließen, ohne der Hoffnung Ausdruck zu 
geben, daß Steinach, der in dem notleidendsten Lande Europas 
lebt und davon abgeschnitten ist, sein großes, gedankenreiches 
Manneswerk zu vollenden, auf jeden Fall die Erfüllung einiger 
seiner Wünsche erleben möge! 


Zur Kenntnis der weiblichen Inversion. 

Von Dr. phil. et med. Erich Stern 
in Hamburg. 

In seinem Buche „Die Holle der. Erotik in der männlichen Ge¬ 
sellschaft“ hat Blüher die männliche Inversion zum Gegen¬ 
stand seiner Untersuchungen gemacht; er sieht in ihr nichts Krank¬ 
haftes. sondern lediglich eine Spielart der Sexualität, der noch dazu 
für die Gesellschaftsbildung eine große Bedeutung — eine größere 
wie der normalen Sexualität — zukäme: so ist alle Staatsgründung 
nach Blüher eine Schöpfung des männlichen Typus inversus. Ich 
glaube, daß der Typus inversus wohl verbreiteter ist, als man bisher 
angenommen hat, aber ich halte ihn unter allen Umständen für patho¬ 
logisch, wobei ich freilich diesem Begriff eine andere Bedeutung 
unterlege als die, welche Blüher mit ihm verbindet. Zweifellos 
kommt diesem Typus auch eine gewisse soziologische Bedeutung zu, 
wenn, meines Erachtens, auch nicht in dem Sinne, den Blüher ihm 
zuschreibt. Ich kann weiterhin Blüher nicht in seinem Pansexua- 
lismus, der noch über Freud hinausgeht, folgen. Ich möchte 
mich hier aber mit Blüher weder über seine Anschauungen über den 
Typus inversus noch über seine soziologischen Theorien anseinander- 
setzen; das wird an anderer Stelle geschehen. Hier möchte ich ganz 
kurz auf eine Frage eingelien, die er aufwirft: Gibt es einen aus¬ 
gesprochenen Typus inversus auch bei' der Frau? Nach Blühers 
Gruntlanschanungen von der weiblichen Sexualität ist das nicht der 
Fall, und er selbst hat auch noch keinen derartigen Fall beobachtet; 
hingegen gibt er eine Schilderung, die er einer befreundeten Dame 
verdankt, wieder, welche einige invertierte Frauen zeichnet. Näher 
geht Blüher nicht auf diese Frage ein. Nur zur Kasuistik dieses 
Problems möchte ich in den folgenden Ausführungen einiges be¬ 
richten. Es handelt sich um drei Fälle, die ich im Laufe der Jahre 
zu beobachten Gelegenheit hatte. 

In dem ersten Fall handelt es sich um ein junges Mädchen, die, 
als ich sie kennen lernte, 26 Jahre alt war. Sie studierte Kunst¬ 
geschichte und war kurz davor, ihre Doktorprüfung abzulegen. Sie 
machte vom ersten Augenblick an einen etwas eigenartigen Ein¬ 
druck, den man vielleicht am besten damit bezeichnen kann, w r enn 
man sagt, sie erschien befangen. Sie hatte ihi'e Arbeit fast voll¬ 
endet, als sie ihr Studium ganz plötzlich abbrach und verschwand. 
Erst nach einiger Zeit erfuhr ich dann die näheren Zusammen¬ 
hänge. Zur eingehenden Charakterisierung möchte ich aber die 


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198 


Erich Stern. 


ganze Lebensgeschichte der Betreffenden, soweit ich sie in Erfahrung 
bringen konnte, hier berichten; der Bericht stammt von einer Freundin. 

Die häuslichen Verhältnisse, aus denen das junge Mädchen kam, müssen ganz eigen¬ 
artige gewesen sein. Der Vater war stark mystisch veranlagt und beschäftigte sich mit 
theosophiscnen Schriften; die Mutter war eine schwer hysterische Frau, die überaus 
launisch und gereizt sein konnte; zeitweise war sie sehr sparsam, während sie zu anderen 
Zeiten das Geld wiederum verschwendete. In sexueller Hinsicht muß die Mutter sehr 
erregbar gewesen sein, sie soll mit verschiedenen Freunden des Mannes, die in ihr Haus 
kamen, Beziehungen anzuknüpfen versucht haben. Der Ehemann kam dahinter und die 
Ehe wurde geschieden. Kaum war dies geschehen, da versuchte der Mann wieder, mit 
der Frau anzuknüpfen, und die Kinder mußten immer von einem zum anderen laufen 
mit Briefen, Bestellungen usw. Der Bruder des Mädchens — es waren nur die beiden 
Kinder — hat sich anscheinend völlig normal entwickelt, irgend etwas Besonderes war 
nicht über ihn zu erfahren. Die ersten Nachrichten, die ich über die Patientin (ich 
möchte sie hier als solche bezeichnen; mit welchem Recht, das wird die weitere Dar¬ 
stellung zeigen) erhalten konnte, stammen aus deren 8. oder 9. Lebensjahre. Sie soll 
damals durchaus nichts Auffälliges geboten haben, nur wäre sie immer etwas verechlossco 
gewesen, habe wenig mit anderen Kindern gespielt. Mit zwölf Jahren hatte sie eine 
Schwärmerei für eine Lehrerin, worin ich noch nichts Krankhaftes sehen möchte, da wir 
Derartiges ja bei vielen Mädchen beobachten. Wie sich diese gezeigt hat und wie tief 
sie ging, darüber war nichts weiter festzustellen. Sie schloß sich nun an einige Mit¬ 
schülerinnen ziemlich eng an und war ihnen sehr zugetan. Sie hatte nach dein Urteil 
der Berichterstatterin einen ausgesprochenen Hang zum Romantischen, lief lange im Wald 
herum, begeisterte sich leicht für Pflanzen und Tiere; dabei hatte sie eine ausgesprochene 
Veranlagung zum Sentimentalen. 

Mit etwa 15 Jahren nun tritt eine erste wirkliche Liebe zu einer Frau auf: es ist 
ihre Zeichenlehrerin, die scheinbar allgemein sehr beliebt war. Nach der Aussage der 
Berichterstatterin haben alle Mädchen fast, die bei ihr Unterricht hatten, — es war nicht 
in der Schule, sondern in einem Atelier —, für sie geschwärmt. Die Patientin verliebte 
sich in diese Lehrerin, betete sie an, und damals hat sie die Anfangsbuchstaben des 
Namens der Lehrerin mit einem Messer in die Haut ihres linken Unterarmes eingeschnitten. 
Die Narben davon sollen noch zu sehen sein. Die Lehrerin merkte offenbar die starke 
Neigung des Mädchens, und nachdem sie sioh im Anfang die Liebesbeweise, kleine Ge- 
sohenke, Blumen, Gedichte usw. hatte gefallen lassen, wurde ihr dies später unangenehm, 
und sie schrieb an den Vater, er möchte seine Tochter doch nicht mehr zum Unterricht 
schicken. Der Vater war über diese ganze Angelegenheit, von der er nicht das geringste 
geahnt hatte, sehr erregt, stellte das Mädchen zur Rede; diese beschwor ihn. sie doch 
weiter bei der Lehrerin unterrichten zu lasseu und sie ging dann zu dieser selbst, um 
sie zu bitten, an ihren Stunden teilnehmen zu dürfen. Das wurde abgeiehnt. Der Erfolg 
war, daß das Mädchen einen schweren hysterischen Anfall in der Wohnung der Lehrerin 
bekam. Der Vater schickte sie nun in eine andere Stadt, wo sie die Lehrerin und ihre 
Liebe zu ihr scheinbar sehr rasch vergaß. Bis zum Abiturium bot sio keinerlei Störungen 
mehr, die Anfälle kehrten nicht wieder. Doch glaubt die Berichterstatterin gehört zu 
haben, daß die Patientin damals für eine Schauspielerin sehr geschwärmt habe; sie soll 
diese öfter aufgesucht und sich angeboten haben, ihr beim Lernen usw. zu helfen. Nach 
dem Examen bezog sie die Universität. Hier schloß sie sich im ersten Semester an eine 
Studentin sehr eng an, mit der sie viel zusammen war; sie zog dann während des Se¬ 
mesters in die Pension, wo jene wohnte. Es muß dann aber zum Bruch gekommen sein, 
denn die beiden trennten sich sehr bald wieder. 

Kurze Zeit darauf lernte sie eine junge Frau kennen, die einen großen Eindruck 
auf sie gemacht haben muß; als die Dame, welche die Frau eines Gutsbesitzers war, ab¬ 
reiste, korrespondierte sie sehr lange mit ihr, und als jene ihr einmal klagte, es wäre ihr 
nicht möglich, für ihr Töchterchen eine geeignete Erzieherin zu finden, bot sie sich als 
solche an, und als man nach einigen Ausflüchten an nahm, gab sie ihr Studium auf und 
ging zu der Dame. Was hier vorgefallen ist, konnte ich nicht in Erfahrung bringen; 
nur soviel steht fest, daß sie die Frau verfolgt hat und daß dies der Dame sowohl wie 
ihrem Manne unangenehm geworden ist; sie baten die Patientin dann, als alle Ausreden 
nichts nutzten, direkt, abzureisen. Es kam zu einem zweiten, sehr schweren hysterischen 
Anfall, der zur Unterbringung der Patientin in einem Sanatorium führte. Hier blieb sie 
etwa vier Wochen und ging dann wieder auf die Universität zurück. Sie lebte jetzt 
äußerst zurückgezogen, war in ihrem Wesen sehr zurückhaltend, und ging ihren Studien 
nach. Einmal freundete sie* sich mit einer Schauspielerin an, der sie nach der Ang^e 


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Zur Kenntnis der weiblichen Inversion. 


199 


der Referentin überaus gefällig war und der sie einmal die Wirtschaft führte, als ihr 
Mädchen einige Zeit erkrankt war. 

Sie unterbrach aber ihre Studien nicht wieder, sondern ging sogar an die Doktorarbeit 
In der Pension, in der sie wohnte, lernte sie eine junge Malerin kennen, die anscheinend 
in sexueller Hinsicht auch nicht völlig normal, d. h. nicht ausschließlich heterosexuell, 
empfand. Die beiden freundeten sieh sehr rasch an und waren, nach dem Urteil der 
Referentin, unzertrennlich. Als ich die Patientin kennen lernte, war sie auch mit der 
jungen Dame, die aber für mich durchaus nichts Auffallendes hatte — im Gegensatz zu 
der Patientin selbst — zusarameu. Diese Malerin ging nach München, und unsere Kranke 
unterbrach nun ganz einfach ihr Studium, ließ die nahezu vollkommen vollendete Doktor¬ 
arbeit im Stich, und reiste der Patientin nach. In München muß sie in sehr intimen 
Beziehungen zu der Malerin gestauden haben und war nach ihren Briefen, die über 
diese Beziehungen allerdings nichts enthielten, restlos glücklich. Nach einiger Zeit lernte 
die Malerin einen Herrn kennen, der scheinbar auf sie einen großen Eindruck machte, 
und sie vernachlässigte die Freundin nun etwas. Darüber kam es zu Eifersuchtsszenen, und 
schließlich zum Bruch der Freundschaft. Die Patientin machte der Malerin einen furcht¬ 
baren Auftritt, so daß diese sie aus dem Zimmer weisen wollte. Als die Patientin aber 
nicht ging, suchte die Malerin sie herauszudrängen; die Kranke bekam einen neuen 
hysterischen Anfall, der ungemein schwer gewesen sein muß, sie erholte sich aber bald 
wieder, und nun trat ein Dämmerzustand auf, in welchem die Kranke nach einer anderen 
Stadt reiste, hier ohne Mittel und mit getrübtem Bewußtsein aufgefunden wurde, ins 
Krankenhaus kam, wo sofort gauz schwere hysterische Aufälle, die von dem Arzt zunächst 
für epileptisch gehalten wurden, auftraten. Man benachrichtigte den Vater, der sofort 
kani, die Tochter holte und in ein Sanatorium brachte. Sehr schwere Anfälle wechselten 
mit Verwirrtheitszuständen ab, so daß die Überführung in eine geschlossene Anstalt 
notwendig wurde. Dort blieb die Kranke mehrere Wochen, erholte sich dann wieder, 
und wollte ihre Studien von neuem aufnehmen. Die Patientin litt sichtlich unter dem, 
was sie durcbgemacht hatte, war auffallend scheu und sprach sich nun der Referentin 
gegenüber ganz offen über ihren Zustand aus. Sie klagte, daß sie völlig anormal emp¬ 
finde; das sei ihr erst jetzt zum Bewußtsein gekommen, und diese Neigung sei,an ihrer 
ganzen Krankhoit schuld. Sie gab selber an, daß Männer ihr völlig gleichgültig waren 
und daß Frauen sie oftmals sehr interessierten, und daß sie sich geradezu in sie ver¬ 
lieben könne. Die Schuld an dieser Neigung schrieb sie aus nicht näher bekannten 
Gründen der Erziehuug durch die Mutter und den ganzen Einflüssen des Elternhauses zu. 

Wenn ich nun kurz zusammenfasse, so handelt es sich hier 
zweifellos um einen echten Fall von Inversion bei einer Frau. Schon 
relativ früh, in der Zeit der Pubertät, stellt sich bei der Patientin 
eine Lie]}e zu einer Lehrerin ein, die nicht erwidert wird; im An¬ 
schluß daran ein erster hysterischer Anfall, dann durchziehen 
weitere Liebschaften wie ein roter Faden das Leben der Kranken, 
und jedesmal im Anschluß an solche Erlebnisse treten schwere 
hysterische Anfälle auf. Die recht intelligente Patientin weiß, daß 
sie krank i$t, und bezieht die Krankheit auf die Inversion, während, 
nach unserer Anschauung wenigstens, beide, die Hysterie und die 
Inversion sich auf dem Boden einer krankhaften seelischen Ver¬ 
anlagung entwickelt haben. Die Kranke ist eine durchaus Willens¬ 
schwäche, energielose Person,'die unter dem Einfluß ihrer Neigung 
zu einer anderen Frau alles aufgibt, nur um ihren Neigungen zu 
leben. Auch sonst soll sie dem Leben und seinen Anforderungen 
nicht sehr gut gewachsen sein, leicht versagen, leicht die Flinte ins 
Korn werfen, von sehr labiler Stimmung sein, sehr launisch sein, 
viel Geld ausgeben, und zwar oft für Äußerlichkeiten. Ihr Wesen 
ist, wie ich schon sagte, etwas befangen, scheu. Im allgemeinen 
schließt sie sich schwer an. Zweifellos handelt es ich um einen 
psychisch minderwertigen Menschen. Ich selbst hatte leider nie 
Gelegenheit, mit ihr über ihr Leben zu sprechen, die Freundin, der 
ich die Schilderung verdanke, ist aber unbedingt zuverlässig. 


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200 


Erich Stern. 


Den zweiten Fall kenne ich näher aus eigener Anschauung. 

Als ich die Kranke kennen lernte, war sie 23 Jahre. Sie stammte aus guter 
Familie, auch hier waren Vater und Mutter geschieden. Die Mutter flimmerte sich 
recht wenig um das Kind, die das einzige war, und war viel auf Reisen. Den Vater 
kennt die Kranke nicht, aber er muß roh und gemein gewesen sein, wenigstens habe ihr 
das die Mutter immer so erzählt. Das Mädchen wurde in einem Stift aufgezogen und 
schloß sich hier anfangs an eine Reihe von Mädchen eng an. Sie war nach der Schilde¬ 
rung der Mutter sehr verlogen, und es- kamen ständig Klagen über die Patientin. Sie 
war faul, wollte nichts tun, machte ihre Hausarbeiten nicht, ' ihr Bett sah immer un¬ 
ordentlich aus, sie hielt ihre Sachen schlecht, neigte dazu, andere Kinder aus dem Wege zu 
schieben, wenn sie irgend etwas erreichen wollte. Mit einem Dienstmädchen des Stiftes 
freundete sie sich an und hetzte diese gegen die Vorsteherin auf. Das ging so bis etwa 
zum 16. Lebensjahr. Dann wurde sio plötzlich anders, sie hielt viel auf ihr Außeres, 
wurde eitel, putzsüchtig, blieb dabei aber sehr rücksichtslos. Freundinnen hatte sie 
nicht, man mochte sie wegen ihres rechthaberischen Wesens nicht leiden. Sie sollte 
einen Beruf ergreifen, sie fing einen Handelsknrsus an, hörte aber mitten drin auf, dann 
ging sie in eine Haushaushaltungsschule, nach fünf Wochen hatte sie auch dazu keine 
Lust mehr, und man gab sie nun aufs Land, wo sie die Wirtschaft lernen sollte. Hier 
tat sie aber auch nichts, alles war ihr zu schmutzig, und so mußte man sie wieder fort- 
nehmen. Von jetzt ab war überhaupt nichts mehr mit ihr anzufangen; sie hielt nirgends — 
man versuchte es noch einige Male, sie im Hause, auf dem Lande, bei Kindern usw. 
unterzubringen — aus, verließ ohne Ursache und ohne Angabe des Grundes immer 
wieder ihre Stellung. Mit 21 Jahren nahm die Großmutter mütterlicherseits die Patientin 
zu sich ins Haus; hier betrug sie sich in der ersten Zeit recht gut, half der alten Dame 
im Haushalt, beim Nähen usw.; nach etwa vier Wochen lief sie wieder fort. Der Gro߬ 
mutter, die sehr religiös war, widerstrebte es, das Mädchen wieder zu sich zu nehmen, 
und sie brachte es in ein frommes Stift, nachdem die Patientin auf Antrag der Gro߬ 
mutter entmündigt worden war. In diesem Stift vollzog sich ein merkwürdiger Wandel 
mit der Kranken; sie wurde mit einem Male sehr ordentlich, überaus eitel, legte Wert 
auf ihre Kloidung, was sie früher nie getan hatte; sie beschäftigte sich im Hause, half 
den Schwestern, insbesondere fiel auf, daß sie einer Schwester immer gorn gefällig war, 
danach strebte, immer ihr zu helfen, da zu sein, wo sie war. Im Anfang sah man daran 
nichts Besonderes, da diese Schwester sich überhaupt einer allgemeinen Beliebtheit bei 
den Zöglingen erfreute. Dann aber fiel auf. daß die Kranke die Sachen, welche die 
Großmutter ihr schickte oder bei Besuchen mitbrachte, der Schwester aufdrängen wollte. 
Einen Teil der Sachen verkaufte sie gelegentlich, kaufte für das Geld Blumen, welche 
sie der Schwester ins Zimmer stellte, ohno zu sagen, daß die Blumen von ihr stammten. 
Man erfuhr dies jedoch bald, und die Schwester stellte sie zur Rede; sie bat die Schwester 
um Verzeihung, fiel ihr um den Hals, suchte sie an sich zu drücken und zu küssen. 
Man verwies ihr das. ln der kommenden Nacht blieb sie nicht in ihrem B«tt, sondern 
legte sich vor das Zimmer der Schwester und blieb die ganze Nacht hindurch dort liegen. 
Ala die Schwester am Morgen ihr Zimmer verließ, sprang sie auf, suchte die Schwester 
zu umarmen, faßte nach ihren Brüsten, und die # Schwester hatte Mühe, sie zu entfernen. 
Als sich derartige Szenen wiederholten, wurde die Patientin aus dem Stift entfernt; 
zunächst nahm sie die Großmutter wieder nach Hause, aber schon am ersten Abend lief 
sie fort und und trieb sich in der Umgebung, teils direkt vor dem Stift herum, immer 
in der Hoffnung, dio geliebte Schwester zu treffen. Als ihr dies eines Abends gelang, 
stürzte sie auf die Schwester zu, die sie nur mit Mühe von sich fernhalten konnte. 
Da die Angehörigen sich nicht zu helfen wußten, brachten sie die Patientin in eine 
Irrenanstalt. Sie wies deutlich degenerative Züge auf, litt unter allen möglichen Zwangs¬ 
vorstellungen, scheinbar traten auch Halluzinationen auf, dio sie aber in Abrede stellte: 
das ganze Verhalten machte den Eindruck oiner larvierten Dementia praecox. Die An¬ 
gehörigen nahmen die Patientin auf ihr dauerndes Bitten und auf die Versprechung hin, 
sich bessern zu wollen, aus der Anstalt. 

Fassen wir auch diesen Fall noch einmal kurz zusammen: auch 
hier handelt es sich zweifellos um einen Fall von echter Inversion 
bei einer Frau. Die Kranke stammt aus einer zweifellos schwer be¬ 
lasteten Familie. Sie selbst bot in der Jugend zahlreiche psycho¬ 
pathische Züge. Mit Beginn der Pubertät entwickelt sich bei ihr 
deutlich die sexuelle Einstellung auf das eigene Geschlecht. Die 
Kranke neigt zweifellos zum Vagabundieren, ist überaus unbestän- 


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Zur Kenntnis der weiblichen Inversion. 201 


dig, schwankend in ihrem ganzen Lehen, willensschwach, sofern sich 
nicht sexuelle Motive als richtunggebend erweisen. Ihre Sexualität 
ist sehr stark ausgeprägt, sie richtet sich auf eine Schwester, von 
•der allgemein behauptet wird, daß sie sich der Beliebtheit ihrer 
Zöglinge erfreut und auf sie einen großen Einfluß ausübt. Zweifel¬ 
los handelt es sich hier um ein psychisch krankes Individuum, bei 
dem die sexuelle Inversion nur einen Teil der allgemeinen psychi¬ 
schen Krankheit bildet. 

Ganz kurz kann ich noch über einen dritten Fall berichten. 

Die betreffende Daine ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie soll aber mit ihrem 
Manne nicht sehr glücklich leben. Ohne Zweifel handfeit es sich um eine schwer hysterische 
Person; sie ist überaus eitel und putzsüchtig, neigt zu Verschwendung, sucht sich überall 
in den Vordergrund zu drängen, aufzufallen, gibt sich selbst in ihrer Kleidung und in 
ihrem ganzen Auftreten einen halbweltartigen Anstrich, ln ihrem ganzen Auftreten hat 
sie bei alledem etwas Unweibliches; auch ihre Stimme ist auffallend herb. Diese Dame 
hat nun seit langen Zeiten ständig irgendwelche engeren, über das Maß des Gewöhn¬ 
lichen hinausgehenden Beziehungen zu anderen, meist wesentlich jüngeren Damen. 
Allerdings scheinen diese mehr rein psychischer Natur zu sein; aber man kann ohne 
Zweifel hier von Liebe und Eifersucht reden. Männern gegenüber, auch dem eigenen 
Ehemann gegenüber, ist sie sehr kühl. Zurzeit hat sie Beziehungen zu einer kleinen 
Choristin: diese lernte sie auf irgendeinem Wohltätigkeitsfest kennen, fand Gefallen an 
ihr, lud sie zu sich ein und unter dem Vorwände, sie habe Talent, sie wolle sie weiter 
ausbilden lassen, unterstützte sie sie mit Geld und allem möglichen anderen. Sie nahm 
dann das Mädchen zu sich ins Haus und betreute sie hier mit einer unglaublichen Liebe; sie 
mußte sie ständig um sich haben, nahm sie überall hin mit. Das Mädchen war auf¬ 
fallend schön und es fanden sich bald eine große Anzahl von Herren, die sich für sie 
interessierten; aber die Patientin wußte alle Annäherungsversuche zu hintertreiben, um 
das Mädchen ganz bei und für sich zu behalten. Einmal kam es zwischen den beiden 
Frauen zu einem Auftritt; das Mädchen war ängstlich und schüchtern, gab zu, den be¬ 
treffenden Mann nicht zu lieben, alles renkte sich wieder ein. Die Patientin erwähnte 
ihre Liebe dem Mädchen gegenüber nie; was sie sagte und tat, geschah unter irgend¬ 
einem anderen Vorwand; aber das Mädchen hatte oft eiu merkwürdig peinliches Gefühl, 
ohne es eigentlich' deuten zu können. 

Auch hier handelt es sieh meines Erachtens um einen Fall von 
Inversion. Daß die Patientin verheiratet ist und Kinder hat, darf 
darüber nicht hinwegtäuschen, finden wir das doch auch hei männ¬ 
lichen Invertierten nicht selten. Auch hier handelt es sich ohne 
jeden Zweifel um eine kranke, eine schwer hysterische Person, die 
allzu deutlich zahlreiche Zeichen der seelischen Eigenart der Hyste¬ 
rischen besitzt, als daß der Sachkundige sie verkennen könnte. Ihr 
ganzes Handeln ist beherrscht von ihren sexuellen, besser hier viel¬ 
leicht erotischen Trieben, die sich auf das eigene Geschlecht be¬ 
ziehen. Bei Männern findet die Patientin wenig Liebe; Frauen weiß 
sie aber oft vollkommen in ihre Gewalt zu bringen; das Mädchen, 
von dem wir hier berichtet haben, beherrschte sie vollkommen. 

Die hier berichteten Fälle zeigen deutlich, daß wir auch bei 
der Frau von einer sexuellen Inversion reden 
können; in den von uns geschilderten Fällen handelt es sich um 
weibliche Invertierte, in den beiden ersten Fällen um reine 
Fälle, während man über die Reinheit im dritten Fall im unklaren 
sein kann. Alle drei sind psychisch schwer alterierte In¬ 
dividuen, hei denen die invertierte Sexualität nur 
ein Symptom der psychischen Störung bedeutet. Wir 
stehen, im Gegensatz zu den von Blüher propagierten Anschauungen, 
auf dem Standpunkt, daß die sexuelle Inversion stets ein 


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202 


Kleinere Mitteilungen. Anregungen und Erörterungen. 


Zeichen psychischer Erkrankung darstellt, das seine 
organische Ursache wahrscheinlich in innersekretorischen Störungen 
der sog. Pubertätsdrüse (Steinach) hat. 


Kleinere Mitteilungen, Anregungen und 
Erörterungen *). 

Der Familiengerichtshof. 

Von Dr. H. F e h 1 i n g e r. 

Nach „Sozial Hygiene“, Bd. 6, Heft 1, sprach auf der Nationalkonferenz der jüdi¬ 
schen sozialen Helfer, die 1919 in Atlantic City stattfand, W. H. Liebman über die 
Notwendigkeit von Familiengerichtshöfen. Nach einem Vorschlag, den früher Richter 
Hoffmann gemacht hatte, und dem L. beistimmt, sollen diese Gerichte entscheiden in 
Fällen betreffend: 1. Entlaufen und Unterlassen der Unterhaltsgewährung; 2 . Vater¬ 
schaf tsangelegenhciten; 3. Fürsorge und Behandlung delinquenter Kinder, Strafver¬ 
folgung Erwachsener, die an Vergehen und Verbrechen von Kindern Schuld tragen, 
sowie andere nun den Jugendgerichten zukommende Fälle; 4. Kindsannahme und Vor¬ 
mundschaft; 5. Scheidungs- und Alimentationsangelegenheiten. Die Familiengerichts- 
höfe sollen befugt sein, alle erforderlichen ärztlichen, sozialen, psychologischen und 
sonstigen Erhebungen durchzuführen, psychopathische Laboratorien zu unterhalten usw. 
Verhandlungen, die Kinder und intime Familiendinge betreffen, sollen geheim geführt 
werden. Solche Gerichtshöfe sind notwendig, weil nicht die Person, sondern die Familie 
die zugrundeliegende Einheit der Gesellschaft ist. (Je nachdem, wie man die Sache 
auffaßt!) Die Behandlung der angeführten Probleme als persönliche Angelegenheiten 
führt zu Verwirrung und sozialer Verschwendung. Die neue Einrichtung sollte, ob¬ 
gleich Gericht benannt, als ein wesentlicher Bestandteil des sozialen Hilfssystems wirken, 
so zwar, daß die erste Berührung des Klägers wie des Beklagten nicht mit einem richter¬ 
lichen Beamten, sondern mit einem sozialen Heller erfolgt, der Erfahrung, Urteilsfähig¬ 
keit und Takt verdient. (Das ist ein Gedanke, der verdient, festgehalten zu werden!) 
Soweit nur immer möglich, ist jeder Fall ohne förmliches gerichtliches Verfahren zu 
erledigen. So war es bisher beim „Nationalen Desertionsbureau“: von allen! Fällen, 
welche dieses bisher behandelte, führten 75 Proz. ohne Gerichtsverfahren zur Wieder¬ 
versöhnung der Ehegatten oder zur freiwilligen Verpflichtung des Ehemannes, seine 
Frau zu erhalten. Bloß w r enn alle andern Mittel versagen, wird das Gericht angerufen. 
Auch vor der häufigen Anwendung des Probationssystems, warnt Liebman, weil die Be¬ 
rührung mit dem Probat ionsbeamten (der die bedingt Freigesprochenen beaufsichtigt) 
als Schande und Entwürdigung empfunden wird, die vermieden werden kann, wenn im 
Familiengerichtshof eine Autorität geschaffen wird, die nicht nach Polizei riecht. Nur 
wo Güte nichts nutzt, wo es sich um lasterhafte und beharrliche Verächter des Wohles 
seiner Angehörigen handelt, ist das Einschreiten eines ordentlichen Gerichts am Platz. 
(Wir wünschen den Amerikanern viele Bürger, die so wie Liebman denken!) 


Geschlechtskrankheiten in Australien. 

- Von Dr. H. F e li 1 i n g e r. 

Dr. Crumpston, Direktor des Quarantänedienstes, teilt in einer Schrift „Veneral 
Disease in Australia“ mit, daß die Bundesregierung von Australien verfassungmäßig 
nicht berechtigt ist. Gesetze zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten zu erlassen, 
außer solche Maßnahmen, die mit der Wanderung von einem australischen Staat in 
den anderen, oder mit überseewanderungeil, in Zusammenhang stehen. In vier Staaten 
des australischen Bundes, nämlich in Westaustralien, Victoria, Tasmanien und Queens¬ 
land, bestehen in den Hauptpunkten ähnliche Gesetze, welche 1. für die Behandlung 
der Geschlechtskrankheiten qualifizierte Arzte allein l>erufen erklären und Kurpfuscherei 


*) Für die in dieser Rubrik erscheinenden Aufsätze übernimmt die Schriftleitung 
ein für allemal keine andere als die preßgesetzliche Verantwortung! 


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Sexual wissenschaftliche Rundschau 


203 


unter Strafe stellen; 2. die erkrankten Personen zur Inanspruchnahme ärztlichen Bei¬ 
standes bis zur Gesundung verpflichten; 3. die übergäbe einer Aufklärungsschrift seitens 
eines jeden Arztes an jede bei ihm in Behandlung! tretende geschlechtskranke Person 
vorsehen, und 4. die Ärzte zur Anzeigeerstattung verpflichten. In der Anzeige werden 
aber Name und Adresse des Patienten nicht genannt, sondern nur Alter, Geschlecht, Art 
der Krankheit usw. — In einigen Staaten ist die Verständigung von Ehekandidaten von 
seiten der Ärzte (Hier Behörden vorgesehen, falls der für die Eheschließung in Betracht 
kommende Partner geschlechtskrank ist. Nach den Anzeigen berechnet, treffen auf 
100 000 Einwohner Behandlungsfälle im Staat Westaustralien: Syphilis 113, Tripper 350. 
in Victoria 164 und 381. (Nach Soc. Hygiene, VI. S. 133—138.) 


Sexualwissenschaftliche Rundschau. 

Zur Frage der Homosexualität. 

Im Verein für wissenschaftliche Heilkunde zu Königsberg i. Pr. hat (laut offiziellem 
Protokoll in der D. med. Woch. 1920, Nr. 32) Dr. K lie ne berge r einen 15 jährigen 
psychopathischen Schüler demonstriert, der, vielleicht auch aus Abenteuerlust, in der 
Hauptsache aber nach Verübung einer Reihe von Schwindeleien aus Furcht vor Strafe 
triebartig von Hause fortlief, in Berlin in die Hände gewissenloser Homosexueller fiel, sich 
selbst homosexuell betätigte (inter femora) und jetzt durcliaus als ein originärer Homo¬ 
sexueller imponiert. Die genaue Anamnese und Untersuchung erweise aber den Fall als 
Musterbeispiel einer durch Verführung bedingten Homosexu¬ 
alität. 


Die Persönlichkeit der Prostituierten. 

In der Medizinisch-wissenschaftlichen Vereinigung an der Universität Köln bat (nach 
dem Referate in der Münch, med. Woch. v. 30. Juli* 1920) Dr. Kurt Schneider über 
seine Erhebungen über die Wesensart der Durchschnittsprostituierten be¬ 
richtet. Seine Untersuchungen betreffen 70 eingeschriebene, 1913 und 1914 zur 
Zwangsbehandlung in die Kölner dermatologische Klinik zugewiesene Dirnen. Es wurde 
über jede einzelne das gesamte itn Laufe ihres Lebens über sie erwachsene Aktenmaterial 
herangezogen und außerdem jede eingehend psychologisch untersucht. Die Gruppierung 
ist rein charakterologisch. 

Der erste Gesichtspunkt, nach dem das Material eingeteilt wird, ist der des Tempera¬ 
ments. Die ruhige, phlegmatische und die unruhige, sanguinische Prostituierte ist ein 
Typ, der ohne weiteres ins Auge fällt. An der Hand der Charakterologie von Klag es 
wurde der Begriff des Temperaments näher bestimmt. Die ersten Untergruppen ergibt 
wieder die Erfahrung: e-s sind die Typen der Erregbaren, Explosiven, der Aktiven, die sich 
durch besondere Geschlossenheit und Zielstrebigkeit des Willens auszeichnen, und der Sen¬ 
sitiven, Zaghaften. Weichen. Die Beziehungen dieser Typen zu den K r e t s chm er scheu 
primitiven, expansiven und sensitiven Charakteren und Reaklionsfortnen wurden gestreift. 
Eine weitere Untergruppe ergibt die Frage nach dem Bestehen eines Intelligenzdefektes. 
Es bildeten sieh so 16 Typen, die aber tatsächlich nicht sämtlich vertreten waren; so 
fehlten begreiflicherweise unruhige Sensitive und schwachsinnige Sensitive. Die Zahlen 
waren folgende: einfach Ruhige 8; einfach Ruhige mit Schwachsinn 24; erregbare 
Ruhige 6: erregbare Ruhige mit Schwachsinn 2; aktive Ruhige 2; aktive Ruhige mit 
Schwachsinn 1? sensitive Ruhige 5: einfach Unruhige 6; einfach Unruhige mit Schwach¬ 
sinn 9; erregbare Unruhige 1; erregbare Unruhige mit Schwachsinn 2; aktive Unruhige 4. 

Es wurden dann die Persönlichkeiten durch die einzelnen Lebensabschnitte hindurch 
verfolgt, wobei eine Trennung von den Schicksalen nicht möglich ist. Der Beginn der 
Prostitution fiel vorzüglich in das 18. bis 20. Jahr. Bei der Frage, wie es kam, daß diese 
Mädchen Prostituierte wurden, ist der Anlaß von den tieferen Bedingungen zu unter¬ 
scheiden: im einzelnen darf nicht gefragt werden: Anlage oder Milieu? sondern: inwie¬ 
weit Anlage und inwieweit Milieu? Es wurden zuerst die äußeren Faktoren („Schicksals¬ 
faktoren“) besprochen, die vielleicht wirksam waren, häusliches Milieu und spätere Schick¬ 
sale, dann die inneren Faktoren („Anlagefaktoren“), unter denen Faulheit, die Einstellung 
zum Geld, Putzsucht weitaus obenanstehen, die Erotik anscheinend nur selten eine Rolle 
spielt. Es wurde dann gefragt, welche dieser Faktoren tatsächliche Koeffizienten waren. 
Zwischen den Extremen, dem reinen Schicksalstyp, der nirgends gefunden wurde, und dem 


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Buchbesprechungen 


204 


reinen Anlagetyp steht der Mi sehtyp, der vielleicht nie ganz auszuschließen ist. Der An¬ 
lagetyp hat zwei Unterformen: die Bewußte und die Widerstandslosen. Die Einordnung 
der 70 ergab 35 rein Bewußte, 7 Bewußte, bei denen jedoch äußere Koeffizienten außer¬ 
dem wahrscheinlich waren, 17 rein Widerstandslose und 11 Widerstandslose mit äußeren 
Koeffizienten. Die Beziehungen der Koeffizientenlypen zu den charakterologischen Typen 
wurden klargelegt. 

Die Gesamtkriminalität umfaßt, wenn man von den Unzuchtsstrafen absieht, nur 
52 Strafen, die auf 25 Mädchen fallen. Die Stellung zum Kind, zum Geschlechtsleben, zum 
Beruf, zur Religion und zur Umkehr wurde eingehend behandelt, und zwar durchweg an 
der Hand von sehr reichlich gesammelten Aussprüchen der Mädchen. 


Buchbesprechungen. 

1) Hurwicz, Elias: Die Seelen der Yttlker, Ihre Eigenarten nnd Bedeutung lm 
Ydlkerleben. Ideen zu einer Völkerpsychologie. Gotha 1920. Verlag Friedrich 
Andreas Perthes A.-G. 

Von Dr. S. R. Steinmetz, ord. Prof. a. d. Univ. Amsterdam. 

Es ist mir eine Freude, das gedankenreiche, sehr anregende Buch Dr. Hurwicz* hier zu 
besprechen, weil es m. E. wirklich geeignet ist, das positive Studium der betr. Probleme • 
zu fördern. Es ist nicht bloß Literatur, wie es auf diesem Gebiete so oft der Fall. Die 
Aufgabe unserer Zeit ist hier gerade, den großen Schritt von der Literatur, den schön 
geistigen Einfällen und tiefsinnigen Betrachtungen zur positiven, methodisch arbeitenden 
und regelmäßig fortschreitenden Wissenschaft zu tun. Bis jetzt fehlte es an jeder Ein 
führung, an Prolegomena für derartige Untersuchungen. Hurwicz’ ausgezeichnete Schrift 
kann als solche gelten. — - obwohl nicht ganz! 

Im Sinne der heutigen speziellen oder differenziellen Psychologie faßt er den 
Gegenstand als die seelischen Differenzen der Völker auf: das einzig Richtige! Die Völker 
Psychologie im Sinne Steinthnls und Wundts hat hiertnit gar nichts zu schaffen. Die 
Frage ist: wie unterscheiden sich die Völker psychisch voneinander, was sie doch so gut 
wie die Individuen communi consensu tun. Wissenschaftlich muß hier eigentlich alle 
Arbeit erst anfangen; w*as bis jetzt geschah, war weiter nichts als Vorarbeit. Der Ver¬ 
fasser schätzt in. E. die bisherigen psychologischen Völkerbeschreibungen, auch die 
lesseren, wie Bontmy, Fouiliee. Schmitz u. a.. zu hoch ein: über die Russen und die 
Japaner wurden wohl die besten Arbeiten geliefert, obwohl Lucia Frost, Nötzel, Stransky 
gewiß bewundernswert sind. Allen Versuchen, eine Volksseele zu 'be¬ 
schreiben. ihre Züge fest zu Stollen, fehlt die methodische, 
p o s i t i v e Forschung, die induktive Kontrolle der Hypothesen, 
welche dementsprechend noch mehr Behauptungen, Einfälle sind: es wird nie ver¬ 
sucht, auch z u beweisen, was tu a n über eint* Volksseele aus- 

gesagt hat. Die Volks- oder Kollektiv-Psychogramme werden noch zu literarisch 

entworfen, noch nicht als Resultat tiefer und langer Arbeiten gedacht. Die Methode, 
wie man dies*machen soll, womit die Sache doch erst und allein zur Wissenschaft wird, 
wurde noch kaum erörtert, leider auch nicht genügend von Hurwicz. Einige Andeutungen 
habe ich in „Die Grenzboten“. 1911, „Die Begabung der Rassen und Völker“ zu geben 
versucht. 

Bei der Prüfung der Hypothesen zur Erklärung angeblicher Volkscharaktere wird 
die Vergleichung zu wenig verwendet. Graf Keßler führt in seinem schönen Buche den 
Gharakter der Mexikaner auf das tropische Klima zurück; haben nun alle tropischen 

Völker denselben Charakter? Viel zu selten wurde versucht, eine derartige Hypothese 

<1 u r c h z u f ü h r e n. So ein Gedanke w ird bloß aufgeworfen, und es bleib! dabei! 

Auch Hurwicz macht sich wenig aus den historischen Änderungen eines Volks- 
charakters. Die alten Germanen waren gewiß nicht w f ie die heutigen Deutschen, von 
allem Äußerlichen abgesehen, aber auch die des letzten halben Jahrhunderts nicht wie 
die des 18ten. Was ist nun der deutsche Volkscharakter eigentlich? Und dies gilt für 
alle Völker. Hurwicz gibt uns keine genügende Anleitung, uns hiermit aus'dnanderzu- 
setzen. 

Bei den vom Verfasser gegebenen Volkscharakterbesehreibungen fehlt das Bestreben 
festzustellen. ob das Gesagte auch wirklich, und in welchem Maße der Fall ist. Also: wenn 
die Deutschen bei ihm und bei Stransky als extrem individualistisch gelten, so sollte doch 
untersucht werden, oh das in allen ihren Lebensäußerungen zutrifft; die leichte und 


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Buchbesprechungen. 


205 


gelungene Durchführung der militärischen, sozialistischen, gewerkschaftlichen, kirch¬ 
lichen Organisation, die hohe Entwickelung der Großbetriebe und der Trusts setzen doch 
keinen so großen Individualismus voraus. Wie reimt sich das zusammen? Im übrigens 
ebenfalls sehr anregenden 0. Kapitel über die „geistigen Dispositionen der Völker“ traf 
ich zu wenig Kritik an, auch« keine Hinweise auf ihre dringende Notwendigkeit. 

Auffallend ist wohl der geringe Anschluß an die Ergebnisse und Formulierungen 
der individuellen Spezialpsychologie; der Versuch, die verschiedenen Aussagen auf ihre 
Klassifikationen /urückzuführen fehlt fast ganz und scheint mir doch in hohem Grade 
erwünscht. Und ebensowenig wird immer versucht, die verschiedenen Züge eines 
Volkscharakters miteinander psychologisch in Einklang zu bringen, durch tiefere Analyse 
auf ihre gemeinsamen Grundzüge, wenn möglich, zurückzuführen. 

Wenn ich schließlich noch einen Wunsch aussprechen dürfte, so wäre es der nach 
systematischer Anweisung, wie die heutigen Aufgaben der speziellen Völkerpsychologie 
zu erfüllen seien, wie das eigentliche Forschungswerk hier faktisch und praktisch in An¬ 
griff genommen werden soll. 

Besonders gelobt zu werden in Hurwicz’ Arbeit verdient der ausnehmend weite, 
vorurteilsfreie, objektive Blick, und ebenso die seltene Kenntnis der Literatur, aüch der 
fremden. Möge das Buch viel gelesen und studiert werden! 


2) Kickh, Adolf: Sexuelle und Alkoholfrage. Abhandlungen aus dem Gebiete der 
Sexual forsch ung. Bonn. A. Marcus & E. Webers Verlag. 7 Mk. 

Von Dr. med. Kurt Kinkenrath. 

Sind die pharmakodynatnischen und psychischen Wirkungen der Alkoholvergiftung 
auf Grund einwandfreier wissenschaftlicher Untersuchungsreihen oinigermatien klar¬ 
gestellt, so kann dies Urteil nicht in dem Umfange auch für die Alkoholwirkungen auf 
die Keimdrüsen und somit die Nachkommenschaft gelten. Es ist daher ein sehr schwie¬ 
riges Unterfangen, die Beziehungen zwischen Alkohol und Sexualität an Hand patho¬ 
logisch - anatomischer Veränderungen beweisen zu wollen. Die Statistiken arbeiten 
meist mit zu kleinen Zahlen. Den Mangel der bisherigen Versuche, die keimschä¬ 
digende Wirkung selbst geringer Alkoholmengen, zweifelsfrei zu beweisen, verschließt 
sich auch Kickh nicht. Seine zur Stützung seiner Ansicht von der schädlichen Wir¬ 
kung des Alkohols auf die Gattung herangezogenen Laienbehauptungen sind ergänzbar 
durch ähnliche Aussprüche von Hippokrates, Plato und manchen Beligionsstiftern. 
Es scheint zweifelsfrei, daß hinter all diesen Beobachtungen ein gut Teil Wahrheit 
steckt. Aber dei wissenschaftlichen Beurteilung genügen diese Äußerungen nicht. Kickh 
behauptet demgegenüber mit vollem Hecht, nicht alle Angelegenheiton des I^ebens 
lassen sich wissenschaftlich einwandfrei ausdeuten, und dennoch müssen wir uns 
hier entscheiden, ln der Alkoholfrage deuten zahllose Beobachtungen darauf hin. daß 
Alkoholgenuß und Trinksitten, abgesehen von dem sozialen Elend, gerade auch auf 
sexuellem Gebiete ungeheuer schädlich wirken. Dieses wird im einzelnen näher aus¬ 
geführt. Es gilt dem Verfasser, in einer von edelster Vaterlandsliebe getragenen Ge¬ 
sinnung weiten Kreisen hier ein Gefahrenfeld zu zeigen, aus den» wir uns herausretten 
müssen. Besonders wertvoll erscheint mir, daß Kickh sich die meiste Hilfe im Kampf 
gegen die Trinkunsitte von religiösen oder, sagen wir, gefühlsbetonten seelischen Kräften 
verspricht. Die lebhafte, teilweise begeisternd gehaltene Schrift dürfte vielen, denen 
das Ziel reinerer Sitten oder zumindest verantwortungsvollerer Lebensgesinnungen vor¬ 
schwebt. das Ineinandergewachsensein dieser Fragen zeigen. 


3) Sommer, G.: Geistige Veranlagung und Vererbung. 

Teubner. 


Von l)r. M a x Marcu s e. 


2. Aufl. I/eipzig 1919. 


B. 0. 


Das Erscheinen der 2. Auflage gibt Anlaß, die Schrift allen an diesem Thema 
Interessierten, aber darüber noch nicht genügend Orientierten auf das Dringlichste zu 
empfehlen. Die Darstellung ist ein Muster ebenso gründlicher wie anregender Didaktik. 
Darüber hinauf liegt hier eine wissenschaftlich belangvolle Arbeit vor. Sie beruht auf 
dem Gedanken einer grundsätzlichen Verschiedenheit des körperlichen und psychischen 
Vererbungsganges, -- nicht im Sinne eines naiven Dualismus, aber doch im Gegensatz 
zu einem nicht minder naiven spiritualistisehen oder materialistischen Monismus. Die 
Anschauungen und Begründungen des Verfassers stimmen im wesentlichen mit den¬ 
jenigen überein, die meine unter dem Titel „Das Psychische und die Eugenik“ in dieser 
Zeitschrift (1919. April) mit Schallmayer geführte Polemik geleitet hatten. Bei der 


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200 Buchbesprechungen. 


Einsicht in die seelischen Vererbungs-Bedingungen und -Vorgänge gilt es vor allem, 
das „Keimgut“ von dem „Uberliefcrungsgut“ abzugrenzen, wobei natürlich Einigkeit 
über den Begriff „Seele“ vorausgesetzt ist. Ohne seine metaphysische Betrachtung zu 
berühren, setzt Sommer „Seele“ gleich einer Summe von Dispositionen oder besser 
einem durch unzählige Beziehungen verknüpften Komplex von Dispositionen, „Disposi¬ 
tionen“ im psychologisehen Sinne der hypothetischen Möglichkeiten des psychischen 
Geschehens genommen, nicht im physiologischen Sinne von vorstellbaren Anlagen zu 
bestimmten Funktionen. Selbst nicht etwa „Ding“, sondern unräumlich und Stoff 
los, ist die Seele nicht ohne Leib denkbar. Erst das körperliche Substrat gibt der 
Seele die Möglichkeit des Seins und Wirkens, und insoweit bedeutet psychische Ver¬ 
erbung die Vererbung der Form und der Funktionen der nenösen Organe unseres 
Körpers. Diese Vererbung wird exakt und anschaulich geschildert; namentlich die Be¬ 
ziehungen von Großhirn, Kleinhirn, Rückenmark und Sympathikus-System zum Psy¬ 
chischen und ihre artlichen, familiären und ethnischen Besonderheiten als das materielle 
Substrat eingeborener geistiger Anlagen werden in einprägender und fesselnder Form 
aufgezeigt. — Ein eigener Abschnitt beleuchtet die Bedeutung des Geschlechtsunterschie¬ 
des für die Vererbung psychischer Eigenschaften: Bei jeder Zergliederung der ererbten 
psychischen Konstitution bleibt zu beachten, daß von den beiden Nervensystemen, die 
die beiden materiellen Substrate der beiden elterlichen Seelen bildeten, das eine männ¬ 
lich, das andere weiblich orientiert war, und daß es etwas anderes ist, ob ein Kind 
die oder die Eigenschaft von der Mutter oder ob es dieselbe vom Vater geerbt hat; 
denn der Geschlechtscharakter durchwallt den ganzen Menschen, und nur unter dieser 
Voraussetzung habe die Aufzählung väterlicher und mütterlicher Erbteile einen Wert. 
Dieser Gedanke leitet S. zu dem Versuch ülmr, ein Bild von der seelischen Konstitu¬ 
tion zu entwerfen, wie sic dem normalen Durchschnitt der Menschen zukommt, wobei 
er zunächst der Methode und dem Ergebnis der Heymans-Wierstnaschen Erhebung 
folgt, die eine annähernde Bestätigung des bekannten Schopenhauerschen Satzes er¬ 
brachte: „Vom Vater die Moral und von der Mutter den Intellekt.“ Unter seinen wei¬ 
teren gruppen- und individual-psycluilogischen Darstellungen sehen wir dann die erb¬ 
liche Konstitution der Psyche allmählich sich aufhauen, und wir erkennen, wie die Seele 
eine Entwicklung nimmt, die eine Parallelisierung — ganz zu schweigen von einer 
Identifizierung —< materieller und psychischer Vorgänge ad absurdum führt. Bewußt¬ 
seinselemente, innere Erlebnisse treten auf, — und zwar in erblich ähnlichen Lebens¬ 
abschnitten wie bei den Vorfahren —, die eine völlige Emanzipation des Seelenlebens 
von dem Körperlichen nahezulegen scheinen, und es gibt keine Möglichkeit, solcher 
geistigen Ähnlichkeit, die dennoch irgendwie Vererbungsresultat sein muß, eine ver¬ 
erbte Ähnlichkeit physiologisch - morphologischer Art an die Seite zu stellen. Aber 
wenn die Tatsache der Erblichkeit psychischer Eigenschaften beschrieben werden soll, 
$o bleiben wir wohl auf den Sprachgebrauch der Erbkunde angewiesen, der nur ataf 
sinnlich wahrnehmbare Objekte wie Augenfarbe, Körperhaltung, Hirnwindungen usw. 
Bezug hat, und müssen die Seele des Individuums als ein Kreuzungsprodukt der beiden 
elterlichen Psychen betrachten, wobei den sogenannten Korrelationen, den gegenseitigen 
Abhängigkeiten der Erbfaktoren und Verkoppelungen von Merkmalen, eine ganz un¬ 
geheure, aber völlig unübersehbare Bedeutung für die Entwicklung der speziellen 
psychischen Merkmale zugewiesen werden muß. Diese besonderen geistig-seelischen An¬ 
lagen und die Gesetzmäßigkeiten, die ihrem Erbgange die Richtschnur w’eisen, be¬ 
leuchtet S. in den Abschnitten „Der Instinkt und die Sprache“ und „Begabung, Talent 
und Genie“. Hier beginnt der planmäßige Versuch, die Grenze zwischen Keiragut und 
Uberlieferungsgut aufzufinden und abzustecken, und die gedankenreichen und lebendigen 
Auseinandersetzungen, die ihr Material dem Alltag und der Geschichte, der Natur und 
der Kultur entnehmen, die vererbungswissenschaftliche und genealogische Literatur 
ebenso weitgehend wie sorgfältig verwerten, leiten zu der entscheidenden Frage über, 
ob im Individualleben erworbene Eigenschaften der Psyche vererbt werden können. 
Auf der Grundlage einer kritischen Betrachtung der Mendelsehen Regeln und ihrer Be¬ 
ziehung zur psychischen Vererbung behandelt S. das Problem in seiner praktischen 
Fassung: Ob und wieweit das Individuum von einer Verantwortung für die Qualität 
des psychischen Keimgutes getroffen werde, das er seinem Nachkommen woitergiht. Er 
untersucht diese Frage zunächst an der Hand eines Beispiels: der Anlage zur Wahr 
haftigkeit, — beleuchtet die Lamarckistische und die Weißmannsehe Stellungnahme zu 
ihr und betont die dreierlei Art, auf die eine Generation an die andere gebunden ist: 
L die Gemeinsamkeit des Genotypus, die Grundlage aller Vererbung, 2. die Überliefe¬ 
rung der kulturellen Werte und Unwerte, also die Gemeinschaft des Millieus, dessen Ein¬ 
fluß hinter dem der Vererbung weit zurücksteht, 3. gewisse nachwirkende Modi¬ 
fikationen des Erbgutes, die auf einem Wege wirksam werden, der uns zunächst noch 


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Referate. 


207 


völlig dunkel ist. Diese Modifikationen beziehen sich sowohl auf psychische Kon¬ 
glomerate wie auf isoliertere, psychische Leistungen und sind individueller Erwerb, 
der vererbt wird. Darum kommt auf die späteren Kinder einer Ehe oder die Kinder 
einer im höheren Lebensalter geschlossenen Ehe ein anderes modifiziertes Erbgut als 
auf die im Anfang der normalen Generationsperiode geborenen. Freilich werden wohl 
die wichtigsten psychischen Momente schon in ganz früher Lebensperiode erworben, und 
die kindliche Psyche unterliegt am stärksten jenen Neu-Beeinflussungen und -Gestal¬ 
tungen, die eben als Modifikationen des Genotypus wirken und auf die folgende Genera¬ 
tion überführt werden. An dem Sinn für Musik verdeutlicht »S. diesen Vorgang, idetr 
zwar dem Wcißmannschen Gedanken der Germinal-Selektion, daß nämlich ein ge- 
kräftigter, gepflegter Keimbestandteil in der Konkurrenz mit den übrigen siegt und sei es 
eine Veredlung, sei es eine Verschlechterung des Erbes bedingt, eingeordnet werden könnte, 
aber doch wohl mit mehr Sicherheit und Klarheit von Weißmauns präformistischer 
Spekulation in eine andere Richtung wegführt. Und es entsteht die Frage, ob es 
nicht vielleicht nützlich ist, das Problem der Vererbung erworbener Eigenschaften über¬ 
haupt anstatt von der Seite der Vererbung körperlicher Eigenschaften und detf mate¬ 
riellen Substrats der Seele einmal von der Seite der psychischen Vererbung zu be¬ 
trachten und zu behandeln. Nach sehr fesselnden Ausführungen über „die Weite, des 
Bewußtsein“ (S. vermeidet ausdrücklich, von Unterbewußtsein zu sprechen, und statt 
Freud zitiert er Gogol „Du kennst nicht den zehnten Teil von dem, was deine 
Seele weiß“), und nach kurzen Hinweisen auf den Rhythmus der psychischen .Entwick¬ 
lung gelangt der Verfasser über eine anregende Analyse des Charakters der Effi Briest 
von Fontane und über beachtenswerte Bemerkungen bezüglich Geschwisterähnlichkeit zur 
Erörterung der Frage nach dem Zusammenwirken von Vererbung und Erziehung, um zum 
Schluß noch , seine Stellungnahme zum Problem der Eugenik anzudeuten. 


Referate. 

1) Wilmans, Karl: über die Zuuahme des Ausbruchs geistiger Störungen in den 
Frühjahrs- und Sommermonaten. Münchn. med. Woch. 1920. Nr. 7. 

Die Häufung der Krankenzugänge in den Irrenanstalten in den Frühjahrs- und 
Frühsommermonaten ist von verschiedenen Seiten festgestellt; die soziale Verursachung 
dieser Erscheinung ist auszuschließen. W. hat den Sachverhalt an der Heidelberger 
psychiatrischen Klinik durch Johanna K o 11 i b a v nachprüfen lassen, die die etwa 
13 500 Fälle umfassenden, in Zählkarten niedergelegten Zugänge der Klinik nach ver 
schiedenen Gesichtspunkten statistisch verarbeitet hat. W. würdigt das Ergebnis in ein¬ 
gehender Kritik und zieht den „vorsichtigen“ Schluß, „daß die stürmischen Äußerungen 
der Schizophrenie und des manisch-depressiven Irreseins es sind, 
die die Häufung des Ausbruchs geistiger Störungen in den Frühjahrs- und Frühsommer¬ 
monaten verursachen“. W. erinnert an die auf anderen seelischen Gebieten beobachtete 
Periodizität und an die annähernd gleichzeitigen Verläufe der Kurven der unehelichen 
Zeugungen, der Sittlichkeitsvergehen, der Selbstmorde. Die mannigfachen kleinen Ab¬ 
weichungen dürften auf soziale Einflüsse zurückzuführen sein, nach deren Ausschaltung 
die wesentliche Übereinstimmung aller jener Kurven noch deutlicher und die gemeinsame 
innere Ursache aller dieser seelischen Periodizitäten offenbar werden würde. Die meisten 
Borscher sehen die Ursache in kosmischen Einwirkungen — neben Lombroso, der 
auf die Temperaturhöhe, Hellpach, der auf den Erwärmungsvorgang, und Ammann, 
der auf die Luftelektrizität den besonderen Wert legt, hätte W. noch Gaedeken er¬ 
wähnen dürfen, der photochemische Einflüsse als maßgebend nachweisen zu können glaubt 
(„Sexualverbrechen und Jahreszeit“. Arch. f. Sexualf. 1916. 2). W. selbst neigt der An¬ 
sicht zu, daß jene periodischen Schwankungen nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar, 
d. h. durch Vermittlung von körperlichen Vorgängen, von kosmischen Einflüssen 
abhängen, und er sieht diese körperlichen Vorgänge in der latenten Brunstzeit des 
Menschen gegeben. Sowohl die Steigerung der Affektvergehen wie der Selbstmorde, wie 
auch die stürmischen Äußerungen der Schizophrenie und des manisch-depressiven Irre¬ 
seins im* Frühjahr und Frühsommer würden durch die in diesen Zeiten exazerbierende 
Brunst des Menschen erklärt sein. Da die Brunst ein innersekretorischer Vor¬ 
gang ist, würde%die mit ihij einhergehende Häufung des stürmischen Ausbruchs der ge¬ 
nannten Seelenstörungen, deren Beziehungen zur inneren Sekretion ja ohnedies sicher zu 
sein scheinen, ihrem gehäuften Auftreten auch während der Menstruation gleich¬ 
zuachten sein. 


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208 Referate. 


Obgleich YY. für seine Anschauungen „die anspruchsvolle Beziehung einer Theorie“ 
ausdrücklich ablehnt und seine Gedanken mit aller Zurückhaltung vorträgt, scheint er 
doch ihre Originalität zu überschätzen. Es ist bedauerlich, daß W. in die sexual- 
wissenschaftliche Literatur anscheinend kaum Hinsicht genommen« hat und ihm 
auf diese Weise entgangen ist, daß das Problem der menschlichen Brunst schon 
von den verschiedensten Autoren und von den mannigfachsten Gesichtspunkten aus, zum 
Teil mit großer Gründlichkeit behandelt worden ist, insbesondere auch im Zusammen¬ 
hänge mit den Jahreszeiten und der Periodizität psychischer Phänomene. Daß auch 
Steinachs Untersuchungen über „Klima und Mannbarkeit“ unbeachtet geblieben 
sind, fällt besonders auf (s. den Aufsatz von Sand in diesem Heft, namentlich auch 
Fußnote 2). * Max Marcuse. 

2 ) Beckey, K.: Menstruations- und Schuangerschaftsstörungren nach Unfall (Ver¬ 

brennung). Zeitschr. f. Geburtsh. u. Gyn. Bd. 82. 1920. 

Beobachtungen an 54 Mädchen und Frauen, die bei einem Brandunglück in einer 
Munitionsfabrik verletzt wurden und in die chirurgische Universitätsklinik zu Frank¬ 
furt a. M. zur Behandlung kamen. Die Verletzungen waren verschiedener Art und Schwere; 
nur 4 Verletzte blieben frei von Änderungen der Menstruation nach dem Unfall; bei allen 
übrigen stellten sich allerhand Störungen ein: Vorzeitige Menstruation, plötzliche Wssatio 
mensiurn, Amenorrhoe, Wechsel des Menstruatinnszykius, Menorrhagie, Dysmenorrhöe. 
Bei 2 von 4 zur Zeit des Unfalles schwangeren Arbeiterinnen kam es im Anschluß an 
das Trauma zur Ausstoßung der Frucht. Kritische Erörterung über Wesen und Ursache 
der Menstruation,sstörungen — unter Berücksichtigung des Sektionsbefundes liei 0 in der 
ersten Krankheitswochr- an den Folgen der Verbrennung Verstorb nen, die sämtlich einen 
Uterus menst rualis auf wiesen, obwohl doch nicht vermutet werden könne, daß gerade 
diese 6 Frauen zur Zeit des Unfalles ihre reguläre Menses hatten: „Die von uns beobach¬ 
teten Menstruation*- und Schwangersehaftsstörungen nach Verbrennung sind als Symptom 
einer allgemeinen Psychoneurose aufzufassen.“ Max Marcuse. 

3) Hübner: Suggestlonsbehandluiig von neurotischen Menstruationsstörangen und 

Genitalnenrosen. D. raed. Woch. 1920. Nr. 25. 

Da, auch nach eigenen Erfahrungen des Autors, psychische Einflüsse bei neuro¬ 
tischen Frauen Störungen der Menstruation auslösen können, ist er der Meinung, daß 
auf solche Weise hervorgerufene Symptome auch auf demselben Wege beseitigt werdeu 
können. Er schildert das Verfahren, das er zu Heilungszwccken eingeschlagen hat; nach 
einer Massagezeit von 2—3 Wochen wendet er den faradischen Strom an, worauf unter 
geeigneter suggestiver Beeinflussung in einiger Zeit gewöhnlich die Störungen beseitigt 
sind. Für diese SuggestionsmethoJe kämen aber nur sicher Hysterische in Betracht, 
deren Krankheitssymptome psychogen sind. , 

Außer Amenorrhoe, Dysmenorrhöe und Unregelmäßigkeiten der Periode hat der 
Verfasser dieselbe Methode auch bei anderen Genitalneurosen erfolgreich angewendet. 
Diese waren die bekannten Rücken- uud Leibschmorzen, psychogene Blasenstörungen und 
nervöser Fluor. Er schlag} vor, die Suggestivbehandlung auch bei funktionellen Er¬ 
krankungen anderer Organe anzuwenden. Käthe Hoffmann, Berlin. 

4) Rivers, W. U.: Barnslcy. Endlnml; A New Male Homosexual Traltf Medical 

Review of Reviews. 1920. Nr. 2. 

Der Verfasser wirft die Frage auf, ob es für die Homosexuellen charakteristisch sei. 
daß sie besonders Katzen lieben. Er bringt Beispiele einiger berühmter Homosexuellen, 
bei denen: er solche Katzenliebhaberei festgestellt zu haben glaubt. Er untersucht dann 
weiter in Monographien über Katzen, welche berühmten Persönlichkeiten Katzenliebhabei 
waren und hei welchen gleichzeitig Homosexualität vermutet werden könne. Er glaubt, daß 
Müsset, Gautier und Bentham deutliche Züge von sexueller Inversion gehabt 
haben und behauptet, daß diese gleichzeitig Katzenliebhaber waren. Er führt diese 
Katzenliebhaberei von manchen Homosexuellen auf ihren femininen Charakter zurück, da 
bekanntlich Frauen häufiger Katzen liehen als Männer. Albert Moll. 


Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Marcuse in Berllti. 
A. Marms d E. Weben Verla; (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn. 
Druck : Otto Wlfand'aehe Bucbdrnckerel G. tu. b. H. in Leipzig. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 


VII. Band Oktober 1920 7. Heft 


Nochmals psychosexueile Intuition. 

Von Dr. Max Kudolf Senf. • 

Max Marcuses Aufsatz: „Ober die Problematik der Sexual- 
psyehologie des Weibes lind der vergleichenden Sexualpsychologie 
der Geschlechter“') veranlaßt mich, im Anschluß an meine Arbeit 
über „Psychosexuelle Intuition“*) zum gleichen Thema hier noch 
mals das Wort zu ergreifen: 

Psychosexuelle Intuition in meinem Sinne hat zunächst nichts 
zu tun mit „Einfühlung in fremdes Seelenleben“, setzt auch nicht 
die nach Bärwald weiblicher Anlage eigene „allopsychische Ten¬ 
denz“ voraus; sie ist vielmehr charakterisiert durch die Fähigkeit, 
zu dun eigenen Seelenleben solche Distanz zu gewinnen, daß der 
beobachtende Teil der Persönlichkeit dem beobachteten nicht nur 
überhaupt und unablässig, sondern geradezu fremd und fühllos 
gegenüberstehend aus dem, ich wage zu sagen — mechanischen Ab¬ 
lauf von Verknüpfungen Material erlangt für eine rein verstandes¬ 
mäßige, kritische Verarbeitung von Vorstellungsinhalten und spe¬ 
zifischen Zusammenhängen dahin, daß eben mit Hilfe einer aufs 
höchste gesteigerten Assoziationsfähigkeit wie in einem Brenn¬ 
punkte als Bild, d. h. als seelischer Komplex, gesehen wird, was 
sonst nur ein Bündel von Vorstellungen und Verknüpfungen bleibt. 
Diese Fähigkeit kann sich aus sich selbst heraus, ich wage nicht, 
„durch zweckentsprechende Schulung“ zu sagen, steigern, bis sie das 
Seelenleben beherrscht: Unbefangenheit gibt es dann ebensowenig 
mehr als Grauen, nl>er der Beobachter (oder war es "der Schatten 
des Beobachteten!) mußte doch und vielleicht gerade darum durch 
die ganze Hölle der Gefühle hindurch, damit er zusammengehäm- 
mert nach seiner Bestimmung die Härte in den Blick bekam, welche 
nötig ist, um nur das Auftauchen und Ineinandergleiten psychischer 
Phänomene -wahrzunehmen und sonst nichts. Kann aber diese Fähig¬ 
keit überhaupt da sein, ohne daß es zugleich eine verwirrende Fülle 
seelischen Inhalts zu bewältigen gibt? Ich meine nicht; denn das 
aufs höchste gesteigerte Assoziationsvermögen, welches eine Vor¬ 
aussetzung für die Wirksamkeit jener Fähigkeit bildet, ist eben 
gleichzeitig die unermüdliche Schöpferin immer neuer psychischen 
Inhalte, und daun glaube ich zu wissen, daß sie unter den ver¬ 
schiedensten Bändigern für die Fülle der Gesichte insofern der 
vollendetste ist, als sie das Material selbst kennen lehrt, das wir 

0 Zeitgehr. f. Sexualwissenschaft, 1919, Bd. Vf, H. 9. 

Zeitsehr. f. Sexualwissenschaft. 1919. Bd. VI, H. 8. 

Zeitschr. f. Sexualwiaaenschat't VII. 7. 14 


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210 


Max Kudolf Senf. 


sind! So kommt es, daß diese Fähigkeit, wie ieh schon früher an- 
deutete, tatsächlich verursacht, daß sich das Individuum in der 
eigenen Seele klar wird über die Möglichkeiten der Menschenseele 
überhaupt und daß es aus charakteristischen Äußerungen anderer 
die psychischen Zusammenhänge richtig erschließend dann die frü¬ 
heren Resultate immer nur bestätigt findet. Ihirch „Einfühlung 44 
aber Resultate gewinnen zu wollen, halte ich erkenntnistheoretisch 
für Charlatanerie! Durch Einfühlung läßt sich eigenes Fühlen 
höchstens bis zu einem gewissen Grade leiten, niemals aber ein er¬ 
kenntnistheoretisch einwandfreies Material erlangen für jene rein 
verstandesmäßig kritische Bewußtmachung des Charakteristischen 
der verschiedensten erlebten und wieder erweckten Verknüpfungen 
zur Erzielung neuer, in bezug auf jenes Charakteristische kom¬ 
plexerer Assoziationen, worin psychische Intuition wie gesagt zum 
andern Teile wurzelt. Auf diese Wurzel möchte ich noch besonders 
hinweisen, denn hier ist es unbedingt erforderlich einzusehen, daß 
alle Gestaltung lediglich aus der zwingenden Kraft des Assozia¬ 
tionsablaufs erfolgt und im letzten Grunde nichts anderes als die 
nach der inneren Erfahrung für uns einzig mögliche Erken nt nis- 
form des Erlebens selbst darstellt. .Man prüfe die Richtigkeit 
dessen, was ich gesagt habe, daran nach, daß die Theorie vom Ur 
Sprung der Homosexualität, wie sie von mir mit Hilfe psychosexuel- 
ler Intuition entwickelt worden ist, auch nicht eine Schlußfolge¬ 
rung enthält: sie ist ein Bericht über psychische Vorgänge. Von 
diesem Standpunkt aus kann man nach meiner Ansicht überhaupt 
in psychischen Dingen allein Resultate erlangen. 

„Berufene Fachsexuologen“ mögen sich weiter unter Begriffen 
wie normal, anormal, neurotisch, pervers usw. usw. etwas vorstellen; 
je breiter und derber die Stiefeln sind, mit denen der Herr Pro¬ 
fessor in das hinter Schleiern verborgene Kristall ungeahnter Zu¬ 
sammenhänge hineinmarschiert, um so fester und dauerhafter wird 
die Grundlage dafür werden, daß er und seine Jünger in langen 
Abhandlungen an der Klarheit vorbeidisputieren können, denn erst 
wenn* der letzte Scherben zu Ziegelmehl zertreten ist, kann bekannt 
lieh das Fangballspiel mit Genuß beginnen! Sie vermögen natür¬ 
lich niemals etwas von der quälenden Wahrheit des Werfelschen 
Ausrufs zu spüren: 

Wi« Hehl ili*r Sinn. «t«-n wir zu tragm haben. 

I ns um sein Wurt. 

h.iv Wort doch, das wir ilun zu sntc'ii tragen. 

Schon raflt ihn fort. 

Von inner anderen Seite befrachtet, könnte man sie ganz gut 
auch als „reine Toren“ bezeichnen. 

Ihnen gegenüber bedeutet Freud und seine Schule eine Art 
Erlösung. Man darf freilich nicht vergessen, daß seine Methode 
von vornherein nur dem therapeutischen Zwecke dienen soll, Men 
sehen, die am psychisch Rätselhaften leiden, durch Entwirrung und 
Lösung der Rätsel Angst zu nehmen und dafür Erleichterung zu 
bringen. Die Schaffung psychischer Erkenntnisse in erster Linie 
maßt sie sieh seihst nicht an und mit Recht, denn auch der Psycho 
analytiker kann an andern immer nur wiederfinden, was er vorher 


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,Nochmals psychosexueile Intuitiou. 



durch psychische Intuition in sich selbst erkannt und verarbeitet 
hat, oder er wird überhaupt nichts finden. Seine Arbeit am. Patien- 
len dagegen vermag zunächst nur zu erreichen, diesen mit Hilfe 
einer durch Erfahrung zweckmäßig gestalteten Methode in die 
Rolle eines sich unbeobachtet fühlenden und deshalb den Ablauf der 
Verknüpfungen mechanisch erduldenden Beobachteten zu zwingen 
und so jenes Material zu gewinnen, das der Beobachter dann auf 
Grund der eigenen inneren Erfahrung und deshalb nur insoweit sie 
reicht, zum Resultat psychischer Erkenntnis gestaltet. Die durch 
die Beobachtertätigkeit ermöglichte Gewinnung von Material kann 
freilich den Anstoß geben zu einem besonderen Ablauf von Ver¬ 
knüpfungen in der eigenen Seele, aus dessen Verarbeitung jeweils 
neue psychische Resultate erzielt werden können! Sobald freilich 
Psychoanalytiker anfangen, mit Schlüssen zu operieren, d. h. aus 
dem Vorhandensein zweier psychischer Tatsachen auf einen zwi¬ 
schen ihnen bestehenden Zusammenhang einfach zu schließen, be¬ 
geben sie sich, wie ich immer wieder betonen muß, des Anspruchs, 
ein erkenntnistheoretisch einwandfreies psychisches Resultat ge¬ 
wonnen zu haben. Das gilt z. B. für die Behauptung, welche Stekel, 
dessen Bücher und Arbeiten ich übrigens stets mit ganz besonderem 
Intensse gelesen habe, als Ergebnis der Psychoanalyse eines homo¬ 
sexuellen jungen Mannes aufstellt 1 ): „Der Homosexuelle ist homo¬ 
sexuell geworden, um nicht Jack the ripper zu werden“ 5 ). Die ver¬ 
meintliche Tatsächlichkeit dieser Behauptung hat Stekel sicherlich 
nicht an der eignen Psyche ermessen, das ist reine Phantasie! Ein¬ 
wandfrei kann auf Grund der festgestellten Tatsachen nur behauptet 
werden, daß der junge Mann unter der Herrschaft des Einzelein- 
drucks der Gewalt stand, wie ich es früher genannt hübe, und gleich¬ 
zeitig homosexuell fühlte, daß ihn aber die Neigung zur Losung 
sexueller Spannung durch gewaltsame Kraftentfaltung nur mehr 
unbewußt, die homosexuelle Leidenschaft dagegen bewußt be¬ 
herrschte. Geflüchtet hat er sich jedoch keineswegs in das homo¬ 
sexuelle Empfinden, er ist vielmehr auf dem Wege, den ich be¬ 
schrieben habe, nur ein Glied und vielleicht das letzte in jener 
Kette, die infolge der Dissolution des Aktes als komplexes Erlebnis 
über die Herrschaft des Einzeleiudrucks der Erregung und der Mixo- 
skopie hinweg das homosexuelle Fühlen schafft: Die Dissolution des 
Aktes beginnt nämlich, wie ich ebenfalls früher näher dargelegt 
habe, in der Weise, daß der Einzeleindruck der Gewalt im komplexen 
Erlebnis der Besitzergreifung besonders große Anziehungskraft er 
langt, d. h. zur Erreichung intensiverer Lust betont und ausgestaltet 
wird. Wie sollte es nun anders sein, worin ich zugleich einen Beweis 
für die Richtigkeit meiner Theorie über den Ursprung der Homo¬ 
sexualität erblicken darf, daß eine charakteristische Phase früherer 
Entwicklung sich im fertigen Bild der Homosexualität noch wider 
spiegelt? 

Wir sahen, jede Förderung der Erkenntnis unseres Sexuallebens 
ist unerbittlich auf das kalte Auge psvchosexueller Intuition gestellt. 


J ) Vgl. Stekel: Die Analyse eines Falles von Homosexualität. 
S. 94 ff. 

■>) VgL a, a. 0. S. 120. 


Groß-Archiv Bd. 00. 


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212 


Max Rudolf Senf. 


Die Fähigkeit dazu ist aber nicht nur die einzige Möglichkeit, son¬ 
dern auch die einzige Voraussetzung zur Erzielung eines Resultats; 
es ist also ganz gleichgültig, ob das Individuum hetero- oder homo¬ 
sexuell empfindet, ob es Mann oder Weib ist. denn nicht auf den see¬ 
lischen Inhalt kommt es an, sondern nunmehr kurz gesagt, lediglich 
auf seine spezifische Bewältigung. Das muß ich scharf betonen, um 
von vornherein jeder Verschiebung in der Problemstellung vorzu¬ 
beugen. Ich behaupte, daß sich mit Hilfe jener Fähigkeit auch das 
„typisch weibliche Sexualempfinden“ analysieren läßt; um mich ver¬ 
ständlich zu machen, muß ich von zwei persönlichen Erlebnissen 
ausgehen. Vor Jahren, als ich das Erdgeschoß einer Villa allein be¬ 
wohnte, kam ich in einer schwülen Sommernacht spät nach Hause 
und fand die Tür mit der Sicherheitskette versperrt. Die alte Dame, 
welcher die Villa gehörte, bewohnte mit ihrer Gesellschafterin den 
ersten Stock; das Dienstmädchen schlief in einer Bodenkammer. Ich 
mußte, um ins Haus zu gelangen, klingeln; die Gesellschafterin er¬ 
schien, schob die' Sicherheitskette beiseite und entfernte sich sofort 
wieder. Als ich nun eben im Begriff bin, meinen Vorsaal zu betreten, 
merke ich, daß mir jemand folgt und erkenne zu meinem Erstaunen, 
daß es das Dienstmädchen ist, das soeben die Treppe herunterkoumit, 
in meinen Vorsal tritt und ehe ich mich überhaupt recht besinnen 
konnte, neben mir in meinem Zimmer steht. Es handelte sieh um ein 
stark, entwickeltes, recht hübsches und anständiges Mädchen von 
16 Jahren. Infolge des herandämmernden Morgens war genug Licht 
im Zimmer, daß ich sehen konnte, wie es nur mit einem kurzen Rock 
und einem Hemd bekleidet war, das die Brust vollkommen freiließ. 
Es stand neben mir wie festgebannt und wimmerte leise wie wol¬ 
lüstig, es drängte sich nicht an mich heran, ich griff nicht nach ihm, 
in mir war plötzlich die Leere des kalten Beobachters: ich fühlte ge¬ 
radezu, daß es einem unwiderstehlichen Zwang zufolge neben mir 
stand und sich nicht vom Fleck rühren konnte und daß in ihm gar 
keine Spannung war, die unlustbetont etwa nach Entladung trach¬ 
tete, sondern ein Insichversinken, dessen .Ursache meine körperliche 
Nähe war. Ich weckte das Mädchen, indem ich das Licht aufflammen 
ließ und ging in das anstoßende Zimmer. Es verschwand lautlos, ich 
habe später die Szene mit keinem Worte erwähnt, wie ich auch 
früher dem Mädchen nicht den geringsten Grund zur leisesten Ver¬ 
traulichkeit gegeben hatte. 

Jahre danach hatte mich in einer Stadt, wo ich als Richter lebte, 
beim Mittagessen ein etwa löjähriger Junge zu bedienen, der wegen 
seiner ungewöhnlichen italienisch anmutendeu Schönheit geradezu 
auffiel. Ich merkte bald aus vielen Kleinigkeiten, daß er wie willen¬ 
los sich mir zuneigte; ich brauche wohl nicht besonders zu betonen, 
daß ich mich vollkommen unbefangen zeigte. Eines Tags wollte es 
der Zufall, daß ich ihm in einem Zimmer allein gegenübertrat, um 
ihm einen Auftrag zu erteilen: er steht umnittelbar vor mir, ich 
spreche auf ihn ein, da fällt mir plötzlich auf, wie er blutrot im Ge¬ 
sicht wird, die Augen krampfhaft verdreht und schließt, im Gesicht 
alle Zuckungen des Orgasmus deutlich zeigt und seinen Körper 
durch ein offenbar unwillkürliches Vorbiegen des Leibes mir nähert 
(ich hatte übrigens nicht zu Unrecht vorher zufällig erfahren, daß 


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Nochmals psychosexueile Intuition. 213 


er wegen „Blasenkrankbeit“ in Behandlung war, wobei der prak- 
tisch« Arzt sicher nichts davon ahnte, daß die Ennrese seinem Pa¬ 
tienten die Ejakulation ersetzen mußte). Ich fand die gleich¬ 
gültigste Miene von der Welt, die keine Verlegenheit aufkommen 
ließ, dachte an die Szene mit dem Mädchen und wußte plötzlich, wie 
verschieden beide gefühlt hatten: Der Junge wollte, gepeinigt von 
seinem Trieb im Orgasmus, die körperliche Berührung öder besser 
in der Berührung den Orgasmus; das Mädchen dagegen trieb es 
durch einen Bann in ‘jenes rätselhafte Insichversinkeu. Seitdem 
mir dieser Unterschied klar war, richtete ich meine Aufmerksam¬ 
keit darauf, ol> ich bei Sclraffung gleicher psychischer Bedingungen 
als beobachteter Teil wohl in der Lage sei, dieses Empfinden un¬ 
willkürlich und reflexionslos an mir selbst festzustellen. Wehn 
richtig war, daß irgendein Streben nach körperlicher Berührung 
nicht in dem triebmäßigen Verlangen des Mädchens begründet lag. 
so mußte ich also, um die gleiche psychische Bedingung bei mir zu 
schaffen, zunächst in Beziehung auf Personen, die mich sexuell 
anzogen, so stark von der Unmöglichkeit des körperlichen Besitzes 
überzeugt sein, daß ich mir allmählich jenes Strebüngsgefühl voll¬ 
ständig wegsuggerierte. Das gelang insoweit wenigstens, als ich 
wirklich einmal in der Nähe eines solchen Körpers, während ich 
gar nicht an meine wissenschaftlichen Fragen dachte, ganz unwill¬ 
kürlich und reflexionslos nichts anderes fühlte, als eine Kraft, die 
gleichsam durch die Nähe jenes Körpers hervorgerufen in mir er¬ 
stand, wuchs, mich ganz ausfüllte, in sich völlig geschlossen blieb 
in einem wallenden, weder lust- noch unlustbetonten, aber von einer 
gewissen latenten Spannung begleiteten ungeheuer gesteigerten 
Eigengefühl, das schließlich in sich zerging, während ich noch einen 
Augenblick wie gebannt durch die Nähe des Körpers gleich einem 
Abwesenden dastand. Wie immer registrierte der beobachtende 
Teil genau diese Feststellungen: ich war plötzlich davon überzeugt, 
daß ich genau so gefühlt hatte wie damals jenes Mädchen. Eine 
andere Überlegung kann mir übrigens nur bestätigen, daß das 
Sexualgefühl des Weibes ganz im Gegensatz zu dein des Mannes in 
wesensverschiedene Phasen zerfallen muß und zunächst eine scharfe 
Zäsur zwischen der Phase des Insichversinkens, wie ich nun kurz 
sagen will, und der durch die Berührung mit dem Manne eingelei¬ 
teten orgastischen Phase besteht; denn wäre es anders, dann bliebe 
die Angst der Hysterischen vor dieser Phase ganz imverständlich; 
Angst kann spontan entstehen, oder von Vorstellungen ausgelöst 
werden, der Trieb an sich ist dagegen überhaupt nicht gefühlsbetont, 
sondern ursprünglich, unwillkürlich, unmittelbar und unbewußt, die 
Hysterische könnte also gar keine Angst vor der orgastischen Phase 
ihres Sexualtriebes haben, wenn er sich mit dieser etwa so wie beim 
Manne geradezu identifizierte; es könnte höchstens Angst vor der 
Triebäußerung und der Betätigung eintreten, das aber ist psycho¬ 
logisch etwas ganz anderes. Das Bestehen jener Phase des Insich¬ 
versinkens habe ich dann auch später im Verkehr mit Mädchen w ie¬ 
derholt bestätigt gefunden. Keiner besonderen Begründung bedarf 
es, daß infolge des Hindurchgehens der Frau durch die orgastische 
Phase ihr Sexualgefühl gegen früher sich ändert, sie löscht die 


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214 Max Rudolf Senf. 


erste Phase allmählich aus, wird nun ganz vom Manne abhängig, 
und aus dem Zwang ambivalenten Fülilens, das gegen den Pol der 
Erduldung von Gewalt den andern der Gewaltausübung setzt, ver¬ 
mag der Wunsch zu entstehen: „Nur einmal .Mann sein können!“ 
Verkümmert und vielleicht auch ganz zurückgeschraubt werden 
kann jene erste Phase aber auch durch die angeborene oder aner¬ 
zogene Übermächtigkeit der erotischen Phantasie, durch das künst¬ 
lich gezüchtete und hinaufgeschraubte Lechzen nach Erlösung, wie 
die zur Tollheit steigerbare quälende Sehnsucht nach orgastischer 
Wiederholung. Nichts mit „weiblicher Sexualität“ hat natürlich 
das mechanisierte Erdulden des Beischlafs zu tun, das ja liekannt- 
licli vielfach erst durch das Bestehen von Frigidität überhaupt 
möglich wird, oder die in die Form der Attacke verzerrte Hingabe 
der nymphomanisch Veranlagten. 

Die erste und ursprünglichste Phase weiblicher Sexualität er¬ 
möglicht nach ihrem Charakter, daß ein Weib denselben Mann 
dauernd und unbeirrt „lieben“ kann bis zu jener rätselhaften Ein¬ 
seitigkeit, die sich in dem Goethesehen Wort ausspricht: „Wenn ich 
dich lieb, was geht’s dich an!“ und ihm zuliebe schließlich den Schritt 
in die orgastische Phase wie in ein wenn auch nicht gefürchtetes, so 
doch gescheutes Neuland wagt und vielleicht glücklich überstellt. 
Echt weiblicher Sexualität entspricht es nämlich, daß das lnst- 
betonte Erlebnis gesteigerten Eigengefühls der ersten Phase sich 
zu jener orgastisch empfundenen Selbstentäußerung der zweiten 
wandelt, zu jener Opferbereitschaft, die Zweck und Ziel nur aus 
sich selbst heraus kennt, zu jenem glückseligen Sklaventum, das 
in die milde und innerliche, aber dabei doch eigenwillige und 
selbstbewußte Gewalt der Mutterschaft ausmünden kann. 

Aus dem Charakter beider Phasen ergeben sich zugleich von 
selbst alle verwickelten Gestaltungen weiblichen Geschlechtsgefühls, 
die dem Unkundigen immer rätselhaft bleiben müssen: Die Über¬ 
spannung der ersteh Phase zur Entartung ausgesprochener Integri¬ 
tätserotik, welche das Eigengefühl durch den lustbetonten Zwang 
zum Siehversagen, zum Niemalsunterliegen ins Maßlose steigert und 
zugleich Angst vor der orgastischen Phase erzeugt; die Verkümme¬ 
rung der ersten Phase bis zu dem Grade, daß das natürliche Hin¬ 
übergleiten in die zweite überhaupt in Frage gestellt und diese zu 
weiter nichts als einem zweifelhaften Abenteuer berabgewiirdigt 
wird, dessen mehr oder weniger glücklicher Ausgang allein von der 
Virtuosität des Zusammenspiels, d. h. also von besonderer Kunst 
und besonders tauglichen Instrumenten abhängt, dessen Ausgang 
- psychologisch gesehen - sonst aber wie automatisch Verwir¬ 
rung, Widerwillen. Verachtung, Haß und Ekel erzeugt; schließlich 
das Fehlen der ersten Phase und damit das Bestehen einer natür¬ 
lichen Frigidität, wie aber auch jene seltenere unnatürliche Frigi¬ 
dität, die dadurch charakterisiert ist, daß die ganze Quintessenz „der 
Liebe“ lediglich im Schleimhautkitzel liegt. 

Demgegenüber «las Sexualgt fühl des Mannes!: ein Heiz und er 
ist entflammt und, während er für Augenblicke den Verstand ver¬ 
liert, stürzt er sich auf seinem Opfer in «len Abgrund orgastischer 
Verzückung, um plötzlich als ganz anderer Mensch «‘ruüchtert zu 


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Nochmals psyehosexuelle Intuition. 215 


erwachen mit einem aus Haid und Ekel leichtgemischtim Gefühl der 
Verachtung für sein Opfer! Nach einiger Zeit ein neuer Reiz, und 
«las .gleiche wiederholt sich zwangsläufig! Wagt wirklich noch 
jemand zu behaupten, «laß das Sexualgefühl des Homosexuellen ein 
Gemisch aus virilen und femininen Elementen sein soll ? Die Zwi- 
schenstnfentheorie ins Psychologische übersetzt - es wird mich 
niemand, der meine früheren Arbeiten kennt, einer vorschnellen 
Kritik zeihen können — ist platter Unsinn! Das Sexualgefühl d«>s 
virilen Homosexuellen ist durchaus männlich, und das des femininen 
ebenfalls, nur ganz oberflächliche Beobachter können in der Hin¬ 
nahme eine -Hingabe sehen, auch wenn sie von alledem nichts 
wüßten, was ich über die Gleichheit der psychischen Wurzel jener 
Erscheinung festgestellt habe, die sich in der Besitzergreifung des 
erregten Mannes und dem Aufsichwirkenlassen von dessen Erregung 
äußert. Die psychische Effemination des Mannes aber hat, wie die 
Erfahrung täglich zeigt, mit seinem Geschlechtsgefühl gar nichts 
zu tun; denn es kann trotz aller „weiblichen“ Eigenschaften durch¬ 
aus männlich sein. Hat sich aber das Geschlechtsgefühl des Mannes 
vollständig aufgelöst, dann entsteht der narzißtische Typ, wie ich 
ihn in meiner Arbeit über Narzißmus zu schildern versucht habe. 
Diese Auflösung bedeutet eine Umsetzung des Sexualgefühls in 
andere psychische Qualitäten; wie wenig z. B. «1er Trieb zu pro«luk- 
tivem geistigen Schaffen seinen Ursprung verleugnen kann, haben 
mich nun schon zwei Fälle gelehrt, wo die Perioden «les Schaffens 
«las sexuelle Streben vollständig ausschalteten und sich zugleich 
in Inspirationserotik, wie ich es genannt habe, auslebten. Zum 
narzißtischen Typ gehört auch ein Teil der Transvestiten, wie ich 
schon früher erwähnte: ihr Sexualgefühl ist «dien nicht etwa „weib¬ 
lich“ «>rientiert, so sehr sie sich äußerlich auch weibisch (nicht 
weiblich) gerieren mögen, somlern höchstens feminin-homosexuell 
(also modifiziert männlich!), oder rein konturerotisch, wie ich es 
in der Arbeit über Narzißmus näher dargestellt habe. Auch «ler 
bekannte Wunsch mancher Jungen, ein Mädchen zu sein, ihre 
Träume und Wachphantasien, sich einem Manne hinzugeben und 
Kinder zu bekommen, sind weiter nichts als psychisches Ranken¬ 
werk, erfunden, wenn auch dem Erfinder unbewußt, zur Steigerung 
«ler Lust bei der Hinnahme männlicher Erregung. Die psychische 
Entwicklung kann dann so weitergehen, daß in der Hinnahme all¬ 
mählich das passive Element herausgefühlt und langsam zur Hin¬ 
gabe kultiviert wird. Diese enthält aber b«ueits den Keim zur 
fntegritätscrotik, wie ich sie in meiner Arbeit über Narzißmus be 
schrieben habe; denn jene Hingabe wird natürlich niemals trieb¬ 
mäßig erlebt, sondern ist lediglich ein Stimmungsgefühl, «las sich 
im Kokettieren mit «lern Sichvcrsagen un<l Niemalsunterliegen «*ben 
zur Lust eindeutigster Integritätserotik steigern läßt. Von alledem 
hat mich erst kürzlich wieder der Fall eines gebildeten jungen 
Mannes von 17 Jahren, den ich bis ins Einzelnste studieren konnte, 
vollkommen überzeugt; er verfügte über den ganzen Apparat jener 
phantastischen Wünsche, zeigte einen transvestitiseheu Einschlag 
und zeitweise integritätserotische Neigungen, und sein Gesehleehts- 
gefiilil war doch gleichzeitig viril und feminin-homosexuell, also 


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216 


Max Rudolf Senf. 


männlich! Ich meine, man muß sich endlich losmachen.von dem 
Wahne, psychische Phänomene mit Hilfe plumper Analogien aus 
der biologischen Rüstkammer begreifen zu wollen. Eine _ der 
schlimmsten ist beiläufig bemerkt übrigens immer noch, auch die 
masochistische Neigung beim Manne „weiblich“ zu deuten. Ich 
habe schon im Jahre 1912 in meiner Arbeit über Geschlechtstrit b 
und Verbrechen darauf hingewiesen, daß die Entstehung maso¬ 
chistischer Neigungen beim Manne nur durch die Entwicklung 
über den Sadismus, also infolge der Dissolution des Aktes als kom¬ 
plexes psychisches Erlebnis in seine Einzeleindrücke, aus ambiva¬ 
lenten Zwang möglich wird, und von der Richtigkeit dieser Fest¬ 
stellung habe ich mich immer mehr überzeugt. Das männliche Ge¬ 
schlechtsgefühl ist bei völliger Herrschaft der masochistischen Nei¬ 
gung vollkommen aufgelöst, genau so wie in anderer Form beim 
Konturerotiker. Es gibt, das kann nicht oft genug betont werden, 
* nur das männliche und modifiziert männliche und das weibliche 
Sexualgefühl, keine Zwischenstufe, und dann gibt es allerdings noch 
die Maskerade „weiblicher Homosexualität“. 

Ich spreche von Maskerade, weil die „weibliche Homosexuali¬ 
tät“ eigentlich nur die Erfindung ihrer durch das verschleierte Bild 
der männlichen Homosexualität irregeleiteten Entdecker ist, inso¬ 
fern sie eben gar nichts mit dem weiblichen Sexualgefühl zu tun 
hat und daraus nicht hergeleitet werden kann analog derjenigen 
des Mannes aus dem männlichen Geschlechtsgefühl. 

Ich habe schon 1912 in meiner Arbeit über Geschlechtstrieb und 
Verbrechen betont, daß für die Entstehung „weiblicher Homo¬ 
sexualität“ die Frigidität dem Manne gegenüber Voraussetzung sei. 
Für „berufene Fach Sexuologen“ ohne jede Gabe der Empfindungs¬ 
mathematik, die auch jetzt noch auf d u Gedanken kommen könn¬ 
ten, ich „philosophierte“ nur über das» Thema im luftleeren Raum, 
möchte ich ausdrücklich erwähnen, daß ich, durch eine s. Zt. in 
Berlin berühmte Dame mit der Sphäre „weiblicher Homosexuali¬ 
tät“ bekanut geworden, bisher nicht aufgehört habe, meine Beobach¬ 
tungen fortzusetzen. Das einzige Problem für mich ist noch ge¬ 
blieben: Gibt es ein Weib, das auf die oben näher geschilderte erste 
Phase des weiblichen Geschlechtsgefühls vollkommen aufgeht, jene 
innere Kraft aber nicht durch den Mann, sondern durch ein anderes 
Weib anslöst ? Das also ferner von vornherein dem Weibe verfallen 
ist, ohne sexuelle Vertraulichkeit zu wünschen, ja sie zu scheuen, 
wenn ihm der Gedanke daran nahegebracht werden sollte! Ich habe 
bisher von einem solchen Weibe noch nichts gehört. Sollte wider 
Erwarten aber eins gefunden werden, dann rate ich, sehr genau zu 
prüfen, ob es sieh nicht doch etwa nur um ein schillerndes Blend¬ 
werk jener weiblichen Seelenverfassung handelt, die kurz und 
bündig heißt: „i* donua e mobile, 

Qual piuma al veiitu. 

Muta d’arcento, 

E di pensier!“ . . . 

Zu dieser Vorsicht mahnt jedenfalls alles, was wir im übrigen an 
psychischen Tatsachen über „die weibliche Homosexualität“ kennen. 
Zunächst gibt es zwischen Frauen mit echt weiblichem Sexualgefühl 


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Nochmals psychosexueile Intuition 


217 


Verhältnisse, die nieht nur von weitem, sondern auch in der Nähe 
ganz „homosexuell“ aussehen. Dabei würden .jedoch die Freun¬ 
dinnen, zwischen denen starke Vertraulichkeiten bestehen können, 
seihst am meisten erstaunt sein, für „homosexuell“ — immer vom 
männlichen Standpunkt aus verstanden — gehalten zu werden. Ich 
habe einmal auf dem Landsitz einer Dame, einer verheirateten Frau, 
die Männer liebte, erlebt, wie deren Freundin, ebenfalls eine ver¬ 
heiratete Frau, die außerordentlich elegant, lebenslustig und offen 
war, auf eine von mir beiläufig, aber absichtlich nicht beiläufig 
genug gemachte Bemerkung einhakte und mir ihre sehr interessante 
Meinung sagte; sie nannte „solche“ Verhältnisse mit einem rheini¬ 
schen Ausdruck „fies“, d. h. nicht fair, weil dem weiblichen Emp¬ 
finden widersprechend, und doch war sie selbst recht vertraut mit 
ihrer Freundin. Verstellung: war ganz und gar ausgeschlossen, ich 
kam allmählich dahinter, daß es Frauen und Mädchen gibt, die 
ernstlich selbst bei sexuellen Vertraulichkeiten, untereinander gar 
nichts finden, weil sie darin gewissermaßen überhaupt nichts spezi¬ 
fisch Sexuelles sehen; wie weit übrigens in dieser Richtung das 
Modulationsvermögen der Frau reicht, beweist der Ausspruch der 
Marquise: „Diener sind keine Geschlechtswesen“ — wieviel weniger 
Dienerinnen und Freundinnen. Sie liegen sich in den Annen und 
erzählen sich von den wirklichen Erschütterungen bei ihren Er¬ 
lebnissen mit — Männern! So sieht „weibliche Homosexualität“ aus! 

Sie hat freilich noch andere Seiten: Es gibt Frauen, die nichts 
für Männer empfinden. — ob dies bei ihnen immer so war, bleibe 
ganz dahingestellt — und die von dem ihnen bewußten Drang be¬ 
herrscht werden, irgendwelchen sexuell betonten Verkehr mit An¬ 
gehörigen ihres Geschlechtes zu haben. Sie sind in Wahrheit 
frigid; haben sie jemals die erste Phase weiblichen Sexualgefühls 
durchlebt, dann ging sie jedenfalls für immer unter, nachdem ihnen 
die Defloration zum traumatischen Erlebnis geworden war; die 
mechanisierte Erduldung des Beischlafs als Dime womöglich in 
einem Bordell setzt dann eine psychische Entwicklung dahin in 
Lauf, daß der Akt, welcher von Haus aus für das Weib noch viel 
weniger ein psychisch bewußt komplexes Erlebnis sein kann als 
für den Mann, als zeitliches Nacheinander von Eindrücken gewertet 
wird, unter denen der Einzeleindruck der Gewaltanwendung immer 
aufdringlicher und ekelhafter hervortritt, bis aus dem unzählige 
Male bewußt erlebten Gegensatz zum Vergewaltiger die seelische 
Bereitschaft zur Herabsetzung des Typus Mann und zur Rettung des 
Selbstgefühls in der Hinneigung zum Typus Weib geboren wird; 
so entstand die sadistische Virtuosität — das ist natürlich etwas 
ganz anderes als Sadismus — und das „homosexuelle“ Empfinden 
jener früher in Berlin sehr bekannten Dame, die ich näher kennen 
lernte. Daß sie an ihrer Freundin Hosen liebte, ist besonders inter¬ 
essant: die Freundin war ein Mann und doch kein Mann! Alle 
„Erniedrigung“ wurde also nur erlebt, damit sie immer von neuem 
wieder in der Wollust der Rettung sterben konnte. Auch das ist 
„weibliche Homosexualität“! 

Wer aber nun die „Gynaudrische“ zitiert und glaubt, daß sie 
etwa aus wild gewordenem männlichen Sexualgefühl den Godmiche 


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Max Kudolf Senf. 


um ihre Lenden gürten und sieh auf ihr Opfer stürzen kann, dem 
möchte ich entgegenhalten, daß irgendein psychischer Zwang eben¬ 
sowenig Trieb ist, als jenes Werkzeug ein lebendiger Phallus! 

Die große Leere, welche im Weibe entsteht, wenn es ,,die Liehe“ 
nicht kennt, jene Leere, vor der schon das Volkslied warnt: 

daß das Herz dir hrielit 
Von dem Kuß der Kost*, 

Als du kennst die Liebe nielit 
Und stirbst liebelose . . 

die Leere will ausgefüllt sein. Ist nun das weibliche Sexualgefühl 
überhaupt nicht vorhanden, oder die Angst vor der orgastischen 
Phase übermächtig, dann kann sich der Drang nach menschlicher 
Vertrautheit nur dem eigenen Geschlecht zuwenden, wenn er nicht 
in der allzu kümmerlichen Phase der Besorgtheit um Hunde, Katzen 
oder Papageien stecken bleibt. Welch ein kurzer Schritt aber Zärt¬ 
lichkeit und Liebkosung von sexueller Vertrautheit trennt und wie 
Gewohnheit bei einigermaßen zusammenstimmenden Partnern den 
-psychischen Zw f ang zur Gefühlsentspaunung nach der bestimmten 
Richtung schafft, ist allzu bekannt, als daß es noch besonders be¬ 
tont zu werden brauchte. Das suchende Verlangen bat aber an sich 
schon eine werbende, also aktive Nuance, und es wird schließlich 
nur vom Charakter der Partner im übrigen ahhängen, wie die 1 Rol¬ 
len verteilt werden. 

* Dabei liegt es in der seelischen Struktur des Weibes, bar auch 
nur der geringsten Fähigkeit psychischer Intuition, ein Spielhall 
der Verknüpfung von Vorstellungen und Gefühlen zu sein, die in 
seltsamen Verschlingungen und Wirrungen rätselhaft erscheinen¬ 
den Neigungen und Abneigungen die Bahn bereiten. Wer das Ge¬ 
wirr mit dem Begriff „neurotisch“ abtut, gewinnt dadurch noch 
nichts für das Verständnis manches jungen Mädchens, das schon 
frühzeitig davon überzeugt ist,, nur in den Armen einer Freundin 
glücklich sein zu können, und das trotz alles sehnsüchtigen Suchens 
diese Freundin nicht findet, weil es einem Idol nachjagt, das es in 
Wirklichkeit gar nicht gibt, und dabei allmählich geradezu Furcht 
davor bekommt, ihm doch einmal plötzlich zu begegnen und vor 
den Zwang gestellt zu sein, es zitternd in den Armen zu halten. 
Übergroße Empfindlichkeit, die Neigung zu Illusionen und die 
Angst vor allem Wirklichen spinnen es dann nach und nach ganz 
in einen Leidensweg ein, von dem es kein Entrinnen gibt ! Ich habe 
von einem solchen Fall einmal Näheres erfahren. 

Glücklichere Genossinnen werden mit dem seltsamen Spiel der 
Verknüpfungen wenigstens insoweit fertig, als sie die orgastische 
Phase, wie sie von ihnen erlebt wird, weil sie ihnen niemals wirk 
liebes Erlebnis werden kann, nämlich als Bündel ganz verschieden 
gefühlsbetonter phantastischer Eindrücke, in der Kultivierung der¬ 
artiger Eindrücke zu einer lebendigen Quelle orgastischen Gefühls 
zu gestalten vermögen. Diese Eindrücke entwickeln sieb natur¬ 
gemäß von zwei verschiedenen Kernen her: dem Übermut des An¬ 
greifers (Phalluskomplex) und dem Vernichtungsgefühl des Besieg¬ 
ten (Deflorationskomplex), die aller gerade deshalb, w T eil sie über¬ 
haupt nicht als Erlebnis, geschweige denn als erlebte Gefühlseinheit 


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Nochmals psvchosexuelle Intuition. 219 


empfunden werden können, gegeneinander gefühlsmäßig gewertet 
und ineinander gefühlsmäßig zergliedert, schließlich durcheinander 
zu den verschiedensten Eindrücken gefühlsmäßig verbunden wer¬ 
den. Die Angst vor dem angreifendeu Übermut z. B. kann sich 
ebenso in der endlichen Identifizierung mit diesem Übermut, der 
männlichen Pose, lösen, wie in der Flucht vor dem Verniehtungs 
gefühl durch Hingabe an ein Weib, der weiblichen Pose; der An* 
griff kann weiter im Angreifer selbst, also im Phallus, auf alle 
mögliche Weise entwertet werden — hier öffnet sich der weiblichen 
Phantasie ein weites Feld -- wie in der willkürlichen Ausschaltung 
jeden Vernichtungsgefühls (spontane Frigidität); Angriff und Ver¬ 
nichtung können schließlich gleicherweise verneint werden in der 
Tötung ihres spezifischen Inhalts bei Belebung und womöglich Über¬ 
treibung ihrer spezifischen Form, also in der Parodierung, welche* 
dann ebenso um ihrer Voraussetzung wie um ihrer selbst willen 
lustbetont ist; ich erinnere nur an die bekannte Tatsache, daß der 
.,inhaltlose 44 Angriff des weiblichen Partners mit gewaltigem Rüst¬ 
zeug und die „inhaltlose“ Vernichtung seines weiblichen Gegners 
mit einem besonderen Aufwand an Extase — vor diesem Rüstzeug 
in Szene geht. 

Die Folge von alledem kann sein, daß jene Frauen in eine 
envie de boue hineingeraten, die bei aller Mannigfaltigkeit im Aus¬ 
druck doch eindeutig gegründet bleibt auf das Fehlen des Ge¬ 
schlechtsgefühls und der dadurch bedingten Gleichgültigkeit gegen¬ 
über der Liebe des Mannes, die Angst vor ihm oder die Sucht, der 
Genußunfähigkeit durch Mittel aufzuhelfen, welche die charak¬ 
teristischen Bestandteile aller Reizmöglichkeiten gewissermaßen im 
Extrakt spezifischer Aphrodisiaka darbieten. Für derartig Veran¬ 
lagte waren die Briefe des betriebsamen Leiters eines vor Jahren 
blühenden „Instituts“ geschrieben, die ich bei der Berliner Kriminal¬ 
polizei gelesen habe, da war vom „minette“ und „feuille de rose“, 
vom Godrniche und „lecher le petit trou entre les cuisses“ die Rede: 
da gab es alles nach Wunsch: die „Liebesschaukel“ bedient von 
hübschen Mädchen im Backfischalter; das die gefürchtete Person 
des Mannes völlig austilgende wollüstige Spiel mit eitler Art ver¬ 
besserten ri-no-tama. Wobei die begehrlich gemachten Nerven der 
Schleimhaut seilet den Kitzel des hervorgespritzten Strahls nicht 
zu entbehren brauchten: „das Unzulängliche“ hier ward es wirk¬ 
lich „Ereignis“; nackte Dienerinnen, die mit Fessel, Peitsche 
und Striegel unter Zuhilfenahme schwarzer Dekorationen und 
religiös - mystischer * Embleme, von benebelndem Weihrauch und 
Dornenkränzen die ebenso gefürchteten als ersehnten und ach so 
flüchtigen Schauer wollüstiger Schmerzen hervorzuzaiibern vor 
standen; da waren männliche Wesen zu Zwergen und Gnomen 
verzerrt, die sieh wie zahme Hunde reizen ließen: wie zeigte 
sich der gefürchtete Phallus doch glückbringend ungefährlich und 
minderwertig! Ein Triumphgefühl ohne gleichen, für welches das 
Weib auch sonst Sinn bat: Nun ist er „bin“! — „die wonnigste 
Musik für ein Frauenobr“, um mit Grete Meisel-Hess zu reden! 
Im Sexualleben derartiger Frauen aber wird es zu einer Art 
überwertigen Agens, das sieb in seltsamen Formen offenbart, um 


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Wilhelm Reich. 


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immer wieder anders ausgekostet zu werden: in der Freundschaft 
mit homosexuellen Männern, wonach deshalb stets mehr oder weni¬ 
ger bewußt der Sinn steht, in allem Spott, der mit phantastischen 
Nachbildungen der männlichen Geschlechtsteile getrieben wird, in 
der grotesken Pose, den Phallus selbst zu tragen und zu beherrschen, 
wie in der posierten Groteske, ihn in Kerzenform gepreßt am Schau¬ 
platz seines Wiitens langsam zu verbrennen und diesem Autodafe 
in verhaltener Wollust „beglückt, verzückt, zwei Drittel schon ver¬ 
rückt“ bei sich oder anderen zuzuschauen; schließlich auch in dem 
Drang, jenes Triumphgefühl im Liede zu verherrlichen. Bei einer 
der nur Eingeweihten zugänglichen Zusammenkünfte gleichfühlen¬ 
der Frauen, wo überhaupt der Mund in der Form unzüchtiger Ge¬ 
sänge des überzugehen pflegte, wes das Herz voll war, hörte ich 
unter anderem zur Laute singen: 

„Schaut. Die Königin Christin«' 

Hebt hübsch hoch die Erinoline. 

Reizt den Papst zum Koitus! 

Dieser ist in großen Nöten, 

Klappert mit den heil’gen Klöten 
Und seufzt leis: Non possumus!“ 

Ich glaube, hierzu ist nunmehr jeder Kommentar überflüssig! 
Auch das ist „weibliche Homosexualität“! 

Was ich bezweckte, hoffe ich erreicht zu haben r mit Hilfe 
psychosexueller Intuition, deren praktischen Wert ich im Anschluß 
an eine wiederholte Charakterisierung nochmals besonders unter¬ 
streichen wollte, zu zeigen, welcher Unterschied zwischen dem männ¬ 
lichen und weiblichen Sexualgefühl obwaltet, wie das homosexuelle 
Empfinden des Mannes, vom männlichen Geschlechtsgefühl be¬ 
herrscht, nichts mit weiblicher Sexualität zu tun hat, wie es eine 
„weibliche Homosexualität“ als Analogon zu der männlichen über¬ 
haupt nicht gibt, und wie vom Standpunkt des Psychologen, der für 
das Gebiet der inneren Erfahrung allein zuständig ist, kein Mittel¬ 
ding zwischen „männlich“ und „weiblich“ vorkommt, sondern neben 
der Auslöschung des weiblichen Sexualgefühls und den darauf 
basierenden psychischen Derivaten, nur die Modifikation des männ¬ 
lichen bis zu» dessen Auflösung und Umsetzung in andere psychische 
Qualitäten. 

Wer dazu imstande ist, wolle diese Feststellungen auf ihre 
Richtigkeit nachprüfen! 

Über einen Fall von Durchbruch der Inzest¬ 
schranke in der Pubertät 1 ). 

Von Wilhelm R e i c h. 

Ich will in folgendem über einen Fall Bericht erstatten, der uns 
ganz eindeutig das vielumstritteue Inzestproblem vor Augen führt 
uiid uns zeigt, daß es einen Durchbruch der Inzestschranken gibt, 
der, durch besondere Umstände begünstigt, sich in dem bew'ußten 
Wunsche äußert, seine eigene Mutter zu koitieren. 

l ) Aus dem „Seminar für Sexuologie 1 * in Wien. 


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über einen Fall von Durchbruch der Inzestsehranke in der Pubertät. 


2‘Ü 


Man wird in diesem, Falle nicht von Degeneration und psycho¬ 
pathischer Veranlagung sprechen können, da es sich um einen 
durchaus'intelligenten, tüchtigen jungen Mann in den 20er Jahren 
handelt, Studierenden an dter technischen Hochschule, der sich mit 
der Bitte an mich gewendet hatte, ihm einen Analytiker anzuemp¬ 
fehlen, der ihn von seinen seit einigen Jahren in starkem Maße vor¬ 
handenen Depressionszuständen heilen könnte. Diese seien begründet 
in Minderwertigkeitsgefühlen, die sieh besonders in letzter Zeit 
derart verstärkt hatten, daß er zu keiner wie immer gearteten Ar¬ 
beit sich aufraffen mochte; er, der bis vor kurzem an allem Inter¬ 
esse gehabt, sich überall mit Erfolg betätigt hatte, begann öffent¬ 
liche Blamage/i zu fürchten: wenn er sprechen solle, „schnüre ihm 
etwas die Kehle“ aus'Furcht, Unsinn zu sagen, er begiune zu grii 
beln, was es denn damit für eine Bewandtnis haben könne, und nun 
trete an Stelle der Minderwertigkeitsgefühle (die jedoch nicht ganz 
wichen) das Bestreben, immer allein zu sein und zu grübeln, 
er könne sich darüber keine Rechenschaft geben, „während ich 
früher ü\>er die Ursache meiner — wie ich mir immer vorsagte — 
gar nicht begründeten Minderwertigkeitsgefühle grübelte, tue ich 
es jetzt ohne bestimmtes Ziel, was immer es sei, Dummheiten vom 
Tage, kleine, nebensächliche Vorkommnisse, baue ich zu Staats¬ 
affären aus. Von zielbewußter Arbeit, wie ich sie früher gewohnt 
war, ist natürlich nicht die Rede“ usw r . 

Ich konnte aus der kurzen, oberflächlichen Unterredung nur 
schließen, daß es sich hier um ein zwangsneurotisches Symptom 
(Grübelsucht) handle und erbot mich bereitwilligst, ihm einen Analy¬ 
tiker zu suchen, der die Analyse aus Interesse unentgeltlich über¬ 
nehmen würde, da er mir von vornherein die Unmöglichkeit, eine 
längerdauernde Analyse zu bezahlen, eingestanden hatte. Da aber 
kein Herr der hiesigen Psychoanalytiker w r egen Zeitmangel die Ana¬ 
lyse sofort, sondern erst später übernehmen konnte, erbot ich mich, 
ihm bis dahin über die schwierigsten Depressionen hinwegzuhelfen, 
da wie bekannt, oft nur einige Sitzungen freier Aussprache wenn 
auch nicht dauernde, so doch vorübergehende Linderung der De¬ 
pressionszustände zu schaffen imstande sind. 

Nach 4 Wochen (täglich 1 Stunde) abgehaltener Sitzungen 
zeitigte er, je näher wir einem bestimmten Zeitpunkte seiner Ent¬ 
wicklung (der Pubertätszeit, deren Bedeutung bald klar werden 
wird) kamen, desto größere Widerstände, alles zu sagen und nichts 
zu verbergen, bis er eines Tages ausblieb und nicht wiederkam. Un¬ 
gefähr 2 Wochen später langte ein dicker Brief an: eine Entschul¬ 
digung seines Benehmens, „ich habe den einen Punkt meiner Lebens¬ 
geschichte nicht in Worten nusdrücken können und da ich einsah, 
daß ed“ ohne vollkommene Wahrhaftigkeit keinen Sinn habe, ent¬ 
schloß ich mich, es weiter zu tragen, wie ich’s bisher getan“; eine 
Niederschrift der in den Sitzungen gebrachten Erinnerungen mit 
vielen für das Verständnis wichtigen Ergänzungen und — jener 
„Punkt seines Lebens“, den icb später wörtlich wiederbringe. 

Ehe ich daran gehe, ist eine kurze Wiedergabe seiner Lebensgeschichte notwendig: 
Kind reicher Ettern, Ältester von vier Geschwistern, alle gesund und honte sämtlich in 
öffentlicher Stellung. Von seinem Vater war er sehr streng erzogen worden, mußte immer 


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22§ Wilhelm Reich. 

mehr leisten als die anderen, um den Ehrgeiz seines Vaters, der nach tüchtigen Kindern 
ging, zu befriedigen, hing seit frühester Kindheit mit innigor Zärtlichkeit an der Mutter, 
die ihn oft vor tätlichen Ausschreitungen des Vaters schützte. Die Ehe der Eltern war 
insofern keine glückliche, als die Matter unter seines Vaters Eifersucht „schrecklich zu 
leiden“ hatte; er hatto schon als Fünf- bis Sechsjähriger häßliche Eifersuchtsszenen mit 
angesehen, es sei auch oft zu Tätlichkeiten seitens des Vaters gekommen, bei denen er 
sich immer als zur „Mutter gehörig“ gefühlt, hatte. Leicht begreiflich, da er selbst so 
sehr unter der Knute stand und die Mutter innigst liebte. Sexuell frühreif, hatte cs für 
ihn schon mit 5 Jahren „keine Geheimnisse“ gegeben, und auch körperlich stark vollführte 
er mit 11 x / 2 Jahren mit dem Stubenmädchen, allerdings von ihr dazu bewogen, den ersten 
Koitus. Vom 14. bis 18. Lebeusjahre Onanie-Periode, abwechselnd mit Gelegenheitskoitus, 
im 15. Lebensjahre erste Äußerungen ganz geringer Minderwertigkeitsgefühle. Seit dem 
21. Lebensjahre Verstärkung derselben mit Depressionszuständen, Ausbruch der Grübel¬ 
sucht, wie er sicli nach einigen Sitzungen erinnerte, von dom Zeitpunkte ab, wo er ein 
geistig tief unter ihm stehendes Mädchen kennen und lieben lernte, und dieses ihn nach 
einiger Zeit „betrog“. Wieviel Glauben diesem letzten Umstande zu schenken war, konnte 
ich in der kurzen Zeit nicht ermitteln, doch glaube ich in der Annahme nicht irre zu 
gehen, daß es sich hier mehr um Einbildung handelte. 

Soweit das für uns Wichtigste aus seiner Lebensgeschichte, 
wenn auch bei weitem nicht das Interessanteste. Der „Punkt“, an 
dem die Analyse nach so kurzer Zeit infolge bewußter Hem¬ 
mungen seitens des Patienten scheiterte, beinhaltet ein Verhältnis, 
das seine Mutter mit seinem Hauslehrer gepflogen und das er von 
seinen ersten Anfängen an beobachtet hatte. Davon erzählt er nach 
einer eingehenden Schilderung der Schönheit seiner Mutter, sie 
gleichsam entschuldigend, in seinem Briefe wörtlich: 

,,N. (Name dos Hauslehrers) begann ihr den Hof zu machen, inszenierte schöne 
Spazierfahrten und wurde scheinbar immer kühner, als er die Verhältnisse im Hause 
(gemeint sind die Eifersuchtsszenen usw. zwischen seinen Eltern) und den Umstand ge¬ 
zahlte, daß er der Mutter gefiel. Über die Anfänge des weidenden Verhältnisses bin 
ich nicht genau orientiert, da mir nichts aufgefallen war. Aufzumerken uud die An¬ 
gelegenheit zu verfolgen begann ich erst, als ich die Mutter eines Nachmittages, als der 
Vater schlief, in sein Zimmer gehen sah. Teils neugierig erotische, teils von 
Furcht erfüllte Gedanken (der Vater könnte aufwacben, weiter dachte ich nicht) 
erfüllten mich in dem Moment. Und von dem Tage ab spielte ich fortwährend Auf¬ 
passer uud Verfolger, aber auch Verteidiger 1 ) zu gleicher Zeit gegen etwaige 
Überraschungen von Vaters Seite. Den Grund dieses meines Handelns kann ich mir nicht 
erklären. Entweder war es der unbewußte Haß gegen Vater oder der sexuelle Kitzel, 
Mitwisser eiues so schaurigen Geheimnisses zu sein, der mich Vater gegenüber schweigen 
ließ. Ich glaube, daß beide Momente an diesem Verhalten gleichmäßig beteiligt waren. 

Das Verhältnis gedieh immer tiefer, es verging kein Tag, an dem beide nicht Ge¬ 
legenheit gesucht uud gefunden hätten, allein zu sein. Dieser Zustand dauerte ungefähr 
A Monate, die Zeit ihres Zusammenseins am Nachmittag war stets auf einige Minuten 
beschränkt. An die Möglichkeit eines ..sexuellen Verkehrs“ dachte ich nicht. Aber eines 
Tages erhielt ich auch darüber Gewißheit. Vater war gegen (5 Uhr ausgegangen, Mutter 
war wieder zu N. gegangen und blieb sehr lauge dort. Ich wartete die ganze Zeit über 
im Vorzimmer uud kämpfte mit dem Entschlüsse, entweder zu stören oder Vater zu er¬ 
zählen. Ein unbestimmtes Etwas hielt mich von bei dem zurück. Als dann Mutter (oh, 
welchen Beiklang erhält jetzt dieses •Wort!) aus dem Zimmer trat, aus dem ich keinen 
Lichtschein fallen sah, mit geröteten Wangen und irrem, uustetem Blick, da wußte ich: 
jetzt war es geschehen; ob das erste Mal, konnte ich natürlich nicht schließen. Ich 
wollte weinend, wie icli in der Ecke, von einem Schrank geschützt, dastand» auf die 
Mutter stürzen, doch auch das blieb aus, zu unser aller Unglück, denn ich trage die 
Überzeugung in mir, daß mein Anblick knapp nach der Tat sie zur Besinnung gebracht 
und, wenn auch etwas verspätet, uns die Mutter und Vater die Gattin gerettet hätte. 
Dies war die einzig mögliche Rettung! 

Was mich damals zurückhielt, ich vermag es nicht zu sagen, doch im selben Mo¬ 
ment keimte in mir Mitleid mit dem Vater auf und mit verbissenen Zähnen schlich ich 
von dannen. (Ich zählte ll 1 ^ bis 12 Jahre.)“ . . . 

A J Von mir gesperrt. 


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Über einen Fall von Durchbruch der Inzestschranke in der Pubertät. 223 


„Kurz nach Weihnachten verreiste Vater auf drei Wochen und da erlebte ich das 
Schrecklichste, das Widerwärtigste, das sich tief in mein Fühlen und Denken eiugrub. 

Mutter schlief während Vaters Abwesenheit wie immer im Schlafzimmer, das letzte 
iu der Zimmerflucht. Der Reihe nach schlossen daran das unsore, das Speisezimmer 
und das seinigo. Gleich in der ersten Nacht (ich hatte gespannt kein Auge geschlossen) 
hörte ich Mutter vom Bette steigen und — der Ekel schnürt mir die Kehle!! — durch 
unser Zimmer, nur mit dem Schlafgewand bekleidet, auf Fußspitzen schlüpfen. Bald 
hone ich die Türe seines Zimmers gehen und nicht vollkommen schließen, dann Ruhe, 
leb sprang vom Bett und schlich nach; frierend und zähneklappernd vor Angst, Schreck 
und Kälte schlich ich mich bis an die Türe heran, die nur angelehnt war, uud lauschte. 
Uh gräßliche Erinnerung, die mir das Andenken an die Mutter in den Staub zerrt, ihr 
in mir ruhendes Bild immer von neuem mit Dreck und Unflat beschmutzt! Muß ich 
denn alles sagen? Die Feder sträubt sich, nein, mein Ich, mit ganzer Kraft dagegeu 
und doch, ich will und muß es tun! 

Ich hörto Küsse, Flüstern, die fürchterlichen Geräusche des Bettes, uud darin lag 
meine Muttor. Und drei Meter dahinter stand ihr Kind und hörte ihre Schande. 
Plötzlich Ruhe, offenbar hatte ich in meiner Aufregung Geräusch gemacht, dann be¬ 
ruhigende Worte seinerseits und dann, dann wieder oh! . . (Letzter Absatz, besonders 
letzte Worte, scheinen in höchster Aufregung geschrieben, wirr, mit dicken Federstrichen.) 

„Nur Ruhe, Ruhe dieser ncrvenaufpeitschenden Tragödie gegenüber. Übermensch¬ 
liches leisten! Nur „objektiv- urteilen, welcher Ilohn! solch eiu Vorsatz!! 

Ich erinnere mich aus jener katastrophalen Nacht nur soviel, daß ich zuerst ius Zimmer 
stürzen wollte, doch vom Gedanken zurückgehalten wurde: sie könnten dich töten! 
Hatte ich es doch gelesen, daß der Liebhaber jeden Störenden hinmache, und mit wilden 
Phantasien im Hirn schlich ich in mein Bett zurück, an Frohsinn geschädigt, im Innersten 
zerrissen für mein ganzes Leben! 

So ging « nächtlich, stets schlich ich nach und wartete bis gegen Morgen. All¬ 
mählich gewöhnte (!!!) ich mich daran, der Schrecken schwand und die erotischen Ge¬ 
fühle gewannen die Oberhand. So beschäftigte mich einmal der Gedanke, 
liinoinzustürzen und von der Mutter (Pfui!) den Koitus zu verlangen 
mit der Drohung, ich würde es Vater erzählen 1 ). 

In den letzten Tagen ging ich dann regelmäßig meinerseits zum Stubenmädchen.“ 

Dann folgt ein ausführlicher Bericht über den Tod der Mutter, 
die sieh unter tragischen Verhältnissen nach Entdeckung des Ver¬ 
hältnisses durch den Vater vergiftete, und zweierlei, das von emi¬ 
nenter Bedeutung ist: Nach dem Tode der Mutter hatte sieh sein 
Verhältnis zum Vater zusehends gebessert, er wurde allmählich „sein 
bester Freund und Berater“; das zweite: er hatte in letzter Zeit 
wieder zu onanieren begonnen und stets mit dem Bestreben, sich ein 
ganz bestimmtes Weib (das eine Mal das eine, das andere Mal das 
andere) vorzustellen. Doch nie war er mit der Wahl seiner Phan¬ 
tasie zufrieden. „Ich suchte in meiner Eriunernug nach einer Frau 
meiner vielen Verhältnisse und keine schien mir die Richtige. 
Und immer kam es zur Onanie mit der Phantasie lediglich eines 
Pnterleihes, das zugehörige Gesicht sah ich niemals und ich kam 
mir klein vor dem mächtigen Unterleib gegenüber, den ich da unter 
mich phantasierte.“ An Tagen nach so betriebener Onanie waren 
die Depressionszustände regelmäßig bis zur „Unerträglichkeit“ ge 
steigert, ja einmal war er dem Selbstmorde nahe. 

Sehen wir von der Tragik dieses Falles ah und untersuchen 
wir ihn, soweit das Gebrachte führt, auf das hin, das uns liier am 
meisten auffällt: sein damals bewußt gewordener Wunsch, von der 
• Mutter den Koitus zu erpressen und der Kampf mit der Inzest 
schranke, welch letztere ihn jedes „Pfni!“ ausrufen läßt, sow r ie die 
Konflikte, die sich daraus ergeben haben mögen. — 

Von mir gesperrt. 


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*224 Wilhelm Reich. 

Ich muß es von vornherein unterlassen, dieses traumatische 
Erlebnis irgendwie in ätiologischer Beziehung zum Zwangsgrübelu 
und zu den Depressionszuständen zu bringen, da infolge der viel 
zu kurzen Zeit, die für die Analyse zur Verfügung stand,, ein auch 
nur einigermaßen klarer Einblick in den Werdegang dieser Neurose 
versagt blieb; aber daß ein Zusammenhang besteht, wird angesichts 
folgender Momente nicht zu leugnen sein: wir hörten, daß seine 
Grübelsucht anfing, als er sich von seinem geliebten Mädchen be¬ 
trogen glaubte; der Analogieschluß auf den von der Mutter be¬ 
trogenen Vater drängt sich auf, denn daß ein junger* Mann das 
Betrogenwerden tragisch nimmt, kommt zwar vor, es ist aber höchst 
selten der Fall, daß er darauf prompt mit einer Zwangsneurose 
reagiert, um so mehr, als das Mädchen geistig tief unter ihm stand 
und er, wie aus manchem zu schließen war (z. B. zahlreiche, leicht¬ 
sinnige Liebesverhältnisse) Liebesangelegenheiten überhaupt nicht 
sonderlich ernst nahm; wenn er auch einmal gestand, daß er Ver¬ 
hältnisse nur „schweren Herzens“ löste, aber nur deshalb, weil ihm 
die Mädchen „leid taten“. — 

Sein Vater war in der Tat nach, der Katastrophe ein „völlig 
gebrochener Mann“; hier läge aber eine Identifizierung mit dem 
Vater vor, worauf wir auch noch von anderer Seite her schließen 
können: „teils neugierig erotische, teils von Furcht erfüllte Ge¬ 
danken . . . erfüllten mich . . Er spielte „Aufpasser uud Ver¬ 
folger, aber auch Verteidiger zu gleicher Zeit . •. Hier spiegelt 
sich ganz deutlich der Konllikt wieder, der ihn damals durchtobte, 
als er Aufpasser, Verfolger und Verteidiger war. Daß er den Auf¬ 
passer spielte, wird uns nicht verwundern, wenn wir bedenken, 
daß er damals mitten in den Pubertätsstürmen der Libido stand, 
seine erste Geschlechtsprüfung (Koitus mit dem Stubenmädchen) 
bereits bestanden hatte und überdies erfahren, daß er schon als vier 
jähriges Kind rn Abwesenheit der Eltern, im Zimmer der Bedien¬ 
steten schlafend, oft den Koitus der Amme (seines jüngeres Bruders) 
mit ihrem Liebhaber belauscht hatte. Dafür, dies letztere als 
Deckerinnerung aufzufassen und dahinter mehr zu vermuten, haben 
wir keine Berechtigung, wenn auch, wie Freud gezeigt hat, derlei 
Deckerinnerungen regelmäßig Vorkommen (z. B. Erinnerung an zwei 
koitierendte Hunde, hinter der die verdrängte Erinnerung an den 
belauschten elterlichen Koitus steckt). 

Aus seiner übergroßen Zärtlichkeit zur Mutter und dem Haß 
gegen den strengen Vater können wir mit voller Berechtigung den 
Schluß ziehen, daß er den Ödipuskomplex in nicht geringem Aus¬ 
maße besaß, und wenn er dann den Verfolger spielte, so tat er 
dies, weil die Mutter i h m untreu geworden war. Er, als Vertreter 
des Vaters,. verfolgte sie, welche Rolle ihm sicherlich nicht leicht 
wurde, da er auch zugleich Verteidiger „gegen etwaige Über¬ 
raschungen von Vaters Seite“ war. Nun drängt sich die Frage auf, 
warum stürzte er sich in diese Konflikte? Wäre nicht das Nächst- • 
liegende gewesen, es dem Vater zu erzählen und sich so gleichsam 
an der Mutter w r egen der Untreue zu rächen? Daß er es nicht tat, 
mag seine Ursache in mancherlei haben; das, was ihn bewußt 
davon abhielt, wird wohl die Furcht vor einer fürchterlichen Rache- 


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Über einen Fall von Durchbruch der Inzestschranke in dor Pubertät. 


225 


tat des Vaters gewesen sein, da er dessen Eifersucht und Jähzorn 
kannte. Wir werden jedoch nicht fehlgehen, wenn wir dem Un¬ 
bewußten eine viel größere Bedeutung für sein Verhalten zu¬ 
schreiben. Aus dem bewußten Wunsche, seine Mutter zu koitieren, 
als er hinter der Türe stand, ist zu schließen, daß der Inzestgedanke 
in seinem Unbewußten schon lange vorher rege gewesen, als er die 
Anfänge des Verhältnisses beobachtete. Aber schon viel früher 
hatte er, wie er in der Analyse vorbrachte, die Mutter stets am 
Nachmittage dem Vater vor seinem Nachmittagsschläfchen bei ver¬ 
schlossenen Türen Gesellschaft leisten gesehen und sich dabei ge¬ 
dacht, daß sie „jetzt selbstverständlich verkehren“. W T ir sehen also 
bereits, daß sich die Momente, in denen er belauschte,, beobachtete, 
sich Gedanken machte usw., summieren, in den äußeren Umständen 
eine gewisse Ähnlichkeit miteinander zeigen und können daher in 
ihnen das kausale Vorspiel seiner späteren Grübelsucht vermuten. 
Der unbewußte Inzestgedanke wird anläßlich des beobachteten Ver¬ 
hältnisses um so viel reger gewesen sein, als die Sexualeinschüchte¬ 
rung durch den Vater, d. h. die Furcht und das Wissen um dessen 
Überlegenheit hier fortfiel, sein unbewußter Gedanke vielleicht ge¬ 
lautet haben mochte: „Den wirst du doch leichter verdrängen 
können.“ Denn es fällt uns auf, daß er den Koitus sowohl zwischen 
* Vater und Mutter, als auch das Verhältnis im Alter von 8—12 Jahren 
beobachtet, und gerade bei letzterem die Inzestschranke den Durch¬ 
bruch erfahren hatte. Vielleicht spielte hier der von Freud er¬ 
wähnte Umstand mit, daß sich beim Kinde, das einen elterlichen 
Koitus belauscht, von der bis dahin so sehr verehrten Mutter die 
unbewußte Vorstellung einer Dirne bildet (worauf es später eifriger 
Prostituiertengänger wird, weil es nur bei Dirnen Befriedigung 
findet). 

Der außereheliche Verkehr der Mutter kann hier sehr wohl 
auch bei ihm wie oben gewirkt habfen, umsomehr, als er bei den Eifer¬ 
suchtsszenen zwischen den Eltern, den Vater seine Mutter eine 
„Dime“ nennen gehört hatte. Die äußere Erniedrigung der 
Mutter kann also sehr wohl seinem unbewußten Inzestwunsche mehr 
Mut verliehen haben, so daß es schließlich auch wirklich zum Durch¬ 
bruche desselben ins Bewußtsein kam. — 

Die Besserung seines Verhältnisses zum Vater nach der Mutter 
Tode ist nur ein Beweis mehr für seine Ödipuseinstellung; mit dem 
Wegfall der Bedingung für die Rivalität war auch diese geschwun¬ 
den, wahrscheinlich mit Beihilfe der Identifizierung mit dem Vater, 
(siehe das „Mitleid“ mit diesem). : — 

Was schließlich seine Onaniephantasien in letzter Zeit anlangt, 
so ist in Anbetracht seiner Erzählung und des Bekannten gar kein 
Zweifel daran zu hegen, daß er die Mutter zum Phantasieobjekte 
während der Masturbation gewählt hatte. — 

Ich will ferner nicht unerwähnt lassen, daß außer dem Schuld¬ 
bewußtsein, das aus dem Ödipuskomplex resultiert, auch noch dem 
Umstande als mitwirkenden Faktor an seinen Depressionszuständen 
Bedeutung zukommt, daß er stummer Mitwisser jenes „schaurigen 
Geheimnisses“ gewesen, und obwohl es, wie er glaubte, in seiner 
Macht gelegen, es unterlassen hatte, die Familie zu retten, indem er 

Zeitschr. f. Sexualwissenschaft VH. 7. 15 


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226 


H. Fehlinger. 


hinter dem Schranke hervorstürzend „die Mutter zur Besinnung“ 
gebracht hätte. — 

Ich möchte endlich meine Meinung von dem Schlüsse, den man 
aus diesem Falle ziehen kann, dahin formulieren, daß an der Auf¬ 
richtung der Inzestschranke in der sexuellen Latenzperiode (Freud) 
vom ungefähr- 5. bis 12. Lebensjahre die Sexualeinschüchterung 
durch das Minderwertigkeitsgefühl vor dem Vater (beim männlichen 
Bande) einen gewissen Anteil hat, daher in gewissem Sinne eine 
kulturell notwendige Institution darstellt. — 


Die Frau in der islamischen Welt. 

Von H. F e h 1 i n g e r. 

Die rechtliche und wirtschaftliche Stellung der Frau ist im 
islamischen Orient eine wesentlich andere als innerhalb des euro¬ 
päischen sowohl wie des buddhistischen oder des hinduistisehen Kul¬ 
turkreises. Von den Indonesiern des malayischen Archipels und 
den Negervölkern des Sudan abgesehen, unterliegt die Frau im isla¬ 
mischen Asien und Afrika Beschränkungen, wie sie anderwärts nicht 
geübt werden. Freilich ist das Maß der Unfreiheit der Frau auch 
hier nicht überall gleich. Vor allem besteht ein großer Unterschied 
zwischen Stadt und Land. Verschiedene Einschränkungen und Be¬ 
hinderungen, welche die Städterinnen ganz allgemein betreffen, sind 
auf dem Lande unbekannt und andere werden lange nicht so strenge 
durchgeführt. Auch wird besonders im südlichen Arabien die weib¬ 
liche Bevölkerung nicht derart abgeschlossen gehalten als sonst 
in Westasien. Lipa Bey schreibt zutreffend: Sehr ungünstig ist das 
Schicksal der islamischen Frau in Persien, wo das Volk ganz unter 
dem Einfluß der Priester steht, die sich gegen jede durchgreifende 
Reform der Stellung der Frau ablehnend verhalten. Noch tiefer 
steht sie in Marokko. In Algerien und Tunesien dagegen hat der 
Umstand, daß viele Moslim Französinnen heiraten, einen bedeuten¬ 
den Einfluß auf die weibliche Bevölkerung. Hier besuchen die 
islamischen Frauen gern französische Schulen. Auch im ehemaligen 
russischen Reich war die Lage der islamischen Frau eine bessere als 
in den meisten anderen Ländern. (Lipa Bey, Die Frau des Islam. 
Sexual-Probl., 1910, S. 817—818.) In Britisch-Indien, wo 66 647000 
Muselmanen leben, ist außerhalb der westlichen Grenzgebiete die 
Stellung ihrer Frauen (ebenso wie die andern sozialen Einrichtun¬ 
gen) in bedeutendem Grade vom Hinduismus beeinflußt 1 ). Der 
Islam in seiner ursprünglichen Fassung ist einer freien Stellung 
der Frau und ihrem stärkeren Hervortreten in der Öffentlichkeit 
nicht entgegen. Die Freiheit der Persönlichkeit ist ein Erbteil des 
alten Arabertums. das sich im Koran oft genug ausspricht: „Der 
Gläubigen Angelegenheiten w-erden zwischen ihnen beraten“ (42,36). 
Aber die gerade entgegengesetzten Einflüsse des alten Persertums 
unterdrückten kraft der Gewalt einer überlegenen Kultur die demo* 


*) Vgl. Fehlinger, Inüischc Religionen. Zcitschr. Asien, Jg. 1919, 2. Ergänzungsheft 


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Die Frau in der islamischen Welt. 


227 


kratischen Bestrebungen des Arabers und überwucherten sie mit 
ihren antiken Ansichten von der Despotie des Staats- und Religions- 
oberhauptes über das Volk sowie dementsprechend auch des Mannes 
über das Weib. (E. Banse, Das Orientbuch. München 1914.) 

Die Schech und Ulema haben bei der Auslegung des Koran, ge¬ 
leitet von ihrer männlichen Selbstsucht, alles das herausgenommen, 
w r as für sie vorteilhaft war, und alles zu ungunsten der Frau 
ausgelegt. Die Spitzfindigkeiten der exaltierten Koranausleger 
entschuldigen dieses ungerechte Vorgehen gegen die Frauen, indem 
sie es als den Lehren Mohammeds entsprechend vorgeben. — Der 
Vorrang der Männer über die Frauen ist jedoch schon im Koran 
wiederholt ausgesprochen. Bezüglich des Erbrechts schreibt der 
Koran ausdrücklich, daß ein Sohn soviel bekommt, wie zwei Töch¬ 
ter. (Lipa Bey, a. a. O., S. 810—811.) 

Ein schwerer Nachteil der Behandlung der Frau als Mensch 
zweiter Klasse — oder fast möchte man sagen als Objekt — ist die 
Ausschaltung der natürlichen Auslese, die auch innerhalb der Men¬ 
schen Anpassung und Höherzüchtung bewirken muß. Wie die 
Dinge liegen, hat nicht nur die überdurchschnittlich befähigte Frau 
der unterdurchschnittlich befähigten gegenüber keinerlei Vorteile 
zu gewärtigen und diese ist in keiner Weise benachteiligt, ja infolge 
der für die Eheschließung geltenden Regeln fallen auch körperliche 
Vorzüge in keiner Weise ins Gewicht. Wenn es sieh um eine Ehe¬ 
schließung handelt, hat das islamische Mädchen sich nach der gel¬ 
tenden Rechtsauffassung willenlos den Anordnungen ihrer Ver¬ 
wandten zu fügen. Doch selbst für den Mann ist die Möglichkeit 
der Wahl einer Ehegenossin sehr eingeengt, da im Bereiche des 
Mohammedanismus kein freier gesellschaftlicher Verkehr der Ge¬ 
schlechter herrscht; die Geschlechter sind vielmehr voneinander 
streng getrennt. Frauen sind in den Straßen selten zu sehen, und 
die, welche man sieht, sind so gekleidet, daß weder Gesichtszüge 
noch Körperformen sichtbar sind. Selbst wer die Gastfreundschaft 
eines Mohammedaners genießt, wird nur ganz selten so weit kom¬ 
men, daß er die unversehleierten Gesichter weiblicher Familienmit¬ 
glieder zu sehen bekommt. Und keine Mädchengesichter gucken aus 
Fenstern — weil die Vorderfronten der Häuser des islamischen 
Orients fensterlos sind. 

Gar nicht selten ist es, und mindestens bei den sozial höher¬ 
stehenden Gesellschaftsklassen gilt es als Regel, daß der Bewerber 
um ein Mädchen dieses vor der Eheschließung nicht un¬ 
verhüllt gesehen hat. Ein Verlöbnis geht zwar auch bei den 
Mohammedanern der Eheschließung voraus, aber den religiösen 
Vorschriften nach soll der Mann nur die bekleidete Gestalt und die 
Hände derjenigen gesehen haben, welche er zur Ehe begehrt 1 ). Es 
ist klar, daß auf solche Weise die geschlechtliche Zuchtwahl voll¬ 
kommen ausgeschaltet wird. Wo diese aber .fehlt, dort ist auch die 
Fortschrittsmöglichkeit aufgehoben. 

Die Trennung der Geschlechter im alltäglichen Leben, die im 

Bereich des Islam Tatsache ist, kann in keiner Weise als natürlich 

• • 

*) Kausimsky, Ehe- und Familienrecht der Mohammedaner, S. 5. Wien 1914. 

15* 


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228 


H. Fehlinger. 


begründet gelten. E. Banse ist inx Irrtum, wenn er (in dem angeführ¬ 
ten Buch) schreibt, daß ein ständiges Beisammen- und Untereinander¬ 
sein von Mann und Frau in jenem heißen Tropenklima das Ge¬ 
schlechtsleben hochgradig steigern und somit nicht nur die Sittlich¬ 
keit gefährden, sondern auch die Gesundheit des Volkes herabsetzen 
würde. Das Tropenklima steigert den Geschlechtstrieb durchaus nicht, 
viel eher wirkt es erschlaffend auf ihn ein. (Vgl.: Karl Sapper, Mit¬ 
telamerika. Ansiedlung von Europäern in den Tropen, 2. Teil.) Im 
Leben der Eingeborenen der tropischen Länder, und namentlich 
außerhalb Afrikas, spielen sexuelle Dinge eine verhältnismäßig unter¬ 
geordnete Rolle, die Frau wird bei ihnen weit mehr nach ihrer Ar¬ 
beitsleistung als nach ihren geschlechtlichen Reizen gewertet. Das 
werden so ziemlich alle bestätigen können, die mit solchen Völkern 
gut bekannt geworden sind. Auch die Annahme ist falsch, daß das 
Tropenklima frühzeitige Geschlechtsreife begünstigt. Vgl. meine 
Schrift „Das Geschlechtsleben der Naturvölker“.) Überdies ist das 
Klima weiter Gebiete des islamischen Orients durchaus nicht tro¬ 
pisch heiß. 

Ein arger sozialer Nachteil der Trennung der Geschlechter ist, 
daß Mann und Frau gar nicht in den Stand kommen, einander rich¬ 
tig kennen und schätzen zu lernen. Und doch sind sie berufen, ein¬ 
ander nicht bloß körperlich, sondern auch geistig zu ergänzen. Die 
Ehe der Islamiten ist keine seelische und wirtschaftliche Lebens¬ 
gemeinschaft; ihr Zweck ist nur die Fortpflanzung, wozu bei der 
Bauernschaft auch noch die Ausnutzung der weiblichen Arbeits¬ 
kraft kommt. Die Lebensgemeinschaft ist namentlich in allen 
jenen Fällen ganz ausgeschlossen, wo der Mann eine Mehrzahl von 
Frauen hat, also bei den sozial und wirtschaftlich bevorzugten 
Klassen. Rechtsgültig darf der Moslim gleichzeitig mit vier Frauen 
verheiratet sein; jede dieser Frauen aber hat das Recht auf eine 
vom Manne und den anderen Mitfrauen abgesonderte Wohnung, 
und es ist dem Manne gesetzlich untersagt, bei einer seiner Frauen 
länger zu verweilen, als dies der Zweck seines Aufenthaltes er¬ 
heischt. Ein Familienleben in unserem Sinne kennen die Moslim 
nicht, denn auch wenn der Mann nur mit einer Frau verheiratet ist, 
soll er sich nur solange bei ihr aufhalten, als es die Fortpflanzung 
erfordert. Der Mann hat aus diesem Anlaß die Frau in ihren Wohn- 
räumen zu besuchen und nur ausnahmsweise darf er sie zu sich 
kommen lassen. Besonders genau muß das eingehalten werden, 
wenn der Mann mehrere Frauen hat. Er muß die Zeit und die 
Reihenfolge seiner Besuche bestimmen und darf bei keiner seiner 
Frauen über die Dauer dieser bestimmten Zeit verweilen; nur im 
Falle einer Krankheit ist es ihm erlaubt, sie auch außerhalb der be¬ 
stimmten Zeit zu besuchen. Die verkürzte Gattin hat das Recht 
auf gerichtliche Hilfe. Das Gericht geht mit Ermahnung und Be¬ 
strafung vor. Wenn der Mann auf eine Reise geht, steht es ihm 
zwar frei, sich als Begleiterin eine seiner Frauen zu wählen, jedoch 
empfiehlt das geltende Recht, hierüber das Los entscheiden zu lassen. 
Die eheliche Gemeinsamkeit der islamischen Gatten ist nur eine 
geschlechtliche. Das Sclieriatsreclit betrachtet die Ehefrau als eine 
bloße Kindergebärerin. (Kausimsky, a. a. O. S. 38—39.) Mit gutem 


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Die Fraa in der islamischen Welt. 229 


Recht sagt Lipa-Bey: Das Sonderleben beider Geschlechter bringt 
ein Auseinandergehen der gegenseitigen Interessen mit sich; in der 
Mehrzahl der Familien ist der Mann der Herr und die Frau eine 
Sklavin, eine gesetzlich genehmigte Mätresse. Ein einheitliches 
Wirken in der Familie der Moslim ist unmöglich, um so mehr als 
die Frau, wenn sie ein elterliches Vermögen ererbt hat und es selbst 
verwaltet, gegen ihren Mann sehr mißtrauisch wird und ihm keine 
Rechte auf ihr Vermögen einräumt. 

Die Sorge um die Aufzucht und die Erziehung der Nachkom¬ 
men liegt nach islamischem Recht ganz und gar dem Vater ob. 
Auch praktisch haben die Mütter auf die Erziehung der Kinder, 
namentlich bei besser situierten Gesellschaftsklassen und soweit es 
sich um Knaben handelt, keinen Einfluß. 

Dauernde Eheverbote sind die rechtmäßige und natürliche Ver¬ 
wandtschaft, sowie die Schwägerschaft und die Milchverwandt¬ 
schaft. Die rechtmäßige Verwandtschaft schließt die Verehelichung 
aus mit den Eltern, Großeltern, Kindern, Enkelkindern und den 
Geschwistern, ebenso mit dem Onkel oder der Tante. Geschwister¬ 
kinder können untereinander eine gültige Ehe schließen. Zu den 
dauernden kommen noch eine Reihe zeitweiliger oder vorübergehen¬ 
der Eheverbote. Zu diesen gehört auch der Glaubensunterschied, 
doch ist dieser, wie Dr. Kausimsky klar darlegt, kein gleichmäßiges 
Eheverbot für die Frau und den Mann, da die gläubige Frau nur 
einen Moslim ehelichen darf, während dem Manne nur eine Ehe mit 
Frauen verboten ist, deren Glaube sich nicht auf die heiligen Bücher 
(Bibel und Evangelium) gründet, er kann also mit einer Jüdin oder 
Christin eine gültige Ehe schließen. Das islamische Recht fordert 
überdies, daß Mann und Frau in bezug auf Vermögen und soziale 
Stellung einander ebenbürtig sein sollen; wenn das nicht zutrifft, 
kann die Ehe aufgelöst, unter Umständen kann sie sogar als un¬ 
gültig erklärt werden. 

Die Auflösung der Ehe ist für den Mann ebenso leicht wie die 
Eheschließung. Für die Frau dagegen ist nur erwiesene Impotenz 
des Mannes Grund genug, um die Auflösung der Ehe zu verlangen. 
Die Auflösung einer gültigen Ehe kann durch Verstoßung der Frau 
seitens des Mannes oder durch Trennung erfolgen. Die Verstoßung 
kann widerruflich oder unwiderruflich sein. Die widerrufliche Ver¬ 
stoßung bewirkt noch keine Eheauflösung. Die verstoßene Frau 
muß sich jedes geschlechtlichen und überhaupt intimen Verkehrs 
mit einem Manne durch drei Monate enthalten,' doch besteht die 
Ehe während dieser Zeit rechtlich mit allen ihren Folgen weiter, es 
ist nur die eheliche Gemeinschaft suspendiert. Während der Zeit 
der Aufhebung des Geschlechtsverkehrs kann der Gatte die Ver¬ 
stoßung widerrufen; tut er es nicht, so ist die Ehe nach Ablauf 
dieser Zeit aufgelöst. Die widerrufliche Verstoßung kann nur zwei¬ 
mal erfolgen. Mit dem dritten Male wird die Verstoßung endgültig. 
Die Ehegemeinschaft kann hierauf nur dann wieder aufgenommen 
werden, wenn eine neue Ehe unter Beachtung aller zur Eheschließung 
notwendigen Bedingnisse eingegangen wird. Der Unterschied zwi¬ 
schen beiden Verstoßungsarten liegt hauptsächlich darin, daß bei der 
zeitweiligen Verstoßung der* Gatte das Recht hat, die eheliche Ge- 


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230 


H. Fehlinger, Die Frau in der islamischen Welt. 


r 


meinschaft einseitig auch ohne Einwilligung der Gattin wieder auf- 
zunehmen. Es kann auch mit einem Akte die dreimalige Verstoßung 
ausgesprochen werden. Durch Trennung aufgelöst werden kann die 
Ehe infolge von Tatsachen, die der Eheschließung nachfolgten; die 
wichtigsten dieser Tatsachen sind Ehebruch und diesem gleich¬ 
geachtete Handlungen sowie Abfall vom Islam; in gewissen anderen 
Fällen kann die Ehetrennung durch Entscheidung der Gerichte be¬ 
wirkt werden. 

Dem Gatten steht so gut wie völlige Gewalt über seine Frau zu; 
er kann ihre Wohnstätte im Orte der Eheschließung oder in einem 
anderen Orte bestimmen, welcher von jenem, wo die Ehe geschlossen 
wurde, nicht mehr als drei Tagesreisen entfernt ist; auf einen ent¬ 
fernteren Ort braucht die Frau ihrem Manne nicht zu folgen. Diese 
Wohnstätte darf sie ohne Erlaubnis nicht verlassen. Weiter kann 
der Mann den Verkehr seiner Frau mit anderen Frauen regeln, 
während ein gesellschaftlicher Verkehr mit Männern überhaupt aus¬ 
geschlossen ist. Er kann auch den Aufenthalt ihrer Verwandten 
in der ehelichen Wohnung verwehren und ihr untersagen, an Festen 
selbst ihrer nächsten. Verwandten teilzunehmen, doch darf sie ihre 
Eltern einmal wöchentlich, die anderen nahen Verwandten einmal 
jährlich besuchen und ebensooft ihren Besuch empfangen. 

Die väterliche Gewalt erstreckt sich sowohl auf die Person als 
auf das Vermögen des minderjährigen und geistig unzurechnungs¬ 
fähigen Kindes. Der Vater hat das Recht, die unter seiner Gewalt 
stehenden Kinder zur Ehe zu bestimmen und sie gültig — auch 
gegen ihren Willen — zu verehelichen. Was die Person des Kindes 
betrifft, so hat der Vater auch das Recht, die Arbeitskraft seines 
Sohnes zu verdingen. Über das Vermögen der unter seiner väter¬ 
lichen Gewalt stehenden Kinder hat der Vater ein sehr weitgreifen¬ 
des Verfügungsrecht. Ein Recht der Mutter ist dagegen, den 
Knaben bis zum vollendeten 7., das Mädchen bis zum vollendeten 
9. Jahre mit Ausschluß des Vaters in Aufsicht und Wartung zu 
nehmen. Verlustig wird die Mutter dieses Rechtes nur dann, wenn 
sie vom Glauben abtrünnig oder geisteskrank wird. 

Den islamischen Mädchen kommt selbst bei den wohlhabenden 
Volksklassen außer einem kurzen Schulbesuch nur ein oberfläch¬ 
licher Musik- und Handarbeitsunterricht zugute. Die mangelhafte 
Erziehung führt dort, wo ein Vermögen vorhanden ist, zu Ver¬ 
schwendungssucht. Für einen wohlhabenden Muselmanen wäre es 
etwas Unnatürliches, seine Tochter für einen Beruf ausbilden zu 
lassen (Lipa Bey, a. a. 0. S. 808). Im mohammedanischen Indien ist 
es um die Ausbildung der Mädchen noch weit schlimmer bestellt 
• als in Westasien, Ägypten und Algerien. 

Die Masse der islamischen Frauen trägt ihr Schicksal in 
stumpfer Ergebenheit. Doch viele Frauen der sozial höher stehen¬ 
den Kreise sind dem Fortschritt und größeren Freiheiten stark 
zugeneigt. Ob sie in ihrem Streben Erfolg haben werden, ist schwer 
zu beurteilen. Sicher würde damit die Europäisierung des Orients 
stark gefördert. 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


231 


Kleinere Mitteilungen, Anregungen und 
Erörterungen *). 

Ein Fall von Doppelbildung des männlichen Genitale. 

Von Dr. Albert Lahm an n. 

(Mit 1 Abbildung.) 

Aus Dr. Lahmanns Sanatorium „Weißer Hirsch“ in Weißer Hirsch (Chefarzt Professor 

Dr. J. H. Schultz-Jena). 

Durch die Liebenswürdigkeit eines meiner Patienten, des Mitgliedes der Stöckerschen 
Expedition, Herrn Funke, gelangteich in den Besitz derbeigedrückten Abbildung eines Chinesen 
mit vollkommener Teilung des männlichen Geschlechtsteiles, die sich auch auf das Skrotum bezog. 

Es haudelt sich in diesem Falle um einen Kuli, den die Franzosen in Peking zur 
Tätigkeit hinter ihrer Front auwarben. Ähnliche Fälle sind von Garre und von Sangalli 
beobachtet worden (nach Rohleder: Die Funktionsstörungen usw., Leipzig 1913, S. 89f.). 
Neugebauer hat schon 1898 in der Monatsschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie, Bd. 7, 
(nach Rohleder 1. c.) 28 solcher Fälle von Diphallie, wie er es nennt, beschrieben. 
Die Abnormität ist z. B. auch von Geoffroy 
Saint Hilaire in seinem Werk „Histoire 
generale et particuliere des A nomalies de 
^Organisation chez l’homme es les animaux“, 

Paris 1836, beschrieben worden. Der gleiche 
Fall wird von Dr. Lip Tay in „La vie sexu¬ 
elle deä monstres avec mille et une Obser¬ 
vation curieuses sur leurs Organes genitaux“, 

Paris 1904, beschrieben, und zwar der Fall 
des Geoffroy Saint Hilaire folgendermaßen: 

„Oui, aux jours des grands jeux! 

Nous en reparlerons, mais le penis 
peut etre bifurque et divise en deux 
parties sans etre entierement double. 

La bifidite peut alors se borner au 
gland ou memo atteindre une plusgrando 
etendue de la portion antorieure de la 
verge sans aller jusqu’au dodoublement 
complet. C’est le peneschisis des auteurs, 
anoraalie qui, pour Albrecht, serait un 
retour atavique vers le type marsupial 
dans les cas, oü la bifurcation n’inter- 
esse que le gland, ou bien une reversion 
jusqu’a l’organisation inferieure des se- 
laciens dans les cas oü le dedoublement 
de la verge est complet.“ 

Leider ist auf dem Transport von Peking nach Deutschland die Platte verloren ge¬ 
angen, so daß nur hier die widergegebene Photographie ein Bild dieser Abnormität 
ietet. Außerdem ist es infolge der allgemeinen Verhältnisse unmöglich, eine persönliche 
Untersuchung dieses Monstrums anzustellen, trotzdem glaube ich diesen Fall zur Kenntnis 
der Sexualforscher bringen zu müssen, da es sich um ein selten beobachtetes Vor¬ 
kommen handelt. Falls es ausländischen Kollegen möglich sein sollte, den Verbleib des 
Kulis (Nr. 133) festzustellen, wäre es in unser aller Interesse, über die vita sexualis 
desselben Näheres zu erfahren. 


„Doppelte Moral“? 

Von Dr. Eduard Ritter von Liszt, Universitätsdozent des Strafrechts und Vorstand 
des kriminalistischen Institutes der Polizeidirektion ^ Wien. 

Infolge der derzeitigen eigentümlichen Postzustände kam mir das Maiheft des dies¬ 
jährigen Bandes der „Zeitschrift für Sexualwissenschaft“ mit der Besprechung meiner 


*) Für die in dieser Rubrik erscheinenden Aufsätze übernimmt die Schriftleitung 
ein für allemal keine andere als die preßgesetzliche Verantwortung! 



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232 


Buchbesprechungen. 


„Vorsätzlichen Tötungen 11 (S. 78 f.) erst jetzt zu Händen. Der Referent — Herr Landgeriohtsrat 
Dr. Bovensiepen — sah sich bei sehr liebenswürdiger allgemeiner Anerkennung für 
meine genannte Arbeit veranlaßt, meiner Auffassung bezüglich der verschiedenen Wertung 
des Ehebruchs bei den beiden Gatten entgegenzutreten. Nach meiner Ansicht ist der 
Ehebruch der Frau „eine ungleich folgenschwerere Verirrung und deshalb auch verwerf¬ 
licher als jener des Gatten“ (S. 74 des besprochenen Buches). Bovensiepen findet 
darin die Proklamierung einer doppelten Moral für die beiden Geschlechter wegen „unserer 
fortgeschrittenen ethischen und kulturellen Anschauungen über die restlose Gleichberech¬ 
tigung“ der Geschlechter, welche meine Anschauung „als schlechthin unerträglich und 
vorsintflutlich erscheinen“ lasse (S. 79). 

Ich meine, daß Bovensiepens Anschauung in jeder — ethischer wie rechtlicher — 
Beziehung nur auf den ersten Blick befriedigen kann. Näherer Betrachtung hält sie 
nicht stand. Eine lex lata (der Herr Referent bezieht sich auf Art. 109, Abs. 2, der 
neuen deutschen Reichsverfassung vom 11. November 1919) ist mir niemals als infallibles 
Dogma erschienen, vielmehr kann ich lediglich die Kraft des Arguments für den Wissen¬ 
schafter als höchste Autorität anerkennen. Diese aber scheint mir zugunsten meiner 
Auffassung zu sprechen. Eine Tat erscheint mir um so mehr strafwürdig, je mehr Pflichten 
durch sie verletzt werden. (Übrigens kann auch ich diesbezüglich auf eine lex lata hin- 
weisen, nämlich auf § 43 des geltenden österreichischen Strafgesetzbuches.) Nun verletzt 
die Gattin durch ihren Ehebruch zwei Pflichten: 1. die rein ethische zur ehelichen Treue 
und 2. die ethisch-praktische (sehr reale), dem Manne nicht seino Nachkommenschaft zu 
verfälschen. Dem gegenüber verletzt der Ehebruch des Mannes nur eine einzige Pflicht^ 
Eine rein äußerliche Gleichmacherei des in seiner innersten Wesenheit Ungleichen ent¬ 
spricht weder richtigem ethischen noch wahrem rechtlichen Empfinden, und es dürfte 
meines Erachtens mit mehr Recht als „doppelte Moral“ bezeichnet werden, wenn man 
den Mann für die Verletzung einer einzigen Pflicht — eine vergleichsweise Wertung der 
Wichtigkeit beider Pflichten möchte ich unterlassen — ebenso streng bestraft, wie die 
Frau für die Verletzung von zwei Pflichten. 

Als Parallele möchte ich auf die Behandlung der Tötung auf Verlangen (siehe meine 
„Vorsätzlichen Tötungen“ S. 156) hinweisen. Der Grund ihrer milderen Beurteilung liegt 
darin, daß in ihrem Falle nur eine Pflicht verletzt wird im Gegensatz zu der Verletzung 
zweier Pflichten im Regelfall des Mordes. 


Buchbesprechungen. 

1) Rank, Otto: Psychoanalytische Beiträge zurMythenforschnng. Leipzigu. Wien 1919. 

Internationaler psycho-analytischer Verlag. 

Von Dr. Karl Weiß. 

Der Versuch der Psychoanalyse, ihren Anwendungsbereich über das rein Ärztliche 
hinaus zu erweitern und ihre Ergebnisse auf den Gebieten der Geisteswissenschaften zu 
verwerten, wurde verschiedentlich abfällig kritisiert Teils mit Einwänden, die den Psycho¬ 
analytikern als Nichtfachleuten Usurpierung fremden Bodens vorwarfen, teils mit solchen, 
die sich gegen die Methode als solche wandten, fast immer aber mit einer Leidenschaft¬ 
lichkeit, die die affektiven Quellen des Einspruchs unschwer erkennen ließ. Und doch 
gibt es Gründe genug, jene Absichten der Psychoanalyse zu rechtfertigen. Unter andern 
die Erfahrungstatsache, daß das Verständnis vieler Probleme der Geisteswissenschaften 
durch die bisher geübte, deskriptive Art der Betrachtung wohl in die Breite, aber nicht 
in die Tiefe gefördert wurde, weiter die Erkenntnis, daß alle geistige Produktion, sei sie 
wissenschaftlich oder künstlerisch, mit einer starken Wurzel im unbewußten Seelenleben 
ruht und daß daher ein Weg zu ihrem vollen Verständnis am ehesten von jener Wissen¬ 
schaft führen weide, deren Grundlage die Erforschung des Unbewußten ist. Mag dieser 
Zusammenhang auf manchen Gebieten der Geisteswissenschaften auch nicht ohne weiteres 
erkennbar sein, für das der Mythologie darf er auf Anerkennung rechnen, denn der 
Mythus verdankt zweifellos seine Entstehung dem seelischen Kräftespiel der Völker, das 
den realen Konflikt zwischen Wunsch und Verzicht in der Phantasieschöpfung der Mythe 
erledigt. 

So w-ar es kein Zufall, sondern wohl determiniert, daß sich die Psychoanalyse zu¬ 
erst der Mythenforschung zuwandte und daß ihre Untersuchnngen gerade auf diesem 
Gebiete eine Reihe wertvoller Ergebnisse und bedeutsamer Einsichten zeitigten. Neben 
und nach Freud, dessen Traumdeutung Quelle und Ausgangspunkt aller einschlägigen 


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Bachbesprechungen. 


233 


Forschungen ist, war es insbesondere Rank, dessen Arbeiten ein neues Licht in die bis 
dahin dunkle Entstehungsgeschichte mythologischer Schöpfungen brachten und dem Studium 
kulturgeschichtlicher und völkerpsychologischer Probleme ein fruchtbares Feld eröffneten. 
Seit dem Jahre 1909, in dem die erste hierher gehörige Untersuchung („Der Mythus von 
der Geburt des Helden“, Versuch einer psychologischen Mythendeutung) erschienen ist, 
hat Rank in einer Reihe weiterer Aufsätze die eingeschlagene Bahn verfolgt und heute, 
da sie im vorliegenden Buche, einem stattlichen Bande, gesammelt und in einheitlichem 
Rahmen gefaßt erscheinen, lassen sich Fülle und Wert der geleisteten Arbeit überblicken. 
In dreizehn Kapiteln, deren jedes ein spezielles mythologisches Thema behandelt, hat 
Rank die Ergebnisse seiner Forschung niedergelegt. Der erste Abschnitt „Mythologie 
und Psychologie“ zeigt, gewissermaßen programmatisch, die Analogien auf, die zwischen 
der Mythenbildung und den individuellen Äußerungen des unbewußten Seelenlebens, 
namentlich den Träumen, bestehen. Wie hier, läßt sich auch dort das Prinzip der 
Wunscherfüllung als das schöpferische erkennen, und wie die Träume, bedient es sich 
auch im Mythus aller Mechanismen, die dazu bestimmt sind, die verhüllte Darstellung 
zu ermöglichen. Sie muß verhüllt und entstellt sein, weil es sich um Wünsche handelt, 
die zwar ehemals bewußt geduldet worden waren, später aber, als mit der Realität 
'unvereinbar, verdrängt werden mußten und nun ihre Auferstehung in der Phantasie« 
sqhöpfung erleben. 

Von den folgenden Abschnitten werden der zweite und sechste auch den Sexual¬ 
forscher lebhaft interessieren; der erstere legt dar, wie bedeutsam die symbolisierende 
Art der Darstellung für die Mythenbildung ist, ja daß sie dieso vielfach überhaupt erst 
ermöglicht, denn da einerseits Sexualwünsche und -Strebungen wesentlichen Anteil am 
Inhalt des Mythos haben, andererseits die direkte Darstellung solcher aus den. oben er¬ 
wähnten Gründen nicht tunlich ist, so tritt das Symbol als Ausdrucksmittel des Unbe¬ 
wußten ein. Eine Reihe von Beispielen zeigt die Bedeutung der Sexualsymbole .auf, 
indem sie aus der Kulturgeschichte den verlorengegangenen, aber einst real gewesenen 
Sinn des Symbolisierten nachweisen. So ist das Feuer, das wir als Traurasymbol für 
Liebe kennen, ursprünglich in der Form der Feuererzeugung eine Vertretung des Sexual¬ 
aktes selbst gewesen, wie aus der indischen Überlieferung deutlich hervorgeht, die die 
Feuererzeugung unter dem Bilde des Begattungsaktes geschehen läßt. Weitere Belege 
für die sexualsymbolische Bedeutung des Feuers und der Tätigkeiten, die seiner Erzeugung 
dienen, werden aus dem griechischen und römischen Mythus, ferner aus dem Sprach¬ 
gebrauch und den Erzählungen des Folklore erbracht. Ebenso wird betont, daß die 
ersten kulturellen Betätigungen der Menschen, der Ackerbau und insbesondere das Pflügen 
mit «dem Sexualleben innig verknüpft sind. Die phallische Bedeutung der Werkzeuge, 
die Auffassung der Erde als Urmutter, der Befruchtuugszauber, sexuelle Riten in ver¬ 
schiedenen Kulten lassen sich heute noch in den kulturgeschichtlichen Überlieferungen 
fast aller Völker nachweisen. 

Kapitel VI beschäftigt sich mit dem Parallelismus, der in bezug auf die Bildung 
von Sexualtheorien in der individuellen kindlichen Anschauungsweise und in der Kindheit 
der Völker zu finden ist. Hierher gehört der Volksglaube von der Befruchtung durch 
das Essen, den wir als individuelle kindliche Sexualtheorie häufig antreffen, von der 
Geburt durch den Mund und durch den Anus sowie von der Zeugung durch den Wind. 

An einem ungemein reichen, psychoanalytisch durchleuchteten Material aus Mythus, 
Märchen, Sage, Religions- und Kulturgeschichte wird gezeigt, wie die gleichen Probleme 
der Entstehung und Herkunft der Kinder, der Unterschied der Geschlechter, der Sexual¬ 
neugierde usw., die im Seelenleben der Kinder eine hervorragende Rolle spielen, auch 
ihren bedeutsamen Platz in den Vorstellungen der Völker haben, und wir sehen, daß 
hier wie dort alle Sexualtheorien zur Bildung der Inzestphantasie überleiten, die eine 
erste, realitätsentsprechende Auffassung der Sexualvorgänge vermittelt und deren Wert 
als Erkenntnis in dem Ubiquitären und von Freud zuerst in seiner Wichtigkeit erkannten 
„Ödipusmotiv“ zum Ausdruck kommt. 

Die übrigen Abschnitte führen am Material erfolgreich den Nachweis, daß die 
Dynamik des unbewußten Schaffens, wie wir sie aus Traum und Neurose kennen, im 
Aufbau des Mythus gleichfalls erkennbar ist. Tatsächlich finden wir alle Mechanismen 
jener unbewußten Leistungen, so z. B. die Auseinanderleguug oder Spaltung der Persön¬ 
lichkeit, die Projektion, die Entstellung und Verdichtung und viele andere auch von der 
Mythenbiidung zum Zwecke der Darstellung benützt. 

Daß Rank es verstanden hat, sein Thema klar, übersichtlich und fesselnd zu ge¬ 
stalten, ist für den Kenner seiner übrigen Arbeiten keine Überraschung. Es wäre nur 
zu wünschen, daß dieses Buch weit über die Kreise der Psychoanalytiker hinaus Wirkung 
habe, daß es vor allem bei denen die verdiente Beachtung finde, die zu ihr von Berufs. 


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234 


Buchbesprechungen. 


wegen verpflichtet sind: bei den Mythologon und Kulturhistorikern vom Fach. Unvor¬ 
eingenommene Beurteilung und Wortung der vorliegenden Ergebnisse wird zeigen, wie¬ 
viel neue und fruchtbare Gesichtspunkte sie den Forschem auf den genannten beiden 
Gebieten eröffnen. 

2) Roheim, Geza: Spiegelzauber. Leipzig und Wien 1919. Internationaler psycho¬ 

analytischer Verlag. 

Von Dr. Karl Weiß. 

Das Thema vom Spiegel und seiner Bedeutung im Leben des Individuums hat die 
Menschen seit jeher beschäftigt, und Völkerpsychologeu sowohl wie Folkloristen haben es 
in verschiedenen Arbeiten gewürdigt. Roheim tritt an seine Untersuchung mit der 
Arbeitsmethode der Psychoanalyse heran und zeigt uns an Hand eines überaus reichen 
und sorgfältig geordneten Materials, daß für die bei allen Völkern deutlich erkennbare 
Wertung des Spiegelzaubers Motive aus dem Unbewußten vorliegen. Während die bis¬ 
herigen Untersucher meinten, daß alle Überlieferungen, die sich an den Spiegel knüpfen, 
von der Annahme eines Beseelungsgedankens (Animismus) ausgingen, weist R. nach, 
daß wir überall in den Riten und Bräuchen, in denen der Spiegel eine Rolle spielt, Vor¬ 
gänge eines unbewußten seelischen Geschehens zu erblicken haben, die einer Deutung und 
Begründung wohl zugänglich sind. Für den Sexualforscher von besonderem Interesse ist 
das Kapitel, das von der Bedeutung des Spiegels im Liebesieben der Menschen handelt 
Da kommt der Autor zu dem Schlüsse, daß alle die zahlreichen und merkwürdigen Spiegel- 
liten nichts anderes darstellen, als Ausdrucksforraen einer psychosexueilen Einstellung, 
die wir ^ls Narcißmus kennen. Die Art, wie sich dieser im Spiegelzauber verrät, ist 
•eine sehr verschiedene; einmal ein Versuch, von der Selbstliebe zur Objektliebe zu ge¬ 
langen (Liebesorakel), oder aber in der Wiederbelebung dieser Selbstliebe, die als infantil 
und sozial unbrauchbar bereits aufgegeben war (Reinkarnation), schließlich sogar in der 
Übertragung des Liebeszaubers, der so an das Haus gefesselt werden soll. 

Die Arbeit ist gründlich und ist klar geschrieben. Wen der Gegenstand interessiert, 
der darf von ihr Anregung und Belehrung erwarten. 

3) Herbst, Kurt: Gedanken über Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen 44 , Erd¬ 

geist 44 , „D* e Büchse der Pandora 44 . Eine literarische Plauderei. Leipzig. Xenien-Verl. 

Von Dr. Kurt Finkenrath. 

In ernst-sacblicher Weise wird versucht, den tieferen seelischen Gehalt jener-drei 
Wedekindschen Stücke herauszuarbeiten, die in sich überbietender Steigerung den ganzen 
Schmutz geschlechtlicher Irrungen und Abwegigkeiten auf die Bühne bannen und all das 
Leid und Elend vielleicht Unschuldig-Schuldiger zu Lasten der menschlichen Gesellschaft 
buchen. Diese Schrift zum Verständnis dieser Kunstrichtung wirkt umso überraschender, 
als sie gerade von einem Betoner klassischer deutscher Kunstrichtungen herrührt. Dieser 
andere Stand des Verfassers gibt ihm auch die Möglichkeit, gerade die Grenzen Wede¬ 
kinds und die Fehler seiner falschen Verallgemeinerungen zu betonen. Über allem aber 
steht der Vbrwuif, der so viele andere Moderne trifft, daß außer leidenschaftlichem Haß, 
Verneinung und Zerstörung nicht ein Lichtblick, nicht ein schöpferischer, Zukunfts¬ 
gedanke oder lebensbejahender Glaube aus all dem Wüsten heraus dem Leser entgegen¬ 
klingt. 

4) Blum, E.: Das Brauthemd. Sexualpsychologisohe Novellen. Wien u. Leipzig. 

Anzengrubers Verl. 7.50 Mk. 

Von Dr. Kurt Finkenrath. 

In der Aufmachung von Hintertreppenromanen gedruckt, bieten die unter dem ge¬ 
nannten Titel erschienenen beiden Novellen weder einen wissenschaftlichen noch einen 
künstlerischen Wert. Hier ist der Titel nur Anreißer. 

5) Glaeßner, Rudolf: Reif zur Liebe! Ärztliche Aufklärungsschrift. Wien. Anzen¬ 

grubern Verl. 

Von Dr. Kurt Finkenrath. 

Eine der Geschlechtsneugier willig dienende übliche Aufklärungsschrift für die ein¬ 
facheren Stände, die möglichst volkstümlich alle Fragen wie Geburten Verhütung und Ab¬ 
treibung in den Kreis ihrer Betrachtungen zieht. Bei der Aufzählung weiblicher Er- 


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Referate. 


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krankungen hat man allerdings lobenswerter Weise keine Selbsthehandlung angegeben, 
sondern acif den Arzt verwiesen. Die Ausführungen werden gewürzt durch einige Aus¬ 
fälle gegen die bürgerliche Gesellschaft und einige Verbeugungen vor der ragenden Sitt¬ 
lichkeit des Sozialismus. 


Referate. 

1) Döring, Christian: Die Bevölkerungsbewegung im Weltkriege. Bulletin der 
Kopenhagener Studiengesellschaft für soziale Folgen des Krieges. 1919—1920. 

Von der bedeutsamen Schriftenreihe sind neuerdings die Hefte 4—6 erschienen: 
Heft 4 behandelt Deutschland (in zweiter erweiterter Bearbeitung), Heft 5 Österreich- 
Ungarn, Heft 6 Europa zusammengefaßt. Daher kann Heft 6 als das international 
wichtigste angesprochen werden. Döring gelangt zu 35 Millionen Menschenverlust in 
Europa als unmittelbare und bisher mittelbare Folge des Weltkrieges von 1914 bis 
Mitte 1919. Diese 35 Millionen setzen sich zusammen aus 2Ö Millionen Geburtenverlust 
und 15 Millionen Zunahme der Sterblichkeit einschl. 10 Millionen Kriegsgefallener. 

Uns erscheint hierbei die Ermittlung der Geburteneinbuße nicht ganz einwandfrei 
zu sein. Denn von diesem Geburtenverlust von 20 Millionen müßte man doch die in 
Abzug bringen, die sowieso gestorben wären, sei es im Säuglingsalter, sei es später. 
Insofern also läßt sich statistisch der Menschenverlust an Geburten nicht ohne weiteres 
erfassen, jedenfalls nicht durch bloße Inrechnungsetzung der seit 1915 im Vergleich 
za 1914 weniger Geborenen. Dazu kommt die allgemeine Schwierigkeit, überhaupt ein 
allen Anforderungen genügendes Ausgangsjahr für die Schätzung der weniger Geborenen 
und mehr Gestorbenen der Zivilbevölkerung anzusetzen. 

Am interessantesten zumal für die Leser dieser Zeitschrift ist wohl die Veränderung 
in der Geschlechtsverteilung und im Altersaufbau. Es entfielen nämlich weibliche Personen 
auf 1000 männliche: 


in i 

I 1913 

i 

1919 

in 

r 

j 1913 

1919 

Deutschland. 

1024 

1090 

Belgien. 

' 1017 

1047 

Österreich-Ungarn . . . 

1027 

1092 

Bulgarien. 

; 966 

996 

Großbritannien und Irland 

i 1069 

1094 

Rumänien. 

; 974 

1016 

Frankreich. 1036 

1120 

Serbien. 1 

! 937 

1339 

Italien.* 

1037 

1070 

Europ. Rußland mit Polen j 

1020 

1060 


durchschnittlich 1026 j 1080 


Mithin hat pich der gesamte Frauenüberschuß der aufgeführten Länder mehr als 
verdreifacht, nämlich von 26°/oo ai1 * ®Ö°loo- Jetzt zeigt hur noch Bulgarien einen 
Mftnnerüberschuß, der aber hart an der Nullgrenze liegt (966 Frauen auf 1000 Männer). 

Noch viel greller tritt das Übergewicht der Frau hervor, wenn mau das heirats¬ 
fähige Alter von 18—45 Jahren betrachtet. Denn es entfielen 18—45jährige Frauen auf 
18—45jährige Männer: 


in 

1913* 

1919 

Deutschland. 

.1005 

1180 

Großbritannien und Irland 

.1078 

1175 

Österreich-Ungarn .... 

.1048 

1230 

Frankreich. 

.1017 

> 1230 

Italien. 

.1109 

1228 


zusammen 1045 

1205 


Beispielsweise müssen also in Deutschland 18% oder “ehr als % aller Frauen im 
heiratsfähigen Alter in den nächsten Jahren ledig bleiben, was natürlich zu einem weiteren 
Geburtenrückgänge im Vergleich zur Friedenszeit führt. Ja, dieses Sechstel ist sogar nur 
ein Minimum, denn unter den vorhandenen dem Alter nach ehereifen Männern befinden 
sich viele Krüppel oder sonstwie Kranke und gesundheitlich Geschwächte, für die die 
Ehe kaum in Frage kommt. Über alle diese Dinge darf man sich durch die augenblick¬ 
liche starke Eh efragung'nicht hin weg täuschen lassen. Schon aus diesen wenigen Ziffern 
des äußerst reichhaltigen und aus den verschiedensten sozialen Quellen, wie Gewerkschafts-, 


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236 


Referate. 


Arbeitsmarkt-, Krankenkassen- und Wahlberichten mit großem Fleiß zusam mengestell ten 
Materials erhellt die Wichtigkeit der Veröffentlichung, der man nur weitgehendste Ver¬ 
breitung und Beachtung wünschen kann. Als Motto für alle Hefte dürfte sich wieder 
einmal der Suttnersche Wahlspruch empfehlen: „Die Waffen nieder!“ 

Dr. Hans Guradze. 

2) Lichtenstern, R.: Bisherige Erfolge der Hodentransplantation beim Menschen. 

Jahreskurse f. ärztl. Fortbild. Bd. 11. April 1920. 

Angeregt durch Steinach hatte L. im Jahre 1915 einem 29iährigen Soldaten, der 
wenige Wochen zuvor durch einen Schuß beide Hoden verloren hatte und bei 
dem es in rascher Aufeinanderfolge zum Schwinden verschiedener physischer und psychi¬ 
scher sekundärer Geschlechtscharaktere, schließlich zu einem fortschreitenden allgemeinen 
Verfall gekommen war, einen gut entwickelten menschlichen Leistenhoden eingepflanzt 
Erfolg: Wiederentwicklung aller sekundären männlichen Geschlechtscharaktere und Er¬ 
langung der Vollmännlichkeit nach etwa 6 Wochen, die bis heute, d. i. fast 5 Jahre 
nach der Operation, in vollem Maße erhalten geblieben ist. — Seit dieser Erfahrung hat 
L. die Methodik wie das Anwendungsgebiet der Hodenimplantation beim Menschen syste¬ 
matisch ausgebaut. Kurze Beschreibung der recht einfachen Technik. Kritischer Bericht 
über die Kasuistik. — Heilung von zwei weiteren Fällen von Hodenverlust nach 
Erlangung der vollen Geschlechtsreife, und zwar bei einem 28jährigen 
Manne 3 Monate nach der Verletzung und bei einem 32jährigen Manne 10 Jahre nach 
Verlust beider Geschlechtsdrüsen, bei dem absoluter (Spät-)Eunuchoidismus sich entwickelt 
hatte. — Ein 30 jähriger Mann, dem beide Hoden wegen Tuberkulose einige Monate vorher 
entfernt worden waren und der durch Transplantation von seinen angeblichen Ausfalls¬ 
erscheinungen befreit werden wollte. Die genaue Beobachtung und Untersuchung dieses 
Patienten ergab, daß es sich um einen Homosexuellen aus schwer belasteter 
Familie handelte, mit verschiedenen physischen weiblichen Sexuszeichen und einem 
quantitativ zwar sehr verminderten, aber deutlich homosexuellen Gesehlechtstrieb. *Im 
Hoden befand sich noch ein haselnußgroßer Rest von Hodengewebe. Die Operation be¬ 
stand in der Implantation eines normalen Hodens und in der vollkommenen Entfernung 
der Testierenden Geschlechtsdrüsenteile. Wirkung: es kam zu einer neuen Erotisierung, 
die bisher rein homosexuelle Richtung der Libido wandelte sich in eine rein hetero¬ 
sexuelle um, die physischen weiblichen Geschlechtsmerkmale bildeten sich völlig zurück. 
Der Erfolg dauert an. — Über seine weiteren Erfahrungen an Homosexuellen be¬ 
richtet L. folgendermaßen: „Auf Grund der biologischen Ergebnisse ist es selbstverständ¬ 
lich, daß eine vollkommene Heilung der Homosexualität nur durch Entfernung beider 
zwittriger Pubertätsdrüsen und Einpflanzung einer normalen erfolgen kann. Ich habe 
weitere fünf Fälle-von Homosexualität operiert, bei denen* aber nur die einseitige 
Kastration ausgeführt wurde, von dem Gedanken ausgehend, daß trotz exaktester 
Technik nie das Einheilen des Implantates mit voller Sicherheit erwartet werden darf, 
bei doppelseitiger Kastration aber ein Mißlingen des Eingriffes Ausfallserscheinungen zur 
Folge haben müßte, die eine schwere psychische wie körperliche Schädigung dieser Kranken 
verursachen würden. Eine weitere Indikation zur einseitigen Kastration bildete der 
Wunsch der Kranken, nicht vollständig der Fortpflanzungsfähigkeit beraubt zu werden, 
um bei Gelingen des Eingriffes das Glück einer normalen Ehe genießen zu können. Es 
war aber selbstverständlich, daß ein absoluter Erfolg bei dieser Art der Operation nicht 
zu erwarten war, dafe die Testierende zwittrige Pubertätsdrüse einflußnehmend bleiben 
dürfte auf die Psyche und Physe des Individuums. Es war auch beabsichtigt, bei jedem 
dieser Fälle, bei nicht ausreichender Wirkung der Operation, entweder nach vollkommener 
Heilung auch noch den zweiten Hoden zu entfernen, oder aber einen zweiten normalen 
Hoden noch zu implantieren. In allen fünf operierten Fällen war ein deutliches Zurück¬ 
treten des homosexuellen Triebes, eine außerordentliche Verminderung seiner Intensität 
und ein viel selteneres Vorkommen zu beobachten. Bei allen Kranken entwickelte sich 
die heterosexuelle Neigung im vollem Maße, das Tädium vor dem Weibe schwand. In 
einzelnen Fällen, bei denen es auch zur Entwicklung weiblicher Sexuszeichen gekommen 
war, kamen diese restlos zur Rückbildung. Die Kranken waren mit ihrem Zustande bis 
heute vollkommen zufrieden, so daß sich weitere ergänzende Operationen erübrigten.“ — 
L. hat sich ferner mit dem Problem der chirurgischen Therapie des Eunuchoidismus 
beschäftigt, der sowohl infolge des Defekts an sich wie vor allem infolge des durch ihn 
bedingten Minderwertigkeitsgefühles zu den schwersten Lebensbeeinträchtigungen gehört 
und der durch die bisher allein übliche interne oder parenterale % Behandlung mit Organ¬ 
präparaten nur unwesentlich oder nur vorübergehend beeinflußt*werden konnte. L. hat 
nun „bei vier Fällen von Eunuchoidismus durch Transplantation von Geschlechtsdrüsen 


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Referate. 


237 


vollmännlicher Individuen versuoht, eine Einflußnahme auf die Wiederentwicklung der 
sekundären männlichen Geschlechtscharakte re zu erzielen. In allen vier Fällen kam es 
zu sehr erfreulichen Resultaten. Von den physischeu Sexuszeichen kamen Neubehaarung 
des Stammes, der Achselhöhlen, des Perineums und der Extremitäten zur Beobachtung, 
zuletzt entwickelten sich auch an den Wangen Haare und es kam auch zur Bildung von 
Schnurrbart!)aaren. Die hoho Diskantstimme waudelte sich in ein heiseres, tieferes, mehr 
den männlichen Charakter annehmendes Organ um. Außerordentlich interessant war, daß 
bei den länger beobachteten Fällen, und zwar nach etwa einem halben Jahr, es zu sicht¬ 
licher Vergrößerung des Penis und zu einer Wiederentwicklung der früher kaum nachweis¬ 
baren Prostata gekommen war. Bei allen vier Fällen entstand eine normale Libido, das 
Interesse für die Frau erwachte in hohem Maße, geschlechtliche Erregungszustände beim 
Zusammensein mit weiblichen Individuen, Erektionen, endlich auch erotische Träume mit 
Pollutionen kamen zur Beobachtung. Das Endresultat der beabsichtigten Neuerotisierung, 
die Möglichkeit des Koitus, kam ebenfalls zur Entwicklung; bei dem erstoperierten Falle 
konnten l l / 2 Jahre nach der Implantation in einwandfreier Weise lebende Spermatozoen 
im Ejakulat nachgewiesen werden, ein Befund, der biologisch dadurch erklärt ist, daß die 
eingepflanzte Pubertätsdrüse in den Hoden dieses Kranken die Samenkanälchen zur 
Wucherung gebracht hat und so zur Neubildung spermatogenetisclien Gewebes Anlaß gab. 
Auch das psychische Verhalten erfuhr eine giumliegende Änderung. Neuerwachte Lebens¬ 
lust, Energie und Zielbewußtsein im Handeln, bessere und leichtere Arbeitsfähigkeit im 
Berufe sind die Zeichen dieser Umwandlung. Mit diesen Feststellungen ist wohl in ein¬ 
deutiger Weise die außerordentliche Beeinflussung des Organismus durch die eingepflanzten 
Geschlechtsdrüsen erwiesen. Es kam zur Wiederentwicklung der wichtigsten, früher kaum 
angedeuteten sekundären männlichen Geschlechtscharaktere und zur Neuerotisierung der 
früher fast vollkommen geschlechtslosen Individuen.“ 

Zusammenfassend würdigt L. seine Erfahrungen und Beobachtungen durch folgende 
Anmerkungen: 

„Die bemerkenswerten Erfolge der Hodentransplantation am Menschen würden 
außerordentlich an Bedeutung verlieren, wenn sie nur temporärer Natur wären. Diese 
Befürchtung, die anfangs gehegt wurde, die aber den Beobachtungen der Transplantations¬ 
operationen Steinachs am Tier widersprachen, der jahrelang die Wirkung der einge¬ 
pflanzten Pubertätsdrüse verfolgen konnte, hat sich erfreulicherweise auch bei den 
Operationen am Menschen nicht bestätigt. Die fast fünfjährige Beobachtung und gleich¬ 
bleibende dauernde Wirksamkeit der eingepflanzten Geschlechtsdrüse spricht wohl dafür, 
daß es sich nicht um eiue Folge langsamer Resorption des eingepflanzten Organes handeln 
kann, sondern daß dieses ein heilt und weiter innersekretorisch wirksam bleibt. Die 
Operationen am Menschen bilden demnach eine vollkommene Bestätigung der Steinachscheii 
Versuche und Methoden am Säugetier. 

Mit den bisher herangezogenen Problemen der Heilung der Kastrationsfolgen beim 
Erwachsenen, der Umstimmung der Homosexualität und der Beeinflussung des 
Eunuchoidismus erschöpft sich aber das Wirkungsgebiet der Geschlechtsdrüsenverpflanzung 
beim Menschen nicht. Noch eine große Zahl von Symptomenkomplexen steht offen, die 
bisher einer Therapie unzugänglich waren und bei denen es vielleicht gelingen wird, 
durch solche Eingriffe Erfolge zu erzielen.“ Max Marcuse. 

3) Iieland, A Heyne: Democraey aud Heredity. The Journal of Heredity. Bd. 10. 
S. 360-367. 

Verf. verficht in der Hauptsache den Satz, daß durch die geschlechtliche Zuchtwahl 
einerseits die überdurchschnittlich # gut veranlagten Menschen und andererseits die von 
Natur aus Unfähigen gehäuft werden. Dadurch wird Tüchtigkeit in den unteren Klassen 
immer seltener. (Denselben Gedanken hat E. Baur in der zweiten Auflage seiner „Experi¬ 
mentellen Vererbungslehre“, Berlin 1914, ausgesprochen.) Als Beweis werden Arbeiten 
von H. Ellis und F. A. Woods angeführt, die sich wieder auf das englische „Dictionary 
of National Biography“ stützen uud zeigen sollen, daß der Anteil, den die besitzlosen 
Klassen an den zu Berühmtheit gekommenen Zeitgenossen haben, im Laufe der Geschichte 
sank, ganz besonders während des durch politische Demokratisierung ausgezeichneten 
19. Jahrhunderts. Dagegen ist einzuwenden, daß diese Erscheinung durchaus nicht die 
Folge geistiger Verarmung der unteren Klassen infolge „ordnender Zuchtwahl“ sein muß; 
flie kann auch die Folge davon sein, daß trotz der politischen Demokratisierung die 
soziale Klassenscheiduug strenger geworden ist, womit die Aufstiegsmöglichkeit für die 
unten Befindlichen stark oingesehränkt wurde. H. Fehlinger. 


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238 


Referate. 


4) Noyes, Hilda M.: Jhe Development of Usefal Citizenship. The Journal of 

Heredity. Bd. 11. Nr. 2. S. 88-91. 

Zur Hebung der allgemeinen Geburtenziffer werden vorgeschlagen: Erleichterung 
der Mutter- und Hausfrauenpflichten, zweckentsprechende pekuniäre Unterstützung kinder¬ 
reicher Familien (am besten auf Grund eines Beitragssystems), wenn der Nachwuchs ge¬ 
wissen Mindestanforderungen in bezug auf die körperliche und geistige Erb Veranlagung 
entspricht; Maßnahmen zum Schwangerenschutz, Aufklärung der wohlhabenden Volks¬ 
schichten über ihre Verantwortlichkeit für die Zukunft des Volkes. Den unmittelbaren 
und mittelbaren Ursachen der geringen Nachkommenschaft der begabtesten und erfolg¬ 
reichsten Glieder der Gesellschaft ist nachzuforschen, um sie nachher zu beseitigen und 
eine größere Fruchtbarkeit der besseren Menschenschläge herbeizuführen. 

H. Fehlinger. 

5) Dublin, L. 1.: Birth Control. Soz. Hyg. Bd. 6. H. 1. S. 5-16. 

In fast allen Staaten der nordamerikanischen Union bestehen Gesetze, welche die 
Erteilung von Auskunft über Empfängnisverhütung, sowie die Ankündigung und den 
Verkauf dazu geeigneter Mittel ganz allgemein — auch den Ärzten — verbieten und 
unter Strafe stellen. Nun ist eine als „Birth Control Movement“ bekannte Bewegung 
entstanden, welche die Beseitigung der gesetzlichen Verbote erstrebt. Dublin anerkennt, 
daß der bestehende Rechtszustand nicht den Anschauungen der Volksgemeinschaft ent¬ 
spricht, und daß die fraglichen Gesetze, namentlich von den wirtschaftlich besser ge¬ 
stellten Volksschichten, längst umgangen werden. Er wünscht sie in der Weise abgeändert, 
daß qualifizierte Ärzte Ehepaaren Auskunft über Empfängnisverhütung in den Fällen 
geben dürfen, wo damit die Interessen des Staates nicht beeinträchtigt werden. Der Auf¬ 
hebung der Verbote widerspricht Verl, weil eine allgemeine Geburtenbeschränkung dem 
Staatsinteresse entgegengesetzt sei. Dagegen wird empfohlen, die Geburt von „Untaug¬ 
lichen, Entarteten und Mangel behafteten durch* Abschließung und Überwachung der 
voraussichtlichen Eltern solcher Nachkommen zu verhüten. Das bedingt Feststellung der 
unerwünschten Stämme, ihre gewaltsame Einsperrung und Trennung nach Geschlechtern 
seitens des Staates.“ Das ist das alte Rezept der ultraradikalen Rasseverbesserer, die 
glauben, durch Verwandlung des Staates in ein großes Zuchthaus die Menschheit glücklich 
machen zu können. Eine vernünftige FoitpflanzungShygiene darf diesen Weg nicht 
gehen! H. Fehlinger. 

6) Cobb, W. B.: The Women’s Court ln Relation to Veneral Disease. Soc. Hyg. 

Bd. 6. Nr. 1. S. 83-92. 

In diesem Aufsatz wird die Errichtung und Ausgestaltung des „Frauengerichts“ in 
der Stadt New York und seine Mitwirkung bei Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten 
geschildert. Im Jahre 1910 wurde das Frauengerieht geschaffen, das Einsperrung er¬ 
krankter Prostituierter bis zu einem Jahr verfügen konnte. Das betr. Gesetz wurde vom 
Berufungsgericht verfassungswidrig erklärt, w T eil es Bestrafung nicht wegen eines Ver¬ 
gehens, sondern wegen des Gesundheitszustands vorsah. Ein ähnliches Gesetz kam aber 
bald wieder zustande. Im Jahre 1915 wurde sodann das Gesetz betreffend die „Parole 
Commission“ erlassen, welches bestimmt, daß bei wiederholten Prostitutionsvorgehen 
innerhalb bestimmter Zeitabschnitte Anhaltung im Zwangarbeitshaus auf unbestimmte 
Zeit, aber nicht länger als zwei Jahre, verhängt werden kann. Durch diese lange Ab¬ 
schließung wird die Gesellschaft vor Ansteckungsgefahr geschützt. Auf Grund des 
Charakterstudiums und der Umwelteinflüsse auf die Person, in Verbindung mit der 
Würdigung des Betragens im Zwangsarbeitshaus, kann die Eingesperrte bedingt frei¬ 
gelassen oder es kann auf ihre weitere Einsperrung überhaupt verzichtet werden. Die 
lange Einsperrung bietet Gelegenheit zu gründlicher Heilung der Kranken. Nach der 
Kriegserklärung im Jahre 1917 nahmen dennoch die Geschlechtskrankheiten stark zu und 
namentlich die Zahl der erstmaligen Prostitutionsvergehen schwoll an. Die Mädchen 
strömten aus allen Landesteilen zu, weil ihre Einkünfte viel größer waren als vor dem 
Krieg. Die Folge war ein schärferes Vorgehen dos Frauengerichts, längeres Einsperren 
und Einscluäukcn der Probation. Im April 1918 wurde dem Gesetz über öffentliche 
Gesundheitspflege ein neuer Artikel betr. gewisse übertragbare Krankheiten hinzugefügt, 
dessen wichtigster Zweck die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten ist. Sowohl Männer 
wie Frauen, die im Verdacht solcher Krankheiten stehen, können zwangsweise untersucht 
werden. Das ist selbst dem durchaus nicht fortschrittlich gesinnten Verf. zu viel, denn 
er sagt die alte Wahrheit: „Einen möglicherweise anständigen Mann oder eine reine 


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Referate. 239 


Frau der für viele erniedrigenden Untersuchung zu unterwerfen, kann vielleicht zu 
einem Aufruhr des Volksempfindens führen, womit vieles von dem Guten zerstört wird, 
das diese wohltätige Gesetzgebung sonst vollbringt. 41 — Von den untersuchten, wegen 
Prostitution und ähnlicher Vergehen verurteilten Personen sind etwas über 50% 
geschlechtskrank, so daß unter den wegen sexueller Vergehen Angehaltenen sicher noch 
weniger krank sind (S. 88). So wird sieh denn die erwähnte Bestimmung nicht aufrecht¬ 
erhalten lassen, meint Verl, bevor die Zeit kommt, da die Untersuchung allen Gliedern 
der Gemeinschaft auferlegt wird. Hoffen wir, daß diese Zeit selbst für Amerika niemals 
komme! Cobb fordert weitere Verschärfung der Gesetze betr. Prostitutionsvergehen, 
namentlich auch gegen männliche Personen. (Und die Zustände werden stets schlimmer 
und unnatürlicher!) H. Fehling er. 

7) Bradley, A. W.: Social Hygiene in France alter the War. Soc. Hyg. Bd. 6. 

Nr. 1. S. 45—56. 

Verf. unterrichtet hauptsächlich über die Maßnahmen, welche die französische Re¬ 
gierung im Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten ergriffen hat. Sie bestehen u. a. in 
freier ärztlicher Beratung und, wenn nötig, in freier Krankenhausbehandlung der Leidenden. 
Um die Hospitalisierung möglichst zu beschränken, können bedürftigen Kranken, die weitab 
von der nächsten Klinik wohnen, die Fahrtkosten ersetzt werden. Den Stadtverwaltungen 
wurden Ratschläge gegeben, wie das System der Reglementation der Prostitution um¬ 
zugestalten sei ; um es mehr zu einem Mittel der Gesundheitspflege als der polizeilichen 
Überwachung zu machen. Ein Rundschreiben vom 1. Juni 1919 befürwortet die Bordellierung 
nicht nur aus gesundheitlichen, sondern auch aus sittlichen Gründen. Den Bürgermeistern 
wird empfohlen, bei der Eröffnung neuer Bordelle den Alkoholgenuß in denselben voll¬ 
ständig zu verbieten. (Als ob jemand sich an eine solche Vorschrift kehren würde!) 

Die Zahl der in Provinzstädten neugegründeten Kliniken für Geschlechtskranke beträgt 
bereits über 100. ln Paris ist zur bestehenden Assistance Publique das neue Institut 
Prophylactique hinzugekommen, eine vom Staat subventionierte Privatanstalt mit mehreren 
Zweigstellen außerhalb von Paris. B. führt Stimmen aus der medizinischen Presse Frank¬ 
reichs an, die unzufrieden sind mit deu bisherigen Regierungsmaßnahmen im Kampf gegen 
die Geschlechtskrankheiten. Einem entschlossenen Kampf gegen die Syphilis widersetzt 
sich anscheinend das wohlhabende Bürgertum und seine Presse, weil sie die öffentliche 
Auskundschaftung der intimsten persönlichen Angelegenheiten befürchten, während die 
Arbeiterorganisationen zur Mithilfe gern bereit sind. H. Fehlinger. 

8) Towne, Arthur W.: A Community Program for Prorectlve Work witli Girls. 

Soc. Hyg. Bd. 6. Nr. 1. S. 57—72. 

T. schlägt vor, jede Gemeinschaft solle ein rationelles Programm zum Schutze der 
moralisch haltlosen jungen Mädchen aufstellen und durchführen, um sie gegen das Hinab¬ 
sinken in die Prostitution zu sichern. Die wichtigsten Punkte, die ein solches Programm 
zu umfassen hat, werden dargelegt: 1. Vorbeugung gegen Vernachlässigung der Mädchen 
seitens der Familie sowie gegen deren eigene gefährliche Neigungen, durch Anstellung 
weiblicher Schutzleute, welche in den Straßen usw. herumlungerndo Mädchen heimbringen 
und hernach wiederholt eine Heimkontrolle auszuführen haben, Verbessening der Wohnungs¬ 
verhältnisse, flebung der Religiosität usw. 2. Schutzgesetzgebung, wie z. B. Erhöhung 
der Altersgrenze der Geschlechtsfähigkeit auf 17 oder 18 Jahre, Vorschriften betreffend 
Vergnügungsstätten, Logierhäuser, Kinderarbeit usw. 3. Ausgestaltung des Systems der 
Jugendgerichte und der Probation. 4. Zweckentsprechende Gestaltung der Anstalten für 
delinquente und vernachlässigte Mädchen und für geistig Minderwertige. 5. Strengere 
Bestrafung der erwachsenen Männer, die sich Vergehen gegenüber Mädchen zuschulden 
kommen lassen; insbesondere wild eine bedeutende Ausdehnung des Notzuchtbegriffs 
gefordert (die, ohne ihren Zweck zu erfüllen, recht gefährlich werden könnte), dann aber 
auch die Abschaffung der Prügelstrafe für Sexualverbrecher, die in einer Reihe der 
amerikanischen Bundesstaaten bis heute zu Recht besteht, glücklicherweise aber so gut 
wie nirgends mehr als eine papierne Existenz hat. 6. Schutz der unverheirateten Mütter. 
(T. ist der Eheschließung unverheirateter Schwangerer mit ihren Verführern abgeneigt). 
7. Unteraufsichtstellung*besondersder 15- bis 17 jährigen Mädchen, bei denen es notw endig er¬ 
scheint. 8. Maßnahmen zur Ablenkung der Männer und Knaben von der Geschlechtlich¬ 
keit 9. Errichtung von Familiengerichten für sozialo Angelegenheiten. — Es wird der 
Eindruck, erweckt, als nähmo der Verf. die Existenz eines Geschlechtstriebes nur auf 
männlicher Seite an; was weiblich ist, ist von Natur aus Unschuldslamm! 

H. Fehlinger. 


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240 


Referate. 


D) Frank, L.: Über Affe ktfctöron gen bei Kindern. Korr.-BI. f. Schweizer Ärzte. 
1919. Nr. 19. 

Zunächst Darstellung des Wesens und der Bedeutung unterbewußter Vorgänge an 
dem Eheschicksal eines Mannes, bei dem es unter dem Zwange verdrängter infantiler 
Affekterlebnisse zu auffallenden uud gemeinhin unbegreiflichen Handlungen und scheinbar 
schweren Charakterdefekten gekommen war; „Heilung“ nach Bewußtbarmachung und 
Abreaktion mittels der vom Verf. geübten Halbschlaf-Behandlung. Es folgen allgemeine 
Erörterungen über Häufigkeit, Mechanismus, Wirkung und Behandlung von Affekt- 
Störungen bei Kindern. Es handelt sich wesentlich um Angstzustände, aber auch vielfach 
um Ärger-, Wut- und Trotz-Neurosen, bedingt durch Vater- und Mutter-Komplexe. Aus¬ 
führliche Schilderung von 3 Beispielen, die die ungeheure Bedeutung der kindlichen 
Liebesgefiihle und ihre Betätigung für Gesundheit und Charakter-Entwicklung beweisen. 
Pädagogische, soziale und kriminologische Schlußfolgerungen. Max Marcuse. 

10) Stern, Erich: Die Entwicklung des Berufkproblems. Zeitschr. f. Kinderforsch. 

25. Jahrg. H. 5 u. 0. 

An der Hand eines knappen, anregend geschriebenen. Überblickes über die Kultur¬ 
geschichte vom Altertum bis zur Neuzeit berichtet Stern über die Wandlungen in der 
form und Mannigfaltigkeit der Berufe und der Art ihrer Wahl für die Jugend. Er 
sieht es heutzutage als Aufgabe an, die wissenschaftlichen Erfahrungen über die Eignung 
zu den einzelnen Berufen durch eine Prüfung und Beratung der Jugend zunutze zu 
machen, ist sich aber wohl dabei der Grenzen dieser Auswahl bewußt, da die Eignung 
und Wertung des Menschen nicht nur von intellektuellen Maßstäben abhängig ist. Den 
“treffenden Belehrungen, die er dem Gleichheitsfanatismus dabei austeilt, schließt er die 
Ansicht an, daß man nun nicht jeden guten Durchschnitt seiner Klasse entziehen und 
iür höhere Berufe vorbereiten solle, sondern dieser Wog sei nur für die Tüchtigsten zu 
begehen. J[m allgemeinen sollen am sozialen Aufstieg aus den Klassen sich mehrere 
Generationen beteiligen, um einem „geistigen Parvenütum“ vorzubeugen. 

Kurt Finkenrath. 

11) S c h i c k, B e 1 a: Das Mcnstruationsgift. Wiener Klinische Wochenschr. 1920. Nr. 19. 

Ein alter Volksglaube sagt, daß die Frau zur Zeit der Menses allen Dingen, die sie 
berührt oder denen sie nahekommt, Schaden bringt. Kein Brot gerate ihr, sie dürfe nicht 
einkochen, da sonst die Früchte verderben, ein Tropfen Menstruationsblut wirke wie Scheide¬ 
wasser und verderbe die Saaten usw. Trotz der Beobachtung und Erfahrung des Volkes 
habe die Wissenschaft ihm keinen Glauben geschenkt. Prof. Schick in Wien sucht 
nun aber diese Anschauung wissenschaftlich zu begründen. Durch einen Zufall darauf 
geführt, hat er weitere Forschungen angestellt und ist zu folgenden Ergebnissen gekommen: 
Die Wirkung des Menstruationsblutes ist nicht bei allen Frauen gleich stark, bei manchen 
überhaupt nicht vorhanden; wenn — dann am stärksten am 1. Tage der Menstruation, von 
wo an sie allmählich abnimmt. Außerdem findet sich das Menstruationsgift im Schweiße 
der Achselhöhle und im Blute, hier aber nicht im Serum gelöst, sondern im Blutkuchen, 
wahrscheinlich also an die roten Blutkörperchen gebunden. Das Menstruationsblut muß 
eine hohe Giftwirkung besitzen, die es auch behält, wenn es auf 150° erhitzt wird. Das 
Gift durchdringt rasch die starke Oberhaut der Pflanzen und wirkt absolut tödlich; auch 
Gummihandschuhe scheint es zum Teil durchdringen zu können. Als Entstehungsort sei 
wohl das weibliche Genitale anzusehen, und es liege nahe, daß das Menotoxin mit 
dein Sekret des Corpus luteum identisch ist, das eine starke Giftwirkung äußert. Bei der 
Menstruation werde das Gift aus dem Körper ausgeschieden, das durch sein Zirkulieren 
im Blute den Frauen die Beschwerden verursache.. Auch die Milch stillender Frauen 
zur Zeit der Menstruation sei schlechter und weniger als sonst und erzeuge oft im kind¬ 
lichen Organismus Störungen, die wohl auch auf das Kreisen des Menstruationsgiftes im 
Körper der Mutter zurückzuführen sind. Käthe Hoff mann. 


Für die Bodaktion verantwortlich : Dr. 31 ax liaraise in Berlin. 
A. Marens & E. Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn. 
Druck : Otto Wigand'sdie Bnchdrackerei G. m. b. 11. in Leipzig. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

VII. Band November 1920 8. Heft 


Zur Psychologie des Exhibitionismus. 

Von Dr. Wilhelm St ekel. 

Zu den häufigsten peinlichen Vorkommnissen, welche» die 
Öffentlichkeit beschäftigen, zählen alle Sexualforscher die impul¬ 
siven exhibitionistisclien Akte. Das Leiden hat sogar in die Lite¬ 
ratur Eingang gefunden. Rousseau schildert, wie er plötzlich, einem 
Impulse folgend, einer Schar von Wäscherinnen seine Hinterseite 
zeigt. Das ist ein verhältnismäßig seltener Fall. Viel öfters kommt 
das Zeigen des entblößten, meist erigierten Phallus vor. Man hört 
in der Analyse diese Begebenheiten so oft von Mädchen erzählen, 
daß sie zu fast nie fehlenden Traumen der weiblichen Jugend ge¬ 
hören. In der Nähe von Schulen treiben sich immer Männer herum, 
die teils sich an die Mädchen drängen, um sie zu betasten („Frot¬ 
teurs“), teils aber die Gelegenheit zu einer Exhibition benutzen. 
Es ist für die meisten dieser Exhibitionisten eigentümlich, daß 
sie die Exhibition gerne vor Kindern vollziehen. 

Sehr merkwürdig ist das Plötzliche, Triebartige, Impulsive, 
Unwiderstehliche dieses Exhibitionismus. Hat man Gelegenheit, 
die Geständnisse eines solchen Kranken — denn es handelt sich 
immer um Kranke — zu vernehmen, so ‘ kehrt immer wieder die 
Klage über die Unwiderstehlichkeit des Triebes, den sie verachten, 
gegen den sie vergeblich kämpfen. Nach einem solchen Akte folgt 
immer ein Gefühl tiefer Reue und sich selbst zerfleischender Zer¬ 
knirschung. 

Die meisten dieser Paraphilien — möge es sich um Urolagnie, 
Zopfabschneiden, Exhibitionismus handeln — gehen in einer Art 
von Rausch, in einem pathologischen Traumzustand, vor sich. Das 
Bild ist fast immer das gliiche: Der Kranke wird von einer hef¬ 
tigen Unruhe ergriffen. Er ahnt schon das Nahen seines verhäng¬ 
nisvollen Verlangens. Er hat das Bedürfnis wegzulaufen, sich 
physisch auszutoben. Er ist gereizt und gerät leicht in Händel. 
Fere (L’instinct sexuel., Felix Alean, Paris 1899) macht auf die 
Zusammenhänge zwischen Exhibitionismus und Epilepsie aufmerk¬ 
sam, der auch anderen Beobachtern aufgefallen ist (Lasegue, 
Hotzen, Pribat, Lalanne, Seiffer, Krafft-Ebing, Burgl, Cramer, 
Charkot-Magnan, Loehr, Näcke, Moll, Bloch u. a.). Er sieht in der 
Exhibition eine bei Degenerierten auftretende Zwangshandlung 
(„idee obsedante“). Er notiert, daß er die Exhibition bei Epilep¬ 
tikern, bei senil Dementen, bei Alkoholikern, bei den psychopathi¬ 
schen Minderwertigkeiten (faibles d’esprit), den Idioten und den 

Zeiuchr. f. Sexualwissenschaft VU. 8. 16 


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242 Wilhelm Stekel. 


Imbezilen beobachtet bat. Kr übersieht, daß man den Exhibitio¬ 
nismus auch bei Menschen beobachten kann, die kein Zeichen von 
Degeneration und Belastung aufweisen. Auch Krafft-Ebing 
betont, daß der Exhibitionismus bei Degenerierten und nach Trau¬ 
men, bei Gehirnerkrankungen häufig vorkommt, zeigt auch die 
nahe Verwandtschaft von Epilepsie und Exhibitionismus, und 
unterstreicht das Traumartige, Impulsive des Zustandes. Ja in 
einem von ihm beobachteten Falle lösfen epileptische Anfälle und 
exhibitionistische Akte einander ab. Bloch akzeptiert die Unter¬ 
scheidung zwischen Exhibition und Exhibitionismus, die Burgl vor- 
gesclilagen hat. Exhibition sei die einmalige Vornahme der Ent¬ 
blößung, Exhibitionismus die mehrmalige und gewohnheitsmäßige 
Betätigung der Entblößung. Exhibition komme auch bei Gesunden 
vor, während der Exhibitionismus, seltene Ausnahmen abgesehen 
(Wüstlinge!), bei geisteskranken Individuen oder bei geistig de¬ 
fekten Menschen vorkomme. 

Es wird eben vieles als Exhibitionismus bezeichnet, was gar 
nicht dem Zustande entspricht, den wir als Exhibitionismus be¬ 
zeichnen möchten. Die Freud© an der Entblößung ist den meisten 
Menschen mehr oder minder eigen, so daß der Zustand in geringen 
Graden zu der Physiologie des Liebeslebens gehört. Er wird patho¬ 
logisch, wenn er die gebräuchlichen Grenzen überschreitet und 
zwangsmä’ßigen Charakter zeigt. Das Wesen dieser Para- 
philie besteht in ihrer Zwangsmäßigkeit. Unter 
Zwangshandlung verstehen wir eine Handlung, deren Unsinnigkeit 
und Strafbarkeit von dem Individuum erkannt wird, die sich aber 
immer wieder übermächtig gegen seinen Willen und gegen seine 
Überzeugung durchsetzt. Der Zwangsneurotiker steht unter der 
Herrschaft eines Affektes, welcher seinen Intellekt unterjocht hat. 

„Jede Zwangsvorstellung entsteht durch Verdrängung einer 
dem Bewußtsein unangenehmen Vorstellung und durch Übertra¬ 
gung des freigewordenen Affektes auf eine andere, scheinbar weniger 
peinliche Vorstellung.“ (Stekel: Zwangszustände, ihre psychischen 
Wurzeln und ihre Heilung. Med. Klinik 1910, Nr. 5—7.) Diese 
Formel ist die auf alle Fälle passende, während die bekannt© erste 
Formel von Freud nur auf einzelne Fälle Geltung hat. Sie lautet: 
„Zwangsvorstellungen sind jedesmal verwandelte, aus der Ver¬ 
drängung wiederkehrend© Vorwürfe, die sich immer auf eine sexu¬ 
elle, mit Lust ausgeführte Aktion der Kinderzeit beziehen.“ 

Für die exhibitionistischeu Zwangsimpulse, deren Besprechung 
diese Arbeit gewidmet ist, hat diese Formel Freuds keine Geltung. 
Sie könnte sieh nur auf den Vorwurf beziehen, den der Täter sich 
nach dem vollbrachten Akt macht. Dieser Vorwurf bezieht sich auf 
die letzte Tat und könnte höchstens nur eine Neuauflage eines alten 
Vorwurfs aus der Kinderzeit sein, wollte man die Freudsche Formel 
für sie anwenden. 

Der Mechanismus des Zwangsimpulses, wie er sich auch bei der 
Kleptomanie äußert, deren sexuelle Wurzel ich* eingehend analy- 
siert habe 1 ), ist aber ganz anders zu erklären. Es ist ein Drang 

') .J)io soxucIIp Wurz**! dor Kl«*|)tomanie a , Zeit sehr. f. Sexual wissen soll., 1908. 


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Zur Psychologie des Exhibitionismus. 


243 


nach einem Erleben von etwas, was man schon ein¬ 
mal erlebt hat. Es ist ein Jagen nach einem Eindruck, der weit 
in der Vergangenheit zurückliegt. 

Auch bei den schweren Fällen von systematisiertem Fetischis¬ 
mus finden wir dieses Jagen und Suchen, diesen Drang nach Erleben, 
der unwiderstehlich wird. Die Analyse kann immer wieder zeigen, 
daß es sich um eine Neubelebung eines alten Erlebnisses handelt. 
Alle diese Menschen laufen in ihren Impulsen ihrer Kiuderzeit nach. 

Dabei spielt das alte Erlebnis (wenn man will das „psychische 
Trauma“) den Kristallisationspunkt ihrer Phantasie, deren 
Verwirklichung sie anstreben. Die Phantasie selbst kaiin vergessen 
oder verdrängt sein, oder der Kranke ahnt nicht, daß sie Beziehun¬ 
gen zu seinen Zwangsimpulsen hat.- In allen diesen Zwangs¬ 
impulsen handelt es sich um das „Verbotene“. Ein Zwangsimpuls 
kann nie eine erlaubte Handlung sein. Das heißt, wenn der Zwangs¬ 
impuls auch scheinbar harmlos ist, wie die „folie de toucher“, so 
löst er sich in der Analyse als verbotene Handlung auf. Der an 
Berührungszwang Leidende, der alles anrühren muß, kämpft 
gegen den unbewußten Wunsch, ein ihn reizendes, verbotenes Sexual¬ 
objekt anzurühren. Zahlreiche Beispiele dieser Art finden sich in 
meinen drei Bänden der „Störungen des Trieb- und Affektlebens“ 
(Verlag von Urban & Schwarzenberg). 

Ich will mich jetzt nach diesen einleitenden Bemerkungen zu 
einem Fall von Exhibitionismus aus meiner Praxis wenden, wel¬ 
cher uns den Mechanismus des Zwangsimpulses deutlich veran¬ 
schaulichen wird. 

Es handelt sich um einen 39 jährigen Photographen und Artisten, der wegen 
§ 519 StGB, angeklagt ist. Er wurde von einem Manne beobachtet, wie er sich vor 
einem Mädchen im Alter von zehn Jahren entblößte und ihr den erigierten Penis zeigte. 
Der Zeuge verständigte einen Wachmann, der den Exhibitionisten, der vergeblich 
leugnete, auf die Wachstube führte. Die erste Gerichtsverhandlung verlief ohne Ergebnis, 
da der Zeuge nicht mehr aufzufinden war. Aber der Kranke suchte mich auf und flehte 
mich um Heilung an. Er wollte durch Hypnose von seinen Zwangsimpulsen befreit 
werden. 

Ich möchte bei dieser Gelegenheit betonen, daß es ganz unmöglich ist, durch 
Hypnose eine wirkliche Heilung eines solchen Zwangsneurotikers herbei zuführen. Man 
kann ihn in den seltensten Fällen tief genug hypnotisieren und erreicht höchstens eine 
vorübergehende scheinbare Beruhigung, der bald ein Auf flackern des zurückgedrängten 
Zwangsimpulses folgt. Es ist der heiße Wunsch aller dieser Neurotiker, —- um solche 
handelt es sich ja immer ---, durch den hypnotischen Befehl des Arztes geheilt zu werden. 
Sie ersparen sich die Mühe des Geständnisses und der Erkenntnis, sie wollen ohne Kampf 
Sieger über sich werden. Die Heilung kann jedoch nur das Resultat eines Kampfes 
sein. Allerdings muß man dem Kranken zeigen, wogegen er kämpfen soll und muß 
die Affektverschiebung auflösen können. 

Ich schlage also die Hypnose ab und wende midi zur psychoanalytischen Er¬ 
forschung des Falles. 

Unser Patient, jetzt 39 ..Jahre alt, stammt von. gesunden Eltern, ln seiner Familie 
gibt es keine Geisteskrankheiten und keine Abnormitäten. Er ist wohlgebildet und 
zeigt keine auffallenden Dcgencrationszeichen. Er hat sich normal entwickelt. Mit sechs 
Jahren starb seine Mutter. Er kam in eine Waisenschule. Er lernte nicht leicht, aber 
was er einmal erfaßte, das behielt er gründlich und dauernd. Sein Vater heiratete 
ein zweites Mal und er kam wieder nach Hause. Es gab arge Zwistigkeit zwischen den 
Eltern, weil sie sich gegenseitig mit Eifersucht quälten und verfolgten. Seine Jugend 
war schon vorher freudlos (sie lebten in ärmlichen Verhältnissen): sie wurde in der zwei¬ 
ten Ehe des Vaters noch freudloser. An seinem Vater hing er mit schwärmerischer 
Liebe; der Vater war sehr gut mit ihm, während er unter den Launen uud der Strenge 

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244 Wilhelm Stekel. 


der Stiefmutter viel zu leiden hatte. Um so sonderbarer war es ihm, daß die Stiefmutter 
sich vor ihm gar nicht schämte. Sie wusch sich vor ihm, wobei sie sich ganz nackt 
zeigte, spazierte auch nackt vor ihm auf und ab, was ihn mächtig erregte und seine 
sexuelle Frühreife förderte. Er erinnert sich nicht, vorher onaniert zu haben 1 ). Unter 
dem Einfluß dieser Erregungen setzte die Onanie im 12. Lebensjahre ein. 

Er war noch nicht ganz 13 Jahre, da wurde seine Stiefmutter immer vertraulicher 
mit ihm. Wenn der Vater nicht zu Hause war (er mußte viele Dienstreisen machen), 
legte sie sich zu ihm ins Bett und begann auch mit seinem Gliede zu spielen und ihn 
praktisch aufzuklären. Er werde bald ein Mann sein und ein Mann müsse alles wissen. 
Schließlich kam es zu einem Geschlechts verkehre, wobei sie sich auf ihn setzte. Er emp¬ 
fand großen Orgasmus und hatte schon das erstemal eine starke Ejakulation. Nach dem 
ersten Akte machte er sich die heftigsten Vorwürfe. Er konnte seinem Vater nicht in 
die Augen sehen. Er nahm sich vor, allen Anfechtungen siegreich Widerstand zu leisten. 
Kaum aber war er mit der Mutter allein, so kam sie zu ihm ins Bett und wußte ihn so 
zu reizen, daß er widerstandslos war. Sie wählte immer die beschriebene Position, wobei 
er also immer eine passive Rolle spielte. Es kam aber auch zum Schlüsse dieser Erleb¬ 
nisse, die ein Jahr lang dauerten vor, daß er die normale Position einnahm und aktiv 
vorging. 

Mit 14 Jahren kam er aus dem Hause und wurde zum Kellner ausgebildet. Er 
- suchte nicht den Verkehr mit Mädchen. Ihm schwebte immer das Bild seiner schönen 
Stiefmutter vor; er trachtete immer möglichst bald nach Hause zu kommen und mit der 
Stiefmutter zu verkehren, was ihm mitunter gelang. Ein andere« Verlangen kannte er 
nicht. Er fand Befriedigung in der Onanie, wobei ihm Bilder der entblößten Mutter 
vorschwebten. Auch die Belehrungen der Kameraden trugen ihr Teil dazu bei, seine 
Phantasie zu erregen, ohne ihn zu bewegen, es ihnen gleich zu tun und Bordelle aufzu¬ 
suchen oder Mädchenbekanntschaften anzuknüpfen. 

Er hatte immer einen Hang zu mystischen Beschäftigungen. Er wollte für sein 
Leben gern ein Zauberer werden. Er lernte früh die Taschenspielerei und brachte es zu 
großer Geschicklichkeit, so daß er heute als Artist von seiner Zauberei lebt. Er hatte 
immer die Phantasie, daß er mit übernatürlichen Kräften begabt sei und mehr könne als 
die anderen Knaben. Da er sich als Knabe gewünscht hatte, daß* die Mutter zu ihm 
käme, nachdem sie ihn durch ihre Entblößungen erheblich gereizt hatte, so schien ihm 
dann die Erfüllung dieses Wunsches als die Folge seiner Zaubermacht. Er zauberte die 
Stiefmutter herbei, wenn er es stark wünschte, so daß sich ein geheimer Glaube an die 
Macht seiner Gedanken festsetzte. Er glaubte an die Zaubergcwalt seiner Wünsche und 
seiner Erscheinung. Denn die Mutter rühmte seine Gestalt und meinte, er habe ein 
„wunderschönes Glied“, in das man sich Verlieben müßte. 

Mit 17 Jahren kam er freiwillig zum Militär und diente sieben Jahre, wurde Rech¬ 
nungsunteroffizier erster Klasse, später diente er noch drei Jahre während des Krieges. 
Also im ganzen 10 Jahre, die er ohne Strafe verbrachte. Er wurde auch mehrfach deko¬ 
riert, w r as .uns beweist, daß wir es nicht mit einer „psychopathischen Minderwertigkeit” 
zu tun haben, welche gewiß infolge der gesteigerten, unberechenbaren Affektivität wie¬ 
derholt straffällig geworden wäre. 

Interessant ist die weitere Entwicklung seines Sexuallebens. Er onanierte also seit 
dem 12. Ijebensjahre und muß noch heute onanieren, wenn der exhibitionistische Dran? 
über ihn kommt. Es ist dies seine einzige Rettung vor der Tat. 

Ihn interessierten reife ^Frauen und mitunter auch Mädchen, aber er war scheu und 
traute sich nicht, sich ihnen *zu nähern. Er behauptet auch keine Gelegenheit gehabt zu 
haben, was den Tatsachen nicht entspricht. Er hatte immer das Bild seiner Mutter vor 
Augen und floh eigentlich vor jeder Gelegenheit. Er kam von der Mutter nicht los. 

Im 19. Lebensjahre heiratete seine Mutter kurz nach dem Tode seines Vaters einen 
zweiten Mann. Das scheint für ihn die Ursache einer vollkommenen Abkehr vom Weite 
geworden zu sein. Er hatte plötzlich einen unüberwindlichen Ekel vor allen Frauen, er 
haßte das weibliche Geschlecht und fülilte sich als „Homosexueller“, wie viele andere Ar¬ 
tisten. Allein, er hatte nie den Mut,-einen homosexuellen Akt auszuführon. Er begann 


*) Näeke führt den Exhibitionismus auf reichliche Onanie zurück, weil der Onanist 
angeblich die Scham vor seinem Körper verliere. Diese Hypothese ist mehr als fraglich. 
Bekanntlich zählen die meisten Onanisten zu den schamhaftesten Menschen, die jede 
Entblößung vor anderen verabscheuen, was selbstverständlich nicht ausschließt, daß Ex¬ 
hibitionisten auch Onanisten sein können, wie alle Sexual-Neurotiker, die ihre adäquate 
Befriedigung nur in der Phantasie finden können, wenn sie nicht mit der herrschenden 
Moral in Konflikt kommen wollen. 


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Zur Psychologie des Exhibitionismus. 


245 


für junge Buben zu schwärmen. Im Prater sah er einen jungen Akrobaten, in den er sich 
leidenschaftlich verliebte. In seinen Onanie-Phantasien spielte nun dieser junge Freund 
die größte Rolle. Dann folgten andere Knaben als Lustobjekte der Phantasie, ohne daß er 
sich einem je genähert hätte. 

Mit 20 Jahren erwachte in ihm wieder das heterosexuelle Begehren, aber es reizten 
ihn nur ganz junge Mädchen. Ein Mädchen mit 18 Jahren ist für ihn kein Sexualobjekt 
mehr. Sie ist bereits zu alt. Kinder zwischen 8 und 14 Jahren reizen ihn atn meisten, 
wenn er ihre nackten Füßchen, ihre Höschen sehen kann. Der Drang überkommt ihn bei 
der Arbeit und wird so übermächtig, daß er nicht widerstehen kann. Der ganze Vorfall 
spielt sich dann in einem traumartigen Zustand ab Der Kranke schildert 
seinen Zustand mit den Worten: 

„Ich sehe das Ungeheuerliche meiner Leidenschaft vollständig ein und bin der 
unglücklichste Mensch auf Gottes Erdboden, da ich kein Mittel weiß, mich von dieser un¬ 
glückseligen, furchtbaren Wahnidee zu befreien, und nur den einen Ausweg finden kann,' 
dieses verfehlte, verkehrte und verpfuschte Leben von Ynir zu schleudern. Ich habe oft die 
besten Vorsä Uze und nehme mir vor, nie wieder rückfällig zu werden, doch fallen alle 
guten Vorsätze in nichts zusammen, wenn ich z. B. auf der Gasse ein Mädchen nach 
meinem Geschmack (kurzes Kleid, Strümpfe, Höschen usw.) sehe. — Nachher bin ich 
wieder zu Tode unglücklich und bereue meine Tat, ich, der ich ein Mensch bin, der keinem 
Tier was zuleide tun kann und, ohne mich zu rühmen, keine schlechten Charaktereigen¬ 
schaften besitzt, was alle, die mich kennen, bezeugen. — Es lastet wie ein Fluch auf mir. 
Es ist mir diese Leidenschaft oft und oft ein großes Hindernis in kleinem Fortkommen 
gewesen, und könnte ich heute schon viel, viel weiter sein. — überall verfolgt mich der 
Wahn, selbst bei der Arbeit muß ich aufstehen und meinen Geist durch Onanie wieder be¬ 
ruhigen, wenn mich die obszönen Bilder umgaukeln. Das kommt fast jeden Tag 1—2mal 
vor. — Meine einzige Hoffnung ist Gott und die Wissenschaft, vielleicht werde ich doch 
noch Heilung finden und ein glückliches Leben beginnen können.“ 

Dieser Verzweiflungsschrei beweist uns, wie schwer der Kranke unter seinen Zwangs¬ 
impulsen leidet. Er will jedes Opfer bringen, um sich endgültig befreien zu lassen und 
stellt auch die Anfrage, ob eine Kastration ihn von dem Übel befreien könnte. 

Anamnestisch ist noch eine wichtige Tatsache nachzutragen. Er war 9 Jahre alt, 
als er mit mehreren Knaben und Mädchen in den Wald ging. Dort machte ein älteres 
Mädchen (11 Jahre) den Vorschlag, sie sollten sich alle entkleiden und sich die Genitalien 
zeigen. Er lief aber aus Scham davon, mußte aber noch oft an diese Szene denken. 

Überblicken wir die Krankengeschichte und versuchen wir au 
Hand der Tatsachen das psychologische Verständnis für die Ent¬ 
stehung des Exhibitionismus zu gewinnen. 

Sclirenk-Notzing 1 ) hat auf die infantilen Wurzeln dieser 
Paraphilie hingewiesen. In einem von ihm mitgeteilten Falle hat 
der* Kranke als Knabe an Kinderspielen teilgenommen, bei denen 
die Kinder mit entblößten Genitalien aneinander vorübergingen. 
Dabei ist eines zu bedenken. Wir hören solche Erlebnisse von den 
meisten analysierten Neurotikern. Unter Kindern sind exhibitio- 
nistische Akte die Regel und keine Ausnahme. Überläßt man Kin¬ 
der ihren Spielen ohne Aufsicht, so kommt es oft zu Entblößungen 
und gegenseitigem Betrachten der Genitalien. Trotzdem werden 
nicht alle diese Kinder Exhibitionisten, sondern nur ein kleiner 
Prozentsatz von ihnen zeigt jene bekannten exhibitionistisehen 
Tendenzen, die dem Kulturmenschen eigen sind. Dazu zählen das 
Dekolletieren der Frauen auf Bällen, das fleißige Besuchen von 
Luft- und Sonnenbädern, die Propaganda für Nacktkultur und ähn¬ 
liche mit der herrschenden Sitte vereinbare Vorgänge. Aber diese 
infantilen Spielereien erklären nicht den zwangartigen Drang zu 
exhibitionistisehen Akten, der doch mit großer Gefahr für die 
bürgerliche Existenz des Exhibitionierenden verbunden ist. 


i) Kriminalpsychologische und psychopaBiologische Studien. Leipzig 1902. 


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Wilhelm Stekel. 


Ich habe schon vor Jahren auf eine besondere psychologische 
Wurzel des Exhibitionismus aufmerksam gemacht. Es ist dies der 
Glaube an die Zaubergewalt^ der eigenen Erscheinung und beson¬ 
ders der Glajube an die Schönheit der eigenen Genitalien, die mau 
für unwiderstehlich hält'). 

„Der Exhibitionist glaubt an die Unwiderstehlichkeit und 
Zaubergewalt seiner körperlichen Reize. Damit verrät sich der 
Exhibitionismus als eine bestimmte Form des Narzißmus. Es ist 
der Durchbruch der starken Eigenliebe und eine Projektion der 
subjektiven Werturteile auf die Umgebung. Diese Überschätzung 
des eigenen Körpers erklärt uns die verschiedenen Liebeszauber 
und Beschwörungen, l>ei denen der handelnde Teil sich nackt zeigen 
muß.“ Und Freud fügte diesen Worten die Anmerkung hinzu: „Es 
erscheint mir wahrscheinlich, daß diese Zurückführung der Ex¬ 
hibition auf unbewußte narzißtische Motive auch zur Erklärung 
der apotropäischen Rolle der Entblößung im Leben der antiken 
Völker verwendet werden kann.“ Ich verwies auf eine Gerichts¬ 
szene, die sich in Venedig abspielte und von der „Frankfurter Zei¬ 
tung“ berichtet wurde. Eine als Zeugin vorgeladene Person ent¬ 
blößte sich plötzlich vor den Richtern, indem sie ausrief: „Schaut, 
meine Herren, wie schön ich bin.“ (Sie erhielt für diesen einer 
Phryne würdigen Akt eine Strafe von 6 Monaten Gefängnis . . .) 

Auch Havelock Ellis und Moll sprechen in ihrem „Hand¬ 
buch der Sexualwissenschaften“ im Kapitel über Exhibitionismus 
von der mächtigen Wirkung, die der Exhibitionist erzeugen will. 
Allerdings sie kommen der Wahrheit nur nahe, ohne sie zu er¬ 
kennen. Der Exhibitionist will eine mächtige Emotion erzeugen. 
Aber welche Emotion? Das erkennen sie nicht. Es ist die Emo¬ 
tion der Bewunderung. Wenn der Patient Garniers gierig ist, zu 
wissen, was die Leute von ihm denken, so lechzt er nach Bestäti¬ 
gung seiner Icliliebe. Ein anderer Patient Garniers, der seine ox- 
hibitionistisclien Akte in Kirchen zu vollziehen pflegte (was ver¬ 
hältnismäßig häufig ist — über die psychischen Wurzeln will, ich 
später reden —) sagte: „Ich beobachte die ,Wirkung auf die Gesich¬ 
ter* der Damen, denen ich mein Glied zeige. Ich wünsche zu sehen, 
daß sie eine hohe Freude ausdrücken. Ich wünsche in der Tat, daß 
sie gezwungen sein müssen, sich selbst zu sagen: Welchen Eindruck 
macht die .Natur, wenn man sie so sieht.“ 

Der Exhibitionist wünscht also Bewunderung zu erregen. 
Stanley Hall macht auf den Exhibitionismus als atavistischen 
Rest des Phalluskultus aufmerksam. Havelock Ellis und 
Moll fassen den Exhibitionismus als eine Art von Pseudo-Ata¬ 
vismus auf. „Es ist nicht ein wahres Auftauchen eines von den 
Vorfahren ererbten Instinktes, vielmehr wird der Exhibitionist 
durch eine Lähmung der höheren Gefühle, die sich im Zustande 
der Zivilisation entwickelt haben, auf eine geistige Stufe zurück¬ 
geschleudert, die der Mensch eines primitiven Zeitalters einnahm; 
und so bildet sich eine Grundlage dafür, daß die Triebe, die einer 


') Stekel, Zur Psychologie des Exhibitionismus. Xcntralbl. f. Psychoanalyse. I. U'11- 


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Zur Psychologie des Exhibitionismus. 247 


niederen Kulturstufe angeboren, wieder Wurzel fassen und sich 
entwickeln.“ 

Es handelt sich aber nicht um einen Atavismus, sondern um 
einen Infantilismus, der nach dem biogenetischen Grundgesetz 
allerdings wieder die Urzeit der Menschheit repräsentiert. Das Kind 
ist immer narzißtisch eingestellt und glaubt an seine Zauberkraft. 
Das Kind ist immer exhibitionistisch und erst die Erziehung über¬ 
windet diesen Exhibitionismus, indem sie dem Kinde die Scham 
anerzieht. Exhibitionismus ist eine Überwindung der Sehamschran- 
ken. Das Kind bestrebt sich in seinem ersten Forschen nach dem 
Ursprung der Kinder, die Genitalien der Erwachsenen zu sehen, 
wie Freud nachgewiesen hat. Im Anfall wird der Exhibitionist 
wieder zum Kinde und schätzt die Welt nach der infantilen Wäh¬ 
rung. Er glaubt der Umgebung einen großen Gefallen zu tun. 
Er wendet sich auch meistens an die Kinder, weil er im Anfalle 
selbst zum Kinde wird. 

Dieser Glaube an die Zauberkraft der eigenen Erscheinung 
. wird durch eine falsche Erziehung bestärkt. Wie oft hören Kinder, 
daß sie einzig schön, reizend, süß, herzig, zum Anbeißen usw. sind. 

Doch kehren wir zu unserem Patienten zurück. Wir finden in 
der Anamnese die Tatsache erwähnt, daß seine Stiefmutter über 
seinen Phallus lobende Bemerkungen machte. Er hätte einen wun¬ 
derschönen Penis. Sie pflanzte ihm die Bewunderung für das 
eigene Glied ein, sie verstärkte die ohnedies vorhandene infantile 
Neigung. (Man findet zahlreiche Neurotiker, die in ihre eigenen 
Gentalieu verliebt sind!) Überdies war er seit der Jugend ein 
Zauberer und glaubte an die Möglichkeit des Zauberns. Er ist von 
Beruf Taschenspieler, geht immer darauf hinaus, die Leute zu ver¬ 
blüffen und glauben zu machen, daß er sich im Besitze höherer 
Geisteskräfte befindet. 

Er will die Umgebung mit seinem Phallus bezaubern, er will 
ihnen das Objekt seiner Selbstliebe zeigen. Er benimmt sich wie 
König Kandaules in Hebbels „Gyges und sein Ring“. Was nützt 
dem König die Schönheit des Weibes, wenn ihn kein Mensch darum 
beneiden kann? Er will um sein Weib beneidet werden. Unser 
Patient will um seinen Penis oder um einen andern Körperteil, in 
den er selbst verliebt ist, beneidet werden. 

Der entblößte Körperteil ist immer die stärkste erogene Zorn* 
des Exhibitionisten. Glaubt er an die Schönheit und die Zauber¬ 
gewalt seines Gliedes, so wird er das Glied entblößen. Es kommt 
aber auch vor, daß andere Körperteile entblößt werden. Ich ver¬ 
weise nur auf das berühmte Beispiel von Jean J.aques Rousseau, 
dessen Nates offenbar eine stark betonte erogene Zone waren. 
Das beweist der Umstand, daß er beim Schlagen durch seine Leh¬ 
rerin außerordentliche Lustempfindungen durchmachte. Seine 
Exhibition betrifft auch nur die Nates. Er berichtet, daß er in 
Alleen und abgelegenen Orten seinem Exhibitionismus frönte. 
Was die weiblichen Personen zu sehen bekamen, „war nicht der 
unzüchtige Gegenstand, an den dachte ich nicht einmal, der lächer¬ 
liche war’s. Das törichte Vergnügen, ihn zu zeigen, war unbe¬ 
schreiblich. Nur noch einen Schritt weiter und mir wäre die er- 


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Wilhelm Stekel. 


sehnte Behandlung zu teil geworden. Denn zweifellos - hätte irgend¬ 
eine Beherzte im Vorübergehen mir das Vergnügen bereitet, wenn 
ich den Mut gehabt hätte, abzuwarten.“ 

Man kennt aus seinen Geständnissen die schwere Verlegenheit, 
in die ihn sein Exhibitionismus in Turin brachte, wo er nur durch 
Flehen und Jammern und Verstellung den Polizisten erweichte, 60 
daß er ihn laufen ließ. 

Wie' ich an anderer Stelle ausführen werde, hängt die bei 
Rousseau ausgebrochene Paranoia mit seiner latenten Homosexuali¬ 
tät zusammen, von der die Betonung der Nates und des Afters als 
erogene Zone nur die organische Grundlage darstellt. Was uns 
in diesem Falle interessiert, ist die Wiederholung des Eindruckes, 
den Rousseau suchte. Bei seiner Erzieherin hatte er zuerst bei 
Schlägen auf die Nates Lust empfunden. Dieser ersten Lust jagt 
er nun nach. Interessant ist auch, daß dieser körperliche Exhibi¬ 
tionist seine „Geständnisse“ schrieb und so auch ein Beispiel von 
„psychischem Exhibitionismus“ zeigte, den ich als eine Wurzel des 
dichterischen Schaffens und der Schauspielkunst auffasse l ). 

Hervorzuheben wäre also der infantile Charakter der Exhibi¬ 
tion. Es ist kein Zufall, daß sich die meisten Exhibitionen vor 
Kindern vollziehen. Jedes Kind ist im gewissen Sinne Exhibitio¬ 
nist. Im Exhibitionismus haben wir nur einen Teil jener weit¬ 
verbreiteten Abweichung des Geschlechtstriebes zu sehen, den ich 
als „psychosexueilen Infantiliämus“ bezeichne. Infantil ist auch 
die Befriedigung durch die Onanie. Auch Burgl, der genaue 
Kenner dieser Materie betont, daß unzüchtige Berührungen und 
Notzuchtsakte selten sind. Es handelt sich meistens um Entblößun¬ 
gen beim Urinieren. Das ist der häufigste und ungefährlichste Ex¬ 
hibitionismus. Der Kranke verrichtet seine kleine Notdurft und 
wendet sich plötzlich um, wenn Kinder oder Frauen kommen. Er 
kann sich vor dem Gerichte dann mit Zerstreutheit oder Unauf¬ 
merksamkeit entschuldigen. Auch die während der Exhibition und 
nachher stattfindende Onanie zeigt typisch einen infantilen Cha¬ 
rakter. 

Für die Onanie habe ich das Charakteristische in der mit ihr 
verknüpften Phantasie nachgewiesen 2 ). Diese Phantasie stammt 
meistens aus der Kindheit und wiederholt eine in der Kindheit 
stattgefundene Szene oder eine in der Kindheit phantasierte Situa¬ 
tion, die für den Kranken Realitätswert hat. Die Neurose habe ich 
als den Zustand definiert, in dem zeitweilig die Grenzen zwischen 
Realität und Phantasie verschwimmen. Der Neurotiker steht 
unter der Herrschaft der Symbolismen. Es handelt sich beim 
Neurotiker immer um die Fähigkeit, sich in Wachträumen Phan¬ 
tasien hinzugeben, die für ihn den Affektwert der Realität erhalten. 

Er jagt einem Eindruck aus der Vergangenheit nach und trach¬ 
tet, ihn wieder zu erleben. So erklärt sich das Traumhafte des Zu¬ 
standes der Exhibition, das alle Beobachter, besonders aber Krafft- 


l ) Stekel, Dichtung und Neurose. Bausteine zur Psychologie des Künstlers und des 
Kunstwerkes. Grenzfragen des „Nerven- und Seelenlebens. J. F. Bergmann. Wiesbaden. 
*) Stekel, Onanie und Homosexualität. Urban & Schwarzenberg. 1918. 


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Zur Psychologie des Exhibitionismus. 249 


Ebing betonen. Er erlebt einen Wachtraum. Wir müssen uns ver¬ 
stellen, daß in seiner Seele ein fortwährender Kampf zwischen Re¬ 
alität und Phantasie vor sich geht. Jede Lust verlangt Wieder¬ 
holung. Der Neurotiker wird zum Schauspieler, der sich schlie߬ 
lich die gewünschte Szene mit vertauschten Rollen vorspielt. Der 
Impuls ist also der erotische Imperativ der Vergangenheit, was 
Nietzsche so schön ausgedrückt hat: „Jede Lust will Ewigkeit, will 
tiefe, tiefe Ewigkeit.“ 

Alle diese Kranken, die von dunklen Impulsen getrieben wer¬ 
den, immer wieder suchen und schließlich einen kriminellen Akt 
gehen, die Exhibitionisten, die Kleptomanen, die Pyromanen, die 
Frotteurs, die Zopfabsehneider, die Urolagnisten und Reniffleurs, 
sie laufen einem infantilen Eindrücke nach. Sie werden in dem 
Anfalle wieder zu Kindern und benehmen sich läppisch und wie 
kleine Kinder. Sie handeln in einem Traumzustande, aus dem sie 
dann mit Schrecken, Reue und Bestürzung wieder erwachen, wenn 
ihnen die grausame Realität die Lächerlichkeit ihres Beginnens vor 
.Augen führt. 

Es handelt sich also um eine Wach- Halluzina¬ 
tion, der durch einen „Fetzen Realität“ ein starker 
(t egen wartswert gegeben wird. 

.Auch der epileptische Anfall ist eine Halluzination, in der 
eine dem Bewußtsein unerträgliche Szene im Schlafe absolviert 
wird. Ich habe in meiner Arbeit „Die psychische Behandlung der 
Epilepsie“ 1 ) darauf hingewiesen, daß die wenigsten Fälle von Epi¬ 
lepsie organisch begründet sind, sondern daß es sich um die Be¬ 
wältigung eines kriminellen Impulses im Schlafe handelt. Zahl¬ 
reiche Analysen von Epileptikern haben mich von der Richtigkeit 
dieser Anschauung überzeugt. Auch die praktischen Erfolge sind 
sehr zufriedenstellende. Dieses Verbrechen, das der Epileptiker wie 
der Hysteriker im Anfall durchlebt, ist meistens ein Sexualver¬ 
brechen. (So halte ich dafür, daß Dostojewski, der bekanntlich Epi¬ 
leptiker war, im Anfalle die sadistische Schändung eines Kindes 
vornahm. Zahlreiche Stellen aus seinen Werken sprechen für diese 
Hypothese. In seinem Nachlasse fand man ,eine so realistische 
Schilderung einer solchen Szene, daß die Herausgeber noch immer 
zögern, sie der Öffentlichkeit zu übergeben.) 

Die Verwandtschaft zwischen Epilepsie und Exhibitionismus 
ist naheliegend. Es sind zwei Ausdrucksformen eines und des¬ 
selben Leidens. Der Epileptiker entzieht sich der Realität und 
erlebt seine Szene in der Phantasie eines Anfalles. Der Exhibitio- 
*nist versucht die Szene in der Realität zu erleben, wobei er — wie 
wir bald nachweisen werden — die Rollen vertauscht und einen 
Szenenwechsel vornimmt. Er stellt sich psychische Kulissen für 
eine alte Szene, die er unbedingt wieder erleben will. Das gleiche 
gilt auch für den Fetischisten 2 ). 


*) Aufgenommen in die Auflage der „Nervösen Angstzustände“. Urban & Schwar¬ 
zenberg. 

2 ) Stekel, „Zur Psychologie des Fetischismus". Zentralbl. f. Psychoanalyse. III. Bd. 


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Wilhelm Stekel. 


Versuchen wir nun diese Erkenntnisse an Hand des publizier¬ 
ten Falles zu erweitern. Unser Kranker erlebte eine Verführungs- 
szene durch die Stiefmutter. Dieser Szene gingen schon zwei Jahre 
vorher Entblößungen der Mutter vor sich, die sich in ganz scham¬ 
loser Weise vor dem Knaben nackt zeigte, um ihn zu reizen und 
die später durchgeführte Szene vorzubereiten. Mit diesem Erleb¬ 
nisse war das Schicksal unseres Kranken besiegelt. Er war für 
alle Zeiten an seine Stiefmutter fixiert. Er gesteht es ja selbst, daß 
er beim Militär keine Frauenbekanntschaften suchte, weil ihm das 
Bild seiner Mutter vorschwebte. Nachdem sie sich wieder verhei¬ 
ratet hatte, wurde er so von Eifersucht und Empörung übermannt, 
daß er alle Frauen zu hassen begann. Es setzte seine homosexuelle 
Periode ein. Ich habe in meinem Buche über Homosexualität nach¬ 
gewiesen, daß die Homosexualität immer auf psychische Weise zu- 
stand kommt. Unser Patient war auf dem richtigen Wege, ein 
Homosexueller zu werden. Er unterscheidet sich von anderen Homo¬ 
sexuellen nur dadurch, daß bei ihnen die traumatischen Erlebnisse 
und pathologischen Einstellungen weit in der Kindheit zurück¬ 
liegen und nicht mehr bewußt werden. Sie sind „verdrängt“, um 
mit Freud zu sprechen, während er seine Traumen in der Pubertät 
erlebte. Allein schon in der homosexuellen Periode setzte seine 
Schauspielerei ein. Er wiederholte nur die traumatischen Erleb¬ 
nisse mit der Mutter. Der Knabe, in den er sich verliebte, wurde 
ihm ein Bild seiner eigenen Jugend und er reservierte sich die 
Rolle der Mutter. Er spielte das Erlebnis mit verkehrten Rollen. 
Er war die Mutter und der geliebte Knabe war sein Spiegelbild. 
Allein hoch immer waren die Hemmungen stärker als sein Drang 
zum Erleben (wozu die Onanie beigetragen hat, denn er lebte sich 
in der Onanie aus). Ich habe die wichtige Rolle der Onanie als 
Schutz der Gesellschaft vor dem Sittlichbeitsverbrecher in meinem 
Buche betont. Auch dieser Fall beweist die Richtigkeit meiner 
Anschauung. Er gibt zu, daß er begonnen hatte gegen die Onanie 
zu kämpfen und längere Perioden der Abstinenz hatte. Der erste 
Anfall von Exhibition schloß sich an eine zwei¬ 
monatliche Abstinenz-Periode an und endete mit 
einem zu Hause ausgeführten onan istischeu Akt, 
in dem immer wieder die Szene mit der Mutter — 
allerdings oft in verschleierter Form — Wieder¬ 
kehr t. 

Später kämpfte er gegen seine homosexuellen Tendenzen, die 
ihm als etwas Krankhaftes sehr peinlich waren. Er wandte sich 
Mädchen zu, wobei die Szene nun in vollkommener Geschlechts¬ 
verkehrung gespielt wurde. Er, der Mann, repräsentierte di? 
Mutter, während die kleinen Mädchen ihn als ltnaben darstellten. 
Er identifizierte sich mit der Mutter und das Mädchen mit seinem 
eigenen infantilen Bilde. 

Nie wird ein Forscher einen Neurotiker verstehen können, 
wenn er die Geheimnisse der Identifizierung und Differenzieruni? 
nicht kennt. Alle Homosexuellen spielen solche Szenen, wobei sie 
die verschiedensten Rollen übernehmen und dem Partner zuweisen 
können. 


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Zur Psychologie des Exhibitionismus. 


251 


Wir sehen also, daß unser Kranker immer wieder die Szene 
aus der Kindheit wiederholt und sich sein Exhibitionismus voll¬ 
kommen aus dem traumatischen Erlebnis und seinen Folgen er¬ 
klären läßt. 

Nun könnte man den Fall für eine krasse Ausnahme halten. 
Er ist es nach meinen Erfahrungen keineswegs. Je tiefer ich in 
die Psyche und die Vergangenheit des Neurotikers eindringe, desto 
häufiger stoße ich auf grobe Erziehungsfehler der Eltern und auf 
wirkliche inzestuöse Akte. Bei pathologischen Eltern, bei Trin¬ 
kern und überhaupt bei psychopathischen Minderwertigkeiten 
kommen solche Akte vor, was eine arge Belastung durch das Milieu 
ergibt, welche noch schwerer ist als die erblicke Belastung. Bei¬ 
spiele will ich später noch bringen. Wer die Krankengeschichten 
von Exhibitionisten durchstudiert, wird immer weder auf Einzel¬ 
heiten stoßen, welche ihm die Beziehungen zu inzestuösen Begeben¬ 
heiten verraten. Es müssen nicht immer Erlebnisse der frühen 
Jugend sein, wie unser Fall beweist, welcher eigentlich ein Puber- 
tätstrauma darstellt. Wenn aber Merzbach in einem Gutachten 
(Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes, Wien und 
Leipzig, Alfred Holder, 1909, S. 339) berichtet, daß der erste ex- 
hibitionistische Anfall am ersten Todestage der Mutter aufgetreten 
sei, so gibt unsere Erfahrung uns die Berechtigung, eine Bezie¬ 
hung zwischen Exhibition und Mutter herzustellen. Ein Patient 
Molls berichtet, daß der erste Drang zur Exhibition im fünften 
Lebensjahre auf trat, als er vor einem Familienbilde sitzend (!) den 
Drang gefühlt habe, die Genitalien zu entblößen. In der Ehe war 
der Drang zur Exhibition nicht vorhanden. Später aber, beson¬ 
ders dann, wenn die Frau den Verkehr mit ihm ablehnte, sei er 
immer wieder aufgetreten, besonders da seine Frau ihn mit sehr 
häßlichen Redensarten bei dem Koitusversuch anfuhr (Merzbach, 
S. 337). 

Diese Erfahrung läßt sich immer machen. Infantilismen 
treten wieder auf, wenn die aktuelle Form der Be¬ 
friedigung verhindert wird oder sogar unlust¬ 
betont erscheint. Die Zurücksetzung durch die Frau führte 
zu einer „Regression auf infantile Lustquellen“, eine 
Erscheinung, welche die Franzosen als „Retonr ä l’enfance“ l>e- 
zeichnen und die sich bis zur vollkommenen Verkindlichung stei¬ 
gern kann. Der Neurotiker flieht aus der unlustbetonten Gegen¬ 
wart (Realität) in die lustbetonte Vergangenheit (Phantasie). 

Der Drang aber, diese Phantasie wirklich zu erleben, führt 
zum aktiven Exhibitionismus. Wir können in diesen Akten den 
Typus einer Zwangshandlung sehen, wie ich sie für die Klepto¬ 
manie nachgewiesen habe *). Erinnern wir uns jetzt meiner De¬ 
finition der Zwangsvorstellungen: „Jede Zwangsvorstellung entsteht 
durch Verdrängung einer dein Bewußtsein unangenehmen Vor- 

*) Stekel, Die sexuelle Wurzel der Kleptomanie. Zeitschr. f. Sexualwisscnseli. 1!K)S. 
Nr. 10. Auch beim Kleptomanen handelt es sich um eine Alfektvcrschiebung. Er hat den 
Drang, etwas Verbotenes zu tun (meist bei Frauen, etwas Verbotenes in die Hand zu 
nehmen). Es ist eine ausgesprochene Ersatzhandlung für eine andere, die einem noch 
strengeren Veto unterliegt (Otto Groll). 


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252 


Wilhelm Stekel. 


Stellung und durch Übertragung des freigewordenen Affektes auf 
eine andere, scheinbar weniger peinliche Vorstellung.“ 

Für Zwangshandlungen hat dann die Formel zu gelten: 
„Zwangshandlungen sind der Ersatz für andere an¬ 
gestrebte Handlungen, die einem strengen Ver¬ 
bote des moralischen Ich unterliegen. Der Affekt 
der aus dem Bewußtsein v